I.  Europa.  588  34.  Griechenland.

ein  kompliziertes,  unzweckmäßiges  Räderwerk.  Die  Erfahrung  zeigte  bald,  daß  die  Staatsmaschine,
  wie  sie  zu  Epidauros  konstruiert  wurde,  unmöglich  zu  funktionieren  vermochte.  Trotzdem
  bestätigte  die  im  März  1823  in  Astros  zusammengetretene  zweite  Nationalversammlung  das
Statut  von  Epidauros  in  seinen  wesentlichen  Bestimmungen  wieder,  und  nun  brach  eine  zügellose
Anarchie  aus.  Am  6./18.  April  1826  wurde  die  dritte  Nationalversammlung  in  Epidauros  eröffnet.
Die  traurige  Mähr  vom  Falle  Messolonghis  nötigte  die  bestürzten  Vertreter  ihre  parlamentarische
Arbeit  auf  eine  günstigere  Zeit  aufzuschieben  und  vorläufig  einem  Ausschuß  aus  9  Mitgliedern
die  ganze  politische  und  militärische  Gewalt  in  die  Hände  zu  legen.  Ein  Jahr  später  (19./31.  März
1827)  setzte  die  dritte  Nationalversammlung  ihre  Beratungen  zu  Trözen  fort.  Das  Statut  von
Epidauros  wurde  nach  abermaligen  Abänderungen  von  171  Abgeordneten  unterzeichnet,  der
frühere  russische  Minister,  der  Grieche  Kapodistrias,  zum  Präsidenten  der  griechischen  Republik
auf  sieben  Jahre  ernannt  und  bis  zu  dessen  Ankunft  eine  provisorische  Regierung  mit  der  Leitung
der  Staatsgeschäfte  betraut.

Am  8./20.  Januar  1828  landete  Kapodistrias  in  Nauplia.  Der  Versuch  des  vielerfahrenen
Staatsmanns,  durch  Auflösung  der  Kammer  und  Errichtung  des  „IlaveAAnvıoy'‘  die  Diktatur  an
sich  zu  reißen,  scheiterte  an  dem  Widerstand  der  Primaten.  Unwillig  mußte  er  am  11./23.  Juli
1829  die  vierte  Nationalversammlung  in  Argos  eröffnen.  Diese  billigte  die  auswärtige  Politik
des  Präsidenten,  setzte  an  Stelle  des  Panellenion  einen  Senat  ein  und  faßte  elf  weitere  Beschlüsse,
worauf  sie  sich  nur  vertagte,  um  in  Argos  sich  wieder  zu  versammeln,  sobald  die  Regierung  die
Entwürfe  zum  Staategrundgesetze  und  zu  den  Gesetzbüchern  fertiggestellt  hätte.  Die  am  27.  September/9.
  Oktober  1831  erfolgte  Ermordung  Kapodistrias  vereitelte  die  Ausführung  der  vorgeplanten
  Zusammenkunft.  Der  Senat  ernannte  eine  provisorische  Regierung  und  diese  berief
nach  Argos  eine  fünfte  Nationalversammlung.

Unterdessen  war  die  öffentliche  Meinung  in  Europa  schon  längst  für  die  griechische  Sache
gewonnen  und  die  Regierungen  an  der  Themse,  der  Newa  und  der  Seine  hatten  sich  endlich  „der
blutenden  Weise  der  europäischen  Zivilisation‘  angenommen.  Durch  das  Londoner  Protokoll
vom  22.  Januar/3.  Februar  1830,  dem  auch  die  Pforte  am  12./24.  April  beitrat,  wurde  Griechenland
zum  souveränen  Königreich  erklärt,  und  der  am  25.  April/?.  Mai  1832  zwischen  Griechenland,  den
drei  Mächten  und  Bayern  abgeschlossene  Vertrag  verschaffte  dem  Prinzen  Otto  von  Bayern  die
Königskrone  und  ordnete  bis  zu  dessen  Volljährigkeit  eine  bayerische  Regentschaft  an.  Acht  Monate
  später  betrat  der  König  und  die  Regentschaft  den  griechischen  Boden  und  das  begeisterte  Volk
empfing  seinen  Monarchen  mit  grenzenlosem  Jubel.  Wenn  aber  dieser  Jubel  ein  überaus  kurzer  gewesen
  ist  und  nur  allzu  rasch  in  einen  gedämpften  Ton  umschlug,  so  liegt  die  Schuld  daran  nicht
ganz  auf  seiten  der  Griechen.  Während  die  Mahnung  der  königlichen  Proklamation  vom  25.  Januar
(6.  Februar)  1833  „fortan  alle  Bestrebungen  nur  einem  Ziele,  der  Blüte,  dem  Glücke  und  dem  Ruhme
des  gemeinsamen  Vaterlandes  zuzuwenden‘‘,  so  vielversprechend  und  pathetisch  klang,  bot  die
Regentschaft  —  wie  Maurer  selbst,  ein  Mitglied  derselben,  in  seinem  berühmten  Buche  „vom
griechischen  Volke‘  eingesteht  —  ein  unerbauliches  Bild  von  Hader  und  Intriguen.  Anderseits
  blieb  das  Verlangen  der  Griechen  nach  der  Gewährung  einer  Verfassung  sowohl  von  der
Regentschaft  als  vom  Könige  Otto,  welcher  am  20.  Mai/l.  Juni  1835  die  Regierung  selbst  übernahm,
  unbeachtet.  Die  Mißstimmung  wuchs  mit  jedem  Tage,  und  am  3./15.  September  1843
führte  sie  zu  dem  Aufstand  in  Athen.  Der  König  wurde  gezwungen,  die  erste  Nationalversammlung
in  Athen  einzuberufen  und  am  18./30.  März  1844  die  von  ihr  beschlossene  Konstitution  zu  beschwören;
  die  französische  Charte  von  1830  und  die  Verfassung  Belgiens  von  1831  boten  die
Grundlage  hierzu.  Der  König  aber  hielt  das  konstitutionelle  Regime  für  unzeitgemäß.  Unaufhörlich
  suchte  er,  wenn  auch  in  der  besten  Absicht,  die  Verfassung  auf  alle  Weise  zu  umgehen,
bis  zuletzt  die  im  Oktober  zu  Athen  konstituierte  provisorische  Regierung  ihn  für  abgesetzt  erklärte.
  So  verließ  denn  am  12./24.  Oktober  der  erste  König  Griechenlands  das  Land,  das  er
schwärmerisch  geliebt,  zu  dessen  Regierung  ihm  aber  das  staatsmännische  Talent  mangelte.
Die  im  Dezember  in  Athen  eröffnete  zweite  Nationalversammlung  bestätigte  die  Absetzung
Otto  I.  und  der  bayerischen  Dynastie  und  wählte  auf  Empfehlung  der  Schutzmächte  den  Prinzen