II.  Die  Architektur.

Um  die  Anordnung  und  den  Umfang  des  Unterrichtes  an  einer
Architekturschule  verstehen  und  beurteilen  zu  können,  ist  es  angezeigt,
den  Zweck,  welchen  er  für  die  Berufstätigkeit  des  Architekten  zu
erfüllen  hat,  kurz  ins  Auge  zu  fassen.

Der  Architekt  hat  die  Aufgabe,  nicht  bloß  für  die  mannigfaltigen
  Bedürfnisse  der  menschlichen  Gesellschaft  die  nötigen  Bauwerke
  herzustellen,  sondern  dieselben  auch  entsprechend  ihrer  Bedeutung
  künstlerisch  auszugestalten.  Demgemäß  gibt  sich  in  seinem
Schaffen  eine  doppelte  Tätigkeit  kund,  nämlich  cine  technischkonstruktive
  und  eine  künstlerische.  Durch  erstere  sucht  er  das  Bauwerk
  aus  den  gegebenen  Stoffen  in  möglichst  rationeller  Weise  herzustellen,
  wozu  mannigfaltige  technische  Erwägungen,  Berechnungen
und  zeichnerische  Darstellungen  erforderlich  sind  und  zu  deren  EKrmöglichung
  er  vielfache  wissenschaftliche  Kenntnisse  erworben  haben
muß.  Durch  letztere  dagegren  soll  er  das  Bauwerk  zu  einer  schönen
und  charakteristischen  Erscheinung  ausgestalten,  wie  sie  der  idealen
Bedeutung  der  Bauaufgabe  angemessen  erscheint.  Für  dic  erspriefsliche
  Ausübung  dieser  Tätigkeit  ist  für  ihn  eine  bedeutende  künstlerische
  Bildung  erforderlich,  die  von  stilistischen  und  baugeschichtlichen
  Studien  unterstützt,  den  Sinn  für  schöne  und  charakteristische
Erscheinung  zu  wecken  und  das  entsprechende  zeichnerische  Können
zu  entwickeln  hat.

Infolge  dieses  doppelten  Wesens  alles  architektonischen  Schafiens
muß  die  Heranbildung  der  Architekten  entweder  von  zwei  verschiedenartigen
  Anstalten  übernommen  werden,  von  denen  die  eine
die  technische,  die  andere  die  künstlerische  Ausbildung  gewährt,  oder
es  muß  eine  Schule,  welche  die  vollständige  Ausbildung  derselben
sich  zum  Ziele  steckt,  ihren  Unterrricht  in  einen  wissenschaftlichen
und  einen  künstlerischen  Teil  gliedern.  Die  erstere  Art  der  Heranbildung
  war  früher  überall  da  üblich,  wo  neben  bautechnischen  An-