72  Wohlfahrtseinrichtungen.

Behandlung  der  Zähne  geschieht  vollständig  unentgeltlich;  die  Untersuchung
  wird  an  jedem  Wochentage  mit  Ausnahme  des  (in  Strafsburg
  schulfreien)  Donnerstags  an  40  bis  60  Kindern  in  der  Schulzahnklinik,
  wohin  dieselben  klassenweise  geführt  werden,  vorgenommen.
  Zur  Fixierung  der  gewonnenen  Beobachtungen  bedient
man  sich  eines  besonderen  Formulars,  der  sogenannten  Straßburger
Karte,  welche  es  ermöglicht,  den  Befund  mit  späteren  Beobachtungen
zuverlässig  zu  vergleichen.  Die  in  einem  für  die  Städte-Äusstellung
in  Dresden  (Sommer  1903)  bestimmten  Bericht  des  Dr.  Jessen  mitgeteilten
  Ergebnisse  seiner  Untersuchungen  sind  äußerst  ungünstig;
er  sagt  daselbst:

„Das  Ergebnis  der  Untersuchung  ist  bei  Volksschulkindern.
unter  denen  sich  viele  schlecht  genährte  und  schwächliche  Individuen
befinden,  deren  Eltern  auf  Körperpflege  im  allgemeinen  nur  geringen,
auf  Zahnpflege  aber  gar  keinen  Wert  legen,  geradezu  erschreckend.

05  Prozent  aller  Kinder  haben  kranke  Zähne.  In  Straßburg
sind  in  einem  Jahre  10  000  Kinder  untersucht  worden,  von  denen
nur  430,  also  4,3  Prozent,  ein  gesundes  Gebiß  hatten.  Die  übrigen
hatten  zusammen  102  456  kranke  Zähne,  während  51  219  schon  fehlten
und  98  149  gesund  waren,  sodaß  etwas  mehr  als  die  Hälfte  aller  vorhandenen
  Zähne  sich  als  krank  herausstellte.

Dabei  ist  es  keine  Seltenheit,  daß  schon  vor  der  Schulzeit,  vor
dem  Zahnwechsel,  Kinder  von  3—4  Jahren  ein  vollkommen  zerstörtes
Gebiß  haben.  Der  Mund  ist  voll  von  kranken  Zähnen,  freiliegenden
Pulpen  und  faulenden  Zahnwurzeln.  Eiternde  Fistelgänge,  Schwellungen
des  Zahnfleisches  und  der  Drüsen  geben  ein  trauriges  Bild  der  Zerstörung
  und  erklären  zur  Genüge  die  bleichen  Wangen,  die  trüben
Augen,  die  schlechte  Ernährung,  Blutarmut  und  Nervosität  des  hilfesuchenden
  Kindes.  Ich  male  hier  nicht  zu  schwarz.  Jeder,  der  sich
mit  Behandlung  der  Armen  beschäftigt,  jeder  Leiter  einer  Klinik  wird
mir  das  vollauf  bestätigen.  Das  sind  in  den  Städten  die  Kinder,
welche  für  die  Ferienkolonien  den  Stamm  abgeben.  Wie  können  aus
solchen  Kindern  kräftige  Menschen  werden?“

An  diese  Ausführungen  knüpft  er  einen  lebhaften  Appell  an
andere  deutsche  Städte,  die  in  Straßburg  auf  diesem  Gebiete  gemachten
  Erfahrungen  im  Interesse  ihrer  Schuljugend  zu  verwerten.

Wenn  auch  die  hier  und  da  in  anderen  Städten  vorgenommenen
zahnärztlichen  Untersuchungen  der  Schuljugend  nicht  ganz  so  uneünstige
  Resultate  ergeben  haben,  so  wird  doch  nicht  .zu  bestreiten
sein,  daß  eine  rationelle  Zahnpflege  im  schulpflichtigen  und  vorschul-