120  Wohlfahrtseinrichtungen.

und  Schülerinnen  der  ersten  Klassen  und  Selekten,  welche  zum
größten  Teil  den  Tell  bereits  gelesen  hatten,  zeigten  volles  Verständnis,
  und  auch  die  Schauspieler  fanden  sich  durch  den  begeisterten
Beifall  der  Kinder  reich  belohnt  für  die  unentgeltlich  übernommene
Mühe.  Die  Schauspielerin  Frau  Margarete  Körner-Otto  gab  dieser
Empfindung  folgendermaßen  Ausdruck:

„Ich  muß  gestehen,  daß  ich  noch  nie  an  einem  Nachmittage
mit  soviel  Lust  und  Hingabe  gespielt  habe  als  vor  diesem  Parterre
von  Kinderköpfen.  Ich  habe  ein  sehr  feines  Gefühl  dafür,  ob  etwas
im  Publikum  zündet  oder  ob  dasselbe  teilnahmlos  bleibt.  Eine
größere  Spannung  aber,  eine  lautlosere,  ja  bewegungslosere  Aufmerksamkeit,
  ein  aufrichtigeres  Mitempfinden  als  in  den  Tell-Vorstellungen,
  den  einzigen,  in  welchen  ich  mitwirkte,  kann  ich  mir  einfach
  nicht  vorstellen.“

Noch  interessanter  war  die  Auffassung  der  Schüler  und
Schülerinnen  selbst,  wenn  sie  sich  über  die  empfangenen  Eindrücke
in  Aufsätzen  zu  äußern  veranlaßt  wurden.  Die  genannte  Schrift  führt
einige  Proben  davon  an.  Wer  selbst  solchen  Schülervorstellungen
beigewohnt  hat,  weiß,  wie  je  nach  dem  Verlauf  des  Dramas  bald  die
Wolken  des  Mitleids,  der  Rührung  und  der  sittlichen  Entrüstung,
‚bald  der  heiterste  Sonnenschein  der  Freude  über  die  tausend  Gesichter
  des  Kinderpublikums  dahinzieht,  wie  sie  den  Bösewicht  auf
der  Bühne  aufrichtig  verabscheuen  und  der  siegreichen  Tugend  begeistert
  zujubeln.

Unter  den  deutschen  Dramen  machen  augenscheinlich  die
Schillerschen  und  unter  diesen  der  am  häufigsten  aufgeführte  Tell
den  größten  Eindruck  auf  die  Kinder;  Minna  von  Barnhelm  steht  in
ihrer  Wirkung  dagegen  gänzlich  zurück.  Die  Erfahrungen,  die  man
auch  in  anderen  Städten  mit  den  Schülervorstellungen  gemacht  hat,
waren  durchaus  günstig,  sodaß  auch  diese  Bewegung  in  Deutschland
als  eine  aufsteigende  bezeichnet  werden  darf.  Die  Basis  für  einen
erfolgreichen  Theaterbesuch  ist  ebenso  wie  in  Hamburg  auch  in
anderen  Städten  dadurch  geschaffen,  daß  fast  überall  in  den  oberen
Klassen  der  7-  und  8stufigen  Volksschulen  sowie  der  Mittelschulen
einige  Dramen  gelesen  werden.  Ohne  vorausgehende  gründliche
Lektüre  des  Stückes  bleibt  die  dramatische  Vorstellung,  wie  die
Erfahrung  gelehrt  hat,  ohne  volles  Verständnis  und  ausreichende
Wirkung.

Die  Art,  wie  diese  Theater-Besuche  arrangiert  werden,  ist  nicht
in  allen  Städten  dieselbe.  In  einigen  Orten,  wie  beispielsweise  in