48  Wohlfahrtseinrichtungen.

Zeit  der  Sommerferien,  d.  h.  meist  auf  5  Wochen  im  ganzen  Jahre,
beschränkt.

Daß  dieser  mehrwöchentliche  Aufenthalt  der  Stadtkinder  in
schöner,  ländlicher  Umgebung  bei  guter  Kost  neben  den  hygienischen
auch  regelmäßig  wertvolle  erziehliche  Erfolge  mit  sich  bringt,  bedarf
keines  Beweises.  Der  Gesichtskreis  der  Kinder  erweitert  sich  durch
die  täglich  sich  mehrende  Kenntnis  von  der  Arbeit  des  Landmannes,
des  Försters,  durch  den  Anblick  eigenartiger  Gebäude  und  Anlagen,
durch  die  Bekanntschaft  mit  den  Haustieren,  dem  Leben  des  Waldes,
der  Wiese,  der  Gewässer.  Sonne  und  Mond  und  die  Sterne  des
Himmels,  Morgenrot  und  Abendrot,  Regen  und  Sturmwind,  welche
in  dem  Rauch  und  Lärm  der  Großstadt  völlig  ohne  Eindruck  auf
das  kindliche  Gemüt  geblieben  waren,  gewinnen  hier  eine  tiefe  Bedeutung
  und  befruchten  die  religiösen  Anlagen  der  jungen  Seelen
mit  neuen  Vorstellungen  von  der  Allmacht  des  Schöpfers.  Schließlich
muß  auch  die  Liebe,  welche  den  blassen  Stadtkindern  allerorts  von
der  Landbevölkerung  entgegengebracht  wird,  Gegenliebe  erwecken
und  das  Gefühl  für  die  Zusammengehörigkeit  jener  großen  Gruppen
des  Volkskörpers  in  den  Städten  und  auf  dem  Lande,  welche  sich
in  unseren  Tagen  nur  zu  oft  aus  Unkenntnis  mißverstehen  und  anfeinden.


Wie  sich  das  Leben  in  der  Ferienkolonie  abspielt,  ist  von  dem
Führer  einer  solchen,  dem  Lehrer  H.  Wust  in  Leipzig,  seiner  Zeit  im
Leipziger  Tageblatt  anschaulich  geschildert  worden.  Es  handelt  sich
um  die  20.  Leipziger  Kolonie  in  Friedrichsgrün,  im  Quellengebiete
der  Zwickauer  Mulde.  Wir  entnehmen  seiner  Darstellung  die  folgenden
Ausführungen:

„Die  Knaben  einer  Ferienkolonie  sind  ohne  Ausnahme  schwächliche,
  bleiche,  blutarme  Kindergestalten,  die,  kinderreichen  Familien
angehörend,  ihre  oft  freudenleere  Jugend  in  den  dichtbewohnten
Mietskasernen  der  Vororte  zubringen  müssen,  vielfach  umgeben  von
dem  Lärme  und  Getriebe  der  Fabriken,  wo  in  weiten  Sälen  die
Kolben  zucken  und  die  Räder  sausen.  Wie  wohl  ist  ihnen  jetzt,  daß
sie  auf  einige  Wochen  der  schwülen  Atmosphäre  und  dem  Lärm  der
Großstadt  entrückt  sind  und  mit  Lust  die  frische,  reine  Gebirgsluft
einatmen  können.  Wie  oft  habe  ich  schon  aus  Kindermund  den
Ausruf  hören  können:  ‚Wie  schön  ist's  hier!  Könnten  wir  doch  immer
dableiben!“  Kaum  hat  die  frohe  Kinderschar  am  Morgen  an  der  wohlschmeckenden
  Milch  sich  gelabt  und  die  Butterbemmen  gepackt,  dann
geht’s  fort  mit  ihr  hinaus  in  Gottes  freie  Natur.  Mit  welcher  Freude