166  Der  l.chrbetrieb  in  den  einzelnen  Fachgebieten.

Jahren  beeilten  sich  fast  alle  technischen  Hochschulen,  auch  für
elektrochemische  Studien  die  nötige  Vorsorge  zu  treffen,  wie  denn
überhaupt  alle  deutschen  technischen  Hochschulen  allzeit  bestrebt
gewesen  sind,  mit  der  Entwicklung  der  Industrie,  der  sie  dienen
wollen,  Schritt  zu  halten.

Bei  der  Aufstellung  ihres  Lehrplanes  befanden  sich  die  chemischen
Abteilungen  der  technischen  Hochschulen  insofern  in  wesentlich
anderer  Lage  als  die  Abteilungen  für  die  sonstigen  technischen
Wissenschaften,  als  sie  gezwungen  waren,  einschlägige  Verhältnisse
an  den  Universitäten  zu  berücksichtigen.  Sie  konnten  nicht,  wie  es
‚die  die  Ingenieur  -  Wissenschaften  vertretenden  Abteilungen  getan
haben,  ihren  Unterricht  nach  bestem  Ermessen  so  gestalten,  wie  sie
es  für  zweckmäßig  hielten,  sondern  sie  mußten  berücksichtigen,  daß
seit  längerer  Zeit  die  chemische  Industrie  gewohnt  war,  ihre  Hilfskräfte
von  den  Universitäten  zu  beziehen.  Sie  mußten  daher  dafür  sorgen,
daß  ihren  Abiturienten  dieselben  Vorteile  zugänglich  waren,  zu  denen
auch  das  Universitätsstudium  berechtigte,  sie  mußten  mit  anderen
Worten  ihren  Unterricht  so  einrichten,  daß  die  Studierenden  je  nach
Bedarf  und  Neigung  während  ihrer  Studien  von  der  technischen
Hochschule  zur  Universität  und  umgekehrt  übergehen  konnten.  Es
lag  zunächst  kein  Grund  vor,  dieser  Forderung  nicht  gerecht  zu
werden,  denn  die  chemische  Industrie  war  mit  den  Hilfskräften,  welche
sie  von  den  Universitäten  empfangen  hatte,  nicht  unzufrieden.  Die
an  Universitäten  ausgebildeten  jungen  Chemiker  hatten  in  großer
Zahl  in  der  Industrie  lohnende  Beschäftigung  gefunden  und  durch
ihre  intelligente  Arbeıt  cin  rasches  Aufblühen  derselben  herbeigeführt.
Der  chemische  Universitäts-Unterricht,  wie  er  im  wesentlichen  wohl
durch  Liebig  geschaffen  und  ausgestaltet  worden  ist,  schien  somit
vollständig  ausreichend  für  alles,  was  die  Industrie  von  den  ihr
dienenden  Kräften  zu  wünschen  und  zu  fordern  berechtigt  war.

Andererseits  hatte  sich  in  der  chemischen  Industrie  längst  die
Gepflogenheit  eingebürgert,  daß  von  den  Chemikern,  welche  sich
ihren  Diensten  widmeten,  der  Besitz  eines  akademischen  Grades,
speziell  derjenige  eines  Doktors  der  Philosophie  erwartet  oder  gar
ausdrücklich  verlangt  wurde.  Da  nun  die  technischen  Hochschulen
zur  Zeit  ihrer  Begründung  das  Promotionsrecht  nicht  erhalten  hatten,
so  befanden  sich  dieselben  offenbar  bezüglich  der  Ausbildung  der
bei  ihnen  studierenden  Chemiker  den  Universitäten  gegenüber  im
Nachteil.  Sie  suchten  sich  durch  Einführung  des  Diplomexamens
zu  helfen,  welches  in  seinen  Anforderungen  auf  den  meisten