Andere  Wohlfahrtseinrichtungen.  105

einem  ihrer  Führer,  dem  Direktor  der  Hamburger  Kunsthalle,  Professor
  Alfred  Lichtwark,  in  folgender  Weise  zum  Ausdruck  gebracht:*)


„Es  wird  sich  nicht  um  die  Beseitigung  vorhandener  und  ebensowenig
  um  die  Einführung  neuer  Unterrichtsgegenstände  handeln  —
daran  herrscht  ja  kein  Mangel  —,  sondern  um  eine  Vertiefung  und
Bereicherung  der  vorhandenen  Stoffe  und  Methoden.  Überall  ist  die
unmittelbare  Berührung  mit  den  Dingen  anzustreben.  Das  Gedächtnis
  darf  nicht  nur  als  ein  mechanisches  Werkzeug  zur  Bewältigung
  toten  Stoffes  ausgebildet  werden,  sondern  ist  vielmehr  als  eine
lebendige  Kraft  im  Dienst  des  prüfenden  und  vergleichenden  Verstandes
  zu  erziehen.  Als  solche  kann  es  ohne  Gefahr  weit  mehr  al;
bisher  belastet  werden,  und  es  wird  mit  spielender  Leichtigkeit  und
Freudigkeit  ungeahnte  Aufgaben  bewältigen.  Das  Ziel  des  Unterrichts
  besteht  nicht  bloß  und  nicht  in  erster  Linie  in  der  Mitteilung
des  Stoffes,  sondern  in  der  Gewöhnung  an  eine  zwingende  Methode
zu  beobachten  und  nachzudenken.  Es  muß  das  Bedürfnis  erweckt
werden,  vor  jeder  neuen  Erscheinung  zu  sehen,  wie  weit  die  unmittelbare
  Beobachtung  und  die  vorsichtige  Anwendung  des  vorhandenen
  Wissens  führt,  und  erst  wenn  diese  Mittel  erschöpft  sind,
nach  Hilfe  von  Menschen  und  Büchern  zu  suchen.  Aller  Unterricht
sollte  eine  Anleitung  sein,  der  Welt  selbständig  und  unabhängig
gegenüberzutreten  und  in  befestigter  Gewohnheit  das  erarbeitete
Wissen  zum  Erwerb  neuer  Kenntnisse  zu  benutzen.  In  jedem  Augenblick
  muß  alles  Wissen  zur  Verfügung  stehen.  Dies  wird  am
sichersten  erreicht,  wenn  es  von  der  ersten  Stunde  einem  Können
dient.

Können  ist  die  höhere  Macht.  Verstehen  und  selbständig  untersuchen
  können,  mitzuempfinden  und  nachzuempfinden  vermögen  geht
über  alles  mechanische  Wissen  weit  hinaus.

Die  Fähigkeit  zu  empfinden  ist  an  einzelnen  Gegenständen  der
Natur  —  im  Naturgeschichtsunterricht,  bei  Ausflügen  vor  der  Natur
—  und  an  einzelnen  Kunstwerken  —  Bildern,  Bauwerken,  Statuen,
Gedichten,  Musikwerken  —  zu  üben.  Ohne  diese  Grundlage  ist  eine
geschichtliche  Betrachtung  der  Kunst  und  der  Literatur  für  die  wirkliche
  Bildung  nicht  bloß  wertlos,  sondern  sogar  gefährlich.

Auf  allen  Gebieten  ist  sodann  vor  allen  Dingen  Ausdrucksfähig-*)

  Versuche  und  Ergebnisse  der  Lehrervereinigung  für  die  Pflege  der  künstlerischen
  Bildung  in  Hamburg.  Hamburg  1%1.  S.  4—7.