22  -  Wohlfahrtseinrichtungen.

leisteten  Beiträge,  und  so  war  es  schon  im  Jahre  18%  möglich,  die
Anstalt  zu  eröffnen.  Die  erzielten  Erfolge  waren  bei  denjenigen
Schülerinnen,  welche  mit  Ernst  und  Eifer  die  Kurse  besuchten,  sehr
befriedigend,  wie  dies  auch  wiederholt  von  den  Angehörigen  der
Schülerinnen  anerkannt  wurde.  Trotzdem  mußte  man  aber  bald  die
später  in  vielen  anderen  Orten  mit  derartigen  Anstalten  bestätigte
traurige  Erfahrung  machen,  daß,  als  die  Sache  den  Reiz  der  Neuheit
verlor,  der  Besuch  immer  unregelmäßiger  und  die  Zahl  der  Anmeldungen
  immer  geringer  wurde.  Der  Volksbildungsverein  entschloß
  sich  deshalb  Anfang  1894,  seine  Haushaltungsschule  eingehen
zu  lassen.

Daß  durch  diesen  Mißerfolg  kein  Beweis  gegen  die  Notwendigkeit
des  Haushaltungsunterrichts  erbracht  war,  sah  man  wohl  ein,  und  so
wurde,  als  die  Auflösung  der  Haushaltungsschule  in  Aussicht  stand,
der  Antrag  an  die  städtischen  Behörden  gerichtet,  den  Haushaltungsunterricht
  versuchsweise  als  Lehrgegenstand  für  die  oberste  Klasse
der  Volksschule  einzuführen.

Diesem  Antrag  wurde  Folge  gegeben.  Es  wurde  in  der  früheren
Pedellenwohnung  im  Kellergeschoß  einer  Mädchen-Volksschule  eine
Lehrküche  mit  6  vollständigen  Kücheneinrichtungen  (Kochherd,  zugehöriges
  Koch-  und  Eßgeschirr  usw.)  nebst  Wasch-  und  Spülraum
hergerichtet,  sodaß  gleichzeitig  je  ©  Gruppen  zu  4  Mädchen  von  einer
besonders  als  Haushaltungslehrerin  ausgebildeten  städtischen  Handarbeitslehrerin
  unterrichtet  werden  konnten.  Von  der  50  Köpfe
starken  Oberklasse  der  betreffenden  Schule  wurden  die  eine  Hälfte
am  Mittwoch,  die  andere  am  Samstag  nachmittag  (außerhalb  der
Unterrichtszeit  der  Volksschule)  zugelassen.  Die  Mädchen  wurden
über  Nährwert,  Marktpreis,  Einkauf  und  Aufbewahrung  der  Lebensmittel,
  über  die  Auswahl  und  Zubereitung  der  Speisen  für  Gesunde
und  Kranke  belehrt,  in  der  Führung  eines  Wirtschaftsbuches,  im
Kochen,  Waschen,  Scheuern  und  Putzen  praktisch  unterwiesen.

Nach  dem  amtlichen  Berichte  des  städtischen  Schulinspektors
gelang  dieser  Versuch  über  Erwarten  gut.  Von  den  50  Schülerinnen,
welche  freiwillig  in  den  Unterricht  eintraten,  trat  keine  einzige  aus,
und  keine  versäumte  ohne  dringendste  Not  eine  Uhnterrichtsstunde.
Schulmänner  und  Schulfreunde,  Vertreter  der  Königlichen  Regierung
und  des  Unterrichtsministeriums,  welche  die  Anstalt  besichtigten,
sprachen  ihre  lebhafte  Befriedigung  über  die  zweckmäßige  Anlage
und  Ausstattung  der  Lehrküche  wie  über  die  Leitung  des  Betriebes
aus.  Noch  bedeutsamer  und  förderlicher  für  die  Sache  war  die  bei-