Die  Großherzoglich  Hessische  technische  Hochschule  zu  Darmstadt.  277

auch  der  rastlosen  Hingabe  dieses  verdienten  Mannes  nicht  gelingen
sollte.  Die  Zeitverhältnisse  waren  zwar  nicht  ungünstig.  Der  beginnende
  industrielle  Aufschwung  Deutschlands,  das  sich  durch  den
Zollverein  wirtschaftlich  geeinigt  und  geschützt  sah,  insbesondere
aber  der  Ausbau  des  Kisenbahnnetzes,  drängte  mit  Macht  zu  einer
Vervollkomninung  und  Ausdehnung  des  damals  noch  gegen  das  Ausland
  stark  zurückgebliebenen  technischen  Uhnterrichtswesens.  Aber
die  überaus  klägliche  Dotierung  der  Darmstädter  Schule,  welche  beispielsweise
  in  der  Finanzperiode  1852—54  jährlich  nur  6400  Gulden
(10972  M.)  betrug,  hinderte  gerade  in  den  entscheidenden  50er  Jahren
eine  zeitgemäße  Fortentwicklung,  hauptsächlich  nach  der  Richtung
einer  intensiven  Pflege  der  Ingenieurwissenschaften,  auf  die  es  vor
allem  ankam.  Es  konnte  so  nicht  ausbleiben,  daft  andere  technische
Anstalten  mit  ihren  bei  weitem  reicheren  Mitteln  Darmstadt  allmählich
den  Rang  abliefen  und  die  Frequenz  der  Schule  in  cinen  bedauerlichen
  Rückgang  geriet.  Nicht  wenig  trug  dazu  bei,  daß  die  Schule
nur  schr  geringe  Berechtigungen  besaß,  insbesondere,  daß  ihr  die
Ausbildung  und  Prüfung  der  technischen  Staatsbeamten  nicht  anvertraut
  war.  Alle  Bestrebungen,  der  Anstalt  Berechtigungen,  Mittel
und  Titel  einer  wirklichen  polytechnischen  Schule  zu  verschaffen,  wie
sie  Berlin,  Wien,  Hannover,  Karlsruhe  schon  seit  längerem  besaßen,
scheiterten  an  den  vermeintlich  unerschwinglichen  Kosten.  So  kam
es  denn  sogar  zu  einer  Art  Degradierung  der  Anstalt  durch  ihre  im
Jahre  1864  vollzogene  Umwandlung  zur  „Technischen  Schule“.
Alle  Aspirationen  nach  einer  Hochschule  waren  damit  begraben.
Die  besonderen  Fachklassen  wurden  aufgehoben  und  das  Schwergewicht
  in  die  zweiklassige  allgenieine  Abteilung  gelegt.  Da  im
Großherzogtum  damals  noch  keine  Realschule  erster  Ordnung  war,
so  sollte  diese  Technische  Schule  gewissermaßen  an  Stelle  der  oberen
Realschulklassen  fungieren.  Zwar  war  neben  der  allgemeinen  Abteilung
  eine  einzige  besondere  technische  Klasse  beibchalten,  aber  sie
sollte  nur  „denjenigen  Bautechnikern,  welche  ein  geringes  Maß  der
Ausbildung  bedürfen,  eine  abschließende  Bildung  geben.“  Für  diese
Kätegorie  von  subalternen  Technikern  war  aber  die  Schule  garnicht
eingerichtet,  weder  in  ihrer  allgemeinen  noch  in  ihrer  technischen
Abteilung.  Weder  sphärische  Trigonomcetrie,  algebraische  Analysis
und  analytische  Geometrie  der  Ebene,  welche  in  den  allgemeinen
Klassen,  noch  Differenzial-  und  Integral-Rechnung,  Wahrscheinlichkeitsrechnung,
  höhere  Gleichungen  und  andere  Disziplinen,  welche  in
den  Fachkursen  gelehrt  wurden,  waren  für  diese  Schüler  verständlich