106  Wohlfahrtseinrichtungen.

keit  anzustreben.  Es  kommt  nur  darauf  an,  daß  die  von  der  Natur
gegebene  Fähigkeit  infolge  Mangels  an  Gewöhnung  nicht  erst  einschläft.
  Wenn  wir  die  Entwicklung  des  Kindes  beobachten,  finden
wir  beständig,  daß  die  natürliche  Begabung  von  irgend  einem  Punkte
an  unterdrückt  wird,  vor  allem  durch  die  schlechte  Angewohnheit
falscher  Scham,  durch  die  Untergrabung  der  Unbefangenheit,  die
Entwöhnung  vom  Beobachten,  die  Zerstörung  des  persönlichen  Mutes.
Kleine  Kinder  pflegen  mit  hellem,  sicherem  Ansatz  zu  singen.  Was
wird  in  der  Schule  daraus?  Kleine  Kinder  erzählen  und  plaudern
ganz  unbefangen.  Wie  steht  es  damit  nach  dem  ersten  Schuljahr,
wie  steht  es  bei  den  Zwölfjährigen?  Kleine  Kinder  zeichnen  ohne
Furcht  und  Bangen,  was  in  den  Kreis  ihrer  Vorstellung  kommt,  und
zeichnen  mit  Freudigkeit.  Wie  weit  wird  dies  in  der  Schule  berücksichtigt?
  Sollte  es  nicht  möglich  sein,  die  Unbefangenheit  zu  erhalten
durch  alle  Stufen,  bis  das  sichere  Können  erreicht  ist?

Es  muß  überall  und  beständig  nicht  von  der  Wissenschaft,  dem
Stoff,  nicht  von  dem  Vorstellungskreis  des  Erwachsenen,  sondern  von
der  Natur  des  Kindes  ausgegangen  werden.  Nur  die  Methoden
führen  zum  Ziel,  die  so  tief  gegründet  sind.

Eins  aber  darf  nie  vergessen  werden:  die  Kinder  sind  ein
heiteres  Geschlecht.  Sie  leben  noch  heute  in  einer  glückseligen
Welt,  die  Jahrtausende  hinter  uns  liegt,  in  einem  goldenen  Zeitalter.
Was  sie  packen  soll,  was  ihnen  lieb  werden  soll,  muß  heiter  sein.
Und  alles,  was  ihnen  geboten  wird,  muß  ihnen  lieb  werden.  Das  ist
die  beste  Schule,  in  der  bei  der  ernstesten  Arbeit  am  meisten  gelacht
  wird.  Wer  die  Gnade  des  Humors  nicht  hat,  sollte  nicht
Lehrer  werden  dürfen.

Soweit  es  möglich,  ist  überall  von  der  durch  die  nächste  Heimat
gegebenen  Grundlage  auszugehen.  Die  Schule  hat  nicht  bloß  mit
dem  zu  rechnen,  was  sie  selbst  mitteilt,  sondern  überall  heranzuziehen,
was  das  tägliche  Leben  außerhalb  der  Schule  lehrt.  Es  ist  eine  der
Unzukömmlichkeiten  der  heutigen  Praxis,  daß  dieses  ungeheure  Erfahrungswissen
  nicht  genügend  in  Anschlag  gebracht  wird.  Die
Schule  hat  überall  die  Verbindungen  herzustellen.

Engere  Beziehungen  zu  den  Eltern  und  den  ins  Leben  entlassenen
  Schülern  erscheinen  dringend  erstrebenswert,  damit  die
Schule  nicht  als  ein  Fremdkörper  im  Leben  des  einzelnen  und  der
Familie  steht.  Es  müßte  sich  um  jede  Schule  eine  Schulgemeinde
der  Eltern  und  früheren  Schüler  bilden,  mitlebend,  mitstrebend,  mithelfend.
  Wo  eine  besonders  einflußreiche  Lehrerpersönlichkeit