22  Die  Bergakadeinien.

bildung  die  Erziehung  für  den  praktischen  Lebensberuf  in  einem  an
den  Hochschulen  des  18.  Jahrhunderts  unbekannten  Maße.  In  bezug
auf  die  Disziplin  und  die  besondere  Aufsicht  über  die  Studien  der
Inländer  (Sachsen),  welche  als  Aspiranten  des  Staatsdienstes  unentgeltliche
  Ausbildung  genossen,  wich  die  Organisation  anfangs  noch
von  derjenigen  ab,  welche  die  Technischen  Hochschulen  der  Gegenwart
  besitzen.  Sie  unterstand  wohl  auch  noch  äußerlich  einigermaßen
dem  Einfluß  des  zunftstolzen,  bureaukratischen  und  zopfig-militärischen
Kastengeistes  der  damaligen  Zeit,  ohne  daß  solche  inzwischen  allmählich
  wieder  abgestreiften  Eigenheiten  die  segensreiche  Wirksamkeit
  der  innerlich  kerngesunden  Institution  hätten  beeinträchtigen
können.

Die  Freiberger  Bergakademie  ist  also  faktisch  die  älteste
und  war  übrigens  längere  Zeit  die  einzige  technische  Hochschule
auf  der  ganzen  Erde.  Indessen  ist  weniger  auf  ihr  stattliches  Alter
als  darauf  Gewicht  zu  legen,  daß  sie  an  ihrem  Teile  bahnbrechend
gewirkt  hat  für  die  Anwendung  der  exakten  wissenschaftlichen  Forschung
  auf  die  Probleme  der  Technik,  für  die  Ausbildung  der
Ingenieurwissenschaften  und  für  die  Vervollkommnung  der  Lehrmethoden.
  Denn,  wenn  man  auf  der  einen  Seite  anerkennen  muß,
daß  die  Verfassung  der  alten  Gesellenschaften,  Gewerkschaften  und  der
staatlichen  Berg-  und  Hüttenbetriebe  längst  die  Vorbilder  aller  der
Einrichtungen  geliefert  hat,  die  heute  der  Organisation  und  Überwachung
  der  industriellen  Arbeit,  der  Regelung  der  I.ohnverhältnisse,
der  Fürsorge  für  die  Arbeiter,  die  Invaliden,  die  Witwen  und  Waisen
dienen,  so  darf  man  auf  der  anderen  Seite  nicht  übersehen,  daß  die
Freiberger  Akademie  die  Vorkämpferin  der  neuen  Unterrichtsmethode
gewesen  ist,  welche  die  theoretische  Belchrung  im  Vortrage  mit
Repetitorien,  schriftlichen,  graphischen  und  l.aboratoriums-Übungen,
Zwischenprüfungen,  Befahrungen,  Instruktionsreisen,  praktischen  Vorbercitungskursen
  und  obligatorischer  längerer  Beschäftigung  in  technischen
  Betrieben  verbindet.

Die  I.citung  der  Bergakademie  lag  zuerst  in  den  Händen  des
Oberbergamtes.  Nach  dessen  Auflösung  im  Januar  1869  wurde  eine
Direktion  mit  drei  Mitgliedern  eingesetzt  (Öberbergrat  Edler  v.  d.
Planitz  und  zwei  Professoren).  An  ihre  Stelle  trat  von  1872  an  ein
dem  Königlichen  Finanzministerium  unmittelbar  unterstellter  ständiger
Direktor,  und  zwar  wurde  zuerst  G.  Zeuner  berufen  (bis  1875),  dann
Th.  Richter  (bis  1896)  und  zuletzt  Cl.  Winkler  (bis  18%).  Seither
wurde  das  Wahlrektorat  eingeführt;  Rektoren  waren:  A.  Ledebur