6  Wohlfahrtseinrichtungen.

der  untersten  Elementarklasse  zu,  ohne  auch  nur  die  Anfangsgründe
des  Lesens,  Schreibens  und  Rechnens  begriffen  zu  haben.  Wenn  sie
dann  trotz  voller  Erfüllung  ihrer  Schulpflicht  als  Illiteraten  ins  Leben
hinaustraten,  hatten  sie  durch  den  langen  Müßiggang  und  die  Demütigungen
  der  Schule  gewöhnlich  auch  das  geringe  Maß  von
geistiger  Regsamkeit  und  Spannkraft  des  Willens  verloren,  das  sie,
ihren  Anlagen  gemäß,  hätten  entwickeln  können.  Sie  blieben  das,
was  sie  in  der  Schule  gewesen  waren,  jetzt  auch  im  öffentlichen
Leben:  ein  nutzloser  Ballast  für  die  menschliche  Gesellschaft.  Sie
waren  größtenteils  völlig  erwerbsunfähig  und  vermehrten,  wofern  sie
von  ihrer  Familie  nicht  dauernd  unterhalten  werden  konnten,  die  Zahl
der  Ortsarmen,  der  Almosenempfänger.

In  vielen  Fällen  gestaltete  sich  allerdings  ihr  Schicksal  noch  viel
trauriger.  Es  ist  durch  die  Untersuchungen  der  modernen  Psychiatrie
zweifellos  erwiesen,  daß  ein  außerordentlich  hoher  Prozentsatz  der
Verbrecher  und  Prostituierten  aus  geistig  Minderwertigen  besteht.

Aus  dieser  Sachlage  erwuchs  den  deutschen  Pädagogen  die
Aufgabe,  den  Versuch  zu  machen,  diese  unglücklichen  Kinder  der
bürgerlichen  Gesellschaft  zu  erhalten  und  Schuleinrichtungen  und
Methoden  des  Unterrichts  zu  schaffen,  welche  geeignet  wären,  diese
vernachlässigten  Geschöpfe  zu  erwerbsfähigen  und  brauchbaren  und
in  gewissem  Sinne  sogar  zu  nützlichen  und  selbständigen  Mitgliedern
der  menschlichen  Gesellschaft  zu  machen.  Dieses  ist  das  Ziel,  welches
in  unseren  Hilfsschulen  mit  Bewußtsein  verfolgt  und  in  einer  großen
Zahl  von  Fällen  auch  wirklich  erreicht  wird.

Unter  den  Städten  Deutschlands  gebührt  Dresden  der  Ruhm,
zuerst  Schuleinrichtungen  für  diese  Klasse  der  Schwachen  getroffen
zu  haben.  Am  16.  September  1867  wurde  in  Dresden-Altstadt  die
erste  Nachhilfsklasse  mit  16  schwachsinnigen  Kindern  eröflnet.  Diese
Klasse  war  der  Keim,  aus  welchem  sich  ein  ganz  neues  Gebiet  der
Pädagogik  entwickeln  solltee  Dem  Vorgange  Dresdens  mit  der  Einrichtung
  von  Hilfsklassen  oder  Hilfsschulen  für  schwachsinnige  Kinder
folgten:  Gera  1874,  Apolda  1877,  Elberfeld  1879,  Braunschweig  1880,
Leipzig  1881,  Halberstadt  1883,  Königsberg  i.  Pr.  1885,  Cöln  a.Rh.
1886,  Frankfurt  a.  M.  und  Düsseldorf  1888,  Altona  1889,  Erfurt  18%,
Hannover,  Breslau  und  Magdeburg  1892,  Görlitz,  Nordhausen  und
Charlottenburg  1893  usw.  Die  erste  Statistik  über  den  Umfang
dieses  neuen  Unterrichtszweiges  in  Deutschland  wurde  verhältnismäßig
spät  durch  den  um  den  Unterricht  für  schwachsinnige  Kinder  hochverdienten
  I.ehrer  Kielhorn  in  Braunschweig  im  Jahre  1894  aufge-