Chemie.  171

Praxis  genügende  Erfahrungen  gesammelt  haben,  ehe  sie  sich  dem
Lehrfach  zuwandten.  Diese  Forderung  vollauf  zu  erfüllen,  dürfte
nicht  immer  leicht  sein.  In  der  Mehrzahl  der  technischen  Hochschulen
  hat  man  sich  daher  der  Einteilung  zugewendcet,  bei  welcher  die
theoretischen  Vorstudien  getrennt  sind  von  den  nachfolgenden
technologischen  Vorträgen  und  Übungen.  An  der  Technischen  Hochschule
  zu  Berlin  ist  man  speziell  im  Hinblick  auf  den  großen  Umfang
der  Anstalt  noch  einen  Schritt  weiter  gegangen,  indem  man  auch  den
theoretischen  Unterricht  noch  weiter  in  anorganischen  und
organischen  zerlegt  und  den  entsprechenden  Lehrstühlen  auch
gesonderte  Institute  zugewiesen  hat.  Speziell  im  Hinblick  auf  die
letzteren,  welche,  wenn  diese  Zerlegung  nicht  stattgefunden  hätte,
einen  allzu  großen  Umfang  erreicht  hätten,  hat  sich  diese  Einrichtung
als  zweckmäßig  erwiesen.  Sie  bringt  es  aber  andererseits  mit  sich,  daß
die  theoretischen  Vorstudien  des  Studierenden  eine  besonders  lange
Zeit  beanspruchen,  sodaß  bei  einer  Beschränkung  des  Studiums  auf
7  Semester  eine  Verkürzung  der  nachfolgenden  technologischen  Lehrfächer
  entsteht,  welche  den  Studierenden  nicht  zum  Vorteil  gereicht.

Seit  Liebig  in  der  Mitte  des  neunzehnten  Jahrhunderts  sein
Laboratorium  zu  Gießen  begründete,  ist  es  eine  anerkannte  Tatsache,
daß  die  Chemie  nicht  ohne  Zuhilfenahme  praktischer  Übungen  gelehrt
  werden  kann.  Der  technische  Hochschulunterricht  zeichnet  sich
ja  so  wie  so  durch  die  besondere  Betonung  des  Prinzipes  der  Übungen
für  die  Studierenden  aus,  es  erscheint  daher  selbstverständlich,  daß
die  chemischen  Abteilungen  der  technischen  Hochschulen  mit  Laboratorien
  reichlich  ausgestattet  sind.  Während  aber  die  Universitäten
bis  vor  kurzem  insgesamt  und  auch  jetzt  noch  größtenteils  chemische
Institute  nur  im  Anschluß  an  die  Lehrstühle  der  reinen  Wissenschaft
besitzen,  sind  solche  in  den  technischen  Hochschulen  auch  an  die
Lehrstühle  für  technische  Chemie,  welche  ja  naturgemäß  den  wichtigsten
  Lehrgegenstand  bildet,  angegliedert,  und  in  neuerer  Zeit  macht
sich  das  weitere  Bestreben  geltend,  auch  den  Vertretern  gewisser
Spezialfächer  die  Möglichkeit  zur  Abhaltung  praktischer  Übungen  zu
gewähren.  So  sind  z.  B.  die  allermeisten  technischen  Hochschulen
im  laufe  der  letzten  Jahre  mit  elektrochemischen  Laboratorien  ausgestattet
  worden.  In  Dresden  ist  ein  besonderes  Laboratorium  für
Farbstoffe  und  Färberei-Chemie  eingerichtet  worden,  an  der  Hochschule
zu  Berlin  besteht  schon  seit  langer  Zeit  ein  umfangreiches  Institut  für
Photochemie  und  photomechanische  Verfahren,  auch  werden  daselbst
ebenso  wie  an  vielen  anderen  technischen  Hochschulen  praktische