Das  Blindenunterrichtswesen  im  Deutschen  Reich.  433

der  im  Durchschnitt  zu  einer  Höhe  von  200-300  M.  anwächst  und
zur  ersten  Ausrüstung  bei  dem  Eintritt  des  Blinden  in  das  Erwerbsleben
  verwendet  wird.

Erwerbsfähig  können  die  Zöglinge  jedoch  nur  dann  werden  und
bleiben,  wenn  die  gefertigten  Waren  hinreichenden  Absatz  finden
und  es  auch  den  Entlassenen  nicht  an  Arbeitsaufträgen  fehlt.  Daher
finden  wir  in  jeder  Anstalt  eine  Verkaufsstelle  für  Blindenarbeiten,
zuweilen  auch  besondere  Ladengeschäfte  außerhalb  der  Anstalt  an
verkehrsreichen  Plätzen.  Die  Anstaltsleiter  richten  auf  diesen  ungemein
  wichtigen  Punkt  ihre  ganze  Kraft  hin  und  scheuen  keine
Mühe,  den  Geschäftsbetrieb,  der  unter  dem  Submissionswesen,  der
Gefangenenbeschäftigung  und  der  Erwerbstätigkeit  der  Arbeiterkolonien
  oft  schwer  leidet,  nachhaltig  zu  fördern.  So  betrug  der
Wert  der  im  letzten  Jahre  in  den  deutschen  Blindenanstalten  verkauften
  Blindenarbeiten  im  ganzen  rund  %0  000  M.

37.  Das  Lehr-  und  Beamtenpersonal.  Die  Blindenbildungsanstalten
  besitzen  zur  Lösung  ihrer  umfangreichen  Aufgabe  ein  unter
einheitlicher  Leitung  stehendes  erprobtes  Lehr-  und  Beamten-Personal.
  Die  Vorsteher  sind  mit  verschwindenden  Ausnahmen
pädagogisch  gebildete,  aus  dem  V  olksschullehrerstande  hervorgegangene
Männer,  die  von  der  Pike  auf  gedient  und  sich  zu  ihrem  verantwortungsvollen,
  arbeitsreichen  Amte  durch  theoretisch  -  praktische
Studien  und  wiederholte  Informationsreisen  vorbereitet  haben.

Unter  den  vollbeschäftigten  Lehrkräften  finden  sich  nahezu
drei  mal  so  viel  Lehrer  als  Lehrerinnen.  Auch  Blinde  sind,  wie  die
Gesamtübersicht  zsigt,  unterrichtlich  tätig,  besonders  in  den  musikalıschen
  Fächern  und  auf  dem  Gebiet  der  Handfertigkeit,  doch  fast
ausschließlich  als  Hilfskräfte  und  in  kleinen  Abteilungen  oder  im
Einzelunterricht,  wo  die  Disziplin  leichter  zu  handhaben  ist.  Denn
man  kann  sich  der  Überzeugung  nicht  verschließen,  daß  die  Erziehung
  der  Blinden  sehende  Augen  erfordert.  Nichtsdestoweniger
treffen  wir  in  Süddeutschland  auch  einen  sehr  verdienten  nichtsehenden
  Anstaltsleiter,  dem  jedoch  eine  umsichtige  sehende  Gattin  zur
Seite  steht.

38.  Vorbereitung  und  Hilfsmittel.  Besondere  Prüfungen
für  Lehrer  und  Vorsteher  an  Blindenanstalten  werden  fast  allseitig
gewünscht,  sind  aber  noch  nicht  eingeführt.  Dagegen  hat  das
preußische  Unterrichtsministerrium  schon  vor  17  Jahren  bei  der  Königlichen
  Blindenanstalt  in  Steglitz  ein-  bis  zweijährige  Vorbereitungskurse
  zur  Ausbildung  von  Blindenlehrern  auf  Staatskosten  ins

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