118  Wohlfahrtseinrichtungen.

Die  Betrachtung  soll  zunächst  das  Interesse  erwecken  und  das
Kind  lehren  und  gewöhnen,  genau  und  ruhig  das  einzelne  Kunstwerk
  anzusehen.  Dies  ist  die  Hauptsache,  denn  das  kann  der  nicht
besonders  Beanlagte  nur  durch  Anweisung  und  Übung  lernen  ...

Es  muß  im  übrigen  genügen,  wenn  ihm  eine  Ahnung  aufgeht,
daß  jenseits  des  mit  dem  Wort  zu  deckenden  sachlichen  Inhalts  noch
etwas  anderes  im  Kunstwerk  steckt,  das  man  nur  fühlen  kann,  und
das  eigentlich  die  Hauptsache  ist.“

Seine  ungekünstelte  Wiedergabe  der  mit  den  Kindern  über  die
Kunstwerke  gepflogenen  Unterhaltung  könnte  dem  Laien  wohl  den
Glauben  erwecken,  als  sei  das  von  Lichtwark  gelöste  Problem  keineswegs
  ein  so  schwieriges.  Aber  wer  sich  an  der  Sache  selbst  versucht
  hat,  wird  zugeben  müssen,  daß  ohne  gründliche  Kenntnis  der
Technik  der  Malerei  sowie  ihrer  Geschichte  und  ohne  ein  tiefes  künstlerisches
  Empfinden,  welches  nur  zum  Teil  gelehrt  und  gelernt  werden
kann,  kein  Lehrer  imstande  sein  wird,  diesen  Unterrichtszweig  fruchtbringend
  zu  gestalten.  Ehe  die  Museumsbesuche  im  Sinne  Lichtwarks
  ein  ständiges  Element  des  Volksschulunterrichts  werden,  wird
es  zunächst  erforderlich  sein,  einen  Stamm  von  Lehrern  und  Lehrerinnen
  auszuwählen  und  heranzubilden,  welche  dieser  Unterrichtsaufgabe
  gewachsen  sind.

d)  Theatervorstellungen  für  Schüler.  Auch  im  Verständnis
  und  in  der  Behandlung  ihrer  Muttersprache  soll  die  deutsche
Jugend  nach  neuen  künstlerischen  Grundsätzen  erzogen  werden.  Kaum
eine  andere  Sprache  ist  so  reich  an  stimmungsvollen  Iyrischen  Gedichten
  und  prächtigen,  schwungvollen  Balladen  und  Romanzen  wie
die  deutsche,  und  die  besten  Gedichte  dieser  Art  sind  überall  in  die
deutschen  Schullesebücher  übergegangen.  Aber  trotzdem  muß  zugegeben
  werden,  daß  der  eigentliche  künstlerische  Genuß  an  diesen
Werken  der  Poesie  an  unseren  Volksschulen  bisher  wenig  gepflegt
worden  ist.  Auch  auf  diesem  Gebiet  hat  zum  Teil  ein  bedauerlicher
Realismus  in  der  Behandlung  der  Stoffe  Platz  gegriffen;  der  Schulaufsichtsbeamte
  muß  nur  zu  oft  dem  Versuche  wehren,  die  tiefsten
lyrischen  Empfindungen  durch  engherzige  Worterklärung  oder  durch
trockene,  logische  Zergliederung  des  Gedankenganges  ihres  poetischen
Zaubers  zu  entkleiden.  Auch  auf  den  Vortrag  der  Gedichte  werden
in  Deutschland  selten  das  erforderliche  Feingefühl  und  die  ernste
Sorgfalt  verwendet,  welche  allein  einen  künstlerischen  Genuß  der
Sprache  ermöglichen.  Der  zweite  Kunsterziehungstag  in  Weimar  hatte
sich,  wie  schon  angedeutet  wurde,  die  Aufgabe  gestellt,  auch  auf