206  Die  einzelnen  technischen  Hochschulen.

königl.  rheinisch-westfälischen  polytechnischen  Schule  bestimmt.  Am
15.  Mai  1865  wurde  gelegentlich  der  Huldigungsfeier  der  rheinischen
Stände  für  König  Wilhelm  I.  der  Grundstein  zu  dem  großen,  nahe
dem  Bahnhof  Templerbend  gelegenen  Hauptgebäude  gelegt,  und  am
10.  Oktober  1870  konnte  das  Gebäude  seiner  Bestimmung  _  feierlich
übergeben  werden,  während  die  deutschen  Ilecre  siegreich  in  Frankreich
  kämpften.

Es  geziemt  sich,  an  dieser  Stelle  dankbar  des  1891  gestorbenen
ersten  Direktors  der  Ilochschule,  von  Kaven,  zu  gedenken,  der  bei
der  Organisation  und  dem  Ausbau  der  jungen  Anstalt  eine  unermüdliche
  und  segensreiche  Tätigkeit  entfaltete.

Die  Anstalt  wurde  ausdrücklich  als  eine  technische  Hochschule
begründet  und  ihr  als  Aufgabe  gestellt,  „jungen  Männern,  welche
sich  der  Technik,  insbesondere  dem  Maschinenbau,  den  chemischen
Gewerben,  dem  Hüttenfach,  dem  Ingenieurwesen  und  dem  Hochbau
widmen  wollen,  eine  umfassende  theoretische  und  praktische  Ausbildung
  zu  gewähren“.  Ilinsichtlich  der  Berechtigungen,  die  ihr  Besuch
  gewährte,  wurde  sic  der  damaligen  Gewerbeakademie  und  Bauakademie
  in  Berlin  und  der  polytechnischen  Schule  in  Hannovergleichgestellt.
  Der  Unterricht  war  insofern  von  vornherein  ein  akademischer,  als
die  Professoren  I.chrfreiheit,  die  Studierenden  L.ernfreiheit  besaßen,  letzteren
  insbesondere  die  Wahl  der  zu  hörenden  Vorträge  und  Übungen  freistand
  und  eine  Kontrolle  ihres  Besuches  nicht  ausgeübt  wurde.  An  der
Spitze  der  Anstalt  stand  ein  Direktor,  der  zugleich  als  I.chrer  an  der
Anstalt  wirkte.  Ihm  zur  Seite  standen  in  bestimmten  Angelegenheiten
  der  Verwaltung  das  l.chrerkollegium  und  ein  aus  dessen  Mitte
gebildeter  Ausschuß  der  Lehrer,  welche  beide  gewisse  Aufgaben  der
Selbstverwaltung  überwiesen  erhielten.  Die  Anstalt  zerhel  in  mehrere
‚\bteilungen:  die  „allgemeine  Schule“  hatte  den  Unterricht  in  den
Naturwissenschaften  und  in  der  Mathematik  sowie  in  denjenigen
Disziplinen  zu  erteilen,  welche  die  Voraussetzung  für  die  Fachstudien
bilden;  daneben  wurden  drei  „Fachschulen“  für  Ingenicurwesen  und
Hochbau,  für  Maschinenbau  und  mechanische  Technik  und  fur  chemische
  Technik  und  Hüttenkunde  eingerichtet.  —  Zur  Aufnahme  als
Studierende  waren  solche  jungen  Leute  berechtigt,  welche  die  Reife
einer  Provinzial-Gewerbeschule  oder  den  achtjährigen  Besuch  einer
höheren  neunklassigen  Schule  nachwiesen.  Am  20.  Mai  1873  erhielt
die  Anstalt  das  Recht,  Diplomprüfungen  abzuhalten,  und  im  gleichen
Jahre  wurde  zum  erstenmal  die  Bauführerprüfung  für  die  Aspiranten
des  Staatsdienstes  abgehalten.