196  Handelshochschulen.

einsichtigen  und  umsichtigen  Kaufleuten  bestehende  derzeitige  Handelskammer
  auch  wohl  bereit  sein  würde,  die  Trägerin  der  ersten  deutschen
Handelshochschule  zu  sein.  In  wissenschaftlicher  Hinsicht  konnte  die
l.eipziger  Universität  die  bestmöglichste  Grundlage  darbieten,  und
man  durfte  von  ihr,  die  sich  stets  durch  einen  großen  Sinn  und
eingehendes  Verständnis  für  die  Bedürfnisse  der  Zeit  ausgezeichnet
hat,  hoffen,  daß  sie  ihre  unumgänglich  notwendige  Hilfe  dem  neuen
Unternehmen  nicht  versagen  würde.  Ferner  konnte  man  der  Sympathien
  der  Leipziger  Bürgerschaft  und  der  Stadtverwaltung
gewiß  sein,  da  sich  in  Leipzig  ein  in  mancher  Hinsicht  bedeutungsvoller
  Zusammenhang  des  Handelsstandes  mit  den  geistigen  Kräften
der  Stadt  herausgebildet  hatte  und  hier  schon  manche  reformatorische
Bestrebungen  auf  einen  fruchtbaren  Boden  gefallen  waren.  Auch
konnte  man  von  vornherein  erwarten,  daß  der  Name  der  altberühmten
Meß-  und  Handelsstadt  an  der  Pleiße  und  der  Ruhm  ihrer  Universität
vom  In-  und  Auslande  viele  Studierende  anziehen  würde.  Endlich
durfte  man  mit  Sicherheit  auf  die  Zustimmung  und  Unterstützung
der  Königlich  Sächsischen  Regierung  rechnen.  Denn  das  durch
sein  treffliches  Schulwesen  schon  seit  Jahrhunderten  rühmlichst  bekannte
  Königreich  Sachsen  war  in  den  letzten  Jahrzehnten  auf  dem
Gebiete  des  gewerblichen  und  kaufmännischen  Fortbildungsschulwesens
  am  weitesten  in  Deutschland  vorangeschritten,  und  man  wußte,
daß  der  damalige  Landesfürst,  der  hochselige  König  Albert,  diesem
Wohlfahrtszweige  seines  Landes  warmes  Interesse  entgegenbrachte.

II.  Gründung  und  Zweck.

Alle  diese  Annahmen  erwiesen  sich  in  der  Folge  als  richtig,
und  so  gelang  es,  in  der  verhältnismäßig  kurzen  Zeit  eines  halben
Jahres  das  für  Deutschland  und  in  seiner  Eigenart  für  die  ganze
Welt  vollständig  neue  Unternehmen  zustande  zu  bringen,  sodaß  schon
am  25.  April  1898  die  erste  deutsche  Handelshochschule  zu  Leipzig
eröffnet  werden  konnte.  Man  klagt  ja  vielfach  mit  Recht  darüber,
dafs  man  in  Deutschland  in  dem  praktischen  Vorgehen  zu  umständlich
  sei;  in  diesem  Falle  hat  sich  das  Gegenteil  gezeigt.

Auf  Grundlage  einer  vom  Professor  Direktor  H.  Raydt  verfaßten
Denkschrift  haben  Regierung,  Stadtverwaltung,  Universität,  Handelskammer
  .und  Öffentliche  Handelslehranstalt  rasch  und  einmütig  zusammengewirkt;
  die  notwendigen  Verhandlungen  wurden  schnell
erledigt,  und  die  eigenartige  Einrichtung  war  fertig,  als  man  sich