Das  Bauingenieurfach.  77

Das  Verhältnis  der  Anzahl  der  Assistenten  zu  den  die  Übungen
besuchenden  Studierenden  ist  auf  den  einzelnen  Hochschulen  schr
schwankend;  im  allgemeinen  aber  kann  man  sagen,  daß  in  dieser  Hinsicht
auf  den  Professor  etwa  30  Studierende  entfallen  und  für  weitere
30  bis  50  Übungsteilnehmer  je  1  Assistent  gewährt  wird.  Die  Annahme
der  nichtständigen  Assistenten  ist  dem  Professor  meist  selbst  vorbehalten
und  in  der  Regel  nicht  an  die  Zustimmung  der  Abteilung  oder  der
Behörde  gebunden;  hingegen  werden  die  ständigen  Assistenten  für
gewöhnlich  durch  die  vorgesctzte  Instanz  angestellt  bezw.  bestätigt.

Privatdozenten  gibt  cs  an  den  Bauingenieur-Abteilungen  verhältnismäßig
  wenig;  hier  weisen  die  Vorlesungs-Verzeichnisse  für  das
Studienjahr  1903—04  nur  11  Privatdozenten  auf.  Von  ihnen  entfallen
auf  Berlin  7,  auf  Darmstadt,  Hannover,  Karlsruhe,  München  je  einer,
4  von  ihnen  sind  für  das  Lehrgebiet  der  Geodäsie,  2  für  technische
Mechanik,  1  für  Wetterkunde  und  nur  4  für  die  eigentlichen  Bauingenieurfächer
  habilitiert  (je  einer  für  Brücken-  und  Tiefbau,  2  für
Eisenbahnbau).  Der  Grund  für  diese  Verhältnisse,  im  besonderen
bezüglich  der  baulichen,  hier  in  Frage  stehenden  Lehrgebiete,  dürfte
darin  zu  suchen  sein,  daß  gerade  der  jüngere,  für  cine  Habilitation  in
Frage  kommende  Techniker  meist  bei  Bauausführungen  Verwendung
findet,  die  seine  ganze  Arbeitskraft  vollauf  in  Anspruch  nehmen  und
ihm  keine  Zeit  lassen,  die  Ergebnisse  seiner  praktischen  Betätigung
oder  theoretischer  Ermittlungen  in  diejenige  Form  zu  bringen,  wie

sie  die  Habilitationsordnungen  der  technischen  Hochschulen  —  angelehnt
  an  die  der  Universitäten  —  verlangen.  Dicse  für  die  Eintwicklung

  und  weitere  Ausgestaltung  der  technischen  Wissenschaften
wenig  günstigen  Habilitationsverhältnisse  werden  sich  kaum  eher  erheblich
  bessern,  als  bis  cine  reife,  praktische  Ausbildung  bei  hervorragenden
  Bauausführungen  als  zum  mindesten  gleichwertig  mit  der
Abfassung  einer  Habilitationsschrift  angesehen  wird.  Hierzu  kommt,
daß  die  Zeit  der  Studierenden  durch  die  notwendigen  Vorlesungen
und  Übungen  so  stark  in  Anspruch  genommen  ist,  daß  sie  kaum
Zeit  finden,  Sonder-Vorlesungen  zu  hören,  die  gerade  den  Privatdozenten
  zufallen  dürften.

Eine  Eigentümlichkeit  des  Lehrganges  auf  den  technischen
Hochschulen  besteht  darin,  daß  besonders  in  den  Hauptfächern  die
Vorlesungen  sich  über  2  Semester  erstrecken  und  daß  dic  meisten
der  Vorträge  eine  Anzahl  anderer  zu  ihrem  Verständnisse  unbedingt
voraussetzen.  Hierdurch  wird  es  erklärlich,  daß  einerseits  ein  geringer
Übergang  von  Studierenden  während  des  Studiums  zwischen  den