Das  Blindenunterrichtswesen  im  Deutschen  Reich.  4,31

kein  Zweifel  mehr  —  soll  den  Blinden  befähigen,  durch  Ausübung
eines  Berufes  sich  den  Lebensunterhalt  zu  schaffen  und  somit  wirtschaftlich
  selbständig  zu  werden.  Für  die  große  Mehrzahl  der  Zöglinge
hat  sich  als  der  sicherste  Weg  dazu  die  gründliche  Ausbildung  in
einem  Handwerk  erwiesen.

33.  Handwerk.  Die  sogenannten  weiblichen  Handarbeiten
(Stricken  und  Häkeln,  auch  wohl  Nähen)  werden  zwar  in  allen  Anstalten
getrieben;  doch  ist  der  dadurch  erzielte  Gewinn  namentlich  in  Norddeutschland
  vielfach  so  gering,  daß  die  Übung  dieser  Dinge  nur  ein
Nebenfach  bildet  und  hauptsächlich  den  Zweck  hat,  die  Mädchen  zu
befähigen,  sich  ihre  eigne  Kleidung  in  Ordnung  zu  halten.  Ebenso
finden  wir  überall  den  Betrieb  der  Stuhl-  und  Mattenflechterei,
die  etwas  mehr  abwirft  und  den  Mädchen  und  schwächeren  Arbeitern
zugewiesen  wird.

Von  entscheidender  Bedeutung  sind  die  Korbmacherei,  die
Seilerei  und  die  Bürstenbinderei  nebst  Pecherei.  In  der  Korbmacherei
  werden  meistens,  in  der  Seilerei  fast  ausschließlich  männliche
Blinde  ausgebildet,  in  der  Bürstenbinderei  mehr  die  weiblichen  Zöglinge;
doch  haben  die  süddeutschen  Anstalten  den  Seilereibetrieb  nicht,  der
übrigens  auch  in  einigen  norddeutschen  Anstalten  fehlt.

Dagegen  wird  in  einigen  Anstalten  neuerdings  das  Maschinenstricken,
  vereinzelt  auch  das  Maschinennähen  gelehrt,  in  Baden
noch  das  Weben  auf  dem  Webeapparat  „Eugenia“.  —  5  Anstalten
bilden  einzelne  Zöglinge  im  Drucken  von  Punktschriftbüchern  aus.
An  einer  Stelle  —  in  Leipzig  —  hat  ein  Arzt  mehrere  Blinde  mit
Erfolg  in  der  Massage  unterwiesen.

34.  Die  Musik  als  Erwerbsfach.  Auch  die  Musik  kommt
als  Erwerbsfach  nur  für  einzelne  hervorragend  begabte  Zöglinge  in
Frage,  die  teils  zu  Klavierstimmern,  teils  zu  Organisten  und  Musiklehrern
  herangebildet  werden.  Doch  selbst  diese  Zöglinge  erlernen
in  manchen  Anstalten  gewisse  Handarbeiten,  um  nicht  ausschließlich
auf  die  Musik  angewiesen  zu  sein.  Denn  es  hält  besonders  im
evangelischen  Norddeutschland,  wo  die  Organistenstellen  häufig  von
Lehrern  verwaltet  werden,  sehr  schwer,  einen  Blinden,  sei  er  auch
noch  so  tüchtig,  auf  diesem  Wege  zu  Amt  und  Brot  zu  bringen.
Günstiger  liegen  die  Verhältnisse  für  die  Klavierstimmer,  von  denen
nicht  wenige  später  in  Fabriken,  andere  durch  Privatkundschaft  ihr
Auskommen  finden.

35.  Höhere  Bildung.  Die  erdrückende  Konkurrenz  der
Sehenden  auf  musikalischem  und  wissenschaftlichem  Gebiet  hat  die