Die  Architektur.  65

Die  erwähnten  vorbereitenden  Fächer  hatten  hauptsächlich
als  Grundlagen  für  den  Unterricht  in  der  Konstruktionslehre  und  den
verwandten  Gebieten  zu  dienen  und  bestanden  allenthalben  in
Mathematik  und  darstellender  Geometrie,  in  technischer  Mechanik,
Physik  und  anorganischer  Chemie,  Kinige  Schulen  organisierten  für
diese  Wissenschaften  einen  besonderen,  gewöhnlich  einjährigen  Vorkurs,
  über  dessen  erfolgreichen  Besuch  der  Studierende  durch  eine
Vorprüfung  sich  auszuweisen  hatte.  An  anderen  Schulen  dagegen
wurde  dieser  Vorunterricht  nicht  strenge  vom  Fachunterricht  ausgeschieden
  und  mit  demselben  gleichzeitig  das  Studium  von  Baukonstruktionslehre
  und  Bauformenlehre  begonnen,  über  welche  Fächer
sich  dann  auch  die  Vorprüfung  ausdehnte,  was  meist  durch  Vorlage
von  Zeichnungen  geschah.

Bezüglich  des  für  den  Architekten  nötigen  Umfanges  dieser  vorbereitenden
  Fächer  stellte  man  anfänglich  vielfach  zu  weitgehende
Forderungen  und  beanspruchte  dadurch  einen  übermäßigen  Aufwand
von  Zeit  und  geistiger  Kraft,  meistens  auf  Kosten  anderer  notwendigerer
  Fächer.  Dieser  Fehler  wurde  hauptsächlich  deshalb  begangen,
weil  man  an  den  Traditionen  der  älteren  polytechnischen  Schulen
festhielt,  an  welchen  die  Ausbildung  der  Staatsbaubeamten,  welche
Architekt  und  Ingenieur  zugleich  sein  mußten,  im  Vordergrund  stand.
Wenn  nun  auch  an  den  neuorganisierten  technischen  Hochschulen
diese  Fächer  getrennt  wurden  und  dementsprechend  auch  im  Staatsbaudienst
  eine  Trennung  nach  den  beiden  Richtungen  eintrat,  so
wurden  doch  die  betreffenden  Vorlesungen  für  die  beiden  Abteilungen
in  gleichem  Umfange  obligatorisch  eingeführt  und  in  einer  denselben
gemeinsamen  Vorprüfung  das  gleiche  Maß  von  Kenntnissen  verlangt.
Erst  allmählich  wurde  für  die  Architekten  der  Umfang  des  Lehrstoffes
in  dem  Maße  reduziert,  als  cine  Inanspruchnahme  der  zur  Verfügung
stehenden  Studienzeit  für  andere  zur  Fachausbildung  wichtigere  Unterrichtsgegenstände
  sich  als  unabweisbar  herausstellte.  Derselbe  Fall
war  vorhanden  mit  einem  Fache,  das  eigentlich  für  den  Architckten
nur  als  Hilfswissenschaft  zu  dienen  hat,  das  jedoch  für  den  Ingenieur
ein  Hauptfach  bildet,  nämlich  der  Vermessungskunde.  Auch  hier
ging  aus  der  früheren  Vereinigung  der  beiden  Richtungen  ein  Übermaß
  von  Anforderungen  für  den  Architekten  hervor,  die  nur  allmählich
auf  das  richtige  Maß  beschränkt  werden  konnten.

Für  die  Baukonstruktionslehre  hat  sich  eine  Gliederung  des
Unterrichtes  in  zwei  Stufen  als  zweckmäßig  erwiesen.  Aufder  ersten
Stufe  werden  die  Elemente  der  Konstruktionen  in  Stein,  Holz,  Eisen

Das  Unterrichtswesen  im  Deutschen  Reich,  IV.  1.  5