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        <title>Kriegsgeschichte von Bayern unter König Maximilian Joseph I. - Zeitraum vom Jahre 1789 bis zum Frieden von Tilsit 1807.</title>
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            <idno>voelderndorff_kriegsgeschichte_0001</idno>
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        Kriegsgeschichte
Bayern
unter
König  Maximilian  Joseph  I.

22  20  2

Von
Zd.  Frh.  v.  Pölderndorkk  u.  Maradein,

Major  im  Königlich  -Bayerischen  General  =  Quartiermeisterstabe.

Erster  Band.
Erstes  bis  viertes  Buch.

Jeitraum  vom  Jahre  1780  bis  zum  Frieden  von
Tilsit  1807.

 

 

Mit  zwölf  Karten  und  Planen.

 

KAünchen,  1826.
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        Vorwort.

Ein  getreues  Gemälde  der  Kriegs-Thaten  eines
Heeres,  wird  für  dieses  und  für  dessen  Tapferkeit
ein  Denkmal  dauernder  als  Erzz  es  bestimmt  das
Urtheil  des  Volkes,  aus  welchem  das  Heer  hervorgegangen,
  ob  die  großen  Opfer,  welche  jeder
Einzelne  dem  Vaterlande  mit  Hab  und  Gut,  mit
Leib  und  Leben  brachte,  zu  des  Vaterlandes  wahrem
  Ruhm  und  das  Wohl  desselben  gebracht  und
verwendet  wurden;  ob  die  Ergebnisse  der  Anstrengungen
  der  Söhne  des  Vaterlandes  für  des  letzteren
  Ehre  und  Unabhängigkeit,  den  vielen  Sorgen
und  Thränen  und  Leiden,  unzertrennliche  Folgen
einer  durch  Kriege  bewegten  Zeit,  das  Gleichgewicht
  hielten.

Ein  solch  Gemälde  aber  getreu  der  Natur
wiederzugeben,  bleibt  für  den  Geschichtsschreiber
immer  eine  schwer  zu  lösende  Aufgabe,  besonders,
wenn  er  nicht  allein  die  Thaten  der  DahingegFangenen,
  sondern  auch  die  der  Lebenden  zu  erzählen
  hat;  wenn  er  den  Thaten,  welche  für  den  Augenblick
  öfters  entscheidend,  deren  Wirkungen  aber
mit  dem  Lauf  der  Zeit  weniger  sichtbar  wurden,
das  Andenken,  vielleicht  auf  Jahrhunderte  hinaus
verleihen  willz  wenn  er  nach  der  Gunst  strebt,

den  angehenden  Kriegsmännern  gleichsam  ein  Lehr-
        <pb n="4" />
        I

buch  darzureichen,  aus  dessen  Inhalt  sie  Erfahrung,
Aneiferung,  Aufforderung  zum  Streben  nach  dem
Vollkommneren  schöpfen  sollen.

Ein  solches  Ehren-Gemälde  der  Tapfern  des
bayerischen  Heeres,  unter  seinen  mancherlei  Gestaltungen
  während  der  Kriege  der  glorreichen  Regierung
  des  unvergeßlichen  Königes  Maximilian
Joseph  des  1tten,  lege  ich  hiemit  vollendet  ehrfurchtsvoll
  zu  den  Füßen  des  hochherzigen  Königes
Ludwig  nieder,  der  persönlich  so  ruhmvollen
Antheil  an  den  verschiedenen  Kriegs-Ereignissen
nahm,  daher  auch  gerechter  Richter  über  die  Erzählung
  derselben  seyn  wird;  ich  überreiche  dieß
Gemälde  dem  bayerischen  Volke,  als  ein  Denkmal
jedes  Einzelnen  desselben  und  des  gemeinen  Soldaten,
  ihm  in  seiner  Familie  und  im  ganzen  Vaterlande.


Wenn  ich  bei  Zusammenstellung  dieses  Gemäldes,
  nicht  allein  die  Thaten  der  bayerischen
Kriegsmänner  im  Auge  behielt,  sondern  auch  die
großen  Ereignisse  im  ganzen  Welttheil  während  der
verflossenen  sechs  und  zwanzig  Jahre  mit  Wärme
umfaßte  und  in  mein  Gemälde  hineinzog,  so  geschah
  es  aus  der  Ueberzeugung,  daß  jene  aus  diesen
  hervorgegangen,  die  Kriegs-Geschichten  der
Bayern  nicht  wohl,  ohne  die  Kriegs-Geschichten
des  Welttheils,  erzählt,  die  staatsthümlichen  Verhältnisse
  Bayerns  nicht  wohl,  ohne  die  von  ganz
Europa,  berührt  werden  konnten.  Wennich  ferner
die  Geschichte  des  bayerischen  Heeres  mit  der  des
        <pb n="5" />
        III

bayerischen  Staates  waͤhrend  der  Regierung  des
herrlichen  Maximilians  Joseph  innig  ver—
schmolz,  so  ward  das  durch  die  Betrachtung  veranlaßt,
  daß  nur  aus  einer  getreuen  Darstellung
der  inneren  Verhältnisse  Bayerns  hervorleuchten
konnte,  was  Bayern  während  eines  Zeitraumes
von  sechs  und  zwanzig  Jahren  als  ein  getreuer
Bundes-Genoße  denen  Mächten  zu  leisten  vermochte,
denen  es  sich  mit  allen  seinen  Kräften,  mit  allen
seinen  Ueberzeugungen  hingegeben  hatte.

Möchte  es  mir  doch  gelungen  seyn,  die  allgemeine
  Stimme  dahin  zu  vereinigen,  daß  Bayerns
König  und  sein  Volk,  auch  wenn  die  heftigsten
Stürme  über  den  Welttheil  hinzogen,  nie  von  der
Bahn  strenger  Rechtlichkeik  abwichen;  daß  jede
Veränderung  in  den  staatsthümlichen  Grundsätzen
und  Verbindungen  Bayerns,  nur  von  dringenden
Umständen  und  gebieterischen  Einwirkungen  veranlaßt
  worden,  jedoch  immer  mit  jener  Freimüthig-=keit
  und  Offenheit  geschehen  waren,  welche  das
Vertrauen  der  Bundes-Genoßen,  die  Achtung  selbst
der  Feinde  in  Anspruch  nehmen  mußten;  daß  Mäßigung
  und  Treue  in  eingegangenen  Verbindlichkeiten
  die  vorherrschenden  Grundsätze  der  Regierung
  Bayerns  waren;  daß  sich  Bayerns  König
und  sein  Volk  nie  von  der  regen  Theilnahme  an
dem  Wohle  des  gemeinsamen  deutschen  Vaterlandes
  lossagten  und  dem  Wohle  desselben  jederzeit
das  edelste  Blut  und  die  edelsten  Kräfte  mit  Freudigkeit
  zum  Opfer  brachten.
        <pb n="6" />
        IV

Moͤchte  ferner  mein  ernstes  und  einziges  Streben
  folgenreich  gewesen  seyn,  die  glänzenden  Waffenthaten
  eines  Heeres  der  Vergessenheit  zu  entreissen,
  welches,  nur  gewohnt  den  Befehlen  seines
Herrschers  und  seiner  Obern  zu  gehorchen,  nur  der
Stimme  der  Ehre  zu  folgen,  jeder  Einwirkung
dusserer  Umstände  und  eigener  Meinung  entsagend,
auch  während  der  schwierigsten  Zeit-Erscheinungen,
nie  einen  Verräther  in  seinen  Reihen  erblickte,
wohl  aber  den  Verlust  von  vielen  Tausenden  getreuer
  Waffen  =  Gefährten  auf  den  verschiedenen
Schlachtfeldern  zu  betrauern  hatz  eines  Heeres,
welches  auf  der  Stufe  der  Ausbildung,  auf  welche
es  Maximilian  Joseph  erhob,  und  auf  welcher
  es  König  Ludwig  zu  erhalten,  und  durch
zeitgemäße  Verbesserungen  und  Veränderungen  zu
befestigen  verheißt,  als  eine  der  kräftigsten  Stützen
des  von  einem  treuen  tapferen  Volke  umgebenen
Thrones  erscheint;  eines  Heeres,  welches,  tapfer
und  unerschütterlich  treu  im  Kriege,  unterthan  dem
Gesetze  und  ausübend  jede  staatsbürgerliche  Tugend
während  des  Friedens,  folgenreich  strebend  nach  höherer
  Ausbildung  und  soldatischer  Vollkommenheit,
dem  einstigen  Bundesgenoßen  willkommen,  den
Feinden  des  Vaterlandes  und  der  bestehenden  Ordnungen
  furchtbar  erscheinen  soll  und  muß.

Die  Quellen,  aus  denen  ich  vorzugsweise  die
Einzelnheiten  meines  Gemäldes  schöpfte,  waren  die
verschiedenen  Archive,  die  amtlichen  Berichte  der
verschiedenen  Heerführer,  insbesondere  der  bayeri-
        <pb n="7" />
        V

schen  Heerfuͤhrer  und  deren  schriftliche  und  muͤndliche
  Ueberlieferungen,  an  deren  Spitze  ich  vor  Allem
  die  muͤndlichen  und  schriftlichen  Mittheilungen
Sr.  koͤniglichen  Hoheit  des  verstorbenen  Prinzen
Eugen,  Herzogs  von  Leuchtenberg,  und  Sr.
Durchlaucht  des  Feldmarschalls  Fuͤrsten  Wrede
zu  nennen  wage,  die  mancherlei  über  die  verschiedenen
  Krieges=  und  staatsthümlichen  Ereignisse  erschienenen
  trefflichen  Werke  aller  Nationen  Europens,
  endlich  meine  eigenen  Erfahrungen  während
der  verschiedenen  Feldzüge,  welchen  ich  persönlich
und  immer  auf  einem  Standpuncte  beiwohnte,  von
welchem  ich  manche  entscheidende  Augenblicke  aufzufassen
  im  Stande  war.

Daß  ich  alle  diese  Quellen  mit  gänzlicher  Freiheit
  und  Unpartheisamkeit  meines  Gemüthes  und
Geistes  benutzte,  vermag  ich  zu  verbürgen,  jedoch
nicht  die  Unfehlbarkeit  meiner  Meinungen,  Ansichten
  und  Erzählungen,  da  keines  Sterblichen  Werk
von  Irrthümern  frei  und  tadellos  seyn  kann.  Ich
nehme  deshalb  im  voraus  die  Nachsicht  der  Kunstverständigen
  in  Anspruch,  welche  mich  schonend  beurtheilen
  werden,  wenn  sie  erfahren,  daß  nur  höhere
  Befehle  mich  auf  die  schwere  Bahn  eines  Geschichtsschreibers
  hinzuführen  vermochten,  ich  diese
Bahn  nicht  mit  unbedingtem  Vertrauen  in  meine
geistige  Kraft  zu  Lösung  so  schwerer  Aufgabe,  wohl
aber  mit  reinen  Empfindungen  und  einer  glühenden
  Liebe  für  meinen  König  und  mein  Vaterland,
        <pb n="8" />
        VI

und  das  Heer,  welchem  ich  anzugehoͤren  so  stolz
bin,  betrat.

Dem  edlen  Schweizer  Heinrich  Zschokke,
dem  gruͤndlichen  Forscher  und  Verfasser  der  Geschichten
  des  bayerischen  Volkes,  meinem  hochverehrten
  Freunde,  welcher  nur  aus  fortgesetzter  Liebe
für  Bayern,  und  trotz  seines  vielseitigen  Wirkens
und  seiner  Anstrengungen  für  sein  Vaterland  und
die  Menschheit,  meiner  Arbeit  durch  strenge  Beurtheilung,
  durch  gerechten  Tadel,  so  manche  Unvollkommenheit
  raubte,  sage  ich  hiemit  meinen  innigsten
  Dank  für  das  Geschenk  so  vieler  Augenblicke
einer  kostbaren  Zeit.

Die  bahyerischen  Officiere  von  Schallern,
Mackow,  Lau  und  Kienle,  so  wie  der  königliche
  Kupferstecher  Herr  Mayer,  haben  sich  große
Verdienste  um  die  schöne  und  fleißige  Ausführung
  der  diesen  Geschichten  beigefügten  Karten  und
Olane  erworben;  daher  ich  mich  verpflichtet  fühle,
deren  thätige  und  einsichtsvolle  Mitwirkung  öffentlich
  anzuerkennen.

München  im  May  1826.

Der  Verfasser.
        <pb n="9" />
        Inhalt  des  ersten  Bandes.

 

Ueberblick  der  Jahre  1780  —  1799.

Seite

1l.  Europens  Zustand  im  Allgemeinen,  und  des  bayerischen
Staates  insbesondere,  beim  Ausbruch  der  französischen
Staats-Umwalzung.  *  1

2.  Rumfords  Verbesseruugen  im  baverischen  Heerwesen  7

3.  Bayerns  Theilnahme  am  Reichskrieg  bis  1797.  Der

Friede  von  Campo-Formio.  11
4.  Maximilian  Joseph  tritt  die  Regierung  an.  Sustand  -
Bayerns,  der  Finanzen,  des  Heerwesens.  .  618

Zweites  Buch.

1.  Uebersicht  der  Kriegs-Begebenheiten  im  Jahre  1799

bis  zur  Schlacht  von  Stockach  25
2.  Begebenheiten  in  Italien  und  der  Schweiz  bis  zur
Vereinigung  Moreaus  und  Macdonalds,  im  Juli.  30
5.  Von  der  Schlacht  bei  Novi  bis  zur  Schlacht  bei  Sürich

im  September  1700.  .  41
53.  Die  letzten  Begebenheiten  des  Feldzuges  1799  .  653
5.  Neue  Rüstungen  zum  Feldzug  1800  60

6.  Wiederanfang  der  Feindselchtsiten  in  Deutschland.  Die
Schlachten  bei  Stockach,  Engen,  Möskirch,  Memmingen
  und  andere  Gefechte  bis  zum  14.  Mai  1800o  35

reffen  und  Gefechte  in  Schwaben  und  Bayern  bis  zum
Parsdorfer  Waffenstillstand  am  15.  Juli  1800.  .  102
8.  Gang  des  Feldzuges  in  Italien,  bis  zur  Schlacht  bei

Marengo,  14.  Juͤni  1800  129
9.  Waffenstillstand.  Erneuerung  und  Gang  des  Feldzuges
bis  zur  Schlacht  von  Hohenlinden.  154

10.  Verfolg  der  Krieges-Ereignisse  bis  zum  Lüneviller
Frieden.  ·  s  4  4  4  r  r  4  169

Drittes  Buch.

1.  Bayerns  Länderverlust  und  Entschädigung  nach  dem  Lüneviller
  Frieden  .  107

2.  Anstrengungen  der  Regierung  von  Bayern,  die  Kräfte  .
des  Staates  zu  entwickeln.  205
        <pb n="10" />
        3.

6.

5.

6.

Bayern  über  den  Inn.  .

Seite
Ausbruch  des  Krieges  zwischen  Frankreich  und  Oesterreich
  im  Jahre  1805.  —  Bayerns  gefahrvolle  Stellung
und  Entscheidung  für  Frankreich  gegen  Oesterreich.  216
Innere  Bildung  des  bayerischen  Heeres.  Vereinigung
desselben  mit  Marschall  Bernadotte.  Anfang  der  Feindseligkeiten.
  .  „  „  „
Gefechte  bei  Rain,  Werthingen,  Günzburg.  Befreiung
  Münchens.  Macks  Capitulation  in  Ulm.  Werneks
  Capitulation  in  Trochtelfingen.  Erzherzog  Ferdinands
  Zug  nach  Bohhen
Kleiner  Krieg  an  den  Grenzen  Tyrols.  Die  Veste
Oberhaus.  Uebergang  des  französischen  Heeres  und  der
.  244

220

232

7.  Kampf  bei  Salzburg,  Reichenhall  und  in  TForol.  .  250

8.
0.
10.

11.
12.

1.
2.
5.

Ueberblick  der  ferneren  Ereignisse  im  Tyrol,  in  Verbindung
  mit  den  Kriegs-Begebenheiten  in  Italien.  260
Rückzug  des  russisch  =  österreichischen  Krieges-Heeres

über  Krems  und  Wien  nach  Mahren.  271
Gefechte  und  Treffen  bei  Iglau  zwischen  Erzherzog

Ferdinand  und  Generallieutenant  Wrede.  270
Die  Schlacht  bei  Austerlitz.  .  .  ..  .3
Waffenstillstand  und  Friede.  Folgen  desselben.  .  312

Viertes  Buch.

Umriß  der  statsthümlichen,  Verhältnisse  Europens  nach
dem  Presburger  Frieden  im  Jahre  1306.  .  .

Fotsetzung.  Blick  auf  die  nördlicheren  Staaten.
Preußens  Stellung  bis  October  1800.  13

Eröffnung  des  Feldzuges.  Gefechte  bei  Schleitz  und

Saalfeld.  Schlacht  bei,  Jena  und  Auerstädt.  .  24

4.
5.
6.
7.

8.

9.

10.

12.  Blick  auf  die  belagerten  Festungen  von  Danzig,  Grau-15.

  Die  Schlachten  bei  Heilsberg  und  Friedland.  Rückkehr

fiechte  bei  Wartha  und  Königswalde.

Gefechte  vor  Glatz.
11.

Vernichtung  der  preußischen  Heeresmacht.  Fall  der
preußischen  Festungen  bis  im  Dezember  1806.  k4.  44
Einrücken  in  Polen  und  Schlesien.  Berennung  und
Einnahme  von  Gloanan.
Belagerung  von  Breslau.  Treffen  bei  Strehlen.  Ge-Echte
  bei  Oltatschin,  Schweidniz  u.  s.  w.  .  ..
innahme  von  Brieg.  Belagerung  von  Kosel.  Ge- 



Gang  des  Feldzuges  in  Polen  und  Preußen.  Gefechte

an  der  Ukkra.  Treffen  bei  Soldau  und  Nultusk.

Schlacht  bei  Eilau.  Gefecht  bei  Ostrolenka.  1505
Waffenruhe.  Rüstungen  zum  neuen  Feldzug.  .  122
Belagerung  und  vorläufige  Capitulation  von  Kosel.
*m  *  4  4  128
Verschiedene  Gefechte  in  Schlesien,  Eroberung  der
Festung  Neisse.  Vorläufige  Capitulation  der  Festung
Glatz.  Belagerung  von  Silberberg.  "

denz,  Kolberg,  Stralsund.  Gefechte  der  Bayern  an

der  Narew.  .  .  105

der  Bayern  nach  dem  Tilsiter-Frieden.  „  170
        <pb n="11" />
        Erstes  Buch

der

Kriegsgeschichte

von

Bapern

unter

Maximilian  Joseph  l.
        <pb n="12" />
        <pb n="13" />
        Ueberblick  der  Jahre  1769  —  1799.

———

1.

Europens  Justand  im  Allgemeinen,  und  des
baierischen  Staates  insbesonder  „  beim
Ausbruch  der  franzdsischen  Stagts-Umwälzung.


Se.  dem  Hubertsburger-Frieden  schien  die  Ruhe
unsers  Welttheils  auf  lange  Zeit  geborgen,  durch  Geist
und  Schwert  des  großen  Kbnigs  von  Preußen  bewacht,
und  gewissermaßen  im  Gleichgewicht  aller  Staaten,  ihrer
  Kräfte  und  Interessen  gegründet.  Frankreich,
Großbrittannien,  Oesterreich,  Preußen  und
Rußland,  bildeten  die  Mächte  ersten  Ranges.  Ihnen
angeschlossen,  als  Glied,  stand  Deutschland;  zwar,
mit  unentwickelten  Kräften,  jedem  großen  Umstoß  weichend,
  aber  durch  gegenseitige  Eifersucht  jener  Kronen,
als  eine  unverletzbare  Vormauer  Aller,  geehrt.  —  Spanien,
  Dänemark,  Schweden,  die  General-=staaten,
  nahmen  in  der  Stufenfolge  der  Mächte  den
zweyten  Platz  ein;  —  die  italiänischen  Staaten,
wie  auch  die  Schweiz,  den  dritten.  Polen  hatte
schon,  seit  seiner  ersten  Theilung,  fast  alle  politische
Wichtigkeit  verloren.
1  r
        <pb n="14" />
        —  *1!  —

Dieser  wunderbare,  vielverheißende  Staatenbau  des
Welttheils,  durch  welchen  das  ganze  christliche  Europa
ein  einziges  Gemeinwesen  geworden  zu  seyn  schien,  und
in  welchem  alle  Vdlker,  wie  Glieder  einer  Familie,  mit
getrennten  Haushaltungen  lebten,  ein  Schwert  das  andere
  in  der  Scheèide  hielt,  —  er  ward  jählings  bis  in
seine  Tiefen  erschüttert.  Frankreich  machte  seine
Staats=  Umwälzung.

Das  Beispiel  des  Aufruhrs,  welches  dort  eine  ganze
Nation  den  Vdlkern  gab,  die  Jerstdrung  aller  Ehrfurcht
vor  bisher  heilig  geachteten  Ordnungen,  die  frevelosllen
Grundsätze,  welche  von  da  aus  wider  Thronen  und  Altäre
  gepredige  wurden,  die  wilden  Gräuel  ver  Gesetzlosigkeit,
  die  Lebensgefahr  der  kdniglichen  Familie  auf
dem  zusammenstürzenden  Thron  —  dies  alles  forderte
Mitleiden,  Ernst  und  Wachsamkeit  der  übrigen  Mächte
in  eben  dem  Verhältniß  auf,  wie  sich  in  den  andern
Nationen  einander  widersprechende  Leidenschaften,  Hoffnungen
  und  Besforgnisse  laut  machten.  Die  meisten  europäischen
  Hôfe  hielten  es  für  Pflicht  und  zweckgemäß,
durch  engere  Verbindungen  unter  sich,  und  mit  Waffengewalt,
  den  Unordnungen  Frankreichs  Schranken  zu
setzen.

Man  kennt  die  ungeheuren  Anstrengungen  des  ersten
Kriegesbundes  gegen  Frankreich,  an  welchem  mit  dem
gesammten  deutschen  Reich  auch  Pfalzbuaiern  Toeil
nehmen  mußte.  Mit  den  Vdlkern  des  deutschen  Reichs
kämpften  Oesterreich,  Preußen,  die  besten  Landtruppen
Engelands  und  Hollands,  gegen  Frankreichs  Ost=  und
Nordseite;  west=  und  südwärts  griffen  sardinische,  neapolitanische
  und  portugiesische  Heere  an.  Frankreichs
innere  Zerrüttung,  die  Auswanderung  seiner  besten  An-
        <pb n="15" />
        —  5  s—--führer

  zu  Land  und  zu  Wasser  schien  das  Spiel  der
Verbündeten  zu  erleichtern,  welches  kaum  ein  Wagstück

heißen  zu  konnen  schien.

Man  kennt  aber  auch  den  unerwarteten  Ausgang.
Während  Mangel  der  Uebereinstimmung  die  verbündeten
Mächte  lähmte,  wirkte  Frankreich,  als  ein  ungetheiltes
Ganzes,  durch  Verzweiflung  oder  Begeisterung  furchtbar
gestärkt,  nach  allen  Richtungen  entgegen.  Während  die
Berbündeten  sich  auf  die  Waffen  ihrer  eingeübten,  stehenden
  Heere  beschränkten,  bot  Frankreich  seine  ganze,
waffenfähige  mämliche  Bevolkerung  zur  Vertheidigung
auf.  Der  Schauplatz  des  Kampfes  ward  unermeßlich;
die  bisher  geubte  Strategie  verlor  die  Anwendung  ihrer
alten  Regeln  gegen  einen  Feind,  der,  in  ungezählter
Menge,  von  einem  Meer  zum  andern,  einen  ermüdenden
  kleinen  Krieg  führte;  ohne  Rücksicht  auf  Rang  und
Dienstalter  die  talentreichsten  und  kühnsten  Männer  an
die  Spitze  stellte;  Festungen  nur  sperrte  und  umging,
und  nur  die  Siege,  nicht  den  Preis  zählte,  mit  dem
sie  erkauft  wurden.

Der  Angriffskrieg  der  Verbündeten  ward  auf  diese
Weise  bald  in  einen  Vertheidigungskrieg  verändert.  Aber
in  diesen  bewies  während  eines  langen  Zeitraumes  hingegen
  auch  die  österreichische  Armee,  durch  Muth  und
Ausdauer  im  schwersten  Ungemach  und  Unglück,  wie  es
irgend  je  die  außerordentlichsten  Umstände  herbeiführen
konnten,  was  zum  Vertheidigungskrieg  nur  ein  Heer
vermag,  welches  in  allen  seinen  Bestandtheilen  wohl
organisirt  ist.  Nie  hatte  für  Oesterreichs  Schaaren  eine
verlorne  Schlacht  regellose  Flucht,  oder  Austdfung  zur
Folge.
        <pb n="16" />
        —  6  —

Damals  regierte  in  Baiern  Kurfürst  Kar!  Theodor.
  Während  Baiern,  seit  Anfang  des  18ten  Jahrhunderts,
  sein  Daseyn  aus  mancherley  Stürmen  mähsam,
oft  wunderbar  gerettet  ssh,  im  Jahre  1712  durch  den
Urrechter-Frieden,  im  Jahre  1745  durch  den  zu  Füssen,
im  Jahre  1770  durch  den  zu  Teschen  geschlossenen  Frieden;
  während  es  durch  den  Letzteren  einen  seiner  schdnsten
  Bestandtheile,  das  Innviertel  eingebüßt  hatte,  schien
es  beim  Regierungsantritt  Karl  Theodors,  durch  Vereinigung
  mit  der  Rheinpfalz,  an  Stärke  gewonnen  zu
haben.  Es  bildete  damals  einen  Staat,  von  beinahe
21  Millionen  Seelen,  bepölkert,  )  Aber  der  baierische
Staat,  wax  er  gleich  an  Flächen-Inhalt  und  Einkünften
  gewachsen,  hatte  darum  nicht  verhältnißmäßig  an
innerer  Kraft  zugenommen.  Denn  er  bestand  aus  drey
verschiedenen  dreyßig  bis  sechzig  Meilen  von  einander
entlegenen  Länder-Massen.

Dazu  kam,  daß  der  Vorfahr  Karl  Theodors,  Kurfürst
Marximilian  Joseph,  sich  mit  dem  friedlichen  Anbau
der  Wissenschaften  und  Künste  begnügt,  den  Wehrstand
fast  gänzlich  vernachläßiget  hatte.  Das  gesammte  Heer

6%  Die  dem  pfalzbaierischen  Scepter  zu  damaliger  Zeit  untere
worfenen  Länder  waren  wie  folgt:
das  Herzogthum  Baien  870,  808  Einwohnerg.
die  obere  Pfaaz.  171,764  „
Herzogthum  Neuburg  98,050  »
Herzogthum  Sulzbach.  51,541  „
Gesammte  alte  Kurpfälzische  Lande  auf
dem  linken  Rheinufer,  dann  die  kurpfälzischen
  binder  quf  dem  rechten
Rheinufer  756,000  "„
das  Herzogthum  Berg  ..*  261,500  „"„

Total-Summe  2,179,132  Einwohner.
        <pb n="17" />
        —  7  —

bestand  bey  seinem  Tode  im  Jahr  1777  u#r  aus  7228
Mann.“)Eine  Folge  dieser  Versäumung  war  zum
Theil  auch  nachher  der  Verlust  des  Innviertels  gewesen.

 

2.

Rumfords  Verbesserungen  im  baierischen
Heerwesen.

General  Graf  Rumford  erkannte  die  Gefahr  der
Wehrlosigkeit  zwischen  übermächtigen  Nachbarn,  und  in
einem  so  eisernen  Jeitalter.  Mit  rastloser  Thäütigkelt
verhütete  er  den  gänzlichen  Verfall  der  baierischen  Kriegsmacht,
  und  bereitete  er,  durch  Bildungs=  Anstalten  für
Artillerie  und  Reiterey,  ihre  Wiederherstellung  vor.

Ende  Jahrs  1788  bestand  das  pfalzbaierische  Heer
aus  10,267  Mann  und  620  Pferden,  jedoch  mit  Inbegriff
  von  301  Mann  Artillerie.  Letztere  war  unverhältnißmäßig
  gering.  Auf  1000  Mann  Fußvolk  kamen  also
nur  25  Mann  Artillerie,  wo  Preußen  für  eine  solche
Zahl  Fußvolks  32  Mann,  Sachsen  85,  Frankreich  und
Hesterreich  noch  mehr  zählrten.  Rechnete  man  aber  die
zum  Festungs-Dienst  unentbehrlich  nothwendige  Mannschaft
  noch  von  jener  geringen  Anzahl  ab:  so  blieben
für  die  gesammte  Armee  ohngefähr  nur  100  Mann  Artillerie
  übrig.

Eben  so  mangelhaft  war  das  Verhältniß  der  Stärke
der  Reiterey  zum  Fußvolk.  Ungerechnet  daß  die  Pferde

 

r  5078  Maun  Infanterie,
1230  Mann  Reiterel,  mit  jeboch  nur  00  Pferden,
510  Mann  Artillerle.

 

Eunme  7228  Mann.  49o0  Plerde.
        <pb n="18" />
        groͤßtentheils  unbrauchbar  waren,  hatten  sieben  Kavallerie-Regimenter
  nichk  mehr,  als  2830  Mann  und  nur
615  Pferde.  —  An  leichten  Truppen  aller  Art  fehlte  es.
Das  Infanterie-Bataillon  war  nur  100  Mann  stark;
jede  der  fünf  Staabs-Kompagnien  in  den  Regimentern
hatte  nur  zwey  Offiziere.  Der  gemeine  Mann  war  außerordentlich
  schlecht  bezahlt,  durch  Mißhandlung  und  Entwürdigung
  muthlos.  Das  „Unter  die  Soldaten  gestellt
„werden“  galt  als  Strafe,  wie  das  Juchthaus.  Wie
mag  der-für  die  Ehre  seines  Fürsten  und  Vaterlandes
begeistert  das  Leben  wagen,  dem  selbst  alle  Ehre  entfremdet
  ist?  —  Noch  mangelten  Schiffbrücken  und  Munitions
  =  Karren;  Kanonen  und  Mörser  hatten  wenig
Brauchbarkeit.  In  allem,  was  zur  Bewaffnung  und
Bekleidung,  oder  was  irgend  zur  vollständigen  Ausriistung
  eines  Heeres  erforderlich  ist,  wurde  der  empfindlichste
  Mangel  allgemein  gespürt.

Der  Generallieutenant  Graf  Rumford  empfing  daher
  im  Anfang  des  Jahres  1780  den  Auftrag,  eine
bessere  Bildung  des  Heerwesens  zu  veranstalten.  Er  bes
gann  damit,  der  großen  Masse  einen  edlern  Geist  zu
geben,  das  Selbstgefühl  des  gemeinen  Mannes  zu  erhdhen.
  Denn  nur  die  sittliche  Kraft  des  Menschen  isi  die
Grundlage  seiner  ganzen  Stärke.  Kein  Verbrecher,  kein
Auswurf  der  bürgerlichen  Gesellschaft  durfte  fürderhin  in
die  Reihen  derer  ausgenommen  werden,  die,  mirt  der
Todesweihe  für  Fürst  und  Vaterland  „nicht  nur  die  Ehre
Beider  schirmen,  sondern  Beiden  selbst  eine  Ehre  seyn
sollten.  Regiments-Schulen  entfernten  den  Müßiggang,
beschäftigten  die  Familien  der  Krieger,  und  bildeten  Geist
und  Herz  der  soldatischen  Jugend.  In  Friedens-Tagen
ward  durch  eigene  Militär-Arbeitshäuser,  oder  durch
        <pb n="19" />
        Anbau  von  Ländereien  für  Vermehrung  des  Verdienstes
und  Unterhaltung  der  Thätigkeit  gesorgt.  Die  Kapitulations
  =  Jeit  wurde  von  sechs  auf  acht  Jahre  ausgedehnt,
und  die  Aussicht,  nicht  nur  Unteroffizier=  sondern  auch
Offizier=  Stellen,  erhalten  zu  koönnen,  spornte  das  Ehrgefühl
  und  den  Fleiß  und  Muth  des  gemeinen  Mannes  an.

Der  Offizier  empfing  Vorbildung  in  der  Militär-Akademie.
  Beträchtliche  Gehaltsvermehrung,  (im  Ganzen
  mit  einer  jährlichen  Summe  von  55,000  fl.)  machte
ihn  von  kümmerlichen  Nahrungssorgen  frey.  Er  lebte
nun  dem  Berufe  des  Kriegers  ausschließlicher  und  williger.

Die  Stärke  des  Heeres  selbst  ward  für  die  ZJukunft
höher  bestimmt;  im  Friedensstand  auf  35,4124  Mann,
im  Kriegsstand  auf  37,020  Mann.  ")  Dazu  ein  beson- 



)  1.  Zwey  Feldjäger-Regimenter,  der  Stand  jedes  derselbenu
  zwey  Bataillons,  und  zwar  2700  Mann  stark  in
Friedenszeiten,  in  Kriegszeiten  jedes  Regiment  2012
Mann  stark.

2.  5  Grenadier-Regimenter,  8  Bataillons,  5440  Mann
stark  im  Frieden,  5825  im  Krieg.
14  Füßilier  =  Regimenter,  28  Bataillons,  10,040  Mann
stark  im  Frieden,  20,586  im  Krieg.
1  Garnisons-Regiment,  2  Bataillons,  1300  Mann
stark  im  Frieden,  1550  im  Krieg.
1  Artillerie-Regiment,  2  Bataillons,  1300  Mann
im  Frieden,  1456  im  Krieg.
2  Kürassier-Regimenter,  8  Escadrons,  15706  Mann
im  Frieden,  1472  im  Krieg.
4#  Chevaurlegers-Regimenter,  16  Escadr.,  2752  Mann
im  Frieden,  2044  im  Krieg.
2  Dragoner-Regimenter,  3  Escadrons,  1376  Mann
im  Frieden,  1472  im  Krieg.
Die  Stärke  der  ganzen  Armee  betrug  daher  44  Bataillons,
oder  176  Kompagnien,  32  Escadronen.
        <pb n="20" />
        derer  Inspeeteur  der  Infanterie  und  Kavallerie,  nebst
einem  Generalstaab  der  Armee  aufgestellt.  Doch  gieng
es  mit  der  beabsichtigten  Vermehrung  des  Heeres  duss
serst  langsam  von  Statten;  inzwischen  bestand  dasselbe
Ende  Jahrs  1701  schon  aus  10,000  Mann  mit  830  Pfers
den;  und  die  Artillerie  aus  605  Mann  und  64  Pferden,
da  Ende  Jahrs  1788  die  Artillerie  bloß  101  Mann  und
16  Pferde  gezählt  hatte.  Auch  die  verschiedenen  Vorrathshäuser
  füllten  sich  mie  Kriegs-Bedürfnissen.  Man
ldsete  das  bisherige  Jäger-Korps  auf,  welches,  aus
505  Mann  und  78  Pferden  zusammengesetzt,  den  Polizen##
dienst  im  gesammten  Baiern,  in  den  Herzogthümern
Neuburg  und  Sulzbach,  wie  auch  in  der  obern  Pfalz
versehen  hatte.  Dagegen  verlegte  man,  für  gleichen
Zweck,  die  vier  in  Baiern  garnisonlrenden  Kavalleries
Regimenter  auf's  Land,  und  zwar  so,  daß  die  daraus
den  Unterthanen  erwachsende  Last  um  vieles  erleichtert
  wurde.

Eine  Summe,  womit  bisher  nur  ohngefähr  20,000
Mann  unterhalten  worden  waren,  reichte  bey  diesen
neuen  Anordnungen  nun  hin,  in  Friedenszeiten  eine
Macht  von  31,680  Mann,  und  noch  dazu  besser,  denn
ehemals,  zu  halten.  Das  bewiesen  selbst  die  Untersuchungen,
  welche  von  einer  wegen  dieses  Gegenstandes
eigen  angeordneten  Kommission  sehr  gründlich  und  erschopfend
  gemacht  worden  waren.  Graf  Rumford
hätte  mehr  leisten  konnen;  aber  er  hatte  mannigfaltige
Schwierigkeiten  und  Vorurtheile  zu  bekämpfen.  Daher,
und  bey  den  beschränkten  Mitteln,  welche  ihm  zu  Gebot
  standen,  war,  beim  Ausbruch  des  ersten  Krieges
gegen  Frankreich,  das  baierische  Heer  noch  nicht  in  eilz
nem  Zustande,  der  den  Gefahren  angemessen  schien.
        <pb n="21" />
        —  11  —

die  damals  drohten.  Es  bestand  überhaupt  aus  18  Regimentern,
  nebst  der  nothigen  Artlllerie-Mannschaft.)

 

5.

Bayerns  Theilnahme  am  Reichskrieg  bis
1707.  Der  Friede  von  Campo-Formuio.
Zur  Erdffnung  des  ersten  Feldzuges  stellte  Carl

Theodor  ein  Contigent  von  vier  Bataillons.*)  Dieses

  ward  mit  zur  Belagerung  von  Mainz  gezogen.

Vom  30.  März  1705,  dem  Tage  da  es  vor  dieser  Festung

  eintraf,  bis  zur  Uebergabe  derselben,  leistete  es

ausgezeichnete  Dienste.  Mehr  als  einmal  erkannte  Kdnig
  Friedrich  Wilhelm  II.  von  Preußen  den  Werth  dieser
  Leistungen  öffentlich  an.  Am  27.  September  empfing  es
die  Bestimmung,  einen  Theil  des  Heers  zu  bilden,  welches
  Landau  einschließen  sollte;  es  besetzte  (15.  October)
  unter  dem  Obristen  Grafen  Nogorola,  die  Festung
  Lauterburg;  nahm  an  den  Gefechten  bey  den
Dorfschaften  Frischweiler,  Marzweiler  und  Werth  (am
22.  December)  lebhaften  Theil;  diente  darauf  bey

*)  4  Grenadier-2
  Jäger-44
  Infanterie-2
  Kürassier-  Regimenter.
2  Dragoner-4
  Chevaurlegers-*“)

  Zum  Ober-Rheinischen  Kreise  wegen  der  Pfalz,  an  Infanterie
  1299  Mann,  für  Neuburg  und  Sulzbach  534

Mann,  zum  Niederrheinischen  =  und  Westphälischen  Kreis
573  Mann.
        <pb n="22" />
        Deckung  des  Rückzuges  bis  zum  Geisberg  bei  Weißenburg,
  und  empfing  gegen  Ende  des  Jahrs  seine  Winterlager
  diesseits  dem  Rhein.

Im  folgenden  später  erdffneten  Feldzug  dem  dsterreichischen
  Corps  unter  dem.  Fürsten  Hohenlohe  zugetheilt,
  darauf  (am  8.  August  1704)  der  preußischen  Armee
beigegeben,  zeichnete  es  sich  unter  dem  pfalzbaperischen
General  Grafen  Dsenburg  bep  dem  Angriff  des  Fürsten
von  Hohenlohe-  Ingelfingen,  gegen  die  franzdsische
  Stellung  auf  dem  Matzenberg  (am  20.  September)
ruhmhaft  aus.  ODer  österreichische  Feldmarschall-Lieutenant
  Risch  anerkannte  (unterm  2.  July  1700)  dffentlich
das  ehrenvolle  Betragen  des  zweyten  Feldjäger-Bataillons
  Closmann,  und  des  ersten  Bataillons  Herzog  Wilhelm-Birkenfeld
  bey  dem  Vorfall  von  Waghurst  ohnweit
  Stollhofen  Cam  28.  Juny  17007“).  Ein  Bataillon

——

*)  Das  pfalzbayerische  Contigent  ward  im  Jahre  1706  durch

5  Bataillons  gebildet,  und  zwar  aus  folgenden  Bataillons:

1)  aus  einem  aus  den  beiden  Feldjäger-Regimentern  zusammengesetzten
  Bataillon,  unter  dem  Obristlieutenant
Elosmann.

2)  aus  dem  isten  Bataillon  des  isten  Füßilier-Regiments
(Herzog  Wilhelm  Birkenfeld.)

5)  aus  einem,  aus  allen  niederländischen  Regimentern  gebildeten
  Bataillon  unter  Obristlieutenant  Lamotte.

4)  aus  einem  Bataillon  des  öten  Füßilier-Regiments  (damals
  Salern),  endlich

5)  aus  einem  Bataillon  des  öten  Füßilier-Regiments  (gegenwärtig
  Herzog  Pius).

UAlle  diese  Bataillons  hatten  zwar  nur  4  Compagnien,
diese  hatten  aber  die  Stärke  von  215  gemeinen  Männern;
in  gleichem  Verhältniß  war  die  Zahl  der  Ober=  und  Unterofficiere
  gesteigert.
        <pb n="23" />
        —  13  —.

des  sechsten  Füßilier-Regimentes  erndtete  (am  22.  July)
im  Gefecht  bey  Eßlingen  Zufriedenheit;  und  das  Feldjäger-Bataillon
  Clesmann  im  Gefecht  bey  Aalen  (am
2.  August)  das  dffentliche  Lob  des  Fürsten  Johann  von
Lichtenstein,  (in  seinem  Schreiben  vom  5.  August  aus
Wallerstein.)  Im  Gefecht  bey  Gundelfingen  (7.  August),
dann  bey  Medingen  (8.  August)  hatte  das  Konringent,
unter  seinem  Anführer  Grafen  von  Penburg,  keinen
geringen  Theil  am  Kampf.  In  dem  Treffen  bey  Geisenfeld
  (1.  September  1700)  erwarben  sich  die  beiden  Kontingent-Bataillons
  und  ihre  Anführer,  der  General  Vsenburg,
  neuen  Ruhm.  Letzterem  wurde  das  Pferd  unter
dem  Leibe  gerbdtet,  der  Major  Markreuther  und  mehrere
andere  Offiziere  starben  den  Tod  fürs  Varerland,  auch  der
Verwundeten  Zahl  war  nicht  gering.  Die  Bataillons  Wilhelm
  Birkenfeld  und  Lamotte,  wie  sehr  sie  auch  durch  außerordentliche
  Anstrengungen  schon  erschopft  waren,  machten
  sich  noch  im  blutigen  Kampf  bey  Langenbrück  (15.
September)  ehrenvoll;  und  in  den  Gefechten  bey  Grot.
und  Haslang  stritten  eben  dieselben  Bataillons,  wenn
auch  gegen  einen  sechsmal  überlegenen  Feind  nicht  glücklich,
  doch  der  Achtung  würdig,  und  fast  bis  zur  gänzlichen
  Vernichtung  standhaft.  Es  war  am  2.  Oct.  17060,
ale  endlich  die  beiden  mehrgenannten  Bataillons  den  außerordentlichen
  Anstrengungen  in  der  Schlacht  von  Biberach,
beinahe  gänzlich  unterlagen.  Ourch  großen  Verlust  beinahe
  ganz  aufgelößt,  zog  der  General  Graf  Ysenburg  mit
deren  Trümmern  nach  München  zurück,  während  die  übrigen
  drev  Bataillons  unrer  dem  Kommando  des  Obristen
Bartels  bepy  der  Rhein-Armee  verblieben  Auch  ließ  Erzherzog
  Karl,  bey  der  Schlacht  von  Würzburg,  der  hervors
stechenden  Tapferkeit  des  ersten  Feldjäger  -Bataillons  und
        <pb n="24" />
        des  Bataillons  vom  sechsten  Fuͤßilier-Regiment  volle  Gerechtigkeit
  wiederfahren,  waͤhrend  das  fuͤnfte  Bataillon  des
Kontingents,  (das  Bataillon  des  sechsten  Füßilier-Regiments
  unter  dem  Obersien  von  Triva,)  als  Besatzung
von  Philippsburg,  (bis  zum  20.  Februar  1797)  denehrenden
  Beifall  des  Festungs-Kommandanten  gewann,  und
dann,  wieder  vereinigt  mit  jenem  Regiment,  zur  Vertheidigung
  Mannheims  gebraucht  wurde.  So  bewährten
  die  Baiern  überall,  daß  sie  noch  ihres  alten  Krieger-Namens
  würdig  waren.

Unterdessen  erlag  ihr  Vaterland,  Altbatern,  allen
Uebeln  des  Krieges.  Erst  jahrlaung  den  immerwährenden
  Durchzugen  kaiferlicher  und  anderer  Krieges-Volker
preis  gegeben,  ward“  es  im  Jahre  1706  endlich  selbst
der  Schauplatz  des  verwüsterischen  Kampfes.  Alle  bürgerliche
  Ordnungen  drohten  dem  Jusammensturz.  Die
böffentliche  Verwaltung  war,  durch  Anwesenheit  und  Eingreifen
  fremder  Heere  in  die  innersten  Staatsverhältnisse,
  zerrissen  und  gelähmt.  Die  schdnsten  Provinzen
lagen  vom  Feinde  besetzt,  oder  schon  zu  sehr  erschöpft
da,  um  die  wachsenden  Bedürfnisse  des  ganzen  Landes
stillen  zu  können.  Die  Landes-Kassen  leer,  die  Lebensbedürfnisse
  aller  Art  #verzehrt,  der  Credit  tief  schwankend,
  erwartete  Baiern  in  dumpfer  Ohnmacht  die  Entscheidungen
  des  Schicksfals.

Da  begannen  die  Unterhandlungen  des  Friedens  zu
Campo-Formio.  Baiern  genas  zu  neuen  Hoffnungen.
Denn  die  treue  Anhänglichkeit,  die  unbedingte  Hingebung,
  welche  Karl  Theodor  dem  dsterreichischen  Kaiserhause
  in  den  verhängnißschweren  Tagen  und  Jahren
bewiesen  hatre,  —  die  zahllosen  Opfer,  welche  er,  mit
Oeffnung  aller  seiner  Hülfsquellen,  gebracht  hatte,  be-
        <pb n="25" />
        rechtigten  wenigstens  zu  der  Erwartung,  das  Wiener-Kabinet
  werde  die  kraͤftigsten  Bemuͤhungen  anwenden,
dem  Hause  Baiern  eine  angemessene  Entschaͤdigung  fuͤr
den  Verlust  seiner  Lande  auf  dem  linken  Rheinufer  zu
bewirken.

Aber  der  Friede  ward  den  17.  October  1707  abgeschlossen.
  Der  fuͤnfte  Artikel  desselben  vernichtete  jede
Hoffnung.  „Die  fraͤnkische  Republik,“  so  lautete  der
Artikel,  „wird  sich  dahin  verwenden,  daß  Se.  Majestaͤt
„der  Kaiser.  in  Deutschland  das  Erzbisthum  Salzburg
„und  den  zwischen  diesem  Erzbisthum  und  den  Fluͤssen
„Inn  und  Salza  und  dem  Tirol  gelegenen  Theil  des
„baierischen  Kreises,  mit  Einschluß  der  Stadt  Wasser-„burg
  auf  dem  linken  Ufer  des  Inn,  mit  dem  Um—
okreise  eines  Striches  von  30,000  Geviertschuhen  erhalte.“

Also,  ungerechnet  den  Verlust  seiner  bedeutenden
Besitzungen  auf  dem  linken  Rheinufer,  sollte  nun  Baiern
noch  eine  Provinz  von  fünf  Städten,  sieben  Märkten,
sechs  Kldstern,  76  Hofmarken  oder  adelichen  Gütern,
über  1500  Odrfer,  Weiler,  Einddhöfe,  einen  Flächenraum
  von  mehr  denn  sechzig  Geviertmeilen,  eine  Bevoͤlkerung
  von  82,847  Seelen,  nebst  den  Eisenwerken  zu
Aschau  und  Bergen,  und  den  Salzwerken  von  Reichenhall
  und  Traunstein,  die  jährlich  bey  500,000  fl.  Ertrag
lieferten,  und  in  Folge  von  dem  Allen,  auch  jede  militärische
  Gränze  gegen  Süden  einbüßen.  So  war  denn
Batern  auch  für  die  Zukunft  damit  seiner  natürlichen
Schutzwehr  gegen  allfällige  Unternehmungen  des  großen
Nachbarstaates  beraubt.  Denn  nicht  sowohl  der  Inn,  als
vielmehr  die  Salzach  bis  zu  ihrem  Ursprung  in  der
Tauernkette  sollten  Baierns  Gränze  bilden,  deren  Sichekung
  gegen  Mittag  ein  kleiner  Strich  des  an  Tirol
        <pb n="26" />
        —  10  —

gränzenden  Gebirgs  begründen,  und  die  sich  ostwärts
bis  zur  Iller  ausdehnen  müssen,  um  nur  einigermaßen
von  Natur  stark  zu  seyn.  Nun  aber  sollte  selbst  Wasserburg,
  wo  der  Inn  eine  tiefe  Einbiegung  in  Baiern
macht,  verloren  werden,  wodurch  ein  großer  Theil-Niederbaierns
  umspannt,  die  Hauptstadt  München  selbst
aus  der  Nähe  bedroht  wird.  Der  Inn  sollte  Gränze
heißen,  er,  von  dessen  höherm  rechten  Ufer  das  linke
beherrscht  wird.

Ein  Verlust,  wie  dieser,  erregte  Ahnungen,  daß
früher  oder  später  vielleicht  Pfalzbaiern  auch  verurtheilt
werden  konnte,  dem  Hause  Oesterreich  fernere  Entschädigung
  nach  unglücklichen  Kriegen  zu  geben.

Bey  Erdffnung  des  Rastadter-Kongrefses  war  die
erste  Forderung  der  franzdsischen  Bevollmächtigten  zu
einer  Grundlage  des  Friedens  der  Republik  mit  dem
deutschen  Reich:  unbedingte  Abtretung  des  ganzen  linken
  Rheinufers,  mit  Einschluß  des  burgundischen  Kreises;
  das  heißt,  einer  deutschen  Ländermasse  von  1,200
Geviertmeilen  Flächenraums.  Eine  solche  Forderung
ließ  eine  nahe  Erneuerung  des  großen  Vdlker-Kampfes
vermuthen.  Daß  zu  derselben  Zeit  die  öfterreichische
Armee,  laut  Uebereinkunft  des  Feldzeugmeisters  Latour
mit  Buonaparte,  sich  Cam  10,  December  1707)  vom
Rhein  hinter  den  Lech  zurückzog,  auch  sogar  (30.  December)
  Mainz  räumte,  beurkundete,  daß  Oesterreich
entschlossen  war,  das  Ende  des  verderbenvollen  Krieges
auch  mit  den  schwersten  Opfern  zu  erkaufen.  Die  Franzosen
  hingegen  besetzten  nicht  nur  Mainz  und  den  Bruckenkopf
  von  Mannheim,  sondern  blockirten  auch  die
Festung  Ehrenbreitstein.

Ein  selten  erhdrtes  Kriegsglück  hatte  die  Macht  der

franzoͤ-
        <pb n="27" />
        franzoͤsischen  Nation  außerordentlich,  aber  auch  nicht
minder  ihren  stolzen  Uebermuth  gesteigert.  Da  stand  sie,
im  Herzen  Europens,  auf  einer  nach  allen  Seiten  abgerundeten
  Ländermasse,  dreyßig  Millionen  stark,  ihre
Gränzen  bis  zum  Rhein  und  den  Alpen  vorgerückt.  —
Im  Norden  mußte  ihr  die  batavische  Republik,  im  Süden
  die  ligurische  und  cisalpinische  zum  Bollwerk  dienen;
Spanien,  Sardinien  und  die  Schweiz  lagen  unter  ihrem
Einfluß  und  Machtgebot.

Aber  da  zertrümmerte  Nelson  pleotzlich  in  der
Schlacht  von  Abukir  die  franzdsische  Seemacht,  und  der
Hafen  von  Alerandria  ward  blokirt,  und  Buonaparte
mit  vierzigtausend  Mann,  der  Blüäthe  des  französischen
Heeres,  war  in  Aegypten  vom  übrigen  Europa  gerrennt.
Die  Pforte  kündere  gegen  Frankreich  den  Krieg  an,  und
Rußland  trat,  nach  Katharinens  Tode,  mit  der  Pforte
in  die  engste  Verbindung.

Diese  großen,  unerwarteten  Erscheinungen  wirkten
nicht  wenig,  daß  die  Vollziehung  des  Friedens  von
Campo-Formio  immer  mehr  verzdgert  ward;  daß  die
Unterhandlungen  zu  Rastadt  sogar  ins  Stocken  gerierhen,
ungeachtet  schon  die  Reichs-Depuration  in  Abtretung
des  linken  Rheinufers  gewilligt  hatte.  Zu  Selz  wurden
neue  Unterhandlungen,  aber  fruchtlos,  erdffnet.  —  Frankreich
  sah  sich  die  besiegten  Gegner  wieder  emporrichten.
Darum  bot  es  sogleich  200,000  Mann  zur  Ergänzung
seiner  Heere  auf.  Von  der  andern  Seite  sammelte
Oesterreich  alle  Kräfte,  befestigte  Ingolstadt,  Ulm  und
Passau  stärker,  und  sah  von  Norden  her  ein  rußisches
Hülfsheer  sich  gegen  seine  Gränzen  bewegen.  Kaiser
Paul  verhies  noch  eine  größere  Kriegsmacht  folgen  zu
lassen.

2
        <pb n="28" />
        Unter  diesen  furchtbaren  Vorbereitungen  zu  neuen
Kaͤmpfen  starb  Karl  Theodor,  Kuͤrfuͤrst  von  Pfalzbaiern.
  Es  war  am  16.  Februar  1799.

 

4.

Marimilian  Joseph  tritt  die  Regierung  an.
Zustand  Baierns,  der  Finanzen,  des
Heerwesens.

Wohl  selten  ward  einem  Thronfolger  mit  so  allgemeiner
  Begeisterung,  mit  so  unbedingtem  Glauben  an
eine  bessere  Zukunft,  sogleich  bei  seinem  ersten  Erscheinen,
  Huldigung  geleistet,  als  dem  bisherigen  Herzoge
von  Pfalz-Zweybrücken,  Marimilian  Joseph.  Man
schien  sich  der  schreckenvollen  Vergangenheit  nicht  mehr
zu  erinnern,  den  Druck  der  Gegenwart  nicht  mehr  zu
fühlen,  und  das  Drohen  der  Zukunfe  nicht  mehr  zu  fürchten.

Maximilian  Joseph  erkaunte  bald  den  verzweiflungsvollen
  Zustand  von  Baiern.  Es  gehdrte  mehr,  als
gewöhnlicher  Muth  dazu,  unverzagt  und  mit  fester  Hand
das  Ruder  eines  Staates  zu  ergreifen,  dem,  bei  innerer
Entkräftung  und  Zerrissenheit,  die  äußern  Stürme  unvermeidlichen
  Untergang  zugeschworen  zu  haben  schienen.
Der  neue  Kurfürst  zauderte  nichr.  Der  ihn  überall  umringende
  lebendige  Ausdruck  von  Liebe,  Zuversicht  und
Treue  seines  Volkes  hob  ihn.  Er  warf  den  Blick  auf
die  Gefahren,  welche  bevorstanden,  dann  auf  die  Mittel,
welche  das  Land,  ihnen  zu  begegnen,  darbot.

Aber  die  zu  seinem  Staate  gehdrenden  reichsten  Provinzen,
  die  Rheinländer,  waren  durch  die  Kriegsjahre
schon  so  erschöpft,  daß  sie  kaum  noch  Kraft  genug  hatten,
  ihre  eigenen  Provinzigl-Verwaltungen  gufrecht  zu
        <pb n="29" />
        halten.  Das  Herzogthum  Zweybruͤcken  lag  in  franzoͤsischer
  Gewalt.  So  blieben  nur  Baiern,  Neuburg,  Sulzbach
  und  die  obere  Pfalz  uͤbrig,  das  herbei  zu  schaffen,
was  zur  Rettung  der  Selbststaͤndigkeit  in  diesen  Augenblicken
  das  Dringendste  hieß:  Waffen  und  Geld.

Die  28  Regimenter  Karl  Theodors  waren  nicht
einmahl  mehr  vollzaͤhlig  vorhanden.  Vier  Infanterie-  ein
Grenadier=  und  ein  Dragoner-Regiment  von  Düsseldorf
im  Jahre  1705  nach  Baiern  gezogen,  waren  durch  zahlreiche
  Entlassungen  gänzlich  geschwächt  worden.  —  Eben
so  hatte  man  die  im  Jahre  1707  nach  Baiern  gezogenen
pfälzischen  Truppen,  (aus  einem  Grenadier-einem  Infanrerie
  „,  einem  Dragoner=  und  einem  Chevaurlegers-Regiment
  bestehend)  nur  noch,  wie  Stamm-Abtheilungen
  beibehalten.  Der  ganze  übrige  Theil  des  Fußvolkes
  betrug  in  der  Wirklichkeit  höchstens  3,000  Mann.
Die  acht  Kavallerie-Regimenter  befanden  sich  in  so  übelm
Zustande,  daß  sie  meistens  unberitten,  höchstens  700
Pferde  stark  waren.  Die  Zeughäuser  erblickte  man  leer.
Die  Pulver-Magazine  hatten  keine  Vorräthe,  selbst  das
von  Grünwald  keine,  von  wo  die  Oesterreicher  im  Jahre
1707,  bei  der  gewaltthätigen  Wegnahme  aller  Pulver,
140,  805  fl.  32  kr.  an  Werth,  fortgeführt  hatten.  In
Ingolstadt,  dem  einzigen  festen  Punkt  Altbaierns,  lag
dsterreichische  Besatzung  unter  dsterreichischen  Befehl;
und  doch  mußte  das  Land  Baiern  alle  Unkosten  und  Lasten
  zur  Anschaffung  der  ndrhigen  Vorräthe,  zur  Einrichtung
  der  Verrheidigungs-Anstalten  und  zur  Vermehrung
  der  Festunge-Werke  Ingolstadts  tragen.

Es  scheint,  daß  Karl  Theodor  in  seinen  letzten  Lebensjahren
  diesen  Verfall  des  Wehrstandes  lebhaft  genug,
durch  die  Rückwirkung  aller  daraus  enrsprungenen  Nach-2

  #
        <pb n="30" />
        —  20  —

theile,  empfunden  habe.  Denn  schon  im  Jahre  1702
sprach  er  seinen  Willen  aus,  man  müße,  bei  den  wachsenden
  Gefahren,  größere  Kräfte  zur  Selbsivertheidigung
aufbieten.  Er  äußerte  noch  im  Jahr  1708  den  Sctänden
  wiederholt,  es  sey  bei  dem  Druck,  welchen  das  Land
von  Feinden  sowohl,  als  von  kosispieligen  Freunden  dulde,
dringend  Noth,  eine  Achtung  gebietendere  Stellung  anzunehmen.
  Allein  er  gelangte  nicht  zum  Zweck.  Diesem
  hätte  eine  weisere  Verwendung  der  Staats-Eine
künfte,  und  von  Seiten  der  Stände,  die  Ueberzeugung
vorangehen  müssen,  daß  unter  so  außerordentlichen  Umständen
  außerordentliche  Anstrengungen  unvermeidlich  wären.
  Statt  dessen  fand  der  Kurfürst  immerwährenden
Widerstand,  und  das  Land  versank  in  immer  tiefere
Muthlosigkeit.  Denn  ganz  Baiern  war  von  zahlreichen,
ösierreichischen  Kriegsvolkern  überschwemmt,  während
feindliche  Heere  den  Gränzen  droheten.  Fast  unerschwingliche
  Lieferungen  wurden  fort  und  fort  ausgeschrieben,
während  die  Jersidrungen  und  Ausschweifungen  der  im
Lande  befindlichen  Kriegsvblker  nicht  zu  beschränken  waren.
  Dann  wurden  dazu  noch  die  Durchzüge  der  Russen,
  als  nahebevorstehend,  angekündigt,  die  Uebel  der
Gegenwart  mit  der  Furcht  der  zukünftigen  zu  vermehren.

Es  läßt  sich  schon  ahnen,  wie  unter  solchen  Verhältnissen
  die  Staatshaushaltung  beschaffen  seyn  mußte.
Die  Verwirrung  in  der  Verwaltung  der  Finanzen  war
so  groß,  daß  man  den  neuen  Beherrscher  von  Baiern
weder  den  wirklichen  Ertrag  der  dffenrlichen  Gefälle,
noch  sogar  die  Größe  der  Staatsschulden  mit  Bestimmtheit
  angeben  konnte.  Das  landschaftliche  Steuer=  und
Umschlagswesen  war  mit  einem  dichten  Schleier  verhüllt,
um  das  Unverhältnißmäßige  und  Verderbliche  in  demr
        <pb n="31" />
        —  21  —

selben  vor  den  Augen  des  Kurfürsten  zu  verbergen.  Einen
  großen  Theil  der  gesammten  Einkünfte  verschlangen
die  Verwaltungskosten.  Alle  Cassen  waren  schuldig.

Die  baaren  Geldbedürfnisse  des  Staats  wurden  für
das  Jahr  1700  auf  0,6760,372  fl.  44  kr.  angeschlagen;
aber  man  konnte  nur  auf  eine  wahrscheinliche  Einnahme
von  5.000,012  fl.  40  kr.  zählen.  ")  Folglich  ergab  sich,
wenn  man  den  Wehrstand  nicht  seiner  Nichtigkeit  überlassen
  wollte,  ohne  anders  ein  Deficit  von  3,780,000  fl.  4  kr.

Aus  einer  Uebersicht  gesammter  durch  den  Krieg  mit
Frankreich  mittelbar  oder  unmittelbar  veranlaßter  Ausgaben,
  die  theils  den  Staats-Cassen,  theils  den  Unterthanen
  in  den  oben  pfalzbayerischen  Landen  zur  Last
gefallen  waren,  ergab  sich  für  den  Zeitraum  von  sechs
und  einem  halben  Jahr  (nämlich  von  1703  bis  Juli
1700)  die  ungeheuere  Summe  von  29,025,668  fl.  Da- 



*)  Es  war  nämlich  das  eigentliche
  baare  Geld-Bedürfniß
  in  Rückständen  im  baaren
Geld  2,510,050  fl.  Söfr.

Hofzahlamts-Ausg.
br.  1100  2,523,525  51

Abrechnungsreste245,000-:

Schuldentilgung  210,000-=Strassen

  u.  Wasserbau
  250,0000

Salz-Spedition  s#30,000

Wehrstand  5/550,584  6

Lieferung  zur  österreich.
  Armee  425,385322

 

Summa

9,376,6  7  fl.  30  kr.

Wahrscheinliche  Geld-Einflüße
pro  1700:  «
Kameral  =  Gefälle  in  Bayern
2,555,  08  fl.  40  kr.
Ordinarien  der
Landschaft  720,000  -

———
Gefälle  O.  Pfalz,
Sulzbach  2c.500,551.=  :
Herzogthum  Neuburg
  171973z"

Extraordinarien  d.
Landschaft  1,000,000  -=  -
Contribution  d.
Geistlichkeit  70,000=  =  :

Summa  5,096,412  fl.  40kr.
        <pb n="32" />
        —  22  —

von  waren  unmittelbar  blos  fuͤr  den  Dienst  des  Kaisers
und  Reichs  18,352,832  fl.  gegeben,  und  11,272,836  fl.
als  Kriegsfolgen  berechnet.

Der  Krieg  allein  aber  hatte  nicht  die  dffentliche  Verarmung
  herbeigeführt.  Die  Quellen  des  Uebels  lagen
tiefer.  Das  Regierungs-Personal  war  übermäßig  zahlreich.
  Die  Gerechtigkeitspflege  gewährte  den  Unterthanen
  keinen  hinlänglichen  Schutz.  Der  Ackerbau  fand
nirgends  genugsame  Begünstigung.  Die  auf  falsche
Grundsätze  gebaute  Landes-Polizey  erstickte  allen  Gewerbsfleiß
  und  Handel.  Selbst  die  Erziehung  des  Volks
lag  vernachläßiget,  und  der  Zweck  der  vielen  geistlichen
Stiftungen  verfehlt.

So  war  der  Zustand  Baierns  in  dem  Jahre,  welches
  über  Seyn  und  Nichtseyn  eines  der  altesten  Stammvoölker
  Deutschlands  zu  entscheiden  drohte.

Was  Marximilian  Joseph,  durchdrungen  von
der  Größe  seiner  Herrscherpflichten  that,  die  Selbstständigkeit
  seines  Volkes  zu  retten;  wie  er  von  keinem  Hinderniß
  geschreckt,  von  keinem  Vorurtheil  verleitet,  die
geistige  Entwicklung  des  Volks,  den  Fortschritten  des
Jahrhunderts  gemäß,  begünstigte;  wie  er  die  Hülfs-Quellen
  des  Landes  dffnete,  und  je  nach  dem  Gebot
der  waltenden  Umstände  zweckmäßig  benutzte;  wie  er
neue  Heere  schuf,  und  sich  die  Vortheile  der  jetzt  anders
gestalteten  Kriegskunst  durch  Vermehrung  leichter  Truppen
  und  einer  gutbedienten,  schnellbeweglichen  Artillerie
aneignete,  daß  Baierns  Kriegsmacht  dem  Feinde  nicht
länger  verächtlich,  dem  Bundesgenossen  aber  wichtig
ward:  Dieß  werden  die  folgenden  Bücher  mit  strenger
Genauigkeit  und  Wahrheit  darstellen.
        <pb n="33" />
        TLweytes  Burh

der

PMKriegsgeschichte

von

BPapern

unter

Maxrimilian  JVosepb  I.
        <pb n="34" />
        <pb n="35" />
        —  26  —

 

Zweites  Buch.

———““““

1.

Uebersicht  der  Kriegesbegebenheiten  im
Jahre  1799  bis  zur  Schlacht  von  Stokach.

Miten  unter  den  Friedensverhandlungen  zu  Rastadt
begannen  die  Franzosen  gegen  andere  Nachbarnationen
Feindseligkeiten  und  Staatsumwälzungen.  Ihr  Verwandeln
  des  rdmischen  Kirchenstaats  in  eine  neue  Republik,
  ihr  Besetzen  der  Schweiz  unter  Aufldsung  des
eidsgendssischen  Bundes,  endlich  ibr  Eroberungszug  gegen
  Neapel  bedrohte  fort  und  fort  Festigkeit  und  Sicherheit
  aller  übrigen  Länder.  Deutschland  mußte  für  seine
natürlichen  Vertheidigungsgränzen,  Oesterreich  für  alle
Vortheile  seiner  geographischen  Lage  zittern.

Ohne  Glauben  an  den  Frieden,  wurd“  er  unterhaudelt.
  Man  schien  nicht  ihn,  sondern  den  großen  Schlag
vorbereiten  zu  wollen,  welcher  Europen's  Loos  für  immer
entscheiden  sellte.  Es  bewegte  sich  aus  dem  Norden  des
Welttheils  die  Macht  Rußlands  hervor,  und  in  Erwartung
  ihrer  Ankunft  sammelte  sich  das  große,  dsterreichische
  Kriegsheer  zwischen  Lech  und  Donau.  —  Auf  der
endern  Seite  hinwieder  sah  man  vier  Armeen  der  fran-
        <pb n="36" />
        —  26  —

zoͤsischen  Republik  in  Italien,  Helvetien,  Frankreich  und
an  der  Donau  rege  werden.  Alles  stand  im  Hornung
1799  zur  Ausführung  großer  Kriegsentwürfe  bereit.  Da
schwiegen  die  Unterhandlungen  in  Rastadt.

Wider  Frankreich  waren,  nebst  Grobbrittannien
und  Oesterreich,  zugleich  Rußland,  das  deutsche
Reich,  die  Türkei,  Neapel  und  dessen  zertrümmerte
Streitkräfte  in  Calabrien  und  Sicilien,  desgleichen  Portugal
  und  Sardinien.  Und  dieser  vereinter  Macht
des  grdßern  Theils  von  Europa  glaubte  die  junge,  stolze
Republik,  noch  trunken  von  ihren  frühern  Siegen,  mit
einer  weitzerstreuten  Kriegsmacht  von  höchstens  335,600
Mann,  Spitze  bieten  zu  können..)  Damit  wollte  sie
die  weite  Strecke  vom  Terel  bis  zur  sizilischen  Meerenge
vertheidigen,  während  die  unter  Oesterreichs  Feldherren

 

5  Frankreich  hatte  namlicht  in  Italien  41,  176  Mann
in  Neapel  ..  .«.-.25,590-iuPtemont......
  12,3360
auf  der  Insel  Korfu  ..-.  5,701  „
in  Malta  .  5,698  »
in  Korsika  ......»  5,156  „
die  holländische  ÄUimee  149,020„
Die  Mainzer  Armee  .  .66,083  2
Truppen  auf  den  Kuͤsten  und  im  Innern

Frankreichs  130070

Urmee  von  Englaud.  330652
in  Egyoptern  3410575

270,442  Mann

Siezu  noch  cisalpinische,  römische,  ligurische,  schweizer,  piemonteser
  und  volnische  Truppen,  an  Sahl  56,140  Mann,
mitgerechnet,  daher  eine  Summe  von  355,588  Mann-
        <pb n="37" />
        —  27  —

stehenden  Schaaren  von  beiden  Donauufern  bis  zur  Etsch
allein  107,000  Mann  betrugen.  Denn  am  linken  Donauufer
  stand  Feldmarschall-Lieutenant  Sztarray  mit
24,000  Mann,  zu  denen  auch  das  baierische  Contingent
gehbrte;  am  rechten  Donauufer,  längs  der  Iller  von
Ulm  bis  Kempten,  Erzherzog  Karl  mit  13,000;  an  ihn.
gelehnt  Feldmarschall-Lieutenant  Hotze  bei  Feldkirch
mit  18,000;  General  Auffenberg  in  Graubündten
(seit  10.  October  1708)  mit  6,000;  Feldmarschall-Lieutenantt
  Bellegarde  mit  18,000  in  Tirol,  welcher  hier
die  Verbindung  zwischen  dem  Erzherzog  und  dem  Feldmarschall-Lienkenant
  Kray  unterhalten  mußte,  der  mit
30,000  Mann  an  der  Etsch  stand.  Gegen  die  Etsch  zogen
  nun  auch  die  Russen.

Um  die  Vereinigung  dieser  letztern  mit  den  Oesterreichern
  in  Italien  zu  verhindern,  wollten  die  Franzosen
von  der  Schweiz  aus,  gegen  Tirol  hervorbrechen,  dadurch
den  Feldmarschal-Lieutenant  Kray  aus  seiner  Seellung  zurückzwingen,
  und  um  diesen  Hauptangriff  zu  verdecken,
die  ganze  Aufmerksamkeit  der  Oesterreicher  nach  der  Donau
  hinlenken.  Zu  dem  Ende  erhoben  sich  auch  hier
die  ersten  Bewegungen.  Zwischen  dem  iten  und  Sten  März
schritt  Fourdan's  Donau-Armee  über  den  Rhein;  zugleich
  besetzte  Bernadotte  Mannheim,  in  Folge  einer
zwischen  dem  franzdsischen  General  Ney  und  dem  pfalzbaierischen
  Kommandanten  Oberstlieutenant  Mann  geschlossenen
  Uebergabe  der  Stadt.  Zwar  auch  Philipps-=burg,
  wo  die  dreibaierischen  Contingentsbataillone  lagen,
wurde  von  den  Franzosen  aufgefordert,  doch  vergebens.
Bis  zum  4ten  März  war  Bernadotte  bis  Heidelberg
und  im  Nekarthal  bis  Heilbronn,  Vandamme  mit
        <pb n="38" />
        dem  Vortrab  des  Heers  durch  das  Kinzingthal  uͤber  den
Hornberg  bis  Villingen,  der  linke  Fluͤgel  unter  St.  Cyr
bis  Freudenstadt,  der  rechte  unter  Ferino  bis  Rheinfelden
  und  Waldshut  vorgeruͤckt.  So  drang  Jourdan
mit  Schnelle  aus  den  Schluchten  des  Schwarzwaldes
gegen  die  Donau  heran.

Erzherzog  Karl  seinerseits,  seine  Hauptstaͤrke  in
Schwaben  zusammenziehend,  und  Ulm  den  Stuͤtzpunkt
seines  rechten  Fluͤgels  mit  Besatzung  und  Lebensmitteln
versehend,  gieng  uͤber  den  Lech  dem  Feind  entgegen,  und
stellte  sich  bei  Memmingen  und  Mindelheim  auf.  Sein
rechter  Fluͤgel  lehnte  sich  an  Ulm,  sein  linker  an  Kempten.
  Was  links  der  Donau  bisher  von  seinen  Kriegsvoͤlkern
  gestanden  hatte,  zog  uͤber  Donauwoͤrth  und  Guͤnzburg
  herbei.

Jourdan,  welcher  ohne  Zweifel  erwartet  hatte,
der  Erzherzog  werde  sich  ganz  aufs  rechte  Donauufer
werfen,  sah  ihn  statt  dessen  zwischen  diesem  Fluße  und
dem  östlichen  Ufer  des  Bodensees  eine  Stellung  einnehmen,
  welche  zur  Vertheidigung,  wie  zum  Angriff  gleich
Vortheilhaft  war.  Das  bewog  ihn,  um  seine  eigne  Verbindung
  mit  Schafhausen  zu  sichern,  eilfertig  den  linken
  Flügel  unter  St.  Cyr  über  Rothweil  und  Duttlingen
  bis  Möskirch  näher  zu  sich  zu  nehmen.  —  So  standen
  nun,  nur  wenige  Tage  nach  verlassenen  Winterlagern
  und  schon  weit  von  denselben  entfernt,  zwei  furchtbare
  Heermächte  in  beinah  paralleler  Schlachtordnung
feindlich  gegen  einander  über,  jeden  Augenblick  des
Kampfes  gewärtig.

Unterdessen  aber  hatte  auch  von  der  Schweiz  aus
der  französische  Feldherr  Massena  seine  Unternehmun-
        <pb n="39" />
        gen  gegen  Graubuͤndten  begonnen.  Er  selbst  gieng  am
G6ten  Maͤrz,  vor  Tagesanbruch,  bei  Atzmoos  und  Sargans
  uͤber  den  Rhein,  und  bemeisterte  sich  des  Engpasses
vom  Luziensteige.  Links  ruͤckte  Oudinot  gegen  Bendern,
  rechts  General  Demont  uͤber  den  Kunkelserberg
gegen  Reichenau,  zwei  Stunden  von  Chur.  Die  Oesterreicher,
  an  der  untern  Zollbruͤcke  stark  verschanzt,  zogen
sich  in  der  folgenden  Nacht  aus  ihrer  dortigen  Stellung,
  uͤber  die  angeschwollene  Landquart,  erst  nach  der
obern  Zollbruͤcke,  dann  mit  ungleicher  Kraft  gegen  Mass
sena's  Uebermacht  kaͤmpfend,  bis  Zizers,  bis  Masans
und  Chur  zuruͤck.  Sie  hatten  auf  Unterstuͤtzung  vom
Feldmarschall-Lieutenant  Hotze,  aber  vergebens,  gehofft;
  denn  Hotze  selbst  war  vom  General  Oudinot
wieder  in  die  Stellung  bei  Feldkirch  zuruͤckgezwungen
worden.  So  ohne  Huͤlfe,  gab  sich  Auffenberg  zu
Chur  mit  seinem  Kriegsvolk  den  Franzosen  gefangen.
Denn  auch  zum  Ruͤckzug  in's  Tirol  uͤber  die  noch
tief  beschneiten  hoͤchsten  Alpenpaͤsse  war  ihm  wenig  Aussicht
  geblieben,  weil  der  franzdsische  Feldherr  Lecourbe,
am  gleichen  Tage,  da  Massena  über  den  Rhein  setzte,
von  Bellinzona  durch  Misoxerthal  über  den  Bernardino
in's  Domleschgerthal,  von  da  in  zwei  Abtheilungen  ins
Engadin  und  Bregell  gegangen  war.  Durch  die  glücklichen
  Gefechte  des  franzbsischen  Generals  Mainoni
(15ten  März)  am  Fuße  des  wilden  Seztimor,  bei
Casaccia  und  Borgo=  nuovo,  wurde  die  Besetzung
des  obern  Engadins  und  durch  Lecourbe's  Vororingen
bis  Martinsbruck  die  Besetzung  des  untern  Engadins,
mithin  die  vollendete  Eroberung  Bündtens  entschieden.
Jetzt  mußte,  sollte  der  große  Entwurf  Vollendung
erhalren,  noch  Tirol  und  Vorarlberg  genommen,  und
        <pb n="40" />
        damit  eine  gerade  Verbindung  der  franzoͤsischen  Heere
zwischen  Schwaben  und  Italien  bewirkt  werden.  Aber
da  scheiterte  Alles.  Denn  Hotze  behauptete  seine  Stel—
lung  bei  Feldkirch  gegen  Massena's  Stuͤrme  unerschuͤt—
terlich.  Erzherzog  Karl,  der  vom  Bodensee  hinweggedrückr
  werden  sollte,  trat  als  Sieger  aus  dem  Gefechte
an  der  Ostrach  (Ziten  März),  wie  aus  der  mbrderischen
Schlacht  bei  Stokach  (25ten  März).  Und  da  endlich
(Sten  April)  auch  der  französische  Oberbefehlshaber
Scherer  in  Italien  bei  Magnano  geschlagen  ward:
sahen  sich  die  Franzosen  überall  nur  auf  Selbstvertheidigung
  beschränkt.  Selbst  Lecourbe  und  Desolles
konnten  nun  ihre  vortheilhafren  Stellungen,  die  Schlussel
zum  Tirol,  nicht  länger  festhalten,  sondern  mußten  sich
in's  obere  Engadin  zurückziehen.

An  des  geschlagenen  Jourdan  Stelle  empfieng
nun  Massena  den  Oberbefehl,  sowohl  über  das  Heer
von  jenem,  das  bei  Kehl  über  den  Rhein  zurückgegangen
  war,  als  über  die  franzdsischen  Kriegsvdlker  in  der
Schweiz,  welche  an  beiden  Enden  des  Bodensees,  bei
Rheinek  und  Schafhausen  durch  Kunsi  und  Natur  starke
Stellungen  eingenommen  hatten.  Aber  bald  mußte  er
auch  Schafhausen  (15ren  April)  räumen.

2.

Begebenhelten  in  Italien  und  der  Schweiz,
bis  zur  Vereinigung  Moreau's  und  Macs
donalds,  im  Julyp.

Schon  hatten  die  Franzosen  in  Italien  sich  auf  den
Rückzug  gegen  die  Ufer  des  Oglio  und  der  Chiesa
        <pb n="41" />
        begeben,  die  Oesterreicher  schon  Mantua  zu  belagern,
Peschierra  zu  sperren  begonnen,  als  Feldmarschall
Suwarow  an  der  Spitze  seiner  Russen  (13ten  April)
zu  Verona  eintraf.  Die  rußisch  dsterreichischen  Heere
folgten  von  nun  an  den  Franzosen  auf  den  Fersen,  die,
unter  Moreau's  Oberbefehl,  über  die  Adda  nach
Mailand  zurückzogen.

Mächtigern  Widerstand  leisteren  sie  in  der  Schweiz,
wo  sie  mit  großer  Tapferkeit  einen  Angriff  auf  ihre
Stellung  bei  Constanz  zurückwiesen,  und  das  Engadin
gegen  alle  Anstrengungen  des  dsterreichischen  Feldherrn
Bellegarde  behaupteten.  —  Aber  der  Rückzug  Morau's
  jenseits  der  Alpen  zwang  auch  den  Oberbefehlshaber
  Massena  in  der  Schweiz,  zeitig  an  die  Wahl
einer  Stellung  zwischen  den  helvetischen  Gebürgen,  Stroͤ-men
  und  Sein  zu  denken,  wo  er  sich  auch  mit  geringern
Streitkräften  gegen  Uebermacht  halten,  und  selbst,  wenn
Moreau  gus  der  Lombardei  nach  Piemont  wiche,  nicht
alle  Verbindung  mit  dem  italienischen  Heere  einbußen
konnte.  Schon  waren  seine  Streitkräfte  durch  beträchtliche
  Absendungen  geschwächt,  während  Erzherzog  Karl
ihm  gegenüber  sich  bedeurend  verstärkte,  die  Vollzählige
machung  der  Reichscontingente  mit  Eifer  betrieb,  durch
eine  neugeschaffene  Flottille  Meister  des  Bodensees  ward,
und  ein  rußisches  Hülföheer  unter  Korsakow's  Anführung
  erwartete.

Dem  Erzherzoge  waren  die  Vortheile  nicht  unbekannt,
  welche  sein  Feind  aus  den  Oertlichkeiten  Helvetiens
  zu  ziehen  wußte,  und  es  mußte  ihm  daran  liegen,
Massena's  Aufmerksamkeit  von  da  hinwegzulenken.
Daher  ordnete  er  große  Bewegungen  längs  dem  deut-
        <pb n="42" />
        schen  Rhein  an,  von  Hünningen,  Mannheim  bis  Düss
seldorf;  unterstützte  die  bewaffneten  Bauern  der  Bergstraße,
  und  Sztarray  nußte  seine  Vorposten  bis  in
die  Nähe  von  Frankfurt  schieben.  Doch  Massena  ließ
sich  durch  das  Alles  nicht  irren.  Aber  seine  Lage  ward
bedenklicher,  als  Suwarow  (k2ten  April)  über  die
Adda  gegangen  war;  als  Vukkasowich  und  Rosenberg,
  die  ösierreichischen  Feldherren,  den  General
Serrurier,  auf  Moreaur's  linken  Flügel,  bei  Perderio,
  übermannt,  eingeschlossen  und  die  Waffen  zu
strecken  gezwungen  hatten;  als  endlich  die  Fahnen  der
verbündeten  Mächte  (am  23ten  April)  siegreich  in  Mailand
  einzogen.  Denn  nun  stand  Massena's  rechter
Flügel  in  Graubündten  vom  franzdsischen  Heere  in  Iralien
  abgebrochen.

Die  erste  Wirkung  davon  ward,  daß  der  am  Aussenende
  dieses  Flügels  im  Veltlin  stehende  General
Loison  nach  Chiarenna  und  Thusis  in's  Innere
Bündtens  zurückztehen,  daß  selbst  Lecourbe,  welcher
sich  noch  in  den  ersten  Tagen  des  Maimonds  im  Oberengadin
  gegen  Bellegarde's  wiederholte  Angriffe
männlich  behauptet  hatte,  nach  Bellinzona  zurückgehen
  mußte.  Inzwischen  war  diese  Bewegung  in  so
fern  für  Massena  vortheilhaft,  daß  er  dadurch  von
Bellinzona  her  den  Paß  über  den  Gotthardsberg
deckte,  wohinauf  von  der  andern  Seite  durch  den  Kanton
  Uri  General  Soult  die  Zügänge  frei  machte,  welche
ihm  das  aufgestandene  Landvolk  daselbst  sperren  wollre.

Nur  noch  das  vom  Rhein  durchstroèmte  Hauptthal
Graubündtens  war  in  Massena's  Gewalt.  Noch  hielt
der  Luziensteig  fest,  welchen  Hotze,  der  mit  20,000

Mann
        <pb n="43" />
        Mann  bei  Feldkirch  stand,  vergebens  stuͤrmte,  obgleich
ein  Aufstand  der  Bauern  im  grauen  Bunde  gegen  die
Franzosen  ihn  beguͤnstigte.  Massena  haͤtte  gern  durch
Bewegungen,  welche  er  links  im  Schwarzwald  gegen
den  Breisgau  machte,  den  Blick  des  Erzherzogs  von
Graubuͤndten  weggeleitet.  Allein  dieser  lies  sich  in  seinen
Entwuͤrfen  nicht  stoͤren,  um  so  weniger,  da  ihm  die
nahe  Ankunft  von  40,000  Russen  angekuͤndet  ward.  Graubuͤndten
  mußte  genommen  und  dadurch  Massena's  ganze
Stellung  verändert  werden.  Es  gelang.  Denn  während
die  Oesterreicher  über  Schafhausen  vorrückten  und  angriffen,
  stürmte  Hotze  (l#ten  Mai)  den  Luziensteig  noch
einmahl  und  mit  beßerm  Glück.  Die  Franzosen  wichen
in  Unordnung  nach  Sargans  und  Wallenstadt  von  der
einen,  und  nach  Ilanz  und  Disentis  im  grauen  Bund
von  der  andern  Seite.  Aber  Bellegarde,  von  Siden
  her  nach  Chur  gekommen  (16ten  Maih),  verfolgte
die  leztern  gegen  den  Crispalt  und  Gotthard,  Hotze
die  erstern  über  Wallenstadt  hinaus.  So  war  Graubündten
  von  den  Franzosen  geräumt.

Gleichzeitig  mit  diesen  Unternehmungen  geschahen
die  des  Oberfeldherrn  Suwarow  in  Italien.  Er  drang
mit  überlegener  Macht  Moreau's  franzdsischem  Heer
nach,  welches  sich  durch  die  Besatzungen  noch  mehr
schwächte,  die  es  in  die  verschiedenen  im  Rücken  bleibenden
  Festungen  werfen  mußte.  Er  wollte  Moreau
zwingen,  ehe  derselbe  Macdonalds  aus  Neapel  herziehende
  Heerhaufen  mit  sich  vereinigen  konnte,  ganz
Memont  und  die  Genuesische  Küste  zu  räumen;  er  wollte
dem  linken  Flügel  von  Erzherzogs  Karl  Armee  das
Spiel  gegen  den  Gotthard  erleichtern;  er  wollte,  während
  er  zugleich  die  Belagerungen  Mantua's,  Ferra-5
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        rais,  Ravenna's,  Ancona's,  Pizzighetone's,
Bolognass  u.  s.  w.  deckte,  schneller  die  Uebergänge
in  den  Appeninen  erreichen,  als  Macdonald,  um  diesen
  von  Moreau  abzuschneiden.  Das  war  sein  Ziel.
Und  darum,  als  auch  nebenbei  noch  den  General  Klenau
  bei  Ferrara  zu  unterstützen,  eentsendete  er  den
General  Ott  mit  einer  starken  Abtheilung,  dem  anr#-kenden
  Macdonald  entgegen.

Moreau  wich,  aber  Schritt  um  Schritt  fechtend,
aus  der  Lombardei  nach  Piemont,  besezte  hier  die  Citadelle
  von  Turin  stärker,  und  stellte  sich  hinter  dem  Po
und  Tanaro  vortheilhaft  auf,  indem  er  seinen  rechten
Flügel  bis  zu  den  Appeninen  ausdehnte,  von  wannen  er
der  Ankunft  Macdonald's  mit  Ungeduld  entgegen
sah.  Suwarow,  wie  geschwächt  er  auch  durch  Abgebung
  von  Kriegsvolk  zur  Belagerung  so  viel  hinter
ihm  liegend  gebliebener  Festungen  und  Citadellen  war,
konnte  und  wollte  seinen  klugen  Feind  in  dieser  Stellung
zwischen  Alessandrig  und  Valenzia,  Casale  und
Verua,  nicht  dulden.  Allein  weder  der  Uebergang  vom
größten  Theil  der  österreichischen  Armee  über  die  Serivia
  bis  Torre  di  Gorofolo,  noch  Suwarow's
Streithaufen  zwischen  den  Tanaro  und  die  Appeninen
geworfen,  noch  der  Gang  der  Oesterreicher  und  Rußen
über  den  Po  und  der  damit  verbundene  Angriff  des  feindlichen
  linken  Flügels  (den  11en  und  12ten  Mai)  ersch
  tterten  den  franzdsischen  Feldherrn.  Als  aber  (am
16ten  Mai)  Melas  mit  den  Oesterreichern  noch  einmahl
über  den  Po  nach  Candia  gehen,  Vukkasowich  die
franzèsischen  Stellungen  bei  Verreia,  Ponte-Stura
und  Casale  angreifen  mußte,  letzterer  endlich  Casale
nahm,  Suwarow  bis  Lumello  vorrückte:  sah  Mo-
        <pb n="45" />
        reau,  wie  gluͤcklich  er  auch  an  diesen  Tagen  gefochten
hatte,  fortan  seine  Stellung  unhaltbar  geworden.  Datum
  zog  er  sich  über  Asti  und  Cherasco  nach  Coni
(22ten  Mai),  den  letzten  Punct  der  ihm  noch  übrig  blieb,
um  Macdonalden  mit  sich  zu  vereinen.  Die  französischen
  Generale  Gauthier  und  Miollis  standen
zwischen  Florenz  und  Bologna  ihn  zu  erwarten.

Da  Suwarow's  Vordringen  alle  Verbindung
zwischen  Moreau  und  Massena  unterbrochen  hatte,
ward  es  dem  Erzherzog  Karl  um  so  wichtiger,  mit
Suwaron  gleichen  Schritt  zu  halten,  und  sich  mit
dem  Sieger  in  Iralien  in  Reihe  und  Zusammenhang  zu  bringen.
  Er  lies  daher  von  Schafhausen  und  Stein  her
sein  Heer  gegen  die  Kantone  Zürich  und  Thurgau,  den
Feldmarschall-Lieutenant  Hotze  über  Werdenberg  in
die  Grafschaft  Toggenburg  vordringen  (22#ten  Mai),  um
im  Thurgau  die  bisher  getrennt  gewesenen  Heertheile  zu
verbinden.  Massena  errieth  die  Absicht.  Blutig
ward  bei  Frauenfeld,  bei  Winterthur,  bei  Andelfingen
und  am  Steig-Paß  gestritten.  Wie  viel  auch  die  Oesterreicher
  in  diesen  verschiedenen  Treffen  litten,  dennoch
ward  bei  Winterthur  und  Steftenbach  die  Vereinigung
des  Erzherzogs  mit  Hotze  errungen,  und  Massena,
des  tapfersten  Widerstandes  ungeachtet,  sah  sich  gendthigt,
  seine  Stellungen  vor  Zürich  zu  verlassen,  und  zur
Schonung  dieser  Stadt,  Zürich  selbst  ((ten  Juni)  zu
räumen.

Nun  nahm  Massena  jene  feste  Stellung  ein,  die
er  für  jeden  Fall  längst  schon  voraus  gewählt  hatte.
Den  linken  Flügel  lehnte  er  an  den  Rhein;  die  Heermitte
  breitete  er  westwärts  Zürich  auf  allen  Anhöhen

3  #
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        —  36  —

aus  und  uͤber  den  Albis  hin,  wo  sein  rechter  Fluͤgel  vom
Zugersee  und  Rigi  gedeckt  ward.  Von  letzterm  nur  durch
den  Vierwaldstättersee  getrennt,  stand  Lecourbes
Heer-Abtheilung  in  Uri,  über  den  Gotthard  hinaus  bis
zum  Luzaner-See  und  Lago  maggiore,  wo  General
Loison  befehligte.  Letzterer  freilich,  als  er  zwischen
dem  Luganer=  und  Comer-See  das  Rohan'sche  Korps,
welches  ihn  beobachten  sollte,  in  großes  Gedränge  gebracht
  hatte,  war  (schon  den  18ten  Mai)  durch  den  von
Mailand  zu  Hülfe  eilenden  General  Hohenzollern,
nach  einem  Gefecht  im  Val  d'Agno,  zum  Rückzug
nach  Bellinzona  gezwungen  worden.

Wenden  wir  den  Blick  wieder  auf  Italien  zurück!
Hier  waren  schon  die  Citadellen  von  Mailand  und  Ferrara
  gefallen;  Ravenna  und  Commachlo  im  Kirchenstaat
  genommen.  Eine  russisch-türkische  Flotte  bombardierte
  Ancona.  Auch  Mantua's  Beschießung  sollte
schon  angefangen  werden,  als  hier  (22ten  Mai)  Feld-Marschall-Lieutenant
  Kray  pldzlich  Befehl  erhielt,  nach
Bologna  zu  eilen.  Denn  Macdonald's  Vortrab
war  schon  in  Florenz  angekommen  und  strebte  gegen
Pontremoli,  Massa  und  Carrara,  welche  von
den  Franzosen  besetzt  waren.  Konnte  Macdonald  diese
Stellung  erreichen,  war  nichts  mehr  im  Stande  seine
Vereinigung  mit  Moreau  zu  hindern.

General  Ott  erkannte  die  Wichtigkeit  von  Pontremoli.
  Er  erreichte  diesen  Punct  und  war  im  Begriff
  sich  gegen  Modena  und  Reggio  zu  bewegen,
als  er  von  den  Franzosen  wieder  zum  Rückzug  gezwungen
  wurde.  Unterdessen  rückte  Macdonald  tiefer  ins
ToSöcanische  ein.  Sein  Heer  war,  nach  Zurücklassung
        <pb n="47" />
        —  37  —

betraͤchtlicher  Besatzungen  in  den  Festen  und  Staͤdten
hinter  sich,  noch  immer  28,000  Mann  stark.  Mit  die—
sen  verband  er  die  in  Toscang  befindlichen  Franzosen.  —
Dagegen  waren  die  österreichischen  Generale  Ott  bei
Fornovo,  Hohenzollern  und  Klenau  in  den  Herzogthümern
  Parma  u.  s.  w.  zu  schwach,  um  ins  Toscanische
  einzurücken.  Kray  blieb  daher  in  Castelluccio,
  theils  die  Blockade  von  Mantua  zu  decken,
theils  die  im  Bolognesischen  befindlichen  feindlichen  Haufen
  zu  bedrängen.  So  konnte  Macdonald  seinen
Zug  verfolgen.  Sein  linker  Flügel  unter  General  Dombrowsky
  bemeisterte  sich  Pontremoli's;  auf  dem
rechten  Flügel  warf  General  Clauzel  den  General
Klenau  und  entsetzte  das  Fort  Urbino.  Macdonald
selbst  stand  Anfang  Juny's  schon  zu  Lucca.  Nun  war
ihm  die  Verbindung  mit  Genna  und  dem  Oberbefehlshaber
  Moreau  offen,  der  ihm  den  General  Victor
mit  einer  starken  Abtheilung  entgegen  geschickt  hatte.
Die  Kriegsvdlker  der  verbündeten  Mächte  lagen  in
Italien  überall  zu  sehr  vertheilt,  um  irgend  ein  großes
Unternehmen  gleichzeitig,  schnell  und  mit  Nachdruck  ausführen
  zu  können.  Marschall  Suwarow  beschränkte
sich  fast  nur  auf  Eroberung  Piemonts  und  besonders
Turins.  Das  Alles  gab  den  Franzosen  freien  Spielraum.
Und  als  Suwarow  endlich  mit  seiner  ganzen  Macht
gegen  Moreau  rücken  wollte,  verließ  dieser  seine  Stellung
  bei  Coni  freiwillig,  nachdem  er  vorher  diesen  Platz
in  guten  Vertheidigungs-Zustand  gesetzt  hatte,  und  zog
sich  nach  dem  Col  de  Tende  zurück.  Hier  war  Moreau,
  seit  der  Absendung  Victors,  in  der  That  nur
noch  15,000  Mann  stark.  Die  Alpenpässe  rings  um
standen  indessen  genugsam  verschlossen  und  vertheidigt.
        <pb n="48" />
        —  38  —

Der  franzdsische  General  Kantrailles  hielt  Wallis
besetzt.  Hingegen  das  Briangonische  und  die  übrigen
altfranzbsischen  Grenzen  befanden  sich  auf  dieser  Seite
ganz  von  Truppen  entbldßt.

Dadurch  aber  ließ  sich  Moreau  keineswegs  abhalten,
  sobald  er  einige  Verstärkungen  erhalten  hatte,
Groößeres  zu  wagen.  Auf  dem  kurzesten  Wege  nach
Mantua  zu  gelangen,  diese  Festung  zu  entsetzen,  den
General  Kray  hinter  die  Etsch  zu  treiben,  die  Citadellen
Tortona's  und  Alessandria's  zu  befreien,  dann  mit
Macdonald  Hand  in  Hand  gegen  Suwarow  zu  stehen
  und  den  Schauplatz  des  Kriegs  entfernter  von  Alt-Frankreichs
  Grenzen  aufzuschlagen:  Das  Alles  schien  im
Mean  dieses  Feldherrn  zu  liegen.  Daher  warf  er  sich
plötzlich  vom  Col  de  Tende  nach  Savona;  lies  das
Gericht  ausfliegen,  er  erwarte  jeden  Tag  von  Toulon
einen  Zuzug  von  15,000  Mann  im  Hafen  von  Vado;
erschien  unerwartet  mit  ohngefähr  10,000  Mann  in  Genua,
  und  zog  von  hier,  um  der  Armee  von  Neapel
näher  zu  kommen,  gegen  die  Trebia.

Maedonald  seinerseits  bewegte  sich  aus  dem  Bolognesischen
  gegen  Modena  vor;  ließ  unterwegs  durch
General  Montrichard  das  Fort  St.  Urbano  befreyen,
  welches  Klenau  blockirt  hatte,  ging  nach  blutigen
  Gefechten  glücklich  über  den  Panaro  vorwärts  und
nahm  Modena  (10ten  Juni).  In  der  That  war  darauf
  die  Straße  zur  Vereinigung  gedffnet  und  Mantua
  selbst  aus  der  Nähe  bedroht.  Macdonald  schickte
sogar,  als  hätte  er  Absichten  gegen  Mantua,  den
General  Olivier  in  dieser  Richtung;  er  selbst  wandte
sich  mit  seiner  ganzen  Heermasse  über  Parma  und  Pia-
        <pb n="49" />
        cenza  zur  Trebia  (17ten  Juni).  Dahin  eilte  nun  auch
Suwarow  mit  seiner  Macht,  wo  bald  General  Ott
am  Flüßchen  Tidone  auf  General  Salm,  den  Befehlshaber
  von  Macdonald's  Vorhut  stieß,  und  ihn  in  einem
dußerst  lebhaften  Gefecht  zum  Hauptheer  zurückdrängte.
Nun  erhob  sich  zweitägige  Schlacht  (18ten  und  10ten
Funi)  zwischen  Suwarow  und  Macdonald  an  der
Trebia.  Keiner  wich.  Macdonald  wollte  sogar  noch
am  dritten  Tag  die  Schlacht  fortsetzen;  aber  ihm  ward
um  Noreau  bange,  von  dem  ihm  keine  Nachricht  geworden
  war.  Er  wandte  sich  also  auf  der  Straße  von
Parmoa  gegen  die  Appeninen  zurück.

Es  hatte  Moreau,  unbekannt  warum  7  lange  gezaudert.
  Vielleicht  hatte  General  Bukkasowich  anfangs
  feine  Thätigkeit  gelähmt,  der  zwischen  Ceva  und
Mondoovi  gestanden  war  und  dann,  durch  eine  Bewegung
  nach  Ormea,  plhbtzlich  im  Rücken  Moreau's
wirkte.  Nachher  nahm  Moreau  seine  Richtung,  state
gegen  Robbio  und  Piacenza,  zur  Bormida;  schlug
dort  mit  dem  dsterreichischen  General  Bellegarde,
der  und  dessen  Heerhaufen  von  der  Armee  des  Erzherzogs
  Karl,  zu  dessen  großer  Unzufriedenheit,  nach  Italien
  gerufen  war;  bewirkte  damit  die  Aufhebung  der
Belugerung  Tortona's  und  kehrte  wieder  in  die  Appenninen
  zurück.  Hier  vereinten  sich  Macdonald's  und
Moreaus  Heer  ohne  Mühe  bei  Genna.

Wenn  die  binnen  wenigen  Monden  eines  Feldzuges
fast  gänzlich  vollbrachte  Eroberung  Italiens  allerdings
für  die  russischen  und  österreichischen  Feldherrn  ruhmreich
ist,  kann  man  hinwieder  auch  ihrem  Gegner  nicht  eine
hohe  Achtung  versagen.  Denn  Moreau,  der  nach
        <pb n="50" />
        —  10  —

Scherers  Niederlage  bei  Magnano,  die  Anführung
eines  schwachen  und  geschlagenen  Heers  übernahm,  wußte
auch  noch  mit  diesen  jeden  Fußbreit,  welchen  er  zurückweichen
  mußte,  einer  weit  überlegenen  Macht  streitig
zu  machen;  wußte,  indem  er  in  jede  Festung,  in  jede
Citadelle,  in  jedes  Fort  links  und  rechts  mäßige  Besatzungen
  warf,  die  Stärke  seiner  Feinde  zu  vertheilen,
weil  diese  zu  Belagerungen  und  Blokaden  große  Streitmassen
  verwenden  mußten;  hielt  sich  in  jeder  Stellung,
hinter  jedem  Fluße,  so  lange  er  konnte,  um  Zeit  für
Macdonald's  Anzug  zu  gewinnen  und  bewerkstelligte
die  Vereinigung  mit  diesem  gewandten  Feldherrn,  der
Ueberlegenheit  seiner  Feinde  ungeachtet.

Aber  auch  nach  der  Vereinigung  waren  beide  Heere
zusammen  nur  etwa  45,000  Mann  stark,  ein  geringes
Ueberbleibsel  von  einer  Masse,  die  sonst  120,000  Mann
betrug!  Die  Verschanzungen  und  Uebergänge  von  Savojen
  waren  höchstens  nur  durch  25,000  Mann  gedeckt.
Maedonald  hatte  ganz  Toscaua  geräumt;  auch  Livorno
  und  Porto  Ferrajo  wurden  verlassen.  So
besaß  die  franzdsische  Armee  jetzt  im  Genuesischen  ohngefähr
  dieselbe  Stellung,  die  ehmahls.  Buonaparte,
vor  seinem  Uebergang  über  die  Appeninen  in  die  Thäler
  des  Tanaro  und  der  Bormida,  inne  gehabt.

Hingegen  hatte  S  uwarow  theils  durch  einen  (im
Anfang  Juli)  nach  Italien  gekommenen  neuen  JZuzug
von  etwa  8.000  Mann  Russen,  theils  durch  den  General
Kaim,  nach  Uebergabe  der  Citadelle  Turins  (20ten  Juni)
ersprieslichen  Zuwachs  gewonnen.  Der  Kern  seiner  Heermacht
  von  ohngefähr  30,000  Oesterreichern  und  Rußen,
durch  Verbindung  mit  Kaim  und  Bellegarde  auf
        <pb n="51" />
        50,000  Mand  steigend,  stand  unterMélas  Befehl  zwischen
  Tortong  und  Alessandria;  dazu  stießen  noch  Ott,
Klenau  und  Hohenzollern,  nach  der  Räumung
Toscana's  mit  25,000  Mannz.  Vukkasowich  stand
mit  18  bis  20,000  Mann  Vorhut  bei  Coni,  gegen  das
Montferrat;  Haddik  mit  10,000  dehnte  sich  vom
Gotthard  her  gegen  Malland.  So  konnte  Suwarow
also  im  August  den  großen  Kampf  wieder  etwa  mie
150,000  Mann  ernenen.

 

*5

Von  der  Schlacht  bei  Novi  bis  zur  Schlacht
bei  Zürich  im  September  1700.

Bald  aber  ward  auch  im  Innern  Nord-Italiens,
nach  den  Uebergaben  von  Alessandria  (2iten  Juli)  und
Mantua  (26ten  Juli)  eine  beträchtliche  Masse  von  Schagren
  frei,  die  bisher  unter  Bellegarde's  und  Kray's
Befehleu  nur  mit  Belagernügen  beschäftigt  gewesen  waren.
  Kray  empfieng  jetzt  die  Bestimmung  von  Italien
ans  die  Verbindung  mit.  dem  Erzherzog  Karl  in  der
Schweiz  zu  unterhalten,  der  dort  mit  kaum  60,000
Mam  gegen  Mas  S  ena  stand,  und  sehnsuchtsvoll  die
Ankunfe  des  Generals  Korse  akow  mit  35,000  Mann
erwärtete.  Wieklich  hatte  diesei  auch  schon  (2öten  Juli)
die  baierischen  Gränzen  betreten,  wo  sich  Mi  ihm  ohngefähr
  3,000  Mann  Baiern  vereinigten.  Oer  Kurkfärsft
von  Pfalzbaiern  verhies  sein  Kontingent  5  fuͤnffache
zu  erhdhen  und  hundert  Römermonate  in  die  Operao
tions-Casse  des  Reichs  zu  zahlen.  Aehusicht  Vermehrung
  ihrer  Streitkräfte  gelobten  die  übrigen  eichsstände
        <pb n="52" />
        —  2  —

Deutschlands.  Genug,  vor  Anfang  Septembers  sollten
gegen  Frankreichs  südliche  Gränzen  300,000  Mann  schlagfertig
  stehen;  neus  russische  Zuzüge  die  Heere  in  Deutschland
  und  Italien  verstärken,  und,  nach  einer  Uebereinkunft
  zwischen  Engelland  und  Rußland,  10,000  Mann
in  Holland  einfallen.

Frankreichs  Regierung  erkannte  die  wachsende  Gefahr,
  und  hatte,  ihr  zu  begegnen,  kaum  in  allem  218,000
Mann  auf  den  Beinen.  ')  Es  ward  daher  schnell  von
ihr  eine  Aushebung  von  500,000  Mann  angeordnet,  die
bis  zum  October  ausgerüstet  seyn  sollten.  Für  Besatzungen
  und  Dienst  im  Innern  wurden  die  National-Garden
  aufgeboten.  General  Joubert  empfteng  den  Oberbefehl
  in  Italien;  Moreau  sollte  die  Führung  der  Ar-*)

  Die  Armeen  Moreau's  und  Matdonald's  im  Geuuesischen
  kaum  65,000  Mann  stark.

Die  Verschanzungen  und  Uebergänge  von  Savoien  und  der
Dauphiné  waren  durch  25,000  Mann  besetzt  und  vertheidiget.


Massena  hatte  ohngefähr  60,000  Mann.

Die  Besatzungen  von  Mainz,  Straßburg,  Ehrenbreitstein,
  so  wie  die  verschiedenen  Abtheilungen  am
Alhein  bis  Düsseldorf  betrugen  ohngefähr  30,  Ooo  Mann.

General  Brune  hatte  in  Holland,  die  Truppen  dieses
Landes  nicht  mitgerechnet,  ohngefähr  10,000  Mann  Franzosen
  zu  seiner  Disposttion.

Die  sogenannte  Armee  von  Engelland  war  ohngefähr  25,000
Mann  stark,  daher  die  gesammte  Macht

Frankreichs  105,000  Mann,
hiezu  20,  doo  Holländer,
5,000  Spanier,

 

SGumma  2158,000  Mann.
        <pb n="53" />
        mee  am  Niederrhein  übernehmen;  Massena  in  der
Schweiz  und  am  Oberrhein  bleiben;  General  Championet
  mit  der  sich  bei  Grenoble  aus  50,000  Mann
bildenden  Alpen-Armee  die  Vertheidigung  der  Dauphiné
  und  Savoiens,  oder  auch  die  Unterstützung  Joubert's
  oder  Massena's  besorgen.

Jonbert,  nach  empfangenen  Verstärkungen  von
Championet,  brach  sogleich  auf  über  die  Appeninen,
gemäß  den  Weisungen  seiner  Regierung.  Souwarow,
Melas  und  Kray  traten  ihm  bei  Novi  entgegen.
Hier  verlor  Joubert  Leben  und  Sieg  in  der  mörderischen
  Schlacht  (15t1en  August),  und  kurz  nachher  unterhandelte
  auch  die  Citadelle  von  Tortona  ihre  Uebergabe
(22#ten  August).  Moreau,  noch  in  der  Schlacht  bei
Novi  gegenwärtig,  führte  das  geschlagene  Heer  in  die
verschanzten  Stellungen  der  Bochetta  auf  genuesischen
Grund  zurück,  während  Championet,  ihn  zu  unterstützen,
  in  Eil  mit  der  Alpen-Armee  nach  Miemont  niederstieg.


Dieser  abermahls  gelungene  Anfang  des  erneuten
Feldzuges  erregte  den  verbündeten  Mächten  hohe  Erwartungen.
  Sie  betrachteten  ihre  vereinten  Schlachthaufen
von  Mainz  her  bis  Genua,  als  ein  einziges  Heer.
Die  Mitte  desselben  sollten  die  Russen  bilden  in  der
Schweiz  unter  Suwarow's  Anführung;  den  rechten
Flügel  das  kaiserliche  und  Reichsheer  unter  Erzherzog
Karls  Befehl  am  Oberrhein;  den  linken  in  Italien
die  Oesterreicher,  unter  der  Generale  Melas  und
Kraps  Befehlen.  —  Wirklich  rückte  nach  dieser  neuen
Anordnung  die  erste  der  russischen  Heersäulen  aus  Italien,
  unter  dem  General  Rosenberg,  mit  Anfang
        <pb n="54" />
        Septembers  uͤber  Navarra  dem  Gotthardsberg  und
der  Schweiz  zu.  Suwarow  selbst  folgte  mit  dem  übrigen
  Theil  der  russischen  Kriegsmacht.

Doch  bevor  wir  seine  weitern  Thaten  und  Schicksale
  in  den  Alpengebirgen  verfolgen,  ist  es  nothwendig
einen  Rückblik  auf  das  zu  werfen,  was  bisher  zwischen
Erzherzog  Karl  und  seinen  Gegner  Massena  geschah.
Letzterer  konnte  es,  als  günstigen  Zufall,  achten,  daß  der
Erzherzog  sich  durch  die  Absendungen  Bellegarde's
und  Haddik's  nach  Italien  hatte  schwächen  müssen.
Denn  nun  waren  die  gegenseitigen  Streitkräfte  einander
ohngefähr  wieder  gleich  geworden.  Beide  Heere  standen
vom  Rhein,  längs  den  Ufern  der  Limmat,  bis  in  die
Berg=  und  Waldkantone,  einander  lange  unbeweglich
gegenüber;  beide  nur  ihre  Verstärkungen  erwartend.  Der
Erzherzog  Karl  hatte  sein  Hauptgelager  in  Kloten  ohnweit
  Zürich;  Massena  in  Lenzburg.  Nur  die  Außenenden
  der  Flügel  trafen  von  Zeit  zu  Zeit  in  Gefechten
zusammen,  welche  wenig  entschieden;  so  am  Oberrhein
unter  General  Stzarray  und  dem  franzdsischen  General
  Legrand  in  den  ersten  Tagen  des  Juli,  bei
Altbreisach,  Offenburg  und  andern  Orten;  so  fast  zu
gleicher  Zeit,  am  Waldstättersee  im  Kanton  Schwyz
und  im  hohen  Issithal  des  Unterwaldnergebirgs.

Inzwischen  hatte  Massena  nach  und  nach  hheilweise
  Perstärkungen  erhalten;  aber  von  der  andern  Seite
waren  in  der  ersten  Hälfte  Augusi's  auch  schon  die  vom
Fürst  Korsakow  herbeigeführten  neuen  russischen  Hülfsschaaren
  zur  Unterstützung  Oesterreichs  in  die  Schweiz
eingerückt.  Dies,  und  um  gleichzeitig  die  Bewegungen
Joubert's  und  Championet's  in  Italien  mit  seiner
        <pb n="55" />
        Thätigkeit  in  den  Alpen  zu  befbrdern,  bewog  alsobalb
den  Feldherrn  Massena  pldtzlich  angriffsweise  zu  verfahren.
  Er  wollte  sich  der  kleinen  Kantone  des  Gotthards
  und  der  ganzen  Linie  zwischen  dem  Gotthard  und
dem  Zürichsee  bemächtigen,  welche  ausgedehnte  und  viel
unterbrochene  Strecke  Landes  die  dsterreichischen  Generale
  Simbschen  und  Jellachich,  mit  etwa  nur
20.000  Mann,  zu  vertheidigen  hatten.  Gelang  dies,
so  konnte  Massena  vom  Gotthard  herab  nach  Bündten
  und  Italien  drohen,  und  seine  Verbindung  mit  der
Heer-Abtheilung  Thürrau's  im  Wallis  erneuern,  zugleich
  auch  für  die  Stellung  der  Oesterreicher  bei  Zürich
eine  Umgehung  derselben  besorgen  lassen.  Dies  ward
Massena's  Plan.

Zu  dem  Ende  verstärkte  er  seinen  rechten  Flägel  im
Gebirg,  und,  um  dessen  eigentliche  Bestimmung  zu  verlarven,
  machte  er,  nach  einigen  kleinen  Vorposten  -Gefechten,
  die  ernsthaftesten  Angriffe  auf  die  Mitte  und
den  rechten  Flügel  seines  Feindes,  gieng  (17ten  August)
von  einem  Nebel  begünstigt  sogar  über  die  Limmat,
drang  da  in  das  Lager  der  dsterreichischen  Reiterei  ein,
verursachte  ihr  bedeutenden  Verlust,  und  zog  dann  nach
einem  morderischen  Gefecht,  in  welchen  besonders  viele
auf  beiden  Seiten  gegen  einander  kämpfende  Schweizer
getödtet  wurden,  wieder  an  das  linke  Limmat-Ufer  zuruck.
  Aber  während  dem  hatte  als  Hauptsache,  die
Heer-Abtheilung  Chabran's  über  Schindellegi  und
Ezelberg  hinweg  die  Stellung  des  Generals  Jellachich
längs  der  Reuß  umgangen,  angegriffen,  zum  Theil  gezwungen,
  die  Beschirmung  von  Glarus  aufzugeben  und
sich  eiligst  der  Mitte  des  dsterreichischen  Heers  zu  nähern.
Und  so  war  damit  die  bisherige  Verbindung  des  Erz-
        <pb n="56" />
        —  46  —

herzogs  bei  Zuͤrich  und  seines  linken  Fluͤgels  im  Gebirg
zerschnitten.  Dies  erleichterte  nun  dem  General  Lecourbe,
  diesem  erfahrnen  Gebirgskrieger,  die  Aufgabe,
  sich  des  Gotthards  zu  bemeistern.  Wirklich  hatte
er  schon  (am  15ten  August)  im  Kanton  Schwyz  den
Posten  bei  Brunnen  ohne  große  Muͤhe  erobert,  weil  sein
Unterfeldderr  Boivin  von  Zug  her,  rückwärts  von
Brunnen,  die  Stellung  der  Oesterreicher  beim  Flecken
Schwyz  heftig  angefallen,  und  durch  Absendung  eines
Schlachthaufens  hinter  dem  Haken=  und  Moytenberg
herum,  umgangen  hatte.  Die  Oesterreicher  zogen  sich
durchs  Muttathal  über  den  Pragel  nach  Glarus.  Eben
so  trieb  Lecourbe  auch  den  General  Simbschen  aus
Uri  durchs  Schächenthal,  indem  er  dessen  Stellungen  zugleich
  von  Seedorf  her,  und,  über  das  Gebirg  der  Engelberger
  =  Alpen  herab,  von  Attinghausen  her,  umgangen
  und  überfallen  hatte.  Das  that  er  am  Ausfluß  der
Reuß  in  den  Waldstättersee,  während  sich  seine  Unterfeldherrn
  Loison  und  Gudin  auf  Umwegen  über  die
hoöchsten  Alpen  den  Quellen  des  Reußflußes  nähern  mußten.
  Loison  erklomm  mit  seiner  Brigade  vom  Gadmenthal
  aus  das  fast  unwegsame  Gebirg  und  stieg  durch
das  rauhe  Meienthal,  wo  einige  hundert  Oesterreicher
in  einer  uralten,  halbverfallenen  Schanze  lagen,  ohne
großen  Widerstand  derselben,  unterhalb  der  berühmten
Teufelsbrücke  nach  dem  Dorfe  Wasen  an  der  Reuß  nieder.
  Mächtigern  Widerstand  erfuhr  Gudin  von  den
Oesterreichern  auf  den  hohen  Wildnissen  der  Grimsel.
Erst  nachdem  er  diese  siegreich  überwunden  hatte,  gieng
er  über  die  Alpen  der  Furca  in's  Urserenthal  nieder.
So  war  der  Gotthard  allseitig  genommen,  deögleichen
der  ganze  Reußstrom.  Die  Franzosen  standen  an  den
        <pb n="57" />
        Graͤnzen  von  Buͤndten  und  von  Glarus,  nach  dem  Ausfluß
  der  Linth  in  den  Zörichsee.

Aber  auch  die  franzbsische  Rhein-Armee  in  Deutschland,
  hdcbstens  20,000  Mann  stark,  zwischen  Mannheim
  und  Mainz,  unter  dem  General  Müller,  setzte
sich  bald  nach  diesem  (25ten  August)  ebenfalls  in  Bewegung,
  um  die  Aufmerksamkeit  des  Erzherzogs  zu  theilen.
  Muller  selbst  nahm,  nach  tapferer  Gegenwehr
des  Szekler=  Husaren-Regiments,  die  Stadt  Heidelberg,
wo  sich  mit  ihm  auch  Baraguapy  dHilliers  versband,
  der,  als  Befehlshaber  des  linken  Flügels,  von
Mainz  her,  über  Frankfurt  und  Aschaffenburg,  auf  der
Bergstraße  zu  ihm  stieß.  Von  da  rückte  Müller  über
Wisloch  gegen  Philippsburg,  schlug  eine  Schiffbrücke,
nahm  Stellung  am  Neckar  gegen  Bruchsal  zu  und  bombardirte
  Philippsburg  (vom  Söten  bis  11ten  September).
Doch  machte  er  hier  keine  bedeutende  Fortschritte.

Denn  die  Besatzung  von  Philippsburg,  unter  Befehl
  des  Rheingrafen  von  Salm,  und  aus  verschiedenen
  Reichstruppen  zusammengesetzt,  (auch  drei  schwache
baierische  Bataillone  waren  dabei)  widerstand  muthig,
wiewohl  die  ganze  Stadt  in  Feuer  aufgieng,  und  die
Gefahr  jeden  Tag  wuchs.“!)  Von  der  andern  Seite  aber,

4

 

6*o)  In  den  vom  Rheingrafen  anfgestellten  Amtsbericht  gedenkt
derselbe  der  seltenen  Hingebung  aller  ihm  untergebenen
Truppen-Abtheilungen  mit  der  größten  Würdigung,  und
zeichnet  vom  churpfalzbaierischen  Kontingent  vorzüglich  das
Betragen  des  Kommandanten  Obristen  von  Triva,  des
churpfalzbaierischen  Mafjors  von  Mezen,  des  Artillerie.
Lieutenants  Koch,  der  Lieutenants  Spitzel,  Sieber
und  Heypder  ehrenvoll  aus.
        <pb n="58" />
        —  46  —

während  sich  mit  großer  Eil  zwischen  Heilbronn  und
Ludwigsburg  ein  dsterreichisches  Corps  sammelte,  drang
General  Stzarray  von  MAillingen  über  Rastadt  und
Pforzheim  vor,  und  nthigte  einige  heraurückende  französische
  Heersäulen  zum  Rückzug.  Mit  den  Oesterreichern
verband  sich  in  jenen  Gegenden  noch  der  vom  Minister
Albini  trefflich  eingerichtete  mainzische  Landsturm,  der
in  der  Nähe  von  Seeligenstadt  ebenfalls  eine  französische
  Heer-Abtheilung  zurückwarf,  und  dann,  mit
dem  Odenwalder  Landsturm  verbunden,  eine  gute  disciplinirte
  Masse  von  50,000  Mann  bildete.  Dieser  besetzte
  darauf  die  Ufer  des  Mains,  breitete  sich  gegen
die  Bergstraße  aus  und  beunruhigte  sogar  die  Festung
Mainz.  Dann  schickte  auch  Erzherzog  Karl  (27ten  August)
  dreizehn  Bataillons  Fußvolk  und  drei  Regimenter
  Reiterei  der  hartbedrängten  Feste  Philippsburg  zu
Hüäife,  und  ersetzte  die  dadurch  in  der  Schweiz  enrstandene
  Lücke  mit  den  unter  Korsakow  inzwischen  angekommenen
  Russen.  Er  selbst  übergab  den  Heer-Befehl
in  der  Schweiz  dem  Feldmarschall-Lieutenant  Hotze  und

eilte  nach  Philippsburg.

Hier  war  nun  für  den  franzdsischen  General  Müller
  kein  Haltens  mehr,  sondern,  nach  hundert  dreisigstündiger
  Beschießung  der  Veste,  hob  er  die  Belagerung
auf  (12ten  September)  und  zog  davon,  durch  das  Feuer
aller  Rückschanzen  und  den  pfalzbaierischen  Major  Mezen
  verfolgt.  Er  räumte  auch  Mannheim  und  gieng
nach  Mainz  und  Speper.  Wenige  Tage  nach  diesem
(löten  September)  stand  Erzherzog  Karl  schon  mit
25,000  Mann  in  der  Neckar-Ebene,  lies  hier  durch  die
Heser-Abtheilungen  Stzarray  und  Kospoth  schleunig
        <pb n="59" />
        —  40  —

nig  angreifen,  sowohl  die  feindliche  Schanze  am  rechten
  Reckar-Ufer,  als  die  Neckarauer  Batterien  erstürmen,
  die  Schiffbrücke  des  Feindes  zusammenschießen,
die  Stadtthore  von  Mannheim  sprengen  und  den  Nachzug
  des  franzdsischen  Feldherrn  Laroche  gefangen  nehmen.
  Karl  bezog  darauf  eine  Stellung  bei  Schwetzingen,
  besetzte  unterhalb  Frankfurt  beide  Mainufer  und
drohte  mit  den  manichfaltigsten  Zurüstungen  in  korzer
Zeit,  an  der  Spitze  von  60,000  Mann,  den  Uebergang
zum  linken  Rhein-Ufer.

Da  geschah  von  Mas  sena  aber  der  farchtbare
Schlag  bei  Zürich,  welcher  alle  Entwürfe  zerriß.

Es  war  ein  großgedachter  Plan  der  Verbündeten,
die  Franzosen  zur  Räumung  der  Schweiz  zu  zwingen,
um  dann  von  hier  aus  gegen  die  unbewehrte  franzbsische
Gränze  andringend  ,  linko  dem  Heer  im  Piemont  Hand
zu  bieten  und  rechts  dem  Erzherzog  Karl  den  Rhein-Uebergang
  zu  erleichtern.  Dieß  war  ohne  Besitz  der
Schweiz  nicht  moglich.  Denn  wer  die  Schweiz  hatte,
der  stand  wohl  geborgen  in  einer  ungeheuern  Vestung,
immerdar  den  links  und  rechts  Vorgedrungenen  im  Nacken,
  und  trennte  ihre  Gemeinschaff.  Darum  mußte
Korsakow,  mit  seinen  26,000  Russen,  eiligst  zur
Stärkung  des  dsterreichischen  Heers  in  die  Schweiz;
darum  mußte  Suwarow  über  den  Gotthard  durch
Uri;  von  da  sollte  er  dann  über  die  Unterwaldner=  Berge
gegen  Luzern  und  Bern  Bewegungen  machen,  durch
welche  Massena  schlechterdings  gendthigt  werden  mußte,
seine  bisher  unerschütrerliche  Stellung  aufzugeben.  Allein
Korsakow's  verspätete  Ankunft,  Suwarow's  Veräbd
  gerung  mit  18  bis  20,000  Mann  im  wildesten  Ge-Pr
        <pb n="60" />
        birg,  und  Massena's  richtiger  Feldherrn-  Blick  und
schneller  Entschluß,  alle  einzeln  zu  schlagen,  enschied
anders.

Nachdem  sich  in  Italien  Tortona  noch  dem  Marschall
  Suwarow  (I(1ten  September)  übergeben  hatte,
trat  er,  wie  wir  schon  gemeldet  haben,  seinen  Zug  gegen
die  Schweizer-Alpen  an;  voran  General  Rosenberg.
Den  Zug  der  Russen  aufzuhalten,  waren  indeßen  die
franzdsischen  Heerführer  in  Italien  nicht  müßig.  Denn
hier  führte  der  thätige  Championet,  welcher  sich  Susas
  und  Aosta's  bemeisterte  und  sogar  his  Pignerolo
  vordrang,  lebhaften  kleinen  Krieg;  und  Moreau,
zwischen  St.  Giacomo  und  Sarona  aufgestellt,  schien
ebenfalls  wieder  angriffsweise  verfahren  zu  wollen.  Melas
  hatte  mit  der  österreichischen  Hauptmacht  (355  Bataillons
  und  5  Regimenter  Reiterei)  bei  Bra,  an  der
Stura,  zwischen  den  Appeninen  und  Alpen,  dem
Championer  gegenüber,  vortheilhafte  Stellung  gewählt.
  Auch  ward  Championet,  nach  Vorschiebung
seiner  Kolonne  von  6  —  7,000  Mann  gegen  Turin,
und  da  er  den  General  Duhesme  zu  seiner  Linken
nach  Jorea  gegen  Haddick  hatte  vorwärts  gehen
lassen,  während  er  selbst  mit  Macht  durchs  Marquisat
Saluzzo  gegen  Fossano  und  Savigliano  vorgedrungen
  war,  wo  er  6,000  Oesterreicher  Vortrab,  unter
  General  Gottesheim,  (185ten  und  15ten  September)
  in  blutigen  Gefechten  geworfen  hatte,  mit  beträchtlichem
  Verlust  (18ten  September)  nach  Maira  zurückgeschlagen.
  Denn  Kray  war  ihm  links  nach  Fossano,
Melas  ihm  rechts  nach  Savigliano  entgegengezogen.
  Beide  stießen  so  siegreich  auf  ihn,  wie  die  österreichischen
  Feldderrn  Bellegarde,  Kaim  und  BVuk-
        <pb n="61" />
        51  —

nasowich  oberhalb  Turin  auf  die  gegen  ihre  Postenkette
  anrückenden  feindlichen  Haufen,  welche  bis  Susa
zurückweichen  mußten.  So  schirmten  Melas  und  Kray
den  Zug  der  Russen  in's  Hochgebirg.  Nach  diesem  nahm
Duhesme  den  Befehl  über  Championets  Herrz
Championet  den  Befehl  in  Genua,  und  Moreaqu
begab  sich  nach  Paris.

Als  Suwarow  nun  über  Luzano  und  Bellinzona
  ins  Liviner-Thal  angekommen  war,  stieß  er  zuerst
  bei  Airolo  auf  den  Feind.  Denn  von  hier,  über
die  Hdben  des  Gotthardsbergs  hinweg,  zum  Urserenthal,
und  dort  am  Oberalpbach  gegen  Disentis  hin,  stand
Gudin's  Brigade.  Hinterwärts,  auf  der  andern  Seite
des  Gotthard,  von  Wasen  bis  Steig,  das  Maderaner-Thal
  bewachend,  stand  Loison's  Brigade.  Lecourbe
selbst,  unrer  welchem  diese  Brigaden  den  dußersten  Theil
vom  rechten  Flügel  des  Massena'schen  Heers  bildeten,
  befand  sich  zu  Alrdorf  in  Uri  und  bewachte  das
Schächenthal.  Eine  dritte  seiner  Brigaden,  unter  Molitor,
  war  über  den  Pragel  gegen  Glarus  den  von
Schwyz  verdrängten  Oesterreichern  nachgesandt.

In  dem  Augenrblick  (25ten  September),  da  nun
Suwarow  in  Person  die  Franzosen  bei  Airolo  angriff,
  drang  auch  Rosenberg  durchs  Piorathal  über
Disentis  und  die  Oberalp  in  beschwerlichem  Umweg,
gegen  Urseren,  um  den  von  Airolo  über  den  Gotthard
weichenden  Franzosen  den  Rückzug  abzuschneiden;  eben
so  stieg  General  Auffenberg,  von  Disentis  aus,
seitswärts  über  das  Gebirg  ins  Maderaner  Thal  hinab
zum  Urner  Dorf  Amstäg,  theils  um  den  vor  Suwarow
und  Rosenberg  Zurückziehenden  den  Paß  zu  verrennen,
theils  bis  Altdorf  offene  Bahn  zu  bereiten.

4  +
        <pb n="62" />
        —  52  —

Der  Entwurf  war  trefflich,  ward  aber  in  der  Vollziehung
  gleich  anfangs  durch  den  unerwarteten  Widerstand
  gebrochen,  welchen  Gudin  zu  Airolo  mtt  einer
Handvoll  Mannschaft  gegen  die  überlegene  Macht  seiner
Feinde  leistete.  Damit  hatte  Guden  wenigstens  einen
Tag  gewonnen,  und  Suwarow  ihn  verlohren.  Jener
zog  sich  darauf  in  bester  Ordnung  über  den  Gotthard
nach  Hospenthal,  Realp  auf  die  Furca  und  Grimsel,
welche  Bergpäße  die  Schlüssel  sowohl  zu  den  Rhoneund
  Aar-Thälern  von  dieser  Seite,  als  auch  zur  Wiedereroberung
  des  Gotthard  sind.  Die  Einnahme  dieser
unwirthlichen  Gegend  harte  dem  Feldmarschall  Suwarow
  bei  1200  Mann  gekostet.

Nach  blutigem  Gefecht  an  der  Teufelsbrücke  und
hinunrer  bis  Wasen  (25ten  September),  wo  sich  Loie
son  endlich  wieder  nach  den  Hohen  des  Meienthals  zurückzog,
  gelangte  Suwarow  zum  Dorf  Amstäg  nieder,
  wo  auch  Auffenberg  unterdessen  durchs  Maderanerthal
  zu  ihm  stieß.  Von  hier  an  vertheidigte  aber
Lecourbe  wieder  jeden  Schritt  Bodens  bis  Ersifeld,
wo  er  sich  dann  begnügte,  das  linke  Ufer  der  Reuß  von
der  Brücke  zu  Erstfeld  bis  zu  der  von  Attinghausen,
und  bis  Seedorf  zu  vertheidigen.  Bei  Seedorf  fließt
die  Reuß  in  den  Waldstärtersee.  Lecourbe  hatte  längst
schon  bei  Seedorf  starke  Verschanzungen  angelegt.  In
diesen  wagr  er's,  mit  kaum  1500  Mann,  die  ihm  nach
Besetzung  jener  Brücken  noch  übrig  geblieben  waren,
dem  Eroberer  Italiens  und  einem  Hekr  von  25,000
Mann  vorzüglicher  Truppen,  Stirn  zu  bieten.  Ja,  als
Suwarow  (am  27ten  September)  bei  Ersifeld  den
Hauptübergang  der  Reuß  erzwingen  wollte,  ohne  dessen
Besitz  ihm  die  verschiedenen  Päße  des  Gebirgs  nach
        <pb n="63" />
        —  55  —

Unterwalden  und  Luzern  verschlossen  blieben:  machte  Lecourbe
  sogar  bei  Seedorf  einen  der  kühnsten  Uebergänge
der  Reuß  mit  einem  Bataillon,  vier  Grenadier-Compagnien
  und  zwei  Kanonen.  Er  umgieng  den  Flecken'
Altdorf,  drang  in's  rußische  Lager  ein  und  richtete  so
große  Verwirrung  an,  daß  Suwarow  gezwungen
ward,  von  seiner  Unternehmung  bei  Erstfeld  wieder  abzustehen
  und  seinem  eignen  Lager  zu  Hülfe  zu  eilen.
Lecourbe  unterhielt  das  Gefecht  bis  in  die  tiefe  Nacht;
dann  zog  er  sich  über  die  Reuß  in  seine  Schanzen,  zufrieden
  ein  ganzes  feindliches  Heer  drei  Tage  lang  beschäftigt
  und  seine  wichtige  Stellung  behauptet  zu  haben.

Inzwischen  war  durch  Massena  bei  Zürich  schon
der  entscheidende  Hauptschlag  gegen  die  dortige  rußischösterreichische
  Armee  vollbracht.  Feldmarschall  Hotze,
unter  dessen  Oberbefehl  20  Bataillons  Fußvolk  und  vier
Regimenter  Reiterei  standen,  hatte,  seit  er  durch  Molitor
  aus  Glarus  und  Näfels  verdrängt  war,  vortheilhafte
  Stellung  hinter  der  Linth,  von  Wesen  bis  Uznach.
Von  hier,  längs  dem  Zürichsee  und  Limmat  bis  Baden
dehnten  sich,  unter  Korsakows  Befehl  die  Russen
aus;  auch  den  Hornberg  bei  Zäürich  hatten  sie  besetzt,
so  wie  die  Hdhe,  welche  die  Straße  nach  Wollishofen
beherrscht.“)  General  Nauendorf  stand  der  Stadt
Baden  gegenüber  bis  zum  Rhein.

*)  Das  diesem  Korps  zugetheilte,  aus  den  Bataillons  Renner,
  Millius  und  Siebein,  so  wie  aus  einer  Batterie
  bestehende  pfalzbaierische  Korps,  hatte  sich  zu  Anfang
  Septembers  bei  Donauworth  zusammengetogen,  und
brach  am  12ten  genannten  Monats  nach  Zürich  auf,  die
Vereinigung  mit  jener  Armee  zu  vollziehen.
        <pb n="64" />
        Dagegen  war  Massena's  Stellung  folgende:
General  Thureau  im  Wallis;  an  ihn  rührte  Lecourbe
von  beiden  Seiten  des  Gotthard  bis  zum  Waldstättersee;
  Molitor  im  Kanton  Glarus  an  die  obere  Linth
vorgeschoben,  lehnte  sich  an  General  Soult,  der  die
Linie  von  Bilten,  an  der  Glarner  Gränze,  bis  Horgen
am  Zurichsee  besetzte.  Von  da  und  Antliswyl  bis  Dietikon
  war  Mortier,  neben  ihm  bis  Baden  Lorges
aufgestellt,  welche  Beide  die  Mitte  des  Heers  bildeten.
Menard,  von  Baden  bis  zum  Rhein,  und  General
Klein  mit  einer  Reserve  im  Frickthal  bildeten  den
linken  Flügel.  Chabran  befehligte  zu  Basel.

Bei  Suwarows  UAnkunft  in  der  Schweiz  waren
beide  Theile  gleich  stark.  Die  verbündeten  Mächte  hatten
  hier  ein  Herr  von  ohngefähr  73,000  Mann,  die
Franzosen  ohngefähr  75,000  Mann.

Sobald  Massena  vom  Anzuge  Suwarow's  gegen
  die  Alpen  benachrichtigt  war,  wollte  er  keinen  Augenblick
  versiumen.  Er  mußte  vor  allen  Dingen  den
General  Hotze,  der  auf  den  Höhen  zwischen  der  Linth
und  Thur  die  Eingänge  des  Glatt  und  Tößthals  schirmte,
durch  eine  große  Bewegung  aus  seiner  Stellung  hinwegnbthigen,
  ihn  vom  General  Jellachich  trennen,  und
ihm  jede  Vereinigung  früh  oder  spät  mit  Suwarow,
durch  den  Kanton  Glarus  oder  Schwyz,  unmöglich
machen.

Nachdem  (am  234ten  September)  Menard  zwischen
  Brugg  und  Klingnau  die  Aufmerksamkeit  des
Feindes  an  sich  gezogen  hatte,  ging  Lorges  folgenden
Tages,  ohnweit  Dietikon  über  die  Limmat  gegen  das
rußische  Lager;  Mortier  und  die  Reserve  unter  Ge-
        <pb n="65" />
        neral  Klein  griffen  die  rußischen  Stellungen  auf  den
westlichen  Hoͤhen  bei  Zuͤrich  von  der  Stirnseite  an.  Aber
auch  Soult,  am  andern  Ende  des  Zuͤrichsee's,  war  in
derselben  Zeit  über  die  Linth  an  das  rechte  Ufer  übergegangen.
  Feldmarschall  Hotze,  überrascht  durch  den
kräftigen  Angriff,  mit  einigen  Offizieren  zu  seinen  Vorwachten
  zwischen  Kaltenbrunn  und  Schennis  hinausgeritten,
  um  sich  über  des  Feindes  Bewegungen  zu  vergewissern,
  ward  hier  von  den  Franzosen  ereilt,  umzingelt,
  getddtet.

Der  Verlust  dieses  landeskundigen  Feldherrn  in  solchem
  Augenblick  war  für  den  Ausgang  der  ganzen  Schlacht
folgenreich.  Desto  sicherer  verfolgte  Soult,  der  gegen
ihn  befehligte,  seine  Entwürfe.  Indem  Soult  mit
aller  Kraft  gegen  die  Brücke  von  Grünau,  beim  Ausfluß
  der  Linth  in  den  See,  den  Angriff  that,  fie  erstürmte
und  gegen  den  Prinz  von  Würtemberg  behauptete,  der
mit  drei  rußischen  Bataillons  von  Rapperswyl  herbei
geeilt  war,  mußten  die  Oesterreicher,  nun  in  Gefahr  bei
Uznach  ihren  rechten  Flügel  umgangen  zu  sehen,  ihre
Stellung  daselbst  verlassen.  General  Petratsch,  welcher
  nach  Hotze's  Tode  den  Befehl  übernommen,  ward
im  anhaltenden  Gefecht  dieses  und  des  folgenden  Tags
gegen  das  Gebirg  gedrückt,  und  zog  zuletzt  in  Unordnung
durch  das  rauhe  Goldingerthal  nach  Lichtensteig  ins
Toggenburg.

Damit  war  das  rußische  Heer  von  den  Oesterreichern
  getrennt,  und  auf  seinem  linken  Flügel  und  im
Rücken  blos.  gegeben.  Aber  die  Russen  selbst  hatten
schon  bei.  Zürich  schwer  gelitten;  denn  Lorges  hatte
ihr  Lager  durchbrochen  und  fie  bis  unter  die  Stadtmau-
        <pb n="66" />
        ern  gedrängé,  während  Mortier  und  Klein  die  westwärts
  Zürich  gelegenen  Hôhen  erstürmten.  Die  Fran-Losen
  stritten  mit  solchem  Ungestüm,  und  hinwieder  die
Russen,  fast  eingeschlossen,  behaupteten  die  ihnen  angewiesenen
  Blätge  so  beharrlich,  daß  das  Blutbad  fürchterlich,
  die  Niederlage  der  Russen  envlich  vollständig  ward,
und  Gepäck  und  Geschütz  derselben  in  die  Hände  des
Feindes  ssel.  Korsakow  zog  fast  zu  spät,  nach  Eglisan
  zurück.  Die  Franzosen  drangen  schon  in  die  Stade
Zürich,  als  er  noch  auf  der  andern  Seite  aus  den  Thogen
  floh.

Bei  Eglisau  stieß  das  von  Donauwörth  nach  der
Schweiz  gernsene  pfalzbaierische  Hülfs-Corps  unter  dem
Generale  Bartels  zu  ihm,  welches  noch  denselben
Tag  vorwärts  bei  Bülach,  nach  einem  vierzehnstünd
digen  Marsche  Stellung  nahm.  Bartels,  der  vomn
hier  aus,  an  der  Spitze  des  Bacaillons  Renner,  eine
Recognoscierung  vornahm,  stieß  bald  auf  den  Feind-Die
  Nacht  endere  das  Geplänkel.  Belehrt  vom  fordauernden
  Rückzug  der  Russen  gieng  er  folgendes  Tags
(260.  Sept.)  bei  Eglisau  über  den  Rhein,  und  nahm
dort  auf  den  Höhen.,  beide  Flügel  durch  Batterien  gedeckt,
  eine  vortheilhafte  Stellung,  um  die  Franzosem
am  Khein-Uebergang  zu  hindern.

Die  Hesterreicher  machten  ihren  Rückzug  gegen  St.
Gallen;  Horsakow,  dessen  Nachtrab  die  baierische  Brihade
  Barktels  bildere,  nahm  seine  Nichtung  gegen
Schafhausen.)

5)  Die  Brigabe  Battels  war  am  236en  September  auf  den
Anhöhen  bei  Schafhausen  gelagett,  am  206den  bei  Gaillingen
  an  den  linken  Flägel  der  rußischen  Armee  angeschlosseun;
  am  Soten  jedoch,  der  Kavallerie  in  2ten  Linie  Plaß
machend,  rückte  sse  wieder  etwas,
        <pb n="67" />
        Das  geschah  alles,  waͤhrend  Suwarow  noch  in
Uri  stand.  Hier  vernahm  er  von  der  Schlacht  bei  Zuͤ—
rich  durch  Geruͤchte.  Noch  war  seine  Wille,  dorthin
auf  den  kuͤrzesten  Weg  uͤber  Schwytz  und  den  Etzel
oder  Albis  zu  eilen.  Noch  dachte  er  nicht  an  Glarus,
wohin  ihm  der  Weg  durchs  Schaͤchenthal  offen  lag.  Aber
zwischen  Uri  und  Schwytz  senken  sich  die  elsengebtrge

dauern  gleich,  schroff  ins  Meer.  Er  mußte  also,

gegen  Schwytz  zu  gelangen,  mit  Mann  und  Roß  *
den  hohen  Achsenberg  durch  bahnlose  Eindden  und  Alpen
ziehen,  hinab  ins  Muttathal,  welches  sich  gegen  den
Flecken  Schwytz  ausmuͤndet.  Wie  sehr  auch  sein  Heer
durch  diesen  beschwerlichen  Zug  gelitten  hatte,  warf  er
dennoch  die  ihm  im  Muttathal  entgegen  rückenden  wenigen
  Franzosen  zurück.

Massena,  durch  Eilboten  vom  Juge  Suwarows
belehrt,  war  vom  Schlachtfelde  bei  Zürich  ohne  Rast
mit  einigen  Brigaden,  denen  fort  und  fort  andere  folgten,
  zu  Schwytz  angekommen;  hatte  Lecourben  befohlen,
  ihm  von  Uri  auf  Schiffen  über  den  See,  zur  Hülfe
zu  fliegen,  und  dem  General  Loison,  er  solle  durch's
Schächenthal  das  obere  Glarus  beobachten.  Die  Franzosen,
  vom  General  Rosenberg  aus  dem  Muttathal
zurückgeschlagen  (iten  October),  stellten  sich  wieder  hinter
  dem  Muttastromm  vor  Schwytz  auf;  die  Russen,  am
linken  Ufer,  rüsteten  sich  zum  Uebergange.  Da  erschien
zur  rechten  Stunde,  im  Rücken  der  Russen,  beim  Dorfe
Brunnen,  Lecqgurbe.  Er  landete  und  wandte  sich,
zwischen  Morschach  und  Ingebohl,  gegen  den  Eingang
des  Muttathals,  um  die  hervorgedrungenen  Feinde  abzuschneiden.
  Diese  flohen  in  großer  Verwirrung,  mit  be-
        <pb n="68" />
        —  383  —

deutendem  Verlust,  den  Schluchten  des  Muttathals  wieder
  zu.  Die  franzbsischen  Brigaden  folgten.

Nun,  da  Suwarow  vom  Unglück  des  verbündeten
  Heers  bei  Jürich  Gewißheit  hatte,  konnte  ihm  nicht
mehr  am  kürzesten  Wege  nach  Zürich  gelegen  seyn,  sondern
  er  beschloß  vielmehr  über  den  Pragel-Berg  aus  dem
Muttathal  in  den  Kanton  Glarus  zu  gehen.  Denn  er
zweifelte  nicht,  wenigstens  hier  noch  bei  Flecken  Glarus
und  Näfels  die  Generale  Linken  und  Jellachich  zu
finden,  und  seine  Vereinigung  mit  denselben  bewerkstelligen
  zu  können.

Allein  Jellachich  war  schon  weit  früher,  wie  gesagt,
  durch  Moliror  in  zweitägigen  Gefechten  aus  den
Glarner-Thälern  nach  dem  Rhein  zurückgedrängt  worden,
  und  eben  so  nachher  Linken.  Dieser  war  eben
von  Graubündten  aus  über  die  hochsten  Alpen  ins  glarnische
  Sernftthal  niedergestiegen,  um  zu  Jellachich
zu  stoßen,  als  Molitor  durch  dasselbe  Thal  zwoͤlf
Compagnien  nach  Bündten  abgesandt  hatte,  um  dort  eine
Unterstützung  Lecourbe's  zu  bilden,  (der  damahls,
nach  Massena's  Befehl,  ehe  man  Suwarow's  Anrücken
  vernommen  hatte,  bestimmt  gewesen  war,  vom
Gotthard  nach  Ilanz  in  Graubündten  zu  gehen.)
Die  zwölf  Compagnien  Molitors  wurden  also  vom
Dorfe  Elm  bis  Schwanden  zurückgedrängt,  und  hier  nach
ehrenvollen,  doch  vergeblichen  Widerstand,  zu  Gefangenen
  gemacht.  Molitor,  von  der  Verfolgung  des  Generals
  Jellachich  zurückkehrend,  war  darauf  mit  kaum
5,000  Mann  dem  General  Linken  entgegengeeilt;  hatte
ihm  den  Weg  zum  Pragel  und  zur  Vereinigung  mit
Suwarow  versperrt;  ihn  auf  den  Anhöhen  beim  Fle-
        <pb n="69" />
        —  30  —

cken  Glarus  am  rechten  Linthufer  überflügelt,  und  alle
Vortheile  seiner  Stellung  benutzend,  ihn  mit  solchem
Ungesiüm  angegriffen,  daß  er  ihn  zwang,  durch's  Sernftthal
  über  die  wilden  Flimsen  Alpen  nach  Bündten  zurückzugehen.


Von  diesem  Allem  wußte  nun  Suwarow  nichts.
Er  zog  mit  seinem  muden  Heer  über  das  Pragel-Gebirg,
  und  fand  droben  beim  Klbônthaler-See  den  Genergl
  Molitor  gegen  sich  im  vollen  Anzug.  Suwarow,
  noch  im  Glauben,  Jellachich  und  Linken
siünden  in  Glarus,  also  im  Rücken  Molirors,  hielt
diesen  sogleich  für  eingeschlossen  und  forderte  ihn  auf,
das  Gewehr  zu  strecken.  Bald  ward  er  aber  seines  Irrthums
  gewahr,  und  daß  er  selbst  der  zwischen  Berggründen
  und  zween  Heerhaufen  Eingeschloßene  sey.  Also“
blieb  ihm  nichts  übrig,  als  Molitors  schwächere
Schaaren  kämpfend  vor  sich  herzudrängen,  während  noch
im  Muttathal  der  Nachtrab  seines  Heers  mit  den  ihm
folgenden  Franzosen  stritt.  So  gelangte  er  nach  Glarus.

Molitor  beschränkte  sich  hier  blos  auf  Vertheidigung
  der  Brücken  von  Mollis  und  Näfels,  um  die  Russen
  in  den  an  Lebensmitteln  armen  Thälern  eingeengt,
und  vom  Jürichsee  getrennt  zu  halten.  Suwarow
griff  wiederholt  an  (den  Sten  und  äten  October)  und  mit
äußerster  Heftigkeit.  Brücke  und  Dorf  von  Näfels
wurden  dreimal  genommen  und  wieder  verlohren.  Dennoch
  behauptete  sich  Molitor,  der  bald  durch  ein  tapferes
  Corps  von  Schweizern  und  durch  den  mit  einem
Bataillon  herbeigeeilten  General  Gazan  thätige  Unterstützung
  empfieng.

Nachdem  Suwoarow  in  diesen  verschiedenen  Ge-
        <pb n="70" />
        fechten  abermals  uͤber  2000  Mann  verloren  hatte,  mußte
er  sich  zum  Zug  durchs  Sernfthal  uͤber  das  wuͤste  Gebirg
  der  Flimser-Alpen  nach  Buͤndten  bequemen.  Aber
sein  Nachtrab  ward  ununterbrochen  angegriffen.  Denn
auch  Loison  war  nun  durch  das  Urner  Schaͤchenthal
im  Kauton  Glarus  angekommen,  und  bis  Schwanden
vorgerückt.  Hier  mußten  sich  noch  zwolfhundert  Russen
mit  einigen  Kanonen  gefangen  geben.

Suwarow  kam  mit  einem  durch  tägliche  Gefechte,
durch  gefahrvolle  Züge  über  vier  der  hochsten  und  rauhesten
  Gebirgsjoche,  durch  Ermüdung  und  Hunger  fast
zerstorten  Heer,  nach  Bündten.  Alle  seine  Anstrengungen
  mußten  naturlich  vergebens  bleiben,  weil  er  nicht
mehr  von  Petratsch  und  Korsakow  unterstützt  werden
  konnte.  Petratsch  aber  hatte  sich  damahls  schon
nach  Feldkirch  und  Bregenz  zurückgezogen,  wo  ihm  auch
Soult  beobachtend  schon  wieder  bei  Rheineck  gegenüberstand.
  Und  Korsakow  war  zwar  wieder  mit  dem
großten  Theil  seines  Heerhaufens,  so  wie  mit  den  Baiern
  unter  Barrels,  über  die  Brücke  von  Diesenhofen
gegen  Winterthur,  desgleichen  das  Condeische  Korps
von  Konstanz  aus  gegen  den  Thurgau  vorgerückt;  allein
Massena  trat  ihnen  dort  ebenfalls  wieder  zu  schnell
entgegen.  Denn  Massena  hatte  sich  nach  Suwarow'e
  Rückzug  durch's  Muttathal,  sogleich  gegen  Zürich
  begeben,  und  von  dort  mit  mehreren  Heer-Abtheilungen
  gegen  Konstanz.  Es  kam  (17.  October)  zum
heftigsten  Gefecht  beim  Kloster  Paradies,  an  welchem
die  Baiern  den  thätigsten  und  ehrenhaftesten  Antheil
nahmen.  ")  Doch  der  wachsenden  Uebermacht  Mas-*)

  Die  Russen  verloren  hiebes  einige  hundert  Mann,  das  hal-
        <pb n="71" />
        —  61  —

sena's  mußten  alle  schon  errungenen  Vortheile  zuletzt
eingeraͤumt  werden.  Die  Bruͤcke  bei  Diesenhofen  wurde
abgebrochen;  hingegen  die  bei  Konstanz  von  den  Franzosen
  genommen,  welche  dort  den  Nachtrab  des  Prinzen
Condé  bis  zum  Dorf  Petershausen  verfolgten.
Die  Stadt  selbst,  wo  der  Kampf  am  heißesten  war,
wurde  von  den  Verbündeten  dreimahl  erstürmt  und  verloren,
  aber  doch  die  Rheinbrücke  besetzt  und  so  der
weitere  Rückzug  gedeckt.  Hier,  wie  bei  Diesenhofen,  begaben
  sich  nun  die  Verbündeten  auf  das  rechte  Rhein-Ufer
  zurück.

So  endete  der  am  26ten  September  begonnene  Kampf,
welcher  eine  ungeheuere  vierzehntägige  Schlacht  heissen
koönnte.

Erzherzog  Karl  ließ,  bei  der  ersten  Botschaft  vom
Unglück  vor  Zürich,  und  von  den  Bewegungen  französie
scher  Heerhaufen  nach  Basel  und  Straßburg,  sogleich  den
Fürsten  von  Schwarzenberg  zur  Deckung  Mannheims
und  Philippsburg  zurück,  und  kam  (schon  am  kten  und
sten  October)  in  Oberschwaben  und  an  die  Schweizergränzen
  mit  dem  größten  Theil  derselben  Truppen  an,
die  er  zuvor  von  Schafhausen  nach  Mannheim  geführt
hatte.  Sein  erstes  Geschäft  ward,  die  gesammte  Heeresmacht
  der  Verbündeten  wieder  in  geordneten  Zusammenshang
  zu  bringen.  Er  zog  den  das  Breisgau  beobachtenden
  General  Nauendorf  an  sich;  ließ  die  Russen  (am
20ten  October),  deren  Arriergarde  die  Baiern  bilderen,  bei
Salmannsweiler  in  Kantonnierungen  treten,  und  die  Verbindung
  mit  Suwaron  herstellen.  Dieser  hatte,  nacherische

  Korps  9  Offiziers,  2659  Mann  Todte  und  Verwundete,
  55  Mann  Vermißte.
        <pb n="72" />
        —  62  —

dem  er  den  groͤßten  Theil  seines  Geschuͤtzes  aus  Italien
über  den  Comersee  und  Splügenberg  an  sich  genommen,
Chur  verlassen,  und  sein  Hauptgelager  von  Feldkirch
nach  Lindau  verlegt.

Die  neue  Vertheidigungs-Linie  des  Erzherzogs  lehnte
ihren  linken  Flügel  also  an  das  verschanzte  Lager  bei
Feldkirch  und  die  höchsten  Spitzen  der  Gebirge  Vorarlbergs
  und  Bündtens.  Im  Vorarlbergischen  und  in  Chur
standen  Oesterreicher.  Die  Linie  gieng  längs  dem  Bodensee
  bis  Buchhorn,  wo  die  Condcer  aufzestellt  waren.
  Zwischen  dem  linken  und  rechten  Flügel  deckte  der
Bodensee  den  leeren  Raum.  Ueberschwemmungen  sicherten
  die  Heermitte.  Diese  Oertlichkeiten  gestatteten  dem
Erzherzog,  seine  Hauptkraft  im  rechten  Flugel,  zwischen
dem  See  und  den  Bergen  des  Schwarzwaldes  zusammen
zu  drängen,  die  Zugänge  zu  seiner  Stellung  zu  verschließen,
  und  durch  die  Bewegungen  seiner  Reiterei
die  Vertheidigung  des  rechten  Rheinufers  weit  auszudehnen.



Die  Franzosen  hingegen,  nun  wieder  im  Besitz  der
Haupteingänge  der  Alpen  und  der  Verbindungen  rechts
und  links  mit  Italien  und  den  Rhein,  drohten  jetzt  von
neuem  über  Disentis  und  Sargans  die  Wiedereroberung
Graubündtens;  während  alle  Ansirengungen  des  Generals
Laudon  und  des  Obristen  Strauch  im  Piemont,  ins
Walliserland  vorzudringen,  außer  aller  Verbindung  mit
den  Schritten  des  verbündeten  Hauptheers  in  Schwaben
und  am  Ahein  geschahen.
        <pb n="73" />
        —  63  —

4#.

Die  letzten  Begebenheiten  des  Feldzugs
von  1700.

Am  Mittelrhein  hatten  die  Franzosen  kaum  erfahren,
daß  Erzherzog  Karl  mit  einem  guren  Theil  seines  Krieges-Volks
  nach  Oberschwaben  aufgebrochen  sey,  als
sie  sogleich  (aten  October)  bei  Basel,  Kehl,  Breisach,
Selz,  Landshofen  über  den  Rhein  zu  gehen  versuchten.
Auch  von  Mainz  aus  griffen  sie  den  Heerhaufen  des  Ges
nerals  Szentkeresty  am  rechten  Rhein-Ufer  mit  Uebermacht
  an,  und  verdrängten  ihn  sogar  aus  Frankfurr.
Doch  das  bsterreichische  Geschütz  bei  Sachsenhausen  zwang
sie  die  Stadt  wieder  zu  räumen.  Einige  Tage  später
(oten  October)  giengen  sie  bei  Kostheim  über  den  Main
und  bemächtigten  sich  Gros-Gerau's.  General  Lecourbe
kam  mit  ohngefähr  18,000  Mann  nach  Straßburg,  und
fein  Vortrab  unter  General  Ney  nach  Landau.  Massena
  drohte  mit  großer  Macht  bei  Basel  über  den  Rhein
zu  setzen,  daher  der  Erzherzog  die  Schweizer-Gränzen
nicht  verlassen  und  dem  Mittelrhein  keine  Hülfe  senden
konnte.

In  dieser  gefährlichen  Lage  der  Dinge  mußte  der
Fürst  von  Schwarzenberg,  der  auf  der  Bergstraße
und  zwischen  Main  und  Neckar  stand,  alle  seine  Feldherrngaben
  entwickeln,  der  fortschreitenden  Uebermacht
eines  rastlosen  Feindes  Spitze  zu  bieten.  Und  in  der
That  gelang  es  ihm,  von  dieser  Seite,  und  unter  den
ungünstigsten  Umständen,  nicht  nur  das  weitere  Vorrücken
  der  Franzosen  zu  hindern,  sondern  ihnen  auch  bei
jedem  Anlaß  sehr  bedeutenden  Schaden  zu  stiften.  Hier
war  es  auch,  wo  der  nachmalige  Feldmarschall  Fürst
        <pb n="74" />
        –  6  —

Wrede,  die  diplomatische  Bahu  mit  der  kriegerischen
vertauschend,  als  Obrist  zum  erstenmahl  seinen  Beruf
zu  den  Waffen  erprobte.  Begeisterung  für  seinen  Fürsten
  und  sein  deutsches  Vaterland  hatten  ihn  bewogen,
in  kurzer  Zeit  aus  Ueberrheinern,  Rheinpfälzern  und
andern  ein  vollzähliges  Bataillon  zu  errichten,  das  balb
in  Ausdauer  und  Muth  den  geübtesten  Truppen  gleich
kam.  Späterhin  ward  ihm  noch  eine  Schwadron  Szekler
Husaren  und  eine  Schwadron  Schwarzenberg-Uhlanen
zugegeben.

Schon  in  der  Nacht  vom  11#ten  zum  12ten  October
war  Ney  mit  beträchtlichem  Fußvolk  und  Reiterei  bei
Oppenheim  über  den  Rhein  gekommen,  und  hatte  die
dsterreichische  Vorpostenkette  durchgebrochen.  Den  folgenden
  Tag  rückten  die  Heer-Abtheilungen  Nansouti
und  Sabbatrthier,  von  Oppenheim  und  Frankenthal
her,  nach.  Die  Haufen  des  franzdsischen  linken  Flügels,
unter  General  Lorsch,  (den  16ten  October)  wandten
sich  auf  der  Bergstraße  gegen  Heidelberg;  die  des  rechten
  Flügels,  unter  Sabbathier,  längs  dem  Rhein
gegen  Mannheim.  Zwischen  beiden  bewegten  sich  leichte
Truppen,  besonders  Reiterei,  gegen  Ladenburg;  Lorsch,
mit  dem  linken  Flügel,  trieb  die  bsterreichischen  Vorposten,
  unter  dem  Prinzen  von  Lichtenstein,  an'’se
linke  Neckar-Ufer  und  stürmten,  doch  vergebens,  gegen
die  von  den  Oesterreichern  kräftig  vertheidigte  Heidelbergerbrücke
  an.  Die  leichten  Truppen,  großtentheils  aus
drei  Regimentern  Reiterei  bestehend,  bei  Neckarhausen
über  den  Neckar  gegangen,  hatten  dort  das  Husaren-Regiment
  Veczay,  unter  dem  Obersten  Grafen  Esterhazoy
  gegen  Friedrichsfelde  zurückgeworfen,  den  Obersten
  selbst  gefangen.  Der  pfalzbgierische  Oberst  Baron

Wrede,
        <pb n="75" />
        Wrede,  mit  seinem  Bataillon  hieher  geeilt,  uͤbernahm
nun  den  Befehl,  sammelte  die  Husaren  und  erneuerte
den  Widerstand.  Es  erhob  sich  dort  auf  der  Stelle  eis
nes  der  glänzendsten  Reiterei  =  Gefechte  dieses  ganzen
Feldzuges,  welches  mehrere  Stunden  währte.  Gegen
drei  feindliche  Regimenter  behauptete  das  dsterreichische,
wie  viel  dieses  auch  vorher  schon  gelitten  hatte,  den  Platz.

Fürst  Schwarzenberg,  im  Gefühl  der  Uebermacht
  seines  Gegners,  räumte  (vom  16ten  zum  1kten
October)  Mannheim  und  Heidelberg,  nahm  seine  Stellung
  bei  Bruchsal,  und  zog  von  Philippsburg  über  Obstadt
  und  Odenheim  bis  Sinzheim  eine  Postenkette.  Die
Franzosen  Mannheim  sogleich  besetzend,  folgten  auf  dem
Fuße,  hielten  ihren  linken  Flügel  oberhalb  Heidelberg
am  Neckar,  den  rechten  bei  Bruchsal,  das  Mittelheer
bei  Sinzheim,  und  berannten,  nach  einem  gelungenen
Gefecht  bei  Philippsburg,  (21ten  October)  diese  Vestung
zum  Drittenmahl.  Auch  die  Städte  Durlach,  Pforzheim,
Heilbronn  und  Laufen  besetzten  sie,  und  zwangen  zugleich
(lten  November)  durch  ihre  Menge  den  Prinz  Hohenlohe
  von  Bbnningheim  hinter  die  Enz  zurück.  Doch
sobald  sich  dieser  einerseits  mit  dem  General  Görger
auf  der  Knittlinger  Straße,  anderseits  durch  einen  Posten
  auf  dem  rechten  Ufer  des  Neckar  mit  General
Szentrkeresty  in  Verbindung  gesetzt  und  einige  Verstärkung
  empfangen  hatte,  nahm  er  wieder  jenseits  der
Enz,  bei  Bietigheim  und  in  der  Gegend  von  Besigheim
und  Kleinsachsenheim,  Stellung.

Inzwischen  Lecourbe  bei  Philippsburg  noch  auf
frischen  Zuzug  wartete,  wollte  Ney  seine  WVortheile  gegegen
  Prinz  Hohenlohe  verfolgen;  trieb  auch  (Sten

5
        <pb n="76" />
        —  66  —

November)  deßen  bei  Besigheim  und  Kleinsachsenheim
stehende  Posten  bis  auf  die  Hoͤhen  von  Bietigheim  zuruͤck.
  Aber  nun  warf  sich  Hohenlohe,  uͤber  die  Enz
gehend,  mit  aller  Macht  bei  Loͤchgau  auf  seinen  Feind,
toͤdtete  denselben  bei  600  Mann  und  verfolgte  ihn  bis
Klein-Gertach  und  Neipperg.

Oberst  Wrede,  der  mit  seinem  Streifcorps  zuerst
den  Ruͤckzug  des  linken  Fluͤgels  der  Oesterreicher  bis
Obstadt  gedeckt,  dann  sich  rasch  nach  Sinzheim  gewandt
hatte,  um  die  Straße  gegen  Heilbronn,  zum  Behuf  einer
  allfälligen  Verbindung  Schwarzenbergs  mit  Erzherzog
  Karl,  sicher  zu  siellen,  gieng  in  dieser  Zeit
(Aten  November)  bei  Obrigheim  wieder  über  den  Neckar,
und  trieb  die  Franzosen,  nach  einem  mörderischen  Gefecht
  aus  diesem  Dorfe.  Seine  Schaar  hatte  sich  durch
die  Trierischen  Jäger  vermehrt.  So  zog  er  nach  Helmstadt
  und  Spechbach,  wodurch  er  die  Verbindung  mit
dem  vorwärtsgedrungenen  Fürsten  Hohenlohe  über
Neidenstein  erneuerte  und  in  die  Nähe  von  Langen-Zenn
kam.  Dieses  war  das  Erbgur  seiner  Vorfahren,  und
hier  lag  damahls  General  Sabbathier  mit  einer  Brigade
  und  einem  Kuirraßier-Regiment.  Wrede  berechnete
  die  Ueberlegenheit  des  Feindes  nicht,  griff  an,  beschoß
  sein  väterliches  Schloß  und  den  Ort,  trieb  die
Franzosen  aus  und  in  grdßter  Unordnung  bis  nach  Neckargmünd.)


?*)  Erzherzog  Karl  erwähnte  in  seinem  deshalb  unterm  #ten
November  erstatteten  offiziellen  Bericht  des  ausgezeichnet
tapferen,  kühnen  und  klugen  Benehmens  des  Obristen
Wrede.  (Siehe  Allgemeine  Zeitung  vom  doten  Novemo
der  1700.  Nro.  336.)
        <pb n="77" />
        —  67  —

Der  Feldmarschall-Lieutenant,  Prinz  Carl  von  Lo—
thringen,  uͤbernahm  darauf  den  Oberbefehl  in  diesen
Gegenden.  Das  Gluͤck  war  anfangs  mit  ihm.  In  ei—
ner  Recognoscirung  gegen  Bretten  und  Knittlingen  warf
er  (ôÖten  November)  durch  General  Görger,  den  Feind
hinter  Bretten  zurück,  trieb  ihn  aus  Bruchsal  bis  Langenbrück
  und  stellte,  über  Graben,  sogar  wieder  die  Verbindung
  mit  Philippsburg  her.

Allein  Lecourbe,  nun  ohngefähr  15,000  Mann
stark,  deren  rechter  Flügel  zu  Heidelberg,  deren  Mitte
zu  Schwetzingen  und  deren  linker  Flügel  am  linken  Neckar-Ufer
  stand,  benutzte  itzt  den  frischen  Muth  seines
Heers,  welchen  dasselbe  theils  durch  einige  Verstärkungen,
  theils  durch  die  Nachricht  von  Buonaparte's
Rückkehr  aus  Aegypten  und  den  Sturz  der  Directorlalregierung
  empfangen  hatte.  Er  griff  plötzlich  (1öten  November)
  die  ganze  bsterreichische  Linie  zwischen  Philippsburg
  und  dem  Neckar  an.  Sein  rechter  Flügel,  unter
General  Laborde,  ging  rechts  über  Neuhofheim,  links
über  Wiesenthal,  stieß  die  zur  Deckung  Philippsburgs
aufgestellten  dsterreichischen  Abtheilungen  bei  Waghäusel
und  Graben  zurück,  und  berannte  also  jene  Festung  von
neuem,  in  diesem  Feldzug  zum  vierten  Male.  Sein
linker  Flügel  unter  General  Barraguay  d'Hilliers
am  linken  Ufer  des  Neckars  gegen  Dielsberg  ziehend,
deckte  und  unterstützte  Neys  Kolonnen  gegen  den  Prinz
Hohenlohe.  Ney,  am  Flüßchen  Elsenz  aufwärts  ruckend,
  bemeisterte  sich  dort,  nach  dem  tapfersten  Widerstande
  der  Oesterreicher,  der  Puncte  Weibstadt  und  Sinzheim,
  und  schob  Aussendungen  bis  Eppingen  vor.  —  Aber
der  Hauptangriff  war  eigentlich  doch  gegen  den  Prinz  von
Lothringen  zwischen  der  Kraich  und  dem  Salzbach,  vor-
        <pb n="78" />
        —  68  —

waͤrts  Bruchsal  und  Bretten,  gerichtet.  General  Decaen
umging  hier,  uͤber  Mingolsheim,  Obstadl  und  Gochs—
heim,  den  rechten  Flugel  der  Oesterreicher,  während  Lecourbe,
  (nachdem  er  erst  mit  einer  Reserve  Reiterei  und
dem  Geschütze  seinen  rechten  Flügel  über  Waghäusel  hinaus
  unterstützt  hattet.)  nun  über  Forst  kommend,  den
Prinz  von  Lothringen  angriff,  warf,  und  bis  Bretten
verfolgte.

Fechtend  traten  die  Oesterreicher  in  ihre  ehemaligen
Lagerstätten  an  der  Enz  zurück.  Der  Prinz  von  Lothringen
  nahm  sein  Hauptgelager  zu  Vahingen,  doch
streckte  General  Goerger  seine  Vorwachten  bis  Pforzheim
  und  Knittlingen  hinaus.  Prinz  Hohenlohe  stand
bei  Fürfeld,  Szentkeresty  bei  Offenau,  und  Oberst
Wrede  wieder  bei  Helmstadt,  nachdem  er  sich  beim  allgemeinen
  Rückzug  zuerst  auf  den  Höhen  von  Lohfeld,
dann  vom  General  Ney  dort  angegriffen  und  weit  übermannt,
  fechtend  bis  Spechberg  und  Aepfelbach  zu  behaupten
  versucht  hatte.  —  Der  Feind  rastete  aber  nicht.
Er  veranstaltete  (am  18ten  November)  gegen  Weibstadt
eine  Recognoscirung,  bei  der  ihm  Wrede  jedoch  mit
seinem  fliegenden  Corps  eine  Ueberraschung  machte,  ihn
auf  allen  Puncten  warf,  und  ihm  Gefangene  abnahm.
Zwei  Tage  nachher  geschah  eine  andere  Recognoseirung
von  Sinzheim  aus  gegen  Wimpfen.  Auch  hier  überfiel
Wrede,  der  zur  Deckung  Heilbronns  nach  Neckargardach
gezogen  war,  die  Franzosen,  und  trieb  sie  mit  beträchtlichem
  Verlust  über  Siegelbach  hinaus  bis  Aepfelbach.
Dann  schlug  derselbe  in  nächtlicher  Stille  eine  Brücke
bei  Wimpfen  über  den  Neckar,  und  stürzte  sich,  während
  Ney  am  linken  Ufer  dieses  Flusses  in  zwei  Kolonnen
  hinzog,  plötzlich  auf  dessen  Geschützreserve  und  Gepäck.
        <pb n="79" />
        Die  Begleitung  desselben  ward  niedergemacht  oder  gefangen,
  und  Gepäck  und  Munition,  gleichsam  Angesichts
  eines  zahlreichen  feindlichen  Heerhaufens,  an's
rechte  Ufer  des  Neckar  in  Sicherheit  gebracht.  Wrede
begab  sich  darauf  mit  seinen  Tapfern  nach  Neckar=  ¾Elz
und  von  da  nach  Burberg,  theils  seinen  Kriegern  Ruhe
zu  gonnen,  tbeils  an  dlesem  Orte  die  pfälzischen  Archive
  und  Kassen  zu  decken.

Erzherzog  Karl  erkannte  die  Gefahr  von  Philippsburg,
  wo  die  Besatzung,  während  des  ganzen  Feldzuges,
durch  Möühseligkeiten  und  Entbehrungen  jeder  Art  zu
noch  längerm  Widerstand  entkräftet  war.  Er  erkannte
die  Absichten  der  Feinde  gegen  sich  selbst,  da  Ney  schon
Heer-Abtheilungen  über  Heilsbronn  hinaus  sandte.  Er
säumte  nicht  länger,  und  schickte  den  General  Grafen
Sztarray  jener  hart  bedrängten  Veslung  zur  Hülfe,
und  das  um  so  sicherer,  weil  die  damahlige  Lage  der
Dinge  das  französische  Heer  in  der  Schweiz  zur  Unthätigkeit
  verurtheilte.

Plötzlich  erfolgte  daraus  überall  neue  Bewegung.
Von  Durlach  her  griff  eine  österreichische  Abtheilung
(25ten  November),  den  kleinen  Heerhaufen  des  Feindes  bei
Friedrichsthal  an,  der  die  Umsperrung  von  Philippsburg
deckte.  Er  ward  nach  Graben  zurückgestoßen.  Zwischen
Neckar  und  Main  jagte  der  Mainzer  Landsturm  alle  franzsischen
  Posten  bis  Weinheim  an  den  Neckar.  General
Sztarray  selbst  erschien  (20ten  November)  in  Enz-Waihingen.


Lecourbe,  wie  er  das  Aeußerste  seiner  Flägel
bedroht  sah,  sammelte  seine  Heeresstärke  bei  Sinzheim
in  der  vortheilhaften  Stellung  von  Weiler  und  Muntzingen.
  Sztarrap  ihm  entgegen  in  drei  Heersäulen.
        <pb n="80" />
        Die  erste  unter  dem  Fuͤrsten  von  Hohenlohe  bewegte
sich  nach  Fuͤrfelden;  die  andere  stellte  sich  unter  dem
Prinzen  von  Lothringen  auf  den  Anhbhen  zwischen  Eppingen
  und  Bretten;  die  dritte  unter  General  Goerger
hielt  bei  Gochsheim.  Ein  Rückhalt  ward  bei  Bretten
gebildet.  So  bedrohte  General  Sztarray,  während
er  seinen  eigenen  linken  Flügel  zurückgezogen  hielt,  Lecourbess
  linken  Flugel  bei  Weiler,

Es  war  der  #te  December-Tag.  Fuürst  Hohenlohe
  begann  den  Angriff  auf  Sinzheim;  ihn  unterstützte
die  zweite  Kolonne,  welche  auf  Weiler  stürmte.  Beide
Puncte  wurden  nach  blutigem  Widerstand  errungen.
Sztarray,  nun  Meister  beider  Enzufer,  rückte  mit  dem
ganzen  linken  Flügel  und  der  Reserve  gegen  Odenheim,
und  umgieng  damit  die  Stellung  des  Feindes  bei  Munzingen
  Der  Kampf  dauerte  bis  Anbruch  der  Nacht.
Oberst  Wrede,  dem  rechten  Flügel  des  dsterreichischen
Heers  zugetheilt,  und  begünstigt  durch  die  Bewegungen
des  Generals  Szentkeresty  zur  Unterstützung  Hohenlohe's,
  war  über  Weibstadt  gezogen,  hatte  die  verschanzten
  Stellungen  Sabbathier's  und  Ney's  bei
Ldwenfeld  angegriffen,  sie  trotz  der  großen  Ueberzahl  der
Feinde  in  einem  lebhaften  Gefecht  eingenommen,  und
damit  den  linken  Flügel  der  Franzosen  gänzlich  umgangen,


Leccourbe  setzte  sich  nun  zwar  mit  seiner  ganzen
Macht  bei  Wiesloch,  und  hielt  in  einer  Stellung,  jenseirs
  dieses  Ortes,  die  Fortschritte  des  Fürsten  Hohenlohe
  eine  Weile  auf.  Aber  als  General  Goerger
endlich  Wiesloch  selbst,  den  einzigen  Rückzugs=  Punct
für  die  im  Beierthal  am  rechten  Elsenz-Ufer  befindliche
Heer-Abtheilung  der  Franzosen  genommen,  verloren,  und
        <pb n="81" />
        gegen  Abend  mit  dem  Bajonet  wieder  erstuͤrmt  hatte,
war  Alles  entschieden:  Philippsburg  naͤhmlich  abermahls
entsetzt,  Lecourbe  zum  Ruͤckzug  nach  Schwetzingen
gezwungen,  der  linke  Flügel  des  oͤsterreichischen  Heers
über  Hokenheim  an  den  Rhein  gelehnt,  Sztarrapy  im
Besitz  der  Bergstraße.

Der  franzdsische  Feldherr,  ohne  Hoffnung  baldiger
Verstärkung,  und  für  sein  Heer  der  Winterlager  bedürftig,
  schlug  einen  Waffenstillstand  vor,  in  welchem  er  sich
die  Stellung  vom  Rhein  oberhalb  Mannheim  her,  queer
über  die  Schwetzinger  Hochstraße  bei  der  Neckerauer
Brücke,  bis  oberhalb  Seckenheim  hin  ausbedang,  und
folglich  das  Neckar=  und  Neckargarten  =  Thal  in  sein
Winterlager  eingeschlossen  haben  wollte.  Erzherzog  Karl
verwarf  natürlich  einen  für  S  ztarray's  Heer  so  wenig
vortheilhaften  Vertrag,  und  die  Feindseligkeiten  begannen
  von  neuem.  Während  Lecourbe  schon  den  größren
  Theil  seines  Kriegsvolks  auf  das  linke  Rheinufer
hinüber  geführt  hatte,  rückte  Sztarrap  in  vier  Kolonnen
  vor;  nahm  Mannheim  nach  kurzem  Widerstand  des
Feindes,  und  eben  so  die  Neckarauer  Verschanzungen.
Damit  endete  hier  der  Feldzug.  Die  Schaaren  bezogen
ihre  Winterleger.  Wrede's  Heerhaufen,  der  zuletzt
noch  beim  Angriff  auf  Mannheim  am  rechten  Neckar-Ufer
  thätig  mitgewirkt  hatre,  kam  in  die  Umgegend
Heidelbergs.)

 

*7)  In  einer  Krlegsgeschichte  der  Baiern  verdient  wohl  das
Schreiben  des  Feldmarschall  Lieutenants  Grafen  Sztarray
  aus  Heidelberg  vom  toten  December  1790  an  den
damahligen  Kurfürsten,  jetzigen  König  von  Baiern,  bemerkt
  zu  werden,  worin  derselbe  auf  die  kriegerischen
        <pb n="82" />
        —  ½  —

Bevor  wir  den  Blick  wieder  auf  Itallen  und  den
Ausgang  des  dortigen  Feldzuges  zurückwerfen,  sollen
wir  die  Stellung  der  verbündeten  Heere  längs  den  Gränzen
  Helvetiens  nicht  unberührt  lassen.  Denn  dadurch
daß  Marschall  Suwarow  in  den  ersten  Tagen  Novembers
  mit  seinem  gesammten  Kriegsvolk,  35,000  Mann
stark,  zum  allgemeinen  Rückzug  in  die  Winterlager  am
linken  Lechufer  aufgebrochen  war,  entstand  hier  eine  gefährliche
  Lücke.  Auch  die  pfalzbaierische  Brigade,  so
wie  die  des  Conde'schen  Korps  hatte  ihm  folgen  müssen;
doch  kehrten  die  Baiern  schon  im  December  nach  Heidelberg
  zurück,  und  empfingen  dann  ihre  Stellung  bei
Mannheim.

Darum  hatte  nun  Erzherzog  Karl  mit  kaum  60,000
Mann  eine  weite  Strecke  von  ohngefähr  achtzig  Meilen,
nämlich  von  Nauders  in  Tirol  bis  Philippsburg,  zu
decken.  Verdient  die  Klugheit  dieses  gewandten  Feldherrn
  Bewunderung,  wie  er  in  diesem  weiten  Raume,
überall  stark  genug,  dort  in  den  Ebenen  das  rechte
Rheinufer,  hier  im  Hochgebirge  Granbündten  gegen  die
Macht  der  Franzosen  zu  behaupten  wußte:  so  verdient
seine  Mäßigung  noch  mehr  Bewunderung,  daß  er  weniger
  für  sich,  als  für  das  Heer  in  Italien  Verstärkungen
wünschte.  Durch  seinen  Rath  soll  der  Wienerhof  wirklich
  bewogen  worden  seyn,  nachdem  die  Heimkehr  der
Russen  in  ihr  Vaterland  unwiederruflich  entschieden  war,

Kenntnisse  und  Gaben  des.  Öbersten  Wrede,  und  guf
die  vorzüglichen  Dienste  aufmerksam  macht,  die  Wrede
mit  seinem  Korps  an  den  siegreichen  Tagen  des  tten,  2ten,
Sten,  8ten  und  oten  Decembers  dem  deutschen  Reich  geleistet
  hatte.
        <pb n="83" />
        alles  Kriegsvolk,  woruͤber  irgend  im  Innern  der  dsterreichischen
  Staaten  verfuͤgt  werden  konnte,  unter  dit
Befehle  von  Melas  und  Kray  zu  stellen.

Denn  in  der  That  hatten  auch  diese  Feldherren  Ende
Septembers,  (die  inzwischen  erhaltenen  Verstaͤrkungen
mitgerechnet,)  in  Italien  nicht  mehr  als  60,000  Mann
unter  sich,  und  noch  dazu  auf  einem  ungeheuren  Raum
zerstreut.  Es  wurden  noch  die  Belagerungen  von  Ancona,
  Civita-Vecchia,  der  Citadelle  von  Rom  und  anderer
  Orte,  durch  die  Generale  Ott  und  Fröhlich
fortgesetzt;  Klenau  bedrängte  beim  Levant-Fluß  noch
Genua,  und  hatte  seine  Vorwachten  schon  bei  Rapallo;
Kray  ins  Klosterthal  gedrungen,  hatte  die  Franzosen
dort  über  den  Jouveberg  getrieben,  während  Melas
die  Einnahme  der  Festung  Coni,  als  des  Schlüssels  zum
Eingange  in's  Piemont  von  französischer  Seite,  betreiben
  wollte.

Ihnen  gegenüber  und  nicht  an  Kräften  ungleich,
stand  der  franzdsische  Oberbefehlshaber  Championet,
die  Mitte  und  der  linke  Flügel  seine  Heerlinie,  etwa
28,000  Mann  stark,  diente  zur  Behütung  Coni's,  der
Grafschaft  Nizza  und  des  obern  Tanaro-Thals;  sein
rechter  Flügel,  hochstens  17,000  Mann  stark,  unter  Ges
neral  St.  Cyr  mußte  Genua  und  die  Appeninen,  von
den  Gränzen  Toscana's  bis  zu  den  Quellen  der  Bormida,
  beschirmen,

Je  festern  Fuß  Klenau  aber  am  Levantfluß  faßte,
an  welchem  er  schon  bis  Cento-Croci  vorgerückt  war,
je  beengter  ward  St.  Cyr's  Lage.  Daher  boschloß  der
franzdsische  Befehlshaber,  Klenau's  Stellung  bei  Rapallo
  zu  überfallen,  einzuschließen  und  aufzuheben.
        <pb n="84" />
        Klenau  aber,  noch  zu  guter  Stunde  berichtet,  daß
ihm  General  Watrin  mit  5,000  Mann  von  der  Bochetta
  her  schon  im  Rücken  nach  Braco  ziehe  (13ten  October),
  rettete  sich  glücklich,  mit  Verl.  st  von  1200  Mann
seiner  Nachhut,  die  gefangen  wurden.  Schnell  ließ  St.
Cyr  darauf  auch  den  bei  Pozzolo  stehenden  österreichischen
  General  Karakzay  sowohl  durch  Watrin
angreifen,  als  von  Novi  her  durch  General  Laboissiere
  mit  4,000  Mann,  und  durch  General  Dombrowskoy,
  der  mit  2,000  Polen  bei  Voltri  und  Campofreddo
  gestanden  war.  Karakzap  wich,  vom  General
Laboissiere  verfolgt  gegen  Allessandrig,  warf  sich
aber,  als  ihm  Zuzug  kam,  unvermuthet  wieder  über
diesen  her,  und  trieb  ihn  vor  sich  hin,  als  darauf  eben
o  unvermuthet  wieder  St.  Cpr,  durch  einen  Schnellzug
  nach  Bosco,  ihm  im  Rücken  erschien.  Karakzay,
mit  Verlust  von  1,500  Gefangenen  und  sieben  Kanonen,
entging  grdßerer  Gefahr  durch  eiligen  Rückzug.  St.
Cyr  aber,  uun  Bosco  und  Pozzolo  besetzend,  dehnte
seinen  rechten  Flügel  bis  Rivalta,  seinen  linken  bis
Acqui.

Während  Klenau  durch  den  General  Bellegarde,
  und  Karakzap  durch  General  Krap  verstärkt
wurden,  um  ihre  verlohrnen  Stellungen  wieder  erobern
zu  konnen,  schloß  Melas  die  Festung  Coni  durch  die
Generale  Ott,  Nobili  und  Gottesheim  ein,  nachdem
  die  Ortschaften  Beinette  und  Poverano  genommen
waren.  In  der  Festung  Coni  mochten  ohngefähr  28,000
Mann  Besatzung  siehen.

Diesen  Punct  zu  retten,  entschloß  sich  Championet
  zur  Schlacht.  Er  spielte  gewagtes  Spiel,
Alles  an  ein  Etwas  zu  setzen.  Eine  gewonnene
        <pb n="85" />
        Schlacht  konnte  ihm  höchsteus  in  Piemont  z  weitern
Spielraum  oͤffnen;  eine  verlohrne  Schlacht  aber  zwang
ihn,  Coni  und  Italien  zu  verlassen.  Um  den  dsterreichischen
  Feldherrn  zu  nothigen,  sich  vom  Eingange  in  die
piemontesische  Ebene  weg  zu  wenden,  wollte  er  den  rechten
  Flügel  seines  Feindes,  der  zwischen  Fossano  und
Savigliano  stand,  einwickeln,  und  dessen  Verbindung
mit  Bra  und  Turin  zerreißen.  Gencral  Duhesme
sollte  ihm  dazu  mit  einem  Zug,  durch  das  Thal  Suza
nach  Pignerola  und  Saluzzo,  helfen.

Melas,  welcher  seinen  Gegner  verstand,  ließ  sich
durch  die  falschen  Angriffe  an  der  Stura  nicht  zerstreuen,
  sondern  verstärkte  seinen  rechten  Flügel  hinreichend,
  indem  er  seinen  linken  zurückzog  und  selbst  Mondovi
  räumte.  Auch  Championet's  Unternehmungen
gegen  Breolungo,  dessen  Besetzung  von  Bene  u.  s.  w.
waren  fruchtlos.  Melas  verließ  vielmehr  seine  Verschanzungen
  zwischen  der  Stura  und  dem  Tanaro  freiwillig
  (Sten  November),  und  nahm  eine  schräge  Stellung,
  gegen  Championet  über,  zwischen  Fossano  und
Marrena.  Den  linken  Flügel  nähmlich  lehnte  er  an
Fossano;  der  rechte  stand  unterhalb  Savigliano,  welches
im  gleichen  Augenblick  von  den  Franzosen  besetzt  ward.
So  waren  nun  beide  Heere  einander  zwischen  dem  Grang-Fluß
  und  der  Stura  im  Angesicht.

Während  Championet  in  der  Nacht  vom  sten
zum  #ten  November  sich  zur  Schlacht  vorbereitete,  Saluzze
  besetzte,  den  General  Victor  in  Fossano,  den
General  Grenier  in  Valdeggio  und  Savigliano  aufstellte,
  traf  auch  Melas  seine  Anstalten.  Dieser  wollte
den  Angriff  auf  des  Feindes  linken  Flügel  bei  Savigliano
        <pb n="86" />
        —  16  —

rtichten;  darum  empfingen  die  Generale  Ott  und  Mitrowsky
  ihre  Richtung  dahin,  so  wie  auch  General
Elfenitz  nach  Genola.  Aber  um  den  rechten  Flügel
und  die  Mitte  der  Feinde  zu  beschäftigen,  sollte  General
  Gottesheim,  mit  der  Besatzung  von  Fossano,  einen
  Scheinangriff  auf  Morozz#o  machen.

Am  #Aten  November  erdffnete  General  Ott,  welcher
dem  General  Grenker  über  Saoigliano  entgegen  trat,
die  Schlacht.  Bald  entbrannte  sie  überall.  Victor
stieß  auf  Gottesheim  und  Elsenitz  unter  den  Kanonen
  von  Fossano.  Ott  ward  zuerst  siegreich.  Er
drängte  den  General  Grenier  nach  Sapigliano,  dann,
als  Mitrowsky  dazu  kam,  bis  Genola  zurück,  Championet
  zog,  nach  dem  Verlust  Savigliano's,  Grenier's
  Abtheilung  gegen  seine  Mitte  nach  Valdeggio,
bald  aber,  als  Melas  seinen  ungestümen  Angriff  begann,
  auf  den  linken  Flügel  nach  Centallo  hin,  und
den  rechten  Flügel,  unter  Victor's  Vefehl,  nach  Runchi
  und  Morozzo  zurück.

In  diesem  Augenblick  kam  Duhesme  zu  Savigliano
  an,  also  schon  ruͤckwaͤrts  den  vorgedrungenen
Desterreichern;  aber  zu  spaͤt.  Die  ganz  verwandelte
Stellung  beider  Heere  veranlaßte  auch  ihn  zum  Rückzug
nach  Saluzzo.  Die  Nacht  trat  ein.  Während  Championet
  in  derselben  Centallo  räumte,  einen  Theil  seines
  linken  Flügels  in's  Grana-Thal  gegen  Demonte,
Grenier's  Abtheilung  über  die  Stura  und  Coni  nach
St.  Oalmazo  zurückschickte,  sammelte  Melas  seine
gesammten  Schaaren  bei  Centallo.

Ehampionet's  in  Runchi  gebliebene  Nachhut,
600  Mann,  vom  General  ÖOtt  des  andern  Morgens
        <pb n="87" />
        77  —

angegriffen,  ward  gefangen;  ein  neuer  Angriff  auf
Championet  selbst  gethan.  Das  entschied  fuͤr  den
gaͤnzlichen  Verlust  der  Schlacht  von  Genola  fuͤr  die
Franzosen,  und  das  Schicksal  der  Festung  Coni.  Denn
Championet,  nachdem  er  8,000  Mann  verloren,  rettete
  die  Ueberbleibsel  seines  Heers  auf  verschiedenen  Wegen.
  Grenier  nach  Limone  gezogen,  ward  dort  von
den  Oesterreichern  auf  den  Col  de  Tende  zuruͤckgeworfen.
Zugleich  besetzten  sie  die  kleine  Veste  Demonte,  wichtig
durch  ihre  Lage.  Championet,  der  bei  Mondovi
Fuß  fassen  wollte,  wurde  nach  Garesio  getrieben.  Späterhin
  gieng  er  bis  Sospello  ohnweit  Nizza  zurück.  Und
vor  Anfang  Decembers  waren  alle  Höhen  des  Col  de
Tende  von  den  Franzosen  geräumt.  Coni,  in  elendem
Vertheidigungszustand,  ohne  Hoffnung  eines  Entsatzes,
übergab  sich  dann  den  Siegern  (15ten  December)  nach
neuntägiger  Belagerung.

Auch  in  den  Appeninen  und  vor  Genua  hatten  die
Oesterreicher,  nach  Vermehrung  ihrer  Streitkräfte,  noch
einmahl  den  Kampf  erdffnet.  Sobald  Kray  mit  Haddik
  und  Karakzay  an  der  Spitze  von  10  Bataillonen,
2,000  Reitern  und  25  Kanonen  (5ten  October)  von  Marengo
  her  nach  Pozzolo  gezogen  waren,  mußte  St.  Cyr
die  Ebenen  verlassen,  und  hinter  Novi  eine  gesichertere
Stellung  suchen.  Kray  griff  hier  auch  Watrin's
und  Laboissiere's  Abtheilungen  mit  Glück  an.  Indem
  diese  noch  über  Novi  hinaus,  doch  ohne  Ordnung,
verfolgt  wurden,  erschien  dort  St.  Cpr  aufgestellt.  Das
lebhafre  Feuer  seines  Geschützes  hemmte  die  Sieger  nicht
nur  in  ihrem  Lauf,  sondern  trieb  sie  auch  nach  Novi
zurück.  Ja,  selbst  diesen  Punct  mußten  sie  mit  großem
        <pb n="88" />
        Verlust,  und  mit  Zuruͤcklassung  von  1,800  Gefangenen
raͤumen,  und  wieder  nach  Alessandria  ziehen.

Aber  St.  Cyr,  an  Huͤlfsmitteln  zu  schwach  und
der  Stadt  Genna  wenig  vertrauend,  deren  Haß  gegen
die  Franzosen  ihm  nicht  verborgen  war,  gab  seine  aus—
gedehnte  Stellung  in  den  Appeninen  freiwillig  auf,  und
zog  die  ehemahlige  gedraͤngtere  in  und  bei  der  Stadt
vor.  —  Kray  folgte  ihm  frischerdings.  Klenau  both
demselben  von  Ormea  aus  die  Hand,  suchte  die  Verbindung
zwischen  Genua  und  Nizza  aufzuheben,  und  drang  in
die  Gegend  von  Genua  vor,  indem  er  den  franzoͤsischen
General  Darnand  mit  überlegener  Macht  bis  St.
Martin  d'Albano  ruckwärts  geworfen  hatte.

Durch  diese  gelungenen  Schritte  Klenau's  ward
St.  Cypr  beunruhigt,  besonders,  als  er  eine  von  dessen
Heersäulen  sich  längs  dem  Meergesiade  heranbewegen
sah,  zur  See  durch  Engländer  unterstützt  (15ten  Dec.),
und  eine  andere  über  Fontano  her,  sich  des  Montefaccio
  bemächtigen  sah.  Zufrieden,  daß  Watrin  in
den  Verschanzungen  an  der  Bocchetta  gegen  die  Angriffe
des  Feldzeugmeister  Kray,  durch  General  Eidel  und
Hohenzollern,  kräftigen  Widerstand  geleistet  hatte,
sandte  er  eilends  eine  Abtheilung  zur  Besetzung  der  in
Klenau's  Rücken  liegenden  Puncte  Torriglia,  Scoffera
  und  Montaggio  ab.  Darnaud  mußte  inzwischen
den  Feind  auf  der  Stirnseite  beschäftigen.  Ihn  unterstützte
  St.  Cyr  mit  vier  Schlachthaufen  ausgewählter
Krieger,  die  er,  als  Rückhalt,  zwischen  ihm  und  der
Vesiung  versieckt  aufgestellt  hatte.  Der  Kampf  ward
dabei  heftig;  aber  die  dsterreichische  Linie  endlich  durchbrochen,
  und  in  größter  Unordnung  gegen  die  Schluch-
        <pb n="89" />
        —  79  —

ten  der  Scoffera  gestuͤrzt.  Dort  brach  nun  der  bei  Torriglia
  und  Scoffera  wartende  Hinterhalt  hervor  gegen
Klenau's  Nachhut,  machte  viele  Gefangene  und  trieb
die  Oesterreicher  bis  hinter  die  Magra.  —  Hier  sammelte
  sich  Klenau.  Er  bezog  darauf  seine  Winterlager;
  eben  so  General  Ott  in  den  Herzogthümern
Modena  und  Parma;  das  Hohenzollern'sche  Korps,
nach  Aufhebung  der  Sperrung  von  Gavi,  in  der  Umgebung
  von  Alessandria;  Melas  bei  Fossano.

Die  Fahnen  Oesterreichs  hatten  jetzt  alle  Uebergänge
aus  Italien  nach  Frankreich  besetzt,  und  dehnten  sich
vom  Lago  maggiore,  Comer=  und  Luzaner-See  über
Bellinzona  bis  ins  Piemont  zum  Col  de  Tende  aus;
sie  umklammerten  bei  Ormea,  Cairo,  Novi,  Serravalle
und  Gavi,  in  der  Nähe  der  Bocchetta,  die  ligurische
Republik,  und  besetzten,  unter  Klenau,  den  Lauf  des
Levanteflusses,  von  wo  sie  mit  den  Truppen  des  Generals
  Hohenzollern  und  denen  im  Toscanischen  Verbindung
  unterhielten.  —  Die  Franzosen  dagegen  behielten
  ihre  Stellungen  bei  Fesnils  und  Cesanne  mit  Vorwacht
  bei  Colombie,  Salomine  und  Molliere;  General
Poinsot  in  der  Nähe  Nizza's;  die  Generale  Lemoine,
Clausel  und  Gardanne  bei  Finale;  General  Seras
  mit  5,000  Mann  bei  Loano;  Miollis  bei  Savona;
  Victor  beim  Kloster  von  St.  Moriz  und  an
der  Pieva.

Dies  war  beider  Heere  Stellung  in  Italien  am
Ende  des  Feldzugs  1700.  Nur  slüchtig  wollen  wir  beim
Schlusse  seiner  Uebersicht  noch  auf  die  verunglückte  englisch
  -russische  Unternehmung  gegen  Holland  hindeuten,
von  welcher,  da  sie  unter  den  günstigsten  Umstänoden
        <pb n="90" />
        begonnen  war,  die  Heere  am  Rhein  und  in  Itallen  fuͤr
sich  selbst  die  wohlthaͤtigsten  Ergebnisse  erwartet  hatten.
Doch  es  ist  bekannt,  wie  der  franzoͤsische  Feldherr
Brune,  mit  nur  kaum  20,000  Mann,  und  in  einem
von  dreierlei  Factionen  zerrißenen  Lande,  durch  außerordentliche
  Thaͤtigkeit,  durch  kluges  Benutzen  der  Volksstimmung
  zur  Landes=  Vertheidigung,  und  durch  Tapferkeit
  seines  kleinen  Heers,  nicht  nur  den  Herzog  von
Vork  und  General  Abercombie  mit  ihren  35,000
Mann  bis  zum  September  auf  bloße  Selbstvertheidigung
  beschränkte,  sondern  sie  sogar  durch  seinen  Sieg
bei  Alkmaer  (G6ten  October)  zur  Bedingung  zwang,  ganz
Holland  raͤumen  zu  muͤssen.

 

5.
Neue  Rüstungen  zum  Feldzug  1800.

Die  Friedensanträge,  welche  Buonaparte,  nach
dem  Sturz  des  franzbsischen  Vollziehungs-Directoriums,
als  erster  Consul,  mit  so  großer  Mäßigung,  dem  englischen
  und  russischen  Hofe  gethan  hatte,  mochten  allerdings
  aufrichtig  gewesen  sepn.  Ein  allgemeiner  Friede
schien  ihm  norhig,  sich  auf  der  erstiegenen  Hohe  zu  befestigen.
  Seinen  Anträgen  Kraft  zu  verleihen,  entwickelte
  er  aber  zugleich  auch  eine  ungebeuere  Streitmacht,
und  versuchte  er  von  der  andern  Seite,  durch  schlaue
Unterhandlungen  die  kleinen  Fürsten  Deutschlands,  besonders
  Pfalzbaiern,  dem  Oberhaupte  des  Reichs  zu  entziehen.


Oesterreich  war  dem  Frieden  nicht  abgeneigt,  zumahl
  da  Kaiser  Paul,  aus  einem  Kriege,  der  seinen
Interessen  fremd,  seinen  Finanzen  nachtheilig  schien,

zurücks-
        <pb n="91" />
        —  81  —

zurück  trat,  dem  Marschall  Suwarow  und  dem  Conde'schen
  Korps  die  Rückkehr  nach  Rußland  befahl,)
und,  mit  Katharinens  Staatsklugheit,  ruhig  aus  der
Ferne  dem  Kampfe  zwieträchtiger  Mächte  zusehen  wollte,
durch  welchen  sie  sich  gegenseitig  schwächten.  Auch  hatte
Buonaparte  dem  Wienerhof,  als  Grundlage  des
Friedens,  den  Vertrag  von  Campo=  Formio  vorgeschlagen,
  wo  dann  Oesterreich,  im  Besitz  von  der  Lombardei
und  Piemont,  hinlänglich  für  die  in  jenem  Vertrag  anerkannten
  Entschädigungen  gesichert  worden  wäre.

Nur  England,  welches,  aus  Besorgniß  früherer
oder  späterer  Beeinträchtigung  seines  Handels,  Holland
auf  keine  Weise  in  Frankreichs  Händen  lassen  wollte,
jetzt  aber  die  Zurückgabe  desselben,  trotz  der  in  Italien
geschehenen  Fortschritte  Oesterreichs,  nicht  hoffen  konnte,
da  alle  diese  Fortschritte  durch  die  Niederlagen  bei  Zürich
und  Alkmaer  an  Werth  verloren  hatten,  —  nur  Enge
land  widerstand  unbeweglich  allen  Aufforderungen  zum
Frieden.  Es  schmeichelte  sich,  Frankreich,  abermahls
durch  den  Bürgerkrieg  in  der  Vendéêe  erschüttert,  sey  an
Geld  und  Menschen  erschdpft.  Es  erwiederte  bekanntlich
Buonaparte's  unmittelbares  Schreiben  an  den  Kdnig
von  England,  in  Lord  Grenville's  amtlicher  Note,
mit  einer  neuen  Kriegserklärung;  gab  den  brirtischen
Rüstungen  die  größte  Ausdehnung;  sandte  kußerst  gewandte
  Unterhändler  nach  Petersburg  und  Wien,  um
diese  beiden,  durch  die  Vorfälle  in  Italien  und  der
Schweiz  getrenuten  Höfe  wieder  zu  neuen  Anstrengungen

*)  Suwarow  empfing  den  Befehl  Anfang  Decembers  1799
und  am  2Loten  desselben  Monats  hatten  die  letzten  Russen
schon  Batern  verlassen.

6
        <pb n="92" />
        —  32  —

zu  vereinigen,  und  verhieß  dem  Hause  Oesterreich  nicht
nur  sehr  beträchtliche  Hülfegelder,  sondern  auch  die  feierlichste
  Gewährleistung  des  immerwährenden  Besitzes  von
Italien.

Dies  letztere  entschied.  Der  Wienerhof,  ungeachtet
er,  außer  England  und  dem  deutschen  MReich,  keinen
Verbündeten  hatte,  da  Preußen  und  Dänemark  dem
Grundsatz  der  Unpartheisamkeit,  und  Schweden  der
Handlungsweise  Rußlands  treu  blieb,  lehnte  alle  erneuerte
  Anträge  des  ersten  Konsuls  von  Frankreich  ab.
Es  bor  vor  Allem  auf,  seine  Heermassen  in  Iralien,
wie  in  DOeutschland,  in  einen  Achtung  gebietenden  Stand
zu  setzen.  Der  Landsturm  in  Schwaben  und  am  Mitrelrhein
  wurde  auf's  neue  aufgeboten,  und  jedes  der
Reichskonringente  vollständig  gemacht.

Kurfürst  Marimilian  Joseph  von  Baiern,  fest
am  Hause  Oesterreich  und  der  großen  Angelegenheit
Deutschlands  halrend,  ließ  es  nicht  bei  der  einfachen
Stellung  des  Kontingents  bewenden.  Im  Vorgefühl
des  großen,  alles  umwälzenden  Sturms  erkannte  er,
daß  Baiern  seine  Selbstständigkeit  nur  bewahren  werde,
wenn  es  sich  mit  eigenen  Waffen  schütze.  Darum  ließ
er  thätig  die  Bildung  einer  starken  Landwehr  vorbereiten,
rastlos  in  Pulver=  und  Jenghäusern  arbeiten,  die  grdssere
  Befestigung  von  Ingolstadt  beschleunigen,  die  Vorrathsháäuser
  aller  Art  füllen,  und  seinem  Heer  edlern
Geist  einfldzen.  Schon  früher  hatte  er  den  vormahls
üblichen  Verkauf  der  Stellen  beim  Heere  abgeschaft
(26ten  Februar  1799),  vorzuͤglichere  Offiziere  angestellt
(25ten  März  1700),  einerseits  zweckmäßige  Ersparungen
bei  der  Heerverwaltung  eingeführt,  anderseits  die  Besoldungen
  und  Gehalte  erhöht  ('ten  September  1790),
        <pb n="93" />
        —  83  —

zur  Bildung  guter  Unteroffiziere  eine  Schule  errichter
(14#ten  October  1700),  der  bisherigen  Militär-Academie
zum  Unterricht  junger  Offiziere  eine  zweckmäßigere  Gestalt
  verliehen  (22ten  October  1700),  und  Lazarethe  und.
Kriegöspiräler  durchaus  verbessert,  um  das  Loos  der  verwundeten
  oder  kranken  Soldaten  zu  mildern.  Nun  schloß
er  noch  mit  England  (15ten  März  1800)  einen  Vertrag
  ab,  in  Folge  dessen  er  sich  anheischig  machte,  gegen
  die  Summe  von  560,686  Pfund  Sterling  Hülfsgeldern,
  ein  Korps  von  12,000  Mann  in's  Feld  zu  siellen.
Zu  den  dafür  neu  zu  bildenden  Regimentern  mußten  die
bisherigen  fünfzehn  Baraillons  Fußvolk,  als  Stamm
dienen.

Inzwischen  aber  hatte  Buonaparte  in  seiner  gewaltigen
  Regsamkeit  die  Unruhen  der  Vendée  gänzlich
gestillt;  die  ganze  franzdsische  Jugend,  ihr  Siege  weissagend,
  zu  den  Waffen  gerufen,  und  die  Bildung  eines
Reserve  =  Heerb  zu  Dijon  begonnen,  zu  welchem  auch
die  aus  Holland  gerufenen  Abtheilungen  stoßen  mußten.
Doch  alles  was  er  thar,  und  die  scheinbare  Schwäche
der  franzdsischen  Stellungen,  ließ  vermuthen,  daß  es
bei  ihm  nur  auf  eine  nachdrückliche  Vertheiwigung  abgesehen
  sey.  Und  in  der  That  war  diese  Vermuthung  am
Wienerhofe  so  herrschend,  daß  man  ohne  Sorge  wegen
Moreau,  dessen  Heer  sich  längs  dem  linken  Rheinufer
  und  in  der  Schweiz  täglich  verstärkte,  nur  die  Augen
  nach  Italien  wandte,  und  daher  die  dsterreichische
Macht  von  Mannheim  bis  zu  den  Alpen  ohne  Thätigkeit
  ließ.

Diese  Kriegsmacht  am  Rhein,  130,000  Mann  stark,
welche  25,000  Mann  Reiterei  zähltre,  stand  beim  Beginnen
  des  Feldzugs  nicht  mehr  unter  dem  Oberbefehl

6#"
        <pb n="94" />
        —  383  —

des  vom  ganzen  Heer  angebetheten  Erzherzogs  Karl,
sondern  war  jetzt  (17ten  März)  dem  Feldzeugmeister
Baron  Krapy  übergeben,  und  unter  Kollowrath,
Sztarray,  Giulay  und  Klenau  in  vier  Korps
getheilt.

Die  Hauptstärke  befand  sich  in  der  Gegend  von
Villingen  und  Donaueschingen,  die  Reserve  in  der  Gegend
  von  Stockach  mit  Abtheilungen  in  der  Nähe  Kehls
und  der  Schlunde  des  Kinzinger  und  Renchthals,  unter
General  Kienmaier.  —  Giunlay  hielt  bei  Freiburg
und  Altbreisach,  jenseits  des  Höllenthals;  Erzherzog
Ferdinand  am  Rhein  von  Vasel  bis  Waldshur;  der
Prinz  von  Lothringen  über  Schafhausen  bis  zum
Konstanzer  See;  Fürst  Reuß  bei  Feldkirch,  Bregenz,
in  Graubundten  und  Tirol.  Die  ganze  Kette  dieser
Schaaren  stand  sowohl  unter  sich,  als  mit  dem  Korps
des  Feldzeugmeisters  Grafen  Sztarray  verbunden,
der  bei  Heidelberg  und  Mannheim  lag.  Erhatte  20,000
Mann,  zu  denen  auch  das  pfalzbaierische  Kontingent  von
drei  Bataillons  unter  General  Bartels  gehdrte.  Eben
so  sammelte  sich  das  baierische  Subsidien-Korps  von
12,000  Mann,  in  zwei  Brigaden  getheilt,  Anfang
Aprils  bei  Heidelberg  und  ODonauworth.  ')  An  Sztar- 



2te  Brigade.
Oberst  Baron  Wrede.
Feldjäger-Bataillon  Clos-»)

  ite  Brigade.
Generalmajor  v.  Derov.
Grenadier-Bataillon  Reuß.

mann.
Feldjäger-Bataill.  Meßen.  Grenadier  *  Bataillon  Sie--.
  ein.
4  Bataillon  Minucci.  1  Bataillon  Lamotte.
7?  Zettwiß.  7  Zollern.
„  Sprettit.  ?  Pompev.
»  Schloßberg,  »  Busseck.

welch  Leßteres  jedoch  erst  in  zwei  Kompagnien  neu  errich=Heidelberg

  erganzt  werden
  sollte.

teiter  Scharfschüßen  unter
Kommando  des  Malors  Ba-=kon
  Kesling.
        <pb n="95" />
        —  83  —
ray's  Rechte  lehnte  sich  der  Mainzer  Landsturm  zwi—-schen
  der  Maas  und  dem  Rhein,  unter  dem  Baron  Al—
bini,  der  an  der  Nidda,  bis  zur  Veste  Kassel  und
gegen  Hochheim  Stellung  genommen.  Weiter  abwaͤrts
hingegen  hielt  Preußen,  als  unpartheisame  Macht,  die
Laͤnder  unterhalb  Koblenz,  vom  linken  Heerfluͤgel  der
Franzosen  an  bis  zur  hollaͤndischen  Graͤnze,  mit  20,000
Mann  gedeckt.  In  Nordholland  selbst  stand  Augereau
nur  mit  10,000  Franzosen  zur  Sicherheit  gegen  Englaͤnder.

Dies  ohngefaͤhr  war  im  Allgemeinen  die  Stellung
deutscher  Seits.  Noch  bildeten  sich  im  Innern  des  dsterreichischen
  Staats  zahlreiche  Truppen  =  Massen  vor.
Würzburg,  Philippsburg  und  Ingolstadt  befanden  sich
in  gutem  Vertheidigungs-Zustand.  Ulm  war,  seit  Befestigung
  der  Anhöhen  umher,  sowohl  ein  trefflicher
Sicherheitspunkt  für  Vorräthe,  als  Stützpunct  eines
Heers  geworden,

 

0.

Wiederanfang  der  Feindseligkeiten  in
Deutschland.  Die  Schlachten  bei  Stockach,
Engen,  Moöskirch,  Memmingen,  und  andere
  Gefechte,  bis  zum  1#ten  May  1800.

Aber  nun  erfuhr  man,  daß  auch  Moreau's  Heer
lenseits  des  Rheins  keineswegs  schwach,  sondern  auf's

Außerdem  hatte  dieses  Korps  ein  aus  sechs  Escadronen
bestehendes  verschiedenartig  zusammengesetztes  Chevaurlegers-Regiment,
  eine  neuerrichtete  leichte  reitende  Batrerie
  von  sechs  öpfünder  Kanonen  und  zwei  Haubißen,  die
Bataillons  aber  achtzehn  Spfünder  und  sechs  Haubißen,  nebst
der  dazu  gehörigen  Reserve=  Axrtillerie  in  ibrem  Gefolge-
        <pb n="96" />
        Beste  ausgeruͤstet,  und  volle  120,000  Mann  stark  sey.
Zu  spaͤt  gab  der  Wienerhof  daher  dem  Feldzengmeister
Kray  Befehl  (15ten  April),  den  Feldzug  zu  eroͤffnen,
ehe  Moreau  angriffsweise  verfahren  koͤnne.  Moreau
war  wirklich  schon  in  voller  Thaͤtigkeit,  den  Rhein  zu
uͤberschreiten,  was  ihm  die  Bruͤckenkoͤpfe  bei  Basel,
Breisach  und  Straßburg  erleichterten.

General  St.  Suzanne  brach  aus  Straßburg  und
Kehl  (25ten  April)  gegen  Offenburg  hervor,  währeud  er
links  gegen  die  Ortschaft  Renchen  eine  Abtheilung  sandte,
um  dort  die  leichte  Reiterei  seines  Feindes  im  Zaum  zu
halten.  Der  Angriff  in  der  Morgenfrühe  war  so  ungestuͤm
  und  morderisch  an  beiden  Ufern  der  Kinzing  daß
die  Oesterreicher  im  Wahn,  nicht  etwa  einen  ihnen  an
Zahl  gleichen,  etwa  15,000  Mann  starken  Feind,  sone
dern  die  franzbsische  Hauptmacht,  vor  sich  zu  haben,
nach  Offenburg  zurückgiengen.  Darauf  stellte  sich  St.
Suzanne  zwischen  Willstett  und  Appenweier  auf.  —
In  derselben  Zeit  eilte  Gouvion  St.  Cyr  mit  20,000
Mann  aus  Alt-Breisach  über  den  Rhein  hervor,  stieß
die  einzelnen  dsterreichischen  Abtheilungen  zurück,  nahm
die  Stadt  Frepburg  im  Breisgau,  und  sireckte  seinen
linken  Flügel  gegen  das  Kinzinger  Thal.  Krap,  durch
diese  letztere  Bewegung  zu  dem  Glauben  verführt,  St.
Cyr  wolle  sich  vermittelst  derselben  an  St.  Suzanne
schließen,  entbloßte  seine  Mitte,  und  schickte  einen  Theil
seiner  Reserve,  unterstitzt  durch  Sztarray  und  Ginlay,
  nach  dem  Ort  Haslach  beim  Eingang  der  Hornberger
  Thal-Engen.  Allein  schnell  und  unerwartet  war
St.  Suzanne,  am  dritten  Tage  seiner  Erscheinung,
wieder  nach  Straßburg  über  den  Rhein  zurück,  wohin
ihn  Kray  bis  vor  Kehl  terfolgte,  und  kam  dann  eben
        <pb n="97" />
        –  87  —

so  rasch  und  unerwartet  wieder  bei  Alt-Breisach  zum
Vorschein,  von  wo  er  sogleich  St.  Cyr's  Stellung  bei
Freiburg  einnahm.  St.  Cyr  hingegen  gieng  über
Todtnau  nach  St.  Blasien  vor,  indem  er  die  bdchsten
Gebirgsgipfel  des  Schwarzwaldes  und  das  Höllenthal
rechts  ließ.  Moreau  selbst  war  unterdessen  auch  schon
mit  drei  Abtheilungen  von  Basel  her  über  den  Rhein
gekommen,  hatte  den  General  Richepanse  links  durchs
Wiesenthal  nach  St.  Blasien  geschickt,  die  Generale
Delmas  und  Leclere  aber  gegen  Waldshut,  wo  sie
unterwegs  die  österreichischen  Verschanzungen  bei  Alb-Bruck
  so  rasch  erstürmten,  daß  deren  Vertheidiger  nicht
einmahl  Zeit  behielten,  die  Brücke  abzuwerfen.  Ebenso
warf  Richepanse  bei  St.  Blasien,  am  Eingange  des
Alb-Thales,  vier  österreichische  Bataillons,  die  er  über
Bonndorf  hinaus  verfolgte.  St.  Cyr  kam  mit  ihm
fast  zu  gleicher  Zeit  in  St.  Blasten  an,  und  setzte  seinen
  Zug  durch  rauhe  Bergwege  nach  Stühlingen  fort,
so  wie  am  linken  Flügel  auch  St.  Suzanne  bis  nach
Neustadt.

Auf  diese  Weise  hatte  Moreau  binnen  wenigen
Tagen  die  Päße  des  Schwarzwaldes  hinter  sich,  und
sein  bei  Breisach  und  Basel  über  den  Rhein  gegangenes
Heer  in  voller  Verbindung  und  gerader  Linie.  Eben  so
ließ  er  nun  noch  seine  ganze  Reserve  über  die  Wuttach
gehen  und  auf  den  rechten  Flügel,  zwischen  Neukirch
und  Hallau,  einrücken.

Der  Feldzeugmeister  Kray  befahl  alsbald  dem  General
  Giulav  und  allen,  dem  rechten  Flügel  zugeschickten
  Verstärkungen,  nach  Donaueschingen  zur  Reserbe
zurückzueilen.  Wredes's  balerische  Brigade  bei  Heidel-
        <pb n="98" />
        berg,  welche  erst  nach  Villingen  bestimmt  war,  mußte
sich  in  Eilmaͤrschen  uͤber  Tuttlingen  nach  Liptingen  der
Hauptarmee  naͤhern.  *)

Inzwischen  hatte  aber  auch  Lecourbe  seine  Kriegs-Lölker,
  zwischen  Schafhausen  und  dem  Constanzersec,
in  der  Schweiz  versammelt.  Sobald  er  nun  erfuhr,  daß
Moreau's  Heer  sich  am  rechten  Rheinufer  mit  ihm  in
gleicher  Hôhe  befände,  erkämpfte  er  beim  Dorfe  Reichlingen,
  zwischen  Stein  und  Diesenhofen  (#iten  März),
den  Rheinübergang.  Er  hatte  alle  Voranstalten  zu  dieser
  Unternehmung  den  Augen  des  Feindes  zu  verbergen
gewußt.  Nachts  begann  er,  er  warf  die  dsterreichischen
Vorwachten  zurück  und  Mitrags  hatte  er  nicht  nur  schon
den  Brückenkopf  vollender,  sondern  auch  volle  20,000
Mann  am  rechten  Ufer,  mit  allem  Geschütz,  aufgestellt.
Nun  sandte  er  Abtheilungen  in  verschiedener  Richtung,
um  sich  mit  Moreau's  rechten  Flugel  zu  verbinden,
und  drängte  die  Oesterreicher  mit  Uebermacht  über  Hohentwiel
  hinaus,  welche  mit  vergeblicher  Tapferkeit  sowohl
den  Uebergang,  als  ihren  Rückzug  nach  Stockach,  zwischen
  Weiler  und  Ramsen,  vertheidigt  hatten.  Hohentwiel,
  die  kleine  Bergveste,  wo  bedeutende  Vorräthe  aller
Art  nebst  zahlreichem  Geschütz  lagen,  ein  für  die  Franzosen,
  für  die  Sicherung  ihrer  Heerverbindungen,  wichtiger
  Punct,  ergab  sich  unbegreiflicher  Weise  noch  an
dem  nähmlichen  Tage,  gleich  nach  erster  Aufforderung
des  französischen  Generals  Vandamme.

*)  Die  erste  Brigade  des  pfalzbaierischen  Korps  gog  sich
dagegen  zu  dieser  Lgeit  bei  Donauwörth  zusammen,  und
wurde  am  26ten  April  von  dem  englischen  Kommissär
Grasen  Wickham  gemustert.
        <pb n="99" />
        Jetzt  ward  die  Stellung  des  Feldzeugmeisters  Kray
gefaͤhrlich.  Er  mußte  eine  neue  Vertheidigungs-Linie  zwischen
  dem  Bodensee  und  den  Gebirgen  des  Schwarzwaldes
  nehmen,  aber  er  konute  kaum  hoffen,  daß  sein
rechter  Flügel  unter  Sztarraynoch  zeitig  genug  durch's
obere  Neckarthal  eintreffen,  und  dazu  mitwirken  würde.
Er  mußte  Stockach  decken,  wo  seine  Magazine  lagen;
aber  dazu  mußte  er  mit  seiner  Mitte  und  dem  linken
Flügel,  vermittelst  eines  Seitenmarsches,  eine  ganze
Front-Veränderung  ausführen.

Eben  dies  wollte  Moreau  hindern.  Während
St.  Cypr  also  auf  den  Höhen  von  Stühlingen,  Lecourbe
unter  den  Kanonen  von  Hohentwiel  blieb,  mußte  St.
Suzanne  bei  Neustadt  aus  dem  Höllenthal  hervorziehen,
  und  Moreau  gieng  mit  den  drei  Reserve-Abtheilungen
  nach  Blumenfeld,  um  mit  Lecourbe  in
gleicher  Linie  zu  siehen.  So  mit  30,000  Mann  bot
Moreau  seinem  Gegner  Schlacht  an.  Er  wollte  dessen
linken  Flügel  vom  Bodensee  losreißen,  und  dessen  Stellung
  zwischen  Stockach  und  Engen  selbst  einnehmen.
Kray  hingegen  war  gezwungen,  alles  für  die  Behauptung
  Stockach's  zu  wagen,  und  deswegen  Kern  und
Mitte  seines  Heers,  von  Douaueschingen  hinweg,  hier
zur  Vertheidigung,  aufzustellen.  Jedoch  schon  bei  seiner
  Ankunft  zu  Engen  (#ten  May)  erkannte  er  aus  allen
  Bewegungen  der  Franzosen  die  Nähe  des  allgemeinen
  Angriffs.  Er  mußte  deswegen  auf  seinem  Seitenmarsch
  sogleich  Halt  machen,  um  so  mehr,  da  außerdem
die  Generale  Giulay  und  Kienmaier,  welche  sich
eiligst  von  den  Rheinufern  entfernten,  großer  Gefahr
preisgegeben  worden  wären,  und  ohnehin  schon  die  Abtheilungen
  seiner  Nachhut  unter  Erzherzog  Ferdi-
        <pb n="100" />
        —  00  —
nand  im  lebhaften  Gefechte  gegen  St.  Cyr's  Vorhut
standen.

So  hatte  Krap  folglich,  als  ihn  Moreau  schon
angriff,  die  begonnene  Bewegung  noch  nicht  vollendet.
Nur  der  Prinz  von  Lothringen  stand  zur  Vertheidigung
  Stockach's  mit  12,000  Mann  zwischen  Stockach
und  Steißlingen.  Graf  Nauendorf  war  noch  bei
Welchingen,  Erzherzog  Ferdinand  und  Giulay  noch
auf  den  Straßen  von  Blomberg,  Thengen  und  Donaueschingen.



Schlacht  bei  Stockach  den  sten  May.

Am  öten  May  setzte  sich  Lecourbe  in  aller  Frühe
gegen  den  Prinzen  von  Lothringen  in  Bewegang.
Die  Abtheilung  des  Generals  Montrichard  ließ  er
auf  der  Hauptstraße  von  Singen  geradezu  gegen  Stockach
rücken,  die  Abtheilung  des  General  Bandamme  recht
nach  Wahlwies,  den  General  Lorges  links,  um  mit
einer  Hälfte  seiner  Division,  durch  Besetzung  des  Punctes
Aach,  die  Gemeinschaft  zwischen  Stockach  und  Engen
zu  unterbrechen,  und  mit  der  andern  Hälfte  den  rechten
Flägel  der  Reserve  zu  verstärken,  der  durch  Abgebungen
an  die  Mitte  geschwächt  war,

Beim  Ausgang  der  in  der  Nähe  von  Bodman,
VBahlwies  und  Steislingen  gelegenen  Waldungen  entbrannte
  das  Gefecht  zuerst.  Hier  hatte  der  Prinz  von
Lothringen  seine  Vorhut  aufgestellt;  hingegen  seine
Schlachtlinie  vor  Stockach,  dem  Blick  des  Feindes  durch
vorgezogne  Reiterei  verborgen.  Allein  die  Vorhut  ward
sogleich  auf  die  Schlachtlinie  selbst  zurückgeworfen,  und
die  Reiterei  vor  der  letztern  durch  einen  kühnen  Angriff
des  General  Nansouty  hinter  die  Linie  zurückgezwun-
        <pb n="101" />
        gen.  So  wurde  das  Gefecht  allgemein.  Das  dfterreichische
Fußvolk  vertheidigte  sich  auf  das  hartnäckigste,  und  war
durch  das  zahlreiche  und  gut  bediente  schwere  Geschütz
Lortrefflich  unterstützt.  Doch  Molitor's  wiederholte
Anfälle  gegen  den  linken  Flügel,  welchen  dazu  noch
Vandamme  fast  umgangen  hatte,  erschütterten  die
oͤsterreichische  Linie.  Montrich  ard,  den  Augenblick
benutzend,  durchbrach  ihre  Mitte.  Oie  französische  Reiterei
  drang  zugleich  mit  den  Fliehenden  in  Stockach  ein,
und  gewann  die  Höhen  jenseirs.  Der  Prinz  von  Lothringen,
  weil  Lorges  den  Punct  Aach,  späterhin
Idelwangen  besetzt  hielt,  konnte  an  keine  Vereinigung
mehr  mst  dem  übrigen  Heere  denken,  und  zog  sich  daher
in  größter  Eile  nach  Mdskirch  und  Pfullendorf,  mit  Zurücklassung
  von  3—  4,000  Gefangenen,  beträchtlichen
Magazinen  und  einigen  Kanonen.

Schlacht  bei  Engen.

Die  Hauptmacht  des  Feldzeugmeisters  Krap  stand
noch  bei  Engen.  Durch  den  Verlust  von  Stockach  ward
für  sie  ein  wichtiger  Anlehnungs-Punct  eingebüßt,  für
die  Feinde  hingegen  gewonnen.  Moreau  aber  war
schon  in  derselben  Zeit  gegen  Krapy  vorgerückt,  als
Lecourbe  gegen  den  Prinz  von  Lothringen.  Moreau
  griff  mit  seinem  ganzen  Reserve-Korps  von  der
Stirnseite  an;  St.  Cyr  sollte,  von  Stühlingen  nach
Engen  eilend,  ihm  den  linken  Flügel  decken.

Krap  hatte  die  Vortheile  der  Oertlichkeiten  bei  Engen
  für  sich  und  weise  benutzt.  Allein  des  Feindes  Uebermacht
  und  Ungestüm  warf  nicht  nur  die  nach  dem
Dorf  Weiterdingen  geschickte,  ziemlich  starke  Vorhut  zurück,
  sondern  erstürmte  auch  mit  dem  Bajonet  die  An-
        <pb n="102" />
        hoͤhe  bei  Muͤhlhausen,  welche  vergebens  von  acht  dsterreichischen
  Grenadier-Bataillons  auf's  tapferste  vertheidigt
  worden  war.

Der  hoͤchste  Punct  des  Schlachtfeldes  war  der  Hohenhewener
  Berg.  Kray  hielt  ihn  nicht  nur  wohl
besetzt,  sondern  ihn  auch  in  der  Ebene  mit  15,000
Mann  Reiterei  gedeckt.  Moreau,  un  seine  Vereinigung
  mit  St.  Cyr  zu  befoͤrdern,  ließ  den  Berg  durch
die  Dioiston  Richepanse  angreifen,  welche  von  Blumenfeld
  über  Weiterdingen  und  Beipferdingen  dahin
ziehen  mußte.  Der  Widerstand  aber  war  hier  so  kräftig,
daß  die  Oesterreicher  Abends  06  Uhr  die  französische  Linie
durchbrachen,  und  die  Divisionen  der  Generale  DOelmas
und  Bastoul  trennten,  indem  die  Dragoner  des  dsterreichischen
  Feldherrn  Latour  in  das  heftig  vertheidigte
Dorf  Welchingen  eindrangen.

Als  Moreau  dies  bemerkte,  warf  er  sich,  um
Kray's  Aufmerksamkeit  von  dort  abzulenken,  mit  aller
Macht  gegen  das  Dorf  Ehingen,  am  linken  Flügel  der
Oesterreicher,  den  eigentlichen  Drehpunct  ihrer  ganzen
Stellung.  Erst  nach  langer,  blutiger  Gegenwehr  gelang
es  den  Franzosen  einzudringen,  die  Hälfte  des  Dorfs
zu  behaupten,  und  damit  Kray's  Stellung  zu  umgehen.
Das  geschah  nun  auch  auf  dem  rechten  Flügel  der  Oesterreicher.
  Denn  als  St.  Cyr  dort,  nach  Wegnahme  St.
Ottilias  und  des  Jollhauses  und  der  Verdrängung  Nauendorf's,
  zu  Rich  epanse  stieß,  erstürmte  dieser  endlich
bei  angehender  Nacht  die  Stellung  bei  Hewen,  und
Moreau  siellte  sich  nun  längs  den  gegen  Engen  liegenden
  Gehöolzen.

Kray  sah  seine  beiden  Flügel  durchbrochen  und  geworfen.
  Dennoch  behauptete  er  unerschutterlich  bis  zehn
        <pb n="103" />
        Uhr  Nachts  seine  Stellung  mit  dem  Centrum  des  Heers,
und  zog  dann  in  fester  Ordnung  nach  Möskirch  zuruͤck.
Hier  nahm  er  wieder  die  Schaaren  des  Prinzen  von
Lothringen,  als  linken  Flügel  an  sich,  und  dehnte
sich  gegen  Pfallendorf  aus,  theils  um  die  dortigen  großen
Magazine,  theils  die  Verbindung  mit  Ulm  zu  decken,
theils  die  noch  gegen  den  Schwarzwald  gemachten  einzelnen
  Aussendungen  wieder  an  sich  zu  ziehen.  Erzherzog
Ferdinand  stand  noch  rechts  bei  Neuhaus,  zu  dem
auch  Oberst  Wrede  mit  den  Baiern  (von  Altingen  her
in  der  Nacht  vom  bten  zum  5ten  May)  stoßen  mußte.
Feldmarschall=  Lieutenant  Nauendorf  befand  sich  mit
der  Vorhut  auf  den  vor  Möskirch  und  Neudorf  gelegenen
  Anhöhen.  Ein  Theil  des  Heers  hatte  Krummbach
und  die  Gegend  besetzt,  weil  wirklich  die  Stellung  von
Mbskirch,  an  sich  selbst  sehr  unzugangbar  und  über  das
vorliegende  Land  herrschend,  nur  auf  der  großen  Straße
von  Krummbach  einen  Jugang  wies.  Aber  diesen  vertheidigten
  25  Stück  Geschütz.

Schlacht  bei  Mdskirch  am  öten  Mapy  1800.

Moreau,  im  PVerfolgen  seiner  ersten  Siege,  rückte
den  Oesterreichern  nach.  Sein  linker  Flugel  unter  St.
Cpr  dehnte  sich  bis  Tuttlingen;  rechts  rückte  Lecourbe
gerade  auf  Mdskih  an,  sich  links  gegen  Neuhaus  streckend;
  hinter  demselben,  als  zweites  Treffen,  Moreau
mir  den  drei  Reserve-Abtheilungen.  Den  rechten  Fli#-gel
  seitwärts  zu  decken,  und  die  Verbindung  zwischen
Mdökirch  und  Pfullendorf  zu  zerreißen,  hatte  Vandamme
  sich  nach  Salmannsweiler  bewegt  und  eine
Brigade  nach  Kloster  Wald  vorgeschoben.
        <pb n="104" />
        —  9  —

Als  aber  schon  der  erste  Angriff  Lecourbe's  die
dsterreichische  Vorhut  veranlaßte,  von  den  Hdhen  zurück
in  die  Hauptstellung  des  Heers  einzutreten,  ward  es  dem
franzbsischen  Feldherrn  ansführbar,  trotz  des  morderlschen
Feuers  jener  25  Kanonen,  eine  Stellung  vor  Mdskirch
zu  nehmen.  Und  als  die  Abtheilung  seines  linken  Flügels
  den  Punct  Heudorf,  den  wahren  Schlussel  des
Schlachtfeldes  nahm,  wieder  verlor  und  wieder  nahm:
war  die  Verbindung  zwischen  Kray  und  dem  Erzherzoge
Ferdinand  bei  Neuhaus,  so  wie  zwischen  Pfullendorf
und  Sigmaringen,  gänzlich  abgebrochen.

Alles  hieug  von  Wiederherstellung  dieser  Verbindung
ab.  Nach  mehreren  mißlungenen  Angriffen  auf  Heudorf,
stürmte  Giulay  mit  Erfolg  gegen  Worndorf  an.  Obersi
Wrede  aber,  nachdem  er  zuvor  das  baierische  Bataillon
Pompei  vom  Bugenberg  über  Dalbeim  ausgesendet
hatte,  um  seine  Verbindung  mit  Erzherzog  Ferdinand
festzuhalten,  stellte  die  Baralllons  Busseck  und  Closmann
  als  Reserve  auf,  und  drang  mit  den  drei  übrigen
  Bataillonen  seiner  Brigade  gegen  den  Feind,  der
sich  in  den  Wäldern  zwischen  Krummbach  und  Rietingen
mit  überlegner  Mannschaft  festgesetzt  hatte.  Die  Baiern
stürzten  in  solcher  Heftigkeit  auf  die  Franzosen  ein,  daß
diese  sich  aus  dem  Walde,  mit  großem  Verlust,  zurückzogen.
  Wrede,  der  sie  über  den  Gaslachhof  hinaus
verfolgte,  nahm  hier  Stellung.

Allein  die  auf  diesem  Punct  errungenen  Vortheile
blieben  fruchtlos.  Denn  nicht  nur  war  die  ganze  Stellung
  bei  Mdskirch  durch  Landamme's  Vorrücken  über
Kloster  Wald  bedroht,  sondern  Kray's  linker  Flügel,
angefallen  durch  die  feindlichen  Generale  Molitor  und
        <pb n="105" />
        Montrichard,  schwankte  und  wich  um  etwas.  Damit
  wurden  Giulay's  und  Wrede's  Stellungen  im
Rücken  genommen.  Feldzeugmeister  Krapy  hingegen
hatte  durch  alle  diese  Bewegungen  mit  seinem  Heer  eine
der  Donau  parallele  Richtung  genommen,  welche  ihm
neue  Vortheile  gegen  die  Division  Delmas  gewährte.
Er  griff  diese,  welche  auf  der  Krummbacher  Straße
heranzog,  und  zu  deren  Linken  sich  die  Didvision  Bastoul
  enrfaltere,  mit  dem  glücklichsten  Erfolg  an.  Dann
aber  erschien  dazu  noch  die  Division  Richepanse.
Die  stellte  das  Gleichgewicht  wieder  her,  und  verlängerte
den  Kampf  bis  in  die  Nacht.  Der  Vortheil  und  der
Besitz  des  ganzen  zuerst  von  den  Oesterreichern  inne  gehabten
  Schlachtfeldes  blieb  auf  Seiten  der  Franzosen.
Kray,  wie  bedentenden  Verlust  er  auch  hatte,  behielt
während  der  Schlacht  den  von  ihm  behaupteten  Theil
des  Wahlplatzes.

Inzwischen  hatte  sich,  so  wie  Giulay,  auch  Wrede
zurück  ziehen  müssen.  Letzterer,  immer  kämpfend,  dreimahl
  noch  in  der  Nacht  vom  Feinde  angegriffen,  mit
großer  Tapferkeit  und  großem  Verlust  seiner  Brigade,
erreichte  die  Stellung  von  Buchenberg,  und  setzte  sich
von  hier  aus  wieder  mit  Erzherzog  Ferdinand  in  Verbindung.
  Durch  der  Baiern  Widersiand  war  diesem  der
Rückzug  von  Neuhaus  erleichtert  worden.  )  Erzherzog

*)  Während  jenes  beschwerlichen  Marsches  mußte  Oberst
Wrede  vier  Munitions-Wägen,  welche  in  den  schlechten
  Wegen  stecken  geblieben  waren,  in  die  Luft  sprengen,
so  wie  er  im  Laufe  des  anhaltenden  Gefechtes  3  Staabsund
  4  Subaltern-Offizkere,  worunter  die  Majore  Baron
  Zoller  und  Baron  Dallwig  waren,  töbtlich  ver-
        <pb n="106" />
        —  96  —

Ferdinand  gieng,  weil  sich  Krap  folgendes  Morgens
(Sten  May)  von  Mbkich  nach  Sigmaringen  zeg,  bei
Gutenstein  über  die  Denau;  Wrede  mußte  mit  den
Baiern  die  Nachhut  bilden,  fortwährend  mit  den  feindlichen
  Abtheilungen  vom  Korps  des  Generals  St.  Cyr
im  Gefecht.  St.  Cyr  hätte  gern,  als  er  sich  dem  einspringenden
  Winkel  der  Donau  bei  Sigmaringen  näherte,
den  Uebergang  der  Oesterreicher  über  den  Fluß  durch
einen  kräftigen  Angriff  verhindert,  wäre  er  nicht  von
Moreau's  Hauptmacht  zu  entfernt  gewesen.  Er  ließ
also  nur  Geschütz  auffahren;  aber  das  lebhafte  Feuer
desselben  ward  bald  durch  eine  vortheilhaft  aufgepflanzte
Batterie  der  Oesterreicher  vernichtet.

Allerdings  würde  es  dem  Feldzeugmeister  Kray,
nachdem  er  bei  Sigmaringen  über  die  Donau  zurückgegangen
  war,  noch  moglich  gewesen  seyn,  den  feindlichen
Heerhaufen  St.  Suzanne's,  durch  eine  rasche  Wendung
  gegen  Geißlingen,  anzugreifen  und  aufzureiben,
Moreau's  Rücken  durch  einen  kühnen  Zug  auf  dem
rechten  Donauufer  zu  bedrohen,  und  diesen  Gegner  zu
zwinwundet,
  und  251  Mann  todte,  211  Mann  verwundete
Gemeine  hatte.  Vorzüglich  hatte  die  Artillerie  und  das
Vataillon  Wrede  gelitten.  Feldzeugmeister  Krapy  sprach
in  einem  eigenen  Tags-Befehl  seine  Achtung  eines  so
ausgezeichneten  Benehmens  noch  am  nämlichen  Tag  aus
(S.  Sigmaringen  den  bten  Mav  1800),  so  wie  Oberst
Wrede  die  Verdienste  des  Oberst-Lienutenants  Siebein,
  der  Majore  von  Dallwig  und  von  Zoller,
des  Hauptmanns  Lindheimer,  der  Lieutenants  Kirchhöfer
  und  Penje,  so  wie  sämmtlicher  Staabs-,  Ober-Offiziere
  und  Gemeinen,  in  seinem  officiellen  Bericht
aus  Sigmaringen  pvom  6.  Map  1300  gnerkgunte.
        <pb n="107" />
        zwingen,  seine  Streitkraͤfte  zusammen  zu  ziehen:  allein  er
wollte  durch  kein  Wagstück  solcher  Art  sich  von  allen  seinen
  Hülfsquellen  entfernen,  nicht  seine  Rückzugs-Linie,
nicht  das  Schicksal  seines  ganzen  Heers  der  Gefahr  preis
geben.  Darum  zog  er  nach  Riedlingen,  gieng  da  (Tien
und  gten  May)  über  die  Donau,  und  im  Eilzug  nach
Biberach.
Gefecht  bei  Biberach.

Hier  auf  den  Höhen  vor  und  hinter  der  Stadt,  die
Heermitte  Biberach  gegenüber,  den  rechten  Flügel  auf
den  Mettenberger  Höhen,  an  große,  sumpfige  Wiesen,
den  linken,  bei  welchem  Wrede,  der  auf  vierzehnstündigem
  Zuge  die  Nachhut  des  ganzen  Heers  gebildet  harte,
an  Ummendorf  gelehnt,  wollte  Krap  Zeit  gewinnen,
die  beträchtlichen  Biberacher  Magazine  zu  benutzen  und
zu  retten.  Eine  Vorhut  von  zehn  Bataillons  Fußvolk,
vier  Regimentern  Reiterei  und  fünfzehn  Stück  Geschützes
mußte,  links  dem  Rieß-Flüßchen,  die  Anhdhen  besetzen,
und  die  Straße  nach  Buchau,  so  wie  die  nach  Pfullendorf
  beobachten.  Die  Vorwachten  standen  bei  Oberndorf
  und  Ingolfingen.

Mittlerweile  aber  war  auch  Moreau  tiefer  in
Schwaben  vorgerückt;  er  selbst  mit  den  Reserve-Abthellungen
  im  Zug  gegen  Pfullendorf;  St.  Cyr  gegen
Buchau.  Lecourbe  stand  schon  zwischen  Leurkirch  und
Wurzach,  wo  eine  Brigade  BVandamme's,  um  Lecourbe's
  Seite  zu  decken,  und  den  General  Reuß
in  Tirol  und  Worarlberg  zu  beobachten,  Ravensburg,
Wangen  und  Lindau  besetzte.  Hingegen  St.  Suzanne
zog  am  linken  Oonau-Ufer  immer  in  einiger  Entfernung
hinter  der  Spitze  des  Heers  her,  um  dessen  Bewegungen
  von  dieser  Seite  zu  sichern.

7
        <pb n="108" />
        .  98  —

St.Cyr,  von  Buchau  (Oten  May)  aufgebrochen,
warf  die  Vorposien  der  Oesterreicher  bei  Oberndorf  über
die  Rieß  zurück,  dann  nach  einem  äußerst  heftigen  Angriff,
  die  auf  den  Höhen  siehende  Vorhut  gegen  die
Schluchten  nieder.  Hürte  nicht  der  Feldzeugmeister  sogleich
  frische  Schlachthaufen  gesandt,  um  die  Geschlagnen
  aufzunehmen,  würde  die  Stockung  und  Verwirrung,
durch  die  Reiterei  und  das  schwere  Geschütz  veranlaßt,
von  den  gefährlichsten  Folgen  haben  seyn  kdnnen.  —
Richepanse's  Abtheilung  an  der  Spitze  von  Moregu's
  Reserve,  Lon  Pfullendorf  kommend,  warf  die
bei  Ingolfingen  stehenden  Vorwachten,  und  kam,  sie
verfolgend,  in  dem  Augenblick  zum  Fuß  der  Biberacher
Höhen  an,  als  auch  schon,  Oesierreicher  und  Franzosen
vermengt,  in  Biberach  selbst  eindrangen.

Durch  Richepanse's  Ankunft  kühner,  und  indem
Moreau's  Reserve  durch  die  Stadt  zog,  gieng  St.
Cyr  unterhalb  Biberach  vermittelst  einer  Furth  über  die
Rieß,  und  erstürmte  die  Mettenberger  Hôhen,  während
zwei  franzdsische  Reiterregimenter,  mit  Wetterschnelle
über  die  Biberacher  Brücke  fliegend,  sich  gegen  das
Außenende  von  Kray's  linkem  Flügel  aufstellten.  Wrede'e
  Brligade  wurde  unterdessen  bei  Ummendorf  durch
den  General  Delmas  so  heftig  angefallen  und  beschäfrigt,
  daß  sie  zu  Gunsten  der  hartbedrängten  Mitte  des
ösierreichischen  Hauptheers  keine  Schritte  hun  konnte.

In  diesem  Angenblick  erfuhr  Feldzeugmeister  Kray,
daß  Lecourbe  schon  jenseits  Wurzach  erschienen  sey.
Er  befahl  daher  den  Rückzug  der  ganzen  Kriegesmacht
gegen  die  Iller.  Die  Vaiern  unter  Wrede,  wie  erschoöpfe
  sie  auch  waren,  mußten  vom  Schlachtfelde  aus
        <pb n="109" />
        bis  Ochsenhausen,  in  immerwaͤhrendem  Handgemenge
mit  den  drei  franzoͤsischen  Reserve-Abtheilungen,  als
Nachhut  den  Ruͤckzug  decken.  Zwischen  Ochsenhausen
und  der  Iller,  auf  vortheilhaft  gelegner  Anhoͤhe,  den
Zugang  derselben  mit  dreißig  Kauonen,  zahlreicher  Reiterei
  und  Fußvolk  gedeckt,  faßte  Kray  abermals
Stelluig.  Wrede,  mit  seinem  Fußvolk  und  drei  Geschwadern
  Chevaurlegers,  übernahm  den  Vorposten  auf
der  Straße  gegen  Wurxzach.

Gerade  dieser  Posten  ward  durch  Lecourbe's
Wendungen  einer  der  wichtigsten.  Denn  während  der
franzsische  Feldherr  (10ten  May)  nach  Memmingen
rückte,  gieng  die  Dioision  Montrichard  bei  Eitrach
über  die  Iller;  und  in  der  gleichen  Richtung  sollte  nun,
von  Wurzach  aus,  Lecourbess  linker  Flügel  vorrücken,
mit  Montrichard  in  einer  Linie,  aber  diesseits  der
Iller,  und  so  den  Hauptangriff  auf  die  dsterreichischen
Stellungen  bei  Ochsenhausen  und  Memmingen  machen.
Wäre  diese  Verbindung  der  feindlichen  Abtheilungen  des
linken  Flügels  mit  Montrichard  ausgeführt  worden,
so  mußte  der  Unrergang  des  dsterreichischen  Heers  in
den  gefährlichsten  Einengungen,  sowohl  auf  der  Straße
nach  Mindelheim  als  nach  Illerdiessen,  unvermeidlich
erfolgen.  Der  Feldzeugmeister  Krap  wußte  dies,  und
übertrug  es  dem  Obersten  Wrede,  die  Vereinigung  von
der  ganzen  Macht  Lecourb's  zu  verhindern.

Die  Aufgabe  war  um  so  schwieriger,  da  die  pfalzbaierische
  Brigade,  au  Mannschaft  geschwächt,  in  ununterbrochenen
  Hin=  und  Herzugen,  Nachtwachen  und
Gefechten  äußerst  erschöpft,  es  mit  einem  ihr  zwoͤlfmal
überlegenem  Feinde  aufnehmen  sollte.  Schon  Mutags

7  sR
        <pb n="110" />
        —  100  —

um  12  Uhr  bewegte  sich  die  Heersaͤule  von  Lecourbe's
linkem  Fluͤgel  heran,  und  begann  den  Angriff  mit  wildestem
  Ungestuͤm.  Die  Baiern,  im  Bewußtseyn,  von  der
Dauer  ihres  Widerstandes  hange  die  Rettung  des  ganzen
  dsterreichischen  Heers  ab,  entfalteten  abwechselnd  in
der  Vertheidigung,  wie  im  Angriff,  eine  Tapferkeit,  durch
welche  sie  den  anstürmenden  Feind  bis  gegen  10  Uhr
Nachts  aufhielten,  und  ihre  Stellung  unbeweglich  behaupteten.
  Allerdings  führten  sie  dies  nicht  ohne  ansehnlichen
  Verlust  aus.  Aber  der  Rückzug  der  Oesterreicher
nach  Ulm  und  den  dortigen  Verschanzungen  ward  dadurch
  gedeckt  und  glücklich  vollbracht,  wohin  dann  auch
Wrede  folgte.  Der  Feldzeugmeister  Kray  anerkannte
die  ehrenvolle  Waffenthat  der  Baiern.  7)

Das  dfierreichische  Heer,  welches  an  allem  Mangel
gelitten  hatte,  war  nach  so  mühsamen  Zügen,  nach  vier
zwolfstündigen  Schlachten  und  Gefechten,  der  Erholung
bedürftig.  Krapy  abnnte  ihm  dieselbe,  freilich  in  sehr
gedrängter  Stellung,  zwischen  Donau  und  Lech.  Er,

 

)Durch  einen  Armee  Befehl  dd.  Ulm  am  11ten  May  1800.
Die  pfalzbaierischen  Truppen  haben  bei  dem  gestrigen
Gefechte  sich  durch  die  außerordentlichste  Entschlossenheit
und  Tapferkeit  so  sehr  ausgezeichnet,  daß  ich  ihrem  würdigen
  Anführer  Obersten  Baron  v.  Wrede,  denen  Herren
Offzziers  uud  der  gemeinen  Mannschaft,  nebst  meiner
vollsten  Zufriedenheit,  auch  meinen  wärmsten  Dank  zu
dußern  mich  verpflichter  fühle.

untrerzeichnet:  Krap,  Feldzeugmeister.

Unter  den  Stabs-Offizieren  hatten  sich  vorzüglich  der
Oberstlieutenant  Siebein,  die  Majors  de  la  Motte,
Loe  und  Graf  Pompei,  welch  reßterer  schwer  verwundet
  wurde  ausgezeichntt-
        <pb n="111" />
        —  101  —

der  seit  Erdffnung  des  Feldzuges  bei  12,000  Mann  verloren
  hatte,  mußte  jetzt  dem  General  Moreau  den
Besitz  des  untern  Schwabens  und  alles  Landes  zwischen
Tirol,  der  Schweiz,  der  Donau  und  dem  Lech  überlassen,
  und  jeder  Verbindung  mit  dem  Prinzen  Reuß  entsagen,
  der  mit  18  —  20,000  Mann  in  Tirol  und  Vorarlberg
  stand.  Inzwischen  kam  auch  der  Feldmarschall-Lieutenant
  Sztarray  nach  Ulm,  wo  er  sich  mit  dem
Feldzeugmeister  Krap  bei  Stdflingen  vereinigte.  Er
war  beim  Anfang  des  Feldzugs  aus  der  Gegend  von
Stollhofen  nach  Pforzheim,  nach  den  ersten  Unfällen  des
Hauptheers  gegen  Freudenstadt,  von  da  hinter  dem
Neckar  über  Canstatt  nach  Hechingen  gezogen,  hätte
vielleicht  bei  den  Gefechten  des  Oten  und  10ten  May's
schon  entscheidend  mitwirken  küonnen,  und  bam  unn  über
Blaubeuren  nach  Ulm.  Bei  ihm  war  auch  die  pfalzbaierische
  Contingents-Brigade  Bartels,  mit  Ausnahme
  eines  Bataillons  vom  Regiment  Prinz  Pius,
das  einen  Theil  der  Philippsburger  Besatzung  ausmachte.
Diese  Brigade,  dessen  zwei  Bataillons  (Salern  und
Weichs)  durch  drei  bsterreichische  verstärkt  worden  waren,
  hatte  jedoch  von  Pforzheim  hinweg  den  Weg  nach
Hechingen  über  Dornstett  und  Horb  nehmen  müssen.
Eben  so  war  die  zweite  baierische  Hülföbrigade,  unter
dem  General=  Lieutenant,  Baron  von  Zweybrücken,
(schon  am  bten  May)  in  Günzburg  eingetrossen.  Von
hier  sollte  sie  sich  bei  Warthausen  mit  dem  Hauptheer
verbinden,  kam  aber  zu  spät,  weil  das  Heer  damals
schon  in  Eil  über  die  Rieß  zurückgieng.  Darauf  hatte
sie  nach  Ochsenhausen  rücken  sollen,  aber  auch  diesen
Punct  fand  sie  schon  durch  den  Feind  stark  besetzt,  und,
ihn  hier  anzugreifen,  konnte  veinen  Vottheil  enehr  ge-
        <pb n="112" />
        —  102  —

währen.  Endlich  gelang  es  ihr,  sich  nach  einem  starken
Marsch  (in  der  Nacht  vom  oten  May)  bei  Laubheim
an  den  Rauendorf’schen  Heerhaufen  anzuschließen.
So  gelangte  auch  sie  (12ten  May)  nach  Ulm,  und  empfieng
  ihre  Stellung  bei  der  Prälatur  Elchingen,  am
dußersten  Heerflügel.

 

7.

Treffen  und  Gefechte  in  Schwaben  und
Baiern,  bis  zum  Parsdorfer  Waffenstlllstand
  am  1öten  July  1800.

Die  Stadt  Ulm  an  sich  selbst,  in  einer  Niederung
en  der  Donau,  von  nahen  Anhhdhen  überragt,  hat  durch
die  Natur  wenig  empfangen,  um  eine  Vestung  unsrer
Tage  zu  seyn.  Aber  sie  war  es  durch  die  wohlberechnete
  Schanzenkette  der  sie  umringenden  Hôhen,  das
Werk  des  geistvollen  Erzherzogs  Karl,  geworden.  Der
Michelsberg,  am  linken  Donauufer,  war  als  Haupt  und
Schlüssel  der  ganzen  PVertheidigungs-Anlage  anzusehen.
An  ihn  hatte  Feldzeugmeister  Kray  seinen  rechten  Flügel
  gestützt,  während  sich  der  linke  bis  Elchingen  streckte.
So  befand  sich  seine  Hauptmacht  zwar  längs  dem  linken
Ufer  der  Donau,  aber  eine  zahlrelche  Reiterei  zog  beide
Ufer  in  seinen  Spielraum.

Morcau's  Heermitte,  durch  die  Schlachthaufen
St.  Cyr's  und  der  Reserve-Abtheilungen  gebilder,  stand
auf  beiden  Ufern  der  Iller,  zwischen  Memmingen  und
der  Donau;  zu  seiner  Linken,  von  Altsteißlingen  hinweg,
St.  Suzanne;  zu  seiner  Rechten,  zwischen  Amedingen
und  Krumbach,  Lecourbe,  der  auch  Memmingen  be-
        <pb n="113" />
        —.  1  03

setze  hielt.  Lecourbe  hatte  sich  allerdings  durch  Abgebung
  von  12,000  Mann,  die  Loison  nach  Italien
führen  mußte,  sehr  geschwächt,  doch  deckte  ihn  noch
Molitor  mit  einer  Abtheilung  bei  Kempten  gegen  Prinz
Reuß  und  die  Ausgänge  Tirols.

Als  gewandter  Heerführer  hoffte  Moreau  durch
kluge  Züge  und  Wendungen,  in  denen  er  bald  scheinbare
Blößen  darbot,  bald  Gefahren  für  Baiern  und  das  Innerste
  Deutschlands  vorspiegelte,  seinen  Gegner  leichter
aus  den  Ulmer  Verschanzungen  hervor  zu  locken,  dann
ihn  dort  mit  siürmender  Faust  zu  bezwingen.  Kray  hingegen,
  vorsichtig,  und  Morean's  Absicht  durchschauend,
wollte  um  so  unerschütterlicher  an  Ulm,  diesen  Drehpunct
aller  seiner  künftigen  Heerbewegungen,  halten,  weil  er
wohl  wußte,  daß  die  Franzosen  unmbglich  lange  in  den
ausgezehrten  Gegenden  verweilen  könnten.  Indem  jeder
nun  seine  Aufgabe  zu  erfüllen  trachtete,  entwickelte  sich
daraus  die  ganze  Reihe  der  folgenden  Ereignisse  des
Feldzugs.

Zuerst  nahm  Moreau  durch  Bewegung  seiner  Reserve
  und  des  rechten  Flügels  gegen  den  Günzfluß,  und
durch  die  Besetzung  Weißenhorns,  eine  drohende  Stellung
  nach  Baiern,  indem  er  zugleich  den  General  St.
Suzanne  auf  seiner  Linken  näher  gegen  Ulm  rücken  ließ.

St.  Suzanne  zog  (15ten  May)  also  zwischen  der
Orann  und  dem  Flüßchen  Blau,  das  bei  Ulm  in  die
Denau  fällt,  vorwärts,  stellte  die  Division  Souham
im  Blauthale  auf,  und  vertrieb  durch  die  Division  Legrand
  die  dsterreichischen  Posten  aus  den  Pappelauer
und  Ehrenstettener  Gehelzen  oberhalb  Erbach.  Kray
aber,  sobald  er  sah,  daß  das  gegen  die  Günz  rückende
        <pb n="114" />
        10  —

franzbsische  Heer  unmdglich  dem  General  St.  Suzanne
schnelle  Unterstützung  bringen  könne,  begnügte  sich,  Günzburg
  durch  Giulayp's  Heerhaufen  und  Wrede's  Brigade
  decken  zu  lassen,  und  ließ  unterdessen  (16ten  May)
durch  den  Erzherzog  Ferdinand  mit  voller  Macht  St.
Suzanne's  weitgedehnte  Linie  zwischen  Erbach  und
Asch  angreifen.  Alles  gelang.  Legrand  ward  über
Donaurieden  und  Riengen  durch  Erzherzog  Ferdinand,
und  Souham  nachheftigstem  Widerstande  bis  Blaubeurn
durch  den  Feldzeugmeister  Sztarray  zurückgedrückt.
Wrede  schob  inzwischen  zwei  Schlachthaufen  Fußvolk
und  zwei  Reitergeschwader  über  Bubesheim  bis  Limbach
vor.  St.  Suzanne,  überall  durchbrochen,  ohne  Hoffnung
  auf  Hülfe,  ließ  den  General  Legrand  hinter  Dischingen
  zurückgehen,  und  eilte  selbst,  mit  einer  Brigade
dem  schwerbedrängten  Souham  zu,  diesen  zu  retten
und  die  zerrißene  Verbindung  mit  ihm  herzustellen.  —
Zwölf  Stunden  hatte  das  Gefecht  gedauert,  als  St.
Cyr's  Kanonen  seitwirts  donnerten,  der  gleichsam  im
Fluge  über  die  Iller  zurück,  sich  der  Donau  und  dem
geschlagenen  St.  Suzanne  näherte.  Da  gog  sich  Erzherzog
  Ferdinand,  vielleicht  aus  Ungewißheit  über
St.  Cyr's  Stärke,  sogleich  mit  Aufopferung  der  errungenen
  Vortheile,  und  lebhaft  vom  Feind  verfolgt,  in  die
alte  Stellung  gegen  Ulm  zurück.

Nach  diesem  fehlgeschlagenen  Versuche  wollte  Moreau
  sich  von  Kray's  Stellungen  bei  Ulm  in  nähere
Kenntniß  setzen,  um  zu  wissen,  ob  allenfalls  das  Wagstück
  einer  Schlacht  unter  den  Schanzen  zu  bestehen  sey.
St.  Suzanne  mußte  daher  über  die  Blau,  St.  Cyr.
in  dessen  verlassene  Stellung  bei  Erbach  und  Pappelau,
Richepanse  und  Leclerc  mit  zwei  Reserve-Abthei-
        <pb n="115" />
        105  —

lungen  über  die  Fller  zurück  bis  Gdgglingen  in  die  Nähe
Ulms  rücken,  an  diese  sich,  rechts  der  Iller  bis  Morbach,
  die  dritte  Reserve-Abtheilung,  und  dann  hier
Lecourbe,  der  Donau  näher,  anschließen.  Doch  Kray
bei  Ulm,  Giulay  und  Wrede  bei  Günzburg,  eine
Reiterei-Abtheilung  bei  Mindelheim  aufgestellt,  um  die
zustrdmenden  Verstärkungen,  und  allenfalls  noch  verschiedene
  Jersprengte  an  sich  zu  ziehen,  machten  nicht  die
geringste  Bewegung.

Nun  auf  den  Gedanken  einer  Schlacht  vor  den
Ulmer  Schanzen  verzichtend,  nahm  Moreau  sogleich
die  vorigen  Stellungen  wieder,  ließ  St.  Suzanne,
verstärkt  durch  eine  Division,  nebst  einiger  Reiterei,  vor
Ulm  zurück,  und  setzte  sich  gegen  den  Lech  (LTiten  und
22ten  May)  in  volle  Bewegung.  An  der  Kamlach  warf
Lecourbe's  Vorhut  in  einem  Gesecht  den  Feldzeugmeister
  Sztarray  auf  die  Seite,  wogegen  Giulay
glücklicher  bei  Wettenhausen  gegen  eine  feindliche  Abtheilung
  gefochten  hatte-Kray,

  dessen  Blick  allen  Bewegungen  seines  Gegners
  folgte,  wollte  Moreau's  ganze  Aufmerksamkeit
wieder  auf  den  linken  Flügel  des  französischen  Heers
vor  Ulm  ziehen.  Hier  hatte  sich  St.  Suzanne  rechts
an  die  Iller  gelehnt;  Souhan  hielt  Delmesingen  gegen
Erbach  über,  Legrand  Achstetten  besetzt.  Krayschickte
(25ten  May)  den  Erzherzog  Ferdinand  zum  Angriff
aus  mit  zwei  Kolonnen.  Die  eine  derselben  gieng  über
Erbach,  wo  sie  sich,  unterstätzt  durch  bas  Feuer  einer
vor  dem  Dorfe  aufgefahrnen  Batterie  von  eilf  Kanonen
in  der  Ebene  entwickelte  und  den  General  Souham
aus  Delmefingen  trieb,  worauf  er  mit  schnell  geänderter
        <pb n="116" />
        —  106  —

Linie  seine  Rechte  vor  dem  Dorf  Donaustetten  an  die
Donau  stützte.  Die  andere  Kolonne  gieng  die  Donau
aufwärts,  warf  alle  seindliche  Posten,  nahm  die  Donauriedner
  und  Oepfinger  Brücke,  und  griff  bei  Achstetten
an,  aber  ohne  Erfolg.  St.  Suzanne,  um  dem  Gefechte
  ein  Ende  zu  machen,  ließ  seine  Reserve  mit
Souham  zugleich  wieder  gegen  Delmesingen  vorgehen.
Das  Dorf  wird  nach  kurzem  Wiederstand  genommen,
und  die  Oesterreicher,  mit  Hinterlassung  einiger  Gefangenen,
  giengen  über  die  Oepfinger  Brücke  wieder  zurück
nach  Ulm.

Weder  durch  diese  Unternehmung,  noch  durch  die
von  Kray  ausgesandten  Streifkorps,  ließ  sich  Morean
in  seiner  angefangenen  Bewegung  hindern.  Daß  der
österreichische  Rirtmeister  Graf  Mier  (25ten  May)  die
Besatzung  von  Donaueschingen  überfiel,  sie  zum  Theil
gefangen  nahm,  alle  dorrigen  Vorräthe  zerstbrte,  dann
verbunden  mit  dem  Oberstlieutenant  Grafen  Wallmoden
  durch's  Kinzingthal,  sogar  bis  an  den  Brückenkopf
von  Kehl  vorrückte,  focht  ihn  nicht  an.  Er  gieng  auf
Memmingen  und  Babenhausen;  Lecourbe  zog  nach
Mindelheim  und  (28ten  May)  in  Augsburg  ein.

Aber  auch  Kray  ließ  sich  dadurch  nicht  aus  der
Stellung  von  Ulm  verlocken,  überzeugt,  Moreau  köne
sich  nicht  zu  weit  entfernen,  und  ein  großes,  feindliches
Heer  in  seinem  Rücken  stehen  lassen.  Doch  sandte  er,
ihn  zu  beobachten,  und  die  Verbindung  mit  den  leichten
Truppen  des  Prinzen  Reuß  anzuknüpfen,  den  General
Meerfeld  mit  zwei  Regimentern  Reiterei  zum  Lech
und  bei  Rain  hinüber  bis  Aichach.

Der  Kurfürst  von  Baiern  aber,  wie  seinen  Erbstaaten
  die  Gefahr  näher  drohte,  ließ  zwei  Kompagnien
        <pb n="117" />
        —  107  —

des  Leibregiments  zur  Lechbruͤcke  nach  Friedberg,  und
eine  Kompagnie  des  Regiments  Kronprinz,  mit  4  Sechspfündern
  nach  Landsberg  ziehen;  befahl  die  noch  in
Baiern  stehenden  11  Bataillons  regelmäßiger  Truppen,
durch  Aushebung  eines  Mannes  von  vierzig  Familien,
vollzählig  zu  machen  (20ten  May),  um  eine  Legion  Landesvertheidiger
  aus  verabschiedeten  Kriegern  und  ein
Jägerkorps  zu  errichten.  Freudig  flogen,  beim  ersten
Ruf,  die  Baiern  zu  den  Fahnen  ihres  Landesvaters,
der  sie  selbst  anführen  wollte,  aber  den  einsweiligen  Befehl
  seinem  Schwager,  dem  Herzog  Wilhelm  übergab.
Schon  wenige  Tage  nach  geschehenem  Ruf  war  das
Korps  12,0658  Mann  nebst  2,620  Pferden  stark.)

Nun  Moreau  sah,  daß  Kray  bei  Ulm  nicht
wankte,  veränderte  er  den  Planu.  Er  beschloß  unterhalb
Donauwörth  über  die  Donau  zu  gehen,  die  Grumndlinie
der  Unternehmungen  vom  österreichischen  Heer  zu  durchschneiden,
  und  dies  Heer  selbst  von  seinen  Magazinen
zu  trennen.  So  hoffte  er  seinen  Gegner  zur  Verlassung
seiner  Schanzen  und  zur  entscheidenden  Schlacht  zu  zwingen.
  Dieß  ward  ihm  von  Tag  zu  Tag  dringender,  weil

)  Am  28ten  May  bestand  dieses  Korps  bereits  aus  11  Bataillons
  Linien=  Truppen,  nämlich  2  Bataillons  des  Leib-Regiments,
  1  Bataillon  Weichs,  1  Morawißko,
1  Junker,  1  Salern,  1  Churprinz,  1  Herzos
Wilhelm,  1  Herzog  Pius,  2  Preysing,  Laudes-Defensions-Legion
  3  Compagnien,  ferner  4  Escadrons
Kürassiere,  &amp;amp;  Escadrons  Dragoner,  2  Escabrons  Cheveaurlegers,
  21  Bataillon  Artillerie,  4  sechspfünder,
5  zwölfpfünder  Kanonen,  #  siebenpfünder  Haubitzen  Batteriegeschütz,
  24  sechspfünder  Baraillons-Kanonen.  Das
Ganze  aus  12,658  Mann,  2,620  Pferden  bestehend.
        <pb n="118" />
        —  108  —

es  iImmer  schwieriger  wurde,  die  franzdsischen  Streitmassen
  in  Gegenden,  die  so  lange  schon  Kriegsschauplatz
waren,  verpflegen  zu  kodnnen,  während  hingegen  Ulm,
durch  Zufuhren  aus  ganz  Schwaben,  Baiern  und  Böhmen,
Vorräthe  in  Menge  erhielt.  —  Allein  die  Ausführung
des  Plans  war  mit  Schwierigkeiten  und  Gefahren  verknüpft.
  Denn  dazu  mußte  Moreau  selbst  eine  neue
Grundlinie  für  seine  Unternehmungen  wählen;  um  sie
aber  zu  beziehen,  mußte  er,  damit  er  nicht  auf  dem
rechten  Donauufer  theilweis  geschlagen  werden  könne,  sich
vorher  wieder  mit  seinen  weit  zerstreuten  Massen  zusammenziehen.


Er  ließ  also  Lecourbe  eiligst  von  Augsburg  und
dem  Lech  wieder  in  die  alte  Stellung  zwischen  der  Günz
und  Kamlach  zurücktreten,  doch  Mindelheim  besetzt,  und
die  Straßen  nach  Burgau  und  Augsburg  beobachtet  halten.
  Bei  dieser  Bewegung  Lecourbes's  aber  überfiel
General  Meerfeld  mit  zwolf  Escadronen  dessen  Nachhut,
  2  000  Mann  stark,  zu  Schwabmünchen,  umzingelte
und  vernichtere  sie  fast  ganz,  so  daß  nur  500  Mann
nach  Türkheim  entkamen.  —  Von  der  andern  Seite  ließ
Moreau  den  General  Richepanse  mit  dem  linken
Flügel  sich  der  Mitte  des  Heers  nähern,  und  nur  noch
die  Illerbrücken  vertheidigen.  General  Grenier,  wele
cher  den  Oberbefehl  über  St.  Cyr's  Korps  empfangen,
sollte  die  Bewegung  Richepanse's  unterstützen.  Hingegen
  die  auf  Weißenhorn  und  Babenhausen  gegangenen
Divisionen  Delmas  und  Deccen  sollten  die  Lücke
zwischen  Grenier  und  Lecourbe  ausfüllen.

Der  Feldzeugmeister  Kray  beschloß  den  Augenblick
zu  benutzen,  und  den  Feind  sogleich  mitten  in  diesen
Abänderungen  seiner  Stellung  anzugreifen  und  zu  ver-
        <pb n="119" />
        wirren.  Waͤhrend  die  Lagerfeuer  auf  den  Hoͤhen  noch
brannten  und  unterhalten  wurden,  gieng  das  ganze
österreichische  Heer,  nebst  dem  ganzen  pfalzbaierischen
Korps,  7)  bei  Ulm,  Thalfingen  und  Elchingen  (Sten
Juni)  über  die  Donau,  und  siellte  sich  in  der  Ebene  vor
Ulm,  am  rechten  Ufer,  in  zwei  Treffen  auf.  —  Denselben
  Tag  spät,  bei  Eintritt  der  Nacht,  zog  Alles,
in  drei  Kolonnen  getheilt,  “")  in  der  RFichtung  von

 

6)  Von  welchem  jedoch  das  Bataillon  Reuß,  das  Bataillon
Cloßmann,  und  die  sechs  Chevaurlegers-Geschwader,
dereits  am  ö#ten  May  zu  Besebung  des  Punctes  Weißenhorn,
  und  vereint  mit  General  Kienmaier,  zu  Une
terstützung  des  zwischen  der  Iller,  Donau  und  Günz  recognoscirenden
  Erzherzogs  Ferdinand''e  detaschirt  worden
  waren.  Auch  blieb  Sztarrapy  unbeweglich  bei
Günzburg  stehen.

?#)  Die  erste  Kolonne  (der  rechte  Flügel)  wurde  durch  den
General  Sporck  befehliget,  und  bestand  aus  den  Divisionen
  Sporck,  Joseph  von  Lothringen  und
Kienmaier,  Lettere  Reiterei;  ferner  den  Regimentern
  Erbach  und  Benjowsky,  und  einer  12pfünder
Batterie.  Die  zweite  Kolonne  (die  Mitte)  untrer  dem
Hrinzen  Karl  von  Lothringen,  bestand  aus  der
Reiter-Abtheilung  Karl  von  Lothringen,  der  Fußvolks-Abtheilung
  Lindenau,  zehn  baierischen  Bataillons,
  einer  12pfünder  Batterie,  einer  reitenden
baierischen  Batterie;  dieser  Kolonne  war  noch  das  ganze
Reserve-Korps  mit  der  österreischen  Reiter-Abtheilung
Riesch  und  zwei  12pfuͤnder  Batterien  zugetheilt.  Die
dritte  Kolonne  endlich  (der  linke  Fluͤgel),  unter  dem  General
  Baillet  de  la  Tour,  war  aus  der  Fußvolkse
Abtheilung  Baillet,  der  Reiter-Abtheilung  Klinglin,
einer  12pfünder  Batterie  und  einer  leichten  Vatterie
zusammengesetzt.
        <pb n="120" />
        —  110  —

Ochsenhausen  und  Biberach,  so  daß  bei  Tagesanbruch
(5ten  Juny)  der  rechte  Flügel,  vom  General  Sporck
befehligt,  sich  gegen  den  linken  Flugel  der  Franzosen  entwickelte.
  Letzterer  stand  jetzt  unter  General  Richepanse,
  weil  St.  Suzanne  abgegangen  war.  Der
Angriff  geschah  mit  Wildheit.  Die  Franzosen  wurden
durchbrochen,  uberflügelt,  über  Gutenzell  nach  Beuren
getrieben,  und  hielten  nur  mit  Noth  noch  an  der  Kellmüntzer
  Brücke,  ihrem  letzten  Rückzugs-Punct,  fest.
Doch  hier  schon  der  Gefahr  nahe,  vernichtet  zu  werden,
ermannten  sie  sich  wieder,  als  die  Brigade  Ney  plhbtzlich
zu  ihrer  Hülfe  erschien,  gesandt  vom  General  Grenier.
Sie  griffen  an.  Sie  drückten  den  rechten  Flügel  sogar
wieder  bis  Dierenheim  zurück.

Die  Mittel-Kolonne  der  Oesterreicher  hingegen,
unter  Prinz  Karl  von  Lothringen,  rückre  unaufhaltsam
  vor,  doch  ließ  sie  ihre  Reserve  hinter  sich,  eben  so
auch  bei  Roth  die  Reiterei-Dioision  Riesch.  Die  Kolonne
  nahm  das  Gehbdlz,  Bergmatte  genannr,  sie  nahm
den  Punct  Schwendi  auf  dem  Hüttenberg,  und  drang
bis  Erolzheim.

Der  linke  Flügel,  unter  General  Baillet  de  la
Tour,  in  der  Nähe  von  Sieningen,  zwischen  Illeraichheim
  und  Schwenden,  war  eben  im  Begriff,  mit  acht
Kanonen  aus  Kirchberg  hervorkommend,  die  Kellmünzer
Brücke  zu  erreichen,  und  durch  Wegnahme  derselben
den  General  Richepansebei  Gutenzell  und  Edelbeuren,
so  wie  alle  am  linken  Illerufer  stehenden  Franzosen,  einzuschließen:
  als  pldtzlich  Alles  andre  Wendung  nahm.
Grenier  nämlich  sah  Richepause's  Gefahr,  und
schickte  eilends  den  General  Nep  von  Dietenheim  wieder
        <pb n="121" />
        —  111  —

nach  Kirchberg  zuruͤck,  dem  linken  Fluͤgel  der  Oesterreicher
  in  den  Ruͤcken.  Durch  den  unerwarteten  Angriff
uͤberrascht,  erschuͤttert,  flohen  hier  die  Oesterreicher  mit
Hinterlassung  jener  acht  Kanonen,  mit  Verlust  von
1,200  Gefangenen,  theils  gegen  Diedenhofen  und  Brandenburg,
  theils  gegen  die  siegreiche  Mittel-Kolonne.
Diese  selbst  gerieth  dadurch  in  solche  Unordnung,  daß
das  allgemeine  Verderben  unabwendbar  schien.  Denn
auch  Richepanse,  kaum  durch  Ney'’s  Wendung  aus
der  verzweifeltsten  Lage  befreit,  griff  wüthend  und  von
allen  Seiten  wieder  an.

Auf  der  Weidenbühler  Höhe  und  im  vorliegenden
Gehdlz  standen  die  baierischen  Bataillons  Metzen,
Minucci,  Spretti  und  Siebein,  zur  bsterreichischen
Mittel-Kolonne  gehdrend,  durch  ihre  Generale  Deroy
und  Wrede  in  Kolonnen  aufgestellt.  Diese,  durch
nichts  erschüttert,  leisteten  den  Wirkungen  der  allgemeinen
  Flucht  und  den  heftigsten  Anstürmungen  Richepanse's
  festen  Widerstand.  Indem  sie  sich  den  Fortschritten
  des  Siegers  entgegenstemmten,  gaben  sie  den
Besiegten  Zeit,  sich  zu  sammeln.  Sie  deckten  den  Rückzug
  des  ganzen  rechten  Flügels  und  der  Vorhut,  selbst
der  dsterreichischen  vier  Reserve-Bataillons,  die  viel  zu
spät  herbei  gekommen  waren,  und  bildeten  während  des
nächtlichen  Rückzugs  nach  Holzheim  die  Nachhut.  Folgendes
  Tages  bezogen  sämmtliche  ausgezogene  Abtheilungen
  wieder  das  Ulmer  Lager.  Die  unglücklichsten  Umstände
  hatten  zusammengewirkt,  um  die  wahrscheinlich
berechnere  Vernichtung  des  feindlichen  linken  Flügels
und  die  Verbindung  der  Heerskräfte  Oesterreichs  bet
Ulm  und  in  Tirol  zu  vereiteln.  Der  Feldzeug  meister
Krap  aber  war  so  gerecht,  noch  an  demselben  Tage
        <pb n="122" />
        öffentlich  die  angestreugte  Tapferkelt  der  Baiern  anzus
erkennen,  )  welche,  in  der  Hoffnung,  ein  geliebtes
Vaterland  von  feindlichen  Verheerungen  zu  retten,  in  den
furchrbarsten  Ereignissen,  und  während  Mann  und  Roß
dritthalb  Tage  und  zwei  Nächte  ohne  Nahrung  gelassen
waren,  die  heldenmüthigste  Ausdauer  bewiesen  hatten.  )

Moreau  inzwischen  verfolgte  seinen  kühnen  Entwurf,
  die  Mitte  und  den  linken  Flügel  seines  Heers  nach
und  nach  von  Ulm  abzuziehen,  und  sich  dann  plbtzlich
mit  ganzer  Macht  auf's  linke  Ufer  der  Donau  zu  werfen.
Dies  glücklicher  auszuführen,  mußte  er  seinem  scharfsichtigen
  Gegner  die  wahre  Absicht  verbergen,  als  läge
es  ihm  nur  daran,  längs  dem  Lech  eine  neue  Grundlinie
für  künftige  Unrernehmungen  zu  wählen.

Also  rückte  der  ganze  rechte  Flügel  des  französischen

Heers

 

")  (Tages-Befehl.  Ulm  den  7ten  Juni  1800.)  Mit  wahrem
Vergnügen  bezeuge  ich  sämmtlichen  Stabs=  und  Ober-Offizieren,
  so  wie  guch  Gemeinen  der  Kurpfalzbaierischen
Subsidien-Truppen,  welche  sich  in  dem  Gefechte  vom
Sten  auszuzeichnen  Gelegenheit  gefunden  haben,  meine
vollkommenste  Zufriedenheit,  und  gebe  ihnen  hiemit  meinen
  wahren  Dank  laut  zu  erkennen  für  das  tapfere  Woylverhalten
  und  die  bewiesene  Beharrlichkeit  und  Geduld
und  Ertragung  der  damit  verknüpften  großen  Beschwerlichkeiten.
  unterzeichnet:  Krap,  Feldzeugmeister.

*#)  Der  Verlust  während  dieses  Tages  bestand  baierischer
Seits  in  03  Mann  Todten,  3  dÖffizieren  und  17  Mann
Verwundeten.  Generallteutenant  3wepbrücken  rühmte
in  seinem  officiellen  Bericht  das  vorzügliche  Betragen
seines  ganzen  unterhabenden  Korps,  nahmentlich  zeichnere
er  die  Generale  Derop  und  Wrede,  die  Majors  Zettwiy
  und  Graf  Minnveri  gus.
        <pb n="123" />
        —  113  —

Heers  zum  Lech,  unter  Anführung  Lecourbe's,  in
drei  Kolonnen.  An  der  Wertach  griff  die  Mittelkolonne
(10ten  und  11#ten  Juni)  die  Vorposten  Meerfeld's  an,
der  zu  seiner  Reiterei  auch  eine  geringe  Verstärkung  an
Fußvolk,  durch  das  baierische  Bataillon  Schloßberg
empfangen  haͤtte,  *)  welches  von  Neuburg  aus  zu  ihm
gestoßen  war.  Lecourbe  besetzte  Buchloe,  und  machte
Aussendungen  bis  Landsberg.  Die  rechte  Flügel-Kolonne
nahm  den  Weg  nach  Schongan,  die  linke  nach  Augsburg.
  Molitor,  von  Kempten  nach  Nesselwangen  gerückt,
  wo  er  die  durch  den  Fürst  Reuß  ausgeschickte
Abtheilung  des  Generals  Gruner  schlug,  deckte  Leourbe's
  Rücken.

Angekommen  am  Lech  (12ten  Juni)  mußte  der  Uebergang
  geschehen.  Die  Wasser  giengen  hoch,  durch  Regengüsse
  und  Bergstrbme  angeschwollen;  alle  Brücken
waren  abgetragen,  die  gewdhnlichen  Uebergänge,  wie  bei
Landöberg  und  Friedberg,  durch  baierisches  Kriegsvolk,
Geschütz  und  Verschanzungen  vertheidigt.  Die  Kolonne
rechts  nahm  den  Ort  Schongau,  diesselts  am  Lech,  mit
Sturm,  und  stellte  nach  blutigem  Gefecht,  in  welchem
der  Prinz  Lichrenstein,  dsierreichischer  Major,  verwundet
  und  gefangen  wurde,  die  Brücke  wieder  her.  —
Von  der  Mittel-Kolonne  schwammen  mehrere  franzosische
Streithaufen  unterhalb  Landsberg,  bei  Kaufringen,  über

*)  Genanntes  Bataillon,  welches  bisher  in  Dasing  aufgestellt
  war,  rückte  jedoch  am  tloten  auf  erhaltenen  Befehl
über  Aichach,  Holzheim,  und  am  12ten  in  Donauwörth
ein,  wofselbst  es  mir  einem  kaiserlichen  und  einem  würtembergischen
  Bataillon  zur  Vertheidigung  der  dortigen
Brücke  und  Verschanzungen  verwendet  wurde.

8
        <pb n="124" />
        —  114  —

den  Lech,  warfen  sich  mit  großer  Ueberzahl  gegen  die
dort  stehende  baierische  Kompagnie  vom  Regiment  Kurprinz,
  und  brachten  die  Brücke,  nach  hartnäckigem  Gefecht,
  auch  auf  diesem  Punct  und  bei  Landsberg  zu
Stande.  In  derselben  zeit  zwang  die  linke  Kolonne  durch
heftigen  Angriff  bei  Lechhausen  den  General  Meerfeld
zur  Räumung  Augsburgs.  Dieser  trug  die  dortige
Brücke  ab,  und  begab  sich  über  Friedberg,  wo  er  zwei
Kompagnien  des  baierischen  Leib-Regiments  an  sich  zog,
in  eine  Stellung  bei  Aichach  an  der  Paar,  um  die  Straßen
nach  Ingolstadt  und  Donauwörth  zu  decken.

An  demselben  Tage,  da  Lecourbe  zu  Augsburg  ankam,
  machte  Moreau,  der  sein  Heer  näher  gegen  die
Donau  zu  bewegt  hatte,  einen  allgemeinen  Angriff  auf
die  Stellungen,  welche  die  Oesterreicher  noch  am  rechten
Ufer  dieses  Flusses  inne  hatten.  Richepanse,  links
der  Iller,  griff  das  Dorf  Burgrieden  an,  welches  Erzherzog
  Ferdinand  persdnlich  vertheidigre.  Erst  nach  harter
  Gegenwehr,  und  nicht  ohne  großen  Verlust,  konnte
er  diesen  Punct  nehmen  und  festihalten.  —  Grenier
rückte  von-  Illeraichheim  gegen  Weißenhorn  und  Roggenburg
  an.  Fürst  Rosenberg  vertheidigte  die  hiesige
Stellung.  Das  baierische  Jäger-Bataillon  Cloßmann,
unter  Anführung  des  Hauptmanns  Trommer,  stand
zu  Weißenhorn.  Der  dsierreichische  Major  von  Stutterheim,
  welcher  die  ganze  Kette  der  Vorwachten  befehligte,
  behauptete  mit  einer  Kompagnie  Rothmäntler
und  einem  Zuge  Uhlanen  den  Posten  von  Bubenhausen;
doch  wurde  dieser  Posten  vom  Feinde  überfallen,  umzingelt
  und  gefangen.  Eine  Kompagnie  Baiern,  welche,
auf  Stutrerheim's  Befehl,  der  Hauptmann  Trommer
  zum  Bubenhausener  Wald  links  von  Grafertshofen
        <pb n="125" />
        —  115  —

zur  Unterstützung  des  Postens  ausgesandt  hatte,  wurde
von  feindlicher  Reiterel,  die  von  Bubenhausen  nach  Grafertshofen
  längs  dem  Walde  hineilte,  übermannt.  Die
Baiern,  im  Stich  gelassen  von  einiger  Reiterei,  die  se
bei  sich  gehabt,  abgeschnitten  von  den  ihrigen,  wehrten
sich  unrer  Anführung  des  Oberlieutenants  Schleich,
wie  Verzweifelte.  Erst  da  sie  schon  sieben  und  zwanzig
der  Ihrigen  gefallen  sahen,  ergaben  sie  sich,  70  Mann
stark,  der  Uebermacht.  Hauptmann  Trommer  selbst
war  noch,  auf  Stutterheim's  Geheiß,  mit  einer  Kompagnie
  und  einer  Kanone  dem  Punct  Bubenhausen  zu
Hülfe  geeilt,  aber  zu  spät  angelangt.  Der  Feind  rückte
schon  gegen  ihn.  Mit  vieler  Geistesgegenwart  und  Klugheit
  wandte  er  sich  nach  Weißenhorn  zurück,  verrammelte
die  Thore,  vertheidigte  sich  mit  den  ihm  gebliebenen
53  Mann,  bis  er  folgenden  Tages  Befehl  empfing,
sich  in  die  Linie  des  Heers  auf  den  rechten  Flügel  von
Wrede's  Brigade  zurück  zu  begeben.  —  Die  französischen
Reserve-Abtheilungen  Leclerc  und  Decgen  griffen  in
derselben  Zeit  den  General  Giulapy  bei  Krummbach  und
Breitenthal  mit  einer  heftigen  Kanonade  an,  und  Sztarray's
  gesammte  Posien  an  der  Mindel  wurden  nach
Burgau  zurückgedrängt  (15ten  Juni).  Doch  Giulay
und  Sztarray,  sobald  sie  frische  Verstäckungen  erhalten
  hatten,  trieben  den  Feind  wieder  am  folgenden  Tage
nach  Roggenburg  und  Weißenhorn,  und  stellten  sich  bei
Günzburg  fest,  mit  ihrer  Vorhut  bei  Wetrenhausen,
Burgau,  Ichenhausen  und  Rieden  an  der  Kotz.  Der
baierische  General  Deroy  mußte  vorwärts  Günzburg
mit  drei  Baraillons  und  vier  Geschwadern  Reiterei  die
Kette  der  Vorposten  bilden-Unterdessen

  lenkte  sich  Richepanse  immer  rechts,
8  i
        <pb n="126" />
        —  116  —

bel  Brandenburg  über  die  Iller,  ohne  viel  Aufmerksamkeit
  auf  Erzherzog  Ferdinand's  Streifrotten  zu  wenden,
  die  bis  Ochsenhausen  und  Biberach  schwärmten;
Grenier  bewegte  sich  gegen  Günzburg,  um  Giulay's
Korps  fest  zu  halten;  die  drei  Abtheilungen  der  Reseroe
nahmen  ihre  Sétellung  zwischen  der  Kamlach  und  Mindel,
während  Molitor  und  Nansouty  fortgesetzt  den
Prinzen  Reuß  in  den  Ausgängen  Tirols  beobachteten.

Feldmarschall-Lieutenant  Sztarray  vermuthete
aus  diesen  Bewegungen,  er  werde  in  seiner  Stellung  vor
Günzburg  durch  Uebermacht  augegriffen  werden,  und  zog
daher  Nachrs  (vom  15ten  zum  160ten  Juni)  über  die  Donau
zuruck,  und  zwar  in  dem  nämlichen  Augenblick,  da  ihm
der  Feldzeugmeister  Kray  noch  beträchtliche  Verstärkung
durch  den  General  Riesch  zuführen,  und  außerdem  das
ganze  baierische  Korps  bei  Elchingen  über  die  Donau
gehen  ließ,  um  den  Franzosen,  die  gegen  Günzburg
zogen,  in  die  linke  Seite  zu  fallen.  Weil  nun  Sztarray
zurück  gieng,  kehrte  auch  jene  Verstärkung  wieder  um.
Und  auch  Giulay's  Korps,  nun  nicht  mehr  an  Sztarray
  gestützt,  vom  General  Grenier  überwältigt,  mußte
sich  auf's  linke  Donauufer  retten.  So  war  das  ganze
rechte  Ufer  von  den  Oesterreichern  geräumt.  Das  baierische
  Korps  erhielt  Befehl,  die  Brücke  von  Elchingen  bis
auf  den  letzten  Mann  zu  vertheidigen,  die  Brücke  von
Günzburg  war  ganz  abgeworfen,  von  der  Brücke  bei
Leipheim  aber  nur  ein  Joch.  Doch  wurde  hier  bei  Leipheim
  sogleich  das  baierische  Baraillon  Zettwitz  aufgestellt,
  und  folgendes  Tags  (17#en  Juni)  durch  das  baierische
  Bataillon  Minucci  und  eine  Abtheilung  Fußjäger
verstärkt,  um  dem  Feinde  die  Wiederherstellung  der  Brücke
zu  hindern.
        <pb n="127" />
        —  117  —

Wirklich  machte  Grenier,  um  Kray's  Aufmerksamkeit
  zu  beschäftigen,  bei  Leipheim,  wie  bei  Günzburg
  scheinbare  Anstalten,  über  den  Strom  zu  geben,
evo  jetzt  Giulay  drüben  zwischen  Albeck  und  Gundelfingen,
  und  Sztarray  hinter  der  Brenz  standen.  Eben
so  hatte  sich  auch  Lecourbe  plötzlich  wieder  von  Landsberg
  und  Augsburg,  wo  er  nur  Besatzungen  hinterließ,
bei  Wertingen  über  den  Zusam-Fluß  gegen  die  Donau
geworfen,  und  (18ten  Juni)  einen  Scheinangriff  auf
Lauingen  und  Dillingen  gemacht.  Lecourbe  harte  aber
zum  wirklichen  Uebergang  einen  ganz  andern  Punct  gewählt,
  und  zwar  gegenüber  den  Dörfern  Blindheim  und
Gremheim.  Hinter  Gehölzen,  hatte  er  die  Dioissonen
Montrichard  und  Gudin  in  der  Nacht  (vom  13ten
zum  10ten  Juni)  aufgestellt.  Drüben  fand  er,  wenn  der
Uebergang  gelang,  ausgedehnte  Ebenen  zur  Aufstellung
eines  ganzen  Heers  und  Spielraum  fur  die  Reiterei-Auch
  stand  drüben  Sztarray  nur  mit  8—  0000  Mann,
welche  noch  dazu  die  ganze  Strecke  von  der  Brenz  bis
Donauwdrth  zu  beschützen  hatten.

Schlacht  bei  Hdchstett.

Bei  Tagesanbruch  am  10ten  Juni  schwammen  achtzig
Franzosen  über  die  Donau  nach  Gremheim.  Diese,  und
eine  hinüberspielende  Batterie,  trieben  den  dort  aufee-Kellten
  österreichischen  Polten  vom  Ufer  weg.  In  Eil
ward  die  nur  halb  zerstörte  Brücke  hergestellt.  Mehrere
franzbsesche  Bataillons  eilten  hinüber,  bemächtigten  sich
der  Dörfer  Gremheim  und  Blindheim,  so  wie  auch  des
Dorfes  Schwenningen  auf  der  Seite  nach  Donauwörth.
Während  die  übrigen  Truppen  noch  über  die  Brücke
zogen,  erschien  schon  von  Donauwdrth  her  General
        <pb n="128" />
        —  118  —

Devaur,  welchen  der  Feldzeugmeister  Kray  dort  zum
Befehlshaber  gemacht  hatte.  Mit  3,000  Mann  Fußvolk
und  400  Reitern  griff  er  Schwenningen  an.  Es  ward
mehrmals  genommen  und  verloren,  endlich  durch  Leco
  urbe's  herbeieilende  Uebermacht  behauptet.  Nach
dem  tapfersten  Widerstand  mußten  sich  hier  2.500  Mann,
meistens  Würtemberger,  ergeben.  Alle  übrigen  flohen
in  großer  Unordnung  nach  Donauwdrth,  und  dort  über
die  Donau.  Die  Franzosen  ihnen  nach.  Das  beierische
Bataillon  Dallwig,  welches  unter  Befehl  des  Majors
Schloßberg  einen  Theil  der  Besatzung  Donauwrths
ausmachte,  vertheidigte  dort  noch,  durch  einen  ausgestellten
  Posten  unter  dem  Lieutenant  Delaux  und  von
Otten  jun  sechs  Stunden  lang  den  Donauübergang
bis  zur  Nacht  mit  ausgezeichneter  Entschlossenheit.")
Mittlerweile  war  der  ganze  rechte  Flügel  des  französischen
  Heers  bei  Gremheim  übergegangen.  Die  Abtheilungen
  der  Oesterreicher,  welche  von  Dillingen  heranrückten,
  Gudin's  und  Montrichard's  Fortschreiten
aufzuhalten,  wurden  von  Schwenningen  her  durch  Lecourbe
  auf  ihrer  rechten  Seite  umgangen,  zum  Rückzug
  gendthigt;  verloren  zwischen  Hochstett  und  Oillingen,
durch  Trennung  1,800  Mann,  und  wurden  bis  Gundelfingen
  verfolgt.  Lecourbe  ließ,  sobald  er  in  die  Stel-*.)

  Nach  dem  von  dem  General  Devaur,  aus  dem  Feldlager
bei  Monheim  unterm  20oten  Juni  1800,  ausgestellten
Seugniß.

Dieses  Bataillon  zog  sich  mit  den  übrigen  unter  Devauf
  stehenden  Truppen  am  Losten  nach  Pappenheim,  den
L2  sten  nach  Eichstädt,  den  22sten  nach  Ingolstadt  zurück,
und  machte  nun  einen  Theil  der  Besatzung  letztgenannter
Festung  aus,
        <pb n="129" />
        —  119  —

lung  von  Lauingen  und  Dillingen  trat,  hier  ohne  Säumen
  an  Wiedereinrichtung  der  Bruͤcken  arbeiten.

Es  war  schon  5  Uhr  Abends,  als  die  von  Ulm
ausgerückten  Verstärkungen  zu  den  Generalen  Giulay
und  Sztarray  stießen,  deren  Vorposten  bei  Höchstädt
und  Dillingen  schon  geworfen  waren.  Sie  stellten  nun
ihre  Hauptmacht  und  das  Geschütz  zwischen  der  Brenz
und  Donau  in  zwei  sehr  gedehnte  Treffen,  sowohl  zur
Deckung  der  großen  Straßen,  als  der  zahlreichen  Reiterei.
Es  erhob  sich  ein  lebhaftes  Reiterei-Gefecht,  anfangs
glücklich  für  die  Oesterreicher,  zuletzt  aber  durch  das  ate
französische  Husaren-Regiment  zum  Vortheil  der  Franzosen
  entschieden.

Noch  während  des  Gesfechts  kam  Moreau  mit  den
Heer-Abtheilungen  Oecaen  und  Grandjean,  über
die  hergestellten  Brücken  von  Dillingen  und  Lauingen  herüber.
  Sobald  er  die  beiderseitigen  Stellungen  erkannt
hatte,  beschloß  er  die  dsterreichische  Reiterei,  die  sich  vor
der  Brenz  aufgestellt  und  bei  Gundelfingen  an  das  Fußvolk
  gelehnt  hatte,  ohne  Zeitverlust  über  die  Brenz  zurück
zu  treiben.  Sofort  ließ  er  einige  Heersäulen  sich  gegen
Gundelfingen  bewegen,  und  schickte  seine  Reiterei  =  Reserve
  zum  rechten  Flügel.

Der  Angriff  der  Kavallerie  begann  zwei  Stunden
vor  der  Nacht.  Das  Gefecht  verbreitete  sich  schnell  von
einem  Flügel  zum  andern,  und  ward  von  beiden  Seiren
mit  aller  Wuth  und  Hartnäckigkeit  geführt.  Sobald  es
aber  den  Franzosen  gelungen  war,  Gundelfingen  mit
Sturm  zu  erobern,  und  dort  das  Fußvolk  der  Oesterreicher
  über  den  Haufen  zu  werfen,  verlor  auch  die
österreichische  Reiterei  ihren  Anlehnungs-Punct.  Sie
gieng  über  die  Brenz  zurück.
        <pb n="130" />
        —  120  —

Sztarray  besetzte  in  der  Nacht,  mit  aller  ihm  von
Ulm  gekommenen  Verstaͤrkung,  die  Anhoͤhen  hinter  der
Brenz;  Moreau  die  Oerter  Gundelfingen  und  Medlingen.
  In  derselben  Nacht  kam  die  ganze  franzfische
Heermacht  vom  rechten  Ufer  der  Donau  herüber,  mit
Ausnahme  von  Richepanse's  Abtheilung,  die  an  der
Iller  zurückgeblieben  war,  um  Ulm  zu  beobachten.

So  endete  eine  Schlacht,  welche  meistens  durch
Resterei-Gefechte  entschieden  ward,  den  Oesterreichern
5,000  Gefangene  und  20  Kanonen  kostere,  und  die  Räumung
  Schwabens,  Frankens  und  Bajern  zur  Folge  haben
  mußte.  Allerdings  ein  gefährliches  Wogstück  für
Moreau  war  sie,  der,  im  Fall  des  Nichtgelingens,  mit
dem  Untergang  seines  ganzen  Heers  bedroht  war.

Krap  ließ  nun  alle  noch  am  rechten  Ufer  der
Donau  befindliche  Kriegsoblker,  auch  die  Baiern,  nach
abgebrannter  Brücke  bei  Elchingen,  zu  seinem  Hauptheer
  stoßen,  verließ  mit  demselben  sein  verschanztes  Lager,
  und  stellte  sich  zwischen  Elchingen  und  Albeck.  In
Ulm  blieb  nur  eine  mäßige  Besatzung,  zu  welcher  auch
die  baierische  Brigade  Bartels  gehdrte,  aus  zwei  Bataillons
  bestehend.  Schon  am  20sten  des  Abends  brach
er  wieder  auf,  und  kam  mit  den  angestrengtesten  Märschen
  am  dritten  Tage  über  Heidesheim  und  Neresheim
nach  Nordlingen.  Denn  nun  er  seine  Magazine  zu
Donauwbrth  und  daselbst  den  festen  Punct  des  Schellenbergs
  verloren  hatte,  blieb  ihm  keine  Zeit  zu  verlieren,
wenn  er,  um  Baiern  zu  decken,  um  Meerfeld's  Korps
dort  an  sich  zu  ziehen,  in  einem  weiten  mühseligen  Bogen
  um  das  feindliche  Heer  hingehen,  und  unterhalb
Donauwdrth  wieder  zur  Donau  kommen  wollte,  sich  einen
  Uebergang  zu  suchen.
        <pb n="131" />
        —  121  —

Er  war  noch  zu  Noͤrdlingen,  als  er  die  Nachricht
von  der  Schlacht  bei  Marengo  und  dem  daraus  er—
folgten  Waffenstillstand  der  Heere  in  Italien  empfing.
Um  seinen  vom  fuͤrchterlichen  Wetter,  von  ununterbrochenen
  Maͤrschen  und  Gefechten  erschoͤpften  Kriegsvoͤlkern
einige  Ruhe  zu  verschaffen,  glaubte  er,  dem  General
Moreau  Anträge  zu  Abschließung  einer  ähnlichen  Uebereinkunft
  machen  zu  wollen.  Moreau  aber  verwarf
alle  Vorschläge,  weil  er  seinem  Gegner  keine  Zeit  gewinnen
  lassen  wollte,  den  Rückzug  zu  vollenden,  um  eine
neue  Vertheidigungs-Linie  in  Baiern  einzunehmen,  und
sich  mit  dem  Fürsten  Reuß  in  Tirol  in  Verbindung
zu  setzen.

Kray,  zufrieden,  durch  das  Unterhandeln  seinen
Gegner  wenigstens  vom  raschern  Vorrücken  abzuhalten,
und  einen  Tag  voraus  zu  haben,  brach  am  29sten  Juni
Abends  um  0  Uhr  von  Ndrdlingen  nach  Wemdingen  auf,
als  sich  Moreau's  Heermacht  eben  der  Stadt  Nbrdlungen
  näherte.  Am  folgenden  Tag  Mittags,  erreichte
er,  lebhaft  vom  Feind  verfolgt,  die  Stellung  von  Monheim.
  Sie  war  freilich  keineswegs  vortheilhaft,  weil
sie  von  einer  Anhdhe  beherrscht  ward,  deren  sich  die
Franzosen  schnell  bemeistert  hatten.

Diese  Anhöhe,  es  koste  was  es  wolle,  wieder  zu
nehmen,  empfing  der  ehemalige  Oberst,  schon  seit  einiger
  Zeit  zum  General  erhobene,  Baron  Wrede  Befehl.
Mit  zwei  Bataillons  Baiern  und  seiner  reitenden  Artillerie
  griff  er  an.  Die  Franzosen,  diesen  wichtigen  Punct
immer  kräftiger  verstärkend,  leisteten  langen  Widerstand
bis  ihn  der  Ungestüm  der  Baiern  mit  dem  Bajonett  brach,
die  den  Feind  verfolgten,  und  die  Hbhe  bis  in  die  späte
Nacht  mit  fortdauerndem  Gefecht  behielten.  Se  ward
        <pb n="132" />
        —  i22  —

der  Rückzug  des  dsterreichischen  Heers  gesichert,  welches
jetzt  nur  etwa  noch  35,000  Mann  zählte,  und  bei  Neuburg
  über  die  Donau  gieng  (264ten  Juni  Abends  0  Uhr).
Dort,  ohnweit  der  Stadt,  vorwärts  Wagenhofen,  bezog
es  ein,  mit  dem  Lech  in  gleicher  Richtung  laufendes
Lager,  das  die  längs  der  Donau  hinziehende  Hauptstraße
  durchschnitt.  Es  lehnte  sich  rechts  an  waldige
Höhen,  von  denen  und  einem  reißenden  Waldstrom  es
auf  der  Stirnseite  gedeckt  wurde.

Doch  Moreau,  welcher  seinem  Gegner  nicht  festen
Fuß  in  Baiern  zu  gestatten  dachte,  hatte  schon,  als  er
ihn  nach  Rdrdlingen  und  Monheim  verfolgte,  sich  der
Eroberung  Baierns  auf  dem  kürzern  Wege  gesichert.
Schon  von  Dillingen  hinweg  (25ten  Juni)  mußte  General
  Decaen  mit  10,000  Mann  über  Augsburg  nach
München  voreilen,  und  General  Lecourbe  bei  Rain
über  den  Lech  gegen  Neuburg  ziehen.

Treffen  bei  Neuburg.

Hier  kam  Lecourbe  schon  am  27ten  Juni  an.
Seine  Vorhut  unter  Montrichard's  Anführung,  gieng
sogleich  gegen  den  linken  Flügel  der  Oesterreicher  durch
Pottmes,  warf  dort  die  Vorwachten,  bemeisterte  sich  der
Dorfer  Ober=  und  Unterhausen,  und  der  Anhöhe,  welche
die  ganze  Stellung  dort  beherrschte.  Durch  diese  Bewegung
  Montrichard's  ward  sogar  den  Oesterreichern
die  Mdglichkeit  ihres  Rückzugs  zur  Festung  Ingolstadt
zweifelhaft.  Deswegen  empfing  Generallieutenant  Zweybrücken
  mit  dem  baierischen  Korps  Befehl,  dem  Feinde
das  verlorne  Feld  wieder  zu  entreißen.

Alsbald  stürzte  sich  Deroy  mit  seiner  Brigade,  erst
bataillonsweise,  dann  in  der  Ebene  von  Ober=  und
        <pb n="133" />
        —  123  —

Unrerhausen  in  Kolonnen,  gegen  Montrichards's  allzuweit
  vorgewagte  Divisson.  General  Wrede,  durch
eine  rasche  Seiten  -Bewegung,  wickelte  den  rechten  Flügel
  der  Franzosen  auf,  und  diese  wichen  nach  großem
Verlust,  aus  Unterhausen,  Rotenfels  und  Straß  zu  ihrer
ersten  Stellung  zurück.  Der  Vortheil  war  so  entscheidend,
  daß  Zweybrücken  dem  Feldzeugmeister  Kray
vorschlug,  noch  desselben  Tages  den  General  Lecourbe
aus  seiner  Stellung  bei  Rain  zu  vertreiben.  Krap
aber,  wahrscheinlich  aus  Besorgniß  wegen  Decaen's
Zug  nach  München,  weigerte  sich,  stellte  alles  weitere
Vorrücken  ein,  und  blieb  auf  dem  Lagerplatz  vom  vorigen
  Abend.  Man  begnugte  sich  lange  mit  gegenseitiger
Beschießung  aus  schwerem  Geschütz,  und  dem  Feuer  der
Plänkler,  deren  Linien  von  beiden  Theilen  auf  dreißig
Schritt  zusammentrafen.

Dadurch  gewann  Lecourbe  Zeit,  dem  General
Montrichard  mit  der  Division  Grandjean  zu  Hülfe
zu  kommen,  und  bei  schon  beginnender  Abenddämmerung
unter  außerordentlichen  Anstrengungen  über  Rotenfels
her  gegen  die  bösterreichische  Heermitte  anzudringen.  Die
Oesterreicher  wichen  dem  Anprall.  Das  baierische  Korps
rückte  auf's  neue  zur  Unterstützung  vor,  und  es  begann
beim  Dorf  Oberhausen  ein  Kampf,  der  bis  nach  10  Uhr
Nachts  währte.  Man  schlug  sich  von  beiden  Seiten  mit
der  wüthendsten  Hartnäckigkeit,  und  nach  erschöôpfter
Munikion  noch  mit  Bajonett  und  Gewehrkolben.  Keiner
wollte  einen  Schritt  weichen.  Die  baierischen  Bataillons
Zettwitz  und  Minueci  leisteten  das  Unglaubliche,
bis  sie  von  der  wachsenden  Uebermacht  der  Feinde  zum
Rückzug  gendthigt  wurden.  Sie  machten  ihn,  trefflich
durch  die  Tapferkeit  des  dsterreichischen  Dragoner-Regi-
        <pb n="134" />
        —  124  —

ments  Lateur  unterstützt,  in  voller  Ordnung,  und  kehrten,
  so  wie  die  baierische  Abtheilung  aus  dem  Dorfe
Unterhausen,  in  die  alten  Lagerstätten  zurück.  Die  vorliegenden
  Anhöhen  und  Waldungen  blieben  nur  schwach
besetzt,  doch  z#ndete  man  viele  Wachtfeuer  an.

Dies  Treffen,  welches  den  Franzosen,  nach  ihren
eignen  Angaben,  5000  Mann  kostete,  worunter  auch  der
bekannte  erste  Grenadier  des  französischen  Reichs,  Latour
  d'Auvergne,  war,  verursachte  im  Heere  Kray's
einen  Verlust  von  ohngefähr  2300  —  2400  Mann.  Die
Baiern  beblagten  besonders  den  Tod  ihres  braven  Oberstlieutenants
  Grafen  Zettwitz.  ?)

Fasi  zu  derselben  Zeit  war  aber  General  Decaen
schon  in  München  eingerückt  (20sten  Juni  Mittags  nach
1  Uhr).  In  drei  Märschen  hatte  er  eine  Strecke  von
vierzig  Stunden  zurückgelegt,  nachdem  er  bei  Dachau
ein  bedeutendes  Gefecht  bestanden,  und  in  fortwährendem
  Kampf  das  Korps  des  Generals  Meerfeld  hinter
die  Amper  zurückgedrückt  hatte.  Meerfeld  gieng  jedoch
darauf  über  die  Isar  und  nach  Wasserburg,  wo  er  sich
mit  dem  Condé'schen  Heerhaufen,  unter  Befehl  des

 

*)  Der  Verlust  der  Oesterreicher  bestand  in  1900  Mann,  die
baierischen  Truppen  hatten  5  fodte,  5  verwundete  und  2gefangne
  Offiziers,  425  Mann  todte  und  verwundete,  6
gefangene  Soldaten.  Nach  den  dienstlichen  Berichten  hatten
  sich  die  Generale  Derov  und  Wrede,  der  Oberst
Siebein,  die  Oberstlieutenants  Graf  Reuß,  Graf
Minucci  und  Busseck,  die  Hauprleute  von  Schmidt,
von  Pillem  ent,  die  Oberlieutenants  von  Fladt  und
von  Fick,  vom  Bataillon  Preysing  der  Sergeant  Müller,
vom  Bataillon  Pompey  der  Gemeine  Sidon,  von  der
Artillerie  der  Korporal  Tülsch  vorzüglich  ausaezeichnet.
        <pb n="135" />
        Prinzen  Reuß  vereinigen  konnte.  Die  Franzosen  fan—
den  in  der  Hauptstadt  Baierns  nicht  nur  im  Zeughause,
nebst  14  Kanonen,  Kriegsbeduͤrfnisse  aller  Art,  sondern
auch  große  Vorräthe  von  Lebensmitteln,  welche  der  Kurfürst
  hier  in  väterlicher  Sorgfalt  für  seine  leidenden  Unterthanen
  angehäuft  hatte.

Schon  Ende  May's  hatte  Kurfürst  Maximilian
Joseph  sowohl  dem  Wienerhofe,  als  dem  Feldzeugmeister
  Kray  erklärt,  er  wolle  seine  zur  Landesvertheidigung
  aufgebotenen  Heerhaufen  von  11—  12,000  Mann
mit  dem  baierischen  Subsidien-Korps  unter  General
Z  weybrücken  vereinigen,  doch  nur  unter  der  Bedingung,
  daß  das  Ganze  nicht  fremden  Zwecken  geopferr,
sondern  zum  Schutz  der  altbaierischen  Erbstaaten  verwendet
  werden  solle.  Alle  deshalb  gepflogenen  Unterhandlungen,
  besonders  die  des  baierischen  Oberstlieutenants
Grafen  Joseph  Rechberg  im  kaiserlichen  Hauptgquartier,
waren  aber  fruchtlos;  sie  schienen  vielmehr  eine  gewisse
Gleichgultigkeit  über  das  Loos  eines  Bundesgenossen  zu
effenbaren,  der  bisher,  aller  eingegangenen  Verpflichtung
treu,  die  entschiedendste  Anhänglichkeit  an  den  Wienerhof
bewiesen  hatte.  Daher,  als  jetzt  mit  überraschender  Eile
die  Gefahr  über  Baiern  und  die  Hauptstadt  hereinbrach,
setzte  der  Kurfürst  aus  den  ersten  Staats-Behdrden  eine
höchste  Verwaltung  nieder,  und  begab  sich  über  Landshut
  nach  Straubing.  Ihm  folgte  sein  Kriegsvolk.

Als  Feldzeugmeister  Kray  den  Einzug  der  Franzosen
  in  München,  und  Meerfeld's  Rückzug  über  die
Isar  vernahm,  wandie  er  sich  sogleich  (2ren  Juni)  nach
Ingolsiadt,  versah  die  Festung  mit  hinreichender  Besatzung,
  gieng  bei  Landshut  (ü#ten  Juli)  über  die  Isax,
        <pb n="136" />
        —  126  —

und  dachte  daran,  hier  Fuß  zu  fassen.  Allein  nicht  nur
Decaen  von  Muͤnchen  aus,  drohte  ihm  den  linken
Flügel  zu  umfangen,  sondern  General  Leclerc  griff
auch  die  vor  der  Isarbrücke  vor  Landshut  nicht  ganz  vortheilhaft
  aufgestellte  Vorhut,  unter  Erzherzog  Ferdinand
  (hten  Juli),  so  gewaltig  an,  daß  dieselbe  in  Unordnung,
  mit  Jurücklassung  ihres  Geschützes,  weichen
mußte.  —  Moreau  selbsi  drang  mit  voller  Heeresmacht
in  Jaiern  heran.  Nur  Richepanse's  Oivision  hatte
er  vor  Ulm  gelassen,  und  unter  den  Generalen  Molitor,
Laval  und  Nansouti  Abtheilungen  bei  Bregenz,
Kempten,  Immenstadt,  Schongau  und  Füssen  zur  Beobachtung
  des  Rheinthals,  Illerthals  und  Lechthals  ausgesandt.
  Jetzt  stellte  er  am  Lech  die  vorige  Ordnung
seines  Heers  wieder  her.  Grenier  führte  die  Mitte
desselben  bei  Aichach  und  Pfaffenhofen,  Lecourbe  den
rechten  Flügel  nahe  den  Tiroler  Gränzen,  Ney  den
linken  Flügel  über  die  Donau  her  bei  Neuburg,  um
Ingolstadt  einzuschließen,  und  ausgedehnt  bis  Abensberg.


Also  mußte  Kray  die  Isar  verlassen,  und  sich  bis
hinter  den  Inn  begeben,  um  die  Linie  von  Braunau
bis  Kufstein  zu  decken.  Da  stand  die  Hauptstärke  seines
Heers  zwischen  Ampfing  und  Mühldorf,  in  und  um  letztern
  Ort  auch  das  pfalzbaierische  Korps  unter  General
Zweybrücken;  auf  dem  linken  Flugel  General  Meers
feld;  gegen  Regensburg  zu  General  Klenau  mit  eie
nem  kleinen  Korps,  bei  Haag  eine  Reserve.  Prinz
Condé,  verstärkt  durch  einige  österreichische  Bataillons,
hielt  den  wichtigen  Punct  Rosenheim,  desgleichen  mit
einer  starken  Abtheilung  auch  Wasserburg  besetzt.  Von
jetzt  an  blieb  Alles  auf  Gefechte  von  Vorwachten  und
        <pb n="137" />
        Streifpartheien  beschränkt,  wie  z.  B.  in  dieser  Mur  der
österreichische  Rittmeister  Graf  Mier  am  hellen  Tage
(ôten  Juli)  Donauwdrth  mit  einigem  Fußvolk  und  Reiterei
  überfiel,  und  die  französische  Besatzung  von  vier
Kompagnien  theils  niedermachte,  theils  gefangen  nahm.

So  lange  noch  Graubündten,  Vorarlberg  und  Tirol
in  der  Gewalt  Oesterreichs  waren,  konnte  Moreau
seine  Unternehmungen  am  Inn  gegen  Wien  nicht  mit
voller  Sicherheit  fortsetzen.  Er  gab  daher  dem  General
Lecourbe  Befehl,  mit  seinen  achtzehn  Bataillons,  und
mit  Molitor's  und  Nansouty's  Divisionen  jene
Gebirgs-Länder  einzunehmen.

Dieser  machte  sich  sogleich  auf.  Sein  Hauptaugenmerk
  mußte  Feldkirch  und  Vorarlberg  seyn.  Denn  gelang
es  ihm  hier  durch  zubrechen,  konnten  sich  die  Oesterreicher,
ohne  Gefahr  abgeschnitten  und  eingeschlossen  zu  werden,
in  Graubündten  nicht  halten,  und  zugleich  war  der
Schlüssel  zum  Tirol  von  dieser  Seite  gewonnen.  Lecourbe
  ließ  aber,  über  Weilheim,  Wolfrathöhausen  und
Holzkirchen  hin  die  Engpässe  Loitasch  und  Scharnitz  angreifen,
  um  die  Kraft  des  Prinzen  Reuß  besonders  dahin
zu  locken;  gieng  aber  unterdessen  in  drei  Kolonnen  dem
Vodensee  zu.  Den  General  Gudin  ließ  er  mit  der  linken
  Flügelkolonne  bei  Füssen  zurück,  der  sich  dieser  Stadt
erst  nach  großem  Widerstand  bemeistern,  doch,  wegen
des  Knie-Passes  nichr  weiter  vordringen  konnte.  Denn
Prinz  Reuß  vereinte  seine  beste  Stärke  zur  Vertheidigung
  dieses  Passes.  Es  war  für  Lecourbe  aber  damit
  genug  gewonnen,  daß  der  Prinz  Reuß  für  den
Augenblick  hier  festgehalten  ward.  Lecourbe  ließ,  im
Verfolgen  seines  Weges,  die  Mittelkolonne  unter  Generat
        <pb n="138" />
        —  128  —

Laval  bei  Immenstadt.  Sie  nahm  (12ten  Juli)  diese
Stadt  ohne  Widerstand,  und  drang  von  da  durch  das
Aachthal  uͤber  Schwarzenberg  und  Mellau  bis  zum  Fuß
des  vorarlberger  Gebirgs,  im  Ruͤcken  des  Generals
Jellachich,  der  bei  Feldkirch  stand.  Die  dritte  Ko—
lonne  unter  Molitor,  als  rechter  Fluͤgel  des  Ganzen,
und  zwar  die  stärksie,  schickte  Lecourbe  in  gerader  Richtung
  gegen  Feldkirch.  Molitor  griff  an,  mit  Uebermacht,
  in  drei  verschiednen  Abtheilungen.  Jellachich,
in  einem  blutigen  Gefecht  übermannt  (15ten  Juli),  von
allen  Seiten  bedroht,  mußte  sich  nach  Bludenz,  folglich
auch  General  Auffenberg  mit  den  Oesterreichern  von
Reichengu  und  Chur  in  Graubundten,  in's  Engadin  gegen
Tirol  zurück  begeben.

Lecourbe  war  im  Begriff,  seine  Vorthbeile  rasch
zu  verfolgen,  als  er  die  Nachricht  des  Waffenstillstandes
erhielt,  welchen  Moreau  und  Kray  zu  Parsdorf
(15ten  Juli)  abgeschlossen  hatten.  Vermöge  dieses  Waffenstillstandes
  behielten  die  Franzosen  eine  Linie  von  den
Quellen  des  Lech,  über  den  Rücken  des  Arlberg  längs
dem  Illthal,  der  Bündtener  Gränze,  über  Balzers,  Chur,
Thusis,  Splügen  bis  Chiavenna;  von  der  andern  Seite
das  ganze  rechte  Ufer  der  Nidda,  des  Mains,  der  Rednitz,
  Altmühl  und  Donau,  das  linke  Vils=  und  Colbach=Ufer
  und  das  linke  Lechufer.  Demnach  blieb  das  ganze
Engadiner=  und  St.  Marien-Thal  beim  Ursprung  der
Etsch,  das  gesammte  Tirol,  und  auf  der  andern  Seite
die  obere  Pfalz  mit  den  Gränzen  von  Böhmen,  mithin
auch  der  ganze  Innstrom  in  Oesterreichs  Händen.  Die
Vestungen  Philippsburg,  Ulm  und  Ingolstadt,  sollten
zwar  eingeschlossen  bleiben,  aber  alle  zehn  Tage  Lebensmittel
  empfangen  können.  Noch  nach  abgeschlossenem

Waffen-
        <pb n="139" />
        Waffenstillstand  (16ten  Juli)  machte  die  Ingolstaͤdter  Besatzung
  einen  Ausfall,  durch  welchen  sie  die  franzdüäschen
Positen  bis  Eitersheim  zurück  trieb.  Doch  Ney  schlug
die  Oesterreicher  folgendes  Tages,  wieder  mit  Verlust  von
drei  Kanonen  und  000  Mann  derselben,  zurüuck.

Auch  am  Main  trat  die  Waffenruhe  ein,  wo  General
  St.  Suzanne  von  Mainz  her  erst  vor  kurzem
(Sten  Juli),  an  der  Spitze  von  vier  franzdsischen  Oivisionen,
  gegen  einen  schwachen,  aber  vom  Odenwalder
und  Mainzer  Landsturm  verstärkten  Heerhaufen  der  Oesterreicher
  ausgeruckr,  und  bei  Nieder-Rad,  in  der  Gegend
von  Frankfurt  (11ten  Juli)  schon  über  den  Main  gegangen
  war.

 

8.

Gang  des  Feldzugs  in  Italien,  bis  zur

Schlacht  bei  Marengo,  15#ten  Juni  1800.

Wir  müssen  aber  den  Blick  auf  Iralien  zurückwerfen.
Denn  hier  noch  früher  und  unerwarteter,  als  in  Deutschland,
  war  das  Glück  und  Unglück  der  kriegenden  Mächte
durchs  Waffenloos  entschieden.

Die  letzten  Ueberbleibsel  der  franzbsischen  Heere  in
Fralien  rangen  am  Ende  des  Jahres  1700  noch  um  die
letzten  Streifen  Landes  auf  der  Halbinsel,  mit  ungleichen
  Kräften,  gegen  die  dsterreichische  Uebermacht.  Sie
hatten  nur  noch  Genna  mit  der  Umgegend,  und  die
Grafschaft  Nizza.  Und  hier  nun,  nicht  am  Nhein,  sollte,
wie  wir  schon  oben  bemerkt  haben,  im  erneuerten  Feldzuge
  gegen  Frankreich  der  Hauptschlag  geschehen;  hieher
sandte  auch  Oesterreich  die  größere  Masse  seiner  aufgebotenen
  Streitkräfte;  hieher  Großbritannien,  zur  mäch-0
        <pb n="140" />
        tigen  Beihuͤlfe,  seine  Kriegsschiffe.  Nach  Genua's  und
Nizza's  Wegnahme  sollten  Toulon  und  Marseille  angegriffen
  und  die  Gesilde  Südfrankreichs  das  Wahlfeld
werden.

Der  erste  Consul  von  Frankreich,  Napoleon  Buongaparte,
  fing  zwar  an,  bei  Dijon  ein  Reserveheer  zu
bilden;  allein  Monathe  mußten,  bis  zur  Vervollständigung
desselben,  vorübergehen.  Zwar  schien  dies  Heer,  seinem
Versammlungsorte  nach  zu  urtheilen,  eben  so  gut  eine
Bestimmung  zum  Rhein,  als  zur  NRhone  empfangen  zu
kodnnen.  Doch  Buonaparte  hatte  ausschließlich  nur
Italien  im  Sinn.  Alles  kam  noch  darauf  an,  daß  die
Puncte  Genna  und  Nizza  nur  so  lange  behauptet  würden,
  bis  das  Reserveheer  im  Stande  wäre,  Hülfe  zu
bringen.  Darum  übergab  er  Genna's  Vertheidigung  dem
General  Massena,  und,  weil  Championet  zu  Nizza
gestorben  war,  den  kleinen  Heerhaufen  desselben  dem
General  Süchet.  —  Bewundernswürdig  ist,  wie  diese
Feldherren  mit  geringer  Macht  die  ihnen  an  Menge  vielfach
  überlegenen  Heere  Oesterreichs  drei  Monathe  lang,
fast  an  Allem  Mangel  leidend,  und  zum  Theil  selbst  von
den  Einwohnern  des  Landes,  in  welchem  sie  stehen  mußten,
  feindselig  angegriffen,  aufhalten  konnten.

Als  Massena  in  Genug  ankam,  fand  er  das  einst
furchtbar  gewesene  Heer,  über  welches  er  den  Oberbefehl
führen  sollte,  auf  25,000  Mann  zusammengeschmolzen,
und  in  dem  engen  und  unwirthlichen  Raume  der  Appeninen
  beschränkt.  Er  dehnte  sich  von  Genna  bis  zum  Col
de  Tende.  Ihm  gegenüber  stand  der  öfterreichische  Ober-=feldberr
  Melas,  der  die  Generale  Ott  und  Klenau  mit
20,000  Mann  auf  seinem  linken  Flügel  über  Sarzana
und  Sestri  gegen  Genug  andrängen  ließ,  mir  der  Haupt-
        <pb n="141" />
        —  131  —

macht  von  Acqui  bis  Ceva  lagerte,  und  seinem  rechten
Fluͤgel  unter  den  Generalen  Haddik,  Kaim  und  Vuk—
kasowich  durch  die  piemontesischen  Alpenthaͤler  gegen
die  Graͤnzen  Altfrankreichs  aufsteigen  hieß.

Die  Bewegungen  des  linken  Fluͤgels  der  Oesterreicher
gegen  Sestri  beunruhigten  den  General  Massena  zuerst;
denn  damit  stand  auch  der  uͤberall  ausbrechende  Aufstand
des  Landvolks  gegen  ihn  in  Verbindung.  Er  veranstaltete
  eine  Recognoscirung  längs  der  ganzen  dsterreichischen
  Linie,  und  ließ  während  dessen  Sestri  durch  die
Divisionen  Miolis  und  Soult  mit  so  großem  Nachdruck
  angreifen,  daß  der  Ort  mit  sehr  bedeutenden  Kornvorräthen
  in  ihrer  Gewalt  blieb,  und  der  ganze  Schwarm
der  Aufrührer  auseinander  gesprengt  wurde.  Der  kleine
Krieg  dauerte  so  bis  zum  April  fort.

Fetzt  begann  Melas,  in  Uebereinstimmung  mit  der
englischen  Flotte,  die  Unternehmung  auf  Genua  ernsivoller.
  Den  Fall  dieser  Stadt  schneller  zu  erzwingen,
mußte  zuerst  Massena  von  seinem  linken  Flügel,  unter
Süchet,  abgerissen,  dann  sester  auf  allen  Seiten  eingeschlossen
  werden.  Bei  Carcare,  im  Mittelpunct  der
Heerlinie,  hatte  Melas  25,000  Mann  für  diesen  Zweck
zusammengezogen.  General  Graf  Palfy  rüchte  mit  einer
  Division,  (auf  seinem  Zuge  über  Montenotte  durch
die  Brigade  St.  Julien  gedeckt,)  gegen  die  befestigten
Stellungen  bei  Caditona,  welche  der  franzdsische  General
Gardaune  mit  3,000  Mann  vertheidigte.  Dieser
mußte  nach  langem  Widerstand  (Sten  April)  die  Puncte
Torre,  Altare,  zuletzt  auch  Cadirona  verlassen.  Zwei
andere  dsterreichische  Abtheilungen  sielen  in  der  nämlichen
Seit  die  feindlichen  Verschanzungen  auf  dem  St.  Jacobs=O
        <pb n="142" />
        Berge  an,  um  hier  die  Verbindung  Süchers  mit  dem
auf  den  Höhen  Savona's  stehenden  Massena  abzubrechen;
  General  Ulm  warf  sich  gegen  Sücher's  linken
Flugel  auf  dem  Sette-Sani-Berg;  General  Hohenzollern
  bereitete  den  Angriff  des  Col  della  Bocherta  vor;
General  Ott  trat  durch  das  Trebbia-Thal  mit  10.000
Mann  gegen  Monte-Corma  vor;  der  Haufe  der  Insurgenten
  gegen  Recco  und  Bogliasko.—  Durch  diesen  vielseitigen
  und  nachdrücklichen  Angriff  wurden  die  Franzosen
gezwungen,  alle  bieher  gehabten  Stellungen  zu  räumen.
Nicht  ohne  Mühe  konnte  General  Soulr  sich  auf  dem
Monte=  More  behaupten,  um  die  Fliehenden  zi  sammeln,
und  den  Punct  Savona  zu  schützen.

Nach  Wegnahme  der  Hdhen  bei  Montenotte  und
der  Schanzen  von  Monte-Negrino  bewegte  sich  General
St.  Julien,  den  Sieg  verfolgend,  gegen  Madona  di
Savona,  dann  über  die  Stella  nach  Albissola,  um
Soulrt's  Rückzug  nach  Genua  zu  bedrohen.  Melas
selbst  trieb  den  General  Soult  indessen  vom  Monte
More  und  nach  hartem  Kampfe  von  Savona  hinweg  nach
Albissola,  das  schon  von  einigen  bsterreichischen  Truppen
  besetzt  war.  General  Elönitz  nahm  folgendes  Tags
Aeen  April)  auch  den  Jacobsberg  weg,  und  die  Oesterreicher
  bemächtigten  sich  der  Redouren  von  Seite-Pani,
St.  Johann  und  Madonna  della  Neve.  Nur  gegen  eine
österreichische  Kolonne,  welche  längs  dem  Tanaro  vorrückte,
  hatte  Süchet  Vortheile.  Aber  General  Hohenuzollern
  war  unterdessen  schon  mit  Macht  gegen
die  Bochetta  angedrungen,  wo  General  Gazan,  minr
3,000  Nann  die  gesammte  Umgebung  der  Bochetta  schirmend,
  gendtbigt  wurde,  eine  Stellung  bei  Buzalta,  zwischen
  dem  Moute  Jovi  und  der  Serivia  zu  beziehen;
        <pb n="143" />
        —  135  —

so  wie  sich  Miollis,  am  rechten  Fluͤgel  des  frauzoͤsischen
  Heers,  nachdem  General  Ott  ihm  erst  die  Stellung
  des  Monte  Coruna,  daun  die  des  Monte  Faceio
entrissen  hatte,  nach  Quinti  und  Prato  zurück  begeben
mußte.  Doch  schon  andern  Tags  nahm  Massena,
vom  General  Miollis  unterstützt,  Monte  Faccio  und
Monte  Corung  wieder  ein,  wobei  die  Oesterreicher  1500
Gefangene  einbüßten.

Massena,  überall  bedrängt,  ordnete  in  Eil  die
Vertheidigung  Genua's  an,  und  machte  sich  dann  mit
zwei  schnell  gebildeten  Oivistonen  auf  den  Weg,  Savona
zu  entsetzen,  um  seine  Verbindung  mit  Süchet  wieder
herzustellen.

Er  rückte  mit  der  Divisson  Gardanne  gegen
Montenotte,  um  die  österreichische  Linie  durchzubrechen,
indessen  die  Division  Gazan  unter  Soult  eine  Bewegung
  nach  Sasselo  machte.  Melas  wollte  dem  zuvor
kommen.  Darum  drang  Hohenzollern  (oten  April)
gegen  die  Bochetta  an,  und  nahm  deren  Verschanzung;
darum  zogen  die  Generale  St.  Julien  und  Sticker
von  Bellegarde's  Stellung  im  österreichischen  Centiuum
  hinweg  über  die  Gebirge  von  Sasselo,  Veriera  und
der  Stella;  darum  rickte  General  Lartermann  längs
dem  Meere  nach  Varaggio  vor,  und  die  österreichische
Abtheilung,  welche  die  Vochetta  genommen,  schob  ihre
Posten  drei  Meilen  von  Voltri  bis  Madonna  dell'  Acqua
Santa,  im  Rücken  des  Feindes  vor.

Wie  gut  alle  diese  Bewegungen  berechnet  waren,
gelangen  sie  doch  nicht  gänzlich.  Denn  Soult,  auf
dem  Wege  nach  Sassello  begriffen,  änderte  nun  seine
Richtung,  und  warf  die  Oesterreicher  hinter  die  Piota
        <pb n="144" />
        zuruͤck;  stand  daher,  als  er  sich  des  andern  Tags  (10ten
April)  Sassello  naͤherte,  bei  Verriera  auf  der  Seite  und
im  Rücken  des  Generals  St.  Julien,  der  eben  Massena's
  Rückzug  über  Ciampani  nach  Voltri  abschneiden
wollte,  und  zwang  den  General  St.  Julien,  der  von
seiner  Nachhut  gerrennt  war,  sich  mit  großem  Verlusi
über  Ponte  Jorea  zurückzubegeben.  Massena's  und
Melas  Verlegenheiten  am  10ten  April  waren  gleich  groß.

Während  sich  Bellegarde  auf  diese  Art  entwickelte,
  ward  General  Lattermann  des  Punctes  Varaggio
  mächtig.  Massena  wollte  zwar  bei  Santa  Croce
Stellung  nehmen,  mußte  aber  nach  Cogoletto  zurückzieben.
  Soult  aber  erkannte  aus  der  Stellung  der
Hesterreicher  bei  Gros  Pasto  den  ganzen  Zweck  ihrer  Bewegungen,
  griff  sie  an,  und  bemeisterte  sich,  als  ihm
Massena  eine  Division  unter  General  Fressinet  zum
Beistand  gesandt  hatte,  zuletzt  selbst  der  starken  Stellung
  der  Hermetta.  Doch  besetzte  er  diese  nur  schwach,
und  zog  sich  auf  seinen  frühern  Srandort  nach  Gros
Pasto  zurück.  —  Aber  Masseng  selbst  gerieth  während
dessen  in  ein  hartes  Gedränge.  Denn  Melas  griff
vorwärts  Cogoletto  den  franzbsischen  linken  Flügel  an,
und  vom  Meer  her  unterstützten  englische  Schiffe  diesen
Angriff.  Jur  guten  Stunde  erschien  der  franzdsische  General
  Oudinot,  durch  dessen  kräftige  Hülfe  er  aus
großer  Gefahr  gerettet  wurde,  und  mit  dem  er  vereint
nach  Arenzano  zurückziehen  konnte.

Auch  Süchet  war  seinerseits  zur  Herstellung  der
Verbindung  mit  Massena  unnnterbrochen  thätig  gewesen,
  doch  ebenfalls  ohne  Erfolg.  Zwar  hatte  sein  linker
Flügel  unter  General  Clausel  den  Thurm  und  die
        <pb n="145" />
        —  135  —

Redouten  von  Melogna,  auch  die  Verschanzungen  von
Sette  Pani  genommen  (I0ten  April),  allein  die  Oesterreicher
  behaupteten  sich  auf  dem  St.  Johannis-Berge,
und  schlugen  unter  Befehl  des  Generals  Elsnitz  auch
Süchet's  spätere  Angriffe  (10ten  April)  zurück.  Eben
so  eitel  waren  die  Versuche  der  Franzosen,  die  zerrissene
Verbindung  über  Milleseno,  Cossaria  und  Cairo  herzustellen;
  denn  Melas,  im  Besitz  von  Saseello,  hatte
die  Stellungen  bei  Ponte  Jorea  und  la  Moglia  stark
verschanzen  lassen.

So  ward  Massena,  nach  ruhmvoller  Vertheidigung
der  Appeninen,  durch  die  Schlacht  von  Voltri  dahin  gebracht,
  sich  auf  die  Vertheidigung  von  Genna  zu  beschränken.
  Melas  ließ  dliese  Vestung  (Listen  April)
durch  den  General  Ott,  mit  ohngefähr  30,000  Mann,
größern  Theils  einschließen,  und  nachdem  er  noch  einmal
  (25sten  April)  alle  feindliche  Posten  angegriffen
hatte,  wandte  er  sich  wider  den  General  Süchet.

Dieser  stand  mit  noch  etwa  5,000  Mann  bei  Calissano-Melogno,
  San  Pantaleone  und  Borgo-Finale,
immer  noch  auf  Wiedervereinigung  mit  Massena  finnend,
  als  Melas  ihn  dort  und  bei  Sette  Pani  (28ften
April)  angriff  und  Tag  um  Tag  weiter  zurück  nach  Loano,
nach  Borghetto,  endlich  nach  Torria  (2ten  Mai)  zuruck
drängte.  Hier  lehnte  sich  Süchet  links  an  Pievg,
rechts  an  Oneglio,  und  hier  empfing  er  auch  die  ersten
Nachrichten  von  Buonaparte's  Bewegungen  mit  dem
Reserve-Heer  nach  Iralien.  Schritt  um  Schritt  sich  vercheidigend,
  zog  er,  da  auch  der  franzdsische  General
Lesuire  vom  Col  de  Tende  bis  Sgorgio  zurück  getrieben
  war,  vor  den  Oesterreichern,  die  hier  18,000  Mann
        <pb n="146" />
        —  136  —

stark  waren,  nach  Taagio  7ten  Mai),  und  von  da,  Nizza
verlassend  (11ten  Mai)  gegen  Frankreichs  alte  Gränze,
zum  Var  Fluß  Er  hatte  nur  in  den  kleinen  Vesien
Ventiwoglia,  Vfllafranco  und  Montalban  die  erforderlichen
  Besatzungen  zurückgelassen.  Selbst  noch  sein  Uebergang
  über  den  Var-Fluß  war  mit  großen  Schwierigkeiten
  verbunden,  weil  sich  General  Elsnitz  schon  bei
Monte  Grosso  aufgestellt  hatte.  Dennoch  vollendete  Su##
cher  (laten  Mai)  seinen  meisterhaften  Rückzug,  und
binnen  drei  Tagen  war  die  ganze  Linie  längs  dem  Var-Eluß
  von  ihm  vor  jeder  feindlichen  Ueberraschung  sicher
gestellt.  Ihm  flößten  die  Nachrichten  von  Moregau's
Siegen  in  Deutschland,  und  vom  schnellen  Vorrücken
des  Reserve-Heers  neuen  Muth  ein.  Er  errichtere  in
Montalbar  und  bei  Gilette  am  rechten  Var-Ufer,  desgleichen
  bei  Cagnes  und  St.  Laurent  Telegraphen,  um
die  Bewegungen  der  Oesterreicher  zu  beobachten,  und
war  entschlossen,  sich  hier  bis  auf's  Aeußerste  zu  halten.

Melas,  zwar  von  den  Bewegungen  der  Franzosen
jenseits  der  Alpen  unterrichtet,  begugte  sich  nur  die
Generale  Kaim,  Haddik  und  Palfy  mit  5,000  Mann
gegen  sie  abzusenden,  die  dann  auch,  wegen  khrer
Schwäche,  bei  Jorea  und  an  der  Chinsella  mit  großem
Verlust  nach  Turin  zurückgeworfen  wurden.  Melas
dachte  einzig  darauf,  durch  das  Barcelonetter:"  und  Durancer-Thal
  nach  Toulon  und  Marseille  zu  gehen.  Allein
Süchet  schlug  nicht  nur  (15ten  Mai)  den  allgemeinen
Angriff  der  Oesterreicher  ab,  sondern  verdoppelte  seine
Thätigkeit,  als  wollte  er  wieder  angriffsweise  verfahren,
weil  er  Befehl  des  ersten  Consuls  empfangen  hatte,  den
General  Melas  am  Var-Fluß  fest  zu  halten,  so  lange
er  könne.  Der  österreichische  Heerfährer  vermuthete  aus
        <pb n="147" />
        157  —

Süchet's  Bewegungen,  die  Franzosen  müßten  am  Var
Verstärkungen  empfangen  haben  und  erneunerte  (c2sten
Mai)  mit  0  Regimentern  und  11  Bataillonen  Grenadiers
den  allgemeinen  Angriff;  doch  war  derselbe,  ungeachtet
der  größten  Anstrengungen,  und  obschon  die  franzbsfische
Mitte  einige  Zeit  lang  in  Gefahr  gerierh,  so  fruchtlos,
als  der  erste,  und  als  ein  späterhin  erfolgter  dritter
(27ten  Mai),  welchen  General  Elsnitz  unternahm.

Diesen  General  hatte  Melas  am  Var  zurückgelassen,
als  er  selbst  mit  0,000  Mann  über  Col  de  Tende  in  die
Ebenen  Piemonts  niedersteigen,  und  den  General  Kaim
unterstützen  wollte.  Unterwegs  erfuhr  er  zwar  mit  Vergmigen,
  daß  sich  die  Veste  von  Savona  dem  General
St.  Julien  ergeben  habe,  aber  auch,  daß  die  über
die  Alpen  gekommenen  Franzosen  schon  Jorea  jenseits
Turin  weggenommen  hätten.  Dennoch  zogerte  er,  seine
ganze  Macht  zusammen  zu  ziehen,  und  rückte  über  Coni
und  Savigliano  auf  der  Straße  nach  Turin  vorwärts.

Erst  in  der  Nacht  vom  27sten  zum  28sten  Mai,  da
Buonaparte  den  gefahrvollen  Zug  über  die  Alpen
schon  vollendet  hatte,  sollte  General  Elsnitz  den  Var
verlassen.  Er  war  noch  15  000  Mann  stark.  Aber  nun
griff  Süchet,  der  seinen  kleinen  Heerhaufen  auf  0,000
Mann  gewachsen  sah,  die  Oesterreicher  durch  das  Magna-Thal
  bei  Simiero  an  (28sten  Mai),  um  sie  auf  ihrem
rechten  Flügel  zu  umgehen,  und  ihnen  den  Rückzug  über
den  Col  de  Tende  nach  Piemont  abzuschneiden.  Die
Oesterreicher  hatten  sich  in  die  Linie  der  Roia  und  bei
Vintimiglia  gestellt.  Der  franzbsische  General  Menard,
auf  Süchet's  linken  Flügel,  3,000  Mann  stark,  ließ
einen  Theil  seines  Kriegsvolks  durchs  Thal  der  Besubbia,
        <pb n="148" />
        —  158  —

einen  andern  nach  dem  Col  de  la  Pietra,  dem  Lager
des  milles  Fourches  und  dem  Laution-Berg  ruͤcken,  damit
er  das  von  den  Feinden  stark  vertheidigte  Col  de  Brouis
umgehen  koͤnne.  Die  Bewegung  der  letztern  Kolonne  zu
verhuͤllen  oder  zu  unkerstützen,  trieb  General  Rochambeau,
  an  der  Spitze  von  Süchet's  Heermitte,  starke
Recognoscirungen  in  das  Bevera-Thal  bis  Olivetta  vor.
Menard  erzwang  auf  diese  Weise  den  Besitz  der  Stellung
  vom  Col  de  Raus,  während  Rochambean  bis
nach  Reolet  und  an  die  Pienna  drang,  um  die  Nachhut
der  Oesterreicher  beim  Col  de  Brouis  zu  umwickeln.  Vermittelst
  dieser  wohl  berechneten  und  gut  ausgeführten
Jüge  wurden  die  Franzosen  nicht  nur  Meister  aller  genannten
  Stellungen,  und  deren  bei  Saorgia  und  Fonkana,
  sondern  raubten  se  den  Oesterreichern  auch  den
Rückweg  nach  dem  Col  de  Tende.  Dies  besetzten  sie
(Sten  Juni)  ohne  bedeutenden  Widerstand,  schritten  zum
Col  Ardente  vor,  und  nahmen  am  linken  Roia=  Ufer  die
feindliche  Stellung  bei  Vintimiglia  im  Rücken.  General
Elsnitz,  dem  jetzt  nur  übrig  blieb,  die  Schluchten  der
Appeninen  und  die  Vereinigung  mit  General  Ott  am
genuesischen  Litorale  zu  suchen,  mußte,  ungeachtet  seiner
  Uebermacht,  mit  Zurücklassung  mebrerer  Gefangenen,
  seines  Gepäcks  und  30  Stück  Geschützes,  schleunigst
  abziehen.

Aber  auch  dieser  Rückzug  ward  noch  in  Gefahr  gesetzt,
  weil  Süchet  mit  drei  Brigaden  zur  Pieva,  dem
Verbindungspunct  des  Oneglia=  und  Tannaro-Thals,
eilte,  von  da  über  den  Col  Ardente,  das  Taggia-Thal
und  den  Monte  Grosso  umgieng  und  (Iten  Juni)  Badalueco,
  Andagna  und  Mendalica  besetzte,  während  Menard
  zugleich  vom  Col  de  Tende  bis  Ormea  herbortrak.
        <pb n="149" />
        —  139  —

Elsnitz  ließ  Besatzung  im  Fort  Vintimiglia,  und  verließ
  selbst  die  Piepa,  wo  seine  Nachhut  (5ten  Juni)  angegriffen,
  und  mit  großem  Verlust  in  das  Tannaro-Thal
zurückgeworfen  wurde.

Darauf  nahm  Suchet  seine  ehemaligen  Stellungen
  wieder  bei  Finale,  Melogno,  Sette-Pani  und  St.
Giacomo  ein,  und  ließ  zwei  Tage  später  dem  General
Massena  in  Genua  von  neuem  den  Donner  seines
Geschützes  hdren.  Aber  Genua's  Loos  war  schon  am
5Sten  Juni  entschieden  worden.

Hier  hatte  General  Ott  (5osten  April)  einen  allgemeinen
  Angriff,  besonders  gegen  den  Monte-Faccic,  gemacht,
  und  die  Franzosen  bis  San  Martino  d'Albano
geworfen;  war  aber  durch  Massena  wieder  zurückgetrieben
  worden.  Eben  so  wenig  gelang  der  Angriff  der
Oesterreicher  auf  das  Fort  de  l’Eperon,  ungeachtet  ihrer
außerordentlichen  Tapferkeit.  Das  Fort  Guezzi  eroberten
ste  zwar,  allein  bei  der  hartnäckigen  Gegenwehr  des
Feindes  mußten  sie,  mit  Verlust  von  3,000  Mann,  die
ganze  Stellung  wieder  verlassen.  Als  Massena  bei
einem  Ausfall  am  folgenden  Tage  verwunder  ward,  trat
eine  achttägige  Waffenruhe  ein,  während  welcher  von  den
Franzosen  das  Fort  Guezzi  wieder  hergestellt,  von  den
Oesterreichern  aber  die  nach  der  Vestung  gehende  Wasserleitung
  zersidrt  ward.

Einen  neuen  Ausfall  machten  die  Generale  Reille
und  Gauthier  (1iten  Mai)  gegen  den  Monte-Faccio;
doch  glucklicher,  als  sie,  war  dabei  General  Soult.
Denn  er  stürmte  das  öfterreichische  Lager  des  Monte
Creto,  rückte  nach  Cassola,  beinahe  vier  Stunden  von
der  Postung,  hinter  der  feindlichen  Linje  vor,  nahm  den
        <pb n="150" />
        Monte-Facceio,  warf  den  General  Gottesheim  zurück,
machte  1,000  Gefengene,  und  kehrte,  milt  den  beiden  audern
  Generalen  am  Abend  vereinigt,  wieder  zurück.  Minder
  gläcklich  war  ein  folgender  Ausfall  (15ten  Mai)  gegen
  den  Monte  Creto,  den  Schlüssel  der  ganzen  dsterreichischen
  Circumvollations=  Linie.  Denn  Soul:t  selbst
ward  dabei  verwundet  und  gefangen,  und  seine  Truppen
mußten  sich  mit  ausehnlichen  Verlust  zurück  ziehen.

Von  da  an  hdrte  Massena  auf,  angreifender
Theil  zu  seyn;  er  verlies  den  Monte-Faccio,  und  zog  seine
HPosten  an  der  Sturla  mehr  zusammen.  Wie  nun  Genua
(vom  20sten  bis  zosten  Mai)  von  der  Landseite  immer
enger  eingeschlossen  ward,  wurden  die  Engländer  von  der
See  her  unternehmender,  die  Beschießung  der  unglücklichen
  Stadt  heftiger.  Eine  von  den  Franzosen  (236sten
Mai)  gegen  den  Monte  Faccio  und  Monte  Ratti  unternommene
  Recognoscirung  hatte  für  sie  nur  sehr  beträchtlichen
  Verlust  und  Vermehrung  der  Noth  in  Genua  zur
Folge.  Schon  am  Sosten  Mai  hielt  Massena  eine
Zusammenkunft  mit  Admiral  Keith,  und  den  Generalen
Ott  und  St.  Julien;  doch  verwarf  er  ihre  Vorschläge.
Aber  die  darauf  hefriger  erhobene  Beschießung  Genua's,
die  Unmoglichkeit,  sich  mit  5,  6,000  Mann  länger  gegen
den  Feind  von  außen,  und  gegen  150,000  empdrte  Einwohner
  von  innen  zu  vertheidigen,  veranlaßten  am  öten
Juni  den  Abschluß  einer  ehrenvollen  Uebergabe  der  Stadt,
vermöge  welcher  die  Franzosen  folgendes  Tages  nach
Frankreich  abzogen.

Das  geschah,  als  Buonaparte  eben  sein  über
die  Alpen  gestiegenes  Reserve-Heer  in  Italien  vorwärts
kührte.  Er  war  (pbom  15ten  bis  20  sten  Mai)  mit
        <pb n="151" />
        –  11  —

35,000  Mann  über  den  großen  St.  Bernhard  gegangen-General
  Lannes  befehligte  die  Vorhut.  Westwärts
rückte  zugleich  General  Thureau  mit  5,000  Mann  über
den  Mont  Genevre  und  den  Mont  Cenis  nach  Erilles
und  Suza,  General  Chabran  mit  einer  Division  über
den  kleinen  Bernhard,  ferner  eine  schwache  Abtheilung
über  den  Simplon  nach  Piemont  nieder;  ostwärts  General
  Moncey  über  den  Gotthardsberg  gegen  Mailand.


Vom  Bernhard  herabsteigend,  nahm  Lannes  den
Punct  Etroubles,  trieb  von  Charillon  (10ten  Mai#  die
dort  stehenden  1,500  Oesterreicher  zurück,  daß  sie  300
Mann  und  drei  Stück  Geschütz  im  Stich  ließen,  und
kam  vor  Bard  an,  welches  den  Ausgang  des  Gebirgsthals
  schließt.  Zwar  die  Stadt  Bard  ward  leicht  genommen,
  aber  nicht  so  leicht  war  die  Wegnahme  der
kleinen  Veste  daselbst.  Buopaparte  wußte,  daß
Melas  noch  bei  Vintimiglia  stand,  ungewiß  über  die
Bewegungen  und  Bestimmungen  des  Reserve-Heers.  Es
durfte  also  kein  Augenblick  verloren  gehen.  Buonaparte
  ließ  daher  sein  gesammtes  Kriegsvolk  mit  unermeßlicher
  Anstrengung  über  die  in  die  Felsen  von  Albaredo
  eingehauenen  Staffeln,  freilich  ohne  Geschütz,  nies
dersteigen,  und  dann  von  der  Stadtseite  und  von  der
Joreer  Straße  her,  eben  so  auch  vom  rechten  Dora-Ufer
  her  die  Peste  anstürmen.  Der  Versuch  war  umsonst.
  Berthier  mußte  es  wagen,  das  Geschütz  des
Reserve-Heers  mit  größter  Gefahr,  in  aller  Stille,  durch
die  Stadt  Bard,  immerdar  dem  Feuer  des  Forts  ausgesetzt,
  nachführen  zu  lassen.

Lannes  war  indessen  mit  der  Vorhut,  aber  ohne
Geschütz,  schon  den  20sten  Mai  vor  Jorea  angekommen;
        <pb n="152" />
        —  142  —

hatte  Stadt  und  Fort,  von  4,000  Oesterreichern  besetzt,
bestürmt;  die  Feinde  über  die  Brücke  der  Chinsella  bis
Chivasso  getrieben;  dann  hier  die  Generale  Kaim  und
Haddick,  welche  am  rechten  Chiusella-Ufer  hinter  der
Brücke,  mit  6,000  Mann  eine  gute  Stellung  hatten,
(#Ssten  Mai)  angegriffen,  und  sie,  als  ihn  die  Division
Boudet  und  zwei  Regimenter  Reiterei  unterstützeen,
nach  Romano  zurückgeworfen.  Damit  lag  der  Schlüssel
Piemonts  in  seiner  Gewalr,  und  bei  Jorea  (vom  Losten
bis  25sten  Mai)  vereinigten  sich  die  übrigen  Abtheilungen,
  welche  vom  Bernhard  herabgekommen  waren.

Auch  General  Moncey  war  vom  Gotthard  nach
Bellinzona  niedergestiegen,  wo  nach  leichtem  Vorwachten-Gefecht
  an  der  Muesa-Brücke,  die  Oesterreicher,  schwach
an  Jahl,  zurückgiengen;  —  General  Bethencourt  war
über  den  Simplon  nach  Domo  d’'Ossola  gekommen,  und
General  Thureau  auf  der  Straße  nach  Briangon  bis
zum  verschanzten  Dorfe  Clavière,  wo  er  die  Oesterreicher,
  wie  auch  aus  dem  Fort  Frangois,  vertrieb,  und
bis  Suza  jagte  (22sten  Mai).  Nachdem  er  auch  diese
Stellung  sich  erzwungen,  und  zwischen  Avigliana  und
Suza  die  Hdhen  von  Bossolino  eingenommen  hatte,  drohend
  gegen  Turin,  stand  das  ganze  französtsche  Reserve-Heer
  von  hier  bis  Bellinzona  am  südlichen  Fuß  der  Alpen.

Schon  in  diesem  Augenblick  war  die  Lage  des  General
  Melas  bedenklich;  nicht  minder  aber  auch  die
des  ersten  Konsuls,  der  von  den  Alpen  nicht  ohne  Verwirrung
  herabgestiegen,  sich  erst  wieder  sammeln  und
ordnen  mußte.  Durch  rasche  Vereinigungen  und  Bewegungen
  der  verschiedenen  Heermassen  Oesterreichs  gerieth
  er  in  Gefahr,  einzeln  angefallen  und  aufgerieben
        <pb n="153" />
        —  43  —

zu  werden,  ehe  er  zu  seinen  fernern  Unternehmungen  eine
Grundlinie  von  Mailand  queer  durch  Piemont  einnehmen
  konnte.  Doch  er  kam  in  Schnelligkeit  der  Bewegung
seinem  Gegner  weit  zuvor.

General  Lannes,  warf  das  bei  Romano  geschlagene
  Korps  über  die  Orca  zurück,  bemächtigte  sich  der
Magazine  von  Chivasso,  und  indem  er,  nur  einen  Tag
von  Turin  entfernt,  längs  dem  linken  Po-Ufer  die  Vestungen
  Piemonts  bedrohte,  deckte  er  zugleich  den  rechten
  Flügel  des  Reserve-Heers.  General  Lechi,  von
Chatillon  im  Klosterthal  aus,  über  Gressoney,  am  Eingang
  des  Lessia-Thals,  bildete  den  linken  Flügel,  nachdem
  er  im  Gefechte  bei  Varallo  die  Oesterreicher  zum
Orta-See  zurückgeworfen  hatte.  Murat  inzwischen,
an  der  Spitze  einer  Vorhut  von  1,500  Perden,  dann
durch  die  Divisionen  Loison  und  Boudet  verstärkt,
bewegte  sich  über  Santhia  nach  Vercelli,  Novara,  Galiati
  und  Turbigo.  Umsonst  warf  sich  ihm  hier  General
Laudon,  von  der  Adda  herbeigeeilt,  mit  größter  Tapferkeit
  entgegen.  Laudon  mußte  mit  Verlust  von
1,200  Gesangenen  und  300  Verwundeten  Turbigo  raͤumen,
  und  ward,  da  Murat  bei  Bufalero  über  den
Tessin  gegangen  war,  bis  an  die  Thore  Mailands  verfolgt.
  Buonaparte  zog  den  2ten  Juni  in  Mailand
ein,  und  ließ  die  Citadelle  durch  General  Mounier
einschließen.  Das  Alles  geschah,  während  General  Ott
noch  mit  dem  österreichischen  Heer  vor  Genug  (vom  #ten
bis  Aten  Juni)  kostbare  Zeit  einbüßte.

Unterdessen  hatte  General  Lechi  auch  schon  das
Fort  Arona  genommen,  bei  Sesio-Calendi  über  den
Tessin  gesetzt  und  Monza  erreicht;  war  durch  große
        <pb n="154" />
        —  146  —

Absendungen  von  Reiterei  die  Verbindung  mit  Monrey
bei  Varoze  hergestellt;  war  Boudet  und  Loison  zu
Lodi  angelaugt,  und  hatte  Lannes  schon  Pavia  erreicht,
früher  als  ein  vom  General  Ort  dahin  geschickter  Heerhaufe
  ankommen  konnte.  Zu  Pavia  wurden  200  Kanonen,
  worunter  30  Feldstücke  waren,  und  viele  Vorräthe
zum  Leben  und  zum  Kriege,  die  Beute  der  Franzosen.
Auch  das  Fort  Bard  war  inzwischen  genommen  worden,
von  wo  das  Belagerungs  Korps  ungehindert  über
Jvrea  den  Vorangegangenen  ans  linke  Ufer  des  Po-Flusses
  folgte.

General  Melas,  welcher  unterdessen  fortwährend
in  Turin  gesianden  war,  beschloß  nun  die  Linie  von
Alessandrta,  Piacenza  und  Mantua,  folglich  das  rechte
Po-Ufer  zu  behaupten,  und  wählte  Alessandrig  zum
Sammelplatz.  Vermittelst  seiner  Bewegung  dahin  ndherte
  er  sich  dem  von  Asi  durch  das  Tanaro-Thal  herabsteigenden
  General  Elsnitz,  welchem  der  Heerhaufen
Süchet's  nur  bis  Ceva  nachgefolgt  war.  Suchet
hatte  sich  dagegen  mit  der  ersten  aus  Genna  abgezogenen
  Dioision  bei  Savona  vereinigt,  sich  über  Montenotte
  und  Millesimo  ins  Bormida-Thal  geworfen,  und
Acqui  in  Besitz  genommen.  Weil  nun  in  gleicher  Zeit
General  Ott  über  die  Bochetta  von  Genua  nach  Piacenza
  rückte,  stand  Süchet  in  diesen  Augenblicken  vollkommen
  zwischen  Elönitzen's  und  Ott's  Heerhaufen
in  gleicher  Linie.

Noch  konnte  damals  der  erste  Consul  nichts  von
der  Uebergabe  Genna's  wissen.  Er  hoffte  also  durch
einen  eilfertigen  Po-Uebergang  die  Festung  entsetzen,
die  Verbindung  der  Oesterreicher  mit  Ober-Iralien  durchschneiden,
  und  sie  theilweise  schlagen  zu  koönnen.  Wirkung

die-
        <pb n="155" />
        135  —

dieses  Gedankens  war  der  Jug  Loison's  nach  Breseia,
wo  General  Laudon  so  unerhofft  überrumpelt  wurde,
daß  er  beinahe  selbst  in  Gefangenschaft  gerieth;  war
ferner  der  Zug  des  General  Duhesme  nach  Crema,
wo  er  beim  Castell  Leone  ein  kleines  Gefecht  hatte;  war
die  Einschließung  Pizzighetone's,  die  Wegnahme  Cremona's,
  und  die  französische  Recognoscirung  (Zten  Juni)
nach  Bozzolo  am  Oglio-Fluß.  Schrecken  herrschte  über
diese  Erscheinungen  in  Mantua.  Die  Oesterreicher  zogen
  sich  auf  allen  Puncten  rückwärts.

Das  franzdsische  Heer  nun  dem  P  nahe  gekommen,
schickte  sich  zum  Uebergang  an.  Loison  gieng  bei  Cremona
  über  diesen  Fluß  gegen  den  wichtigen  Platz  von
Piacenza;  dieselbe  Richtung  nahm  Murat  mit  der
Reiterei  und  Boudet's  Fußvolk.  Einige  Bataillons
Oesterreicher  wurden  vor  Piacenza  in  ihren  Brückenkopf
zurückgetrieben,  den  sie  aber  schon  in  der  folgenden
Nacht,  in  welcher  ihn  die  Franzosen  erstürmen  wollten,
verließen.  Darauf  setzte  Murat  in  einigen  Fahrzeugen
über  den  Pô,  stiftete  durch  den  General  Musnier  auf
der  Straße  von  Cremona  Verbindung  mit  Loison,
und  eroberte  nach  einem  hitzigen  Gefechte  Piacenza.

Diese  Bewegungen  erleichterten  den  Uebergang  des
Heers  bei  Belgiojoso,  zwei  Stunden  unterhalb  Pavia.
Lannes  hatte  sich  dort  mit  drei  Schlachthaufen  hinter
San  Cipriano  aufgestellt,  und  eine  geitlang  durch  den
Angriff  gelitten,  welchen  die  Oesterreicher  mit  zwei  Regimentern
  Fußvolk,  einiger  Reiterei  und  sechs  Kanonen
auf  ihn  gemacht  hatten.  Als  er  aber  Verstärkungen
empfieng,  machte  er  von  ihnen  0  bis  700  Gefangene,
warf  sie  bis  Stradella,  und  rückte  auf  der  Straße  nach
Tortona  vor-10
        <pb n="156" />
        —  146  —

Nun  erst  klaͤrte  es  sich  auf,  daß  Genua  uͤbergegangen
  sey.  Denn  General  Ott  hatte  mit  dem  Belagerungsheere
  in  zwei  Tagszuͤgen  schon  Tortona  ereilt,  und
beim  Flecken  Casteggio  und  Montebello  eine  gute,  in  zwei
Treffen  getheilte,  Stellung  genommen.  War  nun  gleich
durch  Buonaparte's  schnelle  Bewegungen  der  erste
Zweck,  Genua's  Entsatz,  nicht  erreicht,  so  war  doch
Melas  dadurch  von  Mantua  abgeschnitten.  Melas
fuͤhlte  diesen  Nachtheil.  Er  beschloß  seine  ganze  Macht
zu  vereinen,  und  nach  Mantua  durchzubrechen.  Buonaparte
  wollte  ihn  dazu  nicht  Zeit  gonnen,  sondern  sogleich
  mit  den  über  den  Pô  gegangenen  Heerhaufen  der
Generale  Lannes,  Murat  und  Victor  den  dfsterreichischen
  Heerhaufen  Ott  angreifen  und  schlagen.

Schlacht  von  Montebello.

Ott  hatte  fast  alle  seine  Truppen  bei  Casieggio,
nur  einen  geringen  Rückhalt  bei  Montebello  aufgestellt.
Am  oten  Juni  Morgens  um  10  Uhr  wurden  seine  Vorwachten
  bei  der  Villa  San  Giulietto  durch  den  Vortrab
des  franzdsischen  Heers,  unter  General  Watrin's
Befehl,  bis  Risetta  Gandolfi  längs  der  Straße  nach
Tortona  zurückgedrängt.  Lannes  griff  mit  der  Didision
Watrin  darauf  die  Hbhen  an,  welche  dem  rechten
Flugel  der  Oesterreicher  zum  Anlehnungs-Punct  dienten.
Lange  und  hartnäckig  war  der  Streit.  Doch  nach  fünfmaligen
  Anfällen  wurden  die  Oesterreicher  über  den  Coppo-Strom
  zurückgeworfen,  und  des  Schlosses  Dordone  zugleich
  beraubt.  Eben  so  stürmisch,  eben  so  standhaft
wurden  in  der  Heermitte  gegen  Casteggio  Angriff  und
Gegenwehr  fünf  Stunden  lang  geführt,  bis  Lannes
endlich  Meister  von  Casteggio  ward.  Doch  Ott  behauptete
        <pb n="157" />
        —  17  —

sich  noch  in  Montebello,  bis  die  franzdsischen  Generale
Gency  und  Rivaud  hier  die  Schlacht  entschieden,
mit  welcher  Ott  das  Wahlfeld  mit  3,000  Todten  oder
Verwundeten,  5,000  Gefangenen,  0  Kanonen  und  einigen
Fahnen  verlor.  —

Auch  bei  Voghera  konnte  sich  der  Besiegte  nicht
halten.  Er  mußte  daher  nach  Tortona  zurückgehen,
2,000  Mann  in  diese  Vestung  werfen,  über  die  Scrivia
eilen,  und  bei  St.  Giuliano  Stellung  nehmen.  Auch
hier  ward  für  ihm  kein  Bleibens.  Buonaparte  erschien
  in  Voghera,  und  sein  Heer,  etwa  50,000  Mann
stark,  stellte  sich  an  der  Serivia  auf  (12ten  und  13ten
Juni).  )  Ott,  beim  Anblick  der  überlegenen  Macht,
gieng  über  die  Bormida,  und  ließ  nur  zwischen  Spi-*)

  Zwei  Divisionen  unter  General  Lannes  (Watrin  und
Mainoni)  stander  bei  Castel-Novo-di  Serivia,  deren
rechter  Flügel  in  Verbindung  mit  Pavia.

Zwei  Divisionen,  Boudet  und  Mounier,  unter
Desair,  bilderen  auf  der  großen  Straße  vorwärts  der
Ponte  Curone  die  Heeresmitte.  Die  jenseits  des  P#-Flusses
  stehende  Diviston  Lapoipe  hatte  den  Befehl,
sich  mit  dem  General  Desaix  zu  vereinigen.

Die  Reiterei,  unter  General  Murat,  stand  zwischen
  Ponte  Curone  und  Tortona,  deren  Vortrab  unter
Kellermann  jenseits  Tortona.

Die  Hälfte  des  Heeres  unter  General  Chabran  stand
im  Kloster-Thal;  General  Thureau  in  dem  von  Suza;
Moncev  mit  12,000  Mann  in  der  oberen  Lombardei,
an  der  Adda,  dem  Ticinv  und  dem  Po;  General  Vignollet
  vor  der  Cidatelle  von  Mailand;  General  Duhesme
  mit  7,000  Mann  bei  Cremona,  Pizzighetone  und
Piacenza,  und  konnten  daher  alle  diese  Abtheilungen
keinen  Theil  an  der  nachfolgenden  Schlacht  nehmen.

10“
        <pb n="158" />
        netta  und  Marengo  eine  starke  Nachhut  zuruͤck.  Ihm
nach  uͤber  die  Scrivia  zog  das  franzoͤsische  Heer  (13ten
Juni  Morgens)  sich  in  den  Ebenen  San  Giuliano's  entfalrend.
  Von  hier  sandte  Buon  aparte  den  General
Desair  lnks,  zur  Beobachtung  von  Genua,  mit  einem
starken  Heerhaufen  nach  Rivalta,  weil  er  fürchtete,  General
  Melas  werde  einen  Seitenmarsch  versuchen.
Er  selbst  eilte  nach  Castel=  nuovo  di  Serivia,  und  als
er  unterwegs  das  Dorf  Marengo  mit  5,  —  5.000  Oesterreichern
  besetzt  sah,  ließ  er  es  durch  General  Gardanne
  angreifen  und  in  Besitz  nehmen.  Die  Oesierreicher
  begaben  sich  von  hler  nur  nach  ihren  Perschanuzungen
  zurück.

Es  war  fester  Entschluß  des  österreichischen  Oberbefehlshabers,
  ohne  Verzug  Alles  auf's  Spiel  zu  setzen,
und  seinem  Gegner  eine  Schlacht  zu  liefern.  Er  hatte
30,000  Mann  beisammen,  treffliche  Reiterei  und  zahlreicheres
  Geschütz,  als  Buonaparte.  Dieser  hingegen
  glaubte  so  wenig  an  eine  Schlacht,  daß  er  seine
Streitmassen  nicht  einmahl  vereinigte,  sondern  bloß  die
Division  Chamberlhac,  als  zweites  Treffen,  zur
Unterstützung  Gardanne's  gegen  die  dsterreichischen
Verschunzungen,  am  rechten  Bormida=  Ufer  hinstellte.

Allein  bald  empfieng  er  Meldungen,  daß  Melas,
der  die  Heerhaufen  Haddick's,  Kaim's  und  Ott's
an  sich  gezogen,  und  mit  40  000  Mann  Fußvolks  und
6.—  7,000  Relkern  vor  Alessandria  gelagert  stand,  ernsthaft
  zur  Schlacht  rüstere.  Buonaparte  hatte  in  dem
Augenblick  nicht  mehr,  als  18.000  Fußgänger  mit  2,500,
Pferden  bei  sich.  Er  schickte  sogleich  aus,  den  Generas
Desaix  zurück  zu  rufen,  da  dieser  aber,  wie  Buona-
        <pb n="159" />
        parte  wohl  wissen  mußte,  die  Division  Boudet  schon,
um  Vereinigung  mit  Massena  und  Süchet  zu  suchen,
gegen  Acqul,  und  die  Division  Mounier  nach  Castelnuovo
  di  Serivia  versandt  hatte,  war  kaum  Hoffnung,
daß  derselbe  mit  seinem  ganzen  Heerhaufen  zu  rechter
Zeit  anlangen  koͤnne.

Buonaparte  stellte  alsbald  seine  schwaͤchere  Armee
  in  schräger  Schlachtordnung,  und  zwar  staffelweis
(en  echellon)  auf,  so  daß  er  den  linken  Flügel  vorschob;
  nämlich  rechts  der  großen  Straße  von  Gan  Giuliano
  stellte  er,  als  zweites  Treffen  hinter  Marengo  und
hinter  dem  ersten  Treffen  (von  zwei  Diovisionen)  unter
Victor,  den  Heerhaufen  des  Generals  Lannes;  hinter
diesem  Korps  des  Generals  Lannes  die  Division  Carra
St.  Cyr,  und  die  Consular-Garde;  die  Reiter-Bri:=gade
  Kellermann's  an  das  Außenende  des  linken  Flugels,
  und  die  Räume  zwischen  Victor's  Fußpvblkern
ausfüllend;  Champrur's  Brigade  an  das  Aeußerste
des  rechten  Flügels  und  die  Räume  zwischen  Lannes
Schlachthaufen  ausfüllend;  die  Reiterei-Brigade  Ris
vaud's  endlich  seitwärts  dem  Außenende  des  rechten
Flügels  bei  Sals,  zur  Beobachtung  des  Feindes.

Schlacht  bei  Marengo,  1#ten  Juni.

Mit  erster  Morgendämmerung  schritt  am  1#ten  Juni
das  österreichische  Heer  schon  an  drei  Puncten  über  die
Bormida  vor;  die  Mitte  und  der  rechte  Flügel,  unter
Haddik,  Kaim,  Oreilly,  und  die  Reserve  unter
Ott,  auf  der  großen  Straße  von  Tortona  und  Frugarolo
herauf,  der  linke  Flügel,  das  heißt  die  gesammte  Reiterei
  mit  dem  leichten  Fußvolk  von  Castel-Ceriolo  auf
der  Straße  nach  Sals.
        <pb n="160" />
        —  150  —

Um  8  Uhr  Morgens  ward  zuerst  Gardanne  vorwärts
  Marengo  bei  der  Schlucht  von  Pedra  Bona  durch
die  Heersäulen  des  rechten  Flügels  und  der  Mitte  der
Oesterreicher,  angegriffen,  und  mit  solcher  Gewalt,  daß
er  schon  in  der  größten  Gefahr  schwebte,  hätte  ihn  nicht
eine  Division  des  Generals  Victor  zeitige  Hülfe  gebracht,
  um  sich  nur  zur  Deckung  Marengo's  zurückziehen
zu  konnen.  Darauf  rückten  die  österreichischen  Kolonnen
in  doppelten  Treffen,  die  Reserve  zur  Rechten,  bei
Castel-Ceriolo  aufgestellt,  gegen  Victor's  Schlachtlinien
  an.  Diese  standen  hinter  einer,  das  Dorf  umgebenden
  Hohlschlucht.  Rivaud  sah  die  Gefahr,  überflügelt
  zu  werden,  stürzte  mit  seiner  Brigade  eiligst  vor,
und  behauptete  in  einem  mirderischen  Gefechte  das  vor
der  Schlucht  gelegene  Feld.  Lange  hielt  Victor  fest;
er  mußte  dennoch  endlich  den  fortdauernden  Angriffen
Haddik's  und  Kaim's  weichen,  sich  aus  dem  Dorfe
Marengo  zieben,  und  mit  seinen  zwei  Divisionen  hinter
demselben  aufstellen,  wo  das  Korps  des  Generals  Lannes,
das  ihm  zur  Unterstützung  gekommen  war,  zur  Rechten
Platz  nahm.

General  Kaim,  um  diesen  rechten  Flügel  einzuwickeln,
  war  guf  der  nach  Castel-Ceriolo  führenden
Straße  vorgegangen.  Zwar  warf  ihn  Lannes  wieder
zurück,  doch  konnte  dieser,  wollte  er  anders  den  General
Victor  nicht  bloß  geben,  seinen  Vortheil  keineswegs
weit  verfolgen.  Victor  kam  dessen  ungeachtet  in  immer
stärkeres  Gedränge.  Gegen  Mittag  war  seine  Mitte
durchbrochen,  und  sein  linker  Flügel  mußte,  trotz  vierstündigen
  Widerstandes,  trotz  aller  Anstrengungen  von
Kellermanns's  Reiterei,  durch  die  weite,  zwei  Stunden
  lange  Fläche  bis  San  Giuliano  zurückgehen.  Damit
        <pb n="161" />
        —  1561  —

aber  ward  die  linke  Seite  des  General  kannes  ente
bloßt,  dieser  nun  ebenfalls  in  die  schlimmste  Lage  versetzt
  und  genèthigt,  eine  rückgängige  Bewegung  zu
machen.

Mittlerweile  hatte  die  dsterreichische  Reiterei  das
Dorf  Castel-Ceriolo  umgangen,  und  kam  dort  den  franzosischen
  Heer-Abtheilungen  im  Rücken.  Melas  hatte
die  Schlacht  gewonnen,  nur  fehlte  noch  dazu  die  Durchbrechung
  vom  rechten  Flügel  des  französischen  Heers,  den
Buonaparte  selbst  befehligte.  Hier  bewährten  sich  nun
die  großen  Vortheile  einer  schrägen  Schlachtordnung.

Buonaparte  um,  es  koste  was  es  wolle,  seinen
rechten  Flügel  den  Anfällen  einer  zahlreichen  feindlichen
Reiterei  zu  entziehen,  ließ  mitten  in  jener  weiten  Ebene
zwischen  Marengo  und  St.  Giuliano  zwei  Bataillons  ein
VPiereck  schließen.  Es  kam  ihm  alles  nur  darauf  an,
Zeit  zu  gewinnen,  um  noch  den  General  Desair  zur
Schlacht  zu  haben.  Wirklich  hielt  das  Viereck,  aus
000  Mann  bestehend,  das  Vordringen  des  ganzen  linken
Flügels  der  Oesterreicher  mit  verwegener  Beharrlichkeit,
mit  beispielloser  Tapferkeit  lange  Zeit  auf.

Da  endlich  erschienen  die  Dioisionen  des  General
Desaix  eine  um  die  andere.  Es  war  Nachmittags.
Es  erschien  die  Dioision  Mounier,  und  trat,  wo  die
Gefahr  eben  am  größten  war,  auf  die  vom  General
Kaim  schon  überflugelte  rechte  Seite  des  Feldherrn
Launes.  Zwar  wurde  sie  hier  alsbald  von  der  dsterreichischen
  Reiterei  umzingelt;  dennoch  aber  erreichte  sie
mit  ruhigem  Rückzug,  und  gestützt  auf  jenes  Piereck  der
Neunhundert,  das  Dorf  Castel-Ceriolo.  Dies  besetzte
Mounier  durch  General  Carra  St.  Cyr  mit  einer
        <pb n="162" />
        —  152  —

Brigade,  und  schloß  sich  dann  in  fortgesetzter  rückgängiger
  Bewegung  der  Grenadiere  der  Garde  an.

Durch  die  Besetzung  Castel-Ceriolo's  ward  dieses
Dorf  am  rechten  Flügel  der  Franzosen  der  Stütz=  und
Dreh-Punct  ihrer  neuen  Stellung.  Die  Grenadiere  der
Garde  wurden  hinter  und  zwar  links  dem  Dorfe,  das
Korps  von  annes  hinter  und  links  den  Grenadieren;
das  Korps  von  Desair  hinter  und  links  von  Lannes,
vor  St.  Giuliano  aufgestellt.  Bictor,  der  am  meisten
gelitten  hatte,  zog  hinter  Desair,  links  der  großen
Straße  bei  San  Giuliano,  auf.  Oie  gesammte  Reiterei,
unter  General  Murat,  bildete  im  zweiten  Treffen  riefe
Heersäulen.

Zwar  machten  die  Oesterreicher  gegen  den  höchstwichtigen
  Punct  von  Castel-Ceriolo  die  wüthendsten  Angriffe,
  um  ihn  ihren  Feinden  wieder  zu  entreißen,  und
auf  solche  Art,  durch  Jertrümmerung  des  rechten  französischen
  Flügels,  den  Sieg  vollständig  zu  machen.  Aber
ihre  Anstrengungen  waren  hier  vergebens.  Auch  legte
Melas  mehr  Werth  darauf,  nur  den  linken  Flügel  der
Franzosen  zu  verfolgen,  den  er  von  der  Straße  von
Tortona  abschneiden  wollte.  Darüber  verlor  er  aber
den  Augenblick,  der  Buonaparte's  gänzliche  Niederlage
  entscheiden  mußte.

Es  war  schon  6  Uhr  Abends,  als  Buonaparte
die  oben  beschriebene  neue  Stellung  annahm,  und  sein
Heer  mit  einem  Feuerwort  zum  frischen  Kampf  begeisterte.
  —  Schon  waren  5,000  bsterreichische  Grenadiere
unter  General  JZach  hinaus  über  Cassina  Grossa  vorgerückt,
  und  im  Begriff  ssch  des  Punctes  San  Giuliano
zu  bemeistern,  wo  die  Division  Boudet,  gleich  nach
        <pb n="163" />
        —  155  —

ihrer  Ankunft  mit  Desaix's  Korps  hingestellt  worben
war.  Nun  warf  sich  Desaix  mit  voller  Macht  auf  die
Grenadlere  des  Feindes.  Dieser  Feldherr  selbst  sank  bei
dem  Angriff  tödtlich  verwundet;  allein  die  Grenadiere  der
Oesterreicher  wurden  nichts  desto  weniger  in  ihrem  Lauf
angenblicklich  gehemmt.  Und  ihre  Erschütterung  benutzend,
türzte  Kellermann's  Reiterei,  den  Degen  in  der
Faust,  in  die  Seiten  der  feindlichen  Kolonne.  Sie  ward,
in  die  größte  Unordnung  gebracht,  gezwungen,  das  Gewehr
  zu  strecken.

Dies  Ereigniß  verbreitete  neuen  Muth  über  die
franzôsischen  Schaaren.  Sie  rannten  mit  verjüngter
Kraft  ins  Feuer.  Zu  spät,  und  in  jedem  Fall  nun  vergebens,
  ließ  Melas  seinen  linken  Flügel  durch  die  Reiterei
  unter  General  Elsnitz  unterstützen;  vergebens  nun
das  Dorf  Marengo  mit  aller  Aufopferung,  aller  Tapferkeit
  vertheidigen.  Die  Franzosen  nahmen  das  Dorf  mit
stürmender  Faust.  Es  kam  die  Nacht.  Melas  hatte
nur  an  Gefangenen  bei  0,000  Mann  verloren,  dazu  20
Kanonen  und  8  Fahnen.  Er  ließ  sein  Heer,  vom  Feinde
verfolgt,  in  die  Stellungen  der  vorigen  Nacht  zurückkehren.
  Mit  rühmlichem  Heldenmuth  hielt  auch  seine
Nachhut  bei  Piedra  Bona  Stand,  bis  der  ganze  übrige
Theil  des  Kriegsvolks  die  Verschanzungen  an  der  Bormida
  erreicht  hatte.  Erst  Nachts  10  Uhr  nahm  Gardanne
  auch  die  Stellung  bei  der  Piedra-Bona  weg.
Melags  aber  zog  unnnterbrochen  durch  die  Nacht  bis  in
das  Lager  bei  Alessandria.

Buonaparte  hatte  inzwischen  noch  am  Abend  des
Sieges-Tages  Anstalten  getroffen,  den  Brückenkopf  an
der  Bormida  zu  erstürmen.  Schon  war  folgendes  Tags
        <pb n="164" />
        –  1  —

das  Gefecht  dort  entbrannt,  als  von  Melas  gesandt,
ein  Unterhändler  erschien.  Der  Donner  des  Geschützes
schwieg.  Schon  am  16ten  Juni  unterzeichnete  Melas
den  Waffenstillstands-Vertrag  von  Alessandria,  vermdge
dessen  er  seinen  Rückzug  über  Piacenza  zwischen  den  Po
und  Mincio,  mit  dem  schdusten  Theil  der  Siegesfrüchte
vergangenen  Jahres,  mit  der  Uebergabe  von  zwdlf  der
wichtigsten  Festungen  Italiens,  erkaufte.

 

0.
Waffenstillstand.  Erneuerung  und  Gang  des
Feldzugs,  bis  zur  Schlacht  von  Hohenlinden.


Durch  das  Unglück  des  Feldzuges  in  Deutschland
und  Iralien,  und  vermittelst  der  daraus  hervorgegangenen
  Verträge  von  Alessandria  und  Parsdorf,  war
Oesterreich  wieder  in  dieselbe  Stellung  zurück  geworfen,
die  es  zur  Zeit  des  Friedens  von  Campo-Formio  inne
gehabt  hatte.  Es  stand  nicht  minder  geschwächt,  als
damals,  aber  jetzt  einer  feindlichen  Macht  gegenüber,
die  muthiger  durch  ihr  Glück,  nun  immer  furchtbarer
durch  Kraft  und  Einheit  ihrer  Regierung,  durch  Unerschöpftichkeit
  ihrer  Hülfsmittel,  durch  vortrefflichen  Zustand
  ihrer  Heere  ward.  Oesterreich  sah  sich  im  Wechsel
der  Schicksale  durch  das  Schild  keines  Bundesgenossen
hinlänglich  gedeckr;  denn  der  stärkste,  England,  war  zuentfernt;
  die  nähern,  ein  Theil  der  minder  mächtigen  Reichsfürsten,
  Baiern  an  ihrer  Spitze,  waren  zu  schwach.  —
Oesterreich  schien  zur  Wiederherstellung  seiner  Kraft  nichr
eines  flüchtigen  Waffenstillstandes,  sondern  eines  dauernden
  Friedens  zu  bedürfen.
        <pb n="165" />
        —  155  —

Wirklich  sandte  der  Wiener-Hof  den  General  Grafen
  St.  Julien  im  Juli  sogleich  nach  Paris,  um  dort
mit  dem  ersten  Konsul  über  die  Grundlagen  eines  Friedens
  zu  unterhandeln,  auf  welche  er  selbst,  nach  dem
Vertrage  zu  Alessandria  hingedeutet  hatte.  Auch  wurden
(28ten  Juli)  vorläufige  Friedensbedingungen  zu  Paris
abgeschlossen.  Allein  Oesterreich  konnte  damals  noch  nicht
frei  handeln.  Es  war  durch  den  brittischen  Subsidien-Tractat
  gefesselt,  vermöge  dessen  es,  ohne  Englands
Zustimmung,  für  sich  abgesondert,  keinen  Frieden  eingehen
  durfte.  Großbrittannien  aber,  welches,  als  Handelsstaat,
  mehr  Furcht  vor  Frankreichs  Ruhe,  denn,  als
insularische  Seemacht,  vor  Frankreichs  Waffen  hatte,
verwarf  alle  Friedens--Gedanken,  um  nicht  früh  oder
spät  in  jenem  thätigen,  gewerbfleißigen,  unternehmenden
  Nachbar  einen  Nebenbuhler  in  Beherrschung  der
Weltmeere  und  des  Welthandels  erwachen  zu  sehen.

Der  Wiener-Hof  versagte  also  der  vom  Grafen
St.  Julien  zu  Paris  vorläufig  geschlossenen  Uebereinkunft
  seine  Genehmigung,  machte  aber,  um  wenigstens
Zeit  zu  gewinnen,  vereint  mit  England,  dem  ersten
Konsul  neue  Vorschläge,  welche  jedoch  den  Wiederaufang
  der  Feindseligkeiten  von  Seiten  Frankreichs  zur
unausweichlichen  Folge  haben  mußten.  Zwar  auch
Buonaparte  hatte  dem  brittischen  Ministerium  Vorschläge
  zu  einem  Waffenstillstand  auf  dem  Meere  gegeben.
Doch  keinem  Theile  war  es  nun  bei  diesen  Unterhandlungen
  Ernst;  sondern  jeder  beuutzte  die  eingetretene  kurze
Ruhe  der  Heere  nur  zu  den  angestrengtesten  Rüstungen.

Oesterreich  ergänzte  sogleich  die  Lücken  in  seinen
Streitmassen,  both  die  ungarische  Insurrection  auf,  be-
        <pb n="166" />
        –  156  —

sestigte  die  Linie  am  Inn,  von  Kufstein  bis  Passau  mit
Brückenkdpfen  bei  Wasserburg,  Kraiburg,  Mühldorf
und  Braunau;  die  Linie  der  Salza  durch  Brückenkdpfe
bei  Laufen  und  Burghausen;  machte  große  Veränderungen
  unter  den  Generalen  bei  den  Heeren,  und  gab  in
Deutschland  den  Oberbefebl  an  Erzherzog  Johann,
statt  des  Feldzeugmeisters  Kray,  und  in  FItalien  an
den  General  Grafen  Bellegarde,  statt  des  Generals
Melas.  Kaiser  Franz  selbst  hielt  über  seine  bei  Amofing
  in  drei  Treffen  aufgestellte  Kriegsmacht  allgemeine
Heerschau  (0  en  September).  Auch  das  pfalzbaierische
Korps  war  dabei  zugegen.  Der  Monarch  dußerte  demselben
  und  seinen  Anführern  bei  dieser  Gelegenheit  für
so  viel  bewiesene  Tapferkeit  und  Ausdauer  die  lebvafteste
Zufriedenheit,  und  verhieß  in  einem  vielleicht  bald  erfolgenden
  Frieden  dem  Lande  Baiern  die  begnügendsten
Berücksichtigungen  so  zahlreich  dargebrachter  Aufopferungen.


In  der  That  war  der  Zustand  Baierns,  jetzt  die
Schlachtbühne  ungeheurer  Heere,  fast  hoffnungelos  elend,
Während  alle  Hülféquellen  immer  mehr  versiegten,  mußte
Baiern  doch  aus  eigenen  Mitteln  seine  und  die  Menge
der  fremden  Kriegsvölker  nähren,  und  den  drückendsten
Regquisitionen  aller  Art  einzeln  und  im  Allgemeinen  Folge
leisten.  Außerdem  noch  hatte  der  franzdsische  Ober-General
  Moreau  eine  Kontribution  von  3,606,066  Gulden
  auferlegt,  die  freiltch,  durch  Vermittelung  des
koniglich  preußischen  Hofes  auf  2  750.000  Gulden  herabgesetzt
  ward,  aber  schon  den  10ten  Juli  bezahlt  sepn
mußte.  Ungeachtet  der  Handhabung  aller  Kriegszucht,
hemmten  dennoch  die  Ausschweifungen  der  Soldaten  weit
umher  jeden  innern  Verkehr,  und  brachten  die  Einwohner
        <pb n="167" />
        des  Landes  zur  Verzweiflung.  Viele  Haͤuser,  Hoͤfe,
ja  ganze  Doͤrfer  wurden  verlassen  und  oͤde.  Unmoͤglich
war  es  dem  Ländesherrn,  welcher  in  Amberg  Aufenthalt
genommen,  unmdglich  der  niedergesetzten  Hoscommission,
überall  zu  helfen  und  zu  vermitteln.

Dennoch  leistete  Kurfürst  Marimilian  Joseph
das  Aeußerste,  was  eingegangene  Verpflichtungen  vot
ihm  fordern,  oder  die  gemeinsame  Vertheidigung  gegen
die  Macht  eines  gemeinsamen  Feindes  wünschbar  machen
konnte.  Nicht  nur  ergänzte  er  das  unter  dem  Generallieutenant
  Baron  Zweybrücken  bei  Mühldorf  aufgestellte
  Subsidienkorps  bis  auf  12,000  Mann  vollzählig,
sondern  schloß  auch  (15ten  Juli)  sogar  einen  neuen  Subsidien-Vertrag
  ab.  In  Folge  desselben  wurden  die  bei
Amberg  unter  Befehl  des  Herzogs  Wilhelm  von  Baiern
stehenden  11,000  Mann  der  Landes-Vertheidigung  mit
den  3,000  Mann  des  dfierreichischen  Generals  Grafen
Klen  au  bei  Regensburg  vereinigt,  um  ganz  besonders
zur  Deckung  der  Oberpfalz  zu  dienen.

Aber  auch  Frankreich  war  nicht  saumselig.  Sowohl
das  Heer  in  Italien,  dessen  Oberbefehl  General  Brune
empfing,  als  Moreau's  Heer  in  Deutschland,  wurde
in  vollzähligen  und  vortrefflichen  Stand  gesetzt.  Zwischen
  beiden  durch  die  Alpen  starke  Verbindung  herzustellen,
  führte  General  Macdonald  aus  Frankreich
15,000  Mann  durch  die  Schweiz,  und  am  Main  wurde
ein  neues  Heer  von  25,000  Mann,  unter  General
Augereau's  Befehl,  dem  dsterreichischen  Korps  des
Generals.  Simbschen  entgegengestellt.

Der  Zeitraum  des  Waffenstillstandes  war  indessen
bald  verflossen.  Oesterreich  suchte  ihn  noch  einmal,  durch
        <pb n="168" />
        —  168  —

neue  von  dem  Grafen  von  Lehrbach  uͤberbrachte  Friedens---Vorschlaͤge,
  zu  verlängern.  Die  franzdsische  Regierung
  forderte  nun  aber  entweder  unbedingte  Annahme
dessen,  was  sie  mit  dem  General  St.  Julien  früher
schon  abgeschlossen  hatte,  oder  im  Fall  der  Verlängerung
  des  Waffenstillstandes,  neue  Vorthelle  zur  gesicherten
  Stellung  der  franzbsischen  Heere.

Das  letztere  ward  angenommen;  der  Stillstand  abermahls
  (20sten  September)  auf  35  Tage  ausgedehnt,
und  den  Franzosen  dafür  Philippsburg,  Ulm  und  Ingolstadt
  eingeräumt.  Hingegen  mußte  sich  das  französische
  Heer  vom  Inn  zur  Isar,  desgleichen  in  Graubündten
  und  nach  Feldkirch,  nach  Montafun,  in  der
Schweiz  nach  Rapperswyl,  Bischofszell  und  St.  Gallen,
in  den  Rheingegenden  aber  vom  Main  zur  Nidda  zurückziehen.
  Die  Oesterreicher,  unter  Erzherzog  Johann,
das  baierische  Korps  und  das  des  Prinzen  Condé  eingerechnet,
  150,000  Mann  zählend,  zogen  sich  gleichermaßen
  an  den  Inn  zurück;  die  Baiern  wurden  in  die
Gerichte  Alten-HOetting,  Bermosen,  Wald  und  Traunstein
  verlegt.  Das  dsterreichische  Heer  in  Iralien,  unter
Bellegarde's  Befehl,  30.000  Mann  stark,  ward  im
Gebiet  von  Mantua  und  Ferrara  vertheilt;  im  Tirol
führte  General  Chasteler  die  Vertheidigung.  General
Klenau  lag  mit  ohngefähr  20,000  Mann  an  der  Altmühl,
  Vils  und  Rednitz,  und,  in  Verband  mit  ihm,
General  Simbschen  mit  7,—  83,000  Mann  bei  Würzburg
  am  Main.

Noch  grdßere  Kräfte  aufzubieten,  eilte  Kaiser
Franz  nach  Wien  zurück.  Vielleicht  würde  ihm  auch
sesbst  wohl  die  Bildung  eines  neuen  Krieges=  Bundes
        <pb n="169" />
        —  150  —

mit  den  nordischen  Mächten  gegen  Frankreich  gelungen
seyn,  wären  nicht  eben  diese  Mächte  durch  Englands
gebieterisches  und  eifersüchtiges  Schalten  zurückgestoßen
gewesen.  Inzwischen  harten  die  neuen  Friedens-Unterhandlungen
  zu  Lüneville  zwischen  dem  Grafen  Kobenzel
und  Joseph  Buonaparte  (oten  November)  feierlich
begonnen.  Es  läßt  sich  denken,  daß  es  dem  ersten  Konsul
  damahl  am  Frieden  mit  Oesterreich  gelegen  war,  doch
an  einem  ehrenvollen  Frieden.  Es  galt  ihm  über  Alles,
in  Frankreich  seine  Gewalt  und  sein  Ansehen  zu  befestigen,
  wo  noch  kurz  vorher  eine  Verschwdrung  selbst  sein
Leben,  durch  die  menchelmdrderischen  Dolche  der  Ares
na's  und  Cerachi's,  bedroht  hatte.

Mittlerweile  wurden  in  Deutschland  die  durch  den
neuen  Waffenstillstand  übergebenen  drei  Vestungen  von
den  Franzosen  besetzt:  Ingolstadt  vom  1ten  bis  öten
October  „,  *)  von  wo  das  baierische  Bataillon  Dallwig,
bisher  ein  Theil  der  Besatzung,  sich  unter  Major  Schlossberg
  mit  dem  Subsidien-Korps  der  Baiern  bei  Mühldorf
  vereinigte;  —  Ulm  am  2ten  October,  von  wo  die
baierische  Brigade,  zwei  Bataillons  stark,  welche  mit
drei  Bataillonen  Oesterreicher  die  Besatzung  gebildet
hatte,  **)  nach  Stadt  am  Hof  zum  Korps  des  Herzog

*)  Die  Franzosen  leerten,  der  abgeschlossenen  Konvention
zuwider,  das  dortige  Zeughaus,  und  verursachten  dadurch
dem  baierischen  Staate  auf's  Neue  einen  sehr  gering  angeschlagenen
  Verlust  von  205,502  fl.  50  kr.  (S.  KFriegs-Kommisssons=
  Acten.)

**)  Die  Baiern,  unter  General  Bartels,  hatten  während
der  Blokade  die  Retranchements  an  der  Donau,  die
Ziegelschanze  und  das  Ravelin  No,  16.  zu  vertheidigen.
        <pb n="170" />
        Wilhelm  zog;  —  Philippsburg  am  Zten  October,  von
wo  sich  das  bisher  dort  gestandene  1,022  Mann  starke,
zum  Regiment  Prinz  Pius  gehoͤrige  erste  Bataillon
Baiern,  ebenfalls  in  die  Oberpfalz  zum  Korps  des  Herzogs
  Wilhelm  begab.’)  Die  Franzosen  aber  begannen,
  gleich  nach  ihrem  Einzuge  in  diese  Städte,  überall
die  Zerstbrung  der  Festungswerke.  Bei  Ingolstadt  wurden
  dazu  täglich  0,000  Bauern  angestellt.

Fene  Verlängerung  des  Waffenstillstandes  von  45  Tagen
  war  für  die  baierischen  Provinzen  nur  eine  Erweiterung
  ihrer  unermeßlichen  Noth.  General  Moreau
erkannte  dies  wohl.  Darum  suchte  er  auch  Unterhandlungen
  anzuspinnen,  um  das  Haus  Baiern  zu  einem  Separat-Frieden
  mit  Frankreich  zu  bewegen.  (Schon  am
10ten  September.)  Er  spiegelte  dazu  die  günstigsten
Bewilligungen  vor,  und  wandte  sich  dafür  auch  an  den
preußi- 



sich  auch  beim  Ausfall  am  17ten  Juli  durch  ihr  ausgezeichnet
  tapferes  Betragen  die  öffentlich  bezeugte  Zufriedenheit
  der  österreichischen  Regierung  erworben.

*)  Die  Stärke  dieses  Korps  betrug  nun:
12,648  Mann  Infanterie,
2,612  Mann  Kavallerie,
28  sechspfünder  Kanonen,
&amp;amp;  zwölfpfünder  Kanonen,
siebenpfünder  Haubitzen,
70  Munitions-Wagen.
Nach  einer  unterm  öten  November  zwischen  dem  General-Quartiermeister
  von  Weirotter  und  dem  französischen
  Obersten  Lamargque  zu  Wels  abgeschlossenen
Konvenrion,  wurde  die  in  Philivosburg  bisher  befindliche
kurpfälzische  Artillerie  in  das  Munchener  Zeughaus  abgeliefert,
  und  als  neutral  berrachtet.
        <pb n="171" />
        —  161  —

preußischen  Geschaͤftstraͤger,  Herrn  von  Harnier.
Kurfuͤrst  Maximilian  Joseph  aber,  die  Groͤße  seines
  Leidens  vergessend  uͤber  das,  was  Ehre,  Recht
und  Pflicht  geboten,  lehnte  mit  standhaftem  Muthe  alle
Antraͤge  ab,  trachtete  seinen  armen  Unterthanen  durch
Anleihen,  unter  Gewaͤhrschaft  der  Staͤnde,  Erleichterung
des  Uebels  zu  schaffen,  und  mahnte  seine  Soldaten  (in
einer  Proclamation  vom  Zten  September)  an  die  Gefahren
  ihres  Vaterlandes  bei  wahrscheinlicher  Wiedererdffnung
  des  Feldzuges;  an  das  Unglück,  welches  der
Feind  schon  über  den  größten  Theil  des  Landes  gebracht;
an  den  schon  erworbenen  Ruhm  bei  schon  geleistetem
Widerstande  im  Gegensatze  der  Schmach  feiger  Unterwerfung.
  Er  sprach  den  Kriegern  seine  Erwartung  auf
das  Ergreifendste  aus,  daß  sie  die  vom  Feinde  schon
überschwemmten  Provinzen  wieder  erobern,  den  Staat
Baiern  aufrecht  halten,  das  Eigenthum  ihrer  Mitbürger
wieder  retten  würden.

Die  fünf  und  vierzig  Tage  waren  verstrichen.  Die
Feindseligkeiten  wurden  erneuert.  Augereau  begann
sie  (25sten  November)  bei  Aschaffenburg.  Er  nahm  diese
Stadt  nach  kurzem  Gefecht  gegen  den  Mainzer-Landsiurm,
  unter  Baron  Albini,  welcher  hier  die  Mainbrücke
  besetzt  hatte,  und  nach  Fulda  zurückgieng,  und
nicht  wieder  auf  den  Kriegsschauplatz  erschien.  Drei  französische
  Dioisionen  waren  gegen  Würzburg  und  Schweinfurt
  vorgerückt,  dem  General  Simbschen,  zwischen
dem  Main  und  der  Rednitz  entgegen.  Die  Einnahme
Schweinfurks  zu  beschleunigen,  setzte  Augereau  die  Divisionen
  Duhesme  und  Barbon  in  Bewegung;  eine
Vorhut  derselben  gieng  oberhalb  Würzburg  über  den
Main  bis  Geroldshofen  vor.  Simbschen,  der  Würz-11
        <pb n="172" />
        —  162  —

burg  verließ,  und  mit  12,  —  15,000  Mann  eine  Stellung
  bei  Burg-Ebrach  nahm,  ward  eine  Strecke  verfolgt;
  Würzburg  durch  die  Division  Dumonceau  eingeschlossen,
  die  Stadt  zur  Uebergabe  gezwungen,  die
Citadelle  blobirt.

Simbschen,  welcher  in  seiner  Stellung  Bamberg
deckte,  und  an  die  Eltmaner=  Brücke  mit  dem  rechten  Flügel
  lehnte,  glaubte,  als  ihn  Augereau  nur  mit  der
Vorhut  und  der  Divisson  Duhesme  (kten  December)
angriff,  die  ganze  franzdsische  Macht  vor  sich  zu  haben,
und  verließ  nach  kurzem  Widerstand  seinen  vortheilhaften
  Stand.  Er  gieng  Nachts  (vom  Sten  zum  ten  December)
  über  die  Aisch  und  Rednitz  in  die  Stellung  von
Heersbruck.  So  kam  er  dem  General  Klenau  näher,
der  noch  am  linken  Donau=  Ufer  zwischen  Amberg  und
Stadt  am  Hof  stand,  und  durch  das  Corps  des  Herzogs
  Wilhelm,  zwischen  Amberg  und  Schwarzenfeld,
unterstützt  ward.  Eine  Brigade,  unter  dem  baierischen
General  Graf  Nogarola,  hatte  der  Herzog  bis  Burglengenfeld
  und  Regensburg  vorgeschoben.

Nach  dem  Gefechte  bey  Burg-SEbrach  hatte
Augereau  sein  Heer  sogleich  an  die  Rednitz  geführt,  mit
dem  linken  Flügel  unter  Duhesme's  Befehl  Bamberg,
mit  dem  Centrum  Vorchheim  besetzt,  mit  dem  rechten  Fliügel
  gegen  Neustadt  die  Kintzinger-Brücke  und  die  Sperrung
  Würzburgs  gedeckt.  Seine  Streifrotten  schwärmten
  bis  vor  Nürnberg.  So  deckre  Augereau  zugleich
auch  Moreau's  linke  Seite,  der  nun  in  Baiern  ohne
Gefahr  seine  Macht  zusammen  ziehen  konnte.

Es  ist  aber  Zeit,  den  Blick  auf  die  Stellungen  und
Entwürfe  des  Erzherzogs  Johann  und  des  franzdsis
        <pb n="173" />
        —  163  —

schen  Oberbefehlshabers  More  au  zu  werfen;  denn  diese
beiden,  an  der  Spitze  der  Hauptmacht,  mußten  den
Ausgang  des  Feldzugs  entscheiden.

Moreau's  Heer  erschien  zwischen  der  Isar  und
dem  Inn  in  vier  großen  Massen  oder  Zügen,  links  gegen
  die  Donau,  rechts  gegen  das  Tirol  ausgestreckt.
Lecourbe  beobachtete  mit  dem  rechten  Flügel  die  Ausgänge
  Vorarlbergs  und  Tirols  von  Feldkirch  bis  auf
der  Rosenheimer  Straße  bei  Helfersdorf  in  Baiern,  wo
seine  Vorhut  stand.  Von  da,  über  die  Wasserburger-Straße
  bei  Ebersberg  hinaus,  dehnte  sich  Moreau.
Ihm  lehnte  sich  bei  Hohenlinden  General  Grenier  an,
auf  der  Mühldorfer  Straße,  welcher  das  Issener  Thal
beobachtete,  die  Straßen  von  Oerting  und  Eggenfelden
nach  Landshut  hütete,  und  eine  kleine  Vorhut  bei  Vilsbiburg
  hielt.  General  St.  Suzanne  auf  dem  linken
Flügel,  zwischen  der  Altmühl  und  Donau,  stellte  die  Division
  Souham  dem  General  Klenan  entgegen,  zwei
andere  Divisionen  gegen  Landshut  hin.

Erzherzog  Johann's  Stellung  hinter  dem  Inn,
auf  dem  rechten  Ufer  desselben,  welches  überall  das  linke
beherrscht,  kennen  wir  schon.  Sie  war  furchtbar;  links
die  Vestung  Kufstein,  rechts  die  Festung  Braunau  im
besten  Vertheidigungsstande.  Die  Brückenkopfe  von  Wasserburg,
  Kraiburg,  Mühldorf,  dann  das  zwischen  dem
Inn  und  der  Salza  liegende  Land,  von  Wäldern  und
Sümpfen  durchschnitten,  gestatteten  keine  Entwickelung
einer  schwächern  Macht  gegen  die  überlegene.  Wenn
der  Erzherzog  seine  Streitkräfte  hinterm  Inn  an  den
Schluchten  Tirols  plbtzlich  stärkte,  konnt'  er  den  rechten
Flügel  des  Feindes  in  Gefahr  setzen,  ohne  für  seine
übrige  Stellung  hinab  bis  Passau  viel  befärchten  zu

11“
        <pb n="174" />
        —  164  —

muͤssen.  Oder  es  stand  auch  bei  ihm,  nur  dann  erst
eine  Schlacht  anzunehmen,  wenn  er  der  Durchbrechung
der  franzoͤsischen  Stellungen  vollkommen  sicher  war.
Allein,  unzufrieden  mit  Vertheidigung,  schritt  er
zum  Angriff.  Er  faßte  den  kuͤhnen  Gedanken,  das  ganze
franzoͤsische  Heer  zwischen  Inn  und  Isar,  Donau  und
Alpen  so  einzuschließen,  daß  demselben,  durch  General
Klenau,  selbst  der  Ruͤckzug  uͤber  Muͤnchen  und  durch
General  Hiller,  von  Tirol  aus,  der  Ruͤckzug  nach
Augsburg  abgeschnitten  wuͤrde.  Dieß  auszufuͤhren,  sollte
der  rechte  Fluͤgel  des  oͤsterreichischen  Heers,  uͤber  Vilsbiburg
  nach  Landshut  gehend,  sich  dort  des  Uebergangs
der  Isar  bemaͤchtigen,  dann  schleunig  uͤber  Freising  gegen
Muͤnchen  ziehend,  die  Hoͤhen  von  Dachau  besetzen.  Von
der  andern  Seite  sollte  der  sehr  verstaͤrkte  linke  Fluͤgel
den  vorwaͤrts  Landshut  stehenden  Feind  aus  seiner  Stellung
  draͤngen,  und  das  linke  Isarufer  erreichen.  Dieser
Doppelzug  sollte  in  jedem  Fall,  und  selbst  auf  die  Gefahr
  hin  vollbracht  werden,  daß  die  franzdsische  Hauptmacht
  einen  Inn=  Uebergang  zwischen  Rosenheim  und
Mühldorf  drohen  konnte.  Denn  diesen  würde  sie  wohl
unterlassen  haben,  wenn  sie  sich  im  Rücken  genommen
sehe.  Um  aber  während  der  großen  Bewegung  auf  jeden
Fall  den  Inn  sicher  zu  stellen,  sollten  Prinz  Conde
und  das  würtembergische  Kontingent  den  Fluß  bei  Rosenheim
  vertheidigen:  sollte  das  baierische  Subsidien-Korps
den  Wasserburger-Brückenkopf  mit  0,  —  800  Mann,
den  Kraiburger  mit  400  besetzen,  Stellung  in  den  Verschanzungen
  bei  Mühldorf  nehmen,  hier  jeden  Uebergang
unmdglich  machen,  und  sich  durch  ausgesandte  Streifrorten
  links  gegen  Rosenheim,  rechts  gegen  Braunau  mit
den  übrigen  Heertheilen  in  Verbindung  halten.  Bei
        <pb n="175" />
        —  165  —

Haag  ward  der  dsterreichische  General  Löppers  mit
den  Vorwachten  aufgestellt,  durch  einige  Absendungen
von  Reiterei,  leichten  Fußvolk  und  zwei  Kanonen  des
baierischen  Corps  unterstützt.  Im  Fall  aber  der  Feind
dennoch  über  den  Inn  dränge,  bevor  der  dsterreichische
rechte  Flügel  noch  die  Höhen  von  Dachau  inne  hätte:
so  sollte  alles,  was  zwischen  Rosenheim  und  Mühldorf
aufgestellt  wäre,  über  Burghausen  und  Tittmoning  nach
Salzburg  zurück  ziehen.

Dieß  war  der  Plan.  Er  sollte  schon  den  28sten  November
  ausgeführt  seyn;  aber  das  bbseste  Wetter  und
schlechte  Wege  verzögerten  alles  so,  daß  sich  die  österreichische
  Hauptmacht  erst  am  50sten  bei  Mühldorf  und
Ampfing  versammelt  haben  konnte.

Moreau,  alles  dessen  unkundig,  doch  um  über  die
Absichten  seines  Gegners  Klarheit  zu  erhalten,  setzte  sich
am  28sten  November  überall  in  Bewegung.  Lecourbe
bemeisterte  sich  Rosenheims;  Decaen  schickte  Abtheilungen
  bis  Rott  am  Inn  (zwischen  Rosenheim  und  Wasserburg);
  Richepanse  griff,  nachdem  er  die  Vorpostenkette
  geworfen  hatte,  den  Brückenkopf  von  Wasserburg
  wiederholt,  wenn  schon  vergebens,  an.  Es  vertheidigten
  denselben  drei  baierische  Compagnien  unter
Oberstlieutenant  Siebein  kräftig.  —  Moreau,  welcher
  nur.  den  Zustand  der  Dinge  am  obern  Inn  hatte
erkunden,  und  seine  Mitte  mit  der  Reserve  verbinden
wollen,  ließ  es  dabei  bewenden.  Er  befahl  nun  (Zosten
November)  den  Generallieutenant  Grenier,  mit  zwei
Divisionen  Stellung  auf  den  Ampfinger  Höhen  zu  nehmen.

Grenier  wollte  seine  Abtheilungen  en  ECchellon  auf
der  Mühldorfer  Straße  aufstellen,  und  rechts  und  links
        <pb n="176" />
        —  166  —

dann,  zwischen  dem  Inn  und  der  Issen,  die  vortheilhaftesten
  Punkte,  Aschau,  Roͤmering,  Haun,  Kirchbrunn
und  Rattenkirchen  besetzen.  Die  erste  Division,  gleichsam
  als  rechter  Fluͤgel,  unter  Anfuͤhrung  Ney's,  verfolgte
  ihre  dem  Inn  naͤhere  Bewegung  laͤngs  der  Hochstraße
  ungestoͤhrt;  hingegen  die  andere  Division,  unter
  General  Legrand,  welche  sich  durch's  Issenthal
ziehen  sollte,  stieß  am  Eingang  desselben,  bei  Dorfen,
ganz  unerwartet  auf  die  Vorhut  des  großen  österreichischen
  Heers.

Denn  an  demselben  Tage  war  des  Mittags  Erzherzog
  Johann  mit  seiner  Hauptmacht  in  drei  Kolonnen
angekommen,  mit  der  mittlern  und  linken,  geführt  vom
Generallieutenant  Riesch  bei  Erharding  schon  über  die
Issen  gegangen,  und  hatte  die  rechte  am  andern  Ufer
des  Flüßchens,  unter  General  Baillet  gelassen.  General
  Kienmair  war  mit  20,000  Mann  über  Vilsbiburg
gegen  Dorfen  gekommen,  und  warf  nun  die  franzdsische
Vorhu  hier  gegen  Landshut.  Er  war  es,  der  eigentlich
Moreau's  linke  Seite  umgehen,  und  zu  welchem  General
  Klenau  stoßen  follte,  der  von  der  Donau  her
in  diesen  Augenblicken  ebenfalls  gegen  Landshut  rückte.

Folgendes  Tags  (sten  December)  entwickelte  der
Erzherzog  die  Massen  seines  Fußvolks  in  der  Ebene
von  Ampfing,  griff  Grenier's  ganze  Stellung  an,
warf  den  General  Rey  mit  Ungestümm  von  den  dortigen
  Höhen,  und  vereitelte,  indem  er  sich  im  Issenthal
immer  mehr  entfaltete,  und  die  Rattenkircherberge
besetzte,  Ney's  Versuche  zur  Wiedereroberung  der  verlornen
  Stellung.  In  nicht  geringere  Noth  gerieth  die
Division  Legrand,  welcher  Grenier  seine  ganze  Re-
        <pb n="177" />
        —  1607  —

serve,  das  heißt  elne  einzige  Brigade  Fußvolks,  zu  Hülfe
schickte.  Moreau  bemerkte  die  Uebermacht;  ließ  den
General  Grenier  zum  Rückzug  mahnen,  und  diesen
durch  die  Division  Grandjean  unterstützen.  Ney
und  Grandjean  zogen  sich  also,  nach  beträchtlichem
Verlust,  gegen  Haag,  Legrand,  nach  unglücklichen
Gefechten  bei  Taufkirch  und  Schwindek,  gegen  Dorfen.
Die  gegen  Landshut  zurückgeworfene  franzdsische  Vorhut
mußte  diese  Stadt,  nach  einem  scharfen  Gefecht,  dem
ösfterreichischen  General  Meczieri  räumen.

Hingegen  die  Vorhut  des  dsterreichischen  Heeres  besetzte
  noch  selbiges  Tages  die  Hhen  von  Ramsau;  Kienmair
  rückte  ins  Issenthal  vor;  das  baierische  Corps
mußte  noch  in  der  Nacht  zur  Mittelkolonne,  oder  der
eigentlichen  Reserve  des  Erzherzogs  stoßen,  die  bei  Haun
stand.  Alles  war  frohen  Muthes  im  kaiserlichen  Heer.
Man  glaubte  es  mit  der  gesammten  Macht  des  Feindes
  zu  thun  gehabt  zu  haben,  und  die  Vortheile  dieses
Tages  wären  dann  bedeutend  genug  gewesen.  Die
täuschende  Vorstellung,  Moreqgu's  ganzes  Heer  sey
geschlagen  worden,  wurde  dadurch,  daß  die  Franzosen
am  folgenden  Tag  pldtzlich  ihre  Stellung  bei  Haag  räumten,
  noch  mächtiger  und  allgemeiner.  Inzwischen  konnte
doch  Erzherzog  Johann  seine  glücklich  begonnene  Angriffsbewegung,
  am  zweiten  Decembertag,  nicht  so  rasch
fortsetzen.  Erst  Abends  6  Uhr  war  er  im  Staude,  die
drei  Hauptkolonnen  seiner  Armee  unter  den  Generalen
Riesch,  Baillet  und  Kienmair  nebt  der  Reserve
bei  Haag  zu  vereinigen.  Jede  der  Hauptkolonnen  bestand
  aus  vier  Regimentern  Fußvolks,  und  eben  so  viel
Regimentern  Reiterei;  die  Reserve,  zu  der  auch  das  balerische
  Corps  gehdrte,  bestand  aus  68  Bataillonen  Gre-
        <pb n="178" />
        —  168  —

nadiers,  einem  Regiment  Fußvolk  und  mehreren  Regimentern
  Reiterei.  Die  Heerhaufen  Klenau's  und
Mecziery's  waren,  wie  gesagt,  ebenfalls  angewiesen,
zu  den  Hauptunternehmungen  mitzuwirken.

Moreau  hatte  inzwischen  nur  die  alten  Stellungen
wieder  eingenommen,  die  er  ehmals  auf  der  Demarcations-Linie
  (nach  der  Hohenlindner  Uebereinkunft)  inne
gehabr  hatte.  Er  kannre  da  alle  Gegenden  äußerst  genau,
und  sie  schienen  ihm  zur  Annahme  einer  Hauptschlacht
die  beqguemsten.  Den  linken  Flügel  unter  Grenier,
ohngefähr  22,000  Mann  stark,  dehnte  er  links  bis  Harthoffen,
  rechts  lehnte  er  ihn  an  das  Dorf  Hohenlinden,
seitwiürts  durch  die  Besetzung  der  Issener  und  Lendorfer
Hügelschluchten  gedeckt;  —  die  Heermitte  unter  General
Grouchy,  10,000  Mann  stark,  hielt  links  an  Hohenlinden,
  und  breitete  sich  rechts  über  die  Hochstraße  längs
dem  Walde,  Angesichts  des  Posthauses,  aus;  —  hinter
  dem  Dorfe  Hohenlinden  hatte  Grenier  die  Reiterei-Reserve
  zu  seiner  Verfügung,  doch  war  davon  eine  Brigade
  noch  zur  Deckung  des  linken  Flügels  und  der  Verbindung
  mit  München,  die  Kien  mair  von  Dorfen
her  bedrohete,  nach  Erding  gesandt.  General  Richepause
  hatte  seine  Division,  rechts  von  Hohenlinden
nach  Ebersberg,  General  Decgen  die  seinige  nach
Zorneding,  also  anderthalb  Stunden  von  der  Heeres-Linie
  entfernt,  zurückgenommen.  Dieser  rückwärts  gebogene
  rechte  Flügel  Moreau's  bildete  eine  Masse  von
17,000  Mann.  Lecourbe,  noch  weiter  rechts,  stellte
den  größten  Theil  seiner  Truppen  bei  Flammering  an
der  Glon,  zwischen  der  Wasserburger=  und  Rosenheimer=Straße
  auf.  Dieß  war  Moreau's  Stellung.  Er  hatte
außerdem  deuszwei  Divissonen  St.  Suzanne's,  welche
        <pb n="179" />
        —  169  —

uͤber  die  Donau  gegangen  waren,  befohlen,  in  Eilzuͤgen
unfehlbar  am  Zten  Dezember  in  Freysing  einzutreffen,
um  den  General  Klenau  aufzuhalten,  welcher  schon
durch  Landshut  gegangen  war.

10.

Verfolg  der  Kriegsereignisse  bis  zum  Luͤneviller-Frieden.


Beim  heftigsten  Schneegestoͤber  des  dritten  Decembertags
  setzte  sich  die  ganze  oͤsterreichische  Heeresmacht,
in  drei  Hauptkolonnen  getheilt,  in  Bewegung;  die  Mittelkolonne,
  bei  ihr  auch  das  baierische  Corps,  auf  der
Straße  nach  Hohenlinden,  voran  die  Masse  des  Fußvolks,
das  schwere  Geschuͤtz  ohne  Zwischenraum  folgend,  die
Reiterei  hinten  nach;  die  linke  Kolonne  unter  Generallieutenant
  Riesch  auf  der  Wasserburger-Straße  über
Albaching  und  St.  Christoph;  die  rechte,  unter  General
Baillet  nach  Burgrain.  Kienmair  sollte  von
Dorfen  aus  in  die  Anzinger  Ebene  rücken,  wo  der  Erzherzog
  das  gesammte  Heer  versammeln  wollte.

Noch  immer  lebte  alles  in  der  Täuschung,  Moreau.
sex  im  vollen  Rückzuge,  und  werde  durch  die  gegenwärtige
  Bewegung  des  Erzherzogs,  und  durch  Klenauf's
Erscheinung  am  linken  Isar-Ufer  genbthigt  werden,
sich  wieder  bis  zum  Lech  zurück  zu  begeben.  Die  Brückenkbpffe
  von  Wasserburg  und  Kraiburg  am  Inn  und.
die  Schanzen  bei  Mühldorf  standen  mit  baierischen  Abthellungen
  besetzt,  also  sicher  genug.

Wege  und  Witterung  waren  schlimm.  Das  verzdgerte
  das  gleichmäßige  Vorrücken  der  beiden  Flägel-Ko-
        <pb n="180" />
        —  170  —

lonnen  im  Verhaͤltniß  zur  Mittelkolonne.  Diese  also
sorglos  weiter  voran,  an  ihrer  Spitze  zwei  baierische  Jaͤ-ger-Compagnien
  des  Majors  v.  Kesling,  stieß  des
Morgens  um  3  Uhr,  auf  die  französischen  Vorwachten
der  Division  Grandjean.  Man  warf  die  Vorwachten
schnell  zurück,  und  griff  darauf  das  anrückende  Corps
des  General  Grouchy  mit  größter  Lebhaftigkeit  an,
und  zwar  um  so  mehr,  weil  der  Erzherzog  es  nur  noch
mit  einer  Abtheilung  der  feindlichen  Nachhut  zu  thun
zu  haben  glaubte.  Der  Angriff  verursachte  indessen  doch
Stocken  des  ganzen  Zuges.  Die  Abtheilungen  dieser
Hauptkolonne  befanden  sich  jetzt,  in  dichte  Massen  gedrängt,
  ohne  sich  ferner  entwickeln  zu  konnen,  mit  ihrem
  schweren  Geschütz,  in  den  langen  Durchgängen  des
Hohenlindner  Waldes.  Weil  jedoch  Grouchy'’'s  Didvision
  so  großer  Macht  nicht  gewachsen  war,  und  wirklich
die  Spitze  der  österreichischen  Kolonne  sich  schon  vor
dem  Walde  auszubreiten  begann,  eilte  Grandjean  zur
Hülfe.  Der  vereinigte  Angriff  von  beiden  zwang  die
Oesterreicher  wieder  in  den  Wald  zurück.  Der  Erzherzog
  lies  eine  Grenadier-Brigade  und  drei  Bataillons
der  baierischen  Brigade  Deroy  zur  Unterstützung  der
Kolonnenspitze  vorrücken.  Aber  auch  die  entschlossenste
Tapferkeit  dieser  Truppen  machte  es  nicht  mdglich,  durchzubrechen,
  und  dem  Heerhaufen  einen  Raum  im  offenen
Felde  zu  gewinnen.

Wie  hier  die  Mittelkolonne,  ward  auch  die  des  rechten
  Flügels  auf  den  Anhöhen  von  Burgrain  durch  den
Angriff  des  Generals  Grenier  festgehalten.  Denn  dem
General  Moreau  lag  das  Höchste  daran,  die  Oesterreicher
  in  diesen  unbequemen  Stellungen  so  lange  zu
fesseln,  bis  die  Division  Richepanse  seinen  Auftrag
        <pb n="181" />
        —  171  —

vollzogen  haben  wuͤrde.  Er  hatte  naͤmlich  diese  Division
in  der  Stille  von  Ebersberg  nach  Mattenpoet,  in  den
Rücken  der  österreichischen  Mittelkolonne,  ausgeschickt.

Schon  um  7  Uhr  Morgens  war  Richepanse  mit
der  Hälfte  seiner  Division  über  St.  Christoph  hinaus,
als  auch  die  linke  Flügelkolonne  des  Erzherzogs  dort  eben
aus  dem  Albachinger  Thal  hervor  auf  die  Wasserburger
Straße  trat,  nun  den  hintern  Theil  der  Division  von
der  Seite  angriff,  und  sie  für  den  Augenblick  von  den
Vorangegangenen  abschnitt.  Richepanse,  im  Gefühl
der  Wichtigkeit  seines  Auftrags,  überlies  aber  die  angegriffenen
  Schlachthaufen  ihrem  Schicksal  und  der  Klugheit
  des  Generals  Drouet,  setzte  mit  den  ihm  gebllebenen
  6,000  Mann  im  stärksten  Schneegesibber,  den  Zug
fort;  verirrte  sich,  und  kam  endlich  doch  zu  Mattenpoet
an.  Hier,  etwas  unterhalb  und  vor  dem  Oorfe,  auf
den  Höhen,  in  Schußweite  und  gleichlaufender  Linie  mit
der  Hochstraße,  stellte  er  seine  Schaar;  eine  Halbbrigade
  rechts,  ein.  Chasseur-Regiment  und  sechs  Kanonen
in  die  Mitte,  eine  Halbbrigade  links  an  den  Wald.
Denn  er  sah  sich  gegenüber,  auf  der  andern  Seite  der
Straße,  sechs  Escadronen  baierische  Chevaurlegers,  die
deren  Oberst  Dorth  führte,  um  der  von  Daag  heranrückenden
  gesammten  dsterreichischen  Reiterei  den  Aufmarsch
  vorzubereiten.

General  Richepanse,  damit  er  nicht  zu  lange
durch  die  Baiern  verzdgert  werde,  ließ  sie  sogleich  mist
seinem  schweren  Geschütz  heftig  bestreichen.  Jene  aber
stürzten  unerwartet  in  wiederholten  Angriffen  gegen  ihn,
drangen  sogar  in  seine  Treffen,  und  entführten  ihm  zwei
Kanonen  und  eine  Haubitze;  wahrscheinlich  die  einzigen
Trophäen,  welche  in  dieser  Schlacht  vom  Heer  der  Deut-
        <pb n="182" />
        —  172  —

schen  erbeutet  wurden.  Ergrimmt  ließ  Richepanse
sein  Chasseur=  Regiment  gegen  die  Baiern  ansprengen,
um  sie  aus  ihrer  Stellung  zu  werfen.  Dieß  mißlang
aber  so  gänzlich,  daß  er,  nach  bedeutendem  Verlust,  da-Lon
  ablassen  mußte,  und  sich  nun,  ohne  weitern  Zeitverlust,
  links  in  die  Waldungen,  und  auf  die  darin  befindlichen
  eingeengten  Züge  der  Oesterreicher  warf.

Zu  spät  wurde  Erzherzog  Johann  auf  das  Kanonenfeuer
  bei  Mattenpoet  aufmerksam.  Er  ordnete  zwei
Bataillons  Baiern  unter  deren  Obersten,  Grafen  Reuß,
zu  einer  Seitenbewegung  gegen  St.  Christoph  ab.  Diese
aber  wurden  nach  heftigem  Widerstande  mit  großem  Verlust
  auf  die  Hochstraße  zurückgetrieben.  Und  nun  begann
Richepanse  mit  seinem  schweren  Geschütz  das  lebhafteste
  Feuer  gegen  die  österreichische  Kolonne,  die  in  ihren
  Bewegungen  durch  die  zahlreich  hinten  folgende  Artillerie
  gehemmt,  und  vorn  an  der  Spitze  durch  Grouchy
und  Grandjean  gedrängt  war.

Generallieutenant  Zweybrücken,  die  linke  Seite
seines  kleinen  Heerhaufens  zu  schützen,  schickte  das  Bataillon
  Preysing  in  den  Wald,  und,  um  sein  Geschütz
zu  retten,  den  General  Wrede  mit  zwei  Bataillonen
ab.  Richepanse  aber  stürmte  auf  dieß  Fußvolk  mit
seiner  ganzen  Masse  ein.  Die  Baiern  konnten  wegen
der  ungeheuren  Menge  von  Wagen  und  Kanonen  sich
weder  aufstellen,  noch  irgend  eine  zusammenhängende
Bewegung  machen.  Die  Verwirrung  der  hier  mit  Verzweiflung
  Fechtenden  ward  jeden  Augenblick  größer  und
allgemeiner,  und  lösete  sich  nun  um  so  mehr  endlich  in  die
regelloseste  Flucht  auf,  da  General  Ney  die  Spitze  der
ganzen  Kolonne  am  Eingang  des  Waldes  ebenfalls  zurück
  schob,  und  zum  Weichen  brachte.  Fußvolk  und
        <pb n="183" />
        —  173  —

Reiter  stärzten  durch  einander  rechts  in  die  Hohenlindner
  Waldungen,  und  liessen  dem  Feinde  87  Stück  bsterreichischen
  und  baierischen  Geschützes,  und  dessen  Reserve
zum  Raube.

Generale  und  Hauptleute  verschwendeten  umsonst
Drohen  und  Bitten,  ihre  Mannschaft  beisammen  zu  halten.
  Die  Zuversicht  derselben  war  gänzlich  gewichen.
In  der  Schlacht  entscheidet  die  Seelenstimmung  des
Kriegsvolks  dfter  noch,  als  Tapferkeit  und  Feldherrnkunst.
  Hier  wirkte  nicht  nur  die  unbehülfliche  Stellung
in  Waldwegen  und  des  Feindes  Muth,  sondern  auch  die
Enträuschung  und  Ueberzeugung,  daß  Moreau  nicht
auf  die  Flucht,  sondern  auf  die  Hauptschlacht  bedacht
gewesen  sep;  es  wirkte  das  Dunkel  des  Schneewetters
und  Waldes,  welches  die  Zahl  und  Ordnung  des  Feindes
  zu  verbergen  schien;  es  wirkte  der  Gedanke  auf  allen
  Seiten  überfallen  und  angegriffen  zu  werden.

Wir  wenden  den  Blick,  als  dem  Hauptzweck  dieser
Geschichte  gemäß,  auf  das  Schicksal  der  Baiern.  Sobald
  dem  General  Wrede,  beim  Anblick  der  allgemeinen
  Unordnung,  klar  ward,  hier  sepy  auf  dem  Schlachtfelde
  selbst  nichts  mehr  zu  gewinnen,  hatte  er  die  Geistesgegenwart,
  seine  Brigade,  die  schon  ungemein  gelitten
  hatte,  von  der  Hochstraße  wegzuziehen,  und  in  eine
seste  Schaar  zu  bilden.  Es  gelang,  doch  nicht  ohne
höchsten  Aufwand  der  Kraft,  und  nicht  ohne  Gefahr,
mitten  unter  den  Feinden.  Einen  franzdstschen  Soldaten,
  der  schon  auf  ihn  angelegt  hatte,  stach  er  mit  eigener
  Faust  nieder.  Er  machte  Halt,  sammelte  nach  und
nach  eine  Menge  versprengter  Reiter  und  Fußgänger,
auch  den  groößern  Theil  von  der  Grenadier-Oivision  der
Oesterreicher  zu  sich,  Und  gewann  auf  solche  Weise  einen
        <pb n="184" />
        —  14  —

kleinen  Heerhaufen  von  6,000  Mann.  Diesen  fuͤhrte  er
zuruͤck  nach  Dorfen  und  in  voller  Ordnung.  Wrede's
Erscheinen  daselbst,  man  hatte  dem  Erzherzoge  Johann
schon  seinen  Tod  als  gewiß  gemeldet,  erregte  diesem
Fuͤrsten  freudiges  Erstaunen.  Der  Erzherzog  selbst  hatte
sich,  waͤhrend  der  Schlacht,  den  groͤßten  Gefahren  unerschrocken
  ausgesetzt,  und  waͤre  beinahe  gefangen  worden.
Als  er  die  Mittelkolonne  seines  schoͤnen  Heers  vernichtet
sah,  es  mochte  Mittag  seyn,  hatte  er  den  Ruͤckzug  zum
Inn,  gegen  Muͤhldorf  befohlen.

Noch  schlugen  sich  fortwaͤhrend  die  Fluͤgelkolonnen
mit  größter  Hartnäckigkeit,  als  auch  ihnen  der  Befehl
zum  Rückzug  kam.  Sie  traten  ihn,  unverfolgt  vom
Feinde,  an.  Noch  am  nämlichen  Tage  eilte  alles,  was
von  der  Heermitte  übrig  geblieben  war,  und  ein  Theil
des  linken  Flügels  gegen  Krapburg  und  Mühldorf,  dann
später  dort  über  den  Inn.  Der  übrige  Theil  des  linken
  Flügels  unter  General  Riesch  gieng  über  Wasserburg.
  Ihn  hatte,  wie  wir  erzählt  haben,  zuerst  bei
St.  Christoph  der  General  Drouet  gehalten,  dem  nachher
  Decaen  mit  seiner  Division  zur  Unterstützung  gekommen
  war.  Der  rechte  Flügel  unter  Kienmair
und  Baillet  gieng  in  fester  Ordnung  bei  Mühldorf
und  Oetting  über  den  Inn.  Der  baierische  General
Zweybrücken  sammelte,  mit  Ausnahme  der  Brigade
Wrede,  die  Ueberbleibsel  seines  Corps,  das  unter  allen
Abtheilungen  des  gesammten  Heers  gewiß  am  stärksten
gelittren  hatte,  zuerst  bei  Ramsau,  dann,  in  der  Nacht
bei  Mühldorf,  wohin  auch  Wrede  gieng.

So  endete  die  Schlacht  bey  Hohenlinden,  für  Oesterreich
  mit  einem  Verlust  von  170  Offzieren  und
11,000  Mann,  nebst  37  Stück  Geschützes.  Das  baie-
        <pb n="185" />
        —  175  —

rische  Corps,  welches  die  Hauptangriffe  der  Franzosen
empfangen  hatte,  verlor  fast  den  groͤßten  Theil  seiner
Artillerie,  und  gegen  5,000  Mann  an  Todten,  Verwundeten
  und  Gefangenen,  unter  den  Gefangenen  auch
den  verwundeten  General  Deroy  mit  33  Offizieren.
Doch  selbst  nach  dem  Geständniß  des  Feindes  und  im
Lobe  des  dsterreichischen  Oberfeldherrn,  rettete  es  das
Edelste:  den  Ruhm  seiner  Tapferkeit.  )  Die  Franzosen
  zählten  ihrer  Todten  und  Verwundeten  nur  2500
Mann.

Moreau  säumte  nicht  den  Sieg  zu  verfolgen,  und
rückte  zum  Inn,  dessen  linkes  Ufer  von  den  Oesterreichern
  verlassen  war.  Diese  beschränkten  sich  auf  Vertheidigung
  der  Brückenkdpfe  und  der  Schanzen  des  rechten
  Ufers  und  hatten  ihre  Reserve  und  Reiterei  zwischen
der  Alza  und  Salza,  bis  Hohenwart  unterhalb  Burghausen,
  zurückgezogen.  Dem  Erzherzoge  ward  somit  am
Inn,  dann  hinter  diesem  an  der  Alza,  und  wieder  hinter
  dieser,  an  der  Salza,  eine  dreifache  Vertheidigungs-)General

  LZwepbrücken  ehrte  in  dem  officiellen  Berichte
  über  diese  Schlacht  pflichtmäßig  das  vorzügliche  Betragen
  der  Generale  Deroy  und  Wrede,  des  Obersten
Grasen  Reuß,  sämmtlicher  Offiziere  der  reitenden  Artillerie,
  an  ihrer  Spitze  den  Hauptmann  von  Schweinichen,
  von  dem  Chevaurlegers-Regimente  die  Rittmeister
Laroche,  Bourgscheidt  und  Graf  Seissel,  die
Lieutenants  Biarowskvy,  Hugenpoet,  Zandt,  Bie
ber,  Gattung,  Eisenberg  und  Gervinus,  den
Oberfeuerwerker  Halter,  den  Kanonier  Friedrich,
die  Chevaurlegers  Wachtmeister  Seiffert  und  Molsberger,
  den  Korvoral  Vollkomm,  die  Gemeinen  Jane#
[en,  Königs,  Weck,  Fleischmann  und  Eberts  an.
        <pb n="186" />
        —  170  —

Linie.  Er  stellte  die  Division  Baillet  zwischen  Wasserburg
  und  Altenmarkt,  bei  Obing  an  der  großen  Straße
von  Salzburg;  die  Division  Riesch  auf  die  von  Rosenheim
  nach  Altenmarkt  führende  Straße  bei  Hartmannshof
  und  Stephanskirchen;  die  Divisson  Kienmair
nebst  dem  balerischen  Bataillon  Spretti  in  die  Mühldorfer-Verschanzungen.
  General  Meczierp  hingegen
war  durch  die  Bewegung  der  Franzosen  unter  General
Legrand,  über  Neumarkt  und  Eggenfelden,  auf  der
Straße  nach  Passau,  bis  Prombach  verschlagen  worden.
Dem  baierischen  Corps  hatte  man,  um  sich  erholen  zu
konnen,  in  den  Umgegenden  von  Straßwalchen  und
Neumarkt,  im  Salzburgischen,  Ruhedrter  angewiesen.
Dieß  war  die  Stellung  des  Erzherzogs,  zwei  Tage
nach  der  Schlacht,  als  Moreau  vor  dem  Inn  erschien.
Er  hatte  nur  die  Reserve-Reiterei  mit  General  Hautpoult
  bei  Hohenlinden  gelassen.  Auf  dem  linken  Flägel
  hatten  sich  die  Abtheilungen  des  Generals  Collaud,
nachdem  Klenau  durch  sie  von  Frepsing  zurückgedrängt
worden  war,  über  Erding  wieder  mit  Legrand  und
Ney  in  Verbindung  gesetzt,  die,  über  die  Issen  gegangen,
  Stellung  zwischen  Liebbruck  und  Steig  genommen
hatten,  mit  einem  Rückhalt  (Division  Bonnet)  auf  den
Schwindecker  Höhen.  Richepanse  stand  vor  Romering
und  mit  der  Vorhut  in  Ampfing.  Grouchy  beobachtete
  auf  der  Haager-Straße  den  Punct  Krayburg.  Decaen
  blokirte  den  Brückenkopf  von  Wasserburg.  Lecourbe,
  ganz  am  rechten  Flügel,  hielt  Rosenheim  besetzt,
  und  dehnte  sich  bis  zwei  Stunden  von  Kufstein  aus.
Es  siel  in  die  Augen,  daß  da,  wo  Lecourbe  stand,
die  Strellung  der  Oesterreicher  am  ersten  durch  einen  Uebergang
  über  den  Inn  gefährdet  werden  konnte.  Hie-
        <pb n="187" />
        —  17  —

her  mußte  der  Erzherzog  seine  ganze  Kraft  ziehen,  wie
drohend  auch  die  Vorrichtungen  zu  einem  Uebergang  und
Angriff  bei  Krapburg  und  Mühldorf  von  Moreau  vorgespiegelt
  wurden.  In  der  That  ließ  sich  der  Erzherzog
nicht  irren.  Aber  ehe  er  noch  seine  Gegenbewegungen
vollenden  konnte,  stand  schon  der  weitaus  grdßte  Theil
der  franzdsischen  Kriegsmacht  in  der  Nähe  von  Rosenheim
  (Zten  December),  wo  freilich  die  Innbrücke  von
den  Oesterreichern  abgebrannt  war.  Ueberall  hatten  aber
die  französischen  Divisionen  auf  den  alten  Standorten
zur  Täuschung  kleine  Abtheilungen  zurückgelassen,  und
Grenier,  vor  Mühldorf  zurückgeblieben,  hatte  sogar
seinen  linken  Flügel  über  die  Issen  gegen  Braunau  und
Schärding  hingedehnt,  dort  die  feindliche  Uebermacht
zu  beschäftigen  oder  zu  beobachten.

Aber  plotzlich  in  der  Nacht  vom  Ztken  zum  #ten  December
  führte  Moreau  seine  Hauptmacht  von  Rosenheim
  aufwärts  am  Inn,  sammelte  sich  bei  Neubeurn,
wo  Lecourbe  Morgens  0  Uhr  auf  Schiffbrücken  über
den  Inn  gieng,  und  die  schwachen  Posten  der  Oesterreicher
  gegen  Stephanskirchen  zurückdrängte.  Nun  folgten
die  Heerhaufen  Grouchy's  und  Decgen's.  Richepanse
  blieb  vor  Rosenheim.

Das  Corps  des  Prinzen  Condé,  drei  Regimenter
  Oesterreicher,  die  Würtemberger,  sammelten  sich,
12,000  Mann  stark,  schnell  auf  den  Höhen  bei  Stephanskirchen
  und  Gdckering,  links  an  den  Simmsee,
rechts  an  die  Rosenheimer  Höhe  gelehnt.  Ihnen  war
die  Vertheidigung  des  Inns  von  Kufstein  bis  Wasserburg
  anvertraut.  Lecourbe  wollte  sie  dort  am  folgenden
  Morgen  angreifen  lassen.  Aber  schon  in  der  Nacht
zuvor  hatten  sie  ihre  Strellung,  mit  der  sie  die  Straße

12
        <pb n="188" />
        —  178  —

von  Rosenheim  nach  Salzburg  deckten,  verlassen,  und
sich  nach  Endorf  zurückbegeben.  Hier  stießen  die  ersten
Truppen-Abtheilungen  zu  ihnen,  welche  der  Erzherzog
vom  weit  entfernten  rechten  Flügel  seines  Heers,  der
am  wenigsten  gelitten  hatte,  zur  Verstärkung  des  Linken
  gerufen  hatte.  Jene  kamen  nun  zu  spät.  Der
Uebergang  war  vollbracht.  Die  Oesterrelcher  zogen  ssch
gegen  Altenmarkt  an  die  Alza;  dahin  zur  Alza  auch  die
übrigen  Heerhaufen  des  Erzherzogs,  vom  rechten  Inn-Ufer
  zurück.  Auf  allen  Punkten  folgten  die  Franzosen.
Am  sc#ten  December  stand  Moreau's  gesammtes  Heer
auf  der  rechten  Seite  des  Inn.

Dem  Erzherzoge  blieb  jetzt  nur  eine  Stellung  an
der  Salza,  von  Braunau  bis  Salzburg.  Wären  die
Zwischenpuncte  Burghausen,  Tittmaning  und  Laufen  zur
Vertheidigung  hinlänglich  befestigt  gewesen,  würde  die
Stellung  Stärke  genug  gehabt  haben.  Allein  theils  war
dies  nicht  der  Fall,  theils  lies  Moreau  keine  Zeit,  sich
dort  aller  Vortheile  zu  bemächtigen.  Schon  war  Lecourbe,
  in  immerwährendem  Gefechte  mit  der  Nachhur
  seines  Feindes,  diesem  bis  Seebruck,  bis  Traunstein
  gefolgt;  war  vor  dem  Dorfe  Salzburghofen  auf
15,000  Mann,  meistens  dsterreichischer  Reiteèrel  gestoßen
(lcten  December),  und  hatte  sie  aus  ihrer  trefflichen
Stellung,  zwischen  dem  Salza-Ufer,  und  dem  Gehdlz
längs  demselben,  verdrängt,  indem  er  gegen  Felodkirch
und  auf  der  Straße  nach  Laufen  mit  seinen  beiden  Flügel-Divisionen
  eine  heftige  Bewegung  machte,  und  600
Oesterreicher  und  5  Kanonen  nahm.  Moreau  selbst
gieng  ungeachter  des  verzweifelsten  Widerstandes,  den
er  erfuhr,  mir  den  Oivisionen  Decaen  und  Richepanse
  (Iöten  und  14ten)  zwischen  Laufen  und  Salz-
        <pb n="189" />
        —  179  —

burg,  eben  so  Grouchy  und  Grenier  zu  Laufen,
selbst  uͤber  die  Salza.

Erzherzog  Johann  stand  an  eben  diesem  Tage  (14ten
December),  mit  10,000  Mann  vom  Kern  seines  Heeres,
bey  Salzburg,  vortheilhaft  aufgestellt.  Lecourbe,
durch  einen  starken  Nebel  uͤber  Zahl,  Stand  und  Bewegung
  der  Oesterreicher,  die  er  im  Ruͤckzuge  begriffen  waͤhnte,
getaͤuscht,  entfaltete  sich  auf  der  Ebene  vor  dem  Dorfe
Waal.  Aber  mit  großem  Verlust  mußte  er,  nach  langem
  Widerstande,  zuruͤck  uͤber  die  Saala  weichen.  Doch
Erzherzog  Johann  konnte  seine  hier  errungenen  Vortheile
nicht  benutzen,  weil  sich  Moreau's  rechter  Flügel,  von
Laufen  her,  ebenfalls  schon  nach  Salzburg  vorstreckte.
Also  setzte  er  in  folgender  Nacht  seinen  Rückzug  gegen
den  Traunfluß  fort,  und  die  Franzosen  rückten  (15ten
December)  in  Salzburg  ein.

Moreau,  unbekümmert  um  das,  was  auf  seinen
Flügeln,  oder  was  hinter  ihm  vorgieng,  verfolgte  festen
Schrittes  den  Rückzug  der  österreichischen  Hauptmacht
gegen  Linz.  Ihre  Nachhut  ward  vom  General  Richepanse
  bei  Inndorf  ereilt  und  (10ten  December)  mit
Verlust  von  1,000  Gefangenen  zurückgeworfen.  Während
  Lecourbe  fort  und  fort  längs  dem  Gebirge  den
linken  Flügel  der  Oesterreicher  ängstigte,  bedrohte  Gres
nier,  der  Braunau  hatte  einschließen  lassen,  auf  der
Welser=  Straße  zur  Traun  ziehend,  den  rechten  Flügel.
Fast  jeder  Tag  hatte  sein  blutiges  Gefecht,  wie  bei
Frankenmarkt  (17ten  December),  Vdklabruck  (181en  December)
  Schwanstadr  und  Lambach.  Nach  dem  Gefechte
bei  letztgenannter  Sradt  giengen  (20sten  December)  die
Desterreicher  über  den  Traun-Fluß.  Aber  auch  die

12  *
        <pb n="190" />
        —  180  —

Franzosen  schritten  bei  Lambach  am  nämlichen  Tag
hinüber.

Das  baierische  Korps  war  aus  dem  Salzburgischen
den  rückgängigen  Bewegungen  des  kaiserlichen  Heers
über  Voklabruck,  Wels  und  Ottesheim  gefolgt.  General
  Zweybrücken  mußte  darauf  das  linke  Donau-Ufer
  bei  Linz,  von  Landöhaag  bis  Gallnenkirchen,  besetzen.
  Er  legte  zwei  Bataillone  und  eine  Escadron  in
die  Vorstadt  von  Linz,  und  zog  von  hier  eine  Postenkette,
links  bis  Karlsdorf,  rechts  bis  Feldkirchen.  Hier  aber
war's  auch,  wo  die  schon  früher  angesponnenen  Unterhandlungen
  wegen  der  Rückkehr  dieses  Corps  nach  Baiern,
  und  seiner  Vereinigung  mir  den  Truppen  des  Herzogs
  Wilhelm  bei  Amberg,  zum  ziel  gelangten.  Kurs
fürst  Marimilian  Joseph  wünschte  die  Rückkehr,  theils
um  diesen  fast  aufgeriebenen  Heerhaufen  wieder  vollzählig
  zu  machen,  theils  um  auf  jeden  Fall  in  einer  so  verhängnißvollen
  Zeit  Mittel  zu  gewinnen,  für  die  Selbstsiändigkeit
  und  das  Interesse  Baierns  mit  Nachdruck  zu
handeln,  wenn  es  der  Augenblick  gebdte.  —  Als  nun  eben
jetzt  Erzherzog  Karl  ankam,  und  den  Oberbefehl  des  oͤsterreichischen
  Heeres  übernahm,  gestattete  er  die  Heimkehr
der  Baiern.  Karl  war,  nach  Verlust  der  Traun-Linie
überzeugt,  daß  nichts,  als  schleuniger  Friede,  die  Hauptstadt
  des  dsterreichischen  Kaiserstaates  vor  feindlicher  Einnahme
  bewahren  konne,  und  hatte  zu  Steyer  .  25en
December)  einen  Waffenstillstand  mit  Moreau  geschlossen.
  Am  30sten  December  brach  General  Zwepbruichken
  also  auf,  und  kam  15ten  Jännere  1801  mir  seinen
  Baiern  über  Passau  nach  Cham.  Diese  Tapfern,
jetzt  auf  eine  geringe  Zahl  zusammengeschmolzen,  verdienten
  nun  wohl  noch  in  vollerm  Maße  das  Lob,  wel-
        <pb n="191" />
        —  181  —

ches  ihnen  vor  einem  halben  Jahre  der  bevollmaͤchtigte
brittische  Minister  Wikham  ertheilt  hatte.  *)

 

*)  Folgendes  ist  die  Uebersetzung  der  französischen  Note,  worinn
  der  englisch=  bevollmächtigte  Herr  Minister  Wickham
  am  20sten  Juli  1800  dem  churpfalzbaierischen  Subsidien-Corps
  die  höchste  Zufriedenheit  Gr.  königlich=  große
brittanischen  Majestät  über  das  Verhalten  des  Corps  in
den  vorgefallenen  Gefechten  seit  Eröffnung  des  Feldzuges
  bekannt  machte.

„Der  königlich=  großbrittanische  bevollmächtigte  Minister,
und  Kommissär  bei  der  kauiserlich=  königlichen,  und  alliire
ten  Armee  in  Deutschland,  hat  von  Sr.  königlichen  Majes
siät  seinem  gnädigsten  Herrn  den  Auftrag  erhalten,  dem
churpfalzbaierischen  Subsidienkorps  höchst  Sr.  Majestät
Knädige  Zufriedenheit  über  die  bezeigte  Tapferkeit  und
gute  Disciplin  zu  erkennen  zu  geben,  durch  welche  sich
das  Korps  in  den  verschiedenen  Gefechten,  welchen  es
seit  der  Eröffnung  des  Feldzuges  beiwohnte,  ausgezeichnet
hat;  vorzüglich  die  Generalmajor  Freyherr  von  Wredesche
  Brigade  bei  Möskirch  und  Memmingen,  und  das
ganze  Corps  bei  Neuburg;  auch  ist  der  unterzeichnete  beauftragt,
  dem  Herrn  Generallieutenant  Freyherrn  von
ZSwepybrücken,  den  Herrn  Generalmajors  von  Derop,
  Freyherrn  von  Wrede  und  von  Triva,  dem  oOffizier-Corps,
  und  sämmtlichen  Gemeinen,  nicht  minder
dem  Herrn  Obersten  von  Prohaska,  und  den  ubrigen
  bei  dem  Subsidien-Corps  zugetheilten  Herrn  Öffie
ziers  vom  kaiserlich=  königlichen  General-Quartiermeisterstab
  den  Dank  Sr.  königlich  großbrittanischen  Majestät
für  ihr  bei  den  verschiedenen  Gelegenheiten  bewiesenes
Wohlverhalten  zu  bezeigen.,

Gr.  königlich  großbrittanische  Majestät  bewunderten  vore
züglich  die  Geduld  und  Standhaftigkeit,  mit  welcher  die
Unteroffiziers  und  Gemeine  nach  dem  Bepyspiele  ihrer  Herrn
        <pb n="192" />
        —  182  —

Der  Waffenstillstand  zu  Steyer  war  für  Oesterreich
um  so  dringender  geworden,  als  das  franzdsische  Kriegsheer,
  auch  schon  über  die  Eus,  Ipp  und  Erlaph  gegangen,
  sich  gegen  Wien  bewegte.  Moreau  war  eben
im  Begriff,  sein  Hauptgelager  von  Kremsmünster  nach
Steper  zu  verlegen,  als  Erzherzog  Karl  die  Waffenstillstands=
  Vorschlüäge  machte.  Am  Frieden  war  selbst  nicht
länger  mehr  zu  zweifeln.  Denn  durch  den  Waffenstillstand
  erhielt  Moreau,  daß  ihm  die  Festungen  Scharnitz,
  Kufstein  und  Braunau  übergeben  wurden;  daß
Tirol  von  den  Oesterreichern  geräumt  werden  mußte;
daß  die  franzsischen  Vorwachten  nur  noch  zwei  Tagmärsche
  von  Wien  entfernt  standen;  daß  der  rechte  Flügel
  die  Straße  nach  Steyermarkt  und  Kärnthen  im  Besitz
  behielt,  und  folglich  jeden  Augenblick  seine  Vereinizung
  mit  dem  franzdsischen  Heere  in  Italien  vollender
konnte.

 

Offiziers  die  Strapaßen  und  den  Mangel,  eine  unvermeidliche
  Folge  der  Kriegs-Vorfälle,  ertragen  haben.

Se.  königlich=  großbrittanische  Majestät  haben  weiters.
zu  befehlen  geruhet,  gesammtem  Subsidien-Korps  die  gewissesten,
  und  feierlichsten  Versicherungen,  welche  Sschon
Er.Nchurfürstlichen  Durchlaucht  gemacht  worden  sind,  hier
zu  wiederholen,  daß,  so  lange  solches  Sr.  königlichen  Majestät
  zur  Disposstion  verbleibet,  es  nicht  anders,  als  mit
der  kalserlich=  königlichen,  und  Reichs-Armce,  zur  Vertheidigung
  Deutschlands,  dessen  Erhaltung  im  unzertheilten
  Justande  Gr.  königlichen  Majestät  am  meisten  am
Herzen  liegt,  gebraucht  werden  solle.

Im  kaiserlich  königlichen  Hauptquartier  in  Altdttingen,

den  26ten  Juli  1800.
Wm.  Wickham.
        <pb n="193" />
        Roch  aber  muͤssen  wir  auf  die  Schicksale  von  zwei
andern  kleinen  Heeren,  die  fuͤr  sich  vereinzelt  handelten,
zurückblicken,  während  Moreau  seinen  Siegesgang  längs
der  Donau  gegen  Wien  gieug,  nämlich  auf  Augereau's

Heer  an  der  Rednitz,  und  Macdonald's  Zug  durch
Graubündten.

Es  war  für  Moreau's  freieres  Spiel  allerdings
von  großer  Wichtigkeit,  daß  Augereau,  der  nach  dem
Gefechte  bei  Burg  Eberach,  und  nachdem  er  die  BVeste
Marienberg  eingeschlossen  hatte,  nicht  mehr  als  10,000
Mann  hatte,  die  Generale  Klenau  und  Simbschen
am  linken  Donaus  Ufer  fest  hielt,  deren  jeder  wenigstens
eben  so  stark  war,  als  er  allein.  Seine  Absicht  zu  erreichen,
  war  Augereau  ans  rechte  Rednitz=  Ufer  gegangen,
  und  hatte  sich  da  zwischen  Forchheim  und  Nürnberg
  zusammengezogen,

Klenau  und  Simbscher  beschlossen  ihn  zu  schlagen;
  jener,  von  Regensburg  aus  mit  10,000  Mann,
Augereaues  rechten  Flügel,  dieser  mit  12,000  Mann,
von  den  Ufern  der  Pegnitz  her,  den  linken  Flügel  anzup
  fallen.  Herzog  Wilhelm  bei  Amberg  bewies  sich  willig,
das  Unternehmen,  als  Reserve,  je  nach  Beschaffenheit
der  Umstände  zu  unterstützen.  Sobald  aber  der  franzdsische
  Feldherr  von  diesen  Entwürfen  theilweise  Andentungen
  empfieng,  verwandelte  er  die  Belagerung  der  Feste
Marienberg  in  bloße  Sperrung,  nahm  von  den  dortigen
  5,000  Mann,  soviel  er  konnte,  zur  Verstärkung  seiner
  Schlachtlinie,  stellte  seinen  rechten  Flügel  unter  General
  Barbou  bei  NRürnberg,  seinen  linken  unter  General
  Duhesme  zwischen  Forchheim  und  Gräfenberg
auf,  und  erwartete  seine  Gegner.  Sie  kamen  und  grif-
        <pb n="194" />
        —  184  —

fen  mit  Nachdruck  an  (18ten  December);  doch  gewannen
sie  nicht  mehr,  als  daß  sie  ihn  zwangen,  in  seine  fruͤhere
Stellung  an's  linke  Ufer  der  Rednitz  zuruͤckzukehren,
Barbou  hinter  Nuͤrnberg,  Duhesme  nach  Neukirchen,
  Hauptgelager  und  Reserve  nach  Herzogenaurach.
Ein  zweiter  mit  Gluͤck  gekroͤnter  Angriff  Simbschen's
in  drei  Kolonnen  bei  Neukirchen  (21sten  December)  bewirkte,
  daß  sich  Augereau  bis  Baiersdorf  und  Forchheim
  zuruͤckzog,  und  Barbou  nach  gaͤnzlicher  Raͤumung
  Nuͤrnbergs,  Stellung  bei  Jach  nahm.  Mehr  aber
konnte  nicht  bewirkt  werden.  Denn  die  Ereignisse  bei
Hohenlinden  und  am  Inn,  und  St.  Suzanne's  gegen
Regensburg  und  Passau  zuruͤckgelassene  Division  riefen
bald  darauf  den  General  Klen  au  an  die  Donau,  den
General  Simbschen  an  die  Pegnitz  zurück,  und  Augereau
  nahm  von  neuem  die  Stellung  am  rechten  Ufer
der  Rednitz  und  in  Nürnberg,  bis  zum  Waffenstillstands-Vertrag
  ven  Steyer.  Dann  dehnte  er  sein  Winterlager
von  Nürnberg  aus  über  Bamberg,  Lichtenfels,  längs
der  preussischen  und  sächsischen  Neutralitätslinie.
Schwieriger  noch,  als  Augereau's  Aufgabe,  war
die  des  General  Macdonald.  Er  sollte  mitten  im
Winter  durch  Graubündten  mit  15,000  Mann  die  hochsten
  Alpen  übersteigen,  Tirol  bedrängen,  und  im  Nothfall
  zur  Unterstützung  des  franzbsischen  Heers  in  Italien
nahe  seyn.  Anfangs  längs  dem  Rhein  von  Chur  bis
Rheineck  aufgestelle  (18ten  November)  drohte  er  bald
über  Feldkirch  gegen  Vorarlberg,  bald  über  Davos  gegen
  Engadin;  dann  wandte  er  sich  rasch  aufwärts  über
Thusis,  das  Schamser-Thal  und  den  Rheinwald  zum
wilden  Splügenberg.  Er  überstieg  ihn  (iten  bis  Sten
December)  durch  tiefen  Schnee  in  rauher  Witterung,
        <pb n="195" />
        Am  öten  December  stand  er  mit  seigem  ganzen  Heere
jenseits  bey  Chiavenna.  Baraguay  d'’HHillers  zog
voran  ins  offene  Veltlin,  während  General  Morlot
schon  in's  Ober-Engadin  niedergestiegen  war.  Zwar
acht  Compagnien  des  Letztern,  die  bis  Scamfs  und
Zutz  vergesandt  waren,  wurden  durch  nächtlichen  Uebere
fall  von  der  Vorhut  des  General  Auffenberg,  die
General  Bachmann  befehligte,  gefangen  genommen.
Aber  alles  ersetzte  Macdonald's  Vorrücken  in  VWeltr
lin  und  seitwärts  nach  Italien  in's  Val  Camonica.
Denn  Brune,  der  franzbsische  Oberbefehlshaber
in  Italien,  der  mit  60,000  Mann  zwischen  dem  P
und  den  Thälern  des  Brescianischen  Hochgebirgs  dem
kaiserlichen  Feldheren  Bellegarde  gegenüber  stand,
sobald  er  die  Ankunft  von  Macdonald's  Schlachthaufen
  im  Val  Camonica  vernahm,  trug  sogleich  seinen
linken  Flügel  kühner  vom  Idro-See  und  dem  Bergstrom
Caffaro  zum  Mincio  vor.  Um  jedoch  Brune's  Bewer
gungen  noch  krästiger  zu  befdrdern,  und  des  obern  Camonicathals
  Meister  zu  werden,  sandte  Macdonald
den  General  Vaux  hinauf  in  das  grause  Gebirgslabyrinth
  von  Bormio,  zwischen  Veltlin,  Tirol  und  den
venedischen  Alpenthälern.  Dort,  wo  durch  den  südwestlichen
  Arm  des  Furba-Thals  ein  Weg  über  den  Tonalberg
  in's  Pal=  Camonica  führt,  standen  5,000  Oesterreicher
  am  Tonal  verschanzt.  Umsonst  füürmte  General
Vaux  im  nächtlichen  Ueberfall  (vom  22sten  zum  2östen
December)  diese  Schanzen;  umsonst  sie,  acht  Tage  später,
  General  Bandamme.  Die  Oesterreicher  verliessen
die  starke  Stellung  nicht  eher  (Anfang  Jänners  1801),
bis  die  Wirkungen  von  Moreau's  Fortschritten  in  Ober-Hesterreich
  auch  hier  empfunden  wurden,  bis  Bara-
        <pb n="196" />
        —  186  —

guay  d'Hillers  im  Engadin  die  Schanzen  bei  zZernetz
  erstürmt,  den  General  Auffenberg  dort  über
Martinsbruck  hinaus  verfolgt  hatte,  und  nach  Glurenz
in's  Etschthal  gedrungen  war.

So  lange  Brune  in  Italien  nicht  seine  linke  Seite
vom  Gebirge  her  sicher  wußte,  konnte  er  nicht  thätiger
werden.  Darum  begann  er  seine  Unternehmungen  erst
spät,  in  der  Mitte  Decembers.  Denn  auch  sein  rechter
  Flügel  war  nur  schwach  durch  eine  seitwärts  in  Toscana
  stehende  Division  gedeckr,  wo  die  neapolitanischen
Truppen  schon  bis  Sienna  gekommen  waren,  und  der  Volksaufstand
  gegen  die  Franzosen  immer  allgemelner  ward.
Vor  ihm  stand,  am  Mincio,  der  dsterreichische  Oberbefehlshaber
  Bellegarde,  zwischen  dem  Gardasee  und
95,  an  Streitkräften  nicht  schwächer,  als  er,  in  seiner
Linie  durch  drei  Festungen  und  eine  furchtbare  Menge
Geschützes  vertheidigt.  Mit  20,000  Mann  stand  General
  Hohenzollern  am  jtechten  Mincio-Ufer,  zwischen
  Desenzano  und  Borgoforte,  und  die  mantuanische
Besatzung  drohte  dazu  noch,  über  den  Pô  her.

Als  nun  Bellegarde  (I17ten  December)  durch
allgemeine  Recognoscirung  der  franzdsischen  Stellungen
und  durch  eine  Scheinbewegung  gegen  Lonato  angriffsweise
  verfahren  zu  wollen  schien,  zauderte  Brune  nicht
länger,  seinem  Feinde  zuvorzukommen.

Er  selbst  griff  (Zusten  December)  auf  der  ganzen
Linie  an;  drängte  die  Oesterreicher  am  Garda=  See  bis
unter  die  Kanonen  der  Festung  Peschiera,  und  zwang  sie.
sich  auf  die  Höhen  von  Monzambane  zurückzuziehen,
während  General  Delmas  mit  der  Vorhut  die  Stellungen
  bei  Ponti  einnahm.  Doch  bis  Monzambano  selbst
        <pb n="197" />
        —  187  —

mit  dem  linken  Fluͤgel  seines  Heers  vorzudringen,  war
für  Brune  so  lange  unmoͤglich,  als  General  Hohenzollern
  bei  Cavriano  und  Castellano  festhielt.  Als
dieser  aber  vorn  und  auf  der  rechten  Seite  durch  General
  Moncey  angegriffen,  und  mit  einigem  Verlust
nach  Borghetto  zurückgedrängt  war,  besetzten  die  Franzosen
  auch  Monzambano.  Ecben  so  glücklich  waren
diese  auf  der  Mitte  und  am  rechten  Flügel  ihrer  Schlacht-Linie.
  Denn  dort  bemelsterte  sich  Süchet,  an  der
Spitze  von  13,000  Mann,  der  Stellung  bei  Volta,
die  von  den  Oesterreichern  nicht  sehr  nachdrücklich  geschirmt
  ward,  und  am  rechten  Flügel  warf  General
Dupont,  nach  heftigem  Kampfe,  den  österreichischen
General  Aspre  aus  Goito  zurück.

Dieß  gethan,  beschloß  Brune  über  den  Mincio
zu  gehen.  Der  Hauptübergang  sollte  bei  Monzambano
gemacht,  hingegen  bei  Molino  della  Volta,  gegen  Pozzolo
  über,  nur  mit  geschlagenen  Schiffbrücken  ein  Scheinangriff
  durch  den  General  Dupont  versucht  werden.
Brune  bestimmte  zur  Unternehmung  den  25sten  Tag
Decembers;  doch  Umstände  nbthigten  ihn  nachher,  erst
den  folgenden  Tag  zu  wählen.  Allein  er  vergaß,  diese
Abänderung  dem  General  Dupont  melden  zu  lassen,
und  Dupont  gieng  zur  bestimmten  Zeit  über  den  Mincio,
  wo  er  am  linken  Ufer  das  dort  befindliche  schwache
Corps  der  Oesterreicher  von  Pozzolo  zurückstieß.

Zu  spät  sandte  ihm  Brune  uun  Befehl,  sich  auf
Vertheidigung  der  geschlagenen  Brücke  zu  beschränken.
Dupont  war  schon  zu  sehr  mit  einer  Uberlegenen  Macht
des  Feindes,  die  aus  der  Heermitte  der  Oesterreicher  bei
Villafranca  hieher  zu  Hülfe  gesandt  war,  in  den  Kampf
        <pb n="198" />
        —  188  —

verslochten.  General  Bellegarde  glaubte  im  Ernst,
Düpont  fuͤhre  die  Vorhut  des  gesammten  franzoͤsischen
Heeres,  das  hier  den  Uebergang  zu  erzwingen  denke,
und  hielt  es  fuͤr  ein  Leichtes,  alles  zu  verhindern,  wenn
er  Du  ponts  Schaaren  zuruͤck  und  in  den  Fluß  stuͤrze.
Diese  fochten  zu  Pozzolo  mit  dem  Muth  der  Verzweiflung.
  Schen  waren  sie  aber  im  gefahrvollsten  Gedränge,
  als  ihnen  General  Süchet  mit  seinem  ganzen
Corps  von  Borghetto  her  zum  Beistand  eilte,  wo  er
nur  eine  Dioision  zurückgelassen  hatte.  Mdrderisch  ward
nun  das  Treffen,  Pozzolo  zweimahl  durch  die  Oesterreicher
  erstürmt,  dreimahl  durch  die  Franzosen  wieder
erobert.  Die  dunkle  Nacht  brach  ein.  Dupont  behauptete
  sich  also  am  rechten  Ufer,  und  Bellegarde
mußte  seine  alten  Stellungen  wieder  einnehmen.

Folgendes  Morgens  bewerkstelligte  Brune  den
Uebergang  seiner  Hauptmacht  bei  Monzambano.  Um
0  Uhr  schon  rückten,  über  den  Fluß  gegangen,  die
Schlachthaufen  seiner  Vorhut  gegen  Bellegarde's  Lager
  bei  Villafranca  an,  und  durchbrachen  sogar  die
Mirte  des  österreichischen  Heers  zwischen  Vallegio  und
Salionzo.  Bellegarde  zog  sich  auf  den  Höhen  bei
diesen  Dörfern  enger  zusammen;  mußte  aber,  nach  blutigem
  Treffen  in  der  Ebene,  die  vor  den  Dörfern  liegt,
gegen  Paleggio  und  Castelnovo,  folgendes  Tages  (Lusten
December),  bei  fortgesetzten  Angriffen,  ins  Lager  von
St.  Martin  unterhalb  Verona  zurückgehen.  Hier  rief
er  die  im  südlichen  Tirol  stehenden  Heerhaufen  der  Gee
nerale  Laudon  und  BVukkasowich  zu  sich.

Brune  aber,  indem  er  hinter  sich  Peschlera  einschloß,
  rückte  zum  Etschfluß,  bis  vor  Verona,  ging
        <pb n="199" />
        —  i89  —

(1sten  und  2ten  Jaͤnner)  bei  Buffolongo  auch  über  diesen
  Fluß,  ohne  Bellegarde's  Waffenftillstands-Vorschläge
  zu  hören;  ließ  seinen  linken  Flügel  an  dem  Eingang
  des  Etschthales,  und  eine  bedeutende  Masse  Reiterei
  rechts  zur  Beobachtung  Mantua's  und  Porto-Legnano's
  stehen;  schritt  mit  der  übrigen  Macht  gegen
Verona,  und  besetzte  diese  Stadt  (Sten  Jänner),  als  sich
die  Oesterreicher  in  der  Nacht  vorher  aus  ihrem  Lager
bei  Verona  nach  Caldiero  begeben  hatten.

Die  Verlegenheit  Bellegarde's  wuchs,  weil  Laudon
  und  BVukkasowich  nicht  erschienen.  Diese  aber
sahen  hinter  sich  den  General  Macdonald  aus  dem
Camonica-Thal  schon  gegen  Trient  mit  0,000  Mann
herabsteigen,  wohin,  und  in  das  Thal  der  Brenta,  nun
auch  die  Generäle  Vukkasowich  und  Stejanich
eilen  mußten.  Schon  war  ihre  Nachhut  unter  General
Davidowich  in  beständigem  Gefechte  mit  der  franzbsischen
  Vorhut.  Macdonald,  dessen  übrige  Schlachthaufen,
  die  er  nicht  mit  sich  führte,  durch  Glurenz
und  Schlanders  nach  Meran  vorwärts  eilten,  konnte  sich
um  so  freyer  bei  Trient  bewegen,  da  Molitor,  von
Brune's  Heer  abgeschickt,  ihm  durch  Stellungen  am
Idro-See  und  bei  Salo  am  Garda-See  die  rechte  Seite
sicherer  machte.

Jetzt  boten  die  dsterreichischen  Feldherren  alles  auf,
wenigstens  noch  die  Vereinigung  Macdonald's  mit
Brune  zu  verhindern.  Vukkasowich  verband  mit
General  Davidowich  zu  Trient  einen  Theil  seiner
Schaaren,  und  sandte  die  übrigen  rechts  hinab  gegen  die
Brenta,  zur  Verbindung  mit  Bellegarde's  Heer,
Laudon  setzte  sich  hingegen  weiter  abwärts  zu  Marco,
        <pb n="200" />
        unterhalb  Roveredo,  denn  schon  streckte  Brune's  lin—
ker  Fluͤgel  sich,  unter  General  Moncey,  herauf,
dem  Zuge  Macdonald's.  entgegen.  Laudon  ver—-suchte
  Alles,  den  General  Moncey,  waͤhrend  dessen
Vorruͤckens  uͤber  Rivoli,  durch  Unterhaͤndler  bei  Dolce,
bei  Alla,  zuletzt  vor  Roveredo,  zu  verzoͤgern.  Es  war
vergeblich.  Er  mußte  zurück  und  sich  unter  die  Kanonen
  des  Schlosses  la  Pietra,  zwischen  Roveredo  und
Trient  begeben.  Moncey  rückte  in  Roveredo  ein  (5ten
Jänner).  Hier  kamen  diesem  bald  nachher  Absendungen
von  Macdonald  entgegen,  der  an  demselben  Tage
Trient  nach  heftigem  Widerstande  weggenommen,  und
die  Oesterreicher  gegen  den  Ursprung  der  Brenta  zurückgeworfen
  hatte.

Es  befand  sich  Laudon  zu  La  Pietra  in  der  gefährlichsten
  Lage.  Vor  und  hinter  ihm  stand  der  Feind
mit  Ueberlegenheit;  er  sah  seine  Vernichtung  vor.  Nichts
konnte  ihn,  als  eine  List  retten.  Sie  gelang.  Er  meldete
  dem  General  Moncey,  daß  der  Waffenstillstand
wirklich  in  Italien  abgeschlossen  sey,  daß  dem  zu  Folge
die  Oesterreicher  Trient  und  das  Schloß  La  Pietra  übergeben,
  sich  selbst  aber  nach  Levico  hätten  zurückziehen
müssen.  Moncey  ließ  sich  täuschen;  Laudon  zog  ungestdrt
  ab,  und  entkam  seinem  gänzlichen  Untergange,  indem
  er  der  Brenta  zueilte,  um  das  Heer  Bellegarde's
zu  erreichen.

Bellegarde  selbst,  durch  seinen  sieghaften  Feind
Schritt  um  Schritt  verfolgt,  zog  sich  von  Caldiero  zurück,
nach  Villanova  (5ten  Jänner),  dann  in  die  Ebene  hinter
Agno,  nach  Montebello,  wo  er  vergeblichen  Widerstand
leistete,  um  Vicenza  decken  zu  können,  wo  jedoch  die
        <pb n="201" />
        —  191  —

Franzosen  schon  den  achten  Tag  des  Jänners  eingezogen.
  Er  suchte  endlich  nur  die  Corps  von  Landon  und
Vukkasowich  aus  dem  Brenta-Thal  an  sich  zu  bringen.
  So  wich  er  bis  an  die  Piave.  General  Brune
war  eben  im  Begriff,  die  Nachhut  des  dsterreichischen
Heeres  von  der  Piave  und  dem  Hauptheere  abzuschneiden,
  als  bei  ihm,  abgeordnet  vom  Oberbefehlshaber
Bellegarde,  General  Hohenzollern  und  andere
Bevollmächtigte  zur  Abschließung  eines  Waffenstillstandes
erschienen.  Und  dieser  ward,  nachdem  die  Franzosen  noch
Treviso  besetzt  hatten,  hier  (10ten  Jänners)  abgeschlossen.
Vermittelst  desselben  übergaben  die  Oesterreicher  die  Festungen
  Peschiera,  Porto  Legnano,  Ferrara  und  Ancona,
späterhin  auch  (laut  der  zu  Lüneville  den  20ften  Jänner
geschehenen  Abänderung  dieses  Waffenstillstandes)  noch
Mantua,  und  sie  behielten  für  ihre  Stellung  blos  das
rechte  Ufer  des  Tagliamento.  Das  französische  Heer
hingegen  konnte  sich  nun  vom  linken  Livenza-Ufer  bis
Linz  an  der  Donau  dehnen,  wo  es  sich  Moreau's  rechtem
  Flügel  anschloß.

General  Macdonald  empfieng  die  Bedingungen
dieses  Waffenstillstandes  in  dem  Augenblick,  als  er  seine
drei  Divisionen  an  der  Etsch  aufgestellt,  den  General
Auffenberg  in  Tirol  über  Meran  nach  Botzen  zurückgedrückt
  hatte,  und  im  Begriffe  war,  Brixen  und  Brunecken
  zu  besetzen,  um  sich  den  Eingang  des  Drauthales
aufzuschließen.

Oesterreich,  von  feindlichen  Schaaren  überschwemmt,
zu  kräftigern  Widerstand  itzt  ohne  hinreichende  Macht,
erlangte  endlich  vom  Londner  Hof,  daß  derselbe  den  Kaiser
  Franz  seiner  eingegangenen  Verbindlichkeiten  entließ.
        <pb n="202" />
        —  192  —

Der  Kaiser  konnte  also,  auch  ohne  England,  Frieden
eingehen  mit  Frankreich;  und  er  schloß  ihn  wirklich  am
Oten  Februar  1801  zu  Luneville  ab,  nicht  nur  für  sich,
sondern  auch  für  das  deutsche  Reich,  ohne  daß  dieses  darum
  wußte.  Billig  erstaunten  die  Fürsten  des  Reichs,
doch  blieb  ihnen  nichts  übrig,  als  den  Friedensschluß  zu
genehmigen,  und  ihre  Rechte  in  ähnlichen  Fällen  für  die
Zukunft  zu  verwahren.  Das  aber  war  ein  Werk  französischer
  Staatsklugheit.  Buonaparte  wollte  die  Banden
  des  alten  deutschen  Staatskörpers,  ohnehin  schon
mürbe,  allmählig  aufldsen.  Alle  am  linken  Rheinufer
gelegenen  Länder  mußten  an  Frankreich  abgetreten  werden,
  und  die  Erbfürsten,  welche  dadurch  verloren,  sollten
  dafür  Ersatz  in  Deutschland  empfangen,  eben  so  in
Deutschland  auch  der  Großherzog  von  Toscana  für  sein
in  Italien  verlornes  Land.  Das  war  ein  Apfel  der  Zwietracht
  unter  die  Fürsten  geworfen.  Ihr  Mißtrauen  gegen
  das  Reichs-Oberhaupt,  ihre  Eifersucht  untereinander,
  mußte  Frankreichs  Einmischungen  in  Deutschlands
innere  Angelegenheiten,  und  Stoff  zu  neuen  Kriegen  befordern.


Am  Ende  des  Märzmondes  und  Anfang  Aprils  zogen,
  nach  bestätigtem  Frieden,  die  französischen  Heere
an  das  linke  Rhein-Ufer  zurück,  nachdem  die  Schleifung
der  Festungswerke  von  Castel  bei  Mainz,  von  Philippsburg,
  Altbreisach,  Kehl,  Ehrenbreitstein,  Düsseldorf  und
Ingolstadt  vollendet  waren.

So  ward  denn  auch  das  verwüstete  Baiern  von  Freunden
  und  Feinden  geräumt,  und  den  Nachwehen  seiner
unermeßlichen  Leiden  überlassen.  Dieser  Staat,  welcher

des  Feindes  erschdpfende  Reguisitionen  jeder  Art  hatte
"  befrie-
        <pb n="203" />
        befriedigen,  und  dessen  Heerabtheilungen,  wie  groß  sie
auch  waren,  hatte  ernaͤhren  muͤssen,  war  dazu  noch  gezwungen
  gewesen,  ihm,  bis  zu  seinem  Abzuge,  monatlich
  550,000  fl.  Contribution  zu  zahlen,  und  die  Unkosten
  zur  Zerstdrung  der  Festungswerke  von  Ingolstadt
und  anderer  festen  Punkte  allein  zu  tragen.  Um  diesem
allen  zu  genugen,  waren  die  kurfürstlichen  und  Landschaftskassen
  insgesammt  geleert,  in=  und  ausländische
Anlehen  gemacht,  sogar  aus  den  Landeêkirchen  und
Klöstern  alle  entbehrliche  Silbergeräthe  in  die  Münze
geliefert  worden.  Und  dennoch  reichte  dieß  Alles  nicht
yhin,  die  ungeheuern  Bedürfnisse  des  Tages  zu  bestreiten.

Treu  aber  seinen  eingegangenen  Verbindlichkeiten,  leistete
  Kurfürst  Maximilian  Joseph  bei  der  Versiegung
  sämmtlicher  Hülföguellen,  bei  der  Vernichtung  des
dffentlichen  Wohlstandes,  das  Aeußerste,  und  brachre
dem  deutschen  Reiche,  noch  bis  zum  letzten  Augenblick,
  die  schwersten  Opfer.  Welche  Aussichten  zur
Entschädigung,  ja  nur  zur  Selbsterhaltung  aber  hatte
er  zu  hoffen,  wenn  der  Vertrag  von  Campo-Formio,
welcher  zur  Grundlage  des  Lünevillers-Vertrags  genommen
  worden  war,  streng  ausgeführt  wurde?  —  Baierns
fernere  Selbstständigkeit  zu  bewahren,  konnte  er  nur
von  klugen  Unterhandlungen  mit  den  großen  Mächten,
besonders  durch  Anregung  von  Preußens  rnd  Frankreichs
Interessen,  erwarten,  aber  nicht  minder  auch  von  der
Entschlossenheit  seines  treuen  Heeres,  welches  inmitten
der  Kämpfe  zu  einer  Stärke  von  25,000  Mann  erwachsen
  war.

Die  dem  Lande  geschlagenen  Wunden  waren  nur
in  einem  dauernden  Frieden  vom  Grund  aus  zu  heilen.
13
        <pb n="204" />
        —  194  —

Es  mußten  die  verschiedenen  Landesbehoͤrden  zweckmaͤßiger
  geordnet,  die  verschiedenen  Zweige  der  Staatshaushaltung
  ganz  neu  gebildet,  und  fuͤr  Zeiten  der  Gefahr
dem  Kriegsheere  mehr  Staͤrke  und  Einheit  geschaffen
werden.

Sobald  Baiern  von  den  Schaaren  der  Fremden
befreit  ward,  setzte  der  Kurfuͤrst  sein  zwischen  Amberg
und  Cham  gelegenes  Kriegsvolk  (160ten  Februar)  auf
den  Friedens-Fuß,  schickte  es  in  die  üblichen  Besatzungsplätze,
  und  begab  er  sich  selbst  von  Bapreuth,  wo  er
während  der  letzten  Ereignisse  des  Krieges  Aufenthalt
genommen  hatte,  in  seine  Hauptstadt  München  (14ten
April)  zurück.  Mit  Enzzücken  feierten  die  Unterthanen
die  Heimkehr  des  allzulange  vermißten  Daters.
        <pb n="205" />
        Drittes  Buch
der
RKriegsgeschichte
Bapern

unter

Maximilian  Joseph  I.
        <pb n="206" />
        <pb n="207" />
        —  1587  —

 

Drittes  Bnuch.

1.

Baierns  Länderverlust  und  Entschädigung
nach  dem  Lüneviller-Frieden.

D.  Unstern,  welcher  so  lange  und  verderbenschwer
über  Deutschlands  Schicksalen  stand,  war  derselbe,  welcher
von  jeher  die  Auflösung  der  Bundesstaaten  zu  beleuchten
  pflegte.  Weder  die  Waffenübermacht  einzelner,  noch
die  Eidschwüre  aller  Mitglieder  konnen  den  Untergang
eines  Bundes  verhüten,  sobald  ein  Theil  desselben  den
übrigen  das  Beispiel  giebt,  das  Ganze  über  sich  selbst
zu  vergessen;  oder  sobald  man  vom  Fremdling  mehr  Recht,
als  von  seinen  Bundesverwandten  erwarten  will.

Der  Luneviller-Friede  hatte  es  dem  deutschen  Reiche
überlassen,  in  seinem  eignen  Innern  Entschädigungen
für  diejenigen  Fürsten  auszumitteln,  welche  am  linken
Rheinufer  Verlust  erlitten  hatten.  Mannigfaltig  waren
die  Klagen  und  Ansprüche,  schwierig  die  Aufgaben,  so
vielerlei  einander  widerwärtig  durchschneidende  Ansichten,
Forderungen  und  Rechte  zu  versdhnen.  Der  deutsche
Kaiser  lehnte  (Sosten  April  1801)  den  Antrag  ab,  sich
ganz  der  Leitung  dieses  verwickelten  Gegenstandes  zu
unterziehen.  Daraus  entsprang  neue  Verzdgerung  und
Ungewißbeit  Aller,  während  Frankreich  gebieterisch  die
        <pb n="208" />
        Beschleunigung  der  Geschaͤfte  forderte  (26sten  Juli  und
Iöten  September.)

Im  Gefühle  dieser  Verlegenheit  hatten  die  meisten
Fürsten  Deutschlands,  um  größern  Verlust  von  sich  zu
wenden,  eigne  Unterhändler  nach  Paris  gesandt,  das  unmittelbare
  Einschreiten  des  ersten  Consuls  und  die  Befdirderung
  ihrer  Angelegenheiten  zu  erwirken.  Von  Baiern
  befand  sich,  schon  vor  Abschluß  des  Lüneviller-Friedens,
  Herr  von  Cetto  daselbst.  Denn  gefährdeter,  als
jeder  andere  deutsche  Staat,  stand  Baiern,  das  vom
Krieg  entkräftete,  da,  welches  mit  wahrer  Vernichtung
bedroht  ward,  wenn  der  Vertrag  des  campoformischen
Friedens  die  Grundlage  des  Lüneviller,  und  die  Entschädigung
  des  toscanischen  Großherzogs  in  den  kurfürstlichen
Landen  am  Inn  gegeben  werden  sollte,  wie  es  dunkle
Andeutungen  von  Wien  aus  ahnen  ließen.

Der  Scharfblick  des  ersten  Consuls  erkannte  das
Rechtliche  in  Baierns  Verlangen,  und  wohl  mehr  noch
den  Vortheil  des  Augenblickes,  sich  die  mindermächtigen
Fürsten  Deutschlands  durch  Erweiterungen  von  deren  Gebieten
  zu  verpflichten.  Welcher  Grund  ihn  immerhin
lenken  mochte:  Baiern  begehrte  nicht  mehr,  als  Ersatz
um  das,  was  es  verlieren  sollte.  So  entstand  der  besondere
  Friedensvertrag  zwischen  Frankreich  und  Baiern
am  26sten  August  1801.  Zwar  Baiern  mußte  die  Herzogthümer
  Iülich  und  Zweibrücken,  und  was  ihm  sonst
am  linken  Rheinufer  gehdrte,  hinopfern,  aber  Frankreich
gewährleistete  dagegen  die  Unverletzbarkeit  des  Umfangs
aller  baierischen  Gebiete,  wie  sie  seit  dem  Teschener-Frieden
  (von  1770)  bestanden  waren,  und  verhieß  seine
kräftigste  Verwendung  für  in  jeder  Rücksicht  volle  Schad-
        <pb n="209" />
        loshaltung  wegen  des  erlittenen  Verlustes.  Der  Kaiser
von  Rußland  und  der  Kdnig  von  Preußen  wutden  Gewährleister
  dieses  Friedensvertrages.

Als  denselben  Boulay  de  la  Meurthe,  der
Staatsrath,  (28sten  November)  dem  gesetzgebenden  Kdrper
  vorlegte,  war  eben  dieses  Mannes  heftiger  Tadel
von  Baierns  ehmahligen  Verfahren  gegen  Frankreich,
der  unverdächtigste  Lobspruch  auf  Baierns  Treue  und
Rechtlichkeit  in  Erfüllung  von  den  Pflichten  eines  Reichsstandes
  gegen  das  deutsche  Reich.  Selbst  der  Tribun
Desrenaudes  anerkannte  dies  in  seiner  Rede  vor  den
franzdsischen  Gesetzgebern  (am  26sten  Dezember),  indem
er  sich  nicht  verbarg,  wie  die  staatsthümliche  Stellung
eines  Landes,  von  Baierns  Größe  und  Lage,  immerdar
vom  Ereigniß  des  Augenblickes  und  der  Einwirkung
groͤßerer  Mächte  abhange.

Gleich  nach  Abschluß  des  Friedens  wurde  auch  der
Beschlag  von  allem  pfalzbaierischen  Eigenthume  jenseits
des  Rheines  aufgehoben.  Nur  in  der  obern  Pfalz  blieb
ein  (schon  im  July)  eingerückter  dsterreichischer  Heerhaufe
  von  5,000  Mann  bis  Anfang  Octobers  bei  Weiden,
  Schdnsee  und  Bleistein  stehen,  weil  der  Wienerhof
dort  mehrere  Lehen  in  Anspruch  genommen  hatte.

Eben  diesen  Hof  schien  damahls,  und  als  er  dem
Grundsatz  beigestimmt  hatte,  man  müusse  die  weltlichen
Fursten  durch  verweltlichte  Besitzungen  geistlicher  Fürsten
entschädigen,  eine  Hoffnung  lebhaft  zu  reitzen,  die  ihn
schon  in  vergangnen  Jahrhunderten  mehrmahls  bewegt
hatte:  nämlich  den  Kurfürsten  von  Baiern  vielleicht  zu
gewinnen,  seine  Lande  bis  zur  Isar  an  Oesterreich,  gegen
Empfang  eines  großen  Theils  geistlicher  Staaten  und
        <pb n="210" />
        —  200  —

der  schwaͤbischen  Reichsstaͤdte,  abzutreten.  Aber  Kurfürst
  Marimilian  Joseph,  hätte  er,  der  seinem
Volke  Vater  war,  sein  Wort  zur  Jerreissung  eines  der
treuesten  Volker,  eines  der  Urstämme  deutscher  Nation
geben  konnen,  und  den  schönsten  und  reichsten  Theil  seiner
  Erblande  einbüßen  sollen?  Die  Sache  blleb  ungedenkbar,
  selbst  der  Gedanke  schon  beunruhigend.  Die
Unterhandlungen  jedoch  wurden  bis  zum  Juny  18602  hinaus
  getrieben.  Darauf  nahm  der  Kurfürst  die  Vermittelung
  Rußlands,  Frankreichs  und  Preußens  in  Anspruch,
iener  großen  Mächte,  welchen  die  Erhaltung  Baierns
von  hoher  Wichtigkeit  seyn  mußte.

Diese  nun  entwarfen  und  genehmigten  Clbten  Juli
1802)  den  Entwurf  zur  Entschädigung  Baierns.  Es
empfieng  damit  dieser  Staat  zwar  112  Geviertmeilen
und  120  000  Unterthanen  mehr,  als  er,  in  Belgien,
Zweibrücken,  Iülich  und  an  beiden  Rheinufern  verloren
hatte,  aber  dagegen  auch  600,000  fl.  weniger  an  Einkänften.)
  Fur  letzteres  aber  konnte  die  bessere  Abrundung
  Baierns  in  Schwaben  und  Franken,  wie  am  Inn
durch  Passau,  als  Ersatz,  gelten.

 

*)  Dem  Kurfürsten  von  Pfalzbaiern  wurden  nämlich  für  den
Verlust  folgender  Länder:
□N.  Einw.  Einkünfte.
Besitzungen  im  elsas  bis  an  die

Queich  24  118,000  300,000  fl.
in  Belgien  4  10  50,000  200,000.
Herzogtbum  zweibrücken  36  69,000  614,  000  -
Iten  auf  dem  linken  Rheinufer  48  170,000  1,490,  000  -

Hbtgtbum  Jülich  75  210,000  706,000  %

Pfalz  auf  dem  rechten  Rbeinuker  27  135,000  950/000

Rückstände  an  8jährigen  Interessen
à  2#1  Procent  –  –  1,020,  O000

–.

Summa:  220  752,  000  5,270,  000  fl.
        <pb n="211" />
        —  201  —

Wie  nun  der  Kurfuͤrst,  nach  Preußens  Vorgang,
im  Begriff  war,  vorläufigen  Besitz  von  den  ihm  zugefalfolgende

  Entschädigungen  bestimmt:

„  □.  M.  Elinw.  Einkünfte.
Hochstift  Augsburg  und  St.  Ulrich  54  vo,  000  350,000  fl.
Bisthum  Frevsing  .  15  30,000  200,000  -
die  Stadt  Passau  mit  der  Innstadt

  und  einen  Umkreis  von  500
Toisen,  ferner  die  Ilzsiadt  und
das  diesseits  der  Ilz  und  dem
Inn  gelegene  Land  4  165,000  60,000
dem  obern  Bisthum  Eichstädt  22  338,000  350,000
Kempten  .  .  „  10  50,000  205,000
Wäürzburg  387  240,000  1,500,000
Bambergg  6P6P6  1085,000  1,000,O00
die  Probstei  Kemoten,  die  Abteien
St.  Ulrich  und  Afra  in  Augsburg,
  Waldsassen,  Eberach,  Ursberg,
  Wettenhausen,  Roggenburg,
  Kaisersheim,  Elchingen,
Sôflingen,  Wengen,  Ottobaiern,
  Irsee  .
die  Reichsstaͤdte  und  Reichsdoͤrfer
Ulm,  Kempten,  Memmingen,
Roͤrdlingen,  Kaufbaiern,  Leutkirch,
  Rothenburg,  Windsheim,
Ravensburg,  Wangen,  Weissenburg,
  Schweinfurt,  Buchhorn,
Bopfingen  und  Dunkelsbühl,
Gochsheim,  Senefeld,  Alt  und
Altschausen,  Heide  364  1257,600  723,000

Zusammen:  350  391,020  5,017,000  fl.

Soweit  die  Angaben  im  aten  und  öten  Stück  des  Jahrganges
  1803  der  europäischen  Annalen.

Andere  Schriftsteller  z.  B.  der  deutsche  Zuschaner,  berechnen,
  daß  Pfalzbaiern  vermöge  jener  Abtretungen  unb
dafür  erhaltenen  Entschädigungen:

220  □  Meil.  780,  Ooo  Seel.  an  Volksmenge  verlor,  dagegen

212  *  000,000  „  Entschädigung  für  obigen  Verlust,
  daber  einen  reinen  Gewinn  von  92  □  Meilen  und
120,  O00  Seelen  erhielt.  Da  jedoch  die  Einkünfte  der  abgetretenen
  Länder  die  Summe  von  5,  870,0o0  fl.  betrugen,
  dagegen  die  erhaltenen  Cntschädigungs  =  Länder  nur
5,270,000  fl.  Einkünfte  brachten,  so  erlitt  Palzbaiern
durch  jene  Veränderungen  einen  reinen  Verlust  von  600,000
Gulden  jährlicher  Einkünfte.

o

56#  108,420  660,000
        <pb n="212" />
        —  202  —

lenen  Gebieten  zu  nehmen,  erhob  der  Wiener  Hof  neue
Anstände,  wegen  Passau.  Oesterreichisches  Kriegsvolk,
unter  Anführung  des  Generals  Strauch,  rückte  (in
der  Nacht  vom  1bten  zum  17#en  August)  in  diese  Stadt
ein,  und  der  kaiserliche  Bevollmächtigte  Freiherr  von  Hügel
  machte  folgendes  Tages  dem  Reichstage  zu  Regensburg
  den  Antrag,  den  am  rechten  Inn-Ufer  gelegenen
  Theil  Baierns  gegen  bfterreichische  Besstzungen  in
Schwaben  auszutauschen.

Passau  war  für  Baiern  allzuwichtig.  Diese  Stadt
mit  ihrer  Veste  Oberhaus,  schon  im  spanischen,  dann  im
baierischen  Erbfolge-Krieg,  als  der  Schlüssel  Baierns,
erkannt,  hatte  seit  Abtretung  Braunau's  an  Oesterreich
(im  Jahr  1700)  noch  größere  Bedeutsamkeit  gewonnen.
Hier  nur  allein  war  auf  dieser  Seite  noch  ein  Inn-Uebergang
  streitig  zu  machen.  Auch  Frankreich  konnte,
im  Falle  bünftiger  Kriege,  nicht  gleichgültig  ansehen,  in
wessen  Hand  Passau  sep,  dieser  für  jedes  Heer,  welches
im  Besitz  der  Donau  seyn  will,  nicht  minder,  als  Ulm,
starke  Anlehnungspunkt.  Ohnedieß  hatte  schon  der  französische
  Minister  Talleprand,  als  er  (Listen  August
1302)  dem  Senate  zu  Paris  den  franzdsisch=  russischen
Entschädigungs-Entwurf  überreichte,  ziemlich  klar  ausgesprochen,
  daß  zur  Bewahrung  eines  staatsthümlichen
Gleichgewichts  der  verschiedenen  Mächte,  von  diesem
Entwurfe  nicht  mehr  abgewichen  werden  könne.

Da  inzwischen  der  Wienerhof  gegen  alle  Vorstellungen
  der  französischen,  russischen  und  preußischen  Gesandtschaften
  zu  Regensburg  bei  seiner  Erklärung  (28sten
August)  beharrte,  Passau  nicht  eher  zu  räumen,  bis  dem
Großherzoge  von  Toscang  eine  hinreichende  Entschädi-
        <pb n="213" />
        —  203  —

gung  ausgemittelt  waͤre,  beschleunigte  dieß  zwischen
Frankreich,  Preußen  und  Baiern  den  Abschluß  einer
Uebereinkunft  zu  Paris  (öten  September),  vermittelst
welcher  für  Bayern  abermals,  nicht  nur  der  Besitz  von
Passau  und  des  Gebiets  am  rechten  Inn-Ufer,  sondern
die  gesammte  Entschädigung  gewährleistet  würde.  Auch
offenbarten  sofort  Frankreich,  wie  Rußland,  in  ihren  zu
Regensburg  (15ten  September)  übergebenen  Noten  den
entschiedensten  Willen  gegen  Oesterreichs  Absicht,  das
Vebiet  desselben  bis  zum  Lech  und  zur  Gefahr  eines
Staates  ausdehnen  zu  lassen,  dessen  Daseyn  bisher  nur
durch  die  eifersüchtige  Staatsklugheit  der  Fürsten  Deutschlands
  gerettet  worden  war.

Wie  nothwendig  Baiern  auf  Passau's  Besikz  bestehen
  mußte,  eben  so  gerecht  war  von  der  andern  Seite
aber  auch  allerdings  Oesterreichs  Klage  über  die  auffallende
  Unzulänglichkeit  der  Entschädigung,  welche  dem
Großherzoge  von  Toscana  für  den  Verlust  seiner  italienischen
  Staaten  angewiesen  werden  sollte.  Nur  der
würdevollen  Stellung  und  Festigkeit  des  deutschen  Kaisers
  gegen  des  ersten  Consuls  gebieterische  Ansinnungen
gelang  es  endlich,  daß  nach  lebhaften  Unterhandlungen
eine  mildere  Ausgleichung  (2##sten  Jänner  1805)  zu  Stande
kam.  Allein  das  Haus  Bayern  mußte  zu  derselben  wieder
  die  Opfer  bringen.  Zwar  der  Besitz  von  Passau
wurde  dem  Kurfürsten  eingeräumt,  aber  dagegen  wurden
ihm  das  Bißthum  Eichstädt  mit  Ausnahme  der  Aemter
Sandsee,  Wernfeld,  Spalt,  Abenberg,  Ahrberg-Ohrnbau
  und  Wahrberg-Herrieden,  so  wie  noch  andere  schon
empfangene  und  verheißene  Entschädigungen  wieder  entrissen.
        <pb n="214" />
        —  204  —

Am  2esten  Hornungs  1803  ward  Passau  den  Bayern
uͤbergeben.  Das  große  Theilungs-  und  Entschaͤdigungswerk
  war  geschlossen.  Frankreich  hatte  in  demselben,  durch
Erwerb  Belgiens  und  des  Rheinlaufes,  Hand  in  Deutschlands
  Angelegenheiten  gewonnen;  Oesterreich  zwar  durch
Verweltlichung  geistlicher  Fuͤrstenthuͤmer  Unterstuͤtzungen
bedeutender  Art  verloren,  aber  durch  Ausrundung  seiner
Staaten,  und  durch  das  Erzbisthum  Salzburg  unter  dem
gewesenen  Großherzoge  von  Toscana,  eine  haltbarere
Stellung  für  Kriegszeiten  empfangen.

Auch  Bayern  mußte  wohl  in  der  etwas  vermehrten
Festigkeit  seiner  Grenzen  den  voruehmsten  Gewinn  suchen.
Zwar  durch  Erweiterung  in  Franken  und  Schwaben  war
es  zween  übermächtigen  Nachbarn,  Frankreich  und  Preussen,
  näher  gerückt,  gegen  deren  Einfluß  der  einzige  feste
Punct  Würzburg  nicht  schirmen  konnte;  aber  indem  Oesterreich
  durch  Verlust  der  Herrschaft  Neuburg,  durch  Vereinigung
  des  ehmals  salzburgischen  Mühldorfs  mit  Bayern,
  gänzlich  vom  linken  Innufer  getrennt  wurde,  wuchs
von  dieser  Seite  die  Sicherheit;  und  durch  die  ehmals
freisingische  Grafschaft  Werdenfels  erhielt  Bayern  tüchtige
  Gebirgspässe  gegen  Tirol  zur  Vertheidigung,  ungerechnet
  die  schon  erwähnte  Wichtigkeit  jener  Linie  von
Ulm  bis  Passau,  zur  Beherrschung  der  Donau.  Immer
aber  war,  was  Bayern  zum  Ersatz  seiner  Verluste  bekommen
  hatte,  unverhältnißmäßig  gering  gegen  die  Entschädigungen,
  welche  dem  preußischen,  würtembergischen
und  badenschen  Hause  zu  Theil  geworden  waren  ").  Und

*)  Preußen  verlor  z.  B.  in  einem  Theil  des  Herzogthums
Kleve,  des  Fürstenthums  Moers,  in  seinem  Antheil  an
Obergeldern,  122,147  Einwohner,  gewann  dagegen  durch
einen  Theil  der  Bisthümer  Münster,  Hildesheim,  Pader-
        <pb n="215" />
        wenn  es  schon  90  Geviertmeilen  Bodens  und  50,000  Seelen
  Volksmenge  mehr  empfieng,  als  es  verloren  hatte,
  büßte  es  dagegen  doch  an  ehemgligen  Einkünften
050,000  fl.  ein.

 

2.

Anstrengungen  der  Regierung  von  Bakern,  dir
Kräfte  des  Staates  zu  entwickeln.

Kurfürst  Marimilian  Joseph  sah  mir  den  Gränzveränderungen
  Baierns  und  anderer  deutschen  Stgaten
seine  ganze  bisherige  Stellung  zu  diesen  verwandelt.  Unmittelbarer
  Nachbar  Preußens  und  Oesterreichs  geworden,
  mußte  er  eben  so  viel  von  der  alten  Eifersucht  dieser
  Mächte  gegen  einander,  als  von  der  noch  nie  erloschenen
  Nebenbuhlerei  Frankreichs  und  Oesterreichs  besorgen.
  Baiern  zwischen  allen,  mußte,  wenn  es  nicht  die  feste
Schranke  zwischen  allen  ward,  der  beklagenswertheste
Kampfplatz  aller  bleiben.  Zwischen  großen  Mächten  ein
kleiner  Staat  dankt  er  zwar  deren  gegenseitigen  Mißgunst
  oft  seine  Rettung.  Aber  oft  findet  er  auch,  in
der  beutesüchtigen  Versöhnung  aller,  seinen  unerwarteten
Untergang,  oder  er  geht  mit  dem  seinigen  dem  desjenigen
  Nachbaren  voran,  welchen  das  Glück  im  Kampfe
zuerst  verläßt.  Batern,  wie  es  biöher  gewesen,  ohne
eigne  Macht,  daher  ohne  eignen  Willen,  hatte  sich  gefallen
  lassen  müssen,  ein  Spiel  wechselnder  Zufälle  und

 

born,  des  Eichsfeldes,  600,000  Einwohner.  Baden  er#-hielt
  für  die  halbe  Grafschaft  Sponheim  daher  für  30,000
Einwohner,  Länder  von  zweimahl  größerem  Umfange  als
dessen  ganze  Besitzungen  #c.
        <pb n="216" />
        —  206  —

fremder  Interessen  zu  seyn.  Sollte  es  Unabhaͤngigkeit  und
Daseyn  nicht  mehr,  wie  ein  Almosen  empfangen,  mußt
es  sein  Recht  auf  eigne  Staͤrke  begruͤnden  koͤnnen.

Dieß  zu  können,  traf  Kurfürst  Marimilian  alle
Verfügungen,  die  ganze  Lebenskraft  seines  Staats  in
wohlgeordnete  Regsamkeit  zu  setzen;  oder  vielmehr  er
fuhr  nur  in  dem  fort,  was  er  schon  begonnen,  und
was  nur  der  ihn  übereilende  Krieg  unterbrochen  hatte.
Schon  unterm  20sten  Mai  1801,  gleich  nach  geschlossenen
  Frieden,  hatte  er  die  Zweige  der  Staatsverwaltung
  unter  vier  Ministerien  getheilt,  und  sich  die  Leitung
des  Heerwesens  selbst  vorbehalten.  Verjüngte  Thätigkeit
  ward  bald  überall  sichtbar.

Das  weite  Donau-Moos,  zwischen  Ingolstadt  und
Neuburg,  welches  56,000  Tagwerke  unbenutzbaren  Bodens
  umfaßte,  mußte  mit  Abzugsgraben  durchschnitten
und  entsumpft  werden.  —  Eine  zur  Urbarmachung  dder
Gründe,  durch  fünf  und  zwanzigjährige  Zehentfreiheit,
ermunrernde  Verordnung  bewirkte  das  Unglaubliche.  Binnen
  anderthalb  Jahren  sah  man  121,000  Tagwerke  verwilderten
  Bodens  urbar  gemacht,  405  große  Güter  zertheilt,
  870  neue  Häuser  erbaut,  und  von  630  Landwirthschaften,
  die  bisher  zerstreuten  Grundstücke  in  ein  Ganzes
  zusammengerundet.  Ueberall  ward  der  Landmann
begünstigt;  auf  den  Staatsgütern  die  Leibeigenschaft
vernichtet.  Dem  menschlich=  schonen  Beispiele  der  Regierung
  folgten  die  Grafen  von  Preysing  und  Törring=
  Seefeld,  und  der  ehrende  Dank  ihres  Landesfürsten
  belohnte  sie  neben  dem  Gefähl  ihrer  edelsinnigen
Thar.  Auch  Baierns  altes,  mit  Blut  geschriebenes  Gesetzbuch
  mußte  in  die  allgemeine  Verwandlung  herüber-
        <pb n="217" />
        –  207  —

gezogen  werden.  Der  Entwurf  des  Gelehrten  Kleinschrod
  zu  Würzburg  für  ein  Strafgesetz,  in  welchem
Verbrechen  und  Strafen  bestimmter  gegeneinander  gewogen,
  und  Menschlichkeit  und  Denkart  des  Zeitalters
mehr  beachtet  waren,  wurde  dem  dffentlichen  Urtheile
zur  Prüfung  übergeben.

Noch  ward  immerdar  die  edelste  Kraft  der  Nation
durch  kirchliche  Unduldfamkeit  und  mönchischen  Geisteszwang
  gelähmt.  Die  Gewissen  und  Geister  mußten  frei
gesprochen  werden.  Gebundene  Hand  arbeitet  schlechter,
als  freie  Hand;  und  der  selbstdenkende  Mann  weiß  sich
da  zu  helfen,  wo  der  Unwissende  verzweifelt.  Es  ward
zuerst  die  Aufhebung  der  Klöster  geistlicher  Bettelorden
(15  März  1802),  dann  die  Aufhebung  aller  Klbster  beschlossen.
  Damit  giengen  zahllose  Güter  aus  der  todten
Hand  in  die  Lebendige  über,  und  von  den  gewonnenen
Kaufsummen  erwuchsen  reich  Ausstattungen  der  neu
eingerichteten  hdhern  und  niedern  Schulen.  Die  Hochschule
  Landshut  allein  erhielt  durch  Vermehrung  ihres
Vermdgens  an  80,000  Gulden  jährlicher  Einkünfte.  Die
Aufhebung  der  Klöster,  wie  wohlthätig  sie  in  ihrem
Zwecke  war,  konnte  nur  durch  Eigennutz  und  Härte  einzelner
  unwürdiger  Beamten  am  allgemeinen  Beifall  verlieren,
  welche,  uneingedenk  der  menschenfreundlichen
Weisungen  in  der  Verordnung  vom  15ten  März  13802,
die  empfangene  Gewalt  mißbrauchten,  und  hin  und  wieder
  mit  empdrender  Rohheit  zu  Werke  schritten,  wo  ihnen
  Schonung  und  sirenge  Rechtlichkeit  zur  Pflicht  gemacht
  war.  Das  ist  das  schwarze  Loos  auch  der  besten
Fürsten,  daß,  wenn  sie  Segen  ausstreuen  wollen,  verworfene
  Menschen  einen  Fluch  dazwischen  säen.

So  plhtzliche  Umschaffungen  des  bisher  Bestandenen,
        <pb n="218" />
        besonders  Verbote  und  Aufhebungen  überflüßiger  Feyers
tage  und  kirchlicher  Umgänge,  oder  jener  Gebräuche,
welche  den  Gotteödienst,  den  sie  erheben  sollten,  entweihten,
  konnten  nicht  ohne  widrige  Wirkung  auf  viele  Gemüther
  im  Volke  bleiben.  Oenn  der  unwissenden  Menge,
durch  Gewohnheit  an  jene  Uebungen  und  Mißbräuche
gebunden,  galten  solche  statt  der  Religion  selbst,  und
Verlust  derselben  schien  ihr  ein  Untergang  des  Allerheiligsten.
  Es  kam  sogar  zu  Muünchen  und  in  andern  Gegenden
  des  Landes  (im  Juni  1601)  zu  aufrührerischen
Bewegungen;  doch  wurden  diese  bald  gestiln,  und  der
bessere  Theil  des  Volkes  sprach  der  Regierung  bffentlich
(im  Juny  des  folgenden  Jahrs.))  Dank  in  herzlichen
Zuschriften  für  die  Vernichtung  der  Mißbräuche  aus.
Das  Ausschreiben  des  Kurfürsten  zur  Beforderung  einer
vernunftgemäßen  Denk=  und  Lehrfreiheit  (18ten  März
1802),  die  Ausdehnung  des  Genunsses  aller  bürgerlichen
Rechte  und  Freiheiten  auf  die  Verwandten  jeder  christlichen
  Kirche  in  Baiern  (den  10ten  und  10ten  Jänner
1805),  die  Einräumung  eigner  Tempel  zum  evangelischen
  Gottesdiensie  in  München  und  Würzburg,  die
Aufstellung  eines  evangelischen  Consistorlums  für  Würzburg
  und  Bamberg,  evangelische  Lehrstühle  auf  den  Hochschulen
  von  Würzburg  und  Landehut,  —  dieß  alles,  womit
  Maximilian  Joseph  sein  Jahrhundert  ehrte,
bleibt  ihm  selbst  in  der  Nachwelrt  ein  ehrendes  Denkmal.

Hier  aber  ist  nicht  der  Ort,  die  ganze  Reihe  der
WVerwandlungen  zu  verfolgen,  durch  welche  Baiern  neugestalter
  wurde.  Wir  müssen  den  Blick  auf  die  Ausbildung
  des  Heerwesens  werfen.  Denn  in  Tagen  unsichern
Friedens,  wie  den  damaligen,  konnte  das  Gute  weder
gedeihen,  noch  bleiben,  als  unter  dem  Schutze  bes

Sehwere
        <pb n="219" />
        —  209  —

Schwertes.  Zudem  schienen  die  Finanzen  des  Staats
fest  genug  gesichert.  Die  Schulden  der  baierischen  Landschaft
  betrugen  im  Jahre  1803  nur  achtzehn  Millionen
Gulden,  und  die  aͤltern  Staatspapiere  waren  wieder  um
7  bis  8  vom  Hundert  im  Werth  gestiegen.  Ein  allgemeines
  Staatögesetz  (Hausschulden=  und  Fideicommiß-=Pragmatik
  vom  20sten  October  1804)  schien,  bei  künftig
  zu  errichtenden  Landesschulden,  genügend,  jeder  Willkühr
  die  Hand  zu  binden.

Sobald  nach  dem  Kriege  das  Heer  auf  Friedensfuß
  gestellt  worden,  übertrug  der  Kurfürst  einer  zu  Amberg
  aus  den  Generalen  Gaza,  Deroy,  Nogarolla,
Barthels,  Wrede  und  den  Obersten  Siebein  und
Reuß  zusammengesetzten  Kommission  unter  Vorsitz  des
Herzogs  Wilhelm  von  Baiern,  alle  Vorbereitungen
zur  Verbesserung  des  gesammten  Heerwesens.  Sofort  wurden
  vor  allen  Dingen  durch  Gnadenverkündung  (T22sten
April  1801)  die  Ausreißer  zu  ihren  verlassenen  Fahnen
zurückgerufen;  die  oberpfälzischen  und  neuburgischen  Regimenter,
  jedes  mit  einer  Compagnie,  verstärkr  (Zösten
April),  und  der  Stand  der  Reiterei  (Dten  Mai  1801)
auf  ein  Cürassier=  zwei  Oragoner=  und  drei  Chevaurlegers-Regimenter,
  die  Vollzahl  eines  Regimentes  aber
Cedes  zu  1#  Escadronen,  die  Escadron  mit  vier  Offizieren)
  auf  623  Mann  und  600  Pferde  festgesetzt,  folglich
beträchtlich  vermehrt.  7)  Man  bildete  zwei  neue  Regi- 



*)  Da  das  Regiment  Taris  bis  dahin  nur  zwei  Escadronen,
das  in  die  Rheinpfalz  bestimmte  andere  Dragoner-Regiment
  ebenfalls  nur  zwei  pfälzische  Escadronen,  das  Chevanrlegers=
  Regiment  Leiningen  nur  anderthalb  Escadron
zählte.

L
        <pb n="220" />
        —  210  —

menter  Fußvolks  (16ten  Juni  1801)  unter  den  Namen
Herzog  Karl  von  Baiern  (Bataillon  Busek  und  Zoller)
und  Isenburg  (Bataillon  Lamotte  und  ein  neuerrichtetes);
  und  nach  Besitznahme  der  Entschädigungs-Lande
abermahls  (#isten  März  1803)  ein  Regiment  und  ein
leichtes  Bataillon  Fußvolks  (Lamotte)  aus  den  drei  würzburgischen
  Bataillonen;  ferner  ein  sechs  Escadrons  starkes
  Chevaurlegers  =  Regiment  (Bubenhofen)  aus  den
würzburgischen  Dragonern  und  Husaren,  endlich  noch
aus  den  in  Unterschwaben  bestandenen  Reichscontingenten
  ein  leichtes  Bataillon  (Lessel).  So  war  schon  im
April  des  Fahrs  1805  das  ganze  Heer  aus  zwolf  Regimentern
  Fußvolks,)  sechs  leichten  Bataillonen"*)  einem

 

·)Jedes  Linien=  Inf.  Regiment  bestand  aus  zwei  Bataillons
oder  10  Compagnien,  worunter  zwei  Grenadier-Compag-=nien,
  und  demnach  erclusive  Staab,  aus:

0  Hauptleuten
10  Oberlieutenants
20  Unterlieutenauts
10  Feldwebels
10  Fouriers
20  Sergeanten
60  Corporals
2  Peifern
20  Tambours
120  Gefreiten
1,  880  Gemeinen.

 

 

Summa  2,101  Köpfen.

4
*)  Das  leichte  Infanterie  -Bataillon  aus  fünf  Compagnien,
daher  aus  5  Hauptleuten
5  Oberlientenants
10  Unterlieutenants
5  Feldwebels
        <pb n="221" />
        —  214

Curassier-,  zwei  Dragoner=  und  vier  Chevaurlegers-Regimentern

  zusammengesetzt,  in  vier  Brigaden  getheilt,

und  ungerechner

  Staab  und  Artillerie,  38,6004  Mann  stark.  ")

 

5  Fouriers
10  Sergeanten
50  Corporals
10  Tambours
60  Gefreiten
Oao  Gemeinen

 

Summa  1079  Kbpfen.

*)  Eintheilung  des  baierischen  Heeres  und  dessen  Standqugartiere

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

im  Jahre  1805.
Divisionaire  Standorte  Regimenter
Provinz.  oder  derselben  und  Garnisonen.
Brigadier.  Bataillons.
Leib-Regiment  Munchen.
Ober-  Generalmajor  28.  nimt.  urbrn  Vurde
,.  .  Jn.gm.reymg«zngoka.
batknscheWMUUchEUOJuk.Rg.Mo-awitzwNeuburg.
Brigade.  Gaza  Leichtes  Bat.  Salern  Fandsberg--
  Leichtes  Bataillon  2te  Landsberg.

Z  Inf.  Rg.  Herz.  Wilh.  Landshut.
baierische  von  Landshut.  4Inf.  Rg.  Heri.  Vius  Passau.

Inf.  Rgme.  Junker  Amberg.
Brizade  Derov  uiSur.  Bat.  Metzen  Burph#usen.
Baierische  Generalmgjor  Curass.  Ng.  MinusslMünchen.
Gonllerie  1.  ren  6  München.  4  Ramt.  Taris  Neumarkt.

rigade  aufkir  Chev.  Rgmt.  Fugger  Landshut
3.6  Inf.  Rg.  Herz.  KarlUlm.
Sa-  Generaimalor,.Mm  Leichtes  Bat.  Vincenti  Memmingen.
Brigade.  Wrede  Leichtes  Bat.  Lessel  Dillingen.
*s2  Chev.  Rg.  Kurfürst  Ulm.
|  „  Inf.  Ng.  Isenburg  Bamberg.
Fränkisshe  Generallieu-  Gcoerppe  otr  ond  Wurzburg.
Brigade.  tenant  Graf  Würzburg.  Leichtes  Bat.  Lamotte  Würzburg.
I  se  n  b  ur  g  6  rL  Rg.  Leiningen  Würzburg.
*  ——
Bergi  Generalmajor  .  .
Bttåasge  von  dnelder.  Agme.  Kinkel.  Düsseldorf.
□—  Kinkel  9  Drag.  Rgmt.  vacant  Düsseldorf.

 

 

 

14  *
        <pb n="222" />
        —  212  —

Der  Gehalt  der  im  Dienst  stehenden  Offiziere  wurde
(23sten  Juli  1805)  erhdht;  das  Jahrgeld  der  im  Dienst
unrauglich  Gewordenen  und  Verstümmelten,  so  wie  der
Wirtwen  vor  dem  Feinde  Getddteter  vermehrt;  eine  Milirair-Wittwen=
  Casse  gestiftet;  auch  der  Sold  des  gemeinen
  Kriegers  bedeutend  gesteigert  (usten  August)  und
(Oten  März  1604)  endlich  ein  geheimes  Kriegs-Bureau,
unter  Leitung  des  Generals  von  Triva  aufgestellt,  welches
  durch  seine  collegialische  Form  Bürgschaft  gegen  die
Willkühr  des  Einzelnen  gegen  Einzelne  oder  Viele  gab.
Auch  das  alte,  schon  vom  Kurfürsten  Karl  Theodor
(17118)  eingeführte  Kriegsreglement  erhielt  nun  (Frühling
  18044)  eine  neue  Gestalt,  von  den  Generalen  Deroy
und  Wrede,  den  veränderten  Verhältnissen  des  Heeres
und  den  Fortschritten  der  Kriegskunst  angemessen,  bearbeitet.


Unabläßig  wurden  dem,  was  gethan  worden,  grössere
  und  kleinere  Verbesserungen  beigefügt,  wie  Erfahrung
  oder  Umstände  sie  gaben.  Man  veränderte  zum
Beispiel  das  bisherige  Cürassier-Regiment,  in  ein  Dragoner-Regiment,
  die  Eintheilung  des  Heers  von  Divisionen
  und  Brigaden  in  verschiedene  Inspectionen  (eine
ober  =  und  niederbaierische,  eine  schwäbische,  fränkische,
eine  baierische  Cavallerie  =  Inspection,  ein  bergisches  Provinz-Commando)
  ab;  gab  der  KLinien-Infanterie  und
Reiterei  (Slsten  März  1306)  eine  dem  jedesmaligen
Kriegszustande  angemessenere  Bildung;  setzte  die  Stärke
eines  Linien-Regimentes  auf  2,500  Gefreite  und  Gemeine
  fest,  davon  im  Frieden  nur  1,550  Mann  da  standen,
  im  Krieg  aber  2,000  Mann  ausrücken  sollten,  während
  500,  als  Nachhalt,  den  immerwährenden  Verlust
zu  ergänzen  bestimmt  waren;  gab  jeder  Compagnie  eines
        <pb n="223" />
        G  215

leichten  Bataillons  250  Mann,  (im  Frieden  nur  155)
davon  im  Keieg  200  Mann  ausrückten,  50  den  Nachhalt
  bilden  sollten;  eben  so  jeder  Escadron  180  Pferde,
davon  150  im  Kriege  ausrückten,  die  übrigen  30  im
Nachhalt  blieben,  so,  daß  mithin  jedes  Linien-Regiment
  zwei  Reserve=  Compagnien,  jedes  leichte  Bataillon
eine  erhielt,  und  jedes  Cavallerie-Regiment  eine  Reserve
  von  180  Pferden,  oder  eine  volle  Escadron,  zum
Nachhalt  hatte.  Außerdem  wurden  jeder  Compagnie  in
den  Linien-Regimentern  20  Schützen  mit  gezogenen  Gewehren,
  bei  den  leichten  Bataillons  mit  Büchsen  bewaffnet,
  zugegeben.

Zur  beständigen  Ergänzung  des  Heers  theilte  der
Kurfürst  (#isten  April  1805)  das  ganze  Land  in  acht
Militgircantons,  aus  welchen  die  Kriegspflichtlgen  nach
Bedürfniß,  mit  Capitulationszeit  von  zehn  Jahren,
C(doch  ein  Kriegsjahr  gleich  zwei  Friedensjabren  gelrend)
ausgehoben  werden  sollten;  und  zur  Erziehung  einer
cuchtigen,  kriegsverständigen  Jugend  widmete  er  den  verschiedenen
  dafür  errichteten  Anstalten,  dem  Cadertencorps
und  den  Regiments-Schulen,  die  aufmerksamste  Sorgfalt.
  Der  Grundsatz,  dem  Talent  und  Verdienst  stehen
die  Bahnen  zu  den  höchsten  Stellen  im  Heere  offen,
spornte  den  Wetteifer  Aller.

Ganz  vorzüglich  war  eine  gänzliche  Umschaffung
des  Artillerie-Wesens  dringend.  Schon  unter  Karl
Theodor  hatte  zwar  General  Rumford  darauf  hingewirkt,
  mancherlei  belehrende  Versuche  über  die  Wirkungen
  und  die  Expansiokraft  des  entzündeten  Schießvulvers
  u.  s.  w.  angestellt:  allein  das  Wesentlichste  zur
Verbesserung  dieser  wichtigen  Wassen-Art  zu  leisten,
        <pb n="224" />
        —  2½  —

hatte  er  zu  seiner  Zeit  nicht  alle  Hindernisse  bessegen
konnen.  Als  Maximilian  Joseph  die  Regierung  antrat,
  befand  sich  daher  das  Artillerie-Wesen  in  durchaus
elendem  Zustande.  Ein  einziger  Zeugwart,  der  zugleich
Cassier  und  Controlleur  war,  stand  mit  unbeschränkter  Vollmacht
  dem  Jeughause  vor;  die  Lafetten  wurden  von  bürgerlichen
  Arbeitern,  die  Kanonen  von  Giesern  verfertigt,
welche  nur  für  die  Dauer  ihres  Geschäftes  angestellr
waren.  Es  war  keine  Artillerieschule  vorhanden,  sondern
  die  Bildung  des  Offiziers  und  des  gemeinen  Mannes
  für  diese  Waffe  dem  Ohngefähr  überlassen;  sie  selbst
als  Wafsfe  der  Linien-Infanterie  betrachtet,  und  den
Compagnien  nach  deren  Stärke,  ohne  Rücksicht  auf  rechte
Bedienung,  zugetheilt.  Sogar  die  Pulverbereitung  war,
weil  man  dazu  den  Salpeter  im  unreinen  Justande  nahm,
höchst  mangelhaft,  eine  Gewehrfabrick  gar  nicht  in  Baiern
vorhanden.

Der  Kurfürst  beschloß  sogleich  dem  Artilleriewesen
die  ihm  gebührende  Selbstständigkeit  und  innere  Vollendung
  zu  geben.  Dazu  wählte  er  (im  Jahr  1300  schon)
einen  Mann,  welcher  für  diesen  Zweig  der  Kriegskunst,
im  Wissenschaftlichen  wie  im  Technischen,  ausgezeichneten
  Werth  besaß,  nähmlich  den  im  russischen  Dienste
gestandenen  Generallieutenant  von  Manson,  einen  franzdsischen
  Ansgewanderten.  Manson  erwarb  sich  in  der
That  um  das  balerische  Heer  ein  bleibendes,  entschieden
  großes  Verdienst,  welches  erst  in  späteren  Jahren,
besonders  nach  dem  Feldzuge  in  Rußland,  glänzend  zur
Anschauung  kam,  da  in  unglaublich  kurzer  Zeit,  wie  durch
einen  Zauberschlag,  aller  Verlust  an  Geschütz  wieder
ersetzt  ward.

Manson  begann  damit,  die  Artillerie,  sowohl
        <pb n="225" />
        —  215  —

ihrer  Bedienung  als  dem  Beduͤrfnisse  der  bayerischen  Armee
  gemäß,  bis  auf  neun  Compagnien  zu  Fuß,  jede  zu
100  Mann,  eine  reitende  Compagnie  von  103  Mann,
und  eine  Compagnie  Werkleute  von  50  Kbpfen  zu  vermehren.
  Jede  Compagnie  ward  einer  Batterie  von  sechs
Stück  Geschütz  zugegeben,  und  der  Sold  des  Offziers
wie  der  gemeinen  Mannschaft  erhöht.  Ein  eigends  besoldeter
  Gießer  stand  an  der  Spitze  der  neuerrichteten
Stückgießerei:  die  Ouvrier-Compagnie  beschäftigte  sich
mit  Umformung  des  Geschützes  und  der  Lafetten.  Die
Feldstücke  wurden  von  10  auf  18  ihrer  Durchmesser  verlängert:
  der  Spielraum  von  jeder  Gattung  des  Geschitzes
  gleich  genommen.  Man  legte  Pulvermühlen  zweckmäßiger
  an;  stellte  die  Bereitung  des  Pulvers,  mit  gereinigtem
  Salpeter,  und  Erprobung  der  Güte  des  Pulvers,
  durch  die  bis  dahin  unbekannt  gewesene  Pulverprobe,
  unter  Aufsicht  von  Artillerie-Offizieren,  und  brachte
es  im  Kurzen  dahin,  daß  sich  Bayern  rühmen  konnte,  in
dieser  Rücksicht  sehr  Vorzügliches  zu  leisten.  Dahin  wirkte
ganz  besonders  auch  die  neuerrichtete  Artillerie-Schule
mit,  welche  dem  Vaterlande  so  viele,  ausgezeichnete,
kenntnißvolle  Krieger  gebildet  hat.

Späterhin  (22sten  März  1805)  wurde  auf  Mansons
  Betrieb  die  Stärke  der  Artillerie  auf  drei  Bataillons,
  jedes  zu  zwolf  Compagnien  erhht,  und  der  deshalb
  erschienene  Armeebefehl  offenbarte,  welchen  hohen
Werth  der  Landes-Herr  und  der  Vorsteher  des  Kriegsbureau's
  auf  wissenschaftliche  und  sittliche  Bildung  dieser
Heer-Gattung  setzte.  Eben  so  mußten  jährliche  Uebungen
  sowohl  mit  Feldbatterien  als  mit  dem  Wurfgeschütz
  angestellt  werden.  Die  für  den  besten  Schuß  auf
die  Scheibe  ausgeworfenen  Preise  reitzten  den  Ehrgeitz
des  gemeinen  Mannes.
        <pb n="226" />
        —  216  —

Darauf  allein  aber  beschränkten  sich  des  vielthaͤti—
gen  Mansoné  Verdienste  nicht.  Er  gründete  in  Amberg
  (schon  im  Jahr  1800)  die  Gewehrfabrik.  Hier
behielten  die  Gewehre  zwar  den  bisherigen  Caliber  bei,
wurden  aber  durchaus  gleichförmiger  und  sauberer  gearbeitet;
  empfingen  zweckmäßigere  Schäftung,  messingene
Zündpfannen,  conische  Ladstocke,  statt  der  cylindrischen,
und  achtzehnzbllige  viereckte  Bajonette  statt  der  dreieckigten.
  So  stiftete  sich  Manson,  kräftig  unterstützt  von
den  beiden  nachmaligen  Generalen  Colonge,  dem
nachherigen  Obersten  Baron  Comeau  und  dem  Oberstlieutenant
  Reichenbach  in  den  Jahrbüchern  des  bayerischen
  Kriegswesens  ein  unvergeßliches  Gedächtniß.

Als  endlich  (Anfang  Septembers  1806)  der  Kurfürst
  unter  seinem  unmittelbaren  Befehl,  und  unter  ihm
die  Generale  Nogarola,  Deroy,  Talukkirch  und
Wrede,  bei  Nymphenburg  eilf  Linien  =  Regimenter,
sechs  Baraillons  leichten  Fußvolks,  zwei  Dragoner=  vier
Chevaurlegers-Regimenter  und  drei  Batterien  Geschütz,
zusammen  17,000  Mann,  in  einem  Lustlager  versammelte,
bewies  Gewandtheit,  Fertigkeit  und  Haltung  aller  Heergattungen
  in  dieser  Musterung,  wie  viel  schon  Treffliches
  im  Raum  weniger  Jahre  gethan  war.

 

5.

Ausbruch  des  Krieges  zwischen  Frankreich
und  Oesterreich  im  Jahre  13805.—  Bayerns
gefahrvolle  Stellung  und  Entscheidung
für  Frankreich  gegen  Oesterreich.

Nur  zu  bald  wurde  der  Werth  dieses  neugeschaffenen

Heeres  ernster  gepruft.
        <pb n="227" />
        —  217  —

Napoleon  Bonaparte,  als  erster  Consul  Haupt
des  französischen  Freistaats,  hatte  durch  Ueberlegenheit  an
Macht  und  staatskluger  Gewandheit,  eine  Gewalt  in
den  staatsthümlichen  Verhältnissen  des  Welttheils  gewonneu,
  wie  seltren  ein  Fürst  vor  ihm.  Nachdem  selbst  England
  den  Frieden  zu  Amiens  eingegangen  war,  verband
er  den  schönsien  Theil  Norditaliens  unrer  verschiedenem
Vorwand  und  Namen  mit  Frankreich,  gab  er  den  Holländern
  neue  Verfassung,  und  ward  er  in  den  bürgerlichen
Unruhen  der  Schweizer  deren  Schiedsrichter  und  Vermittler.
  Frankreich  schien  an  Macht  keinen  Nebenbuhler
  mehr,  als  England,  Napoleon  selbst  keinen  zu  haben,
  als  Pitt,  den  scharfsichtigen  und  unbeugsamen
Britten.  Der  Friede  Grosbrittanniens  und  Frankreichs
war,  seiner  Natur  nach,  unhaltbar.  Auch  erreichte  er
kaum  die  Sauer  eines  Jahrs.  —  Jede  Widerwärtigkeit
aber,  welche  Pitt  oder  die  Verkettung  der  Umstände
dem  Oberhaupte  Frankreichs  bereiteten,  verwandelte  Bonaparte
  hinwieder  in  Stufen  seines  höheren  Glanzes
und  Ruhms.  Es  legte  Frankreich  die  Kaiserkrone  auf
sein  Haupt;  er  selbst  fügte  dazu  die  eiserne  des  Königreichs
  Italiens.  Während  auf  Pitts  Wink  die  brirtischen
  Flotten  alle  Meere  beherrschten,  alle  Küsten  bedrohten,
  besetzte  auf  Napoleon's  Geheiß  ein  franzosisches
  Heer  die  Besitzungen  des  Kdnigs  von  England  im
deutschen  Norden,  das  Kurfürstenthum  Hannover.  Ja,
eine  Flotte  von  Landungsfahrzeugen  ward  an  den  französischen
  Küsten  geschaffen,  ein  Heer  am  Pas  de  Calais
versammelt,  und  der  Uebergang  gegen  das  biöher  unantastbar
  geschienene  Albion  gedroht.

Pitt  sah  nicht  ohne  Unruhe  die  ernsten  Bewegungen.
  Die  Gefahr  von  Großbrittannien  zu  entfernen,  be-
        <pb n="228" />
        —  218  —

wirkte  er  ein  kriegerisches  Bündniß  Englands  und  Rußlands
  (April  1805),  dem  bald  auch  Oesterreich  (August
1805)  zugewandt  ward.  Die  Streitmacht  von  einer  hals
ben  Million  Krieger  sollte  den  französischen  Kaiser  zur
Ränmung  Hannovers  und  Italiens,  zur  Freilassung  der
batavischen  und  helvetischen  Freistaaten  zwingen.  Auch
Preußen  ward  zum  Beitritt  in  den  Bund  gerufen;  doch
vergebens.  Es  wollte  unpartheisame  Stellung  bewahren,
  obgleich  selbst  Schweden  schon  früh  sich  dem  Verein
  gegen  Frankreich  angeschlossen  hatte.  Napoleon  hörte
von  den  Verbindungen,  von  den  Rüstungen  Oesterreichs.
Er  warnte.  Er  gab  Befehl.  Sein  Heer  verließ  die
Küste.  Binnen  siebenzehn  Tagen  standen  bereits  über
100,000  Mann  drohend  am  Rhein.

Wenn  Oesterreich,  nach  so  großen  Verlusten,  von
neuem  die  Waffen  ergriff,  war  es  wohl  weder  Eroberungssucht,
  noch  Begierde  der  Kache,  welche  dazu  verführen
  mochten:  sondern  ein  gerechter  und  heiliger  Ernst,
die  Unabhängigkeit  des  übrigen  Europa's  gegen  die  fortschreitenden
  Anmaßungen  eines  durch  Glück  und  Macht
vermessenen  Siegers  zu  schirmen.  Denn  dieser,  welcher
jede  Gunst  des  Augenblicks  für  eine  Mahnung,  jede  Schwäche
des  Gegners  für  Berechtigung  hielt,  alles  seinem  Willen
zu  unterwerfen,  zertrat  die  kleinern,  bedräute  die  groͤsseren
  Staaten,  ohne  Achtung  des  Völkerrechts  und  der
Verträge,  und  ließ  selbst,  wenn  alles  umher  niedergeworfen
  lag,  dem  Thron  des  Hauses  Habsburg  Gefahr
fürchten.

Binnen  wenigen  Wochen,  schneller  als  man  gefürchtet
  hatte,  war  der  Kriegsausbruch  entschieden.  Der
Hof  zu  München  wünschte  dem  neuen  Kampfe,  der  für
        <pb n="229" />
        —  219  —

Deutschland  verderbenvoller,  als  jeder  fruͤhere  zu  werden
drohte,  fremd  zu  bleiben,  wie  ihm  Preußen  fremd  blieb.
Bald  aber  ward  erkannt,  dieser  Wunsch  sey  unerfuͤllbar.
Oesterreich,  seiner  Erbstaaten  zu  schonen,  wollte  den
Kriegsschauplatz  auf  fremden  Boden  legen,  und  ließ  seine
Heere  zum  Inn  rücken.

Am  6ten  September  1305  erschien  der  Feldmarschall-Lieutenant
  Fürst  Schwarzenberg,  mit  einem
eigenhändigen  Schreiben  des  Kaisers  Franz,  in  München.
  Er  entwickelte  das  Verlangen,  daß  der  Kurfürst
sein  Kriegsvolk  mit  dem  dsterreichischen  gegen  Frankreich
vereinigen  moge,  da  Baitern  zu  schwach  sey,  gegen  Oesterreich
  oder  Frankreich  die  Neutralität  mit  dem  Schwerte
zu  schützen.  Dagegen  verhieß  der  Wienerhof  volle  Ges
währleistung  der  Unverletzbarkeit  von  den  baierischen  Staaten
  im  künftigen  Friedensschluß.

Anträge,  wie  diese,  mußten  am  Münchener-Hofe
die  widerstrebendsten  Empfindungen  erregen.  Man  fragte
sich:  mit  welchem  Rechte  eine  fremde  Macht  die  andere,
wenn  gleich  schwächere;  zwingen  könne,  wider  ihren  Willen
  an  einen  Krieg  Theil  zu  nehmen,  den  sie  Ursache
habe  zu  meiden.  Oder  welche  Belohnung  der  ungeheunren
  Opfer  an  Geld  und  Blut,  die  solch  ein  Krieg  notho
wendig  machen  dürfte,  zuletzt  in  der.  Verheißung  liegen
könne,  daß  Baiern  das  behalten  solle,  was  es  schon
besäße?  Und  wenn  man  den  Schmerz  des  Ehrgefühls
vergessen  wollte,  welchen  immer  der  Freie  empfindet,
wenn  ihm  der  Stärkere  das  Gesetz  geben  will,  weil  er
der  Stärkere  ist.;  so  konnte  man  sich  der  Furcht  nicht
vor  dem  wahrscheinlichen  Ausgang  des  Kampfes  erwehren.
  Noch  stand  Oesterreich  mit  frischgebildetem  Heer#
        <pb n="230" />
        —  220  —

allein  da,  Preußen  unpartheisam,  Rußlands  Hülfe  nur
in  der  Ferne;  hingegen  am  Rheine  Frankreichs  volle  Macht,
ein  kühnes,  altgeübtes,  sieggewohntes  Heer,  und  diese
überlegene  Macht  von  berühmten  Feldherren  geführt,  an
ihrer  Spitze  Napoleon  selbst,  dessen  Name  schon  ein
Heer  galt.  Und  hätten  auch  beiderseits  Streitkräfte  und
Feldheriugaben  wirklich  einander  das  Gleichgewicht  gehalten:
  so  dürfte  doch  nicht  ganz  vergessen  werden,  was
das  baierische  Volk  noch  nicht  vergessen  hatte.  Es  sollte
dieß  Volk  nämlich  für  Hesterreich  abermahls  in  den
Kampf  gehen,  für  eine  Macht,  welche  seit  vielen  Jahro
hunderten  die  gänzliche  Vernichtung  Baierns  begehrt,
oft  schon  vorbereitet  und  beschlossen,  hatte,  und  diese  Absicht
  noch  vor,  während  und  nach  dem  Lüneviller-Frieden
bei  jeder  Gelegenheit  und  in  den  Augenblicken  hervorleuchten
  ließ,  da  Baiern  noch  an  den  Wunden  blutete,  die
es  für  Oesterreichs  Rettung  und  Wohl,  als  Bundesgenoß
  empfangen  hatte.  Es  sollte  dieß  Volk  gegen
Frankreich  in  den  Kampf  gehen,  gegen  eine  Macht,
ohne  deren  Beistand  und  entschlossenen  Ernst,  Baiern
wahrscheinlich  von  dem  großen  Nachbarstaate  verschlung
gen,  seines  angestammten  Fürstengeschlechts  verlustig,  und
als  eines  der  ältesten  Stammvölker  Deutschlands  zur
habsburgischen  Nobenprovinz  geworden  wäre.  Dieß  hatte
das  Volk,  dieß  das  Heer  nicht  vergessen.  Es  konnte
seine  Furcht  und  Scheu  vor  Oesterreich  nicht  in  Liebe,  und
seine  Dankbarkeit  gegen  Frankreich  nicht  in  Haß  verkehren.

Kurfürst  Maximilian  Joseph  kannte  diese
Stimmung,  und  wußte,  wie  stark  er  mit  ihr  oder  wider
sie  seyn  würde.  Aber  auch  wußt'  er,  als  deutscher  Fürst,
was  er  zuletzt  für  Ocutschlands-Unabhängigkeit  und  Ehre
gegen  ausländische  Bothmaßigkeit  sollé;  nicht  minder,  als
        <pb n="231" />
        Landesherr  und  Vater  seines  Volks,  wie  sehr  Baiern
eines  langen  Friedens  bedürfe,  um  wieder  zum  alten
Wohlseyn  genesen  zu  köonnen.  Gern  noch  würd“  er  seine
Waffen  mit  denen  des  deutschen  Kaiserhauses  verbunden
haben,  hätt’  er  um  diesen  Preis  die  innere  Stille  seines
Landes  und  die  äußere  Sicherheit  gegen  Kriegsnoth  erkaufen
  können.  In  diesem  Sinne  antwortete  der  Kurfürtt
  dem  Kaiser,  und  er  beschwor  das  Reichsoberhaupt,
dem  schwerbedrängten  Baiern  um  so  mehr  eine  volle  Neutralität
  zuzugestehen,  als  sich  sein  erstgebohrner  Prinz
wirklich  noch  in  Frankreich,  und  also  in  der  Gewalt  dieser
Macht  befände.

Wie  nun  aber  wirklich  die  Vereinigung  des  baierischen
  Heers  mit  dem  dsterreichischen  zur  Sprache  kam,
und  Fürst  Schwarzenberg  dem  baierischen  Kriegsvolke
  alle  Selbsiständigkeit  entziehen  wollte,  es  vereinzelt
den  Heerschaaren  Oesterreichs  einzuverleiben  ganz  unbedingt
  verlangte:  da  sträubten  sich  Selbsigefühl  und  Ehre
unwillig  gegen  die  Zumuthung.  Die  Unterhandlungen
wurden  abgerissen,  welche  Baiern  vor  der  Welt  entwürs
digen,  und  einem  Bundesgenossen  das  Loos  des  besiegten
  Feindes  zutheilen  wollten.

Inzwischen  rückte  die  bdsterreichische  Kriegsmacht  unaufhaltsam
  vor.  Erzherzog  Ferdinand,  und  unter  ihm
Feldzeugmeister  Mak,  ihre  Oberbefehlshaber,  führten  sie
schon  (den  Zien  September)  über  den  Inn,  und  ohne
weitere  Anfrage  in  Baiern  hinein.  Es  schien  darauf  angelegt
  zu  sepn,  das  ganze  südliche  Deutschland  zu  überraschen,
  und  im  Sturm  mit  fort  gegen  Frankreich  zu  reisseen.
  Diese  Verletzung  aller  Rücksichten  aber,  diese  Verletzung
  des  Völkerrechts,  und  mochte  sie  auch  von  der
Nothwendigkeit  geboten  seyn,  entfremdete  dem  Hause  Oe-
        <pb n="232" />
        —  222  —

sterreichs  jaͤhlings  die  suͤddeutschen  Fuͤrsten,  und  ward
die  erste  Ursache  zum  unglücklichen  Ausgang  der  Ereignisse
für  Oesterreich.

Schon  war  in  Baiern  (5ten  September)  die  Einberufung
  aller  beurlaubten  Krieger  geboren.  Die  Schagren
  der  ober=  und  niederbaierischen,  der  schwäbischen  Militair=
  und  baierischen  Cavallerie-Inspection,  nebst  dem
dritten  Artillerie-Bataillon  empfiengen  Befehl  (Tien  September),
  sich  sogleich  unter  Anführung  des  Generallientenants
  von  Deroy  bei  Amberg  zu  sammeln.  *)  Der
Kurfürst  selbst  verließ,  um  Herr  seines  freien  Entschlusses
  zu  bleiben,  noch  in  der  Nacht  vor  dem  Oten  September
  die  Hauptstadt  und  begab  sich  nach  Würzburg.  Wenige
  Tage  nachher  zogen  die  Oesterreicher  durch  München
gegen  den  Lech.

 

*)  Das  dem  Generallieutenant  Deroy  demnach  untergeordnete
  Corps  bestand,  die  schwäbische  Inspestion  ausgenommen,
  gus  den  Infanterie-Regimentern

1stes  Linien-Leib-Regiment,  2  Bataillons
Ztes  Linien=  Regiment  Kurprinz  2  „
ötes  Linien  -Regiment  Salern  2  *
Stes  Linien-Regiment  Preysing  2  »
Otes  Regiment  Herzog  Wilhelm  2
Ztes  Regiment  Herzog  Pius  2
botes  Linien  -Regiment  Junker  2

—.—

*7  3

 

Summa  14  Bataillons.

bsstes  leichtes  Bataillon  Meßzen
Stes  leichtes  Bataillon  Prevfing
Stes  leichtes  Bataillon  Stengel

 

 

Summg  5  leichte  Bataillons.
        <pb n="233" />
        —  223  —

Rührend  offenbarte  sich  die  Treue  und  Vaterlandsliebe
  der  Baiern  in  diesen  verhängnißschwangern  Tagen.
Mitten  durch  die  zahlreichen  Haufen  fremder  Kriegsschaaren,
  ungeschreckt  durch  die  Worte  fremder  Uebermacht,
  eilten  die  beurlaubten  baierischen  Soldaten,  auf
den  ersten  Ruf  ihres  Landesfürsten,  den  vaterländischen
Fahnen  zu.  Nicht  der  Anbau  ihres  Feldes,  nicht  das
Glück  im  Schooße  ihrer  Familien  hielt  sie  zurück;  und
die  Einzelnen,  welche  wirklich,  der  Ehre  vergessend,  zurückbleiben
  konnten,  fühlten  sich  bald  vom  Schimpf  und
Fluch  ihrer  Mubürger,  ja  ihrer  eignen  Familien  belastet.
Binnen  zehn  Tagen  stand  bei  Amberg  das  Corps  des
Generallieutenants  von  Deroy,  und  bei  Ulm  ein  anderes
  unter  Befehl  des  Generallieutenants  von  Wrede
versammelt,  beide  mit  dem  bestimmten  Befehl,  jede  Berührung
  mit  einem  fremden  Heere  zu  vermeiden,  aber
jede  Gewaltthat,  welche  die  Ehre  der  bajerischen  Waf-#1stes

  Chevgurlegers-Regiment  3  Eseadrons
ötes  Chevaurlegers-Regiment  1#  »
istes  Dragoner-Regiment  3

2tes  Dragoner-Regiment  3  „

v

Summa  10  Escadrons

und  3  Batterien,  im  Ganzen  aus  13  Bataillons,  10  Escadrons,
  3  Batterien.  Die  schwäbische  Inspection  bestand
aus  dem:
Sten  Linien-Regiment  Herzog  Karl  2  Bataillons
Tten  Linien-Regimennnn.  2  *

2ten  leichten-Bataillon-Vinzenti  1  *
öten  leichten-Bataillon-Weinbach  1
#ten  Chevauxlegers-Regiment  4  *

Zusammen  6  Batgillons,  4  Escadronen  und  20  Kanonen,  stark.
        <pb n="234" />
        —  221  ——

fen  gefährden  kodunte,  mit  Nachdruck  zurückzuweisen.
Daher,  sobald  Wrede  den  Eilzug  der  Oesterreicher  gegen
  Ulm  vernahm,  zog  er  sich  (18ten  September)  über
Ellwangen,  Wellberg  und  Gogstadt  nach  Rothenburg.
Die  Ueberschreitung  würtembergischen  Gebiets  nach  vorläufiger
  Ankündigung  gieng  dabei  aus  dem  Zwang  der
Umstände  hervor.  Eben  so  zog  sich  auch  Deroy,  als
er  das  Anrücken  dsterreichischer  Kriegsvolker  zur  Donau
und  gegen  Amberg  vernahm,  (in  der  Nacht  vor  den  25sten
September)  nach  Bamberg  zurück.

Wie  eilfertig  auch  anfangs  die  österrelchischen  Heersäulen
  überall  vorrückten,  als  wollten  sie,  eines  Fluges,
  die  Schweizergränzen  und  den  Rhein  erreichen,
machten  sie  doch  plötzlich  und  unerwartet  Halt,  indem
sie,  88,000  Mann  stark,  an  der  Iller  und  Schussen
und  auf  beiden  Ufern  der  Donau,  zwischen  Ulm  und
Memmingen,  Stellung  nahmen,  welche  zwei  Städte
mit  aller  Thätigkeit  befestigt  wurden.  Der  Grund  schien
leicht  erkennbar.

Der  Kaiser  der  Franzosen  gieng  (den  25ten  und
26sten  September)  mit  153,000  Mann  ')  über  den  N  hein.

 

PE)  nämlich:

14)  den  Kaiserlichen  Garden  und
2)  der  Caval.-Reserve  5  Divissonen  unter

Murat  .  338,000  Mann
3)  dem  isten  Corps  unter  Marschall  Bernadortte

  aus  3  Divisionen  15/000  „
5)  den  2ten  Corps  unter  Marschall  Marmont

  aus  3  Divisionen  2s,000  „
5)  dem  ören  Corps  unter  Marschall  Davoust

  gus  5  Dirisionen  „  17,000  P„D
        <pb n="235" />
        —  225  —

Dagegen  war  die  oͤsterreichische  Macht,  besonders  wenn
noch  ein  beträchtliches  Beobachtungscorps  gegen  die
Balern  in  der  Oberpfalz  abgesendet  werden  sollte,  allzuschwach.
  Auch  hatte  nun,  wie  zugleich  der  Kurfürst
von  Würtemberg,  schon  Kurfürst  Marimilian  Joseph
nunwiderrustich  entschieden,  da  keine  Neutralttät  für  ihn
mehr  zu  hoffen  war,  sich  derjenigen  der  kriegführenden
Mächte  anzuschließen,  die,  ohne  vorher  seine  Selbstständigkeir
  gekränkt  zu  haben,  Ehre  und  Unabhängigkeir
Baierns  am  Nachdrücklichsten  sichern  konnte  und  wolte.
Zu  spät  erschien  nun  der  bösterreichische  Gesandte,  Graf
Buol-Schauenstein,  vor  dem  Kurfürsten  (Listen
September).  Schon  war  die  Lage  der  Dinge  zu  sehr
verwandelt.

Also  sah  sich  Baiern  jählings  in  einen  Krieg  verwickelt,
  an  welchem  es,  ohne  Vorbereitung,  von  der
Macht  der  Umstände  zur  Theilnahme  gezwungen  war.
Durch  eine  Reihe  vorangegangener  Kriege  erschöpfr,  hatte
es  seit  Abschluß  des  Lüneviller=  Friedens  zu  kurze  Frist
gehabt,  dem  Wehrstande  die  ndihige  Vollendung  zu  ges
bent  aber  mehr  geleistet,  als  eben  solche  Frist  erwarten
ließ.

6)  dem  aten  Corps  unter  Marschall  Soult
aus  3  Divisionen  15,000  Mann
7)  dem  öten  Corps  unter  Marschall  Lannes
  aus  3  Divisonen  10,  000  „
8)  dem  öten  Corps  unter  Marschall  Nev
aus  5  Divisionen  1585,000
M  dem  rten  Corps  unter  Marschall  Augeregu
  gus  #  Dioisionen:  „

–—  —

 

 

 

Summa  134,000  Mann
——  —
10
        <pb n="236" />
        —  226  —

4.
Innere  Bildung  des  baierischen  Heers.  Vereinigung
  desselben  mit  Marschall  Bernadotte.
  Anfang  der  Feindseligkeiten.

Es  ward  das  Heer  der  Baiern  unter  dem  Oberbefehl
Deroy's  und  Wrede's  in  sechs  Brigaden  getheilt.
Jede  Brigade  war  aus  zwei  Linien-Regimentern,  einem
  Bataillon  leichten  Fußvolks  und  einem  Regimente
Reiterei  zusammengesetzt.  'z)  Jedes  Linien-Regiment  bestand
  aus  zwei  Bataillons,  das  Bataillon  aus  einer
Grenadier=  und  drei  Füßilier-Compagnien,  die  Compagnie
aus  155  Feuergewehren.  Ein  leichtes  Bataillon  hatte
ebenfalls  vier  Compagnien.

Die  bisher  bei  den  Linien-Regimentern  gewesene
neunte  und  zehnte  Compagnie,  so  wie  die  fünfte  der
leichten  Bataillons,  wurden  von  ihren  Corps  gerrennt,

 

*5)  iste  Brigade:  Generglmajor  Graf  Nutius
Minnucci.
istes  Linien=  Infanterie-Leib-Regiment,
#tes  Linien-Infanterie-Regiment  Kurprinz.
41stes  leichtes  Infanterie-Bataillon  Mehzen.
rstes  Dragoner-Regiment  Minuzzidte
  Brigade:  Generalmgjor  Graf  Marsigli.
ötes  Linien-Infanterie=  Regiment  Salern.
Stes  Linien  -Infanterie-Regiment  Prevsing.
5tes  leichtes  Infanterie-Bataillon  Lamotte.
#tes  Dragoner-Regiment-Taxis.
öte  Brigade:  Generalmgjor  Graf  Mezanelli-.
Stes  Linien-Infanterie-Regiment  Herzog  Karl.
vtes  Linien=  Infanterie-Regiment.
2#tes  leichtes  Infanterie  =  Batajllon  Vincenti.
1stes  Chepguxlegers  =  Regiment  Kurprinz.
        <pb n="237" />
        mit  den  durch  jene  neue  Einrichtung  uͤberzaͤhlig  gewordenen
Offizieren  und  Gemeinen  verbunden,  und  voͤllig  bewaffnet
  nach  Wuͤrzburg  geschickt.  Aus  ihnen,  und  besonders
aus  der  übrigbleibenden  Mannschaft  vom  Oten  und  12ten
Regiment  (Isenburg  und  Löwenstein),  formte  sich  dort
ein  dreizehntes  Linien-Regiment.  Alles,  was  diesem
nicht  eingereiht  ward,  gab  für  die  Bataillone  einen  Ergänzungsbestand
  ab,  in  welchem  die  neuzukommende
Mannschaft  von  gedienten  Hauprleuten  im  Felodienst  vorgeübt
  wurde.

Auf  ähnliche  Weise  ward  die  Reiterei  eingetheilt.
JFedes  Regiment  nämlich  rückte  mit  vier  Escadronen  oder
zwei  Divisionen  ins  Feld,  die  zwei  übrigen  Escadronen
machten  unter  dem  Oberstlieutenant  jedes  Regimenrs
den  Ergänzungsbestand  aus.  Sämmtliche  Ergänzungsmannschaften
  des  Fußvolks  standen  unter  Befehl  des  Ge-Ste

  Brigade:  Generalmgjor  Baron  Karg.
btes  Linien-Infanterie-Regiment  Herzog  Wilhelm.
15tes  Linien-Infanterie-Regiment.
Stes  leichtes  Infanterie=  Batgillon  Preysing.
Z2tes  Chevaurlegers-Regiment  Kurfürst.

Söte  Brigade:  Generalmgjor  GrafFranz  Minucci.
htes  Linien  -Infanterie-Regiment  Herzog  Pius.
12tes  Linien-Infanterie-Regiment  Löwenstein  Wertheim.
Stes  Chevauxrlegers-Regiment  Leiningen.

Ates  leichtes  Bataillon  Stengel.

öte  Brigade:  Generalmajor  Siebein.
ptes  Linien-Infanterie-Regiment  Isenburg.
210tes  Linien  -Infanterie-Regiment  Junker.
öStes  leichtes  Infanterie  -Bataillon  Weinbach.
Ates  Chevauxlegers-Regiment  Bubenhofen.
16  *
        <pb n="238" />
        —  228  –

—

neralmajor  von  Krohne,  und  der  Reiterei  unter  dem
Generallieutenant  Grafen  von  Taufkirchen.

Jeder  von  den  obenerwähnten  Brigaden  wurden  drei
Batterien  Geschütz  zugetheilt,  die  Batterie  zu  zwei  Zwlfpfündern,
  acht  Sechspfündern  und  zwei  Haubitzen  gerechnet,
  nebst  Feldschmieden,  Kohlenwagen  und  Munitionèwagen.
  ')  Zwdlf  andere  Stücke  bildeten  die  Artilleriereserve
  im  Felde.  Zur  Bedienung  gesammten  Geschützes
  waren  vier  Compagnien  Artilleristen  bestimmt.
Der  General  Baron  Hallberg  übernahm  den  Befehl
des  Artillerie-Depots,  die  schleunigste  Ausrüstung  des
noch  vorräthigen  Feldgeschützes  und  die  Ausfertigung  der
erforderlichen  Munition.  Was  ein  Mann  von  Kraft,
Sachkunde  und  Regsamkeit  leisten  kann,  das  bewieß  dieser
  treffliche  Befehlshaber.  Kaum  in  Vorchheim  (17#te#n
September)  eingetroffen,  lieferte  er  binnen  sechs  Tagen
schon  eilf  Wagen  voll  neubereiteter  Munition  für  die
Artillerie  und  300,000  Patronen  für  die  Infanterie,  dann
(26ten  Septbr.)  nach  Würzburg  aufgebrochen,  sicherte
er  nicht  nur  den  augenblicklichen  und  zukünftigen  Bedarf
der  baierischen  Armee  und  der  Veste  Marienberg  an  Schießbedarf
  für  Artillerie=  und  Infanterie,  an  Lafeten,  Wagen
  u.  s.  w.,  sondern  befriedigte  auch  die  Forderung  des
französischen  Heers  mit  fünf  Millionen  Flintenpatronen.

Selbst  diejenigen,  welche  bisher  noch  den  Werth
der  eingeführten  Verbesserungen  beim  Kriegswesen  bezweifelt
  haben  mochten,  erkannten  ihn  jetzt  willig  an,
und  fühlten,  nachdem  ihnen  der  Aufwand  für  das  Heer- 



—

*.)  Sämmtlichen  30  Bataillonen  wurden  60  Infanterie  =  und
der  Reiterei  9  Cavallerie-Munitionswagen  gegeben.
        <pb n="239" />
        wesen  im  Frieden  unmaͤßig  geschienen,  die  Nothwendigkeit,
  daß  man  im  Frieden  den  Krieg  ruͤsten  muͤsse,  wenn
man  durch  den  Krieg  ehrenhaften  Frieden  begehre.

Unterdessen  hatte  General  Mak  die  Stellung  des
österreichischen  Heers  festgeordnet,  den  Engpässen  des
Schwarzwaldes  gegenüber.  Die  Hauptmachtr,  in  einer
sechs  Meilen  weiten  Ausdehnung,  hatte  er  rechts  an
Ulm,  links  an  Memmingen  gelehnt.  Fürst  Schwarzenberg,
  mit  den  Vorwachten  jenseits  der  Iller,  streckte
seinen  linken  Flügel  bis  Lindau,  das  er  befestigte.  Im
Vorarlberg  stand  General  Jellachich;  bei  Donanworth
General  Kienmair.  So  glaubte  Mak  mit  Sicherheit
die  Ankunft  der  rußischen  Kriegsmacht  abwarten,  oder
nach  Belieben  angriffsweise  verfahren  zu  kdunen.

Kaiser  Napoleon,  über  Straßburg  nach  Ludwigsburg
  (#ten  October)  angekommen,  schloß  mit  den  Hofen
von  Baden,  Würtemberg  und  Baiern  die  Bündnißverträge
  ab,  und  faßte  sogleich  den  Gedanken,  die  Vereinigung
  der  rußischen  Hülfsmacht  mit  dem  Heer  der
Oesterreicher  unmdglich  zu  machen,  daher  die  Engpässe
des  Schwarzwaldes  zu  umgehen,  und  die  Desterreicher
von  der  Nordseite  der  Donau  her  anzugreifen.  Also
zog  sich  Marschall  Davoust  mit  15,000  Mann  über
Mannheim,  Heidelberg,  Ingelfingen  gegen  Südfranken,
Marschall  Soult  mit  15,000  Mann  über  Germersheim,
Heilbronn  und  Aalen  gegen  Rdrdlingen;  Marschall  Ney,
Lannes,  Murat  gegen  Stuttgart;  Marschall  Marmont,
  mit  der  batavischen  Armee  25,000  Mann  stark,
über  Mainz  nach  Würzburg,  um  sich  mit  Marschall
Bernadotte  zu  vereinigen,  welchem  Napoleon  den
Oberbefehl  des  ganzen  linken  Flägels  und  zugleich  der
baierischen  Armee  anvertraut  hatte.
        <pb n="240" />
        —  230  —

Bernadotte  selbst  war  (2rsten  September)  in
Wuͤrzburg  eingetroffen.  Am  dritten  October  sollte  von
hier  Alles  aufbrechen,  den  naͤchsten  Weg  nach  Noͤrdlingen,
  weil  Napoleon  vermuthete,  Mak  werde  ihm
entgegen  gehen,  und  in  jener  Gegend  eine  Schlacht  wagen.
  Tags  vor  dem  Aufbruch  kuͤndete  Marschall
Bernadotte  dem  Generallieutenant  Wrede  an,  wohin
  der  Zug  gehe,  daß  man,  auf  Befehl  des  Kaisers,
ohne  Ruͤcksicht  auf  Preußens  Neutralitaͤt,  das  Gebiet
von  Ansbach  uͤberschreiten,  und  Wrede  mit  den  Baiern
den  Vortrab  des  Ganzen  bilden  musse.

Der  baierische  General  erschrack,  und  suchte  mit  alter
  Beredsamkeit  den  franzdsischen  Marschall  zu  bewegen,
von  dieser  Verletzung  eines  neutralen  Bodens,  oder  wenigstens
  davon  abzustehen,  daß  keine  Baiern  dazu  gebraucht
  würden,  weil  die  dankbar  persoönliche  Anhänglichkeit
  des  Kurfürsten  am  preußischen  Monarchen  durch
solche  Gewaltthat  auf's  Bitterste  gekränkt  würde.  Ja  der
Kurfürst  selbst  ließ  es  nicht  an  Versuchen  fehlen,  wenigstens
  zu  verhindern,  daß  keine  Baiern  an  der  Spitze
des  franzdsischen  Heeres  ein  Land,  gleichsam  feindlich,
berührten,  dessen  Landesherr  sowohl,  als  die  Vorfahren
desselben,  in  entscheidenden  Augenblicken  den  Staat  von
Baiern  vor  Untergang  bewahrt  hatten.  Der  Marschall
blieb  unbeweglich.  Er  hatte  den  gemessenen  Befehl  des
Kaisers;  und  dem  Kaiser  schien  sehr  daran  gelegen  zu
seyn,  eben  die  zwischen  dem  preußischen  und  baierischen
Hause  bestandenen  Freundschaftsverhältnisse  zu  zerreissen.
Nichts  war  mehr  zu  ändern;  die  Zeit  zu  kurz.  Sollte
der  Souverän  von  Baiern  hier,  nahe  vor  den  Schlachttagen,
  eigenmächtig  seinem  Sinne  folgen;  die  gesammten
  Entwürfe  seines  neuen  Bundesgenossen  umstürzen;
        <pb n="241" />
        ihn  den  daraus  entstehenden  Gefahren  Preis  geben,  und
noch  dessen  Rache,  neben  Oesterreichs  Zorn,  uͤber  sich
und  sein  Land  rufen?  Es  blieb  keine  Wahl.

Der  Zug  begann,  und,  trotz  aller  feierlichen  Vere
wahrungen  einzelner  Civil=  und  Militairbehdrden,  über
Vorchheim  durch  das  Hreußische  Gebiet.  Generallientenant
Wrede  bildete  den  Vortrab  der  Baiern,  die  durch  ihren
  Feldherrn  Deroy  (Aten  October)  das  ermunternde
und  mächtige  Wort  ihres  Landesfürsten  vernahmen,  sich
auf  die  herannahenden  großen  Ereignisse  vorzubereiten.
Beinahe  100,000  Mann  zogen  über  das  Gebiet  von  Ansbach,
  nicht  ohne  beträchtlichen  Schaden  dieses  bisher
unter  einer  väterlichen  Verwaltung  glücklich  gewesenen
Ländchens.  Aber  mit  dieser  schreienden  Verletzung  des
Volkerrechts  war  das  Verderben  des  osterreichischen  Heers
bei  Ulm  so  gut,  als  entschieden.  Denn  Napoleon
hatte  nun  binnen  wenigen  Tagen  durch  woblberechnete
Bewegungen  die  Engpässe  des  Schwarzwaldes  vermieden,
seinen  rechten  Flügel  nicht  den  Bedrohungen  aus  den
Tirolergebirgen  blosgestellt,  sondern  sein  Heer  nach  Bailern,
  dem  Feinde  seitwärts  und  im  Rücken  versetzt.

Am  öten  Öctober  stand  nähmlich  Marschall  Ney
bei  Katzenstein,  südwestlich  von  Rördlingen,  zur  Beobachtung
  Ulms;  Soult  an  den  Brücken  von  Donauwörth
und  Münster:  Lannes  bei  Neresheim,  Prinz  Murat
mit  seinen  Dragonern  an  der  Donau;  Davoust,  links
und  rechts  der  Wernitz,  bei  Oettingen;  Marmont
bei  Wassertrüdingen;  Bernadotte  bei  Gunzenhausen
mit  Streifhaufen  bis  gegen  Weissenburg;  Deroy  mit
den  Baieru  bei  Spalt,  deren  Vortrab  unter  Wrede
starke  Partheien  nach  Hippoltstein  und  Heidek  schickte.
        <pb n="242" />
        —252  —

Zu  derselben  Zeit  standen  die  Oesterreicher  noch  ganz
unverändert  in  alter  Stellung,  ausgenommen,  daß  General
  Kienmair  früher  schon  von  Donaunb#rth  nach
Mindelheim  gegangen  war.  Der  Feldzengmeister  Makb
hielt  alle  Bewegungen  seines  Feindes  für  Scheinbewegung,
  und  wähnte,  der  Angriff  gegen  ihn  müsse  von
Wesien  her  geschehen.  Diese  Täuschung  vollendete  das
Unglück  seines  braven  Heers.

 

5.
Gefechte  bei  Rain,  Wertingen,  Gänzburg.
Befreiung  Münchens.  Maks  Capitulation
in  Ulm.  Werneks  Capitulation  in  Trochtelfingen.

  Erzherzog  Ferdinands  Zug
nach  Böhmen.

Nach  einem  nächtlichen  Zug  gieng  Murat  bei  Tagesanbruch
  (Iten  October)  zu  Donauwörth  ungehindert
über  die  Donau,  gegen  Rain  am  Lech.  Hier  griff  sein
aus  Dragonern  bestebender  Vortrab,  geführt  vom  Oberst
Walter,  den  beträchtlichen  Heerhaufen  Kienmairs
an,  und  zwang  ihn  zum  Rückzug  nach  Aicha.  Während
  dessen  wandten  sich  die  Baiern  über  Ellingen  nach
Weissenburg,  wo  sie  sich  links  dieser  Stadt  lagerten
und  Bernadottes  Schaaren  rechts.  Der  franzdsische
Vortrab  unter  General  Kellermann  entsandte  Streifwachten
  bis  Eichstädt;  Deroy  dergleichen  auf  die  Gredinger=
  und  Beilengrießer-Straße;  Wrede  auf  die  Straße
nach  Kupfenberg.  Mit  den  Heerhaufen  Davoust  und
Marmonts  wurden  Verbindungen  gufgesucht  und  unterhalten.
        <pb n="243" />
        Nun  ward  Mak  unruhiger.  Er  dehnte  seine  Stellung
  (Tien  October,)  längs  der  Donan  bis  Günzburg  aus,
und  ließ  den  Feldmarschall-Lieutenant  Auffenberg
nach  Wertingen  rücken,  die  bei  Oonauwörth  herübergekommenen
  Franzosen  zu  beobachten.  Aber  Murat
warf  sich  mit  drei  Divisionen  Reiterei,  und  dazu  noch
durch  Oudinots  Grenadier-Dioisionen  und  den  Heerhaufen
  des  Marschalls  Lannes  unterstützt,  so  überlegen
  und  rasch  gegen  Auffenberg,  daß  die  ausgezeichnete
  Tapferkeit  weder  des  in  Vierecken  aufgestellten  österreishischen
  Fußvolks,  noch  des  Cavallerie-Regiments,  zum
Widerstand  stark  genug,  war.  Die  Oesterreicher  verloren
  durch  dieß  unglückliche  Gefecht  52  Offiziere,  1400
Mann,  3  Fahnen,  6  Kanonen,  und  die  Verbindung
zwischen  Ulm  und  Augsburg.  Und  in  der  gleichen  Zeit
setzte  Bernadottes  Corps,  von  Deroy's=  und
Wrede's  Batern  begleitet,  seinen  Marsch  fort  über
Eichstädt,  wo  die  Besatzung,  eine  Compagnie  Salzburger,
  durch  einen  Zug  der  Leib-Compagnie  des  dritten
  Regiments  (Herzog  Karl)  unter  dem  Oberlieutenant
Treuberg,  entwaffnet  wurde,  —  nach  Eidensheim  bei
Ingolstadt;  Wrede  mit  dem  Vortrab  über  die  Donau
is,  Unsern-Herrn.  Aus  allen  Bewegungen,  welche  Napoleon
  anordnete,  aus  dem  Auftrage,  den  Bernadotte
an  Wrede  erließ,  gegen  München  zu  dringen,  diese
Hauptstadt  vom  Feinde  zu  befreien,  und  dann  auf  der
Straße  gegen  Wien  seine  Vortheile  zu  verfolgen,  —
ward  klar,  der  ganze  Gang  dieses  Feldzuges  sollte  gleichsam
  eine  Wiederholung  dessen  werden,  den  Moregqu
schon  im  Jahr  1800  befolgt  hatte.  Deun  im  Fall  einer
Niederlage  der  Oesterreicher  bei  Ulm,  blieb  ihnen,  sobald
München  und  die  Umgebungen  ihnen  verschlossen  stan-
        <pb n="244" />
        den,  keine  Vertheidigungs-Linie  mehr.  als  am  Inn,
zu  nehmen  uͤbrig.  Generallieutenant  Wrede  zog  also
gegen  Muͤnchen,  und  kuͤndigte  seinen  Kriegern  in  einem
des  großen  Augenblicks  wuͤrdigen  Tagesbefehl  eine  thatenreiche
  Zukunft  an.

Feldzeugmeister  Mak  inzwischen,  belehrt  vom  Unglück
  der  Seinigen  zu  Wertingen,  zog  alsbald  seine  ganze
Hauptmacht  in  eine  neue  Stellung  zusammen,  links  an
Ulm,  rechts  an  Günzburg  gestützt.  Er  selbst  verlegte
sein  Hauptlager  nach  Günzburg.  In  Memmingen,  dessen
  Befestigung  fortgesetzt  ward,  ließ  er  nur  Besatzung.
Aber  mit  dieser  Stellung  gabeer  seine  rechte  Seire  und
seinen  Rücken,  so  wie  die  Verbindung  mit  dem  Tirol
preis,  um  so  mehr,  da  Fellachich  in  Eil  vom.  Bodensee
  nach  Ulm  rücken  mußte.  Von  der  andern  Seite
hingegen  führte  Napoleon  seinen  Entwurf  ungehindert
aus,  den  Feind,  welchen  er  nördlich  und  dstlich  umgieng,
fest  zu  umspinnen.  Schon  hatten  Launes  und  Murat,
nach  dem  Tag  bei  Wertingen,  auch  Zusmarshausen  besetzt.
  Nun  entflammte  der  französische  Kaiser  mit  der
ihm  eigenen  Beredsamkeit  sein  Heer  zum  großen  Schlage.
Murat,  durch  eine  Bewegung  nach  Burgau,  bedrohte
Günzburg  rückwärts,  während  Marschall  Ney,  von
Katzenstein  her,  die  Oerter  Langenau  und  Günzburg  selbft
angriff  (gten  October),  um  sich  der  drei  Donaubrücken
in  diesen  Gegenden  bemeistern  zu  können.  Es  war  ein
blutriger,  hartnäckiger  Kampf.  Die  Oesterreicher  fochten
ldwenhaft,  begeistert  durch  Muth,  Wort  und  That  ihres
  Anführers,  des  Erzherzogs  Ferdinand.  Aber,
als  sie  der  Ihrigen  schon  bei  1200  und  den  General
Aspre  verloren  hatten,  mußten  sie  auf  den  Besitz  ihrer
  Stellung  verzichten.
        <pb n="245" />
        Unterdessen  zogen  von  allen  Seiten  die  franzoͤsischen
Schlachthaufen,  jetzt  und  in  den  folgenden  Tagen,  ihren
  Kreis  fester  und  enger  gegen  Ulm  zusammen.  Davoust,
  nach  Alcha  vorgedrungen  (Oten  October),  veranlaßte
  den  Rückzug  des  Generals  Kienmair  nach
München.  Lannes  erreichte  (11ten  October)  süddstlich
von  Ulm  den  Punct  Weissenhorn;  Soult,  über  Aicha
gehend,  Landsberg  am  Lech,  wo  er  einem  Regiment  österreichischer
  Cürasssere  beträchtlichen  Schaden  zufügte;  Ney,
an  beiden  Donauufern  vorrückend,  stellte  eine  Abtheilung
seines  Heerhaufens  mit  dem  General  Dupont  am.  noͤrdlichen
  Ufer,  eine  andere  gerade  Ulm  gegenüber  auf;  Marmont
  eilte  von  Neuburg  an  der  Donau  den  Höhen  von
Illersheim  zu.  Bernadotte,  und  mit  ihm  die  Baiern,
  bewegten  sich  von  Ingolstadt  gegen  München.

Schon  war  am  11ten  October,  vor  Tagesanbruch,
der  Generallieutenant  Wrede  mit  dem  Vortrabe  des
baierisch=  franzdsischen  Heers  bei  Unterbruck  über  die
Amper  gegangen,  und  Mittags  auf  den  Anhbhen  von
Haimhausen  und  dem  sogenannten  Chausseehause,  nur
drei  Stunden  von  München,  als  er  Befehl  erhielt,  sogleich
  gegen  Kalten-Herberge  aufzubrechen;  dort  den
vortheilhaft  stehenden  Feind  zu  verdrängen;  es  koste  was
es  wolle,  in  München  einzudringen,  und  die  Hauptstadt
vom  Feinde  zu  reinigen.  Er  rückte  vor.  Bei  der  Kalten-Herberge
  stieß  er  auf  ein  feindliches  Piket  von  einem
Offzier  und  156  Mann.  Er,  mit  einiger  Renterei  und
dem  leichten  Bataillon  Stengel,  überfiel  es  und  nahm
es  gefangen.  Gleichzeitig  hob  der  Oberlieutenant  Baron
Hertling,  der  mit  Leiningen  Chevaurlegers  zur  Deckung
  des  rechten  Flügels  gegen  Schleißheim  ausgesandt
war,  einen  feindlichen  Posten  von  fünf  Husaren  und
        <pb n="246" />
        —  236  —

einem  Uhlanen  daselbst  auf,  so  wie  der  Lieutenant  Spitzel
  von  Churprinz-Chevaurlegers,  den  der  General
gegen  das  vom  Feind  besetzte  Dachau  auf's  rechte  Amper:
  Ufer  geschickt  hatte,  ein  Piket  Lichtensteinischer  Husaren
  überraschte,  und  den  Corporal  nebst  vier  Mann  einbrachte.
  Wrede  war  im  Begriff,  die  Oesterreicher  und
ter  Kienmair  in  München  anzugreifen,  als  Bernadotte,
  der  erst  bis  Hohenkammer  und  Unterbruck
gekommen  war,  gebot,  den  Angriff  bis  folgenden  Morgen
zu  verschieben.  Kienmair  bereitete  sich  inzwischen
aber  schon  zum  freiwilligen  Abzug.  Wahrscheinlich  um
diesen  zu  verbergen,  ließ  er  eine  starke  Reiterei-Abtheis
lung  gegen  die  baierischen  Posten  zwischen  Schleißheim
und  der  Schleißheimer  Waldspitze  streifen,  die  aber  rasch
zurückgeworfen  wurde.  Schon  in  der  Nacht  erfuhr
Wrede  durch  seine  ausgesandten  Streifwachten  den  Abzug
  des  Feindes,  und  mit  Anbruch  des  folgenden  Tages
rückte  er,  an  der  Spitze  des  ersten  Dragoner:  Regiments,
durch's  Schwabinger  Thor  in  die  Hauptstadt  Baierns  ein.

Der  Jubel  des  Volks  beim  Erblicken  der  vaterländischen
  Krieger  war  unbeschreiblich  groß,  und  um  so
mehr,  da  eben  dieser  Tag  zugleich  das  Namensfest  des  Kurfürsten
  Marimiliagn  Joseph  war.  Wrede  überließ
den  Genuß  dieses  rührenden  Schauspiels  den  mit  Bernadotte
  nachrückenden  Kriegsvolkern.  Er  selbst  eilte,
an  der  Spitze  einer  Escadron  von  Leiningen  Chevauxlegers,
  welcher  zur  Unterstützung  die  ganze  Cayallerie
des  Vortrabs  folgen  mußte,  die  Höhen  des  Gasteigberges
  zu  gewinnen,  während  er  den  Major  Ellbracht
mit  vier  Zügen  des  dritten  Chevaurlegers-Regiments
rasch  auf  der  Rosenheimer=  und  Wasserburger-Straße  vor-Slicken
  ließ.  Der  Feind  ward  so  lebhaft  verfolgt,  daß
        <pb n="247" />
        —  237  —

Wrede  mit  dem  ersten  Dragoner-Regiment  und  den
übrigen  drei  Escadronen  Leiningen-Chevaurlegers  den
Weg  von  München  bis  Parsdorf  in  anderthalb  Stunden
  zurücklegte,  und  dem  österreichischen  Nachtrabe  1100
Gefangene,  vieles  Gepäck  und  Pferde  abnahm.  Vor
Parsdorf  selbst  noch  wurde  ein  ganzes  feindliches  Bataillon
  gefangen  genommen.  Kienmgir  stellre  sich
nun  hinter  diesem  Ort,  auf  den  Anzinger  Hôhen,  in
Schlachtordnung.  Wrede,  durch  vielfache  Absendungen
  seiner  Reiterei  bis  auf  vierzehn  Rorten  geschwächt,
nahm  in  und  bei  Parsdorf,  bei  beginnender  Nacht,  Ruhe.

Ein  paar  Waffenthaten  verdienen  hier  der  Erwähnung.
  Der  Lieutenant  Baron  von  Hirschberg,  der,
während  der  Bewegung  gegen  Parsdorf,  mit  vier  Mann
und  einem  Corporal  des  ersten  Dragoner-Regiments  gegen
Waltenstetten  seitwärts  gesandt  war,  stieß  hier  auf  fünf
und  zwanzig  Cürassiere  des  Regiments  Mak,  die  ein
bedeutendes  Depot  begleiteten.  Er,  ohne  Zaudern,  sprengt
auf  sie  ein,  greift  an,  und  mit  Verlust  eines  Dragoners
  macht  er  sie  insgesammt  zu  Gefangenen,  und  das
beträchtliche  Depot  zur  Beute.  —  Noch  kühner  war  die
Handlung  des  Corporal  Lampert  vom  Oragoner-Regiment
  Minuzzi,  welcher  beim  General  Wrede  als
Ordonanz  stand.  Er  hörte,  während  des  Zuges  nach
Parsdorf,  daß  an  der  Spitze  eines  Waldes,  links  von
Feldkirchen,  ein  dsterreichisches  Piket  stehen  solle.  Er
flog  werterschnell  dahin,  achtete  nicht  der  auf  ihn  gerichteten
  Schüße,  und  zwang  die  überraschten  Feinde,  es
waren  ein  Corporal  und  acht  Mann,  sich  ihm  zu  ergeben.
  —  Eben  so  gelang  es  dem  erwähnten  Major  Ellbracht,
  der  mit  vier  Zügen  des  dritten  Chevaurlegers-Regiments
  auf  der  Rosenheimer-Straße  vorgesandt  war,
        <pb n="248" />
        —  238  —

einen  dsterreichischen  Artillerie-Train  von  vier  Haubitzen,
neun  Kanonen,  vier  Mdrsern  und  dazu  gehdriger  Munition
  zu  erbeuten,  und  dessen  Bedeckung  durch  zwei  Offiziere
  und  zwölf  Mann,  gefangen  zu  nehmen.)  Auch
noch  in  den  nächsten  folgenden  Tagen  (15ten  und  14#ten
October)  wurden  von  den  Streifpartheien,  welche
Wrede,  von  Parêdorf  aus,  nach  allen  Richtungen
sandte,  bei  3500  Gefangene  und  300  Ueberläufer  eingebracht.
  Inzwischen  gewann  General  Kienmair  Zeit,
nach  einem  Gesammt-Verlust  von  1400  Mann  und  19
Kanonen  den  Inn  zu  erreichen,  und  bei  Braunau  zu  den
Russen  zu  stoßen,  welche  General  Kutusow  herbeifährte.
Denn  der  Marschall  Bernadotte  mußte  den  Kriegsvolkern,
  die  er  befehligte,  wegen  ihrer  Erschdpfung  nach
langen  Anstrengungen  und  bei  der  übelsten  Witterung
eine  Erholungsfrist  in  den  Cantonirungen  von  München
  und  der  Umgegend,  so  wie  im  Lager  bei  Riem
gewähren.

Während  dieser  Ereignisse  war  das  dsterreichische
Heer  bei  Ulm  von  dem  französischen  immer  fester  umklammert
  worden.  Zwar  hatte  Mak,  welcher  seine  Hauptstärke
  an  dem  kleinen  Bache,  genannt  Blau,  zusammengezogen,
  die  am  ndrdlichen  Donauufer  aufgestellte  Division
  Dupont  vom  Nep'schen  Corps  mit  Uebermacht
(12#ten  October)  angegriffen,  und  sie  gezwungen,  nach
einem  Verlust  von  1500  Todten,  900  Gefangenen  und

 

*)  Mit  Auszeichnung  hatten  sich  bei  dieser  Gelegenheit  der
Rittmeister  Speeg,  der  Lieutenant  von  der  Marck,
der  Wachtmeister  Sauter,  Korporal  Maurer,  die
Gemeinen  Koos,  Obermair,  Mang  und  Heller
jenes  Regiments  benommen.
        <pb n="249" />
        —  239  —

eilf  Kanonen,  gegen  Gundelfingen  und  Lauingen  zuruͤckzuweichen:
  allein  er  zog  davon  keinen  andern  Vortheil,
blieb  am  Bache  stehen,  und  gab,  durch  falsche  Nachrichten
  getäuscht,  dem  vorübergehenden  Gedanken  keine
Folge,  sein  Heer  durch  schleunigen  Rückzug  zu  retten.

Als  aber  Murat  (am  138ten  October)  südwärts
zwischen  Ulm  und  Weissenhorn,  Lannes  und  Marmont
südwestlich  bei  Weissenhorn,  Nep  ostwärts  und  im  Norden
  von  Ulm  erschien,  und  Sould  den  dsterreichischen  General
  Spangen  in  Memmingen  zwang,  sich  ihm  mit
neun  Bataillonen  und  der  Stadt  (131en#  October)  zu
übergeben:  da  konnte  nur  noch  ein  Kampf  auf  Leben
und  Tod  in  blutiger  Schlacht  die  Ehre  und  Freiheit  des
kaiserlichen  Heers  bei  Ulm  retten.  Wider  die  allgemeine
Stimme  sämmtlicher  ihm  untergeordneten  Feldherrn  und
Befehlshaber  mied  der  Feldzeugmeister  Mak  diesen  entscheidenden
  Kampf.  Aber  Napoleon  suchte  ihn  desto
entschlossener.

Darum  warf  sich  (15ten  October)  Marschall  Ney
mit  Ueberlegenheit  auf  den  Feldmarschall-Lieutenant
Riese  bei  Elchingen,  und  entriß  ihm  diese  Stadt  und
die  Donaubrücke  dabei,  nach  hartnäckigster  Vertheidigung.
  Lannes  bemächtigte  sich  der  Anhdhen,  welche
die  Ebenen  beim  Dorfe  Pfuhl  beherrschten,  und  drängte
die  auf  dem  Riede  gestandenen  Oesterreicher  in  den
Ulmer  Brückenkopf  zurück.  Marmont  erkämpfte  die
Illerbrücken  bei  Ober=  und  Unterkirchberg.  Murat
beschäftigre  und  zerstreute  die  feindliche  Reiterei.  Napoleon,
  um  die  Einschließung  Mak's  zu  vollenden,
ihm  den  letzten  Ausweg  nach  Franken  zu  versperren,
ließ  noch  einen  Theil  der  bei  Ingolstadt,  zur  Deckung
        <pb n="250" />
        240  —

des  Rückens,  gebliebenen  Dioision  Rivand  und  der
baierischen  Brigade  Siebein  (von  letzterer  nur  130
Mann  des  vierten  Chevaurlegers-Regimen's  Bubenhofen
unter  dem  Major  von  Lindenan)  über  Rain  nach
Donauwbrth  gehen.

Die  Nacht,  welche  diesem  Tage  folgte,  an  dem
General  Mak  6,000  Mann,  25  Kanonen  umd  alle  Verbindung
  mit  dem  Heerhaufen  des  General  Werneck  bei
Heidenheim  verloren  hatte,  war  vielleicht  die  letzte  gunstige
  Frist,  das  dsterreichische  Heer  durch  schleunigen
Rückzug  über  Nördlingen  nach  Bôheim  zu  retten.  Die
Absendung  des  General  Jellachich  aus  rechte  Donau-=#fer
  bei  Ulm  schien  wirklich  Vorbereitung  dazu  zu  werden.
  Dennoch  geschah  es  nicht.  Nur  der  Erzherzog
Ferdinand,  nachdem  derselbe  dem  Feldzeugmeister
Mak  vergeblich  die  dringendsten  Vorschläge  gethan,  benutzte
  den  Augenblick,  und  zog  sich,  begleiret  vom  General
  Fürsten  Schwarzenberg,  und  einem  Theil  der
Reiterei,  eiligst  von  Ulm  nach  Geißlingen  gegen  das
Wernekische  Korps.  Wenige  Stunden  später,  und  er
hätte  auch  diesen  Ausweg  verrammelt  gefunden.  In
derselben  Nacht  überfiel  der  baierische  Rittmeister  von
Kracht  mit  dreißig  Mann  vom  vierten  Chevaurlegers-Regiment,
  als  er  zur  Erspähung  der  Feinde  über  Neustadt
  an  der  Donau  nach  Pfaffenhofen  gesandt  war,
ein  feindliches  Piket  im  Dorfe  Altdorf.  (Es  stand  zu
Landöhut  eine  dsterreichische  Dragoner-Division.)  Er
tddtete  und  versprengte  die  Mannschaft,  und  nahm  einen
  Offizier  nebst  acht  Dragonern  gefangen.)

Fol-*)

  Bei  welcher  Gelegenheit  genannter  Rittmeister  Kracht,
der  Korporal  Dometh,  die  Chevaurlegers  LOVemmlein,
Ochs  und  Hard  sich  ehrenvoller  Erwähnung  würdig  machten.
        <pb n="251" />
        —  241  —

Folgendes  Morgens  ward  die  Einschließung  Ulms
vollendet,  indem  die  Franzosen,  ungeachtet  des  fürchterlichen
  Wetters,  den  Michaelsberg  und  die  dsterreichischen
Schanzen  darauf,  mir  stürmender  Faust  eroberten,  und
das  gesammte  Heer  ihrer  Feinde  in  den  engen  Raum
der  Stadt  zusammendrückten.  Als  nun  Mak  in  dieser
verzweiflungsvollen  Lage  noch  kühn  genug  verweigerte,
sich  und  sein  Kriegs-Heer  zu  übergeben:  drohte  der
Donner  der  Batterien  vom  Geisberg  und  Michaelsberg
her  (Nachmittags  den  10ten  October)  ihm,  seinem  Kriegsvolk,
  der  Stadt  und  den  Einwohnern  die  unvermeidliche
Vernichtung.  Also  schloß  er  (17ten  October)  die  Uebergabebedingungen
  ab,  und  lieferte  (20ten  October
Nachmittago)  den  wichtigen  Waffenplaz  Ulm,  das  noch
25,000  Mann  starke  Heer,  nebst  00  Kanonen,  aller  Munition
  u.  s.  w.  in  die  Gewalt  des  Siegers.

Mittlerweile  waren  Murat  und  Lannes  mit  einigen
  Divisionen  ausgesandt  worden,  theils  den  Erzherzog
  Ferdinand  guf  seinem  Juge  nach  Bbheim  zu  ereilen,
theilSs  den  General  Werneck  zu  vernichten,  welcher  vereinzelt
  bei  Heidenheim  mit  8,000  Mann  stand.  Werneck,
  beim  Anblick  Murats,  zog  sich  (10ren  October)
auf  die  Hôhe  von  Herbrechringen.  Er  verhinderte  hier
zwar  mit  tapferm  Widerstand,  der  ihm  5,000  Mann  kostete,
  die  von  den  Franzosen  beabsichtigte  Einschließung,
war  jedoch  nicht  im  Stande,  den  Punkt  Herbrechtingen
zu  behaupten.  Er  zog  mit  den  ihm  gebliebenen  Friegern
  längs  der  Brenz  zurück  gegen  Aalen,  nur  noch  in
der  Hoffnung,  den  Erzherzog  Ferdinand  zu  erreichen,  und
sich  mit  ihm  zu  vereinigen.  Das  Wetter  war  hechst
übel,  der  Weg  abscheulich,  die  Mannschaft  an  Kraft
erschopfr,  und  durch  so  viel  Ungluͤcksfaͤlle  schon  muthlos.

16
        <pb n="252" />
        —  242  —

Bei  Oberkochen,  ohnweit  Aalen  (17ten  October)  angekommen,
  erschien  Befehl,  noch  an  demselben  Tage  über
Neresheim  und  Trochtelfingen  zu  gehen,  um  bei  Oettingen
  die  Vereinigung  mit  dem  Exzherzog  zu  bewerkstelligen.
  Er  gieng.

Aber  der  franzdsische  General  Rivand  eilte  mit
einem  Theil  seiner  Division,  und  der  baierischen  Brigade
Siebein  (zu  Ndrdlingen  noch  mit  einiger  Artillerie  und
Reirerei  verstürkt)  nach  Pflaulach,  Durrenzimmern  und
Trochtelfingen.  Hier  stellte  sich  General  Werneck  eben
auf,  der  in  einem  Gefecht  seines  Nachtrabes  unweit
Neresheim  fast  aller  seiner  Reiterei  beraubt  worden  war.
Von  Heidenheim  her  erschien  Murat,  welcher  dem  Erzherzoge
  auf  dem  Fuße  gefolgt  war.  Von  Aalen  und
Nbrdlingen  her  kam  Marschall  Lannes.  So  war  Werneck
  von  allen  Seiten  eingeschlossen.  Noch  versuchte  es
eine  österreichische  Division  von  Palatin-Husaren  und
eine  beträchtliche  Abtheilung  Dragoner  (bei  Tagesanbruch
den  18ten  October)  über  Pflauloch  zum  Erzherzog  Ferdinand
  durchzubrechen.  Allein  der  baierische  Major  Lindenau
  mit  seinen  130  Reitern  warf  sich  ihnen  in  Pflauloch
  entgegen,  vertrieb  sse  aus  dem  Dorfe,  nahm  einen
Rittmeister  und  mehrere  Mannschaft  gefangen,  entriß
ihnen  auch  einen  Haubitz=  und  Granadenwagen,  und
zwang  alle  übrigen  nach  Trochtelfingen  zurück.  Eben
derselbe,  vereint  noch  mit  150  franzbsischen  Dragonern,
trug  am  nämlichen  Tage  auch  vorzüglich  dazu  bei,  daß
der  bsterreichische  Heerhaufe  noch  300  Gefangene  und
10  Kanonen  verloren.  Das  raubte  dem  General  Werneck
  die  letzte  Hoffnung,  sich  durchschlagen,  oder  Unterstützung
  gewinnen  zu  konnen.  Also  übergab  er  die
Ueberbleibsel  seines  Corps  im  elendesten  Zustande  den
Siegern.
        <pb n="253" />
        —  245  —

Murat  verfolgte  nun  den  Erzherzog  Ferdinand.
Mit  sich  nahm  er  den  Major  von  Lindenau  und  des—
sen  Baiern,  deren  Tapferkeit  Murat  und  Rivaud
bffentlich  ehrte.  )  Die  Nachhut  der  Oesterreicher  ward
in  der  nürnbergischen  Vorstadt  Gostenhof  ereilt,  während
Murat  selbst  mit  vier  Cavallerie-Regimemern  den  Erzherzog
  bei  Eschenau  erreichte  und  angriff.  Mit  heftigem
Widerstand,  mit  Verlust  von  1500  Mann,  23  Kanonen
und  3400  Wagen  gelang  es  dem  Erzherzoge,  die  dortigen
Engwege  zu  durchschreiten,  und  mit  ohngefähr  6.000
Mann,  meistens  Reiterei,  das  waren  die  letzten  geretteten
  Trümmer  des  Maik'schen  Heers!  —  zur  Vestung
Eger  zu  kommen  (L2sten  und  25sten  October.  Murat
  aber  stellte  bei  Eschenau  die  Verfolgung  ein,  und
zog  von  da  über  Neumarkt  nach  München.

Wenn  es  die  Brust  mit  Unwilien  erfüllt,  den  Untergang
  eines  großen  und  muthvollen  Heers  durch  die
Unfähigkeit  seines  Führers  auf  eine  fast  beispiellose  Weise
herbeigeführt  zu  sehen:  erregt  dagegen  das  heldensinnige
und  folgerechte  Handeln  Ferdinands,  dee  fdsterreichischen
Kaisersohns,  um  so  grdßere  Bewunderung  und  Theilnahme,
  da  dieser,  von  Feinden  verfolgt,  und  umringe,

4

 

*)  Major  Lindenau  dagegen  erwähnt  mit  Achtung  der  Verdienste
  des  unter  ihm  stehenden  Majors  Zurwesten
und  Oberlieutenants  Kenner,  so  wie  der  Corporale  Wagner
  und  Pfister,  welch  letztere,  bei  der  fortgesetzten
Verfolgung  des  Erzherzogs  Ferdinand,  mit  einer  kleinen
sehr  ermatteten  Abtheilung  Chevaurlegers  am  22sten  Octeber
  die  vor  Amberg  aufgestellte  30  Pferd  starke  österreichlsche
  Feldwache  überfielen,  zerstreuten  und  mehrere  Gefangene
  machten.

16  *
        <pb n="254" />
        —  25  —

mit  dem  Ungestüm  der  Witterung  und  allen  Unglücksfällen
  kümpfend,  unter  ungeheuren,  vielleicht  zuletzt  vergeblichen
  Anstrengungen,  lieber  das  Leben  wagen,  als
Zeuge  der  Schmach  seyn  wollte,  welche  Mak  den  Waffen
  Oesterreichs  bereitete.  Viele  der  Feldherrn  in  Ulm
dachten,  wie  Ferdinand;  doch  gab  ihnen  die  Geburtnicht,
gleich  dem  Erzherzoge,  das  Recht  zu  einer  Selbstständigkeit
  des  Willens  gegen  den  mit  höchster  Vollmacht
bekleideten  Ober-Feldherrn  des  Kaisers.

 

6.

Kleiner  Krieg  an  den  Graͤnzen  Tirols.  Die
Feste  Oberhaus.  Uebergang  des  franzoͤ-sischen
  Heers  und  der  Baiern  uͤber  den
Jun.

Napoleon,  die  Siegesfrucht  nicht  zu  verlieren,
welche  er  aus  den  Fehlern  seines  Gegners  schon  gewonnen,
  ließ  den  Heerhaufen  des  Marschalls  Ney  gegen
Tirol  rücken,  um,  unterstützt  durch  Marschall  Augereau,
  dies  Gebirgsland  und  dessen  streitbares  Volk  zu
bezwingen.  Alle  übrige  Heerhaufen  mußten  sich  in  starken
  Zügen  gegen  die  Isar,  dann  zum  Inn  bewegen.
Die  Ausgänge  Tirols,  die  Straßen  von  Innsbruck,
Murnau,  Schongau  und  Weilheim  zu  bewachen,  mußte
der  baierische  Brigadier  Graf  Minuzzi  mit  zwei  Regimentern
  Fußvolks  (Kurprinz  und  Leib-Regiment)  und
einem  Oragoner-Regiment  (das  zwepte,  Taris)  eine
Postenkette  längs  dem  Gebirge  durch  Lenggries,  Gais
sach,  Gmund,  Weilklrchen,  Tegernsee,  Wallersee  u.  s.  w.
ziehen.  Es  fehlte  hier  nicht  an  kleinen  Gefechten,  doch
        <pb n="255" />
        blieben  sie  ohne  Erheblichkeit;  wie  z.  B.  wenn  der  Oberstlieutenant
  Graf  Pompei  eine  bis  Mitterwald  vorgerückte
  feindliche  Compagnie  (18ten  October)  überfiel,  und
von  ihr  dreißig  Gefangene  machte;  oder  wenn  die  Tiroler
  Schützen  nach  Farchant,  Graswang  und  in  den  Ammergau
  Streifzüge  thaten,  um  Vieh  und  Lebenemirtel
zu  rauben,  oder  wenn  zwanzig  feindliche  Husaren  Nachts
(6.  23#sten  zum  25sten)  ein  Dragoner-Piker  bei  Baierisch=Jell
  überraschten,  und  zwei  Pferde  erbeuteten  u.  s.  w.  —
An  der  Ilm  hingegen  stand  die  baierische  Brigade  des
General  Siebein,  mit  der  Aufgabe,  den  Rücken  der
franzdsischen  Heermacht  gegen  allfällige  Bewegungen  der
Generale  Jellachich  und  Wolfskehl  zu  sichern,  denen
  es  früherhin  gelungen  war,  mit  ohngefähr  8,000
Desterreichern  von  Ulm  zu  entkommen.

Die  Gränzen  Baierns  mit  groößerem  Nachdruck  gegen
  Tirol  zu  schirmen,  befahl  der  Kurfürst  (17#en  October)
  die  Bildung  eines  Gebirgs-Schützen-Corps  von
freiwilligen  Jägern,  5.030  Mann  stark.  Dies  sollte,
wenn  Gefahr  wäre,  in  zwei  Abtheilungen,  jede  1,000
Mann  und  25  Pferde  stark,  aufbrechen,  und  eine  Reserve
  von  2,050  Mann  haben.  Die  Folge  wird  lehren,
mit  welcher  Selbstaufopferung  die  Männer  dieses  Heerhaufens
  der  Freiwilligen  aus  den  Landgerichten  Fischbach,
  Aibling,  Miesbach,  Tölz,  Weilheim,  Schongau
und  Werdenfels  dem  Vaterlande  in  verhängnißvollen
Tagen  dienten.  Mit  nicht  minder  glücklichem  Erfolge
ordnete  der  Kurfürst  außerdem  noch  (15ten  October)
die  Aufstellung  eines  Jäger-Corps  zu  Pferd,  und  eines
andern  zu  Fuß  an,  400  Mann  stark,  alles  nur  Forstund
  Jagdbediente,  alle  mit  Büchsen  bewaffnet.

Auch  die  festen,  im  Innern  des  Reichs  gelegenen,
        <pb n="256" />
        210  —

Punkte,  Marienberg  bei  Würzburg,  Vorchheim  und  Rotheuberg
  wurden  mir  neuen  Werken  gestärkt.  Viel  zu
spär  hatte  man  daran  gedacht,  dasselbe  auch  für  die
Veste  Oberhaus  bei  Passan  zu  thun.  Hier  lagen  nur
hundert  Mann  baierischer  Besatzung,  meistens  Invaliden,
unter  Befehl  des  Hauptmanns  Schwaiger.  Sie  hatten
  kein  grobes  Geschütz,  als  sechs  fast  unbrauchbare
eiserne  Kanonen,  und  nicht  einmahl  Pulver  genug.  Eine
sehr  unregelmäßig  gebaute,  schlechte,  hin  und  wieder
nur  fünf  Schuh  hohe  Mauer  umgab  das  Ganze.
Dennoch  alö  der  russische  General  Kutusow  zum
Inn  kam,  und  den  Befehlshaber  der  Besatzung  zur  Uebergabe
  auffordern  ließ  (10ten  October),  schlug  es  dieser
ab.  Wenige  Tage  darauf  war  das  Oberhaus  von  dsterreichischem
  Kriegsvolk  umzingelt  und  berannt.  Als  Hauptmann
  Schwaiger  die  zweite  Aufforderung  verwarf,
sieng  der  Feind  an,  die  Veste  aus  einer  aufgeworfenen
Stückschanze  mit  zwei  Zwölfpfündern  zu  beschießen  (Mittags
  den  25sten  October.)  Schwaiger  hatte,  aus
Mangel  an  Geschütz  die  Anlegung  dieser  Batterie  keineswegs
  hindern,  nicht  einmahl  die  Inn=  und  Donaubriä-=cken
  zerstdren  konnen,  um  die  Verbindung  der  Feinde
unter  sich  selbst  zu  erschweren.  Er  erwiederte  das  Feuer
aus  etwa  drei  seiner  alten  Kanonen,  für  die  er  erst  zu
dem  Ende  (484  ldthige  und  503  lbthige)  Bleikugeln
hatte  gießen  lassen  müssen.  Aber  diese  Kugeln  erreichten
  nur  nicht  den  Erdaufwurf  des  Feindes.  Fünfzig  bis
sechzig  Scharfschützen  der  Oesterreicher,  unter  dem  Schutz
ihrer  Artillerie,  unternahmen  Sturm  gegen  die  Mauer.
Aber  sie  wurden  mit  Kraft  zurückgeschlagen.  7)  Noch

 

 

*)  Die  gemeinen  Soldaten  Stephan  Meller  der  Garnisons-Compagnie,
  und  Anton  Koller  des  aten  Regiments,  zeichneten
  sich  bei  dieser  Gelegenheit  besonders  aus.
        <pb n="257" />
        —  247  —

eine  dritte  Aufforderung  geschah  nun  an  den  Befehlshaber
  der  Veste,  mit  Bedrohung,  daß  die  Besatzung  uͤber
die  Klinge  springen  muͤsse,  wenn  das  Oberhaus  mit  Sturm
genommen  wuͤrde.  Hauptmann  Schwaiger  verwarf
es  zum  drittenmahl.  Er  hoffte  auf  nahen  Ersatz,  der
ihm  verheißen  war.  Wirklich  hatte  das  vierte  baierische
Linien-Regiment  (Salern,  itzt  Hildburghausen)  zu  Moosburg
  vierzig  vertraute  und  entschlossene  Leute,  verkleidet
und  unbewaffnet,  ausgeschickt,  sich  durch  den  Feind  in
die  Veste  zu  schleichen,  und  die  tapfere  Besatzung  zu  verstärken.
  Allein  sie  kamg  zu  spät.  Die  Oesterreicher  hatten
  den  Sturm  in  der  Frühe  des  25ten  Octobers  von
allen  Seiten  erneuert,  die  ermüdete  Besatzung  nach  kurzem
  Widerstand  übermannt,  gefangen  genommen,  und
deren  geringen  Kriegs=  und  Mundvorrath  (2  Zentner
Pulver,  0  Zentner  Mehl,  3  Ochsen,  2  Wagen  mit  Erddpfeln)
  erbeutet.  Als  jene  vierzig  Mann  den  Feind  dort
erblickten,  wo  ste  dem  Freunde  Hülfe  bringen  wollten,
kehrten  sie  mit  großer  Vorsicht  zurück.

Napoleon  war  inzwischen  selbst  zu  München  angekommen.
  Indem  er  die  Dienste  anerkannte,  welche
die  baierischen  Krieger  und  deren  Feldherren  Deroy  und
Wrede  ihm  geleistet  hatten,  )  munterte  er  sie  zu  neuen
Anstrengungen  auf.  Auch  zogen  sie  alsbald  mit  dem
Corps  des  Marschall  Bernadotte  an  den  Inn.  Auch
die  Brigade  Karg,  “)  welche  bisher  noch  in  Würzburg
  gestanden  war,  mußte  in  Eilzügen  nachrücken,  sammt

Ê  ——  —  ——

*)  12tes  Bulletin,  27sten  October  180S.
*“)  Bestehend  aus  dem  isten  Bataillon  des  6ten  Regiments
Herzog  Wilhelm,  und  dem  neuerrichteten  köten  Regimente.
        <pb n="258" />
        —  248  —

aller  in  den  Depots  gelegenen  dienstfaͤhigen  Reiterei.
Nur  die  Brigade  Minuzzi  verblieb  an  den  tirolischen
Gränzen,  und  die  Brigade  Siebein  fortwährend  in  den
Umgegenden  von  Donauwörth.

Um  den  Feind  über  den  beabsichtigten  theilweisen
Inn-Uebergang  bei  Wasserburg  irre  zu  führen,  machte
der  Generallieurenant  Wrede  mit  der  Avant-Garde
eine  Bewegung  gegen  Hohenlinden,  dann  aber  (7sten
October)  über  Ebersberg  gegen  Steinering.  Auf  die
Nachricht,  Wasserburg  sey  von  den  Feinden  verlassen,
schickte  er  den  Oberstlieutenant  von  Stengel  mit  zwei
Compagnien  des  vierten  leichten  Bataillons  dahin  zur
Herstellung  der  Innbrucken.  Aber  am  jenseitigen  Ufer
stand  noch  der  dsterreichische  Generalmajor  Schusteck
mit  einer  Abtheilung  des  meerveldischen  Corps.  Es
entzündete  sich  ein  lebhaftes  Kleingewehrfeuer.  Die
Baiern,  theils  aus  der  Stadt,  theils  auf  den  Anhdhen
hinrer  derselben,  unterhielten  es  so  gut,  daß  sich  die
Oesterreicher  nach  einer  Stunde  mit  Verlust  von  acht
Todten  und  mehreren  Verwunderen  zurückzogen.  In
der  Hoffnung,  noch  in  der  Nacht  eine  beträchtliche  Anzahl
  Kriegesvolks  beim  Kloster  Attel  überschiffen  zu  kennen,
  und  so  den  auch  bei  Rosenheim  schon  zurückgedrückten
  Feind  in  seinen  Bewegungen  zu  hindern,  schickte
Wrede  eiligst  das  dritte  Linien  =  Infanterie-Regiment,
das  zweite  leichte  Bataillon,  und  30  Pferde  vom  A1sten
Chevaurlegers-Reglment  nach  Attel.  Aber  der  Inn  war
hochgeschwollen  und  nur  ein  einziges  Fahrzeug  vorhanden.
  Das  verzögerte  die  Vollendung  des  Uebergangs
bis  zur  Mitte  des  folgenden  Tags,  und  vereitelte  den
ersten  Zweck.  Die  Uebergeschifften  setzten  indessen  ihren
Weg  über  Amerang  und  Trochtelding  nach  der  Gegend
        <pb n="259" />
        von  Salzburg  fort,  wo  sie  (am  3osten)  wieder  zur  uͤbrigen
  Dioision  siießen,  die  mit  der  Masse  des  Bernadotte'schen
  Corps  bei  Wasserburg  den  Inn  überschritten,
  und  über  Altrenmarkt  und  Trannstein  ihre  Richtung
nach  Teisendorf  genommen  hatte.  Hieher  zu  kommen,
hatte  nun  auch  die  Brigade  Nutius  Minuzzi  Befehl
erhalten.

Um  auch  bei  Rosenheim  den  Innubergang  zu  bewerksielligen,
  dort  den  Feind  zu  ÜUberfallen,  und  die  Wiederherstellung
  der  zersidrten  Innbrücke  zu  decken,  hatte
Wrede  den  Oberlleutenant  Grafenstein  mit  00  Schutzen
  und  einen  Zug  des  zweiten  Dragoner-Regiments
Taxis  dahin  geschickt.  Der  Major  von  Sarny  mußte
ihm  (Nachts  vor  dem  27sten  October)  mit  einer  Compagnie
  des  Leib-Regiments,  einer  des  Regiments  Kurprinz,
  und  einer  sechspfünder  Kanone  unter  Artillerie=Lieutenant
  Hofstetten  Unterstützung  bringen.  Dazu
kam  noch  eine  halbe  Grenadier-Compagnie.  Der  Feind
am  jenseitigen  Ufer  mit  300  Mann  zu  Fuß,  und  80  zu
Pferd,  wurde  im  heftigen  Geplänkel  sogleich  beunruhigt,
und  durch  das  Feuer  der  vortheilhaft  gestellten  Kanone
aus  den  Häusern  vertrieben,  die  ihn  verbergen  sollten.
Vor  allen  aber  rühmlich  erschien  hier  Thomas  Millauer,
Bruckenmeister  von  Rosenheim.  Dieser  Unerschrockne
ent  führte  mitten  durch  den  feindlichen  Kugelregen,  seines
Lebens  nicht  achtend,  einen  Kahn  vom  rechten  Ufer  zum
linken.  Schnell  warf  sich  der  tapfere  Grafenstein
mit  sechs  Freiwilligen  in  das  schlechte  Fahrzeug,  setzte
über,  faßte  drüben  Fuß,  und  behauptete  sich,  bis  Millauer
  noch  mehr  Kähne  zusammengebracht,  und  Major
Sarny  Hulfe  übergeschifft  hatte.  Der  Feind  nahm  eilige
Flucht  mit  Hinterlassung  einiger  Todten,  Verwundeten
        <pb n="260" />
        und  Gefangenen.  Die  Brücke  ward  hergestellt.  Die
Brigade  Minuzezi  erschsen,  und  alles  zog  nach  Teisendorf
  zur  Vereinigung  mit  dem  übrigen  Theil  der  Diovisson
  Wrede.

So  war  am  #3sten  October  der  Innübergang  vollbracht.
  Bernadotte  hatte  ihn  bei  Wasserburg,  Davoust
  bei  Mühldorf,  Murat  ihn  bei  Markl  und  Alten-Oettingen
  erzwungen,  wodurch  General  Meerveld  gezwungen
  ward,  um  nicht  von  Kutusows  Russen  abgeschnitten
  zu  werden,  den  General  Kienmaier  über
Gmunden  nach  Steinerkirchen,  und  die  Division  Hohenlohe
  über  den  Traunfall  zurückzuschicken.  Marschall
Soult  stand  an  eben  diesem  Tage  vorwärts  Haag,
wo  das  Haupt-Gelager  Napoleons  war;  Marmont
bei  Vilsbiburg;  Ney  bei  Landsberg;  Lannes  auf  der
Straße  von  Landöhnt  nach  Braunau.

 

7.

Kampf  bei  Salzburg,  Reichenhall  und  in
Tirol.

Mit  der  Hauptmacht  drang  Napoleon  in  das
Herz  Oesterreichs.  Ein  Theil  von  Bernadotte's  Corps,
die  Baiern,  ferner  die  Marschälle  Ney  und  Augereau
waren  bestimmt,  Tirol  zu  erobern.

General  Wrede,  mit  der  Bernadotte'schen
Avantgarde,  hatte  den  Weg  nach  Salzburg  zu  bahneu.
  Er  schickte  (20sten  October)  den  Rittmeister  Eisenberg
  mit  zwei  Zügen  des  Chevaurlegers-Regiments
Kurprinz  voran.  Dieser  fand  die  Salzachbrucke  abgeworfen.
  Er  setzte  mit  seinen  Leuten  keck  durch  den  Fluß.
        <pb n="261" />
        —  251  —

Jenseits  desselben  nahm  der  Oberlieutenaut  Baron  Kleudchen,
  welcher  den  Vortrab  führte,  zwei  Infanterie-Vedetten
  des  Feindes  gefangen,  sprengte  dann,  von  seinem
Rittmeister  tapfer  unterstützt,  gegen  ein  Piket  Lichtenstein
  -Husaren,  deren  eine  Escadron  nebst  einem  Gränz-Bataillon
  die  Besatzung  von  Salzburg  ausmachten,  und
drang  fechtend  in  die  Stadt.  Die  Besatzung  zog  sich
nach  einigen  Verlust  zurück.  Die  Division  Wrede
rückte  ein,  während  Rittmeister  Eisenberg  und  Baron
  Kleudchen  den  Feind  auf  der  Grazer-Straße  verfolgte,
  ihn  aus  Tuschen  am  Tuschner-See  vertrieb  und
bis  St.  Gilgen  jagte  ).  Generallieutenant  Wrede  selbst,
nachdem  er  sein  Fußvolk  vorwärts  Salzburg  auf  der
Straße  von  Linz  und  Gratz  aufgestellt  hatte,  eilte  an
der  Spitze  seiner  Reiterei  dem  Feind  auf  der  Neumarkter
  Straße  nach,  ohne  ihn  bei  desselben  rascher  Flucht
erreichen  zu  konnen.  Nur  ein  Hauptmann  und  65  Gemeine
  konnten  noch  zu  Gefangenen  gemacht  werden.
Folgendes  Tages  zog  der  größte  Theil  von  Bernadotte's
  Heerhaufen  in  und  bei  Salzburg  ein,  und  besetzte
die  verschiedenen  nach  Oesterreich,  Steyermark  und  Kärnthen
  führenden  Straßen.  Aber  Generallientenant  Deroy,
  gegen  Tirol  gerichtet,  stand  bei  HOedhof;  Wrede
imit  der  Avantgarde  wandte  sich  gegen  Straß,  und  ließ

*)  Mit  besonderer  Auszeichnung  werde  bei  dieser  Gelegenheit
  auch  der  Tapferkeit  des  Corporals  Seelmann,
Trompeters  Luz,  Gemeinen  Killiat,  des  ausgezeichneten
  Betragens  des  Wachtmeisters  Boerstel,  Corporals
Giesser,  Gresser,  Gemeinen  Seelmann,  Schölg,
Joseph  Wiedmann,  Aumüller,  Georg  Maper  und
Honoldt  Erwähnung  gethan.
        <pb n="262" />
        —  252  —

bis  Wels  streifen.  Der  franzoͤsische  General  Kellermann
  sandte  Abtheilungen  gegen  Radstadt,  und  als  er
über  Golling  in  die  Gebirgsengen  des  Lueg=  Passes
auf  3.000  Oesterreicher  stieß,  eroberte  der  Brigade-General
  Werle  diesen  durch  kühnen  Angriff.

Der  Hauptgegenstand  von  dieser  Seite  blieb  nun
die  Einnahme  von  Tirol.  Hier  befebligte  Erzherzog
Johann.  Das  unter  ihm  stehende  Armee-Corps  ward
durch  20  000  Mann  tirolischer  Landwehr  unterstützt.  Gegen
  Ende  des  Octobers  hatte  er  aus  seiner  gesammten
Macht  drei  Heer-Abtheilungen  gebildet,  die  erste  unter
Fellachich  zur  Vertheidigung  von  Vorarlberg,  die  zweie
te,  unter  Feldmarschall-Lieutenant  St.  Julien,  zur
Vertheidigung  des  Landes  von  Kufstein  längs  der  baierischen
  Gränze  bis  zur  Riß,  die  dritte,  unter  Feldmar:
schall-Lieutenant  Chasteler,  zur  Vertheibigung  des
Karbendelthals  bis  zur  Gaht  hinauf.  Allein  die  Unglücksfälle
  der  dsterreichischen  Hauptmacht  verursachten,
daß  ihm  die  Weisung  ertheilt  ward,  seine  sämmtlichen
Truppen  zur  Vertheidigung  des  Brenners  zusammen  zu
ziehen.  Schon  wären,  so  ward  ihm  gemeldet,  neun
Bataillone  unter  General  Siegenthal  auf  den  Weg,
jenen  Punct  zu  besetzen;  auch  wäre  General  Szenasy
mit  sechs  Gränz-Bataillonen  vom  meerveld'schen  Corps
zur  Beschirmung  der  Pässe  von  Lueg  und  Werfen  aufgebrochen,
  und  diesem  zur  Verstärkung  noch  der  Oberst  Meyer
von  Kerpen=  Infanterie  zugedacht,  der  von  Schwatz  über
St.  Johann  und  Hochfilzen  nach  Radstadt  zöge.

Jetzt  beschloß  der  Erzherzog  selbst,  über  Schwatz
und  St.  Johann  einen  Theil  seines  Heeres  nach  Saalfelden
  auszusenden,  um  den  Franzosen,  wenn  sie  sich  von
        <pb n="263" />
        —  253  —

Salzburg  nach  Lambach  oder  Radstadt  wenden  wuͤrden,
in  die  Seiten  oder  in  den  Ruͤcken  zu  fallen.  General
Festenberg  führte  demnach,  (1#ten  November)  wirklich
sechs  Grenadier-drei  Fäßilier=  Bataillone  und  sechs  Escadronen
  von  Innsbruck  nach  Schwatz,  um  sich  zu  Se.
FJohann  mit  der  Division  St.  Julien,  jetzt  unter  Felds
marschall-Lieutenant  Chasteler's  Befehl,  zu  verbinden.
  Von  da  sollte  der  Zug,  über  Hochfilzen  und  Saalfelden,
  nach  St.  Johann  im  Pongau  fortgesetzt,  und
die  Pereinigung  mit  Szenasy's  und  Siegenthals
Schaaren  bei  Radstadt  vollzogen  werden.  Die  Schlachthaufen
  in  Reuti,  Scharnitz,  Leutasch  und  im  Ober-Innthal
  waren  einsweilen  zur  Vertheidigung  des  Brenners
  bestimmt,  bis  sie  sich  mit  Hiller,  wenn  er  in
Briren  ankommen  würde,  vereinigen,  und  so  insgesammt
dann  bei  Spital  an  den  Erzherzog  Johann  anschließen
konnten.

Dies  war  der  Entwurf  des  Erzherzogs.  Seine  Berrechnungen
  wurden  unerwartet  vereitelt.

Marschall  Bernadotte  ertheilte  dem  Generallleutenant
  Deroy  Befehl,  in's  Tirol  einzudringen.  Dieser
  brach  (am  isten  November)  auf.  Mit  ihm  waren
das  erste,  zweite,  vierte  und  fünfte  Linien-Regiment,
zwei  leichte  Bataillone  (Metzen  und  Preysing),  zwei  Regimenter
  Dragoner  (Minuzzi  und  Taxris)  nebst  dem  erfor
  derlichen  schweren  Geschütz.  Er  bewegte  sich  gegen
Reichenhall,  während  sein  dort  gelagerter  Vortrab  unter
dem  Oberstlieutenant  Grafen  Pompei  gegen  den  Engpaß
  des  Bodenbiehls  vorrückte.  Dieser  Paß,  durch  die
Natur  sehr  stark,  daß  wenige  Mannschaft  ihn  leicht  gegen
  viele  Schlachthaufen  vertheidigen  kann,  war  noch
ein  frisches  Denkmahl  des  schweren  Verlustes,  welchen
        <pb n="264" />
        —  254  —

die  Franzosen  dort  im  Jahr  1800  erlitten  hatten.  Er
stand  jetzt  durch  einen  Verhau  verrammelt.  Ein  oͤsterreichisches
  Bataillon  von  Klebeck-Infanterie  hatte  ihn
nebst  zahlreichen  und  geübten  Tiroler-Schützen  vortheilhaft
  besetzt.  Von  einer  Bergplatte  herab  bestrich  eine
aufgepflanzte  Kanone  die  Reichenhaller-Straße  und  den
Lauf  der  Saala.

Graf  Pompei,  nachdem  er  bei  Schnazjzelreith  eine
feindliche  Feldwacht  vertrieben,  rückte  mit  zwei  Compagnien
  Fußvolks,  30  Pferden  und  einer  Kanone  gegen
den  Paß  vor,  schickte  den  Major  Maillot  mit  einer
Compagnie  und  30  Pferden  seitwärts  über  Jettenberg,
eine  andere  Compagnie  über  Fronau,  mit  Befehl,  bei
Unken  ihre  Vereinigung  zu  erzwingen.  Als  Pompei's
Vortrab,  aus  zwolf  Dragonern  und  sämmtlichen  Schutzen
  seines  Bataillons  gebilder,  und  vom  Oberlieutenant
Hahn  geführt,  vor  dem  Paß  erschien,  streckte  der  erste
Kanonen-Schuß  des  Feindes  sogleich  acht  Mann  zu
Boden.  Hahn  aber  warf  sich  in  demselben  Augenblick,
und  unterstützt  von  seinen  Schützen,  die  den  Verhau  aufrdumten,
  so  schnell  und  keck  auf  den  Feind,  daß  er  denselben
  nicht  nur  zum  Verlassen  der  Kanone,  sondern  des
ganzen  Engpasses  zwang.  Nun  konnte  selbst  das  lebhaft
unterhaltene  Feuer  der  Oesterreicher  und  Tiroler,  die
sich  auf  den  Bergen  sammelren,  den  Grafen  Pompei
nicht  mehr  hindern,  nach  Meleck  und  den  Steinpaß  vorzurücken,
  diesen  zu  nehmen,  bei  Unken  eine  zweite  Kanone
  zu  erobern,  und  den  sogenannten  Knie-Paß  anzugreifen.
  Hier  ist  es  eine  kleine  von  Steinen  gebaute
Feste,  welche  den  Engweg  nach  Lofer  beherrscht;  schwer
von  vorn  anzugreifen,  leicht  aber  zu  umgehen.  Der
Feind,  welcher  sich,  nach  vergeblicher  Vertheidigung  des
        <pb n="265" />
        —  255  —

Steinpasses,  hier  versammelt  hatte,  empfieng  nun  die.
von  den  Anstrengungen  des  Tages  ermuͤdeten  Baiern
mit  dem  lebhaftesten  Feuer.  Mancher  brave  Krieger  stuͤrzte
todt  dahin,  auch  schwer  verwundet  der  Lieutenant  von
Grünstein  an  der  Spitze  des  Vortrabes  der  Schützen.
Alle  wankten.  Die  entmutheten  Soldaten  verloren  die
Lust,  den  gefährlichen  und  zwecklosen  Kampf  länger  fortzusetzen.
  Da  trat  unerschrocken  der  Oberstlieurenant
Pompei  nebst  allen  Offizieren  mit  ermunterndem  Beispiele
  vor  und  der  Soldat  folgte.

Eine  auf  der  rechten  Seite  des  Feindes  gelegene
Heuhütte  ward  benutzt,  den  Vertheidigern  des  Knie-Passes
  durch  treffende  Schüße  beträchtlichen  Verlust  zu  verursachen.
  Diesem  Umstande  war  es  zu  danken,  daß
nicht  alle  schon  errungene  Vortheile  dieses  Tages  wieder
verloren  giengen.  Die  Feinde  sahen  sich  in  ihrer  Stellung
  unsicher,  und  seitwärts  aus  dem  Steinthale  zugleich
den  Major  Maillot  mit  seiner  Truppen-Abtheilung
hervorruckend,  sich  mit  dem  Grafen  Pompei  vereinigen.
  Das  bewog  sie,  ohne  Zeitverlust  den  Rückzug  über
Lofer  nach  den  Strubpässen  zu  nehmen.  Pompei  gieng
ihnen  mit  2  Compagnien  nach,  dort  die  feindliche  Stellung
  zu  erkennen.

Unterdessen  war  General  Derop  mit  seinem  Heerhaufen
  in  Reichenhall  eingetroffen,  und  sobald  er  Pompei's
  Lage  erfuhr,  eilte  er  ihm  mit  zwei  Bataillonen
zur  Unterstützung  nach  Lofer.  Er  blieb  hier,  den  Angriff
  der  Strubpässe  auf  folgenden  Tag  verschiebend;
sandte  die  ermatteten  Sieger  nach  Reichenhall  zurück,
und  ließ  von  da  die  übrigen  Truppen  unter  den  Generalen
  Nurius  Minuzzi  und  Marsigli  auf  künftigen
  Morgen  gegen  Lofer  befehligen.
        <pb n="266" />
        —  256  —

Weil  an  demselben  Tage  auch  viertausend  Mann  von
der  Spitze  des  Armee-Corps,  welches  Marschall  Ney
von  einer  andern  Seite  (bei  Garmisch  und  Mittenwald)
ins  Tirol  hinein  fuͤhrte,  die  Feindseligkeiten  gegen  das
Gebirgsland  erdffneten,  befahl  Erzherzog  Johann  dem
Feldmarschall-Lientenant  Chasteler,  die  Gegenden  zwischen
  Achenthal,  Kufstein  und  Lofer  zu  beobachten,  ohne
Saalfelden  und  Hochfilzen  aus  dem  Blick  zu  verlieren.
Desgleichen  schickte  er  zwei  Bataillone  (Kinsky),  vier
Escadronen  Dragoner  und  zwei  Compagnien  Jäger,  eben
so  den  General  Festenberg  mit  fünf  Grenadier-Bgtaillonen
  und  dem  Dragoner-Regiment  Würtemberg,
als  Reserve,  nach  Innsbruck.

Es  lag  nicht  in  Deroy's  Plan,  den  Angriff  auf
die  Strubpässe  vor  Ankunft  der  Generale  Minnzzi
und  Marsigli  zu  beginnen.  Allein  des  Morgens
(##ten  November),  als  von  der  dsterreichischen  Besatzung
des  Passes  ein  starker  Streifhaufen  Reiterei  gegen  das
Bataillon  Metzen  kam,  rückte  dieses  sogleich  mit  einer
Kanone  vor  und  gegen  den  Paß  selbst.  Plbtzlich  bedeckten
  sich  zu  beiden  Seiten  die  steilen  Felshöhen  mit  feindlichen
  Schützen.  Diese  zu  verjagen,  sandte  Deroy
rechts  zwei  Compagnien  des  Leib=  Regiments,  links
drei  Züge  des  Bataillons  Metzen.  Allein  die  letztern
wurden  vom  überlegenen  Feinde,  mit  bedeutenden  Verlust
  an  Todten  und  Verwundeten,  zurückgeworfen  auf
ihr  Baraillon,  und  ließen  den  Hauptmann  Graef  und
Lieurenant  Grafen  von  Tattenbach  schwer  verwunder
  in  feindlicher  Gewalt.

Hätte  der  Feind  den  günstigen  Augenblick  zu  benutzen
  versianden,  schwerlich  würde  es  in  der  Macht  des
Generals
        <pb n="267" />
        —  257  —

Generals  gewesen  seyn,  sich  dieser  gefahrvollen  Stellung
zu  entziehen.  Allein  jener  blieb  nun  unthaͤtig,  bꝛs  Mittags
  die  Brigade  Minuzzi  in  Lofer  erschien.  .Alsbald
verstärkte  Deroy  die  beiden  Compagnien  des  Leib-Regiments
  rechts  mit  eben  so  vielen  vom  Regiment  Kurprinz,
  links  ließ  er  das  ganze  Bataillon  Metzen  bergan
steigen,  mit  Befehl,  daß  der  Major  von  Heinau  mitr
zwei  Compagnien  die  feindlichen  Verschanzungen  umgehen,
und  sie  dann  stürmen  solle.  Den  übrigen  Theil  vom
Leib-Regiment  und  dem  des  Kurprinzen  stellte  er  auf
der  großen  Straße,  als  Masse  auf.  Die  Brigade  Marsigli,
  welche  erst  Abends  um  fünf  Uhr  in  Lofer  einrreffen
  konnte,  bildete  die  Reserve.  Jetzt  trug  Deroy
kein  Bedenken,  den  Strub=  Paß,  welchen  Natur  und
tapfere  Besatzung  gleich  stark  vertheidigten,  von  der  Srirnseite
  anzufallen.  Der  Soldat  fühlte  jene  Begeisterung,
die  den  Sieg  ahnet  und  herbeiruft.

Major  Heinau,  an  der  Spitze  seiner  Tapfern,
erklomm  die  steilsten  Felsenhdhen,  wandte  sich  dann  und
stürzte  jählings  von  denselben,  und  unbemerkt  in  das
Innere  des  ersten  Strubpasses.  Hier  war  die  Besatzung
durch  Deroy's  heftiges  Kanonenfeuer  beschäftigt.  Heinau
  machte  sich  Bahn,  sprengte  das  Haupt-Thor  auf,
welches  die  Verschanzung  gegen  die  Straße  verschloß,
und  räumte  das  Pfahlwerk  hinweg,  das  den  Eingang
versperrte.  Deroy,  an  der  Spitze  seiner  Kriegermasse,
drang  ein,  trotz  des  feindlicheu  Schützen=  Feuers,  und
nach  Ueberwältigung  des  ersten  Strub-Passes  gegen  den
zweiten.

(1
Hier  aber  dffnete  #iine  neue  Heldenschaar,  von  Innen
  aus,  den  wohlgeschirmten  Eingang.  Die  Kugeln
17
        <pb n="268" />
        —  258  —

der  feindlichen  Schützen  verfehlten  selten  die  Masse  der
Baiern.  Nur  durch  schleunigen  Rückzug  konnten  diese
der  Vernichtung  entkommen.  Der  Verlust  ausgezeichneter
  Offiziere  und  die  Finsterniß  der  Nacht  vergroͤßerten
  die  Unordnung.  Derop  ließ  die  ermüdeten  Kämpfer
  zurücktreten,  und  durch  die  Brigade  Marsigli  ablösen.
  Er  selbst,  um  die  Oertlichkeit  der  Gegend  genauer
  zu  erforschen,  ritt  gegen  den  zweiten  Paß  vor.
Da  traf  ihn  eine  feindliche  Büchsenkugel  im  obern  Schenkel,
  und  machte  ihn  zur  Fortsetzung  seines  Unternehmens,
wie  zur  Theilnahme  am  fernern  Feldzuge  unfähig.

Das  Gefecht,  welches  von  8  Uhr  Morgens  bis  1
Uhr  nach  Mitternacht  gewährt  hatte,  brach  General
Graf  Nutius  Minuzzi,  welcher  itzt  den  Oberbefehl
übernahm,  sogleich  ab.  Er  ließ  im  ersten  Strub=  Paß
hinlängliche  Besatzung,  und  entzog  die  übrigen  Truppen,
indem  er  sie  in  die  Ebene  von  Lofer  zu.  #kKführte,  der
Wirksamkeit  des  feindlichen  Geschosses.

Es  war  ein  blutiger  Tag  gewesen.  ODie  Batern  hatten
  nur  allein  achtzehn  Offiziere  durch  Tod  oder  Wunden
  eingebüßt,  aber  ihren  unerschütterlichen  Muth  beurkundet.")
  Davon  gab  auch  Marschall  Bernadotte,
dessen  Adjutanten  einer  Augenzeuge  gewesen,  dem  Kaiser
  Napoleon  Zeugniß.  “")

—  —

 

*)  Die  Auerkennung  desselben  sprach  auch  das  napoleonischeneunzehnte
  Bulletin  der  großen  Armee,  gegeben  zu  Linz,  aus.
*)  Besonders  ausgezeichnet  hatten  sich  während  dieser  verschiedenen
  Gefechte  laut  Armee-Befebl  vom  22  sten  November
  1805  der  commändierende  Generallieutenant  von
Deroy,  die  Öbersten  Graf  Ppompei,  BVieringer,
        <pb n="269" />
        Wenige  Stunden  nach  Beendigung  des  Treffens  erschien
  ein  Befehl  des  Marschalls  Bernadotte,  die
Bayern  sollten  nach  Reichenhall  zurückkehren.  Minnzzi'
zog  die  Besatzung  aus  dem  vordern  Strub-Paß  an  sich,
unter  beständigem,  doch  folgenlosem  Geplänkel  der  alle
Höhen  besetzenden  Feinde,  und  unter  gegenseitigem,
doch  unwirksamen  Kanonen-Feuer.  Einige  Geschwader
feindlicher  Reiterei  mit  einer  Kanone  schwärmten  dem
Zuge  des  Heerhaufens  bis  Unken  nach.  Sie  hätten  ihm
durch  Vortheile,  welche  die  Oertlichkeiten  mehrmals  darboten,
  sehr  gefährlich  werden  können.  Allein  die  ruhige
Tapferkeit  des  bayerischen  Nachtrabes,  den  das  leichte
Bataillon  Preysing  und  anderhalb  Cscadronen  vom  Dragoner-Regiment
  Taxis  machten,  hielt  von  Stellung  zu
Stellung  das  Andringen  der  Oesterreicher  ab.  Dieser
Nachtrab  hatte  während  seiner  Gefechte  fünf  Verwundete,
  sechs  Todte.

Ehe  noch  der  Heerhaufen  Reichenhall  erreicht  hatteerschien
  ein  neuer  Befehl  Bernadotte's.  Bei  der  sogenannten
  Wegscheide  mußte  sich  die  Brigade  Marsigli
über  Traunstein  und  Marquartstein  nach  Kufstein  wenden,
  um  diese  Veste  zu  berennen.  Die  Einnahme  derselben
  schien  sowohl  durch  die  raschen  Fortschritte  des
Marschall  Ney  gegen  Innsbruck,  als  durch  die  unvorbergesehene
  Lähmung  der  bsterreichischen  Kriegspblker  im

Lessel  und  Baron  Rechberg,  ÖOberstlieutenant  Baron
Ströhl,  Major  Baron  Heinau,  die  Hauptleute  von
Hertling,  von  Axthelm  und  Muhl,  der  Oberlientenant
  Ludwig  Graf  Seiboltsdorff,  die  Unterlieukenants
  Baron  Grünstein,  von  Salis,  Leopold  von
mffetten,  Carl  Graf  Seiboltsdorff.

17
        <pb n="270" />
        Tyrol,  sehr  beguͤnstigt.  Von  der  andern  Seite  mußte
die  Brigade  Nutius  Minnzzi  dem  Weg  nach  Salzburg
  einschlagen,  und  diesen  Punct  durch  verschiedene
Posten  in  Hallein,  Niederalben  und  Gugenthal  gegen
den  General  Szenasy  decken,  der  den  Paß  von  Werfen
  neuerdings  besetzt  hielt.  Nur  das  zweite  Bataillon
des  Regiments  Kurprinz  blieb  zum  Schutz  von  Reichenhall
  zuräck,  weil  das  aus  verschiedenen  Bestandtheilen
zusammengesetz  gewesene  Bataillon  des  Obersten  Pompei
  wieder  aufgeldßt  worden  war.

 

2

Ueberblick  der  fernern  Ereignisse  in  Tyrol,
in  Verbindung  mitr  den  Kriegsbegebenheiten
  in  Italien.

Bevor  wir  den  Blick  auf  den  Zug  der  franzbsischen
Hauptmacht  unter  Napoleon,  und  des  ihn  begleitenden
  bayerischen  Armee-Corps  wenden,  wollen  wir  noch,
zur  bessern  Uebersicht  des  Zusammenhanges,  in  leichten
Umrissen  die  fernern  Kriegsschicksale  Tyrols  andeuten.
Um  aber  diese  klarer  zu  erkennen,  mussen  wir  die  Heerbewegungen
  jenseits  der  Alpen  zugleich  beachten,  weil  von
denselben  der  Gang  des  Feldzuges  in  den  tyrolischen
Thälern  abgängig  war.

Am  linken  Etsch-Ufer  stand  dort  ein  großes  bsterreichisches
  Heer  unter  dem  Oberbefehl  des  Erzherzogs
Carl,  am  rechten  Etsch-Ufer  ein  franzbsisches,  welches
Marschall  Massena  führte.  Dieser  hatte  am  15ten
October  den  Waffenstillstand  aufgekündigt,  und  am  18ten
in  einem  blutigen  Treffen,  welches  von  vier  Uhr  Mor-
        <pb n="271" />
        —  261  —

gens  bis  sechs  Uhr  Abends  waͤhrte,  den  Uebergang  uͤber
den  Fluß,  mit  der  Bruͤcke  beim  alten  Castel  von  Verona
erzwungen.  Aber  schon  in  der  Nacht,  waͤhrend  Karl
erneuten  Angriff  ruͤstete,  zog  sich  Massena  wieder
ans  rechte  Ufer  zuruͤck,  und  zerstoͤrte  dazu  noch  die
Uebergangsbruͤcken  bei  Pescentina  und  Pontone.

Zum  andernmahle  (20sten  October)  erschien  Massena
  auf  dem  linken  Ufer,  entschlossen  sich  hier  fesizusetzen
  und  auszubreiten.  Den  Hauptangriff  richtete  er
dießmahl  auf  den  rechten  Flügel  der  Oesterreicher,  welcher
  hinter  Caldiero  aufgestellt  war.  Er  erstürmte  mit
großem  Menschenverlust,  nach  Umgehung  des  Castells
St.  Felice,  Peronetta;  bemeisterte  sich  der  Punkte  Stra
und  Caldiero;  aber  er  konnte  weder  die  mühsam  errungenen
  Vortheile  verfolgen,  noch  selbst  Caldiero  behaupken.
  Denn  das  Feuer  der  feindlichen  Verschanzungen  hinter
  Caldiero  setzte  ihm  unüberwindbare  Gränzen.

Zum  drittenmahle  griff  er  (zosten  October)  selnen
furchtbaren  und  unerschütterlichen  Gegner  an,  und  warf
sich  dießmahl  mit  allem  Ungestüm  gegen  den  linken  Flügel
  der  Oesterreicher  in  der  Gegend  von  Gambion.  Als
der  Erzherzog  diesen,  der  heftig  erschüttert  ward,  durch
Schwächung  des  rechten  Flügels  gestärkt  hatte,  stürzte
Molitor's  Division  mit  aller  Macht  gegen  die  den  rechten
  Flügel  deckenden  Verschanzungen.  Das  ksterreichische
  Corps  Bellegarde's,  welches  vorher  dem  linken
Flügel  zugeeilt  war,  half  nun  wieder  dem  rechten.  Es
erglühte  bei  Colognola  der  heftigste  Kampf  und  die  Franzosen
  wurden  zum  Rückzuge  gendthigt.  Während  dessen
brach  die  Division  Gardanne  in  die  Heermitte  der  Oesterreicher
  ein.  Schon  wich  diese,  schon  hatten  die  Franzo-
        <pb n="272" />
        —  262  —

sen  bei  Caldiero  mehrere  Redouten  erstuͤrmt,  als  der  Erzherzog
  Karl  auch  hier  durch  eine  Grenadier-Brigade
jählinge  das  Gleichgewicht  herstellte.  Man  schlug  sich
mit  Wuth,  Boajonett  gegen  Bajonett.  Doch  die  Franzosen
  wurden  gezwungen,  auch  hier  wieder  zurück  zu  gehen.
Die  Oesterreicher  schlugen  an  der  untern  Ersch  bei  Bonavigo
  schon  eine  Brücke,  und  zogen  Schiffe  zusammen,
als  wollten  sie  selbst  den  Feinden,  die  ihre  alten  Stellunsgen
  wieder  eingenommen  hatten,  in  den  Rücken  kommen.

Durch  alles  Mißgeschick  ungebeugt,  wiederholte
Massena  seinen  Angriff  (öisten  October)  zum  viertenmahl.
  Es  lag  ihm  Alles  daran,  bei  Chiavicca  del
Christo  sich  der  Stellung  des  linken  österreichischen  Flügels
  zu  bemächtigen.  Aber  auch  dießmahl  war  er  nicht
glücklicher.  Denn  der  Erzherzog  traf  ihn  mit  Absendung
  einer  starken  Truppen-Abtheilung  in  die  Seite,
was  den  gänzlichen  Rückzug  der  Franzosen  zur  Folge  hatte-Diesen

  Rückzug  konnte  nun  aber  der  Erzherzog  zu
nichts  andern,  als  zum  Gelingen  seines  eigenen  Rückzuges
  benutzen.  Schon  hatte  er  das  Unglück  von  Ulm
und  die  Gefahr  der  dfterreichischen  Erbstaaren  vernommen.
  Er  beschloß  daher,  zur  Vertheidigung  dieser  in
Verbindung  mit  dem  ksterreichisch=  rußischen  Heer,  zurückzugehen,
  und  die  österreichischen  Schagren  an  sich  zu
ziehen.  Daher  sein  Befehl  an  Erzherzog  Johann,  derselbe
  solle  alles  Kriegsvolk  auf  dem  Brenner  versammeln
und  ihm  zuführen.  Karl  selbst  brach  in  der  Mitternacht,
  die  dem  letzten  Kampfe  gegen  Massena  folgte,
mit  seinem  ganzen  Heer  von  Caldiero  auf,  nach  Montebello
  und  Vicenza'  gegen  die  Erbstaaten.  Nur  um  seiwen
  wachsamen  Feind  zu  betrügen,  ließ  er  den  General
        <pb n="273" />
        —  265  —

Hillinger  mit  5000  Mann  im  Lager  zuruͤck.  Dieser
konnte  nun  freilich,  die  Franzosen  einige  Stunden  lang
täuschen,  aber  auch  dem  Schicksal  nicht  entgehen,  von
der  Uebermacht  umzingelt,  und  mit  seinem  Corps,  nach
ehrenpollerGegenwehr  (2ten  November)  gefangen  zu  werden.

An  demselben  Tage,  da  Erzherzog  Johann,  um
das  Zusammenziehen  seiner  Schlachthaufen  am  Brenner
zweckmäßiger  zu  leiten,  selbst  nach  Innsbruck  gekommen
wae  (#ten  November),  hatte  Marschall  Ney  3000  Mann
gegen  die  Verschanzungen  bei  der  Scharnitz  rücken  lassen.
Schon  Tags  zuvpor  hatte  er,  doch  fruchtlos  den  Oberstlieutenant
  Swinburne  zur  Uebergabe  aufgefordert,
der  hier  mit  zwei  Bataillonen  Oesterreicher  und  zahlreichen
  Laudesschützen  die  Vertheidigung  der  Schanzen,  jo
wie  des  Kapfelbergs,  des  Aruthals  bis  an  den  Arnkopf,
  des  Karbendelthals  und  des  Brunsteins  leitete.
Wie  ernsthaft  auch  der  Angriff  Ney's  gegen  die  Schanzen
  war,  —  bei  der  sogenannten  Schellerunt  schlugen
die  Franzosen  eine  kleine  Laufbrücke  über  die  Isar,  aber
von  den  Bergen  rollende  Felsstücke  und  das  Feuer  der
Schützen  hemmten  die  hier  begonnene  Bewegung;  der  französische
  General  Marsognet  drang  mit  der  Hauptmasse
so  nahe  gegen  die  sogenannte  Mauleck,  daß  die  Kanoniere
  guf  dieser  Bastion  bei  den  Kanonen  erschossen
wurden;  gegen  die  Scharnitz  selbst  donnerten  den  ganzen
  Tag  von  zwei  Seiten  die  Kanonen,  dennoch  wurde
nichts  ausgerichtet.  Aber  eigentlich  auch  nicht  hier,  sondern
  gegen  die  Leutasch  geschah  der  enscheidende  Angriff.

In  der  Leutasch  befehligte  der  österreichische  Major
Kraus.  Gegen  ihn  rückte  General  Loison,  der  erfahrne
Gebirgs-Krieger,  mit  3  bis  4000  Franzosen,  die  von
        <pb n="274" />
        —  264  —

den  baierischen  Foͤrstern  Wurmer  und  Trysberger
am  Lauter-  und  Furchensee  dahin  geführt  waren.  Loison
  ließ  alsbald  die  zu  schwach  besetzten  Höhen  des
Grünkopfs  wegnehmen,  und  vom  Alple  herunter  in  den
#Kcken  der  Leutasch-Schanze  dringen.  Indem  er  nun
seine  Bewegungen  durch  das  Leutasch-Thal  fortsetzte,
ward  endlich  die  Einnahme  der  Veste,  die  Gefangennehmung
  der  6,000  Mann  starken  Befatzung,  das  schnelle
Vorrücken  der  Franzosen  bis  Seefeld,  und  dadurch  Einsperrung
  Swinburne's  die  nothwendige  Folge  davon.
Sobald  dieß  Swinburne  vernahm,  eilte  er  mit  seinen
  zwei  Bataillonen  und  einer  Kanone  nach  Se#feld,
um  sich  durchzuschlagen.  Seine  Tapferkeit  blieb  vom
Glück  ungekrbnt.  Er  mußte  sich  dem  übermächtigen
Gegner  ergeben.  Nur  wenige  Schützen  entkamen,  dem
Erzherzoge  zu  Innsbruck  die  Niederlage  zu  melden.  Ney
besetzte  nun  folgenden  Morgens  die  Scharnitz-Schanzen,
und  rückte  sogleich  auf  Innsbruck  zu,  dort  den  Erzherzog
  anzugreifen.

Dieser  aber  hatte  schon  den  Abend  zuvor  mit  seinem
Kriegsvolk  den  Jug  auf  den  Brenner  angetreten,  weil  er
zeitig  genug  von  allem  unterrichtet  worden  war,  auch
das  rasche  Vorrücken  der  Franzosen  gegen  Radstadt,  den
eiligen  Rückzug  Szenasy's  gegen  den  kaum  haltbaren
Punkt  Spital,  und  den  Rückzug  des  Feldmarschalllieutenants
  Hiller  von  Trient  nach  Briren  vernommen
hatte.

Hillers  Bewegung  hieng  mit  dem  Juge  des  Erzherzogs
  Karl  zusammen,  der,  stets  vom  Feinde  verfolgt,
  jeden  örtlichen  Vortheil  benutzte,  seinen  Gegner
aufzuhalten,  und  ihm  dem  Vorsprung  abzugewinnen.  So
        <pb n="275" />
        —  265  —

ward  Vicenza  hartnäckig  vertheidigt,  bis  die  ganze  Armee
  auf  der  Straße  nach  Bassano  war;  so  das  Dorf
St.  Pietro  in  Gu,  bis  die  Armee  jenseits  der  Brenta
stand.  Der  Erzherzog  nahm  zu  gleicher  Zeit  alle  Besatzungen
  aus  den  Städten  im  Venetianischen  an  sich,
ließ  alle  Eingänge  des  südlichen  Tirols  dem  Feinde  offen,
  und  dachte  nur  daran,  schnell  und  mit  ungebrochner
  Kraft  das  Innere  Oesterreichs  zu  erreichen.  Diesen
Bewegungen  also  mußten  Hiller  und  der  Erzherzog
Johann  folgen.  Letzterer  erwartete  nur  noch  den  Feldmarschall-Lieutenant
  Chasteler,  und  ließ,  ihn  zu
empfangen,  den  General  St.  Julien  bey  Matray  und
Steinach  eine  JZeit  lang  siehen.  Chasteler  hingegen
wagte  sich  nach  der  Einnahme  von  der  Leutasch  nicht
mehr  gegen  Innsbruck,  sondern  zog  sich  nach  St.  Johann,
  durch's  Pinzgau  nach  Werfen.  Auch  stand  General
  Szenasy  noch  am  Burgpaß  und  bei  Werfen,
ohngefähr  3,000  Mann  stark;  und  die  Besatzung  des
Kufsteins,  ohngefähr  1,500  Mann  stark,  hielt  ebenfalls  fest.

Diese  Besatzung  von  Kufstein,  verbunden  mit  den
Tiroler-Schützen,  beunruhigte  die  angränzende  Gegend
von  Baiern  häufig  mit  Streifzügen,  bis  der  Hauptmann
  Hugenpoet,  mit  einer  Compagnie  des  ersten
Linien-Regiments,  von  Rosenheim,  wo  er  zur  Deckung
der  Innbrücken  zurückgeblieben  war,  nach  Fischbach  befehligt
  wurde.  Hier  verband  er  sich  mit  etwa  vierzig
baierischen  Gebirgs-Schützen,  und  setzte  durch  seine
Thätigkeit  und  Wachsamkeit  die  Gegend  bald  in  Sicherheit.
  Zu  ihm  stieß  bald  auch  mit  einer  Compagnie  des
neugebildeten  Korps  freiwilliger  Jäger  der  Oberstlieutenant
Baron  Zoller  (#ten  Nevember)  begleitet  vom  Oberstlieutenant
  von  Fordan,  Flügel-Adjutanten  des  Kurfür-
        <pb n="276" />
        —  266  —

sten.  Diese  besetzten  sogleich  die  Posten  von  Urfarn  und
Ober-Audorf,  nahmen  das  zu  Kieferfelden  stehende  bsterreichische
  Piket  von  10  Mann  durch  Ueberfall  gefangen
(bten  Rovember),  ")  rückten  gegen  Kufstein,  forderten
die  Veste  auf  ('ten  November)  und  besetzten  die  Stadt.
Deun  an  demselben  Tage  hatten  sich,  auf  die  Nachricht
vom  Einrücken  der  Franzosen  in  Innöbruk,  alle  Tiroler=Schützen
  entfernt,  und  in  ihre  Heimathen  zerstreut.

Der  Befehlshaber  der  Vestung  schlug  die  wiederholte
Aufforderung  ab,  auch  dann  noch,  als  General  Graf
Mezanelli  mit  jener  baierischen  Brigade  (8ten  November)
  ankam,  die,  wie  wir  oben  erzählten,  zur  Wegnahme
  Kufsteins  ausgesandt  war.  General  Mezanelli
ließ  vor  allen  Dingen  das  leichte  Bataillon  Prepfing  und
das  Dragoner-Regiment  Taris  durch  die  Vorstadt  auf
die  Innebrucker-Straße  rücken,  um  eine  Verbindung
mit  dem  Corps  des  Marschalls  Ney  einzuleiten;  zog
noch  das  leichte  Batgillon  Lamotte,  von  der  Brigade
Siebein  an  sich,  ließ  dieses  dann  (10ten  November!?)
gegen  die  wohl  verrammelte  und  besetzte  Clausen-Schanze
amücken,  und  theils  am  Fuße  des  Zillerbergs,  welcher
der  Vestung  sehr  nahe  liegt,  theils  auf  der  Hdhe  dese
selben,  welche  die  ganze  feindliche  Stellung  beherrschte,
#ier  Sechspfünder  und  zwei  Haubitzen  aufführen.  Ein
starker  Nebel  begünstigte  es.  Hauptmann  Bauer  ließ
pie  Haubitzen  mit  Seilen  den  Berg  hinauf  ziehen  und
tragen,  bis  zur  vordern  Bergspitze,  von  wo  man,  durch
)  Durch  Klugheit  und  Tapferkeit  des  Lieutenanks  von  Pfetten
  des  1sten  Linien=  Infanterie-Leib-Regiments,  kräftig
  durch  seinen  Corporal  Schmiedmeier  und  Gemeisen
  Ringmeier  unterstüßt.
        <pb n="277" />
        —  267  —

ein  altes  Blockhaus  gedeckt,  die  längste  Seite  der  Vestung,
  bei  der  Josephs-Burg,  mit  Erfolg  beschießen
konnte.  Der  österreichische  Befehlshaber  in  Kufstein,
Major  Ujhatzi  wartete  den  Erfolg  dieser  Maßregeln
nicht  ab,  sondern  unterzeichnete  den  nämlichen  Tag  die
Bedingungen  der  Uebergabe.  Die  Besatzung  erhielt  freien
Abzug.  Sobald  die  Vestung  den  Baiern  eingeräumt  war,
übertrug  General  Mezanelli  den  Oberstlieutenant  Lamotte
  mit  dessen  leichten  Bataillon,  Kufstein  zu  besetzen,
und  rückte  mit  seiner  Brigade  über  St.  Johann,  dem
Generallieutenant  Baron  Wrede  zum  Hauptheer  in
Oesterreich  nach,

Erzherzog  Johann  hatte  bis  dahin  seine  Stellung
auf  dem  Brenner  behalten.  Ney,  welcher  von  Innsbruck
aus  die  Verbindung  mit  den  Baiern  vor  Kufstein  suchte,
war  für  größere  Unternehmungen  zu  schwach,  hinderte
daher  die  Bewegungen  des  Erzherzogs  wenig,  und  schob
seine  Vorposten  nur  bis  an  den  Isel-Berg  vor  Wildau.
Was  den  Erzherzog  am  meisten  hemmte,  war  seine  Hoffnung,
  noch  das  Corps  des  Prinzen  Rohan  gus  den
Gegenden  von  Imst  und  Landeck  im  Oberinnthal,  wie
auch  das  des  General  Jellachich,  der  noch  im  Vorarlberg
  stand,  mit  sich  zu  verbinden.  Erst,  als  ihm  der
Prinz  Rohan  selbst  meldete,  es  sey  unmdglich  —  denn
schon  war  er  ringsum  von  Feinden  bedrängt  —  setzte  er
die  begonnenen  Bewegungen  vom  Brenner  herab  gegen
das  Innere  von  Oesterreich  fort.  Der  Zug  gieng  (Liten
November)  über  Mühlbach,  Mederndorf  und  Sillian.
Chasteler  deckte,  von  Werfen  aus,  die  linke  Seite
desselben,  und  General  Siegenthal  an  den  Eingängen
  der  Ponteba  und  Pfftsch,  nachher  bei  Oberdrauhurg
  und  im  Gristhal  bei  Mauthen,  die  rechte.
        <pb n="278" />
        —  268  —

An  demselben  Tage  (15ten  November)  da  Erzherzog
Karl  seinem  ermüdeten  Heere  am  linken  Ufer  des  Tagliamento
  eine  Ruhe  schuf,  indem  er  das  feindliche  Heer
am  rechten  Ufer  durch  zehn  Regimenter  und  dreyßig
Stück  Geschütz  beschäftigen  und  aupfhalten  ließ,  erreichte
Erzherzog  Johann  die  Stadt  Lienz  an  den  Gränzen
Kärnthens.  Jetzt  ließ  er  auch  den  Feldmarschall-Lieutenant
  Hiller,  welcher,  Rohan  und  Jellachich
erwartend,  am  Fuß  des  Brenners  zurückgeblieben  war,
nachrücken,  mit  Befehl,  so  schnell,  als  mdglich,  durch
das  Pusierthal,  Villach  und  Klagenfurth  zu  erreichen.
Chasteler  hingegen  mußte  durch  das  Murrthal  gegen
Neumarkt  oder  Freisach  gehen,  um  den  Franzosen  in
Klagenfurth  zuvorzukommen,  oder  ihre  Bewegung  dahin
zu  verspäten.  Denu  schon  wußte  man  den  Marschall
Marment  in  Anzug  gegen  diesen  Punct.  Auch  Ger
neral  Siegenthal  empfieng  Befehl,  den  allgemeinen
Zweck  durch  einen  raschen  Zug  gegen  Villach  oder  Klagen
  furth  und  durch  Beobachtung  der  Ponteba  zu  befdrdern.

Während  also  Erzherzog  Karl  durch  einen  meisterhaften
  Rückzug  über  den  Isonzo,  über  Gradisca,  Gdrz
und  Laibach  gieng,  immer  noch  stark  und  seinen  Feinden
furchtbar,  endlich  nach  Eilly  gelangte  (27sten  November)
  an  der  Drau,  gelang  es  auch  dem  Erzherzoge
Fohann,  aus  verschiedenen  Richtungen  seine  Heerhaufen
  bei  Klagenfurth  (20sten  November)  zu  sammeln,
und  sie  mit  den  tapfern  Schaaren  Karls  endlich  (osten
November)  an  der  Drau  zu  vereinigen.

Marschall  Ney,  sobald  er  den  Abzug  der  Oesterreicher
  vom  Brennen  vernommen  hatte,  war  zwar  von
Innsbruck  aufgebrochen  (14ten  November)  und  ihnen
        <pb n="279" />
        nach  bis  Lienz  gefolgt,  doch  ohne  eigne  Gefahr  konnte
er  nicht  weiter.  Denn  Prinz  Rohan  hatte  sich  hinter
ihm  sogleich  in  Bewegung  gesetzt,  sich  über  Finstermüntz
und  Meran  nach  Botzen  geworfen,  hier  den  Landsturm
aufgeboten,  und  mit  Hülfe  desselben,  eine  hier  stehende
schwache  Abtheilung  von  Ney's  Korps  zurückgedrückt.
Der  Prinz,  nur  ohngefähr  noch  6000  Mann  stark,  mochte
sich  hier  weder  fruchtlos  mit  Ney  messen,  noch  konnte
er,  weil  Marmont  schon  in  Stepermark  eingedrungen
war,  an  Vereinigung  mit  Erzherzog  Johann  denken.
Er  wandte  sich  also  gegen  Bassano,  überrumpelte  hier
die  französische  Besatzung,  und  gieng  nach  Castelfranco,
mit  der  verzweiflungsvollen  Aussicht,  vielleicht  die  franzesische
  Linie  durchbrechen,  und  Venedig  erreichen  zu
kodnnen.  Massena,  wohlunterrichtet,  verstärkte  aber
sogleich  den  rechten  Flügel  Gouvion  St.  Cyr's,  der
zur  Beobachtung  Venedigs  aufgestellt  war,  schickte  die
Division  Gardanne  nach  Venzone,  um  die  Besatzung
am  Durchgang  beider  Ponteba's  zu  unterstützen,  und
verschloß  auf  diese  Weise  dem  Prinzen  jeden  Ausweg.
Dieser  stürzte  mit  letzter  Kraft  aus  Castelfranco  hervor,
trieb  noch  die  franzdsische  Division  zurück,  mußte  endlich
aber,  überwältigt  von  der  gegen  ihn  kämpfenden  Menge,
weichen.  Erschdpft  und  zu  schwach,  denn  es  waren  ihm
nur  etwa  noch  1000  Mann  übrig,  mußt'  er  sich  zuletzt
mit  diesen  in  Kriegsgefangenschaft  geben.  Nicht  ganz
vergebens  war  Rohans  gewagtes  Werk  gewesen.  Er
hatte  den  Aufenthalt  des  franzdsischen  Heers  am  Isonzo
verzdgert,  und  dadurch  den  Rückzug  des  Erzherzogs  Karl
erleichtert.
Im  Vorarlberg  hatten  die  Generale  JZellachich  und
Wolfskehl  kein  besseres  Schicksal,  deren  ausögesandte
        <pb n="280" />
        —  270  —

Streifrotten  lange  genug  den  Bewohnern  Schwabens,
Baierns,  selbst  Frankens,  Furcht  eingestd½ßt  hatten.
Als  aber  durch  die  Franzosen  die  ndrdlichen  Engpässe  und
Thäler  Tirols  genommen,  die  südlichen  durch  Erzherzog
Karls  Rückzug  verlassen  waren,  als  Marschall  Augereau,
  mit  15.000  Mann  bei  Hünningen  über  den  Rhein
gekommen  (20sien  October),  sich  längs  dem  Bodensee
dem  Vorarlberg  nahte:  da  ward  die  Verlegenheit  wie
die  Entzweiung  der  Feldherren  groß.  Die  Grafen  Kinsky
und  Wartensleben,  Oberste  der  Reiterei,  beschlossen,
  sich  mit  dem  Säbel  in  der  Faust  einen  Weg  ins
Vaterland  zurückzubahnen.  Sie  brachen  mit  ihren  Reitern
  und  sechs  Kanonen  (Nachts  den  12ten  November)
von  Bregenz  auf;  zogen  über  Lindau,  Biberach,  Blaubeuren,
  Lauingen  und  Ndrdlingen;  hoben  Couriere  auf,
trieben  Brandschazungen  ein,  nahmen  Vieh,  Getraide,
Futter  weg;  verbreiteten  Schrecken  und  Hunger  wohin
sie  kamen;  zogen  über  Ellwangen  und  Anebach  durch
Franken,  und  erreichten  endlich  (10ten  November)  glücklich
  die  bbhmischen  Gränzen.  Günstig  für  fie  war  die.
weit  zerstreute  Aufstellung  der  balerischen  Brigade  Siebein
  in  den  Gegenden  von  Donauwdrth,  Amberg  u.  s.  w.,
welche  aus  dem  Oten  und  10ten  Linien-Regiment  bestand,
  und  bis  Ende  Octobers  mit  der  franzdsischen  Division
  Rivaud  vereint  gewesen  war.  Ueberall  schwach
konnte  sie  in  ihrer  Vertheiltheit  den  unerwarteten  Rückzug
  weder  hindern,  noch  auch  nur  erschweren.
Fellachich,  der  nur  noch  4.500  Mann  beisammen,
und  sich  nach  Dornbirn  zurückgezegen  hatte,  mußte  nach
vergeblicher  Tapferkeit  der  überlegenen  Macht  Augereauss
  weichen.  Doch  eine  Frucht  errang  diese  Tapferkeit,
  als  sich  der  besiegte  Heerhaufen  gefangen  geben
        <pb n="281" />
        mußte  (14ten  November):  er  erhielt  freien  Abzug  nach
Boͤheim,  unter  dem  Geluͤbde,  binnen  Jahresfrist  nicht
gegen  Frankreich  zu  dienen.  Augereau  wandie  sich  darauf
  nach  Ulm;  rings  umher  war  kein  Feind  mehr.  Daher
  empfieng  nun  die  Brigade  Siebein  Befehl,  in  Eile
zügen  nach  Oesterreich  zu  gehen,  und  zum  baierischen
Armee:  Corps  zu  stoßen,  welches,  seit  der  Verwundung
des  Generallieutenants  Oeroy,  allein  unter  Wrede's
Oberbefehl  stand.  Eben  so  nahmen  auch  das  6te  und
13te  baierische  Linien-Regiment,  mit  einer  Capvallerie=Ergänzung,
  (am  27  sten  October)  ihre  Richtung  von
Würzburg,  über  München,  nach  Salzburg,  unter  Anführung
  des  Generals  Karg.

 

0.
Rückzug  des  russisch-österreichischen  Kriegsheeres
  über  Krems  und  Wien  nach  Mähren.

Es  ist  aber  Zeit,  auf  die  Bewegungen  der  Hauptheere
  zurück  zublicken.

Nachdem  die  Franzosen  über  den  Inn  gegangen
waren,  wie  schon  erzählt  ist,  wo  Braunau  mit  45  Kanoneu
  und  großen  Kriegs=  und  Lebensvorräthen  in  ihre
Gewalt  gefallen,  für  sie  ein  vortheilhafter  Waffenplatz
wurde,  blieb  der  rußisch  =  dsterreichischen  Armee  unter
Kutusow  und  Kienmair  keine  Wahl  übrig,  als  sich
gegen  jene  russische  Hauptmacht  zurückzuziehen,  welche
die  Feldherren  Burthoeven  und  Michelson  in  großer
  Eil  durch  Schlesien  gegen  Mähren  heranführten.
Denn  Kienmair,  Meerveld  und  Kutusow,  letzterer
  mit  nicht  mehr,  als  20,000  Russen,  waren  zum
ernsten  Widerstand  gegen  die  unverhältnißmäßige  Ueber-
        <pb n="282" />
        legenheit  ihres  Feindes  viel  zu  schwach.  Sie  mußten  sich
begnügen,  das  Vordringen  desselben,  so  lange  als  moͤg—
lich,  zu  verzdgern,  um  einerseits  den  ankommenden  Russen,
  anderseitö  dem  Er#herzog  Karl,  von  Italien  her,
Jeit  zu  gewinnen.  Mehrere  Strdme,  die  zwischen  Wien
und  dem  Inn  zur  Donau  gehen,  schienen  die  Aufgabe
zu  erleichtern.  Napoleon  hingegen  hatte  nichts  Dringenderes,
  als  die  feindlichen  Heerhaufen  vor  sich  her
zu  ereilen,  mit  einer  Uebermacht  sie  zu  erdrücken,  Wien
zu  nehmen,  als  den  Schlüssel  aller  Hauptstraßen  und
künftigen  Kriegsbewegungen,  dann  den  Russen  nach  Mähren
  entgegen  zu  gehen,  und  auch  sie  einzeln  zu  schlagen.
Daher  stand  Murat  mit  dem  Vortrabe  der  franzdsischen
  Macht  (51sten  October)  schon  bei  Lambach,
wo  der  dsterreichische  General  Schusteck  den  Rückzug
der  Russen  seitwärts  nach  Wels,  der  Oesterreicher  über
die  Traun,  glücklich,  wenn  auch  mit  Verlust  deckte;  als
das  große  franzdsische  Heer  erst  vom  Inn  aufbrach.
Murat  verfolgte  die  Russen  (usten  November)  nach
Wels,  Davoust  gieng  mit  einem  Theil  seiner  Reiterei
bei  Lambach  über  die  Traun;  schickte  einen  andern  Theil
gegen  die  Stadt  Steyer,  wohin  sich  die  Diviskton  Hohenlohe
  vom  meerveldischen  Corps  gezogen  hatte,  einen  andern
  Theil  gegen  Kremsmünster.  Nachdem  auch  noch
bei  Ebersberg  400  zurückgelassene  Oesterreicher  den  Traun-Uebergang
  vergeblich  und  nur  kurze  Zeir  vertheidigt  hatten,
  (denn  der  französische  General  Walter  hatte  in
vorgefundenen  Fahrzeugen  beträchtliche  Reiter-Abtheflungen
  übergeschifft,.)  bewegte  sich  alles  gegen  die  Ufer
der  Ens  vor.  Ein  beim  Dorfe  Asten  versuchter  Widerstand
  ward  von  den  Franzosen,  die  dabei  einige  hundert
Gefangene  machten,  leicht  gebrochen;  Davoust  bemächtigte
        <pb n="283" />
        —  273  —

tigte  sich  kaͤmpfend  der  Stadt  Steyer  (aten  October).
So  wurde  die  Ens  uͤberschritten,  und  bei  Amstaͤtten  das
Ufer  der  Ips  (Sten  October)  durch  Murats  Heerhaufen
  erreicht.  Hier  stand  auf  den  benachbarten  Hoͤ—-hen
  noch  der  Nachtrab  des  russisch-österreichischen  Heeres,
  den  Uebergang  der  Ips  zu  vertheidigen.  Kräftig
widerstanden  anfangs  die  Russen  dem  Sturm  der  oudinot'schen
  Grenadier-Division,  bis  die  Masse  des  Feine
des  immer  gewaltiger  herandrängte.  Da  ward  auch  die
Ips  von  Oesterreichern  und  Russen  verlassen.  Sie  eilten
  nach  Mdlk.  Jetzt  war  es  darum  zu  thun,  nicht  nur
die  Hauptstadt  Wien  zu  decken,  sondern  mehr  noch  die
Engwege  und  den  Donau-Uebergang  bei  Krems  zu  beschützen.
  Denn  schon  war  Kaiser  Alexander  von  Rußland
  mit  seinem  Heere  nahe.  Der  Versuch  mußte  gemacht
  werden,  ihm  den  Weg  über  die  Donau  offen  zu
halten.  Darum  bewegte  sich  Kutusow  über  St.  Pölten
  links  nach  Krems  und  Srein  an  der  Donau;  das
meerveldische  Corps  hingegen  über  Neustadt  zur  Deckung
Wiens.

Allein  schon  stand  Mortier  am  linken  Donauufer,
auf  welches  er  bei  Linz  übergegangen  war,  und  rückte
den  Strom  entlang  gegen  Krems.  Und  Marschall
Davomust,  der  von  Steper  her  über  Nardhofen  das
meerveldische  Corps  verfolgte,  stieß  (am  kten  November)
schon  bei  Marienzell  auf  dieses,  und  griff  es  sogleich  mit
Ungestüm  an.  Es  ward  im  hartnäckigen  Gefechte  geschlagen.
  Die  Trümmer  desselben  zogen  sich,  nach  empfindlichen
  Verlust,  eilfertig  zurück.  Wien  war  nun  niche
länger  gegen  die  Macht  des  Siegers  zu  behaupten.  Ueber
Leoben  nahm  Marschall  Marmont  seine  Nichtung  gegen
  Grat.

18
        <pb n="284" />
        –  2½  —

Von  allen  Seiten  drängten  die  französischen  Schaaren
  gegen  die  Hauptstadt  des  Kaiserreichs,  wie  zum
gemeinschaftlichen  Mittelbunct.  Auch  der  Heerhaufe
des  Marschalls  Bernadotte  war  von  Salzburg  aufgebrochen.
  Ihm  folgte  der  Generallieutenant  Wrede  (zten
November)  mit  dem  5ten,  7ten,  8ten  und  12ten  Infanterie-Regiment,
  dem  2ten  und  öten  leichten  Bataillon,
  und  dem  isten  und  2ten  Regiment  Chevaurlegers,
welchem  sich  bald  auch  das  ate  Chevaurlegers-Regiment
anschloß.  Schon  am  öten  November  stand  er  bei  Lambach,
  wo  er  Reiter-Abtheilungen  über  die  Traun  gehen
und  den  Punct  Wimsbach  an  der  steyermärkischen  Gränze
besetzen  ließ,  während  zur  Deckung  des  salzburgischen
Landes,  auf  Bernadotte's  Befehl,  das  üuste  Kinien-Leib-Regiment,
  das  Regiment  Kurprinz,  das  A1ste
leichte  Bataillon  Metzen,  und  das  iste  Dragoner-Regiment
  Minuzzi  zurückgeblieben  war,  und  General
Mezanelli  mit  dem  übrigen  Theile  der  Baiern  die
Unternehmung  gegen  Kufstein  betrieb.  Von  Lambach
rückte  Wrede  nach  Steyer,  dann  der  allgemeinen  Bewegung
  folgend,  nach  Ulmerfelden.)  Wichtiger,  denn
jedem  andern  von  den  Feldherren  gegen  Oesterreich,  war
ihm  die  Handhabung  strenger  Mannszucht,  wie  große
Entbehrungen  auch  immerhin  sein  Kriegsvolk  dulden
mußte.  Denn  an  ihm  war's,  durch  die  That  jene  thdrich- 



*)  Der  General  Marsigli  übernahm  hier  als  Stellvertreter
des  wie  erwähnt  gegen  Kufstein  gesandten  Generals  Grasen
  Mezanelli,  den  Befehl  über  die  aus  dem  5Sten
und  7ten  Linien-Regiment,  dem  2ten  leichten  Infanterie-Bataillon
  und  dem  1sten  Chevgurlegers-Regiment  bestehende
Brigade.
        <pb n="285" />
        —  276  —

ten  Anschuldigungen  zu  widerlegen,  in  welchen  die  oͤsterreichischen
  Truppen  voll  erblichen  Nachbargrolls  nur  die
Baiern  anklagten,  als  wären  sie  allein  die  zuchtlosen
Verwüster  eines  Landes,  welches  von  Feinden  und  Freunden
  Oesterreichs  gleich  stark  verheert  ward.

Kaiser  Franz,  in  der  Trauer  um  das  bevorstes
hende  Schicksal  seiner  Hauptstadt,  hatte  den  Feldmarschall-Lieutenant
  Grafen  Giulay  mit  Friedensvorschlägen
  nach  Linz  gesandt,  wo  voch  Napoleons  Hauptgelager
  Cam  gten  November)  war.  Allein  die  herben
Bedingungen,  welche  der  Sieger  vorschrieb:  schleunige
Heimkehr  der  Russen  in  ihr  Vaterland,  Entlassung  des
ungarischen  Aufgebots,  Verzichtleistung  auf  Venedig
und  Tirol,  —  vernichteten  den  Muth  zum  Untethandeln.
  Ununterbrochen  währte  hingegen  der  alseitige
Zug  gegen  Wien  fort.  Schon  am  11ten  November  erschien
  Murat  zu  Hüttelsdorf  vor  Wien,  den  General
Kienmair  und  dessen  schwache  Heerschaar  verfolgend.
Dort  trug  man  ihm  die  Schlüssel  der  von  aller  Besatzung
verlassenen  Hauptstadt  entgegen.

An  demselben  Tage  war's,  daß  Mortier  am
linken  ODonauufer  gegen  die  Russen  bei  Stein  und  Krems
rückte.  Im  Wahn,  er  habe  es  hier  nur  mit  einem  Nachtrabe
  zu  thun,  der  den  russischen  Rückzug  nach  Mähren
decke,  war  er  blos  mir  der  Division  Gazan,  4,  bis
5,000  Mann  stark,  von  Spitz  aufgebrochen.  Als  er
aber  mit  geschlossener  Kolonne  in  die  auf  dem  Wege
nach  Stein  gelegenen  Engen  eingerückt  war,  erblickte  er
das  ganze  bei  20,000  Mann  starke  Heer  der  Russen  in
vortheilhaften  Srellungen  gegen  sich  gerichtet.  Mortier,
  statt  sich  zurückzuziehen  vor  der  Uebermacht,  griff
mehr,  als  kühn,  seinen  Feind  mit  furchtbarem  Unge-18“
        <pb n="286" />
        —  226  —

stüm  an,  und  es  erhob  sich  eines  der  blutigsten  Gefechte
des  ganzen  Feldzugs  auf  dem  beschränkten  Schlachtfelde.
Mortier  zweifelte  nicht  an  naher  Hülfe  von  seinen
Ubrigen  von  Spitz  aus  vorrückenden  Divisionen;  setzte  das
wilde  Gemetzel  des  Kampfes  unerschütterlich  fort  bis
zum  Nachmittag,  und  sah  sogar  schon  den  Sieg  sich  ihm
zuneigend.  Allein  Kutusow,  der  russische  Heerfährer,
hatte  mittlerweile  zwei  Heersäulen  über  Durrenstein  und
Weissenkirchen  in  den  Rücken  der  franzdsischen  Stellung
gesandt.  Dadurch  wurden  Mortier's  Schlachthaufen
zwischen  zwei  Feuer  gebracht,  und  der  Verbindung  mit
den  nachrückenden  Divisionen  beraubt.  Aber  heldenmüthig
  setzten  sie,  wie  sehr  auch  ihre  Reihen  schon  durch
das  feindliche  Geschütz  gelichtet  waren,  das  mdrderische
Treffen  fort,  auch  dann  noch,  als  fast  alle  ihre  Munition
  verloren  war.  Darauf  kehrten  sie  um,  und,  mit
Aufopferung  ihrer  Artillerie,  stürzten  sie  sich,  Mortier
an  ihrer  Spitze,  gegen  die  Russen,  die  ihnen  bei  Weissenkirchen
  im  Rücken  standen.  Aber  schon  waren  diese
durch  die  von  Spitz  angekommene  Division  Dupont
ebenfalls  in  ein  Gefecht  verwickelt  worden,  nun  vorn
und  hinten  angefallen,  und  konnten  nicht  hindern,  daß
sich,  mitten  durch  ihre  Reihen,  die  Ueberbleibsel  der
Division  Gazan  Weg  bahnten.  Damit  war  das  Gleichgewicht
  des  Treffens  hergestellt,  von  welchem  sich  beide
Theile  den  Sieg  beimaßen,  während  beide  großen  Verslust
  an  Todten,  Verwundeten  und  Gefangenen  hatten.
Inzwischen  war  davon  Kutusow's  Rückzug  auf  der
Brünner  Straße  nach  Mähren  die  Folge.

Ihm  rückte  Mortier  nach.  Diesen  zu  unterstützen,
empfieng  Bernadotte's  baierisch-franzbsisches  Corps
Weisung.  Wrede,  dessen  Truppen  in  und  bei  Schmier--
        <pb n="287" />
        1477.—

ling  (12ten  und  15ten  November)  aufgestellt  waren,  vernahm
  hier  die  Räumung  Tirols,  Ney's  Einzug  in
Innsbruck,  Kufsteins  nahen  Fall,  den  Rückzug  der
Erzherzoge  Johann  und  Karl.  Daher  berief  er,  sich
zu  stärken,  den  General  Siebein  mit  dem  oten  Regiment
  und  dem  zweiten  Bataillon  des  10ten  Regiments,
so  wie  den  General  von  Karg  mir  dem  bten  und  13ten
Linien-Regiment  aus  den  Umgegenden  Salzburgs  eiligst
zu  sich;  deßgleichen  auch  die  Brigade  Mezanelli,  mit
Ausnahme  des  Bataillons  zur  Besatzung  von  Kufstein.
Am  135ten  November,  Morgens  11  Uhr,  zog  Murat
  in  Wien  ein.  Düster  schweigend  sahen  die  Bewohner
  der  Hauptstadt  den  Einzug  der  Sieger,  und  verläugneten
  auch  unter  den  Bajonetten  derselben  ihre  liebende
  Treue  für  das  unglückliche  Kaiserhaus  nicht.
Fenseits  der  Donau  stand  eine  ansehnliche  Abtheilung
österreichischen  Kriegsvolks  mit  aufgefahrenen  Batterien
zur  VPertheidigung  oder  Zerstdrung  der  Donaubrücke  bereit.
  Beides  zu  hindern  und  sich  offnen  Weg  nach  Mähren
  zu  schaffen,  konnte  nur  der  List  gelingen;  und  sie
gelang.  Man  wird  ungewiß,  ob  man  mehr  über  die
Verwegenheit  der  franzdsischen  Feldherren,  oder  über  die
leichtgläubige  Gutmüthigkeit  des  österreichischen  Generals,
der  dort  befehligte,  erstaunen  soll.  Denn  die  Marschälle
Murat  und  Lannes,  General  Belliard  und  andere,
begaben  sich  keck  zum  dsterreichischen  Befehlshaber,  und
verkündeten,  daß  zwischen  Frankreich  und  Oesterreich  nicht
nur  Friede,  sondern  selbst  Bund  geschlossen  sey.  Mehrere
  Briefe,  die  bei  den  Oesterreichern  eingegangen  waren,
  schienen  die  Ankündigung  zu  bestätigen.  Der  dsterreichische
  General  befahl,  der  allgemeinen  Warnung  selner
  Offiziere  entgegen,  nicht  allein  die  Donaubrücke  nicht
        <pb n="288" />
        —  278  —

zu  zerstoͤren,  sondern  auch  die  Franzosen,  als  kuͤnftige
  Bundesgenossen  mit  bruͤderlichem  Sinn  zu  empfangen.
  —  Kaum  aber  waren  die  Heerhaufen  Murats
und  Lannes  in  moͤglichster  Schnelle  uͤber  die  Bruͤcke
gegangen,  und  am  linken  Donau-Ufer  verbreitet,  so  umzingelten
  sie  augenblicklich  das  oͤsterreichische  Kriegsvolk
und  entwaffneten  es.  Nun  eilte  alles  hinüber,  den  Russen
  und  Oesterreichern  gegen  Mähren  nach.  Diese,  überrascht
  durch  das  unerwartete  schnelle  Erscheinen  des
Feindes,  erlitten  auf  dem  beschleunigten  Rückzuge  großen
  Verlust  an  Kriegsvorräthen  aller  Art,  während  die
Hauptstadt  dem  Sieger  selbst  die  reichsten  Hülfsquellen
erdffnete.

Alle  bei  Wien  über  die  Donau  gegangenen  franzdsischen
  Heerhaufen  warfen  sich  in  reißender  Eile  gegen
Mähren.  Davoust's  Vortrab,  unter  General  Milhand,
  entriß  dem  fliehenden  Feinde  auf  der  Brünner-Straße
  bei  Volkersdorf  30  Kanonen  und  400  Gefangene;
Lannes  nahm  ihm  am  nämlichen  Tage  (14#en  November)
bei  Stokerau  nicht  minder  große  Beute.  Folgendes  Tages,
  bei  Hollabrunn,  stießen  Murat  und  Lannes  auf
den  Nachtrab  des  Kutusow'schen  Heeres.  Diesen  Nachtrab
  befehligte  Fürlt.  Bagration.  Wie  tapfer  auch
seine  Russen  stritten,  er  mußte  dennoch  das  Schlachtfeld
raͤumen,  weil  seine  Heermitte  durch  franzbsische  Besatzung
  des  Punctes  Schdugraben  in  Gefahr  gerieth,  und
der  dsterreichische  General  Graf  Nostiz  gar  keinen  Antheil
  am  Treffen  nehmen  wollte.  Denn  auch  diesen  hatten
  die.  franzôsischen  Feldherren  mit  der  Nachricht  vom
Waffenstillstande  Frankreichs  und  Oesterreichs  zu  täuschen
gewußt.

General  Kutusow,  um  Zeit  zu  gewinnen,  sich  un-
        <pb n="289" />
        —  270  —

angefochten  mit  Burthdven  und  Michelson  vereinigen
  zu  können,  fädelte  nun  selbst  Unterhandlung  wegen
  eines  Waffenstillstandes  ein,  dem  auch  Prinz  Murat
beistimmte.  Wiewohl  Napoleon  die  Unterhandlung
verwarf,  hatte  doch  Kutusow  dabei  23  Stunden  gewonnen,
  und  er  konnte  seine  Vereinigung  mit  dem  russischen
  Hauptheere  bei  Wischau,  zwischen  Brünn  und
Ollmütz,,  (am  18ten  November)  ruhig  vollziehen.  Aber
zur  Deckung  oder  Verbergung  dieses  Rückzuges  hatte  er
den  Fürst  Bagration  mit  dem  Nachtrab,  5  bis  0,000
Mann  stark,  bei  Hollabrunn  und  Guntersdorf  zurückgelassen.
  Und  gegen  diesen  nun  richteten  alsbald  (Abends,
10ten  November)  Murat,  Lannes  und  Soult  mit
gesammter  Macht  ihren  Angriff.  Die  Russen,  so  wie
das  österreichische  Regiment  Erbprinz  Hessen.  Homburg,
sochten  mit  Ruhm,  wenn  gleich  ohne  Glück.  Bagration,
so  tapfer  als  klug,  widerstand  dem  Andrang  der  überlegenen
  feindlichen  Massen,  bis  Kutusow's  Heer  gerettet
  war,  und  zog,  Tag  um  Tag  kämpfend,  freilich
mit  empfindlichem  Verlust,  zum  Lager  von  Wischau.
Murat  aber  rückte  in  Brünn  ein.

 

10.
Gefechte  und  Treffen  bei  Iglau  zwischen
Erzherzog  Ferdinand  und  Generallieutenant
  Wrede.

Als  Napoleon  das  Erscheinen  und  die  Größe  der
russischen  Kriegsmacht  in  Mähren,  und  das  Beisammenseyn
  der  beiden  Kaiser  von  Oesterreich  und  Rußland  in
der  Stadt  Ollmütz  vernahm,  verließ  er  Wien,  und  begab
  sich  (17ten  November)  nach  Znaym,  der  mährischen
        <pb n="290" />
        —  280  —

Stadt.  Eine  Woche  bei  Ulm  hatte  ihn  zum  Herrn  des
groͤßten  Theils  der  oͤsterreichischen  Erbstaaten  gemacht;
ein  Tag  in  Maͤhren  konnte  ihm  Alles  rauben.  Seine
Kriegsvoͤlker  waren  noch  in  der  großen  Eroberung  weit
zerstrent,  in  Besatzungen  oder  auf  dem  Zuge  begriffen,
oder  mit  den  Feinden  im  Gefecht,  in  Italien,  in  Tirol,
  längs  der  deutschen  Donau.  Marmont  stand  zu
Gratz  im  Herzen  der  Steyermark;  Davoust  zu  Presburg
  in  Ungarn,  wo  den  Madscharen  friedliche  Sicherheit
  verhießen  ward,  wenn  sie  ihren  bewaffneten  Aufstand
  entlassen  würden.  An  der  Donau,  bei  Regensburg
und  Straubing,  Bbheim  beobachtend,  lag  Barraguay
d'Hilliers,  denn  einige  österreichische  Schaaren  brachen
von  Zeit  zu  Zeit  hervor  in  den  baierischen  Wald,  Brandschatzungen
  auszuschreiben,  oder  zu  plundern  und  Lebensmittel
  einzutreiben.  Barraguay  d'Hilliers  jagte
sie  über  Waldmünchen  bis  jenseits  Pilsen  zurück  mit
schwerer  Vergeltung  der  Brandschaßungen.

Napoleon  zu  Znaym  bereitete  sich,  seinen  Feinden
  auf  mährischem  Boden  mit  Kraft  entgegen  zu  treten.
Er  sammelte  alle  Heerhaufen  dortiger  Gegenden  näher
um  sich.  Auch  Bernadorte  war  schon  bei  Mautern
in  Fahrzeugen  über  die  Donau  gegangen,  und  von  da
nach  Oberhollabrunn.  Schon  stand  die  Division  des
Generallieutenants  Wrede  auf  der  Znaymer-Straße
bei  Intzelsdorf  (16gten  November),  als  die  gesammte
Reiterei  derselben  Befehl  empfieng,  sonder  Verzug  über
Znapm  hinaus  gegen  Iglau,  am  Fuß  des  bbhmischen
Gebirgs  zu  eilen.  Denn  die  Russen  liessen  in  dem  Augenblick
  sowohl  ihre  ganze  Reserve-Artillerie,  als  die
dem  Marschall  Mortier  abgenommenen  Gefangenen
nach  Jaromirsz,  ins  Innere  Böheims  führen.  Obschon
        <pb n="291" />
        —  281  —

sie  vier  Tagereisen  voraus  hatten,  glaubte  Napoleon
dennoch  den  Versuch  wagen  zu  sollen,  diesen  schwerfälligen
  Jug  einholen,  die  Gefangenen  befreien  und  das
Geschütz  entführen  zu  lassen.  Dieß  war  die  Aufgabe
des  Generals  Wrede.

Als  derselbe  in  Znaym  mit  der  Reiterei  einzog,  sah
Napoleon  zum  erstenmahle  baierische  Schaaren,  als
Bundesverwandte,  an  sich  vorüber  ziehen.  Sein  laut
geäußerter  Beifall  über  die  kriegerische  Haltung  dieser
sonst  von  Bundesgenossen  mit  Stolz  behandelten  Krieger,
  erwarb  denselben  die  allgemeine  Achtung  im  Heere.
Napoleon  sprach  mit  Wärme  über  eine  künftig  günstigere
  Stellung  Baierns  unter  den  Staaten,  und  schenkte
dem  Heere  desselben  15,000  Gewehre,  nebst  allem  Geschütz,
  welches  die  Oefterreicher  in  frühern  Kriegen  den
Baiern  abgenommen,  und  #n  Wiener  Zeughause  verwahrt
  hatten.  Napoleor  kannte  das  menschliche  Herz.
Männer  zu  begeistern,  die  nur  für  ihr  Vaterland  athmeten,
  ehrte  er  das  Vaterland  derselben.  Wrede  und
seine  Schaaren  zogen  freudigern  Gemüths  dem  Feinde
entgegen;  durchschwammen  auf  ihren  Rossen  die  Taja,
wo  sie  die  Brücke  zerstdrt  fanden,  und  stellten  ihre
WVorwachen  bis  gegen  Freittersdorf.  Das  baierische  Fußvolk
  hingegen,  beim  Bernadotte'schen  Corps  zurückgeblieben,
  verweilte  mit  demselben  in  den  Gegenden
von  Znaym.  Noch  waren  zu  demselben  nicht  die  aus
Salzburg  und  Tirol  berufenen  baierischen  Truppen  gestoßen.
  Denn  Marschall  Ney  hatte,  sobald  Tirol  gänzlich
  von  Feinden  leer  war,  Befehl  empfangen,  dieß
Gebirgsland  den  Baiern  zu  übergeben,  sich  selbst  aber
in  Salzburg  zu  andern  Bestimmungen  bereit  zu  halten.
Also  mußten  das  erste,  zweite,  neunte  und  zehnte  Linien-
        <pb n="292" />
        —  282  —

Regiment,  das  erste  Dragoner-Regiment,  das  fünfte
und  sechste  Bataillon  der  Baiern  mit  einer  leichten  Batterie,
  unter  einsweiligem  Befehl  des  Generals  Grafen
Nutius  Minuzzi,  ins  Tirol  zur  Besetzung  des  Landes
  einrücken.  ))  Nur  die  Brigaden  Mezanelli  und
Karg  verfolgten  in  Eilzugen  ihren  Weg  zur  Vereinigung
  mit  Wrede's  Corps  in  Mähren.

Wrede  selbst  erreichte  am  andern  Tage  seiner  Aussendung
  (10ten  November)  Deutsch-Budweis,  während
er  durch  einen  Streifhaufen  von  hundert  Pferden  unter
Anführung  des  Majors  Grafen  Rechberg  die  Stadt

 

6n.)  Während  ferner  die  bisher  im  Salzburgischen  und  bei  Donauwörth
  gestandenen  baierischen  Truppen  sich  zum  Einrücken
  ins  Tirol  vorbereiteten,  bereits  eine  kleine  Abtheilung
  von  200  Mann  unter  dem  Major  Habermann  des
Sten  leichten  Bataillons  Lamotte  gegen  Innsbruck  bis
Absams,  der  General  Siebein  mit  drei  Bataillous,
nämlich  dem  oten  Regimente,  dem  2ten  Bataillon  des
toten  Regiments,  gegen  Schwaz  vorrückte,  das  iste  Bataillon
  des  loten  Regiments  sich  von  Illerdiessen  über  Füssen
  nach  Lermos,  das  bte  leichte  Bataillon  sich  von  Donauwörth
  aus  über  Landsberg,  Weilheim,  ebenfalls  nach
dem  Lande  Tirol  in  Bewegung  setzte,  hielt  die  Brigade
dutius  Minuzzi  das  Land  Salzburg  und  alle  nach
Stevermark  führenden  Deboucheen  besetzt,  und  stellte  durch
die  am  22#sten  früh  von  Guggenthal  aus  erfolgte  Absendung
  eines  aus  zweien  Compagnien  des  isten  und  2ten
Infanterie-Regiments  und  einer  baierischen  Dragoner=Abtheilung
  bestehenden  kleinen  Corps  unter  Hauptmann
von  Rummel  über  Ischel,  Aussee,  Steinach  nach  Rotten
  =  Mann,  am  260sten  bei  letztgenanntem  Orte  die  directe
Verbindung  mit  dem  nach  Steyermark  vorgerückten  Corps
des  Marschall  Marmont  her.
        <pb n="293" />
        285  —

Iglau  überfallen,  und  die  Verbindung  zwischen  dem
Corps  des  Erzherzogs  Ferdinand  in  Bdheim  und  dem
feindlichen  Heere  in  Mähren  sitdren  ließ.  Rechberg,
ein  Mann  von  Umsicht,  Geistesgegenwart  und  Muth.,
machte  auf  diesem  JZuge  fünf  Offiziers  und  131  Mann
gefangen,  erbeutete  dazu  noch  830  Cavalerie-Pferde,
und  ein  beträchtliches  Magazin  von  Fruchten,  Mehl
und  Haber.)  Wenige  Tage  nach  diesem  (22sKten  November)
  rückte  Wrede  in  Iglau  ein,  und  besetzte  die  Umgebungen.
  Er  hatte  Nachricht  vom  Anzuge  des  Erzherzogs
  Ferdinand  aus  Bbheim.  Die  erste  Aufgabe,  der
Russen  Artilleriereseroe  und  die  französischen  Gefangenen
  zu  erreichen,  war  ihm  nicht  mehr  erfüllbar  gewesen.
Jetzt  ward  eine  zweite  dringender,  nämlich  die  franzbsischen
  Stellungen  in  Mähren,  zunächst  Bernadotte's
Armee  =  Corps,  gegen  feindliche  Unternehmungen  aus
Böheim  von  dieser  Seite  zu  decken.

*)  Der  die  Avant-Garde  dieser  Erpedition  führende  Lieutenant
  Baumgartner  des  isten  Chevaurlegers=  Regiments
  Kurprinz  hatte  durch  sein  ausgezeichnetes  Benehmen
  die  besondere  Aufmerksamkeit  seines  Befehlshabers
des  Majors  Grafen  Rechberg  auf  sich  gezogen.  Eben
so  hatte  Oberlieutenant  Kleudchen  des  2ten  Chevaurlegers-Regiments
  Kurfürst  mit  weniger  Mannschaft,  von
Deutsch-Gieshübel  gus,  eine  Patrouille  gegen  Pillgram
gemacht,  sich  eine  Stunde  von  genanntem  Orte  tollkühn
mit  einer  bedeutenden  feindlichen  Cavalerie-Abtheilung
von  Meerveld  Uhlanen  und  Latour-Dragoner  ins  Gefecht
eingelassen,  und  sich  vor  so  überlegener  Macht  mit  dem
geringen  Verlust  von  zwei  Pferden  in  größter  Ordnung
auf  seine  Haupt-Truppe  zurückgezogen.  Der  Gemeine
Hommel  verdient  bei  dieser  Gelegenheit  ehrenvoll  erwähnt
  zu  werden.
        <pb n="294" />
        —  284  —

Zur  Erspaͤhung  der  Kraͤfte  und  Bewegungen  des
Feindes,  giengen  in  verschiedenen  Richtungen  Streifrotten
  aus.  Der  Major  von  Floret,  mit  neunzig
Mann  vom  2ten  Chevaurlegers-Regiment,  überfiel  die
Stadt  Tabor  in  Bdheim  (Lasten  November),  trieb  die
300  Mann  starke  Besatzung  aus,  machte  95  Gefangene
und  ein  großes  Mehl=  und  Habermagazin  zur  Beute.  ")
An  demselben  Tage  überrumpelte  der  Major  von  Zurwesten
  mit  sechszig  Mann  des  dritten  Chevaurlegers-Regiments,
  welches  vor  Iglau  in  Pfauendorf  und  Hilbersdorf
  eingelagert  war,  die  feindliche  Besatzung  von
Deutschbrod  in  Bdheim;  nahm  dort  ansehnliche  Salzvorräthe
  weg,  und  verfolgte  den  Feind  bis  Haaber.  Als
folgendes  Tages  am  Abend  (Tösten  November)  der  Oberlieutenant
  Gervinus  mit  seiner  Streifwache  auf  bsterreichische
  Vedetten  stieß,  und  diese  jagte,  sah  er  sich
plotzlich  im  Angesicht  einer  Haupt-Abtheilung  Reiterei.
Er  zuerst,  ohne  Zaudern,  mit  hervorgerufenen  Freiwilligen,
  die  Cerporäle  Merkel  und  Seeberger  an
deren  Spitze,  stürzten  sich,  von  der  Nacht  begünstigt,
in  die  feindliche  Menge;  dann  alle  nach.  Ju  rechter
geit  eilte  Major  Zurwesten  ihm  im  Gedränge  zum
Beistand.  Manche  wackere  That  ward  hier  vollbracht.
Der  Chevaurlegers  Ingenbrand  rettete  seinem  Rittmeister
  das  Leben,  indem  er  den  feindlichen  Reiter,
welcher  diesem  den  Tod  geben  wollte,  niederhieb.  Der

 

*)  Auch  bei  dieser  Unternehmung  wurde  dem  Oberlientenant
Baron  Kleudchen  des  genannten  Regiments  die  Gelegenheit
  sich  ruhmvoll  auszuzeichnen,  den  Corporal  Sommer
  und  Molitor,  den  Gemeinen  Raß,  Lieb,  Eltkerich
  und  Hommel  die,  ehrenvoll  erwähnt  zu  werden.
        <pb n="295" />
        —  286  —

Feind  nahm  die  Flucht.  )  Zurwesten  aber  zog  sich
auf  sein  Regiment  zurück,  welches  denselben  Tag  bei
Stecken  aufgestellt  war.

Das  Corps  des  Erzherzogs  Ferdinand  stand
bei  Czaslau.  Wrede  rückte  gegen  ihn  nach  Deutschbrod,
  an  das  linke  Ufer  der  JZasawa,  vor  (27.  November);
  im  Rücken  durch  die  französischen  Divisionen
Kellermann,  Rivaud  und  Drouet  bei  Stecken  und
Iglau  gesichert.  Der  Vortrab  des  baierischen  Heerhaufens
  (das  Zte  Linien-das  3te  Chevaurlegers-Regiment
und  Ate  leichte  Bataillon  Stengel)  bewegte  sich  bis  Haaber.
  Hier  fehlte  wenig,  und  ein  geringes  Posten-Gefecht
  hätte  ein  allgemeines  Treffen  entzündet.  .

Bei  Steinsdorf  nämlich  stieß  der  Lieutenant  Weinbach
  mir  zehn  Mann  gegen  dreißig  feindliche  Reiter,
warf  sich  verwegen  wider  diese,  und  nahm  einen  Offizier
  und  acht  Mann  gefangen.  Dagegen  ward  der  Lieutenant
  Weinbach  vom  Feind  umzingelt.  Ihn  aber
hieben  die  Chevaurlegers-Corporäle  Merkel  und  Illing
  heraus  und  frei.  Nun  warf  sich  auch  das  ganze
dritte  Chevaurlegers-Regiment  gegen  die  vor  Haaber
stehenden  feindlichen  Geschwader,  um  jene  Wenige  zu
unterstützen.  Darüber  kam  das  ganze  Armee-Corps  des
Erzherzogs  Ferdinand  in  Bewegung.  Aber  der  Generallieutenant
  Wrede  befahl  alsbald  den  Rückzug
seiner  Avant-Garde  nach  Steinsdorf,  um  ihr  im  Fall

—

*)  Der  Major  LZurwesten,  der  Rittmeister  Gambs,  die
Lieutenants  Gervinus  und  Scholl,  so  wie  der  Chevaurlegers
  Gerbig  wurden  nach  so  ruhmvollen  kleinen
Gefecht  als  brave  Männer  von  dem  baierischen  Befehlshabet
  bezeichnet.
        <pb n="296" />
        —  286  —

eines  uͤberlegenen  Angriffs  schnelle  Huͤlfe  gewaͤhren  zu
koͤnnen.

Wirklich  griff  folgendes  Tags  (28sten  November)
Erzherzog  Ferdinand  Nachmittags  die  vor  Steinsdorf,
vom  leichten  Bataillon  Stengel  und  einer  Abtheilung
Reiterei  gezogene,  Postenkette  mit  Uebermacht  an,  und
drängte  sie  bis  Skurow  zurück.  Doch  das  Feuer  von
zwei  Sechspfündern,  welche  der  Lieutenant  Haibe  auf
der  Höhe  rechts  der  Hochstraße  bei  Radostine  vorführre,
die  Tapferkeit  dee  Zten  Linien-Regimenrs  links  der  Heerstraße,
  längs  dem  Walde,  und  die  ruhige  Haltung  des
nach  Skurow  zurückziehenden,  sich  Schritt  um  Schrite
vertheidigenden  Bataillons  Stengel,  so  wie  der  Chevaurxlegers
  unter  Major  Elbracht,  hemmten  des  Feindes
Vordringen,  und  nthigten  auch  ihn  zum  Rückzug.  Der
Verlust  der  Baiern  an  Todten  und  Verwundeten  bestand,
  ungeachtet  der  Lebhaftigkeit  des  Gefechts  nur  in
zwanzig  Mann.  “)

Napoleon,  der  schon  (20sten  November)  mit  seinen
  Garden  in  Brünn  eingerückt  war,  seinen  Vortrab
über  Wischau  hinaus  vorgeschoben  hatte,  wo  derselbe
bei  Prostnitz  einen  heftigen  Kampf  mit  russischer  Reiterei
bestand;  dann  seine  Schaaren  wieder,  um  die  Macht
des  Feindes  nachzulocken,  als  fürchtete  er  diese,  nach
schwachem  Widerstande  in  die  Stellung  von  Brünn  zu- 



*)  Unter  den  ersteren  war  ein  Corporal  des  sten  Regiments,
vier  Gemeine  des  Bataillons  Stengel,  der  brave  Oberlieutenant
  van  der  Mark  der  dltere  des  öten  Chevauxlegers-Regiments
  gehörte  unter  die.  Zahl  der  schwer  werz
wundeten.
        <pb n="297" />
        —  287  —

ruͤckgenommen  hatte,  zog  itzt  eilfertig  alle  seine  benachbarten
  Heer-Haufen  an  sich.  Denn  die  Absicht  war
ihm  gelungen.  Das  russisch-dsterreische  Heer,  von  den
beiden  Kaisern,  Alerxander  und  Franz  geführt,  drang
hervor  über  Wischau.  Ein  Tag  der  Schlacht  stand  bevor.
Darum  mußte,  selbst  Davousr,  weil  Ungarn  ruhig
war,  von  Preßburg  herbeieilen,  und  Marschall  Bernadotte
  mit  den  Divisionen  Kellermann,  Drouet
und  Rivand  schleunig  (20sten  November)  gegen  Brünn.
Nur  die  Baiern  wurden  dem  Armee=  Corps  des  Erzherzogs
  Ferdinand  gegen  über  zurückgelassen.

Der  Hinweggang  Bernadotte's  gab  den  Heerhaufen
  Wrede's,  nun  auf  dem  linken  Flügel  und  im
Rücken  entblößt,  bei  der  überlegenen  Stärke  des  Erzherzogs,
  der  Gefahr  preis,  jeden  Augenblick  vernichtet
werden  zu  können.  Denn  die  Ankunft  von  Mezanelli's
  Brigade  konnte  erst  in  fünf,  die  des  Generals  Karg
in  sieben  Tagen  mdglich  sepn;  eben  so  das  Ate  Chevauxlegers
  -Regiment  Bubenhofen  erst  nach  vier  Tagen  eintreffen.
  Wohl  hatte  General  Wrede  drei  Regimenter
NReiterei  bei  sich,  aber  darunter  kaum  4300  dienstfähige
Pferde;  dazu  nicht  mehr  als  3,500  Mann  Fußsvolks  nebst
sechs  Kanonen.  7)

Es  war  allerdings  vorauszusehen,  daß  Erzherzog
Ferdinand,  welcher  17  Bataillone,  2000  Pferde  und
40  Kanonen  mit  sich  führte,  von  Czaslau  und  Benneschau
  her  eine  entscheidende  Bewegung  nach  Mähren
gegen  den  linken  Flügel  und  im  Rücken  des  franzdsischen

 

*  Eben  so  viele  Kanonen  hatte  er,  auf  erhaltenen  Befehl,
zur  Deckung  des  Heergepäcks  bei  Mautern  zurücklassen
müssen.
        <pb n="298" />
        —  288  —

Heers  unternehmen,  und  vielleicht  zur  Zeit  der  Hauptschlacht
  suchen  werde,  die  verlorne  Verbindung  mit  der
russisch-dsterreichischen  Armee  herzustellen.  Der  Generallieutenant
  Wrede  verhehlte  in  seinen  Meldungen  an
Marschall  Bernadotte  keineswegs  die  bevorstehende
Gefahr;  nicht  minder  unterrichtete  er  seinen  Souverain
von  dem  wahrscheinlichen  Loose  des  hier  zu  rühmlichem
Untergang  entschlossenen  Haufens  treuer  Baiern.

Erzherzog  Ferdinand,  von  der  Entfernung  Bernadotte's
  unterrichtet,  erschien  alsbald  (30.  Nov.)  mit
einer  starken  Kolonne  über  Lipnitz  auf  der  Straße  nach
Humpolez,  gegen  der  Baiern  linken  Flügel,  und  besetzte
wieder  die  Stadt  Tabor.  Seine  und  die  baierischen
Streifwachen  trafen  sich  bei  Humpolez.  Alles  verkündete,
  daß  er  die  Besetzung  von  Iglau  bezwecke.  Generallieutenant
  Wrede,  obwohl  er  bei  Skurow  vortheilhaftere
  Stellungen  hatte,  als  bei  Iglau,  beschloß  dennoch
  die  letztere  einzunehmen,  theils  um  die  Deckung
der  Straße  von  Iglau  nach  Znapm,  seinen  Hauptauftrag,
  kräftiger  auszuführen,  theils  den  heraneilenden
Brigaden  Mezanelli  und  Karg  um  etwas  näher  zu
kommen.  Also  mußte  das  leichte  Bataillon  Stengel  sogleich
  voraus,  Iglau  besetzen,  mit  Posten  und  Streifhaufen
  gegen  Pilgram;  diesem  folgten,  abtheilungsweise,
die  übrigen  Truppen,  ohne  vom  Feinde  beunruhigt  zu
werden;  ")  so  daß  am  ersten  Decembertag  die  ganze

 

*)  Ums  Uhr  Nachmittags  marschirke  General  Graf  Marsigli
mit  dem  7ten  Linien-Infanterie-Regiment,  dem  2ten
leichten  Bataillon,  nachher  Dietfurt,  und  dem  isten  Chevauxlegers-Regiment
  Kurprinz  über  Stecken  ab,  stellte  sich
militairisch  bei  Pfauendorf  auf,  seine  Vorposten  zwischen
        <pb n="299" />
        —  289  —

ruͤckgaͤnglge  Bewegung  vollendet,  und  die  Spitze  der
baierischen  Vorpostenkette  von  Pfauendorf  nach  Wonau
en  échelon  gestellt  war,  deren  Streifwachen  bis  Stecken
  schwärmten.  Am  Morgen  dieses  Tags  traf  auch
das  erwartete  vierte  Chevauxlegers-Regiment  bei  Iglau
ein,  welches  am  12ten  November  Salzburg  verlassen,
hatte.  Aus  den  Meldungen  desselben  erhellte,  daß  auf
der  Straße  von  Budweis  nach  Neuhans  starke  Reiterhaufen
  des  Feindes  streiften,  dem  Zug  des  Gepäckes
vom  Bernadotter'schen  Heerhaufen  bedrohlich.  Generallieutenant
  Wrede,  dieses  zu  sichern,  schickte  ebenfalls
  Patrouillen  und  Pikets  dorthin.

Schon  folgendes  Morgens  in  der  Frühe  griff  Erzherzog
  Ferdinand  mitl  vier  Bataillonen  Fußvolks  vom  Regiment
  Gemmingen  und  zwei  Abtheilungen  Rosenberg=Chevaurlegers
  das  2te  leichte  Bataillon  (DOietfurth)  an,
welches  den  Vorpostendienst  gegen  Stecken  versah.  Dieß
Bataillon  ward  durch  den  ungestümmen  Angriff  um  so
mehr  überrascht,  weil  es  sich  in  dem  Augenblick  am

Stecken  und  Iglau.  Das  iuste  Bataillon  des  öten  Regiments
  wurde  um  6  Uhr  Abends  mit  der  Artillerie  und  Bagage
  nach  Altenberg  beordert.  Jur  nämlichen  Stunde  zog
sich  das  2te  Chevaurlegers=  Regiment  Kurfürst  nach  Iglau
fort,  und  bezog  gegen  Morgen  des  folgenden  Tages  die
früher  inne  gehabten  Cantonirungen  von  Jessau  und  Gießhübel
  zu  der  Deckung  der  Straße  nach  Pilgram.

AUm  10  Uhr  Abends  zog  der  General  Graf  Minuzzi
mit  dem  gten  Linien-Regiment,  dem  7ten  Regiment  Löwenstein
  und  einer  Division  Leiningen-Chevaurlegers  nach
Iglau  ab,  welcher  Bewegung  um  12  Uhr  auch  die  aus  einem
Zug  des  gten  Linien-Regiments  und  einer  Divisson  Leiningen=
  Chevguxlegers  bestehende  Arriergarde  folgte-10
        <pb n="300" />
        —  200  —

sichersten  glaubte.  Aber  seine  ausgesandten  Patronillen,
unvorsichtiger  Weise  zu  weit  vorgegangen,  waren  mit
ihrem  Führer,  Lieutenant  Kaltenthal,  so  wie  zwei  Pikets
  jenseits  Wonau  unter  Oberlieutenant  Heil  und  Lieutenant
  Achenbach,  überfallen,  und  nach  heftiger  Gegemvehr
  vom  Feinde  gefangen  genommen  worden,  in
allem  drei  Offiziere  und  100  Mann.  Das  Hauptpiket
sloh  darauf  vor  der  Uebermacht  zu  seinem  Bataillon  bei
Wonau.  Härte  der  Erzherzog  seinen  Vortheil  rascher
verfolgt,  oder  ihm  das  tapfere  Bataillon  minder  gewaltigen
  Widerstand  geleistet,,  würde  dieses  der  Vernichtungoder
  Gefangenschaft  kaum  entgangen  seyn.  Aber  es
behauptete  sich,  und  that  mehr.  Ehe  ihm  noch  das  kte
Linien-Regiment  zur  Unterstützung  kam,  griff  es,  vom
Generallieutenant  Wrede  personlich  angeführt,  die  feindlichen
  Schlacht-Haufen  an,  und  hemmte  deren  Lauf.
Da  ward  mit  Erbitterung  gefochten,  Mann  gegen  Mann.
Der  Gemelne  Paulus  durchbohrte  einen  feindlichen
Soldaten  in  dem  Augenblick,  da  dieser  schon  den  schwer
verwundeten  Hauptmann  Stochk  niedermachen  wollte.
Der  Gemeine  Lang  befreite  zweimahl  seinen  Oberlieutenant
  Graf  aus  feindlicher  Gefangenschaft.  Der  Feldwebel
  Adam,  als  er  seine  Compagnie  zerstreut  sah,
bildete  sie,  mitten  in  den  grdßten  Gefahren  wieder;  und
als  drei  feindliche  Soldaten  daran  waren,  das  Leben
des  Heldenmüthigen  zu  enden,  rettete  ihn  der  Gemeine
Bosch,  indem  er  jene  unschädlich  machte.  —  So  ward
der  Feind  gegen  Stecken  zurückgeworfen,  und  das  Batalllon
  nahm  seine  alte  Stellung  wieder  ein;  doch  hatte
es  sehr  gelitten.  Es  zöhlte  einen  Verlust  von  neun  verwundeten
  Offizieren  7),  hundert  drei  und  dreißig  Ge- 



6)  Dem  Oberstlieutenant  Dietfurth,  die  Hauptleute  Stok
und  Düapypel,  die  Oberlieutenants  Winzenti.  Heil,
        <pb n="301" />
        meinen,  hundert  und  acht  Gefangenen  und  drei,  ebenfalls
  verwundeten,  gefangenen  Offizieren.

Der  Punct  Stecken  konnte,  als  Mittelpunct  der
feindlichen  Stellungen,  betrachtet  werden.  Hier  entstand
Waffenstille.  Allein  seitwärts  setten  die  feindlichen  Schagren
  ihre  Bewegungen  fort,  über  Gieshübel  und  Windig-Jenikan
  gegen  den  linken  Flügel,  und  über  Polnan  gegen
den  rechten  Flügel  der  Baiern.

Diese  Seiten-Bewegungen,  deren  furchtbarer  Zweck
sich  errathen  ließ,  und  mit  denen  die  auf  der  Straße
von  Neuhauß  nach  Mährisch-Budweiß  schwärmenden
feindlichen  Haufen  in  Verbindung  standen,  konnte  Wrede
nicht  ohne  Unruhe  wahrnehmen.  Alles  schien  auf  Umzinglung
  der  Baiern  berechnet.  Dem  Erzherzoge,  dessen
Hauptgelager  schon  zu  Deutschbrod  war,  fehlten  dazu
keinerlei  Mittel.  Er  hatte  an  Fußvolk,  Reiterei  und
Geschütz  die  größte  Ueberlegenheit,  und  diese  noch  vermehrt,
  als  er  auch  die  Abtheilungen  der  beiden  Obersten
  Grafen  Kinsky  und  Wartensleben  an  sich  zog.
Durch  Hülfe  der  Landesbewohner  ward  ihm  jede  Bewegung
  der  Baiern  verrathen.

Im  Lager  der  Baiern  tröstete  man  sich  indessen  mir
der  bevorstehenden  Ankunft  neuer  Verstärkung  durch  die
Brigade  Mezanelli.  Allein  auch  diese  Hoffnung  ward
plötzlich  vernichtet.  Schon  in  der  Nacht,  welche  dem
Gefechte  bei  Stecken  folgte,  erschien  ein  Bote  von  Znaym.
Er  überbrachte  vom  Befehlshaber  jener  Brigade  die  Anzeige,
  daß  er,  einer  Weisung  des  Marschalls  Ber- 



die  Unterlieutenants,  Achenbach,  Leuthin,  Vallsde,
  Kaltenthal.
19  *
        <pb n="302" />
        thier  zufolge,  schleunig  den  Zug  uͤber  Polizka  zur  grossen
  Armee  nehmen  muͤße,  daher  nur  das  zweite  Dragoner-Regiment
  Taris  nach  Iglau  senden  kdnne,  und
zwei  Compagnien  vom  #öten  Linien-Regiment  in  Mährisch
  =  Budweiß  zurücklasse.

Nun  also  aller  Aussicht  auf  nahe  Unterstützung  beraubt,
  und  links  und  rechts  schon  von  den  feindlichen
Massen  überflügelt,  schien  keine  Wahl  übrig  zu  bleiben,
als  zwischen  einer  rückgängigen  Bewegung,  oder  dem
Untergange  des  baierischen  Heerhaufens.  Der  Generallieutenant
  Wrede  verwarf  den  Gedanken  an  jene,  welche
den  verderblichsten  Einfluß  auf  die  Unternehmungen  der
großen  Armee  haben  konnte,  von  der  er  seit  fünf  Tagen
ohne  alle  Nachricht  geblieben  war.  Er  faßte  den  Entschluß
  zu  bleiben,  den  Feind  anzugreifen,  dessen  Heermitte
  durchzubrechen,  und  auf  diese  Weise  ihn  zu  zwingen,
  auch  die  schon  vorgeschobenen  Flügel  wieder  zurück
zu  ziehen.  Damit  ward,  wenn  auch  nicht  der  Untergang
  verhindert,  doch  verzdgert  und  Zeit  gewonnen.
Der  General  zählte  auf  die  Tapferkeit  der  Baiern.  Der
Soldat  hatte  blindes  Vertrauen  zu  seinem  Feldherrn.
Wrede  theilte  seinen  Entwurf  den  gesammelten  Brigadiers
  und  Staabsoffizieren  mit.  Alle  freuten  sich  seines
Entschlusses.

Die  Truppen  wurden  (Sten  December)  bei  Pfauendorf
  aufgestellt,  dann  zum  Angriff  geführt.  Das  vierte
Regiment  Chevaurlegers,  das  ersie  Bataillon  des  7ten
Linien-Regimentes  (Ldwenstein)  und  Artillerie-Lieutenant
  Aichn  mit  einer  Haubitze  und  einer  Kanone,  bemächtigten
  sich  der  Hdhe  bei  Wollau,  die  vom  feindlichen
  Geschütz  bei  Seecken  stark  bestrichen  ward.  Gegen
        <pb n="303" />
        —  293  —

Stecken  selbst  rückte  das  erste  Regiment  Chevaurlegers
und  das  achte  Linien-Regiment;  voran  im  Sturmschritt
das  erste  Bataillon  desselben  unter  Major  Hepp  auf
der  großen  Straße.  Das  zweite  Bataillon  Dietfurth
deckte  diese  Bewegung  auf  dem  rechten  Flügel  der  Augriffs
  -Kolonne,  an  deren  Seiten  Cavalerie-Haufen
und  sämmtliche  Schützen  zogen.  Zur  Unterstützung  Aller
diente  das  12te  Linien-Regiment  (doch  mit  einem  Bataillon
  hielt  es  Iglau  besetzt),  und  das  vierte  leichte
Bataillon  Stengel,  von  dem  zwei  Compagnien  nach
Gieshübel  entsendet  waren.

Die  Oesterreicher  fochten  in  der  Stellung  von  Stecken
  mit  lang  unerschütterlicher  Tapferkeit;  nicht  anders
die  Baiern,  welche  General  Wrede  durch  eignes  Beispiel
  entflammen  mußte.  Als  aber  von  der  Wollauer-Hohe
  das  Geschütz  des  Lieutenants  Aichn,  und  seitwärts
  die  Feldstücke  des  Oberlieutenants  Binder  gegen
die  feindliche  Seite  wirksamer  spielten;  als  das  erste
Bataillon  des  7ten  Regiments  von  der  Wollauer-Hohe,
links  Stecken,  den  Wald  nahm,  und  den  Feind  umgieng,
und  das  zweite  leichte  Bataillon  sich  in  die  linke  Seite
des  Feindes  warf:  da  drang  Major  Hepp,  troß  des
heftigsten  Artillerlefeuers  der  Oesterreicher  mit  seinem  Bataillon
  in  den  Ort  Stecken  ein,  vom  vierten,  zweiten
und  dritten  Chevauxlegers-Regiment  kräftig  geholfen.
Der  Feind  zog  sich  in  Ruhe  und  Ordnung  zurück,  das
Gefecht  verlängerte  sich  bis  zur  Nacht.  Denn  Wrede,
um  bessere  Stellung  zu  gewinnen,  ließ  noch  die  zwischen
Lerchenberg  und  Deutschbrod  gelegenen  Höhen  besetzen.
Von  dort  herab  sah  man  die  Wirkungen  des  Tages,  den
Räckzug  jener  feindlichen  Abtheilungen,  welche  über  Windig-Jenikau
  gegen  Pilgram  ischon  die  linke  Seite  des
        <pb n="304" />
        —  294  —

baierischen  Corps  voͤllig  umgangen  hatten,  und  sich  nun
eiligst  wieder  zur  Hauptmacht  der  Oesterreicher  begeben
mußten.  Diese  stand  vor  Deutschbrod  auf  der  Hoͤhe
aufgestellto?  Noch  in  der  nämlichen  Nacht  rief  Erzherzog
Ferdinand  auch  die  rechts  der  baierischen  Stellung  über
Nollnau  vorgesandten  Truppen  wieder  an  sich.

Dies  Gefecht  hatte  den  Baiern  sechzig  Todte  und
Verwundete  gekostet;  aber  jeder  Offizier  und  Soldat
hatte  Ehre  geerndtet,  und  sich  des  baierischen  Namens
würdig  gewiesen.  Der  Tagesbefehl  des  Generallieutetenants
  Baron  Wrede  verkündet  es  allen.  )

Ein  Glück  war  es,  daß  Erzherzog  Ferdin  and  dem
kleinen  Heerhaufen  der  Baiern  am  folgenden  Tag  (aten
December)  Waffenruhe  ließ.  Denn  die  Erschöpfung
war  groß  und  fast  alle  Munition  verbraucht,  die  erst
am  Tage  vor  dem  Gefecht  mit  Ertrapost  herbeigeführt
worden  war.  Die  Ankunft  von  sechs  Kanonen,  welche
bei  Mautern  zurückgeblieben  waren,  und  die  Ankunft
des  von  der  Brigade  Mezanelli  hergesandten  Drago-10——



 

*)  Vorzüglich  ausgezeichnet  hatte  sich  das  uste  Bataillon  des
aten  Linien-Regiments,  das  2te  Bataillon  des  Zien  Regiments,
  welchem  eine  einzige  feindliche  Kanonenkugel  auf
einmahl  ache  Mann  tödtete  und  verwundete.  Unter  den
Verwundeten  befand  sich  der  Corporal  Einkerl,  welcher
in  dem  Verluste  seiner  Hand  nur  das  Unglück  beklagte,
seinem  Vaterlande  nicht  mehr  mit  jener  dienen  zu  können.
Gleich  jenen  Abtheilungen  hatte  das  2te  leichte  Bataillon
Dietfurth,  das  éte,  ein  Theil  des  2ten  und  Sten  Chevaurlegers
  =  Regiments,  großen  Antheil  an  den  glücklichen
Ausgang  jenes  Sten  Decembers.
        <pb n="305" />
        —  296  —

ner-Regiments  Taris  verbesserte  die  Lage  der  Dinge.
wenig.  Das  Regiment  war  kaum  hinreichend,  nur  die
schon  entstandenen  Lücken  zu  ergänzen.  Inzwischen  flößte
unter  diesen  verzweifelten  Verhältnissen  die  heitere  Ruhe
des  Feldherrn  allen  Soldaten  Zuversicht  ein.

Erzherzog  Ferdinand  hingegen,  dem  die  kleine  Zahl
der  Baiern,  ihre  Verlassenheit,  ihre  Entfernung  vom
Hauptheer,  und  die  Nichtankunft  der  Brigade  Mezanelli
  bekannt  war,  der  den  Tag  der  enutscheidenden
Schlacht  zwischen  den  Hauptheeren  nahe  wußee,  beschloß,
mit  allen  Kräften  den  Angrisf  und  die  Vernichtung  der
Baiern  und  den  Zug  im  Rücken  der  franzdsischen  Macht
zu  unternehmen.  Zu  dem  Ende  hatte  er  schon  am  sten
December  eine  ganze  Brigade  seitwärts  nach  Windig-Fenikau
  geschickt,  wo  sie  eine  geringe  Abtheilung  balerischer
  Reiterei  unter  dem  Major  Grafen  Rechberg,
und  zwei  Compagnien  Fußvolks  unter  dem  Obersten-Grafen
  Solms  verdrängte,  die  dann  sich,  nicht  ohne
Gefahr,  längs  der  Stirnseite  der  feindlichen  Stellungen
nach  Stecken  ziehen  mußten.  Durch  Windig-Fenikan
führt  eine  sehr  gangbare  Straße  in  gerader  Richtung
von  Prag  nach  Iglau.  Die  österreichische  Brigade  konnte
also,  in  dem  Augenblick,  da  der  Erzherzog  die  Baiern
bei  Stecken  angriff,  im  Rücken  derselben  Iglau  nehmen
und  den  Rückzug  abschneiden.  Daß  es  nicht  geschah,
obwohl  es  des  Erzherzogs  Befehl  gewesen  seyn  soll,
hatten  die  Baiern  der  Gunst  des  Glücks  allein  zu  danken.

Der  Markt-Ol#t  Stecken  liegt  anderthalb  Stunden
von  Iglau  entfernt,  in  hüglichter  Gegend;  von  da  zieht
sich  bis  zur  Stadt  eine  geräumige  Ebene.  Wrede,
theils  um  seinem  Gegner  keine  zu  große  Annäherung
        <pb n="306" />
        —  296  —

gegen  Iglau,  theils  ihm  nicht  den  Vortheil  der  Ebene
zur  leichtern  Entfaltung  aller  Streitkraͤfte  einzuraͤumen,
hatte  Stecken,  se  entlegen  es  auch  war,  in  seine  Vertheldigungs-Linle
  gezogen.  Hier  konnt'  er  in  den  Engwegen
  mit  geringerer  Mannschaft  bequemer  widerstehen.
Die  Pertheioigung  dieser  Stellung  hatte  er  dem  Obersten
  Grafen  Preysing  übertragen.  Ein  Bateaillon
des  Tten  Linien-Regiments  hielt  den  Marktflecken  selbst,
mit  Vorposten  vor  demselben,  das  andere  Bataillon  die
Hohen  hinter  demselben  besetzt.  Links  dem  Ort  stand
das  erste  und  zweite  Bataillon  des  dritten  Linien-Regiments
  (Herzog  Karl),  zwischen  beiden  das  leichte  Baraillon
  Dietfurth,  und  voran  das  2te  Regiment  Chevaurlegers
  mit  einer  Batterie.  Rechts  dem  Ort  war
zunächst  das  zweite,  dann  bei  Wonnau  das  erste  Batailon
  des  achten  Regimems,  zwischen  beide  das  leichte
Bataillon  Stengel  aufgestellt,  und  zu  ihrer  Unterstützung
das  Regiment  von  Kurprinz-Chevauxlegers.  Den  Befehl
  der  ganzen  Vorpostenkette  führte  Major  von  Lindenau.
  Die  übrigen  Truppen  standen,  als  Reserve,
in  und  bei  Iglau,  unter  dem  Generagl  Grafen  Franz
Minuzzi.

Major  Lindenau  hatte  eben  dlie  ganze  Stellung
der  Vorposten  besucht,  und  tiefe  Ruhe  von  Seiten  des
Feindes  verkündet,  (aber  ein  dichter  Wald  hatte  ihm
„die  feindlichen  Bewegungen  verborgen),  als  anderthalb
Stunden  nach  Mittag  (5ten  December)  der  allgemeine
Angriff  von  Seiten  der  Oesterreicher  geschah.  Stie  waren
  mit  Einschluß  der  böhmischen  Schützen,  17  Bataillons
  stark,  und  führten  ausserdem  2,000  Mann  Reiterei
und  30  Kanonen  mit  sich.  Erzherzog  Ferdinand  befehligte
  in  eigner  Person  die  Mitte,  Feldzeugmeister  Graf
        <pb n="307" />
        Kollowrath  den  linken,  General  Graf  Hohenzollern
  den  rechten  Flügel.  Das  baierische  Piket  vor  dem
Markrflecken,  keines  Feindes  gewärtig,  ward  sammt  seinen
  Führern  (Oberlieutenant  Schrenk  und  Unterlieutenant
  Karies)  aufgehoben,  und  daher  das  Bataillon
im  Orte  selbst  durch  den  eindringenden  Feind  so  überrascht,
daß  es  sich  kaum  aufstellen  konure#,  um  das  andere  Bataillon
  hinter  Stecken  zu  erreichen,  Aber  im  Augenblick
der  größren  Gefahr  stürzte  sich  das  Chevauxlegers-Regiment
  Kurpeinz  (kaum  180  Pferde  stark)  dem  Feinde
im  Orte  selbst  so  keck  und  gewaltig  entgegen,  daß  nicht
nur  jenes  Bataillon  den  Rückzug  bewerkstelligen,  sondern
daß  auch  das  Regiment  Herzog  Karl  mit  zwei  Kanonen
unter  Lieutenant  Haibe  den  Ort  erreichen,  und  sich  mit
dem  kvien  Regiment  vereinigen  konnte.

Gleich  beim  Anfang  des  Gefechts  hatte  der  Oberst
Graf  Prepsing  die  Sicherheit  der  Artillerie  bedacht.
Wäre  Stecken  früher,  als  die  Artillerie  zurückgeführt
werden  konnte,  vom  Feinde  genommen  worden,  würde
sie  verloren  gewesen  seyn.  Denn  außer  der  von  Stes
cken  nach  Iglau  führenden  Hauptstraße,  waren  alle  übrige
  Nebenwege  in  dieser  unebenen  Landschaft  für  das
Geschütz  durchaus  unfahrbar.  Der  muthvolle  Wider-Nand
  aber  des  2ten  Chevaurlegers  -Regiments  und  des
Bataillons  Dietfurth  auf  dem  linken  Flügel  machte  dem
Rackzug  der  Artillerie  und  des  Regiments  Herzog  Karl
bis  Stecken  möglich.  Mehrmahls  mit  dem  Bajoenett
trieb  das  Bataillon  Dietfurth  den  anstürmenden  Feind
ab,  bis  es  sich,  der  Uebermacht  weichend,  auf  lauter
Waldwegen  endlich  bis  an  den  Pfauendorfer-Park  zurückziehen
  mußte.  Großen  Verlust  wehrte  von  ihm  der
Muth  des  2cen  Chevau-legers  =  Regiments  ab.  Das
        <pb n="308" />
        —  298  —

Bataillon  Dietfurth,  bei  jenem  Park  vom  zweiten  Bataillon
  des  zwoͤlften  Regiments  aufgenommen,  setzte  mit
demselben  den  Ruͤckzug  nach  Iglau  fort.  Dahin  folgte
auch  die  übrige  Infanterie,  nur  augenblicklich  durch  einige
hundert  feindliche  Jäger  beunruhigt.  Dies  war  das
Schicksal  des  linken  Flügels.

Standhaft  behauptete  sich  indessen  die  Mitte  des
balerischen  Korp#s  auf  den  Anhöhen  hinter  Stecken;  eben
so  der  rechte  Flügel.  Hier  zwar  ward  das  zweite  Bataillon
  des  Zten  Regiments  durch  die  Uebermacht  des
Feindes  anfangs  zurückgeworfen,  aber  schnell  vom  ersten
Bataillon  unterstützt,  verfuhr  es  bald  wieder  angriffsweise.
  Auch  General  Franz  Minuzzi  war  mittlerweile
an  der  Spitze  des  übrigen  Fußvolks  herangeilt.  Allein
da  mun  Wrede  den  linken  Flugel  schon  in  vollem  Rückzug,
  die  Mitte  und  den  rechten  Flügel  gegen  den  überlegenen
  Feind  in  ungünstiger  Stellung  erblickte,  ordnete
er  die  rückgängige  Bewegung  aller  Theile  zur  Vertheidigung
  von  Iglau  an,  eh'’  ihm  der  Feind  dahin  zuvorkommen
  konnte.

Während  Minuzzi  das  gesammte  Fußvolk  nach
Iglau  führte,  stellte  sich  Generallieutenant  Wrede  selbst
an  die  Spitze  sämmtlicher  Reiterei,  den  über  die  Ebene
gefahrvollen  Rückzug  zu  decken.  Erst  am  Ausgang  des
zwischen  Stecken  und  Pfauendorf  gelegenen  Waldes,  in
den  Feldern  bei  den  sogenannten  Sandhbfen,  war  er
im  Stande,  diese  Reiterei,  in  allem  höchstens  800  Pferde,
  in  drei  Treffen  zu  ordnen.  Hier  redete  er  sie  an,
und  offenbarte  ihnen  die  Gefahr  und  Größe  des  Augenblicks
  mit  wenigen,  aber  entflammenden  Worten.  Hier
sorderte  er  ihnen  den  Schwur  ab,  lieber  unterzugehen,
        <pb n="309" />
        als  durch  Feigheit  die  gesammte  Infanterle  und  Artillerie
  dem  Feinde  Preis  zu  geben,  dem  Vaterlande  solchen
  Verlust  zu  stiften,  und  die  Ehre  Baierns  zu  beflecken.
  Alle  horchten  in  Todtenstille.  Und  Alle  schworen,

Der  Feind  griff  an.  Es  war  vier  Uhr  Nachmittags.
  Es  ward  mit  hartnäckiger  Erbitterung  gefochten.
Von  vier  Uhr  Nachmirtags  bis  des  andern  Morgens  um
halb  drei  Uhr  behauptete  die  kleine  Schaar  der  Baiern
gegen  die  feindliche,  30,000  Mann  starke  Armee,  ihre
Stellung  bei  den  Sandhdfen;  behauptete  sie,  bis  die  gesammte
  Infanterie  mit  Artillerie  und  Gepäck  sich  vor
Iglau  aufgestellt,  und  ihren  Rückzug,  durch  die  Stadt,
auf  der  Straße  nach  Budwitz,  in  größter  Ordnung  fortgesetzt
  hatte.  Mehrmahls  wurden  die  Feinde  durch  unerwartete,
  mit  glücklichem  Erfolg  gekrönte  Angriffe  in
Erstaunen,  und  ihre  anfangs  siegverheißenden  Bewegungen
  ins  Stocken  gebracht.  Jeder  Soldat,  jeder  Offizier
  verrichtete  hier  Wunder  des  Muths  oder  der  Verzweiflung.
  Der  Feldherr  selbst  war  überall  gegenwärtig.

Vor  allem  werde  des  zweiten  Chevaurlegers-Regiments
  Kurfürst,  und  vorzüglich  jener  kleinen  Abtheilung
hier  gedacht,  welche  unter  dem  Major  Grafen  Rechberg
  das  erste  jener  drei  Treffen  bildete.  Jahlreiche
feindliche  Reiterhaufen,  welche  beim  hellen  Mondschein
gewahr  wurden,  wie  unbedeutend  die  ihnen  gegen  übersiehende
  Schaar  war,  welche  die  äußerste  Nachhut  des
ganzen  baierischen  Corps  bilbete,  versuchten,  sie  auf
allen  Seiten  zu  umgehen  und  einzuschließen.  Es  war
schon  Abends  7  Uhr.  Graf  Rechberg.  erkannte  den
Untergang  der  Seinigen,  wenn  er  ruhig  den  gewaltigen
Feind  erwarten  würde,  und  sprengte  mit  seinen  achtzig
        <pb n="310" />
        —  300  —

Reitern  gegen  die  Masse  der  Uhlanen  an.  Die  Baiern
hieben  mit  so  gluͤcklichem  Erfolg  ein,  daß  der  Feind,
dem  heftigen  Stosse  weichend,  den  Räckzug  für  zweckmäßig
  hielt.  Der  Sturz  des  heldenmüthigen  Majors
mit  seinem  Pferde,  er  selbst  war  schon  verwundet,  dann
der  Augenblick  seiner  Gefangennehmung  durch  den  Feind,
war  diesem  vortheilhaft  genug,  die  geworfene  Reiterei
wieder  sammeln,  und  sein  bestes  Fußvolk  zur  Besetzung
der  Sandhdfe  vorrücken  zu  können.  Generallieutenant
Wrede  formte  aber  augenblicklich  wieder  aus  dem  üsten,
#Lten  und  öten  Chevaurlegers=  und  dem  2ten  Dragoner-Regiment
  eine  neue  Schlachtschaar.  Schon  gewohnt,
nicht  mehr  die  Menge  der  Feinde  zu  zählen,  wiederholte
diese  zum  drittenmahl  einen  Angriff,  der,  bei  der  Stärke
und  Hartnäckigkeit  der  Gegner,  so  wie  wegen  der  Durchschnittenheit
  des  Kampfplatzes  viele  Menschen  und  Pferde
kostete,  jedoch  den  vollständigsten  Erfolg  hatte.  Denn
der  ermüdete  Feind  wurde  in  seiner  frühern  Stellung
zurückgedrängt,  und  er  wagte  es  nicht  länger  den  Rückzug
  der  braven  Truppen  weiter  zu  beunruhigen,  die  das
Unglaubliche  geleistet  hatten.  ")

 

7)  Bei  dieser  Gelegenheit  hatte  sich  auch  das  iste  und  2te
Chevaurlegers  -Regiment,  so  wie  das  2te  Dragoner-Regiment
  auf  das  Ausgezeichneteste  benommen;  vorzüglich  der
Major  Gref  Wittgenstein  des  tten  Chevaurlegers=Regiments,
  welcher  schon  früher  den  Rückzug  des  rechten
Infanterie-Flügels  gedeckt  hatte;  desgleichen  der  Lieutenant
  Spitel,  die  Gemeinen  Dickhuber  und  Krazer,
welche  eine  der  Cavalerie  zugetheilte  Kauone  unter  dem
Lientenant  Haibe  den  Händen  des  Feindes  entrißen;
die  Wachtmeister  Louitpold  und  Hollweg,  der  Corporal
  Wolf  und  der  Gemeine  Zwick.  Vom  2ten  Che-
        <pb n="311" />
        In  diesem  langen  vierzehnstuͤndigen  Treffen  hatten
die  Baiern  130  Offiziere,  791  Mann  und  56  Pferde.
an  Todten,  Verwundeten  und  Vermißten  verloren.  Keines
  andern  eroberten  Siegeszeichens  konnte  sich  der  Feind
rühmen,  der  nach  seinem  eignen  Geständniß  einen  Verlust
von  756  Mann  zählte.  Generallieurenant  Wrede,  zu- 



vanrlegers-Regiment  hatten  sich  der  Major  Graf  Rechderg,
  der  Oberlieutenant  Kleudchen,  die  Lieutenauts
Adelsheim,  Hertling,  Walter,  der  Rittmeister
Krauß  (vom  sschern  Tod  durch  den  Gemeinen  Mossing
gerettet)  der  Wachtmeister  Schöngens,  der  Corporal
Loeh,  des  baterischen  Nahmens  würdig  gezeigt.  Nicht
geringeres  Verdienst  erwarb  sich  das  2te  Dragoner-Regiment
  Taris,  und  dessen  tapferer  Führer  der  Oberst  Graf
Seidewiß.  Immer  der  Erste  in  den  feindlichen  Reihen,
wußte  er  jede  Blöse  seines  Gegners  mit  Umsicht  zu  benutzen,
  jede  Art  Waffe  des  Dragoners  mit  Erfolg  anzuwenden.
  Ihm  und  seinem  braven  Regimente  wurde  in  dem
nach  dieser  Affaire  erschienenen  Tages-Befehl  ehrende
Erwähnung.  Vom  Sten  Chevaurlegers=  Regiment  hatten
sich  der  Rittmeister  Gaddum,  der  Oberlieutenant  Bernard,
  die  Wachtmeister  Steinmetz,  Molzberger,
die  Gemeinen  Kirchner  und  Laubenheimer  vorzüglich
  ausgezeichnet.  Der  Gemeiue  Stockv  überließ  dem
Obersten  Grafen  Pompei,  dessen  Pferd  während  des
Rückzugs  tödtlich  verwundet  wurde,  das  seinige,  und
kämpfte  nun  mit  dem  Karabiner  in  der  Hand  in  den
Reihen  der  Schütßen  des  12ten  Infanterie-Regiments.
Gleiche  Großthat  des  Gemeinen  Peter  Geper  in  Bezug
auf  den  Obersten  Pierron  des  7ten  Linien  -Regiments
verdient  ehrenvolle  Meldung.

Aber  auch  der  Thaten  der  Infanterie,  nämlich  der  einzelnen
  Abtheilungen  derselben,  werde  hier  mit  Achtung
gedacht.  Jurückweisend  auf  das  bereits  über  jenes  denk-
        <pb n="312" />
        —  302  —

frieden,  einen  uͤberlegenen  Feind  so  anhaltend  und  mit
geringen  Streitkraͤften,  in  einer  wichtigen  Stellung  aufgehalten,
  den  Erzherzog  Ferdinand  von  der  Theilnahme
an  der  Hauptschlacht  entfernt  zu  haben,  welche  das
Schicksal  des  ganzen  Feldzuges  entschied,  fährte  sein
Corps  am  Morgen  des  sechsten  Decembers  nach  Bud- 



-

wuͤrdige  Gefecht  Gesagte,  erinnern  wie  an  jene  zwei  Compagnien
  des  äten  Linien-Regiments  unter  Major  von
Stael,  welche  durch  standhafte  Behauptung  des  Punctes
Iglau  dem  zurückziehenden  Corps  den  Marsch  durch  ein
gefährliches  Desilee  (die  Stadt  selbst)  sicherten.  Man
gedenke  des  gten  Linien-Regimentes,  welches  in  Perein
mit  dem  hten  leichten  Bataillon  Stengel  als  rechter  Flügel
  des  Ganzen,  und  zwar  nach  einen  von.  12  Uhr  Mittags
bis  74  Uhr  Abends  dauernden  Kampf,  vortrefflichen  und
kuͤhnen  Ruͤckzug  nach  Iglau  machte.  Erkannt  werde  die
Tapferkeit  des  bereits  erwaͤhnten  Majors  Hepp,  die  des
Hauptmanns  Aichers,  der  Lieutenants  Avila,  Kögler,
  Brett,  der  Schützen-Sergeanten  Wagner,  Luzenuberger,
  der  Gemeinen  Wienirtshamer  und
Sandmapver,  die  des  aten  Bataillons  Stengel.  Der
Lieutenant  Ferdinand  v.  Schellerer,  der  Gefreite  Bolzinger,
  welcher  seinen  verwundeten  Hauptmann  Plessen
  aus  dem  Gefechte  trug,  der  Gemeine  Maier,  welcher,
  schon  verwundet,  das  Schlachtfeld  nicht  verlassen
wollte,  der  Soldat  Johann  Zechbauer,  der  Lieutenant
Stengel,  die  Corporäle  Finkenauer  und  Haubold,
  die  Schützen  Berger  und  Schuhmann,  vom
'ten  Regimente,  die  Lieutenants  Dettenhofer,  Maper,
  Thuringer,  Lasstberg,  Friderici,  Kran,
der  Major  Graf  Taris,  die  Lieutenants  Wallraf,

Schenk,  Hacke,  die  Gemeinen  Ederer,  Stopfler,
Riedelbauer  seyen  hiemit  in  die  Reihe  der  vorzüglich
Tapferen  genannt.  Bei  der  Erinnerung  an  die  Thaten  des
        <pb n="313" />
        —  303  —

witz.  Hier  hoffte  er,  entweder  durch  die  von  ihm  erwartete
  Brigade  Karg,  oder  vom  napoleonischen  Hauptheere
  Verstärkungen  erhalten  zu  konnen,  um  dem  Erzherzog
  von  neuem  eutgegen  zu  gehen.

Kaum  aber  bei  Budwitz  angekommen,  ereilten  den
Generallieutenant  Baron  Wrede  zwei  Couriere  vom
Hauptheere.  Sie  hatten  sich  auf  Umwegen,  die  sie  hat- 



i#z#ten  baierischen  Linien=  Regiments  werde  des  Oberlientenants
  Seiffertitßz  nicht  vergessen,  welcher  mit  seinen
Schützen  zu  Deckung  der  rechten  Flanke  seines  sich  zurückziehenden
  isten  Bataillons  detachiert,  die  Perbindung  mic
letzteren  verlor,  und  nur  von  den  Corporälen  Willkommen,
  Schlötter,  den  Schützen  Ziegler,  Pfeber,
Röttinger,  Reinhard,  den  Hornisten  Keller  umgeben,
  auf  eine  österreichische  Abtheilung  von  einem  Öffizier
  und  dreißig  Mann  stieß.  Seine  Schwäche  dem  feindlichen
  Auge  klug  verbergend,  gelang  es  ihm,  durch  heftigen
  Angriff  jene  so  überlegene  Abtheilung  zu  Gefangenen
zu  machen.  Das  leichte  Bataillon  Dietfurth  hatte  einen
trefflichen  Anführer  an  der  Spiße,  und  durch  große  Tapferkeit
  den  rühmlichen  anhaltenden  Widerstand  des  linken
baierischen  Flügels  begründet.

Die  Artillerie  hatte,  obgleich  klein  an  Zahl,  jedoch  bei
zweckmäßigster  Verwendung  große  Dienste  geleistet;  die
Lieutenant  Binder,  Aichn  und  Haibe,  die  Kanoenier=Corporäle
  Inzenhofer,  Engelbrecht,  der  Kanonier
Wilhelm  Müller  sich  vorzüglich  ausgezeichnet.

Die  Umgebungen  des  Kommandirenden  selbst,  die  Oberstlieurenants
  Baron  Schönfeld  und  Ribauvierre,
die  Hauptleute  von  Arthelm  und  Baron  Gravenreuth,
  der  Rittmeister  Baron  SZweybrücken,  und
die  beiden  Adjutanten,  der  Hauptmann  Palm  und  unter:
lieutenant  Baron  Kleudchen,  hatten  sämmtlich  entschiedenes
  Verdienst.
        <pb n="314" />
        —  304  —

ten  nehmen  muͤßen,  außerordentlich  verspaͤtet.  Sie  brachten
  die  Nachricht  vom  Stege  Napoleon's  über  das  russisch=
  dsterreichische  Heer  in  der  Schlacht  bei  Austerlitz,  und
vom  darauf  am  #ten  December  erfolgten  Abschluß  des
Wasfenstillstandes.  So  war  demnach  im  Tresfen  von
Iglau  noch  Blut  vergossen  worden,  als  die  kriegführenden
  Mächte  schon  ihr  Schwert  friedlich  gesenkt  hatten.

 

11.
Die  Schlacht  bei  Austerlitz.

Der  Sieg  des  franzdsischen  Kaisers  in  Mähren
über  die  vereinigten  Mächte  war  weniger  die  Frucht  der
größern  Menge  oder  größern  Tapferkeit  seiner  Kriegsvblker,
  als  seiner  eigenen  Feldherrn  =  Ueberlegenheit  gewesen.
  An  den  festen  Punct  von  Brunn,  auf  einem  engen
Raum,  hatte  er  sein  Heer  gelehnt,  fähig  sich,  nach  dem
Gebor  der  Umstände,  plbtzlich  nach  Westen  oder  Süden
auszustrecken.  Zu  St.  Anton,  Schlapanitz,  Kobelnitz,
Sokolnitz,  Telnitz  und  Menitz,  standen  Abtheilungen;  die
Vorwachten  aber  Angesichts  des  Ortes  Girschikowitz  ges
gen  Posorzitz  und  Krug.

Hier  zu  Posorzitz  stand  in  derselben  Zeit  (50sten  November)
  Fürst  Bagration  mit  der  russischen  Vorhuc,
Kienmair  aber  mir  der  dsterreichischen  zwischen  Ansterlitz
  und  Krzenowitzz  und  Streifwachen  schwärmten
bis  Hosteriadek,  Anjest,  Satzschau  und  Menitz.  Allein
schon  folgendes  Morgens  (#usten  December)  änderte  das
Heer  der  verbündeten  Kaiser  in  allgemeiner  Bewegung
die  bisherige  Stellung.  Denn  es  trat  in  vier  großen
Kolonnen  unter  den  Generalen  Doctorow,  Langeron
        <pb n="315" />
        —  305  —

ron,  Przibyszewsky  und  Kollowrath,  nebst
ohngefähr  6,000  Reitern  unter  dem  Fürsten  Johann
Lichrenstein  auf  die  Hbhen  von  Pratzen  und  jenen,
die  zwischen  Hasteriadek  und  Anjest  gelegen  sind.  Auf
den  Höhen  von  Austerlitz  nahmen  die  russischen  Garden,
hinter  dem  Bache  Krzenowitz,  Plaz;  Kienmair  mit  6,000
Mann  der  Vorhut  zwischen  Aujest  und  Telnitz.  Fürst
Bagration  hingegen  rückte  über  Posorzitz,  Holabitz
und  Plazowitz  vor.

Napoleon,  der  bei  diesen  Bewegungen  seine  Vorposten
  zwar  hinter  den  Girschkowitzer  und  Sokolnitzer
Bach  zurückzog,  aber  die  Dörfer  Sokolnitz,  Telnitz,  Kobelnitz
  und  Pantowitz  stark  besetzt  hielt,  hatte,  da  nun  auch
die  Heerhaufen  Davoust's  und  Bernadotte's  zu  ihm
gestoßen  waren,  eine  Streitmacht  von  87,000  Mann  zu
Fuß,  und  11,000  Mann  zu  Pferde  beisammen.  Doch
zog  er  diese  Massen  so  eng  zusammen,  daß  sie  unscheinbar
  wurden,  und  gern  verführte  er  seine  Gegner  zu  dem
Glauben,  als  sey  ihm  daran  gelegen,  sich  wieder  der
Donau  zu  nähern,  um  ihrer  Gewalt  zu  entgehen.  In
der  That  aber  lag  ihm  nur  daran,  sie  von  den  Anhdhen
herab  zu  locken  aus  ihrer  vortrefflichen  Stellung.  Darum
#hnderte  er  noch  in  der  Nacht  (vor  dem  2ten  Derember)
seine  eigene,  damit  er  das  feindliche  Heer,  wohin  es
sich  auch  bewegen  mochte,  mit  um  so  gläcklicherm
Erfolge  angreifen  konne,  weil  es  ihm  während  der  Bewegung
  unaufhdrlich  eine  der  Seiten  blos  geben  mußte.
Also  besetzte  auf  sein  Geheiß  vom  Heerhaufen  des  Marschall
  Soult  die  Division  Legrand  das  Dorf  Telditz
mit  fünf,  das  Dorf  Sokolnitz  mir  zwei  Bataillonen,  mit
den  übrigen  das  zwischen,  beiden  liegende  Thal,  durch
welches  Isich  ein  Bach  schlängelr.  Die  Dioisionen  St.

20
        <pb n="316" />
        —  306  —

Hilaire  und  Vandamme  nahmen  in  demselben  Thale
ihren  Stand  zwischen  Sokolnitz  und  Kobelnitz,  letzteres
Dorf  stark  besetzend.  Marschall  Bernadotte's  Divisionen
  Drouet  und  Rivaud  waren  hinter  den  Schlapanitzer
  Engpässen  aufgestellt,  und  ihnen  links  die  leichte  Reiterei
  Kellermann's,  Walter's  und  Begumonts,
hinter  denen  Murat  mit  der  schweren  Reiterei  und  den
kaiserlichen  Garden  zu  Pferde  eine  Reserve  in  zweiter
Linie  bildete.  Zur  linken  jener  leichten  Reiterei  befand
sich  die  Diovision  Caffarelli,  weiterhin  die  Diwvision
Süchet,  welche  mit  einem  Regiment  und  achtzehn
Kanonen  den  vortrefflichen  Anlehnungspunct  St.  Anton
besetzt  hielt.

Dieß  war  die  Schlachtordnung  Napoleon's.  Zwanzig
  Bataillone,  zahlreiches  Geschütz,  die  Garden  unter
Bessieres,  die  Grenadiere  unter  Oudinot  bllderen  eine
mächtige  Reserve.  Sie  stand  auf  der  Anhdhe  hinter
Schlapanitz,  welche  die  ganze  umliegende  Gegend  be-Ferrscht.


Als  am  zweiten  December  die  Morgen-Sonne  herrlich
  aufgieng,  beleuchtete  sie  das  russisch  =  dsterreichische
Heer  schon  in  voller  Bewegung,  wie  es  links  von  den
Hdhen  herniederstieg  gegen  Telnitz  und  Sokolnitz.  Bald
erschien  von  dessen  Reiterei.  in  der  Ebene  vor  Telnitzwo
  sich  lebhaftes  Gefecht  um  den  Besitz,  des  Oorfes
Telnitz  entzündete.  General  Kienmair  rang  um  denselben
  eine  volle  Stunde  vergebens;  4,000  Franzosen
standen  im  Dorfe.  Als  aber  Napoleon  zuur  den  Heerhaufen
  Doctorow's  aus  dem  Dorfe  Aujest  hervorgetreten,
  von  den  übrigen  nichts  sah,  fürchtete  er,  seine
Gegner  möchten  sich  eines  andern  besonnen,  und  die  alte,
        <pb n="317" />
        —  307  —

vortheilhafte  Stellung  auf  den  Prazener  Hoͤhen  wieder
eingenommen  haben.  Es  war  aber  dichter  Nebel,  welcher
  die  feindlichen  Züge  verbarg.  Napoleon,  um  die
Aufmerksamkeit  der  Feinde  gegen  Telnitz  zu  ziehen,  und
sie  durch  scheinbare  Vortheile  dahin  zu  locken,  befahl
dem  General  Legrand,  das  Dorf  zu  verlassen.  Es
geschah.  Als  sich  aber  der  gehofte  Erfolg  dennoch  nicht
offenbarte,  ließ  er  Telnitz  dem  Feinde  wieder  entreissen,
und  sich  den  Marschall  Davoust  mit  ohngefähr  10,000
Mann  auf  diesen  Punct  hinwerfen.

Da,  gegen  halb  zehn  Uhr  Morgens,  zerstreute  sich
der  Nebel,  und  man  sah  die  Kolonnen  Langeron's
und  Przibyrszewsky's  aus  den  Hohlwegen  sich  herausziehend,
  das  Dorf  Sokolnitz  angreifen.  Da  gebot
Napoleon  abermals  dem  General  Legrand,  Telnitz
  zu  räumen  und  sich  hinter  Sokolnitz  aufzustellen.
Da  begannen  die  Heerhaufen  Soult's,  Bernadotte's
  und  Lannes  ihre  Bewegungen.  Da  mußte  sich
Davoust  mit  seinen  zwei  Divisionen  aus  der  Stellung
  hinter  Telnitz  nach  Turas  ziehen,  und  die  zehn
Bataillons  Garden  mußten  die  Anhdhe  oberhalb  Kobelnitz
  besetzen,  von  wo  herab  das  schwere  Geschütz  die
Heerhaufen  Langeron's  und  Przibyrszewsky's
bestreichen  konnte.

General  Doctorow,  nachdem  er  Telnitz  und  die
Umgebungen  besetzt  hatte,  erwartete  das  Nachrücken  der
übrigen  Corps  durch  den  sokolnitzer  Hohlweg.  Im  Thale
zwischen  diesem  und  Telnitz  mochte  ohngefähr  eine  Streitmasse
  von  32,000  Mann  stehen,  und  auf  den  Prazener-Höhen
  ein  Haufe  von  5,000  Mann  zurückgeblieben  sepn.
Napoleon  hingegen  hatte  auf  dlesem  Puncte  bei  33,000

20  *
        <pb n="318" />
        —  308  —

Mann,  aus  den  Divisionen  Legrand,  Friand,  Bourcier,
  den  Garden  und  Oudinot's  Grenadieren  ins
Gefecht  zu  bringen.  —  Aber  die  Divistonen  Ste.  Hilaire
und  Vandamme  waren  indessen  schon  durch  Kobelnitz
  und  das  Thal  gegen  Puntowitz  gegangen,  und  schnell
gegen  das  Dorf  Pratzen  auf  die  Höhen  gestiegen.  Hier,
es  war  11  Uhr  vor  Mittag,  stießen  sie  auf  den  16,000
Mann  starken  Heerhaufen  Kollowrath's,  welcher  das
Dorf  im  Besitz  hatte,  und  schnelle  Vereinigung  mit  dem
schon  vorangegangenen  russisch=  dsterreichischen  Corps
suchte.  Der  hier  befindliche  Oberbefehlshaber  Kutusow
  erkannte  nun  die  Wichtigkeit  des  Besitzes  der  Anhdhen
  von  Pratzen.  Hier  mußte  das  Schicksal  der  Schlacht
entschieden  werden.

Die  Dioisionen  St.  Hilaire  und  Vandamme
erreichten  aber  nach  kurzem  Kampf  die  Pratzner  Höhen,
entfalteten  sich  unter  dem  heftigsten  Artilleriefeuer  des
Feindes,  behaupteten  sich  gegen  die  außerordentlichsten
Anstrengungen,  und  trennten  auf  diese  Weise  den  linken
Flügel  des  russischen  Heers,  südwärts  Pratzen,  von  dessen
  Mitte.  Bald  darauf  schloßen  Davoust  und  Soult
durch  ihre  Bewegungen  diesen  Fluͤgel  beinahe  gaͤnzlich  ein.
Kutusow  sammelte  gegen  diesen  Punct,  wo  nur  18,000
Franzosen  fochten,  25,000  Mann,  alle  durch  die  Gegenwart
  der  Kaiser  von  Oesterreich  und  Rußland  begeistert.
Allein  ihre  Zusammensetzung,  meistens  aus  des  Krieges
noch  ungewohnten  Rekruten,  daher  auch  Mangel  an  Einheit
  in  ihren  Bewegungen,  führte  ihre  Niederlage  unvermeidlich
  herbei,  als  noch  die  Divissonen  Drouet  und
Rioaud,  rechts  von  lasowitz  anrückten.  Schon  war
das  kollowrathische  Korps  vom  linken  Flügel  abgeschnitten;
  jetzt  drohete  Drouet's  Bewegung  auch  dessen  Tren-
        <pb n="319" />
        nung  vom  rechten.  Also  zog  sich  Kollowrath  nach
zweistuͤndigem  morderischen  Kampfe,  mit  Zuruͤcklassung
beinahe  seiner  ganzen  Artillerie,  mehrerer  tausend  Verwundeten
  und  einiger  hundert  Gefangenen,  von  Pratzen
zum  Fuß  des  Gebirgs  zuruͤck.

Jetzt  stellten  sich,  links  von  den  Bernadottes'schen
Divisionen  Drouet  und  Rivaud,  auch  die  Marschaͤlle
Prinz  Murat  und  Lannes  in  Schlacht-Ordnung,
und  rückten  so,  ohngefähr  30.000  Mann  stark,  gegen
die  Ortschaften  Blasowitz  und  Krugh.  Hier  stand  Großfürst
  Constantin  mit  der  Reserve,  8,500  Mann  stark,
wozu  auch  Prinz  Johann  Lichtenstein  noch  mit  3,500
Reitern  stieß,  in  einer  vortheilhaften  Stellung,  welche
die  ganze  Gegend  beherrschte.  Die  stark  mit  Fußvolk
besetzten  Dorfer  Holubiz  und  Blasowitz  waren  auf  beiden
  Seiten  ihre  Anlehnungspuncte.  Kaum  durch  Gewalt,
  nur  durch  Kriegslist  konnten  Großfürst  Constantin
  und  Prinz  Lichtenstein  aus  dieser  starken  Stellung
weggehoben  werden.  Tirailleurs  der  Dioision  Rivaud,
einige  Reiterei  von  Kellermann  sprengten  an.  Jäh
stürzten  1,000  Mann  der  russischen  Reiterei,  die  rechts
Plasowitz  aufgestellt  war,  auf  die  Plänkler  hervor,  welche
eiligst  alle  hinter  der  franzdsischen  Infanterie  verschwanden.
  Die  russische  Reiterei  aber,  von  blinder  Tapferkeit
  hingerissen,  stürmte,  ohne  unterstützt  zu  werden,  auf
Muratt's  zweite  Cavalerie=  Linie.  Alsbald  ergoß  sich
von  allen  Seiten  das  französische  Musketen  und  Kartätschenfeuer
  in  solcher  Gewalt  auf  sie,  daß  kaum  mehr,
als  die  Hälfte,  in  Unordnung  und  schneller  Flucht  dem
Tod  entrannen.

Nach  diesem  Ereigniß  rückte  Murat  mit  der  zwepten
  Cavalerie-Linie,  durch  Plänkler  der  Divisionen
        <pb n="320" />
        Süchet  und  Rivaud  unterstützt,  zum  Angriff  gegen
Fürst  Constantins  russische  Garden  zu  Fuß.  Er  mußte
der  Tapferkeit  dieser  Garden  weichen,  welche  nun  aber
mit  dem  linken  Flügel  von  Rivaud,  mit  dem  rechten

von  Süchet,  und  der  zwischen  beiden  befindlichen  franzöffschen

  Reserve-Reiterei  ins  Gefecht  geriethen.  Der
Kampf  ward  mörderisch.  Allein  die  russischen  Garden,
den  Wirkungen  des  zahlreichen  franzèsischen  Geschützes,
den  wiederholten  Anfällen  von  der  franzdsischen  Garde
zu  Pferd  unter  Marschall  Bessier's  lange  widerstehend,
mußten  endlich  der  übergroßen  Menge  ihrer  Feinde  unterliegen,
  ob  ihnen  gleich  noch  eine  tapfere  Reiterei  zum
Beistand  erschienen  war.

Nach  einer  solchen  Erschütterung,  welche  von  allen
Theilen  des  russisch  -österreschischen  Heers  mit  empfunden
  ward,  und  nachdem  auch  die  Ddrfer  Holubiz  und
Krugh  von  den  Franzosen  genommen  waren,  befahl  der
Feldmarschalt  Kutusow  allen  Kolonnen  den  Rückzug.
Er  geschah  alsbald  in  möglicher  Ordnung,  gedeckt  durch
die  zahlreiche  Reiterei  des  tapfern  Fürsten  Bagration.

Zu  dieser  Zeit,  anderthalb  Stunden  nach  Mittag,
waren  die  drei  ins  Telnitzer  und  Sokolnizer  Thal  vorgerückten
  Generale  Docktorow,  Langeron  und  Przibyrszewsky,
  in  allem  50,000  Mann  stark,  noch
ummer  im  lebhaftesten  Gefecht  gegen  die  Dioision  Legrand,
  die  nur  9,000  Mann  zählte.  Statt  Sokolnitz
schnell  mit  Sturm  zu  nehmen,  verloren  Langeron  und
Przibyrszewsky  die  kbstliche  Zeit  mit  bloßer  Beschießung
  des  Dorfes.  Als  sie  endlich  in  das  Dorf  (um
2  Uhr)  eingedrungen,  und  darin,  wegen  der  Enge  des
Raums  gedrängt  waren,  erschien  hinter  ihnen  die  Diol-
        <pb n="321" />
        sion  St.  Hilaire  und  die  Dragoner-Division  Beaumont
  von  Kobelnitz  her.  Zugleich  ließ  General  Legrand
nun  das  Dorf  durch  zwei  Regimenter  einschließen,
und  nahm  6,000  Russen  mit  ihrem  Fuͤhrer  gefangen.
Langeron  und  Przibyrszewsky,  jetzt  von  ohngefähr
  50,000  Franzosen  bedrängt,  konnten  sich  nur  in
größter  Eil  dem  gewissen  Verderben  dadurch  entziehen,
daß  sie  sich  auf  das  Corps  des  Generals  Doctorow
warfen.

Dieses  Corps  zog  in  voller  Ordnung  aus  dem  Hohlweg
  und  dem  Dorfe  Telnitz  durch  die  Ortschaft  Aujest,
als  es  von  der  Dioision  Vandamme  angegriffen  und
in  Unordnung  gebracht  ward.  Nach  einem  Verlust  von
*,000  Gefangenen,  von  allen  Seiten  angegriffen  und
durch  die  franzdsische  Artillerie  gelichtet,  wollte  es  sich
über  die  Brücke  des  rechts  Aujest  liegenden  See's  ziehen.
Aber  die  Brücke  brach.  Die  Verwirrung  ward  noch  größer.
In  diesem  gefahrvollen  Augenblick,  mitten  unter  dem
furchtbarsten  Artilleriefeuer  der  Division  Vandamme
sammelten  die  russischen  Feldherrn  ihre  Truppen  auf  den
Hbhen,  welche  vor  dem  satzschaner  Teiche  gelegen  sind
stellten  lihre  Reiterei  dem  siegreichen  Feinde  entgegen,
und  versuchten  auf  diese  Weise  den  Rückzug  des  Gauzen
  über  den  Damm  zu  decken,  der  den  Teich  einengt.
Allein  viele  einzelne  Abtheilungen,  weil  der  Damm  zu
schmal,  der  Zug  zu  langsam,  die  Gefahr  von  hinten  zu
groß  war,  wagten  sich,  um  schneller  fortzurücken,  über
die  gebrechliche  Decke  des  Eises.  Diese  brach  ,  und  die
Unglücklichen  fanden  den  unvermeidlichen  Tod.

Unter  solchen  Verwirrungen  wurden  in  diesem  Thale
wohl  18,000  Rusfsen  theils  gefangen,  theils  vernichtet.
        <pb n="322" />
        —  312  —

Fene  drei  in  das  Thal  eingeruͤckten  Kolonnen  verloren
fast  all  ihr  schweres  Geschuͤtz,  und  zogen  sich  mit  ihren
Ueberresten  gegen  Ottniz,  Maunitz  und  Neuhof;  dann,
hier  wieder  etwas  gesammelt,  durch  Baschewitz  auf  der
Straße  nach  Ungarn  gegen  Czeitsch.  Hingegen  Kollowrath's
  Corps,  die  Reiterei  des  Fürsten  Lichtenstein,
  die  Reserve  unter  dem  Großfürsten  Constantin
und  die  Nachhut  unter  dem  Fürsten  Bagration  giengen
  mit  Verlust  ihres  meisten  Feldgeschüitzes,  über  Geding
  hinter  die  March  zurück.  Nur  einzelne  französische
Reiter-Abtheilungen  folgten.  Folgenden  Tages  aber
(Sten  Dezember)  setzten  Marschall  Lannes  und  Prinz
Murat  dem  fliehenden  Feinde  über  Butschowitz  und
Stanitz,  Marschall  Bernadotte,  Soult,  die  kaiserliche
  Garde  und  Ondinot  mit  den  Grenadieren  ihm
auf  der  Straße  gegen  Ungarn  nach.  Marschall  Davoust,
vereint  mit  der  Division  Gudin,  drang  bis  Josephsdorf
  nach  und  bis  Uhrschitz,  wo  sich  zwischen  dem  Vortrabe
  der  Franzosen  und  der  russischen  Nachhut  noch  ein
unerhebliches  Gefecht  entspann.  Erst  als  (iten  December)
  die  russische  Armee,  hinter  die  March  gegangen,
eine  vortheilhafte  Stellung  bei  Hollitsch  eingenommen
hatte,  konnte  sie  sich  Erholung  gewähren.

 

12.

Waffenstillstand  und  Friede.
desselben.

In  einer  zweistündigen  Unterredung  Napoleom's

mit  Kaiser  Franz,  bei  Sarachitz  (Sten  Dezember)  „

ward  Waffenstillstand  mit  den  Grundzügen  des  künftigen

Folgen
        <pb n="323" />
        Frledens  bestimmt,  und  bald  daräuf  (Söten  December)
formlich  abgeschlossen.  Ihm  trat  Kaiser  Alerander  in
so  fern  bei,  daß  er  binnen  15  Tagen  aus  Mähren  und
Ungarn,  binnen  einem  Monat  aus  Gallizien  ins  Innere
Rußlands  zurückzugehen  verhieß.  Die  franzdsische  Armee
hielt,  dem  Waffenstillstand  zu  Folge,  in  Mähren  den
Iglauer-Inaymer=  und  Brünner-Kreis  besetzt,  so  wie
den  Olmützer-Kreis  am  rechten  Ufer  der  Trereboska,
bis  zu  deren  Einfluß  in  die  March;  das  rechte  Ufer
der  March  bis  zu  deren  Erguß  in  die  Donau,  Preßburg
mit  eingeschlossen;  ferner  Ober=  und  Nieder-Oesterreich,
Tirol,  Venedig,  Kärnthen,  Stepermark,  Krain,  Görttz,
Istrien  und  in  Bdheim  den  Kreis  Tabor,  nebst  dem
Landstrich  auf  der  Ostseite  der  Straße  von  Tabor  nach  Linz.

Der  Generallieutenant  Baron  Wrede  hatte  schon
am  kten  Dezember  auf  die  erste  Nachricht  vom  Waffen-Killstand
  auch  mit  Erzherzog  Ferdinand  Waffenruhe,
gegen  acht  und  vierzigstündige  Aufkündigung,  eintreten
lassen.  Laut  Uebereinkunft  konnte  sich  die  dsterreichische
Vorpostenkette  auf  der  Brünner-Straße  bis  Großmdseritsch,
  dies  mit  eingeschlossen,  auf  der  Straße  von
Iglau  nach  Budwitz  bis  und  einschlußweise  Schelletau,
und  auf  der  Straße  von  Budweis  bis  Jlabing,  dies
mit  eingeschlossen,  ausdehnen.  Allein  ein  Befehl  aus
dem  franzosischen  Hauptgelager  erklärte  diese  Uebereinkunft
  nichtig,  gebot  dem  baierischen  Heerführer  schnelle
Vollziehung  des  Waffenstillstandes  und  Besetzung  des
Iglauer-Taborer=  und  Budweiser-Kreises  durch  die  Baiern.
Als  der  Generallieutenant  Wrede  dies  und  zugleich  sein
Verlangen  meldete,  daß  alle  seit  dem  dritten  December
kriegsgefangene  Baiern  zurückgegeben  werden  sollten,
weigerte  sich  Erzherzog  Ferdinand  wiederholt,  dem
        <pb n="324" />
        Begehren  zu  entsprechen.  Wrede,  indessen  durch  neun
Bataillone  der  Brigaden  Mezanelli  und  Karg,  nebst
deren  Artillerie,  ansehnlich  versiärkt,  kündete  (am  gien
December)  also  den  Waffenstillstand  auf,  und  bestimmte
den  zehnten  December  zum  Angriff  gegen  Erzherzog
Ferdinand.  Der  Erfolg  eines  solchen  Angriffs  konnte
um  so  minder  zweifelhaft  seyn,  da  auch  Marschall  Bernadotte
  selbst,  mit  dem  übrigen  Theile  seines  Corps
gleichzeitig  über  Großbitsch  und  Großmeritsch  den  Rücken
der  österreichischen  Stellung  bedrohte.

Der  Erzherzog,  nachdem  er  von  seinem  Kaiser  gemese
sene  Befehle  erhalten,  wartete  jedoch  die  Folgen  der  am
101en  December  Morgens  6  Uhr  vom  Generallieutenant
Wrede  begonnenen  Bewegungen  nicht  ab.  Er  zgog  sich
in  der  Nacht  vorher  inner  die  vorgezeichnete  Demarcations
  =  Linie  zurückt;  und  Wrede  besetzte  alsbald  mirt
seinem  Heerhaufen,  der  jetzt  aus  10  Bataillonen,  20
Escadronen  und  zahlreichem  Geschütz  zusammengesetzt
war,  den  Iglauer-Kreis;  die  Division  Nivaud  den
Budweiser-,  Drouet  den  Taborer.  Bernadotte  hatte
sein  Hauprquartier  zu  Budweis;  Wrede  zu  Iglau.
Am  k2bsten  December  empftengen  die  Baiern  den  Taborer=
  und  den  westlichen  Theil  des  Budweiser-Kreises  zur
Einlagerung.  Generallieutenant  Wrede  verlegte  also
sein  Hauptgelager  nach  Budweis.  Wie  hier  in  Mähren,
so  genossen  auch  die  baierischen  Truppen  unter  General
Siebein  nun  in  Tirol  die  Winterruhe.  Sie  zerstdrten
  die  von  den  Oesterreichern  auf  dem  Brenner  und
bei  der  Scharnitz  angelegt  gewesenen  Schanzen.  Die
Franzosen  hatten  sich  allmählig  aus  Tirol  ganz  hinweggezogen.


Die  in  Nicolsburg,  dann  in  Brünn  angehobenen
        <pb n="325" />
        —  315  —

Frledens=  Unterhandlungen  wurden  endlich  in  Preßburg
(20sten  December)  geschlossen.  Wie  groß  auch  Napoleon's
  Sieg  am  Tage  von  Ausierlitz  gewesen  war,  hatte
er  dennoch  kaum  so  ungeheuere  Früchte  desselben  erwarten
  konnen.  Denn  er  kannte  das  Gewagte  seiner  Stellung,
  und  die  furchtbare  Stimmung  aller  um  ihn  #her
wohnenden  Volker.  Oesterreich  war  noch  immer  im  Besitz
unerschdpfter,  reicher  Hülfsquellen.  Oas  russische  Heer
hatte,  nach  der  unglücklichen  Schlacht,  neuerdings  große
Verstärkungen  unter  dem  General  Essen  empfangen.
Erzherzog  Karl,  verstärkt  durch  Erzherzog  Johann,
an  der  Drau,  ließ  Gräz,  die  Hauptstadt  der  Stepermark
(5ten  December)  durch  den  Feldmarschall-Lieutenant
Chasteler  besetzen,  und  bereitete  sich  zum  Juge  nach
Wien  vor,  von  welcher  Stadt  seine  Abtheilungen  am
ten  December  nur  noch  sechs  Meilen  (bei  Windpassing)
entfernt  waren.  Der  Geist  des  ungarischen  Aufgebotes
sprach  sich  männlich  für  seinen  geliebten  und  durch  Unsälle
  gebeugten  Herrscher  aus.  Die  drohende  Stimmung
Neapels  gegen  Frankreich  wurde  durch  die  Bewegungen
der  Engländer  und  Russen  an  den  Küsten  des  Landes
unterhalten.  Mailand,  Genua,  Parma,  ganz  Ober-Italien
  war  voll  dumpfer  Gährung.  Die  aus  dem  niedersächsischen,
  westphälischen  und  preussischhessischen.  Heere
zusammengesetzte  Kriegesmacht  Preussens  hatte  sich  den
Geänzen  Frankens  und  Westphalens  immer  mehr  genäherr,
und  schien  jeden  Augenblick  bereit,  im  Rücken  des  napoleonischen
  Heers  entscheidend  mitwirken  zu  wollen.  Britten
  bewegten  sich  schon  gegen  die  Weser;  Schweden  und
Russen  schon  ins  Innere  von  Hannover.  Das  Alles  kannte
Napoleon.  Große  Gefahren  hatte  er  besiegt;  aber
noch  größere  blieben  seinem  außerordentlichen  Geiste  zu
        <pb n="326" />
        316  —

überwinden.  Und  er  überwand  sie  durch  den  Frieden
von  Preßburg.  Wie  mit  einem  Jauberschlage  verschwanden
  alle  gegen  ihn  gerichteten  Entwürfe.

Mächtiger  dastehend,  denn  jemals,  ward  seine
Sorge,  die  Kraft  des  Hauses  Habsburg-Lothringen  zu
brechen,  und  sich  auf  Unkosten  desselben  treue  Bundesgenossen
  zu  gewinnen.  Indem  er  diesen  von  der  Eroberung
  aus  dsterreichischem  Gut  zutheilte,  fesselte  er  sie
eben  so  sehr  durch  Dankbarkeit,  als  durch  Furcht  vor
des  Wiener-Kabinetes  früheres  oder  späteres  Wiederfordern,
  an  sich.

In  Folge  des  Preßburger-Friedens  nahm  Kurfürst
Maximilian  Joseph  von  Baiern,  die  kbnigliche
Wurde  an.  Als  Entschädigung  für  seine  in  diesem  Kriege
gebrachten  Opfer  empfieng  er  den  Besitz  und  die  volle
Selbherrlichkeit,  über  die  Markgrafschaft  Burgau,  das
Fürstenthum  Eichstädt,  den  Salzburgischen  Antheil  an
Passan,  die  Grafschaft  Tirol,  die  Fürstenthümer  Briren
und  Trient,  die  sieben  vorarlbergischen  Herrschaften,
die  Grafschaft  Hohen  Embs,  Königseeg-Rothenfels,
vie  Herrschaften  Tettnang  und  Argen,  und  die  Städte
Lindau  und  Augsburg.

Indem  Baiern  auf  solche  Weise  durch  einen  Flächenraum
  von  mehr  den  fünfhundert  Geviertmeilen,  und
um  eine  Millien  Seelen  vergrößert  ward  *),  aber  da- 



□  Meil.  Einw.  Einkünfte,
*)  Die  Markgrafschaft  Burgau  —  58,000  »
das  Fuͤrstenthum  Eichstaͤdt  15  52,000  300,  ooo  sl.
den  Kursalzburgischen  Antheil
  an  Paßau  12  25,000  250,000
die  Grafschaft  Tirol  572  610,000  83,658,712  2
        <pb n="327" />
        —  311  —

gegen  auch  das  Fuͤrstenthum  Wuͤrzburg  (mit  87  Geviertmeilen
  und  240,  000  Einwohnern,)  und  das  Herzogthum
Berg  (mit  54  Geviertmeilen  und  295,000  Seelen)  abtrat,
  gewann  es  zugleich  ost=  süd=  und  westwärts  festere
Militärgränzen  für  die  Zukunft.  So  ward  endlich  das,
was  bisher  nur,  als  frommer  Wunsch,  oder  unfruchtbarer
  Grundsatz  für  des  Baierlandes  Unabhängigkeit  gegolten,
  unerwartet  der  Wirklichkeit  näher  geführt,  daß
nämlich  dieser  Staat  gegen  Morgen  durch  die  Salzach,
gegen  Mittag  durch  den  Inn,  gegen  Abend  durch  die
Iller,  als  durch  scharfbezeichnete  Marken,  gesichert  werden
  müße.  —  Aber  Baiern  empfkeng  noch  dadurch  neue
Sicherheit  gegen  Oesterreich,  weil  dieses  im  Preßburger
Frieden,  in  welchem  es  um  810  Geviertmeilen  und  um
beinahe  drei  Millionen  Seelen  geschwächt  ward,  zuglelch
vier  Hauptpuncte  verlor,  von  denen  gus  es  ehmals
Baierns  rechte  Seite  jeden  Tag  überraschen  konnte,
nämlich  die  Veste  Kufstein  am  Inn,  die  Scharnitz  an
der  Isar,  die  Veste  Ehrenberg  am  Lech,  und  Bregenz
am  Bodensee.

Wenn  dem  Kdnige  von  Baiern  die  mit  dem  Hause

 

□  RMeil.  Einw.  Einkünfte,

das  Fürstenthum  Briren  11  26,000  —
das  Fürstenthum  Trient  46  150,000  —
die  sieben  vorarlbergischen

Herrschaften  38  77,071.  —
die  Grafschaft  Hohen-Embs  3,700
Koͤnigsegg-Rothenfels  8  ,  700  —
die  Herrschaften  Tettnang

und  Argen  6  15,  000
die  Stadt  Lindau  mit  Gebiet  ge#  5,000  —
die  Stadt  Augsburg  —
        <pb n="328" />
        —  518  —

Halsburg  gebrochene  Freundschaft  schmerzlich  war,  konnte
ihn  beruhigen,  daß  er  durch  die  Härte  des  Wiener  Kabinets
  selbst  gezwungen  worden,  sich  einem  fremden  Bundesgenossen
  in  die  Arme  zu  werfen.  Von  jeher,  seit
Jahrhunderten,  hatte  Baiern  und  bis  in  die  letzten  Zeiten,
  jener  Freundschaft  die  schwersten  Opfer  ohne  Vergeltung
  gebracht,  und  durch  Oesterreich  fortdauernd  eingebüßt,
  ohne  Entschädigung.  *)  Hätte  das  Schicksal  über
den  Blutfeldern  von  Austerlitz  anders  entschieden,  wer
ist  Bürge,  daß  Baiern  nicht  zum  andernmale  das  Loos
empfangen  hätte,  welches  ihm  Oesterreichs  Rache  zur
Zeit  des  Kurfürsten  Marimilian  Emanuel  bereiret
hatte?

 

o)  Oesterreich  hatte  nach  offiziellen  Acten-Stücken  durch  Auße
übung  und  Ausdehnung  des  Heimfalls-Rechtes  dem  Kurfürsten
  Marimilian  den  éten  an  3,300,o  fl.  Gürer,
nebst  den  vierjährigen  Juteressen  dieses  Kapitals  entzogen.
Daß  dem  Baiernlande  durch  den  Teschener  Friede  eigentlich
  widerrechtlich  entzogene  Innviertel  ward  demnach  seit
26  Jahren  von  Oesterreich  benußet,  dessen  Einkünfte  bezogen,
  ein  Gleiches  war  seir  vier  Jahren  in  Bezug  auf  Eichstädt
  geschehen.  Die  Ausdehnung  der  leynherrlichen  Rechte
des  Hauses  Oesterreich  in  der  Obern-Pfalz  hatte  dem
Baiernlande  bedeutenden  Verlust  veranlaßt,  die  Anwesenheit
  einer  österreichischen  100,000  Mann  starken  Armee
während  vier  Wochen  in  diesem  Lande,  deren  gemachten
Regquisitionen,  von  ihr  beigetriebenen  Kontriburionen,  der
schlechte  Kurs  des  in  Umlauf  gesetzten  Papiergeldes  mngeheure
  Summen  gekoster,  die  Einziehung  der  Familien-Güter
  des  Kurfürsten  in  Böhmen,  dessen  persönlichen  Einpunften
  großen  Eintrag  gethan.  Aber  auch  von  Seiren
Frankreichs  hatte  die  längere  Anwesenheit  von  140,000
Mann  Truppen  den  bgierischen  Ländern  unendliche  Anstrengungen
  vergnlaßt.
        <pb n="329" />
        —  319  —

Freudig  kehrten  die  baierischen  Truppen  unter  Generallientenante
  Baron  Wrede  in  vier  Brigaden?)  ans
dem  Innern  Böheims  und  Mähreus  in  ihr  geliebres,  dankbares
  Vagserland  zurück.  Angekommen  bei  Braunau  und
Schärding  am  Inn,  vertheilten  sie  sich  in  ihre  Friedensbe- 



*)  Brigade  Nutius  Minnzzi:
Stes  Linien=  Jufanterie-Regiment
Herzog.  Karrl.  1295.  Mann

⁊tes  Linien-Jufanterie-Regiment.  2579  »
Utes  leichtes  Infanterie-Bataillon  ü67##  *
stes  „  2  »  606“  “
Sötes  „"„  2  *  ———2
Istes  Chevgurlegers-Regiment  3560  ———

 

 

Eumma  5/0  M.  594  Pi-Prigede

  Mezanelli:  »;
Stes  Linien-Infanterie-Regiment  1401  Mann

Ores  ?  ·  „  1570  „

15tes  "„  7  ?  1522  «.  «.
2tesDragonerRegiment  1317  "369  Pf.
2tes  Chevanxlegers-  Regiment  429  30  P.

 

 

 

Summa  5013  M.  348  M.

 

 

Brigade  Karg:  «
StegLinien-Infanterie-Regiment  1362  Minn
Stes  ½  i  v  1586  ·
Gumma  294  .  Mann!
Brigade  Franz  Minuzzi:
1ztes  Linien=  Infanterie  -Regiment  1335  Mann-Stes
  leichtes  Infanterte=  .Bataillon.  bos
Stes  Chevgurlegers-Regiment.  301  337  Pf.
btes  *  *l  356  „#"  519  Pf.

 

4%  «",  2757  E  “  e.

 

 

Summa  —  M.  T  V.
        <pb n="330" />
        —  320  —

satzungen.  )  Geuerallleutenant  von  Deroy,  genesen
von  seinen  ehrenvollen,  Wunden,  empfieng  den  Oberbefehl
  über  die  Besatzungen  der  Grafschaft  Tirol  und  der
vorarlbergischen  Lande.

Zn,  den  schdnsten  der  Trophäen  #es  baierischen  Heeres
  gehdrte  das  aus  dem  Wiener-Zeughause  entführte
alterthümliche  Geschütz,  welches  den  Baiern  vor  einem
Jahrhundert  im  spanischen  Erbfolgekrieg  entrissen  worden
war  ),  so  wie  die  Wiedereroberung  der  zwei  und  zwanzig
  altbaierischen  Fahnen.

Froh  überließ  sich  alles  Volk  den  süssen  Täuschune
gen  seines  Glaubens  an  einen  Frieden,  der  um  so  länger
  dauern  sollte,  je  schwerer  und  blutiger  er  erkauft  war.

½P)  Das  öte  Linien-Infanterie-Regiment  nach  Augsburg,
das  #&amp;amp;tc  "„  ?  ?  nach  Straubing,

das  öte  „  r  ?  nach  Landshut,
das  ete  v  n  »  nach  Ingolstadt,
das  te  "„  „  nach  Neuburg,
das  8te  „  ¾  v  nach  Paßau,
das  12te  »*  *  nach  Bamberg,
das  15te  v  nach  Ulm,

V
das  bte  leichte  Infanterie-Bataillon  nach  Amberg,
das  2te  Dragoner-Regiment  nach  Neumarkt  und  Amberg,
das  2re  Chevaurlegers  -Regiment  nach  Augsburg,
das  zte  Chevaurlegers-Regiment  nach  Ulm,
das  #ate  Chevaurlegers-Regiment  nach  Bambera,  3r
Dagegen  marschierte  das  2te,  öte,  te  leichte  Infanteries
Bataillon  und  uste  Chevauxlegers  Regiment  über  Salzburg
ndch  Innsbruck,  und  bildete  in  Verein  mit  dem  oten  und
t40ten  Linien-Infanterie-Regiment,  dem  isten  und  6ten
leichten  Infanterie  =  Bataillon  die  Besaßung  der  Grafschaft
Tirol  und  des  Vorarlbergischen.  Das  uste  und  2te  Linien-Infanterie-Regiment,
  so  wie  das  2te  Dragoner=  Regi,
ment  dagegen  entzogen  sich  durch  den  Abmarsch  aus  Tirol
nach  Baiern  gleicher  Bestimmung,  und  empfiengen  am
2östen  Jänner  1800  bei  ihrem  Einrücken  in  die  Hauptstadr
ünchen  die  unzweideutigsten  Beweise  von  Anerkennung
ihrer  Verdienste  ums  Patlerland.
-  Neun  und  zwanzig  Kanonen,  unter  den  Herzogen  Friedrich  den
Zten  1529,  Ludwigeines  Sohnes  Wilhelms  des  Aten  genannt
des  Standhaften  1544,  Wilhelms  des  Standhaften  selbst  1508,
unter  Herzog  Albert  den  5ten,  unter  den  Kurfürsten  Max  den
isten,  Ferdinand  Marig=  Maxim.  Emanuel,  Kaiser  Karl  den
7  en  gego  en-  *  *e
        <pb n="331" />
        Piertes  Buch

der

AMriegsgeschichte

von

Bapern

unter

Maxrximilian  Joseph  I.
        <pb n="332" />
        <pb n="333" />
        Viertes  Buch.

1.
Umriß  der  staatsthümlichen  Verhältnisse  Europens
  nach  dem  Presburger  Frieden  im
Jahr  1300.

D.  Färsten  und  Volker  des  Welttheils  verloren  sich  im
Erstaunen,  als  sie  das  Unerhdrte  vernahmen,  daß  ein
Krieg  von  eilf  Wochen  und  drei  Tagen  genügend  gewesen
  sey,  Oesterreich  tief  zu  beugen;  als  sie  vernahmen,
daß  diese  Macht  denjenigen  Frieden,  welchen  sie  unter
den  Mauern  von  Paris  zu  gebieten  Miene  gemacht  hatte,
in  einer  hungarischen  Hauptstadt  um  einen  Länderraum
von  1.104  Geviertmeilen  mit  2,722  700  Einwohnern  und
15.216,000  Gulden  Einkünften,  ja  um  den  Verlust  jener
starken  Vorlande  erkauft  habe,  welche  bisher  sein  Inneres
  geschützt  hatten.  ")  Die  Menschen  blleben  zweifelhaft,
ob  solch  ein  Wunder  mehr  das  Werk  von  Napoleon's
Geistesgroße,  oder  von  der  Unvermdgenheit  derer  gewesen,
  die  sich  ihm  entgegen  gewagt  hatten.

 

*)  Der  österreichische  Kaiserstaat  hatte  nach  dem  Presburger
Krieden  noch  10,781  Quadratmeilen  Flächen-Inhalt,  eine
Bevölkerung  von  22,825,000  Seelen,  und  105,736,000  Gulden
  Revenüen,  so  wie  aus  dem  Reichthum  seines  Boden#
Pervorgehende  unerschöpfliche  Hülfsguellen.

a  *
        <pb n="334" />
        —  4  —

Napoleon,  in  der  Fülle  des  Glücks  und  der  Krafe,
immer  die  Huld  des  Augenblicks  so  schnell  benutzend,
als  er  sie  erblickte,  schien  jetzt  die  Ueberraschung  oder
Betäubung  der  Nationen  geeignet  zu  finden,  alle  Staatsverhältnisse
  von  einer  Hälfte  Enropens  zum  Besten  Frankreichs
  zu  verwandeln.  Er  hatte  bei  Austerlitz  das  Werk
seines  furchtbarsten  Feindes,  des  Ministers  Pirt,  dessen
zu  seinem  Untergang  gerüsteten  Bund  Brittanniens,  Ruß
lands  und-  Oesterreichs,  wie  mit  einem  einzigen  Schwertstreich
  zerschlagen.  Allgewaltiger  Gebieter  in  Frankreich,
nun  ohne  Furcht  vor  der  Fremde,  wollt'’  er  sein  weites
Reich  mit  den  südlichen,  westlichen  und  Östlichen  Staaten
  Europens,  wie  mit  Vormauern,  gegen  jeden  Sturm
der  Zukunft  umgürten.

Er  vernichtete  die  ihm  feindselige  Gewalt  der  Bourbonen
  zu  Neapel  durch  ein  dahingesandtes  Heer.  Er
vertrieb  das  alte  königliche  Herrschergeschlecht  nach  Siellien,
  und  vergabte  den  neapolitanischen  Thron  (ölten
März1800)  an  seinen  eignen  Bruder  Joseph.  So  ward
die  ganze  Halbinsel,  vom  Fuß  der  Alpen  bis  zu  den
calabrischen  Gestaden,  ein  Flächenraum  von  1071  Geviertmeilen
  und  von  mehr  denn  sechsthalb  Millionen  Einwohnern
  seiner  Botmäßigkeit  unterworfen.

Von  der  andern  Seite  aber  Preußens  noch  ganz
ungeschwächte  Macht  zu  binden,  und  sie  von  England  zu
trennen,  schloß  er  mit  dieser  (schon  zu  Wien  im  December)
  den  Vertrag,  daß  Hannover,  des  Kdnigs  von  England
  Gur,  nach  der  Räumung  desselben  von  den  Russen,
Engländern  und  Schweden,  nicht  durch  die  Franzosen,
sondern  durch  die  Preussen,  bis  zum  künftigen  allgemeinen
  Frieden  besetzt,  in  Verwahrung  genommen  und  verwaltet

  werden  sollte.  Und  als  der  preußische  Hof  in
        <pb n="335" />
        nachfolgenden  Unterhandlungen  den  Verlust  ihm  sebr
werther  Provinzen,  der  Fürstenthümer  Ansbach  und
Neufchatel  und  des  Herzogthums  Cleve  nebst  der
Festung  Wesel  nicht  abwenden  konnte,  ließ  er  sich  dafür
die  Gewährleistung  Frankreichs  für  den  bleibenden  Besitz
  der  hanndverischen  Gebiete  gefallen.  Dadurch  wurde
Preußen  und  England  gegen  einander  in  feindselige
Stellung  geworfen.  Der  brittische  Könlg,  als  Kurfürst
von  Hannover,  stellte  in  öffentlicher  Erklärung  das  Unrecht
  jener  Besitznahme  dar  (20ten  April  1800);  gab
Befehl  zur  Sperrung  der  Hauptflüsse  Preußens,  der
Ems,  Weser,  Elbe  und  Trawe,  eben  so,  mit  Hülfe
Schwedens,  die  Sperrung  aller  Ostseehaven  und  der
Pregel,  Weichsel,  Oder  und  Peene,  und  lähmte  durch
Wegnahme  mehrerer  hundert  preussischen  Schiffe  den
Handel  Preußens.

Schwedens  und  Dänemarks  Entlegenheit  und  Schwäche
  flößten  dem  französichen  Kaiser  keine  Besorgniß  ein.
Aber  Deutschland,  das  ihm  nahgränzende,  von  krieges
rischen  Vodlkerschaften  bewohnt,  wollt’  er  fester  an  sich
schließen,  und  die  Fürsten  desselben  von  Preußens,  wie
von  Oesterreichs  bisherigem  Einfluße  scheiden.  Als  Vorbereitung
  dazu  verwandelte  er  Holland  (Sten  Juni)  in
ein  Königreich,  und  machte  es  durch  merkwürdige  Verträge
  gänzlich  vom  Willen  Frankreichs  abhängig.  Eben
so  schuf  er  aus  dem  von  Preußen  abgetretenen  Herzogthum
  Eleve,  und  aus  dem  von  Baiern,  für  Ansbach,
erhaltenen  Herzogthum  Berg,  ein  neues  Großherzogthum
Berg.  Dies  übergab  er  seinem  Schwager,  dem  Prinzen
Murat,  wie  eine  Vorwacht  zur  Deckung  eines  wichtigen
  Theils  der  franzosischen  Gränzen.

Dann  schritt  er  zur  Vollendung  seines  Werks,  die
        <pb n="336" />
        —  6  —

zwischen  Preußen  und  Oesterreich  gelegenen  deutschen
Staaten  in  einen  neuen  Bundesstaat,  genannt  Rheinbund,
  *)  zu  verbinden,  als  dessen  Schirmherr  er  selbst
sich  aufwarf.  Schon  seit  dem  Lüneviller-Frieden  war
der  lockere  Zusammenhang  zwischen  den  Fürstenländern
Deutschlands  und  dem  bisherigen  Reichsoberhaupte  immer
  mehr  aufgeldst  worden.  Nun  legte  Franz  II.
(bten  August  1806)  selbst  die  Krone  des  heiligen  Reichs
nieder,  mit  der  ausgesprochnen  Ueberzeugung,  daß  er
die  Pflichten  eines  deutschen  Reichsoberhauptes  unter  jetzt
eingeschrittenen  Verhältnissen  unmdglich  länger  erfüllen
koönne.  Er  nahm  siatt  dessen,  als  Franz  l.,  den  Namen
eines  Kaisers  von  Oesterreich  an.  Alles  erleichterte  die
Ausführung  der  napoleonischen  Entwürfe,  wodurch  nun
der  deutsche  Rheinbund  zur  Vormauer  des  ehmahligen
Reichsfeindes  werden  mußte,  und  die  Schweiz  nur  in  die
zweite  Vertheidigungslinie  Frankreichs  zurücktrat.

Um  sich  die  Glieder  des  Rheinbundes  enger  zu  versichern,
  vergrdßerte  Napoleon  staatsklug  ihre  Macht
aus  den  Eroberungen  über  Oesterreich.  So  mußten  Erkenntlichkeit
  gegen  ihn,  und  Furcht  vor  dem  einst  wiederbegehrenden
  Hause  Oesterreich  sie  mit  doppelten  Banden
  fesseln.  Das  neue  Königreich  Würtemberg  empfieng
einen  Gewinn  von  48  1  Geviertmeilen  gesegneten  Landes
  mit  158,000  trefflicher  Unterthanen  und  700,000

 

*)  Dieser  Bund  war  zusammengesetzt  aus  den  Staaten  von
Vaiern,  Würtemberg,  des  Fürsten  Primas,  Baden,  Berg,
Darmstadt,  Nassau-Weilburg,  Nassau=  Usingen,  Hohenzollern
  -Hechingen,  Hohenzollern  =  Sigmaringen,  Salm-Salm,
  Salm-Kprburg,  Isenburg,  Fürst  Lichtenstein,
Ahremberg,  den  Grafen  von  der  Layen.
        <pb n="337" />
        —  7  —

Gulden  Einkünften.  )  Und  dennoch  war  dieß  nur  geringe
  Entschädigung  für  die  Wunden,  welche  die  damalige
  eiserne  Zeit  dem  Lande  geschlagen  hatte,  um  so
mehr,  als  in  denselben  Tagen  die  Aufhebung  der  Landstände
  dem  Volke  das  uralte  Recht  nahm,  nicht  sich  den
gebieterischen  Forderungen  der  Umstände,  wohl  aber  den
Wirkungen  uneingeschränkter  Willkühr  zu  entziehen.
Nur  wenig  geringer  war  der  Zuwachs  des  Markgrafthums
  Baden.““)  Doch  alle  Weisheit,  alle  Güte  des
herrlichen  Markgrafen  Carl  Friederich  war  hier  nicht
vermbgend,  das  fortwährende  Sinken  des  dffentlichen
Wohlstandes  zu  hemmen,  besonders  da  Napoleons
unbedingte  Forderung  auch  hier,  bei  vermehrter  Landesgröße,
  die  Vermehrung  der  Streitkräfte  erzwang.  Die
Darmstädtischen  Lande  seufzten  unter  gleichem  Druck,
da  sie,  erst  das  Corps  des  Marschalls  Augereau,
dann  20,000  Mann  unter  Lefebre  beherbergend,  mitten
  im  Frieden  alle  Lasten  des  Krieges  zu  tragen  hatten.

*)  Der  Zuwachs  bestand  in  der  Landgrafschaft  Nellenburg,
in  der  Grafschaft  Ober=  und  Nieder-Hohenberg,  der  Land-Vogtei
  Altorf,  die  Stadt  Konstanz  ausgenommen,  den
fünf  Donau-Städten  Ehingen,  Munderkingen,  Riedlingen,
  Mengen  und  Sulgau  mit  allem  was  dazu  gehört,
ferner  in  dem  Theil  des  Breisgaues,  welcher  im  Würtembergischen
  inclavirt,  und  gegen  Osten  in  einer  Linie  von
Schlegelberg  bis  zum  Molbach  gelegen  war,  so  wie  in  den
Städten  Villingen  und  Brentingen.

*“)  Es  empfing  mit  Ausschluß  des  an  Würtemberg  übergegangenen
  Theils,  die  Ortenau  mit  allem  was  dazu  gehört,
die  Stadt  Konstanz,  und  die  Kommenthurey  Meinau,  daher
  einen  reinen  Gewinn  von  47  Geviertmeilen,  150/000
Einwohnern  und  b00/000  Gulden  jährlicher  Einkünfte.
        <pb n="338" />
        —  8  —

Die  dem  Landesherrn  ertheilte  neue  Wuͤrde  eines  Großherzogs
  hatte  nur  Vergroͤßerung  seines  Wehrstandes  bis
auf  10,000  Mann  und  neue  Last  des  schwerbedrängten
Volks  zur  unmittelbaren  Folge.  Was  Napoleon  seinen
  Bundesgenossen  verlieh,  schienen  nur  Hülfsquellen
zu  bleiben,  die  er  sich  selbst  vorbehielt,  deren  Verwaltung
  aber,  und  das  Gehässige  derselben,  er  denen  überließ,
  die  er  seine  Freunde  nannte.  Als  Hülfsgquellen
solcher  Art  betrachtete  er  auch  das  neue  Großherzogthum
Wuürzburg,  so  wie  die  Staaten  des  Chur-Erzkanzlers,
denen  er  die  Reichsstadt  Frankfurt  zugesellte,  indem  er
ihr  eine  vielhundertjährige  Freiheit  raubte.

Das  Kdnigreich  Baiern  theilte  mit  allen  diesen  Ländern
  das  Loos,  im  Frieden  keines  Friedens  zu  geniessen.
Große  Strecken  des  schwäbischen  und  baierischen  Gebiets
  lagen  vom  vergangenen  Feldzuge  verheert;  die  Einwohner
  dem  tiefsten  Elende  preis  gegeben.  Die  ungeheuren
  Durchzüge  der  Truppen  dauerten  fort;  pestartige
Nervenfieber  folgten  und  schwächten  die  Bevblkerung.
Bei  dem  allen  blieb  ein  Theil  vom  Corps  des  Marschalls
Bernadotte  im  Furstenthume  Bamberg  eingelagert,
das  Corps  des  Marschalls  Davoust  im  ganzen  Niederschwaben
  und  Eichstädtischen,  Marschall  Ney  im  ganzen
  Oberschwaben,  Marschall  Soult  in  Niederbaiern,
im  Fürstenthume  Passau  und  in  der  Oberpfalz.  Alle
Unterstützungen  an  Getreide  und  Geld,  sowohl  von  Seiten
  der  Regierung,  als  selbst  von  Seiten  Frankreichs,
waren  für  das  Bedürfniß  unzureichend.  Der  menschenfreundliche
  Kdnig  leistete  überall  persdnlich,  was  er  vermochte,
  das  grenzenlose  Elend  zu  mäßigen.  Er  vermochte
  es  nicht;  aber  mitten  im  Leiden  schloß  sich  das
Herz  seines  Volkes  ihm  fester  an.
        <pb n="339" />
        —  9  —

Die  Ausrundung  Baijerns,  dessen  Flächenraum,  (auch
nach  der  Abtretung  Würzburgs,  als  Entschädigung  für
den  Großherzog  von  Toscana,)  um  500  Geviertmeilen,
dessen  Volkszahl  um  620  000  Seelen,  dessen  Einkünfte
um  2,360,000  Gulden  vermehrt  waren,  konnte,  als  der
vorzüglichste  Gewinn  aus  so  schweren  Schicksalen  betrachtet
  werden.  Und  die  wichtige  Stadt  Augsburg  mußte,
mit  Recht,  als  ein  Edelstein  in  der  Krone  Baierns  gelten.
  Tirol  ward  von  nun  an,  als  das  feste  Bollwerk
eines  Kdnigreichs  geachtet,  dessen  Gränzen  gegen  die
Schweiz  und  den  Bodensee  die  Lande  Vorarlbergs  schlossen.
  Mit  der  Krone  Würtemberg  glich  ein  Gränzberichtigungs-Vertrag
  (öten  Juni  1800)  alle  Mißhelligkeit
aus.  Eine  Menge  schiffbarer  Flüße,  wie  Oonau,  Lech,
Nab,  Regen,  Isar,  Vils  und  Salza,  welche  das  Land
in  allen  Richtungen  durchschnitten,  und  die  mit  Hülfe
verschiedener  Seen  in  gegenseitige  Verbindung  gesetzt
werden  konnten,  verhießen,  bei  hinlänglicher  Friedensdauer,
  dem  Gewerbe  und  Handel  neuen  Aufschwung.

Dem  Könige  lagen  große  Entwürfe  zur  Wiederherstellung
  des  bffentlichen  Glückes  vor.  Doch  ihre  Vollziehung
  ward  durch  die  drückenden  Verhältnisse  des  Augenblickes
  erschwert.  Man  schritt  nur  vom  Dringendsten
  zum  Dringendsien  vor.  Die  Erklärung  der  Religionsfreiheit
  für  die  neuerworbenen  protestantischen  Unkerthanen
  (Sten  Juli  1800)  siellte  diese  sicher,  und  die
mit  dem  Pabste  angeknüpften  Unterhandlungen  wegen
eines  Concordats  sollten  auch  die  schwankend  gewordne
Kirchenzucht  der  katholischen  Unterthauen  neu  befestigen.
Es  ward  dahin  gearbeitet,  die  alten  Provinzen  mit  den
neugewonnenen  auf's  innigste  zu  einem  Ganzen  zu  ver-
        <pb n="340" />
        schmelzen,  *)  das  Papiergeld  aus  dem  Tirol,  durch
Herabsetzung  der  Wiener  Bankzettel,  allmählig  zu  entfernen,
  und  diesem  Gebirgsvolke  jede  Erleichterung  zu
schaffen.  Der  König  selbst,  durch  sein  kraftvolles  pere
snliches  Verwenden,  bewirkte  für  Tirol  die  gänzliche
Erlassung  der  von  Napoleon  auferlegten  Contribution
von  neun  Millionen  Gulden.  Die  dem  baierischen  Zepter
  nun  unterwürfig  gewordnen  ehemals  unmittelbaren
Reichsfürsten,  Grafen  und  Ritter  wurden  mit  zarter
Schonung,  rücksichtlich  ihrer  staatsthümlichen  und  rechtlichen
  Stellung  gegen  den  Landesherrn,  behandelt,  auf

6)  Nicht  immer  schien  jedoch  jenes  Verschmelzen  so  verschiedenartiger
  Provinzen,  z.  B.  die  unterm  20sten  April  18060
erfolgte  Vereinigung  der  vorarlbergischen  Herrschaften  mit
der  schwäbischen  Provinz  in  allen  Zweigen  der  Verwaltung,
daher  deren  gänzliches  Losreissen  von  der  gefürsteten  Grafschaft
  Tirol,  dem  Geiste  und  den  Wünschen  der  Vewohner,
  so  wie  dem  Frommen  des  Staates  angemessen.  Dieß
darzuthun,  bleibe  der  Geschichte  vorbehalten.  8Zwar  läßt
sch,  lett  angeführten  Fall  betreffend,  einwenden,  daß
jene  vorarlbergischen  Herrschaften  in  früherer  Zeit  keinen
integrirenden  Theil  Tirols  ausgemacht  hatten,  und  daß
sie  mehr  denn  hundert  Jahre  spaͤter,  als  letzteres  Land,
von  den  Grafen  von  Montfort  und  Werdenberg
käuflich  oder  pfandweise  an  Oesterreich  übergiengen.  Wahrscheinlich
  bleibt  es  jedoch,  daß  die  Trennung  beider  Provinzen
  gleichzeitig  mit  dem  immerwährenden  Durchmarsche
französischer  Truppen  und  der  Verpflegung  der  in  Hall,
Schwatz,  Rattenberg,  Innsbruck,  Kufstein,  Trient,  Bozen
  und  Clausen  liegenden  baierischen  Männer,  nicht  den
Tirolern  jene  Anhänglichkeit  an  ihrem  neuen  Landesherren
einflössen  konnte,  mit  welcher  sie  ihrer  alten  Regierung

zugethan  gewesen  waren  und  verblieben.
        <pb n="341" />
        daß  sie  sich  leichter  den  durch  das  Schicksal  der  Zeit  gebotenen
  Veraͤnderungen  angewoͤhnten.  Und  bei  allen
diesen  und  andern  Werken  blieb  Bildung  und  Aufklaͤrung
der  Nation  (15ten  Juni  1800  durch  Einführung  von
Elementar  -Schulen)  ein  Hauptgegenstand  der  kbniglis
chen  Sorgen,  weil  öffentliche  Bildung  allein  der  große
Hebel  allgemeiner  Wohlfahrt  durch  unmittelbare  Entfaltung
  der  wahren,  innern  Kraft  einer  Nation  ist.
Die  Armee,  nun  wieder  vollzählig  gemache,  und
mit  allen  Erfordernissen  versehen,  verharrte  auf  dem
Kriegsfuß.  Eine  Meuterei  und  Entweichung  der  gemeinen
  Mannschaft  des  zwölften  Linien-Infanterie-Regiments
  Ldwenstein  Wertheim,  aus  lauter  nun  dem  neuen
Großherzoge  von  Würzburg  zugehdrigen  Unterthanen  bestehend,
  veranlaßte  die  Aufldsung  dieses  Regiments  und
war  in  den  Jahrbüchern  des  baierischen  Heers  ein  ceben
so  betrübendes,  als  beispielloses  Ereigniß.  Das  sogleich
neu  errichtere  vierzehnte  Infanterle-Regiment  füllte  die
Lücke  aus,  und  an  die  Stelle  der  entlassenen  würzburgischen
  Landeskinder  trat  aus  der  Markgrafschaft  Ansbach
junge  Mannschaft.  Auch  das  vom  verdienstvollen  Grafen
  Oberndorf  während  des  letzten  Feldzugs  gebildete
freiwillige  Jäger-Corps  ward,  durch  Rückkehr  der  Forstbedienten
  an  ihre  Stellen,  vermindert,  aber  der  Stamm
des  Corps  beibehalten.  Hingegen  vergrößerte  man  jedes
Reiter-Regiment  auf  660  Pferde,  daher  jede  Escadron
auf  110  Pferde.  Viele  Verbesserungen  noch  wurden,
besonders  bei  der  Cavalerie-Waffe,  und  sonst  beim  Heer
eingeführt,  z.  B.  die  Verminderung  des  Fuhrwerks  bei
den  Regimentern,  die  Abschaffung  des  Puders  und  der
Ibpfe  beim  Soldaten,  die  Abschaffung  der  Pferde  für
Subaltern?  Offiziere  bei  der  Infanterle  u.  s.  w.  Auch
        <pb n="342" />
        —  12  —

unterließ  man  nicht  die  Vestungen  von  Kufstein,  Passau
und  Rothenberg  in  bessern  Vertheidigungsstand  zu  setzen,
und  mit  allen  Beduͤrfnissen  zu  versorgen.

Man  begreift  leicht,  daß  Anstrengungen  solcher  Art,
neben  der  Unterhaltung  so  vielen  fremden  Kriegsvolkes  im
Lande  nicht  nur  keine  Erleichterung  der  Abgaben  gestatteten,
  sondern  sogar  neue  Kriegssteuern  nothwendig  machten.
  Und  doch  war  das  treue  Volk  willig;  den  Baiern
nie  ein  Opfer  zu  groß.  Nicht  nur  die  Steuern  wurden
gezahlt,  sondern  beträchtliche  Summen  flossen  außerdem
noch  aus  menschenfreundlichen  Händen  für  die  Verwundeten
  und  die  Wittwen,  welche  der  Krieg  gemacht  hatte.  “)
Auch  Napoleon  lieferte  dazu  eine  wahrhaft  kaiserliche
Gabe.

Dieser  Fürst  unterließ  überhaupt  nichts,  den  Baiern
und  besonders  dem  Heere,  ein  Gefühl  seiner  Erkenntlichkeit
  auszudrücken.  Er  gab  den  Generalen  Deroy
und  Wrede,  so  wie  zwanzig  Offzieren  und  zwanzig
Soldaten  ausgezeichnete  Belohnungen.  Denn  in  der  Erinnerung
  dessen,  was  sie  während  des  letzten  Feldzuges
beim  Inn-Uebergang,  bei  Lofer  und  Iglau  geleistet
hatten,  dachte  er  an  das,  was  sie  in  der  Jukunft  noch
leisten  kdnnten.  Doch  mehr,  als  Alles,  was  er  that,
belebte  die  Zufriedenheit  des  Königs  Marimilian,
die  er  in  mehrern  Armee-Befehlen  aussprach  (15.  April
und  25.  September  1806)  den  freudigen  Muth  seiner
baierischen  Krieger.

–.  —

*)  Die  Beiträge  für  verwundete  Krieger  waren  so  bebeutend,
daß  einem  jeden  während  des  Jahres  1805  verwundeten
Soldaten  an  15  Gulden,  einer  jeden  durch  den  Tod  ihres
Mannes  im  Felde  zur  Wittwe  gewordenen  Frau  über  34
Gulden  ausbezahlk  werden  konnten.
        <pb n="343" />
        2.

Fortsetzung.  Blick  auf  die  noͤrdlichern  Staa—
ten.  Preußens  Stellung  bis  October  1806.

Der  Süden  Deutschlands  war  durch  eine  Verfleche
tung  der  mannigfaltigsten  Schicksale  in  die  Hand  Napoleons
  hingegeben.  Oesterreich,  welches  sich  von  allem
  unmittelbaren  Einfluße  auf  deutsche  Angelegenheiten
losgesagt  harte,  verhielt  sich  von  nun  an  leidend.  Es
bewieß  gegen  Frankreich  um  so  mehr  die  moglichste  Nachgiebigkeit,
  als  Napoleons  Mißtrauen  von  neuem
durch  die  rußische  Besitznahme  von  Cattaro,  (A.  März
1800),  die  dem  Presburger  Frieden  ganz  entgegen  stand,
sehr  gereitzt  worden  war.  Napoleon's  Heere  blieben
schlagfertig  in  Baiern  und  Tirol  aufgestellt,  und  die
Vestung  Braunau  ward,  statt  von  ihnen  verlassen,  stärker
  befestigt.  Es  wird  der  Staatsklugheit  des  dsterreichischen
  Hofes.  mit  Recht  nachgerühmt,  in  jener  so
verhängnißvollen  .  Zeit  allen  gegründeten  Beschwerden
Napoleons  ausgewichen,  und  doch  mit  Rußland  im
freundschaftlichsten  Verhältniß  geblieben  zu  seyn.

Im  Norden  Deutschlands  hatten  sich  Hannaver,
Hessen,  Sachsen,  Holstein  und  Schwedischpommern  durch
Aufldsung  der  deutschen  Reichsverfassung  in  engere  Bes
rührung  mit  Preußen  gesetzt.  Der  Kurfürst  von  Hessen,
dem  Kaiser  der.  Franzosen  perfdnlich  abgeneigt,  dem  Kdnige
  von  Preußen  blutverwandt,  hatte  schon  beim  Feldzug
  von  1305  sein  Kriegsvolk  schlagfertig  gehalten,  um
es  zu  den  Preussen,  im  Rücken  des  französischen  Heers
stossen  zu  lassen.  —  Hannover,  scheinbar  dem  preussischen
  Zepter  unterworfen,  aber  gegen  fremde,  gewaltthärige
  Besitzughme  unzufrieden,  lietz  wenig  Hoffnung,
        <pb n="344" />
        daß  es  vorkommendes  Falles  seine  gesammten  Hülfsquellen
  aufschliessen  werde,  wie  schonungsvoll  es  auch
von  Preußen  behandelt  wurde.  —  Schweden,  voll  Hasses
  gegen  Napoleen,  in  inniger  Verbindung  mit  England,
  daher  eine  geraume  Zeit  feindselig  gegen  Preussen,
  konnte,  auch  nachdem  Rußland  zwischen  Schweden
und  Preußen  vermittelt  hatte,  nicht  ganz  ausgesohnt
werden,  und  die  Spannung  blieb  noch  lange.  —  Dänemark,
  weise  und  fest  seinem  Volke  den  Frieden  bewahrend,
  zog  das  Herzogthum  Holstein,  nach  Verschwinden
des  deutschen  Reichs,  nur  enger  an  den  Mutterstaat
zurück.  —  Die  sächsischen  Staaten  hingegen  waren  durch
ihre  örtliche  Stellung  weit  mehr  gezwungen,  sich  nach
den  Ansichten  des  preußischen  Hofes  zu  richten.  Doch
die  Hauprsorge  des  vortrefflichen  Kurfürsten  hier  war
bisher  nur  gewesen,  seinen  durch  Mißerndten,  durch
Theuerung  und  Truppendurchzüge  niedergebeugten  Unterthanen
  väterlichen  Beistand  zu  leisten.

Preußen  schien  unter  der  Regierung  seines  Kbniges
Friederich  Wilhelm  III.  den  Gipfel  der  Macht
und  Glückseligkeit  zu  berühren.  Durch  weise  Sparsamkeit,
  und  ohne  Häufung  allzulästiger  Abgaben,  war  jede
Spur  der  ehmaligen  Verschwendung  des  Hofes  vernichtet;
  eine  Schuld  von  28  Millionen  Thaler  vertilgt;  die
Schatzkammer  gefüllt;  der  allgemeine  Wohlstand  durch
Handel,  Gewerb  und  Landbau  blühend,  durch  musterhafte
  Gerechtigkeitspflege  geschirmt.  Preußen,  im  Genuß
  voller  Denkfreiheit,  ward  als  die  Wiege  ächter
Geistesbildung  verehrt.  Ein  wohlgenbtes  Heer  von  250,000
Streiern,  dessen  Unrerhaltung  einen  Aufwand  von  25
Millionen  Thalern  jährlich  kostete,  stand  jeden  Tag  bereit,
  dieß  KReich  zu  vertheidigen,  dessen  Flächenraum
        <pb n="345" />
        von  5570  Geviertmeilen  eine  Bevolkerung  von  9,755,000
Menschen  nährte.

Freundlich  lehnte  sich  Preußen  schon  seit  Anfang
des  Jahres  1806  wieder  im  Norden  an  die  russische
Machr,  deren  riesenhafte  Größe  jedem  Bundesgenossen
den  kräftigsten  Schutz  verhieß,  und  die  nur  in  der  Hand
eines  Eroberers  dem  Schicksal  Europens  Gefahr  drohen
konnte.  Kaiser  Alerander  aber,  nur  gesonnen,  sein
Schwert  zum  Beistand  derer  zu  zucken,  welche  fremder
Uebermacht  zu  unterliegen  in  Gefahr  schwebten,  beschränkte
  sein  Walten  auf  Vermehrung  des  Glücks  seiner
  Unterthanen;  auf  den  Handel  mit  Nordamerika,
China  und  den  sieben  Inseln;  auf  Befdrderung  des  innern
  Verkehrs  durch  Verbindung  des  Oon  mit  der  Wolga,
des  azowischen  mit  dem  caspischen  Meere  u.  s.  w.  Abor
der  Krieg  mit  Persien,  die  Rüstungen  der  Pforte,  der
Beistand,  welcher  den  hartbedrängten  Serviern  zugestanden
  war,  die  Umgestaltung,  welche  der  deutsche  Süden
durch  Napoleon  empfangen  hatte,  und  dem  Norden
Deutschlands  noch  zu  drohen  schien,  —  alles  dieß  hinderte
  den  Selbstherrscher  aller  Reussen,  sich  den  Wohlthätigkeirsentwürfen
  für  sein  Land  ganz  hinzugeben.
Ohndem  schien  Rußland,  durch  das  Bedürfniß  des  brittischen
  Handels  und  Geldes  gefesselt,  kaum  einen  dauerhaften
  Frieden  mit  Frankreich  erwarten  zu  lassen,  ungeachtet
  des  Waffenstillstandes  nach  der  Schlacht  von
Austerlitz.

Dieß  ohngefähr  war  die  Lage  der  Dinge,  als  die
Erscheinung  des  rheinischen  Bundes  in's  Leben  trat.  Die
Bildung  eines  nordischen  Bundes  mit  Preußen  von  allen
dem  rheinischen  nicht  beigerretenen  deutschen  Staaten,
        <pb n="346" />
        konnte  jenem  an  Land  und  Macht  ein  großes  Gegengewicht
  halten.  7)  Allein  lau  und  folgenlos  wurden  die
Unter= 



°P)  Nicht  ohne  Interesse  wird  hier  die  in  den  ausgezeichnetes
sten  Blättern  damaliger  Zeit  enthaltene  statistische  Uebersicht
  derjenigen  Staaten,  welche  durch  die  rheinische  Konföderation
  entweder  ihre  Existenz  oder  ihre  Reichs-Unmittelbarkeit
  verloren,  von  dem  Leser  gefunden  werden.
Aus  dieser  Uebersicht  geht  zugleich  hervor,  was  auch  das
Königreich  Baiern  als  Folge  jenes  Bundes  an  Flächen=  Juhalt
  und  Volksmenge  gewann:

I.)  Ihre  Eristenz  verlieren:  Stabt  und  Gebiet  Nürnberg,
20  Quadrat-Meilen  mit  70,000  Einwohnern,  kommt  an
Baiern.  —  Stadt  und  Gebiet  Frankfurt,  4  Quadratmeilen
  mit  50,000  Einwohnern,  kommt  an  den  Fürst  Piimas,
  und  wird  der  Siß  der  Versammlung  der  rheinischen
Konföderation.  —  Johanniter  Fürstenthum  an  den  Großherzog
  von  Baden.  —  Burggrafschaft  Friedberg  kommt  an
Hessen-Darmstadt;  doch  tritt  die  völlige  Einverleibung
erst  nach  dem  Tode  des  jetzigen  Burggrafen  ein.

II.)  Ihre  Reichs-Unmittelbarkeit  verlieren:  Die  schwöäbische
Reichs-Rirterschaft,  5  Kantons  mit  668  Gütern,  65
Quadratmeilen  und  15000  Einwohnern.  —  Die  fränkische
Reichs-Ritterschaft,  6  Kantons  mit  702  Gütern,  76  Quadratmeilen
  und  190,000  Einwohnern.  (Doch  ist  über
diese  in  der  Acte  noch  nicht  ganz  disponirt,  da  mehrere  in
Staaten  liegen,  die  der  Konföderation  noch  nicht  beigetreten
  sind.)  —  Der  Rest  der  (nach  dem  Lüneviller-Frieden
gebliebenen)  rheinischen  Reichs-Ritterschaft  mit  12  Qugdratmeilen
  und  30,000  Einwohnern.  —  Fürstenthum  Schwars
zenberg,  12  Quadratmeilen  und  25,000  Einwohnern,  Vas
sall  von  Baiern.  —  Grafschaft  Castell,  4  Quadratmeilen
und  6,o00  Einwohnern,  Vasall  von  Baiern.  —  Fütsten
von  Hohenlohe  (in  sieben  Linien)  33  Quadratmeilen  mit
400,000  Einwohnern,  Vasallen  von  Baiern  und  Wür-
        <pb n="347" />
        Unterhandlungen  mit  Sachsen,  Hessen,  Mecklenburg,
Braunschweig  fuͤr  das  wichtige  Werk  betrieben.

 

temberg.  —  Fuͤrsten  von  Oettingen,  22  Quadratmeilen
mit  55,000  Einwohnern,  Vasallen  von  Baiern.  —  Thurn
und  Taxis,  16  Quadratmeilen  mit  40,000  Einwohnern,
Vasall  von  Würtemberg  und  Baiern.  —  Fuͤrsten  und  Grafen
  von  sugger,  12  Quadratmeilen  mit  56,000  Einwohnern,
  Vasallen  von  Baiern.  —  Fürsten  und  Grafen  von
Truchseß-Waldburg,  12  Quadratmeilen  mit  25,000  Einwohnern,
  Vasallen  von  Würtemberg.  —  Fürstenthum  Fürstenberg,
  30  Quadratmeilen  mit  75,000  Einwohnern,  mittelbar
  abhängig  von  Baden,  Würtemberg  und  Hohenzollern-Sigmaringen.
  Grafschaft  Königsegg,  8  Quadratmeilen
mit  13,000  Einwohnern,  zu  Würtemberg.  Graf  Metternich,
321  Quadratmeile  mit  7,500  Einwohnern,  Vasall  von  Würtemberg.
  Fürst  von  Leiningen  (in  vier  Linien)  28  Quadratmeilen
  mit  356,000  Einwohnern,  VPasall  von  Baden.
Fürsten  und  Grafen  von  Lwenstein,  26  Quadrat-Meilen
mit  38,000  Einwohnern,  Vasallen  von  Baden  und  dem
Fürsten  Primas.  Furst  von  Salmreiferscheid,  5  Quadratmeilen
  mit  0,000  Einwohnern,  Vasall  von  Baden.  Grafschaft
  Bentheim,  32  Quadratmeilen  mit  45,o000  Einwohnern,
  abhängig  von  Eleve,  eben  so  die  Grafschaft  Walmoe
den-Gimbarn,  21  Quadratmeile  mit  5,500  Einwohnern,
eben  so  das  Fürstenthum  Dillenburg,  mit  12  Quadratmeilen
  und  36,000  Einwohnern.  Ferner  das  Amt  Horstmar,
  dem  Rhein-Grafen  Salm  gehörig,  30,0o  Quadratmeilen
  mit  55,000  Einwohnern,  dann  die  Besihungen  des
Herzogs  von  Looz,  10  Quadratmeilen  mit  15,000  Einwehnern,
  die  Grafschaft  Siegen,  14  Quadratmeilen  mit  53,000
Einwohnern,  die  Grafschaft  Hadamar,  6  OQuadratmeilen
mit  16,000  Einwohnern,  die  Herrschafe  Beilstein,  5  Quas
dratmeilen  mit  12,  doo  Einwohnern,  die  Grafschaft  Erbach,
#8  Quadratmeilen  mit  25,000  Einwohnern,  zu  Darmstadt.

II.  Stes  Buch.  2.
        <pb n="348" />
        —  18  —

Inzwischen  hatten  sich  zu  dieser  Zeit  (Anfang  Septembers)
  auch  die  zwischen  Frankreich  und  England  seit
sieben  Monaten  erdffneten  Friedens  =  Unterhandlungen
wieder  zerschlagen,  Kaiser.  Aleran  der  hatte  dem  zu
Paris  (20.  Juli)  vom  rußischen  Staatsrath  Oubril

——

Hessen  Homburg,  2  Qnadratmeilen  mit  6,000  Einwohnern,
nun  abhängig  von  Darmstadt.  Die  Grafsschaft  Rheineck,
23  Quadratmeile  mit  5,500  Einwohnern,  vom  Fürsten  Primas.
  Der  Fürst  von  Wied-Runkel,  87  Quadratmeile  mit
20,000  Einwohnern,  ward  Vasall  von  Nassau.  Die  Grafschaft
  Wied-Neuwied,  51.  Quadratmeile  mit  15,000  Einwohnern,
  nun  zu  Nassau  gehörig.  Die  Grafen  von  Penburg
  (Büdingen,  Wächtersbach,  Meerholz)  64  Quadratmeile
  mit  20,000  Einwohnern,  Vasallen  von  Ysenburg-Bierstein.
  Die  Grasschaft  Dülmen  (im  Münsterschen)
mittelbar  von  Aremberg.  Erinnerungswürdig  bleibt  der
damahlige  Besisbstand  einiger  der  nunmehr  unabhängigen
  Fürsten.  So  besaß  der  neue  Großherzog  von  Eleve
und  Berg  bis  jeßbztt  blos  70  Quadratmeilen  mit  316,000
Einwohnern.  Der  Großherzog  von  Hessen  =  Darmstadt,
154  QOuadratmeilen  mit  310,000  Einwohnern.  Der
Herzog  von  Nassau=  Ussingen  40  Qnuadratmeilen  mit
106,500  Einwohnern.  Der  Fürst  von  Nassau-Weilburg,
24  Quadratmeilen  mit  734,000  Einwohnern.  Der  Fürst  von
Hohenzollern  =  Hechingen,  5  Quadratmeilen  mit  12,500
Einwohnern.  Der  Fürst  von  Hohenzollern=  Sigmaringen,
6  Quadratmeilen  mit  15,000  Einwohnern.  Der  Fürst  von
Salm-Salm,  138  Quadratmeilen  mit  30,000  Einwohnern.
Der  Fürst  von  Salm-Koyrburg,  0  Quadratmeilen  mit
10,000  Einwohnern.  Der  Fürst  von  Isenburg  Bierstein,
6  Quadratmeile  mit  21,000  Einwohnern.  Der  Herzog
von  Aremberg,  43  Quadratmeilen  mit  43,700  Einwohnern.
Der  Fürst  von  der  Lapen,  2  3  Qugdrgtmeise  mit  5000  Einwohnern,
        <pb n="349" />
        —  19  —

abgeschlossenen  Friedensvertrag  mit  Frankreich  seine  Bestaͤttigung
  versagt.  Des  Krieges  Wiedereroͤffnung  war
voraus  zu  sehen.  Preußen,  aus  seiner  Ruhe  aufgeschreckt,
schloß  sich  daher  fester  an  England,  Schweden  und  Rußland
  an.  Folge  davon  war  die  Aufhebung  der  Sperre
preußischer  Seehaven  von  den  Schweden  (Sten  September)
  und  Engländern  (27ten  September).  Preußen
selbst  setzte  die  gesammte  eigne  Heeresmacht  auf  den
Kriegsfuß.  Rußlands  Heere,  noch  in  der  Nähe  der
preußischen  Staaten,  wurden  zum  Belstand  in  Anspruch
genommen.  Kursachsen  erhielt  Mahnung,  sich  seinem
mächtigen  Nachbar  anzuschließen.  Ueberall  Truppenbewegungen.
  Selbst  die  Besatzung  Berlins  verließ  diese
Hauptstadt  (Anfang  Septembers).  Die  allgemeine  Stimmung
  des  ndrdlichen  Deutschlands  war  Krieg  gegen  Napoleon,
  gegen  dessen  willkührliches  Schalten,  auch
Süddeutschland  innern  Grolles  voll  war.  Empdrend  für
alle  Deutsche  war  dessen  neueste  Gewaltthat  gewesen,
da  er,  um  Schrecken  zu  verbreiten  und  der  dffentlichen
StWimme  Schweigen  zu  gebieten,  den  Buchhändler  Palm
hatte  in  Braunau  hinrichten  lassen.  Fürsten,  auf  der
Höhe  ihres  Glücks  und  im  Wahn  ihrer  Sicherheit,  glauben
  zuweilen  gegen  den  Einzelnen  und  Verlassenen  ungestraft
  sändigen  zu  dürfen,  und  bereiten  eben  da,  wo
ste  es  am  wenigsten  vermuthen,  ihren  unvermeidlichen
Untergang.  Das  Blur  Enghien's  hatte  auf  ewig  die
Herzen  der  Fürsten,  das  Blut  Palm's  auf  ewig  die
Herzen  der  Volker  von  Napoleon  geschieden.  Und
die  Rache  folgte,  wenn  auch  spät,  doch  furchtbar  den
Unthaten.

Inzwischen  erschien  noch  mitten  unter  den  kriegerischen
  Bewegungen  des  Nordens  der  General  von  Knobels-2
        <pb n="350" />
        dorf  als  neuer  preußischer  Unterhändler  in  Paris  (krten
September),  um  die  Rüstungen  seines  Kbniges  nur
als  Folge  eines  augenblicklichen  Mißverstandes  geltend
zu  machen.  Allein  Napoleon  hatte,  schon  seit  der
Abreise  des  preußischen  Gesandten  Luchesini,  des  Mannes,
  dessen  mitgetheilte  Nachrichten  alle  jene  Kriegsrüstungen
  in  Preußen  veranlaßt  hatten,  den  Gang  der
Dinge  vorausgesehen.  Es  gelang  ihm,  sich  seinem  Volke,
  als  den  angegriffenen  Theil,  darzustellen,  um  erforderlichen
  Falls  die  ganze  Stärke  Frankreichs  zur  Selbsi-Vertheidigung
  aufbieten  zu  konnen.  Seine  Streitkräfte
zwar  in  drei  großen  Ländern  verbreitet,  waren  jedoch
überall  bedeutend  genug.  Sieben  Herrhaufen  in  Deutschland
  und  Dalmatien,  zählten  bei  100,006  Mann.  ')  Es

 

*)  Die  Stellung  der  französischen  Armee  zu  dieser  Zeit  war:

Das  iste  Corps  stand  unter  Marschall  Bernadotte  im

Fürstenthum  Ansbach,  in  der  Stadt.  Nürnberg  und  deren
Gebiet,  dem  Fürstenthum  Bamberg.

Das  2te  Cerps  war  unter  Marmont  in  Dalmatien.

Das  öte  Corps  unter  Davoust  hatte  ganz  Nieder-Schwaben
  auf  dem  linken  Dongu-Ufer,  so  wie  das  Fürstenthum
  Eichstädt  besetzt.

Das  4te  Corps  unter  Marschall  Soult  hielt  Niederbaiern,
das  Fürstenthum  Paßgu,  die  Festung  Braungu  und  die
obere  Pfalz  beseht.

Das  5te  Corps,  anfangs  unter  Mortier  später  unter
Lefebre,  cantonnirte  von  der  Tauber  durchs  Würzbur--gische
  bis  Schweinfurt  und  bis  an  die  obersächsische
Gränze,  westlich  bis  ins  Erbachische.

Das  öte  Corps  unter  Ney  stand  im  südlichen  Schwaben
von  der  Donau  bis  an  den  Bodensee,  und  bis  an  die

Breisgauische  Gränze.
        <pb n="351" />
        standen  in  Frankreich  100,000  Mann,  eben  so  viele  in
Italien,  Neapel  einbegriffen,  und  80,000  Mann  wurden
auf's  Neue  qgusgehoben.  Dazu  forderte  er,  bei  Preussens
  fortwährenden  Rüstungen,  die  Souveräne  des  rheinischen
  Bundes,  denen  auch  bald  nachher  der  Großherzog
  von  Würzburg  beitrat,  kraft  des  Vertrages  (vom
12ten  July  1806),  auf,  ihre  Heerbetreffnisse  zum  Aufbruch
  bereit  zu  halten,  und  die  Sache  des  Bundes  zu
schützen.

In  Folge  jenes  Vertrages  hatte  Baiern  30,000
Mann  zu  stellen.  König  Marimilian,  nach  empfangner
  Einladung  (vom  Ziten  September),  ließ  alsbald
(201ten  September)  die  Diovision  des  General  =  Lieutenam
  Deroy  zwischen  dem  Inn  und  der  Isar,  *)  die

 

Das  7te  Corps  unter  dem  Marschall  Augerau  stand
von  der  Mündung  des  Neckars  an,  längs  dem  rechten
Rheinufer  über  dem  Main  und  die  Lahn  bis  an  die
Sieg,  im  Östen  bis  an  die  Kurhessische  Gränze.  Jedes
dieser  sieben  Korps  zählte  mit  Einschluß  der  Reserve-Cavalerie
  2°0,  bis  25,000  Mann.

*)  Die  Division  Deroy  wurde  aus  zwei  Brigaden  unter
den  Generalen  Siebein  und  Raglowich  und  zwar  aus
dem  isten  Linien  =  Infanterie  =  Leib-Regiment
dem  #aten  Linien-Infanterie-Regiment,
dem  öten  Linien-Infanterie-Regiment  Preysing,
dem  öten  Kinien=  Infanterie-Regiment  Herzog  Wilhelm,
dem  toten  Linien  -Infanterie  Regiment  Junker,  dann  aus
dem  Fußjäger  Bataillon  und  dem  bten  leichten  Infanterie=Bataillon

  Taris,
dem  isten  Dragoner-Regiment  Minuzzi,
dem  isten  Chevaurlegers-Regiment  Kronprinz,
dem  aten  Chevaurlesers-Regiment  Bubenhoven,  dann
        <pb n="352" />
        —  22  —

Division  des  Generallieutenant  Wrede  aber  ?)  bei  Eichstädt
  zusammenziehen;  die  Veste  Oberhaus  bei  Passau
durch  das  erste  Bataillon,  den  Brückenkopf  bei  Braungu
durch  das  2te  Bataillon  des  Zten  Linien-Regiments,
die  Ausgänge  Tirols  durch  das  ote  Linien-Regiment
mit  einer  Batterie  von  vier  Sechspfündern  und  zwei
Haubitzen  besetzen.  Die  Veste  Kufstein  ward  auf  achr,
die  Veste  Oberhaus  auf  sechs  Monate  mit  Vorräthen
versehen.  Ein  Posten  auf  dem  Schlosse  Burghausen,

——.—

 

dreien  Fußbatterien,  jede  zu  vier  6  Pfünder-Kanons  und
zwei  7  Pfünder-Haubißen,  einer  fahrenden  Batterie  von
zwei  6  Pfündern,  zwei  12  Pfünder-Kanons  und  zwei  7
Pfünder-Haubitzen,  eine  aus  einer  leichten  Fußbatterie
bestehende  Artillerie=  Reserve,  nebst  Munitions  Hark
zusammengesetzt.

*)  Die  Division  Wrede  wurde  durch  folgende  Abtheilungen,

gebilder:

dem  2ten  Linien-Infanterie-Regiment  Kronprinz,

dem  Sten  Linien-Infanterie-Regiment  Herzog  Kark,

dem  7ten  Linien-Infanterie-Regiment  Löwenstein,

dem  löten  Linien-Infanterie-Regiment,  dann

dem  öten  leichten  Infanterie-Bataillon  Preysing,

dem  aten  leichten  Infanterie-Bataillon  Zoller,  daun

dem  2ten  Dragoner-Regiment  Taris,

dem  2ten  Chevaurlegers-Regiment  König,

dem  zten  Chevaurlegers  =  Regiment  Leinigen,

zwei  fahrenden  Batterien,  jede  zu  vier  6  Pfünder-Kanons,

dann  zwei  7  Pfünder-Haubitzen,  einer  fahrenden  schweren

Batterie,  bestehend  aus  vier  12  Pfünder-Kanons  und  zwei

7  Pfünder-Haubitzen,  der  nöthigen  Artillerie-Reserve.
Als  Brigadiers  wurden  dieser  Division  die  Generale

Graf  Mezanelli  und  Graf  Franz  Minuzzi  zuge-Fbheilt.
        <pb n="353" />
        und  Andeutung  von  anzulegenden  Schauzen  am  Inn,
bezielten  die  Bewachung  der  Graͤnzen  auf  dieser  Seite.

Mittlerweile  hatte  die  preußische  Heeresmacht,  mit
Ausnahme  einiger  in  Ost=  und  West-Preußen  zurückgebliebenen
  Regimenter,  ihren  Zug  nach  den  verschiedenen
Bestimmungspuncten  angetreten.  Sie  zählte  gegen  dritthalbhunderttausend
  Streiter;  aber  noch  mangelte  es  ihr
häufig  an  den  dringendsten  Bedürfnissen,  an  Munition,
ja  sogar  an  einer  hinreichenden  Menge  von  Lebensmitteln.
  Es  lag  jetzt  noch  in  der  Gewalt  Preußens,  auch
die  sächsische  Armee,  über  34,000  Mann  stark,  dazu
16,000  Mann  hessischer  Linien-Truppen  und  7,000  hessischer
  Landmilizen  zu  schneller  Vereinigung  mit  sich  zu
ndthigen.  Aber  nur  mit  Widerwillen,  und  erst  da  es
zu  spät  war,  entschloß  sich  Sachsen,  eine  Bewegung  zu
Gunsten  Preußens  zu  machen.  Und  daß  der  Kurfürst
von  Hessen  Anspruch  auf  Neutralität  machen  wollte,
ward  zugleich,  ihm  selbst  und  dem  preußischen  Staate  verderblich,
  und  verlegte  den  Schauplatz  des  Krieges  unmittelbar
  an  des  letzteren  Gränzen,  statt  in  die  Gegenden
zwischen  Rhein,  Main  und  Lahn.

Die  Preußen  hatten  sich,  in  sieben  Armee-Corps
vertheilt,  auf  verschiedenen  Puncten  gesammelt:  das
westphälische  Corps  unter  General  Blücher  bei  Osnabrüuck,
  das  haundverische  unter  General  Rüchel  bei
Hildesheim,  das  magdeburgische  unter  Prinz  Ludwig
Ferdinand  auf  dem  linken  Elbufer  in  der  Gegend  von
Magdeburg,  das  märkische  als  erstes  Reservecorps  unter
  General  Kuhnheim  auf  dem  rechten  Elbufer  zwischen
  Dessau  und  Wittenberg,  das  schlesische  unter  dem
Fürsten  Hohenlohe  hinter  dem  Bober,  das  westpreussische
  oder  zweite  Reservecorps  unter  General  Natzmer
        <pb n="354" />
        bei  Cüstrin,  das  pommerische  unter  General  Kalkreuth,
als  einsweiliges  Beobachtungs-Corps  gegen  Schweden.

Schon  war  das  schleßische  Corps  (zwischen  den
410ten  und  l##ten  September)  über  die  Elbe  gegangen,
und  mit  Truppen=  Abtheilungen  in  Dresden  eingerückt,
schon  war  die  Besatzung  von  Berlin  bei  Halle  eingetroffen,
  als  die  franzbsischen  Garden  erst  aus  dem  Innern
Frankreichs  zum  Rhein  eilten.  Die  Unthätigkeit  Preussens
  bis  zum  Anfang  Octobers  benutzte  desto  rastloser
Napoleon.  Er  schloß  seine  Heerschaaren  aneinander,
verließ  Paris  am  25sten  September,  und  war  am  öten
Dctober  schon  zu  Bamberg.

 

5.

Eröffnung  des  Feldzuges.  Gefechte  bei
Schleiz  und  Saalfeld.  Schlacht  bei  Jena
und  Auerstädt.

Forderungen,  wie  sie  Preußen  noch  zu  Mainz  durch
seinen  Unterhändler,  General  Knobelsdorf,  dem
Fürsten  Talleyrand  vorlegen  ließ:  Räumung  Deutschlands
  von  den  französischen  Waffen,  Anerkennung  eines
unter  Preußens  Obhut  zu  bildenden  nordischen  Bundes,
Trennung  der  Festung  Wesel  vom  franzdsischen  Reiche,  —
Forderungen,  wie  diese,  konnten  nur  mit  dem  Schwert
in  der  glücklichen  Faust,  nicht  durch  diplomatische  Unterhandlungen
  wirksam  seyn.  Hingegen  alle  Verfügungen,
  welche  der  Herzog  von  Braunschweig  an  der  Spitze
des  preußischen  Heeres  traf,  schienen  gewissermaßen  seinen
  Glauben  zu  bezeugen,  alles  werde  mit  der  Feder
abgethan  werden,  Napoleon  den  Krieg  mit  Preußen
        <pb n="355" />
        meiden,  oder  doch  nicht  angreifender  Theil  seyn,  sondern
lieber  den  Angriff  in  einer  Stellung  am  linken  Saalufer
erwarten  wollen.  Daher  war  es  jetzt  Plan,  die  ganze
preußische  Heeresmacht  zwischen  der  Werra  und  Saale,
noͤrdlich  hinter  dem  Thuͤringer  Waldgebirg  zu  sammeln,
und  dann  uͤber  das  Gebirg  vorzuruͤcken.  Wirklich  hatte
der  Herzog  von  Weimar  auch  schon  mit  dem  Vortrabe
des  ganzen  Heeres  den  Zug  durch  den  Thuͤringer  Wald
angetreten,  waͤhrend  General  Tauenzien  mit  zehn
Bataillonen  und  eben  so  viel  Escadronen  im  Baireuthischen
  stehen,  die  Pässe  von  Saalburg  und  von  Hof  bis
Adorf  besetzt  halten,  selbst  drohende  Wendungen  gegen
Nürnberg  und  Amberg  machen  sollte,  um  theils  die
linke  Seite  der  preußischen  Heer-Bewegung,  theils  die
noch  unvollendeten  Rüstungen  Sachsens  zu  decken.

Indem  nun  die  preußischen  und  sächsischen  Schaaren
  auf  diese  Weise  eine  sehr  gedehnte  und  ziemlich  verworrene
  Stellung  längs  den  Gränzen  des  baireutischen
Voigtlandes  bis  an  das  Werrathal  hinter  Eisenach  empfiengen,
  verrieth  Napoleows  Bewegung,  daß  er  zwischen
  der  Saale  und  dem  Erzgebirg  nach  Sachsen  vordringen
  wolle.  Gelang  dieß,  so  war  das  preußische  Heer
plotzlich  von  der  Elbe,  von  seinen  Magazinen  am  rechten
  Saale-Ufer,  von  Sachsen  abgeschnitten,  und  sowohl
Rüchel's  Corps,  als  auch  das  Mittelheer  und  das
sächsisch  -preußische  Corps  unter  dem  Fürsten  Hohenlohe
  in  ihren  damaligen  Stellungen  gelähmt  und  beengt.

Der  Krieg  war  erklärt;  das  franzdsische  Heer  durch
einen  Tagsbefehl  seines  kriegerischen  Kaisers  zu  neuen
Siegen  entflammt;  seitwärts  und  im  Rücken  durch  wohlgedeckte
  feste  Puncte  von  Mainz,  Marienberg  (bei  Würz-
        <pb n="356" />
        —  26  —

burg)  Kronach  und  Vorchheim,  Vorsorge  gegen  unvorhergesehene
  Unfaͤlle  getroffen.  Nun  brach  alles  in  drei
gewaltigen  Heersäulen  auf.  Der  rechte  Flügel  unter
Ney  und  Soult  gegen  Baireuth;  ihm  war  die  baierische
  Divisson  Wrede  zugegeben,  über  welche,  wegen
plotzlicher  und  gefährlicher  Erkrankung  des  Generallleu--tenants
  Wrede,  der  Generalmajor  Graf  Mezanelli
(35.  October)  den  einsweiligen  Oberbefehl  hatte.  ')  Die
Heermitte  aus  der  Reserve  des  Großherzogs  von  Berg,
der  kaiserlichen  Garde  und  den  Heerhaufen  der  Marschälle
Bernadotte  und  Davousi  zusammengesetzt,  rückte
von  Bamberg  über  Kronach  gegen  Saalburg,  um  von
da  und  Schleitz  gegen  Gera  zu  ziehen.  Der  linke  Flügel
  unter  Lannes  und  Augereau  nahm  seine  Richtung
  von  Schweinfurt  gegen  Koburg  und  Saalfeld.
Als  der  preußische  General  Tauenzien  den  Anzug
  so  überlegner  Gewalt  erblickte,  zog  er  sich  von  Hof,
wo  er  nur  Vorwachen  hinterließ,  nach  Schleitz  (Abends
d.  7.  October).  Ein  Bataillon  und  zwei  Escadronen
besetzten  Saalburg.  Aber  schon  folgendes  Tages  erschien

 

)  Dieser  Erkrankung  bes  Generals  Wrede  mag  es  zugeschrieben
  werden,  daß  genannte  Diodision  bald  darauf
ihre  Selbstständigkeit  verlor.  Denn  bereits  am  Josten
September  hatte  Napoleon  von  Würzburg  aus,  im
Vertrauen  auf  jenen  baierischen  Generalführer,  dessen  unterhabende
  Truppen  als  zu  keinem  Corps  der  großen  Armee
  gehörig,  seinen  unmittelbaren  Befehlen  untergeordnet,
  deren  Bewegung  von  Eichstädt  nach  Nürnberg  geboten,
  solche  als  kräftige  Reserre  jener  beiden  genannten
Corps  Soult  und  Ney  erklärt,  es  dem  eignen  Ermessen
Wreder's  überlassen,  jene  vorkommendes  Falls  zweckmä-Khig
  zu  unterstützen.
        <pb n="357" />
        —  27  —

vor  Saalburg  der  Großherzog  von  Berg,  und  zwang
nach  einer  kurzen  aber  heftigen  Kanonnade  die  wenigen
Preußen,  sich  schleunig  auf  ihr  Hauptcorps  zurück  zu
ziehen,  und  ihm  den  Gang  über  die  Saale  frei  zu  lassen,
  den  sie  hätten  verhindern  sollen.  General  Tauenzien
  hatte  auf  den  Höhen  bei  Schleitz  eine  vortheilhafte
Stellung  genommen.  Als  hier  der  Großherzog  von
Berg  gegen  ihn  (Oten  October)  erschien,  leistete  er  demselben
  entschlossenen  Widerstand.  Doch  dem  Großherzoge
war's  kein  Erust,  das  mit  Opfern  zu  erkaufen,  was  ihm
durch  den  Zug  eines  Seitencorps  links  von  Crispendorf
nach  Pdsnek,  und  eines  andern  rechts  nach  Pausa  wohlfeiler
  werden  konnte.  Tauenzien  erkannte  die  Gefahr,
und  beschleunigte  seinen  Rückzug,  den  einzigen,  der  ihm
blieb,  nach  Auma.  Napoleon,  der  gegen  Mittag
selbst  vor  Schleitz  angekommen  war,  gebot  die  schleunigste
  Wegnahme  dieses  Punctes.  An  der  Spitze  der
französischen  Reiterei,  von  einer  Batterie  kräftig  unterstützt,
  stürzte  alsbald  der  Großherzog  von  Berg  gegen
Tauenzien's  Nachhut.  Diese  bestand.  nur  aus  vier
Bataillonen  und  zwei  Escadronen.  Folgenlos  war  die
Tapferkeit  dieser  Escadronen  (vom  sächsischen  Regiment
Prinz  Johann  von  Sachsen),  welche  sich  gegen  tausend
feindliche  Reiter  auf's  dußerste  vertheidigten,  ihren  braven
  Obersten  und  ihrer  Offiziere  mehrere  einbüßten;  folgenlos
  der  Muth,  besonders  des  leichten  preußischen  Bataillons
  Rosen.  In  voller  Unordnung  ward  Tauenzien
  6  Nachhut  durch  Oettersdorf  auf  die  Masse  des
preußischen  Heerhaufens  geworfen,  diese  selbst  in  erneuerten
  Angriffen  bei  dem  Dorfe  Krolpa  gänzlich  zerrüttet,
und  in  Gefahr  gebracht,  ganz  aufgerieben  zu  werden.
Zum  Glück  stellten  die  Franzosen  ihr  Verfolgen  hier
        <pb n="358" />
        ein.  Die  Fluͤchtigen  konnten  sich  wieder  sammeln,  und
mit  Verlust  von  zwei  Feuerschluͤnden  und  allem  Gepäck
nach  Triptiz  zuruͤckziehen,  von  wo  sie  sich  in  der  darauf
folgenden  Nacht  mit  den  bei  Mittelpoͤlniz  stehenden  Sachsen
  des  Generals  Zeschwitz,  zu  Hohenlohe's  Corps
gehoͤrig,  vereinigten.

Der  preußische  Oberfeldherr,  der  Herzog  von  Braunschweig,
  blieb  immer  noch  von  dem  Wahn  befangen,
die  franzoͤsische  Hauptmacht  dringe  auf  der  Straße  von
Eisenach  und  Gotha  gegen  Erfurt.  Durch  diese  Vorstellung
  verleitet,  gab  er  seinem  ganzen  Heere,  waͤhrend
sich  bei  Schleitz  Tauenzien  schlug,  eine  neue  Bewegung.
  Er  stellte  die  Hauptmacht  bei  Hochdorf  auf,
den  Fürsten  Hohenlohe  zwischen  Hochdorf  und  der
Saale,  den  General  Rüchel  bei  Erfurt.  Blücher
sollte  die  Vorhut  der  Hauptarmee  bilden,  Herzog  Eugen
  von  Würtemberg  mit  dem  Reservecorps  nach  Halle,
Prinz  Ludwig  von  Preußen  mit  der  Vorhut  des  Hohenlohe'schen
  Corps  nach  Blankenburg,  Saalfeld,
Posnek,  Rudolstadt,  während  das  gesammte  Fußvolk
des  genannten  Corps  unter  dem  Generallieutenant  Grawert
  bei  Orlamünde  stehen  mußte,  und  Hohenlohe's
Hauptgelager  in  Jena  war.  Das  Uebel  dieser  neuen
Stellung,  dem  Feinde  schon  so  nah,  lag  auch  darin,
daß  kein  Theil  derselben  durch  den  andern  unterstätzt
werden  konnte.

Inzwischen  hatten  sich  die  Marschälle  Lannes  und
Augereau  nach  dem  Gefecht  bei  Schleitz  weiter  vor
bewegt,  und  waren  sogleich  auf  die  Vorhut  des  Hohenlohen'schen
  Corps  gestossen.  Schon  in  der  Nacht
vom  gten  zum  10ten  October  wurden  einige  Abtheilun-
        <pb n="359" />
        gen  preußischer  Husaren  und  Jaͤger  aus  dem  Gebirg  zuruͤck
  nach  Saalfeld  getrieben,  wo  zwei  leichte  Bataillone,
drei  Escadronen  und  zwei  Kanonen  aufgestellt  waren.
Prinz  Ludwig  von  Preußen,  der  etwa  7000  Mann
stark,  seine  Truppen  bei  Rudolstadt  zusammengezogen
hatte,  hielt  den  Vorfall  bei  Saalfeld  für  ganz  unbedentend,
  ahnete  darin  gar  nicht  den  Anzug  eines  übermächtigen
  Feindes,  meldete  auch  nicht  einmahl  dem  Fürsten
Hobenlohe,  dessen  Vorhut  er  doch  befehligte,  das
Geringste  davon.  Als  ihm  folgendes  Morgens  (tloten
October)  abermahls  von  den  Rlänkeleien  des  Feindes
gegen  seine  Vorposten  Anzeige  kam,  beschloß  er  ohne
anders  mit  aller  Kraft  dem  Feinde,  dessen  Stärke  er
gar  nicht  kannte,  zuvorzukommen  und  entgegen  zu  gehen.
Er,  obschon  er  bestimmten  Befehl  hatte,  sich  in  nichts
Ernstes  einzulassen,  rückte  demnach  vor.  Er  verließ  die
treffliche  Stellung  bei  Schwarza,  aus  welcher  er  den
feindlichen  Massen  hätte  den  Uebertritt  aus  dem  Saalfelder
  in  das  Rudolstädter  Thal  erschweren  konnen,  wenn
sie  aus  dem  Garnstetter  Schlunde,  links  und  rechts  in
waldigen  Gebirgen  sich  mit  7,000  Mann  auseinander
wickelnd,  hervorgedrungen  wären.  Statt  dessen  stellte
er  sich  bei  Groba  auf,  lehnte  an  dieses  Dorf  den  rechten,
  an  Woölsdorf  den  linken  Flügel,  hatte  im  Rücken.
die  Saale;  hinterwärts  bei  Schwarza  nur  ein  Bataillon
Reserve,  vor  sich,  zur  Deckung  Saalfelds  vier  Escadronen,
  ein  halbes  leichtes  Bataillon  und  zwei  Feldstücke
beym  Rabenstein,  sodann  noch  weiter  vor  anderthalb
leichte  Bataillone,  eine  Abtheilung  Fußjäger  und  eine
halbe  Batterie  aufgestellt.  Er  vermuthete,  nur  einem
schwachen  Feinde  gegenüber  zu  stehen.  Auf  schnelle  Hülfe,
im  Nothfall,  vom  Corps  des  Fürsten  Hohenlohe,
        <pb n="360" />
        konnte  er  nicht  zaͤhlen,  da  dieses  an  demselben  Tage
vier  Meilen  entfernt,  bei  Kahla  stand.

Lannes  und  Augereau  hatten  mit  ihrer  Vorhut
schon  die  Puncte  Volkersdorf,  Rothenthal,  Witzendorf
und  Birkenheide  am  Fuße  des  Gebirgs  besetzt,  dann  eine
bedeutende  Abtheilung  Fußvolks  bis  Garnsdorf  vorgeschoben,
  und  hier  eine  nachdrücklich  spielende  Batterie
aufgepflanzt.  Während  Prinz  Ludwig  das  zwischen
Am  und  Unterwörbach  befindliche  Gehölz  mit  glücklichem
Erfolg  vom  Feinde  reinigte,  und  nun  angriffsweise  verfahren
  wollte,  zogen  jene  ihre  zehnfach  überlegene  Macht
immer  mehr  links,  besetzten  das  Dorf  Krösen  und  die
Hohen,  welche  die  Straße  nach  Rudolstadt,  den  einzis
gen  Rückzugspunct  des  Prinzen,  beherrschten.  Der
Prinz  hatte  aber  die  Rückzugslinie  nicht  einmahl  hinter
sich,  sondern  auf  der  rechten  Seite  liegend.  Das  preussisch
  -sächsische  Corps  ward  also  ganz  umklammert,  zusammengedrückt,
  und  größtentheils  in  die  Saale  und
Schwarza  gesprengt.  Zu  spät  hatte  der  Prinz  die  ungeheuere
  Uebermacht  des  Feindes  erkannt,  den  Rückzug
beschlossen  und  getrachtet,  ihn  durch  die  Ueberbleibsel
seiner  Reiterei  und  mit  seinem  Geschütz  beim  Hohlweg
zu  decken,  der  unterhalb  Wôlsdorf,  unweit  der  Saale,
beginnt.  Es  war  vergebens.  Das  seinem  Vaterlande
ohne  Nutzen  dargebrachte  Opfer  seines  Lebens  beschleunigte
  nur  die  Niederlage  der  theilweis  sehr  tapfern  Truppen.
  Diese  retteten  sich,  mit  Verlust  fast  allen  Geschützes,
  theils  nach  Kahla  zum  Corps  des  Fürsten
Hohenlohe,  theils  nach  Hochdorf,  wo  eben  die  Armee
  des  Königs  ihre  Stellung  beziehen  wollte.  Wohin
die  Unglücksboren  kamen,  verbreiteten  sie  Schrecken  und
bange  Besorgniß.  Vielleicht  hätte  der  Rückzug  des  Prin-
        <pb n="361" />
        31  —

zen  noch  durch  den  preußischen  General  Pellet,  der
mit  einem  Bataillon  und  drei  Escadronen  bei  Blankenburg,
  und  durch  den  General  Schimmelpfennig,
der  mit  einem  Husaren-Bataillon  bei  Pôsnek  stand,
erleichtert  werden  können,  wenn  sie  nicht  etwa  durch
besondere  Verhaltungsbesehle  zur  Unthätigkeit  verdammt
gewesen  wären.

Mit  verhältnißmäßig  geringem  Verlust  hatten  die
Franzosen  bei  Saalfeld  über  die  preußische  Gesammtmacht,
  in  strategischer  und  moralischer  Hinsicht,  einen
Gewinn  von  unberechenbaren  Folgen  errungen.  Schon
hatten  sie  den  linken  Flügel  ihres  Feindes  vollkommen
umgangen,  und  ihn  in  seiner  sehr  bedenklichen  Stellung
außer  Stand  gesetzt,  Dresden  und  Berlin  zu  sichern.
Fürst  Hohenlohe,  von  der  Unmdglichkeit  überzeugt,
den  linken  Flügel  des  Heers,  den  er  befehligte,  am  linken
  Saalufer  zu  halten,  zog  sich  nach  Fena,  zwischen
Ilm  und  Saale,  und  die  Armee  des  Königs  gegen
Weimar  zurück,  bis  gegen  Frankendorf  an  der  Straße
nach  Jena.  Was  das  Unglück  bei  Saalfeld  auf  die
Gemüther  gewirkt  hatte,  bewies  die  Unordnung  und
gränzenlose  Verwirrung,  welche  unter  den  Truppen  zu
Jena  (11ten  October)  einriß,  als  sich  da  ein  ganz  ungegründetes
  Gerücht  vom  Anrücken  der  franzdsischen  Armee
  verbreitete.  Zwar  die  Heerführer  stellten  die  Ruhe
wieder  her,  aber  mit  Verlust  von  Zeit,  eben  als  die
Minuten  am  kostbarsten  waren.  Man  schien  im  Rath
der  Feldtzerrn  aber  die  hohe  Wichtigkeit  der  Augenblicke
nicht  zu  fühlen,  und  beeiferte  sich  keineswegs  durch
rasche  Thaten,  entweder  den  Eindruck  des  ersten  Unfalls
  zu  schwächen,  oder  größern  Unfällen  vorzubeugen.

Desto  rastloser  verfolgte  Napoleon  seinen  Gang.
        <pb n="362" />
        Während  er  in  einem  Aufruf  an  die  Sachsen  im  preussischen
  Heer  (Ebersdorf  10ten  October)  die  Preußen
ihre  Unterdruͤcker,  sich  ihren  Beschuͤtzer  nannte,  um  sie
den  Bundesgenossen  zu  entfremden,  erschienen  seine
Schlachthaufen  schon  vor  den  Thoren  Leipzigs  (12ten
October)  er  selbst,  seine  Garden  und  das  Corps
Soult's  bei  Gera,  Bernadotte  bei  geitz,  Ney
bei  Neustadt,  Davoust  bei  Naumburg,  wo  er  große
Magazine,  einen  bedeutenden  Schiffbrückenzug  und  viele
Gefangene  nahm.  Lannes  stand  zwischen  Saalfeld
und  Jena;-  Marschall  Augereau  bei  Kala.  Jerome
Napoleon  und  unter  ihm  die  baierische  Division
Wrede,  (am  10ten  October)  vor  Kulmbach  angekommen,
  hatte  nach  vergeblicher  Aufforderung  der  Veste
Mlassenburg,  diese  durch  das  13te  baierische  Linien-Regiment
  unter  dem  Oberstlieutenant  Schloßberg  einschließen
  lassen,  und  den  Zug  nach  Kronach  fortgesetzt.)
Bei  Lobenstein  angekommen,  (15ten  October)  zog  die
Dioision  Wrede  noch  das  zte  leichte  Bataillon  Preysing
  an  sich,  welches  in  Eilzügen  aus  dem  Tirol  ges
folgt  war.

Denn  die  (unterm  öten  October)  geschehene  Erklärung
  der  strengsten  Neutralität  von  Seiten  Oesterreichs,
hatte  in  Baiern  jedes  Besorgniß  vor  irgend  einer  kriegerischen
  Thätigkeit  dieser  Macht  zerstreut.  Daher  konnte
nun  auch  die  Dioision  Deroy  (mit  Ausnahme  des  achten
  Linien-Regimentes)  ihre  Stellungen  zwischen  Isar
und  Inn  verlassen,  und  sich  nach  Ingolstadt  zusammenziehen,


 

*)  Bei  dieser  Gelegenheit  verlor  das  2te  Dragoner-Regiment
  durch  das  aus  der  Festung  auf  die  marschierende  Kosonne
  gemagchte  Feuer  einen  Mann  und  drei  Pferde.
        <pb n="363" />
        —  33  —

Nehn,  während  Kdnig  Maximilian  mit  ununterbrochener
  Anstrengung  fortfuhr,  seinen  eingegangnen  Verpflichtungen
  genug  zu  thun.  Eine  Kriegssteuer,  welche
fünfzehn  Kreuzer  vom  hundert  Gulden  des  Vermdgenswerthes
  sämmtlicher  Bewohner  Baierns  betrug,  wie  beträchtlich
  sie  auch  an  sich  war,  reichte  noch  nicht  aus,
den  großen  Aufwand  zu  besireiten.

Daß  Napoleon  mit  seiner  Hauptmacht  über  Gera
gegen  Naumburg  vordrang,  blieb  (bis  zum  12ten  October)
  den  preußischen  Heerführern  theils  aus  Mangel  an
guten  Kundschaftern  unbekannt,  theils  aus  Mangel  nicht
hinlänglich  zahlreich  und  zweckmässig  ausgestellter  Reiterei-Posten.
  Als  man  endlich  aber  die  Besetzung  Naumburgs
  durch  franzdsische  Heerhaufen,  den  Verlust  der
daselbst  angehäuften  Vorräthe  aller  Art,  den  Anzug
großer  feindlicher  Macht  gegen  die  Stadt  Jena  vernahm,
als  die  Behauptung  des  Punctes  Jena  und  die  standhafreste
  Vertheidigung  aller  Saal=  Uebergänge,  und  das
Zusammenhalten  gesammter  Streitkräfte  durch  die  Macht
der  Umstände  am  dringendsten  geboten  zu  seyn  schien:
da  beschloß  der  Herzog  von  Braunschweig  alle  verlorne
Vortheile  durch  eine  Hauptschlacht  zurückzugewinnen.
Es  ward  dabei  nicht  berechner,  daß  dieß  Heer  noch  keie
neswegs  in  das  Kriegestreiben  ganz  eingeweiht  war,
daß  es  seit  einigen  Tagen  schon  Mangel  an  Lebensbedürfnissen
  gelitten,  und  eine  durch  die  vorangegangnen
Unfälle  sehr  geschwächte  Zuversicht  auf  sich  selbst  hatte;
ja,  daß  eine  Hauptschlacht  das  Schicksal  des  ganzen
Kdnigreichs  auf's  Spiel  setzte.

Inzwischen  ward  der  Plan  vollzogen.  Die  Hauptarmee,
  unter  persobnlicher  Anführung  des  Königs  und
II.  Stes  Buch.
        <pb n="364" />
        —  34  —

des  Herzogs  von  Braunschweig  trennte  sich  von  den  übrigen
  Heerabtheilungen,  und  zog  aus  der  Stellung  von  Weimar
  in  die  Gegend  von  Auerstädt,  um  von  dort  aus,
und  verstärkt  durch  das  Reservecorps  unter  Herzog  Eugen
  von  Würtemberg,  der  feindlichen  Macht  im  Rücken
und  Seiten  zu  fallen.  —  Hingegen  Fürst  Hohenlohe
sollte  die  für  unangreifbar  gehaltene  Stellung  zwischen
Rbdigen  und  Schwabhausen  bei  Jena  einnehmen;  Rüchel
mit  dem  22,000  Mann  starken  westphälischen  Armeecorps
  ihm  auf  den  Lehnstädter  Hohen  zur  Reserve  dieneu;
  und  zwischen  diesen  beiden  das  Corps  des  Herzogs
von  Weimar  die  Verbindung  unterhalten.

Die  feindlichen  Heersäulen  drängten  heranz  trieben
die  bei  Dornburg  aufgestellten  Reiter-Posten  über  die
Saale  zurück,  und  bemächtigten  sich  der  wichtigen  Camburger-Brücken,
  (eten  October  Abends)  ohne  daß
man  Ernst  machte,  sie  wieder  zu  nehmen,  da  es  noch
mdglich  genug  war.  Als  General  Tauenzien  darauf
vernahm,  daß  ein  bei  Dornburg  aufgestellter  Kriegshausen
  die  Naschhäuser-Brücke  dem  Feind  überlassen,  und
sich  vom  linken  Saalufer  zurückgemacht  habe,  zog  auch
er  sich  vom  linken  Saalufer  und  von  der  Stadt  Jena
(15.  October)  vor  Tages  Anbruch  nach  Kloswitz  zurück,
  lebhaft  von  den  Franzosen  verfolgt,  die  sich  zugleich
  des  Caspodaer=  und  Kloswitzer-Holzes  bemächtigten.
  Die  zwischen  beiden  Gehdlzen  gelegne  Höhe  besetzten
  sie  sogleich  ebenfalls.  Dadurch  wurde  das  preußische
  Heer  aller  Gemeinschaft  mit  dem  Saale-Thal  und
jedes  Blicks  in  dasselbe  beraubt,  während  die  Franzosen
von  der  Höhe  nicht  nur  alle  Bewegungen  der  Preußen
übersehen,  sondern  alle  Wege  und  Schluchten  bestreichen
und  vertheidigen  konnten,  welche  zum  linken  Flägel  der
        <pb n="365" />
        preußischen  Stellung  führten.  General  Tauenzien
verlangte  eiligst  Verstärkungen,  um  den  Feind  von  diesen
  Höhen  ins  Saale-Thal  zurück  zu  werfen.  Es  erschien
  keine  Verstärkung  von  Seiten  des  Fürsten  Hohenlohe.


Dieser  war  damit  beschäftigt,  das  Corps  des  Generals
  Holzendorf  gegen  Dornburg  zu  führen.  Doch
weder  Dornburg  noch  die  Naschhäuser  Brücke  ward  angegriffen.
  Der  ganze  Heerhaufe,  etwa  aus  zwei  Infanterie=
  und  vier  Reiter-Regimentern  nebst  einer  halben
reitenden  Batterie  zusammengesetzt,  blieb  auf  den  Hbhen
von  Zimmern  stehen,  und  blos  eine  Streifwacht  gieng
gegen  Dornburg.  Als  diese  einen  Ordonanz-Offizier
des  franzdsischen  Kaisers  einbrachte,  der  ein  versiegeltes
Schreiben  Napoleon's  an  den  Kdnig  von  Preußen
bei  sich  trug,  kehrte  Fürst  Hohenlohe  mit  demselben
in  sein  Hauptgelager  nach  Capellendorf  zurück.  Es  war
dieß  bekanntlich  der  Capitain  Montesquiounu,  welcher
Napoleons's  letzten  Friedensantrag  für  den  Kdnig  von
Preußen  überbrachte,  aber  zu  Capellendorf  so  lange  aufgehalten
  ward,  daß  der  König  das  Schreiben  erst  am
15ten  October,  an  dem  Tage  empfieng,  als  die  Doppelschlacht
  bei  Jena  und  Auerstädt  blutig  entschied.

Napoleon  selbst  war  mit  dem  Eorps  des  Marschallt
  Lannes  auf  den  Höhen  vor  Jena;  der  Großherzog
  von  Berg  und  Marschall  Davoust  ihm  rechts
bei  Naumburg,  (mir  Absendungen  gegen  Leipzig  und
Halle);  Soult  auf  dem  Wege  von  Gera  her,  um  sich
der  Straße  zwischen  Naumburg  und  Jena  zu  bemeistern,
Augereau  bei  Kahla,  Nep  bei  Rodg.

Die  Preußen  blieben  in  ihren  Lagern,  während  der
3  r
        <pb n="366" />
        —  30  —

Nacht  vor  dem  Schlachttage  ganz  ruhig.  Sie  fuͤrchteten
  keinen  allgemeinen  Angriff,  höchstens  glaubien  sie
es  am  folgenden  Tag  mit  untergeordneten  Kraͤften  zu
thun  zu  haben.  So  wie  sie  gegen  Naumburg  die  Kosener
  =  Engpässe  zu  besetzen  vergessen  hatten,  liessen  sie
auch  die  aus  dem  Mühl=  und  Rauhthal  führenden  Engwege
  unbesetzt.  Im  Lager  selbst  feblten  die  Lebensmite
tel.  Das  zu  dieser  Zeir  erscheinende  Kriegsmanifest  des
Kdnigs  kam  nur  in  die  Haud  sehr  weniger  Offiziere.

Thätiger  ward  die  Nacht  im  franzdsischen  Lager  zugebracht.
  Hier  leitete  der  Kaiser  alle  Arbeiten  persoͤnlich.
  Mit  unsaͤglicher  Muͤhe  ward  Geschuͤtz  auf  die
Bergflaͤche  der  sogenannten  Schnecke  gebracht,  die  man
preußischer  Seits  fuͤr  Artillerie  unzugaͤnglich  gehalten
hatte.  Soult  mußte  gegen  Dornburg  und  das  Holzendorf'sche
  Corps  eilen;  Lannes,  durch  die  sogenannte
Eule  auf  dem  Landgrafenberg,  zu  den  Kospodaer-Höhen
und  hier  Stellung  nehmen,  die  Division  Süchet  rechts,
die  Division  Gazan  links,  die  kaiserlichen  Garden  in
den  Räumen  zwischen  beiden,  Augereau  und  ein  Theil
des  Nep'schen  Corps  hatten  Fena  und  das  Mählthal
erreicht.  Die  nach  Klosewitz  und  Lützerode  führenden
Zugänge  durch  das  enge  Rauh=  und  Mühl-Thal  wurden
  wegsamer  gemacht.  Der  Kaiser  selbst  begab  sich  zu
den  einzelnen  Truppenabtheilungen,  ermunterte  sie  mir
freundlichen,  kräftigen  Reden.  Wohin  er  kam,  scholl  Jubel,
  und  der  Schall  drang  bis  zu  den  feindlichen  Vorwachten.



Mit  der  Morgendämmerung,  da  starker  Nebel  ale
les  deckte,  zog  das  franzdsische  Heer  aus  dem  Mühlund
  Rauh-Thal  hervor.  Heftiges  Plänkelfeuer  begann
        <pb n="367" />
        das  Gefecht.  General  Tauen  zien  bei  Luͤzerode,  Klosewitz,
  im  Ißerstaͤdter  Forst  und  auf  dem  Dornberge,
stand  den  feindlichen  Streitmassen  mit  zu  schwachen
Kräften  zwei  Stunden  lang  tapfer  entgegen;  blieb  aber
durchaus  ohne  Unterstützung.  So  ward  er  endlich  vollkommen
  in  die  Flucht  geschlagen,  als  sich  das  Hohenlohe'sche
  Hauptcorps  eben  erst  zwischen  Klein-Romstedt
und  Kötschau  in  Schlachtordnung  stellte.  Auch  daß  dieß
noch  geschah,  ward  nur  durch  lebhaftes  Betreiben  des
Generallieutenants  Grawert  bewirkt.  Sofert  eilten
drei  Regimenter  Reiterei  mit  ndthigen  Geschütz  nach  Vierzehnheiligen
  vor,  das  zersprengte  Tauenzien'sche  Corps,
das  sich  bei  Klein-Romstedt  sammeln  sollte,  gegen  den
verfolgenden  Feind  zu  decken.  Das  Fußvolk,  begeistert
durch  ein  herzliches  Wort  des  Fürsten  Hohenlohe,
rückte  nach,  unter  Befehl  des  General  Grawert.  Hinter
  dessen  rechten  Flügel  stellten  sich  vier  sächsische  Schlachthaufen,
  als  zweites  Treffen  auf;  fünf  andere,  unter
dem  sächsischen  General  Dyhern  blieben  auf  dem  Lagerplatz,
  als  Reserve.  Die  übrigen  sächsischen  Truppen
standen  mit  dem  linken  Flügel  gegen  das  Liskauer-Thal
und  den  Flöhberg,  mit  dem  rechten  an  der  Hochstraße,
Stirn  gegen  Remderode.  Die  große  Genauigkeit  und
Schnelligkeit  dieser  Bewegungen  des  Fußvolks  floßte
selbst  dem  Feinde  Achtung  ein.

Mitten  aber  in  diesem  raschen  und  glücklichen  Vordringen
  ward  alles  plotzlich  durch  ein  unerwartetes  „Halt!“
welches  dem  Munde  des  Fürsten  Hohenlohe  entschluͤpfte,
  ins  Stocken  gebracht.  Vielleicht  fuͤrchtete  er,
im  dichten  Nebel  sich  zuweit  vorzuwagen,  und  vom  Feinde
umgangen  zu  werden.  In  der  That  ward  ein  heftiges
Feuern  in  der  Gegend  von  Roͤdingen  gehoͤrt,  dessen  Ur-
        <pb n="368" />
        sache  sich  aber  schnell  erklaͤrte.  General  Holzendorf
hatte  sich  naͤmlich  erst  spaͤt  (6  Uhr  Morgens)  in  der  Gegend
  des  Loh-  und  Heiligenberges  dem  Postendorfer  Gehoͤlz
  gegenuͤber  aufgestellt.  So  war  dem  Marschall  Soult
Zeit  gelassen  worden,  aus  den  Dornburger-Engwegen
hervorzubrechen,  und  seine  ganze  Uebermacht  zu  entfalten.
  Holzendorf,  um  nicht  ganz  aufgerieben  zu
werden,  mußte  fechtend  über  Rödingen  und  Neu-Game,
bald  auch  über  Nerkwitz  und  Lehrsten  nach  dem  Stobger-Höhen
  zurückziehen.  Damit  wurde  aber  zugleich  Hohen--lohe's
  Srirnseite  und  linker  Flügel  nackt.

Hätte  aber  auch  Fürst  Hohenlohe  den  Schlachtreihen
  des  Fußvolks  nicht  Stillstand  geboten:  dennoch
mußte  er  nun  untergehen.  Denn  es  ließ  sich  der  Sieg
für  ihn  nur  hoffen,  wenn  einerseits  Holzendorf  glücklich
  auf  der  Seite  von  Rddingen  in  des  Feindes  linken
Flügel  gedrungen  wäre,  anderseits  Generallieutenant
Rüchel  zeitiger  angekommen,  die  im  Iserstedter-Forst
und  an  der  Schnecke  kämpfenden  Sachsen  und  Preußen
kraftvoll  gegen  den  feindlichen  linken  Flügel  unterstützt
hätte.  Allein  Rüchel  meldete  erst  seinen  Anzug,  als
die  feindlichen  Schlachthaufen,  verstärkt  durch  einen  Theil
des  Ney'schen  Corps  das  Dorf  Vierzehnheiligen  schon
errungen  hatten,  und  begünstigt  durch  ein  wohlgenährtes
  Feuer  der  Plänkler  und  des  groben  Geschützes  hervordraugen.


Mehrmahls,  aber  ohne  Erfolg,  stürmte  Fürst  Hohenlohe
  das  Dorf  Vierzehnheiligen,  wohin  er  auch
dem  Generallieutenant  Rüchel  Befehl  ertheilt  hatte,
seine  Richtung  zu  nehmen.  Als  aber  statt  dessen  immer
  bedeutendere  feindliche  Streithaufen  gegen  das  Dorf
        <pb n="369" />
        —  390  —

und  den  Iserstedter-Forst  anruͤckten,  ließ  Fuͤrst  Hohenlohe
  das  Dorf  durch  sein  Geschuͤtz  in  Brand  stecken,
in  der  Hoffnung,  so  den  Feind  aus  demselben  zu  vertreiben,
  und  die  eigne  Stellung  behaupten  zu  koͤnnen.
Auf  letzteres  zählts  er  um  so  mehr,  weil  er  sich  an  seinem
  rechten  Flügel  vollig  gesichert  glaubte,  wo  General
Zeschwitz  auf  der  Schnecke  bis  auf  den  letzten  Mans
auszuhalten  Befehl  hatte.

Vierzehnheiligen  stand  in  Flammen;  aber  der  Feind
verließ  dennoch  das  Dorf  nicht.  Tauenzien  behauptete
  sich  tapfer  bei  Klein  -Romstedt,  Holzendorf  sich
zwei  Stunden  lang  auf  den  Stobaer-Hdhen  gegen  Soult's
Uebermacht.  Allein  zwei  neue  Divisionen  vom  Heerhaufen
  Ney's  vereinigten  sich  mit  Soult.  Holzendorfs,
mit  Ungestüm  und  ungeheurer  Ueberzahl  angegriffen,  sah
sich  zum  Rückzug  nach  Buttstedt  gezwungen,  lebhaft
vom  Großherzog  von  Berg  verfolgt.  In  diesem  Augenblick,
  als  die  Schlachtreihen,  welche  Fürst  Hohenlohe
selbst  befehligte,  durch  Soult's  Bewegungen  in  die
linke  Seite  genommen  da  standen,  wurden  sie  auch  von
vorn  durch  die  verstärkte  Macht  des  Feindes  lebhafter
angefallen,  und  gleichzeitig  in  die  rechte  Seite  von  den
franzèsischen  Truppen  genommen,  welche  herab  von  den
Klosowitzer-Höhen  in  den  Iserstedter-Forst  drangen,  und
das  darin  gestandene  preußische  Bataillon  vor  sich  herjagten.
  So  umklammert  und  bestürmt,  konnte  Hohenlohe
nicht  länger  widerstehen.  Ueberall  entstanden  Lücken  in  den
dunnen  Linien  des  von  der  Reiterel  bald  verlassenen  Fußvolks,
  das  theilweise  noch  immer  mit  Heldenmuth  und
Verzweiflung  fortfocht.  Unaufhaltsam  drang  Napoleon's
  Heermitte  über  Hermstedt,  Vierzehnheiligen,  Iserstedt
  und  Klein-Romstedt  vor,  nahm  die  ihr  entgegene
        <pb n="370" />
        stehenden  Batterien,  und  loͤsete  endlich  das  preußische
Heer  in  die  wildeste  und  regelloseste  Flucht  auf.

Nun,  aber  zu  spaͤt,  erschien  Ruͤchel.  Er  stellte
sich  auf  dem  Sperlingsberge.  Der  Herlitzgraben  und  die
Frankendorfer-Brücke  waren  mit  drei  Bataillonen  besetzt.
Doch  er  konnte  den  Siegern,  die  verfolgend  heranstürmten,
  nur  einen  schwachen  Damm  bilden.  Er  selbst  ward
verwundet;  sein  ganzes  Corps,  da  es  kaum  erschienen
war,  und  weder  rechts  noch  links  einen  Stützpunct  gefunden
  hatte,  von  der  Masse  der  feindlichen  Uebermacht
gebrochen,  zusammengedrückt,  aufgeldst.  Nur  noch  die
zwei  sächsischen  Brigaden  zwischen  Iserstedt  und  Schwabhausen
  setzten,  während  aller  dieser  Ereignisse,  den  Kampf
gegen  die  Überlegne  Gewalt  des  Feindes  unerschütterlich
fort.  Als  sie  aber  alles  umher  gewichen  sahen,  traten
sie  in  musterhafter  Ordnung  den  Rückzug  nach  Capellendorf
  an.  Hier,  von  den  Massen  der  französischen
Reiterei  umzingelt,  fochten  sie  in  Vierecken  für  Ehre
und  Leben,  bis  sie  durchbrochen,  niedergehauen,  oder
gefangen  waren.  In  der  verzweiflungsvollen  Flucht
blieb  den  Ueberwundenen  kein  Trost,  als  daß  das  Unglück
  bel  Jena  durch  den  Sieg  jenes  Heeres  folgenlos
werde  gemacht  werden,  welches  inzwischen  unter  den  Augen
  des  Kdnigs  selbst  gekämpft  habe.

Das  preußische  Hauptheer  hatte  sich  von  dem  bei
JFena  in  der  Absicht  getrennt,  um  alle  Abtheilungen  der
Franzosen  vom  linken  auf  das  rechte  Saale=  U#fer  zu
werfen,  dann  bei  Laucha  und  Freiburg  über  die  Unstrut
zu  gehen,  und  vereint  mit  Hohenlohe  nachher  allgemeinen
  Angriff  zu  machen.  Allein,  wie  schon  gesagt,
hatte  man  hier  vergessen,  nicht  nur  die  Höhen  bei
        <pb n="371" />
        Ekartsberga,  sondern  auch  die  Kdsner-Engwege  zu  besetzen,
  wo  die  Straße  über  die  Saale  nach  Naumburg
geht.  Hingegen  das  Corps  des  Marschall  Davoust,
welches  in  Naumburg  selbst  stand,  hatte  sowohl  den
Paß  von  Kdsen,  als  die  davor  gelegenen  Hohen  von  Hasserhausen
  sogleich  mit  einer  Division  gedeckt.

Wie  sich  daher  (am  Morgen  des  14#ten  Octobers)
das  preußische  Heer  nach  Kosen  bewegen  wollte,  stand
es  dort  ganz  unerwartet  fest  gehalten.  Hier  blieb  kein
Mittel,  als  rasch  mit  gewaltigem  Stoß  durchzubrechen,
und  den  Feind  aus  der  ungemein  vortheilhaften  Stellung
hinweg  in  die  Saagle  zu  stürzen.  General  Blücher,
an  der  Spitze  der  preußischen  Vorhut,  warf  sich  alsbald
gegen  die  franzdsische,  aus  Jäger-Regimentern  zu  Pferd
bestehend,  und  trieb  sie  mit  Ungestüm  auf  die  Hauptmacht
  des  Marschall  Davoust  zurück.  Unterdessen  hatten
sich  die  drei  übrigen  Abtheilungen  des  preußtschen  Heers
entwickelt.  Rückwärts  auf  den  Auerstädter-  Höhen  blieb  die
Reserve  gestellt.  Ein  morderisches  Gefecht  begann.  Die
vortheilhaft  aufgepflanzte  Artillerie  Davoustes  richtete
furchtbare  Verwüstungen  in  den  preußischen  Massen  an.
Die  vornehmsten  Offiziere  bey  diesen,  der  Generallientenant
  Graf  Schmettau,  bald  darauf  der  greise  Held,
der  Herzog  von  Braunschweig,  sanken  verwundet.  Vierzehn
  mit  Ingrimm  nacheinander  ausgeführte  Angriffe
der  Preußen  gegen  die  französische  Stellung  scheiterten
an  der  Tapferkeit  von  deren  Vertheidigern.  Nun  benutzte
  Marschall  Davoust  den  günstigen  Augenblick,
seinen  linken  Flügel  an  den  Kösner-Paß  zu.  lehnen,  um
ihn  vor  jeder  moglichen  Erschütterung  zu  schüten,  und
zugleich  den  rechten  Flügel  seines  Feindes  zurückzudrülcken.
  Dieser  schwankte  endlich  und  wich.  Seine  rückt
        <pb n="372" />
        —  62  —

gaͤngige  Bewegung  war  um  so  entscheidender,  weil  die
Reserve  auf  den  Auerstaͤdter-Hohen  keine  Weisung  erhielt,
  vorwaͤrts  zum  Beistand  zu  gehen.  Sie  war  nur
z000  Schritt  entfernt.  Darum  zog  auch  der  linke  Fluͤ-gel
  der  Preußen  zurück.  Der  König,  unerschrocken,  war
überall,  wo  es  galt.  Mehreremale  die  in  Verwirrung
gerathene  Reiterei  schwadronenweise  gegen  den  Feind  fährend,
  ward  ihm  ein  Pferd  unter  dem  Leibe  verwundet,
worauf  er  das  Pferd  des  Generals  Zastrow  bestieg.
Sein  Heldenmuth  war  fruchtlos,  Zerstdrung  und  Unordnung
  zu  groß.

Der  König,  im  Glauben,  daß  Fürst  Hohenlohe
noch  bei  Capellendorf,  General  Rüchel  noch  bei  Weimar
  siehe,  beschloß  schnelle  Vereinigung  seines  geschlagenen
  Heers  mit  jenen  Kräften.  Er  übergab  den  Oberbefehl
  an  den  Feldmarschall  Möllendorf,  dem  General
Grafen  Kalkreuth  mit  der  Reserve  die  Nachhut,  und
eilte  nach  Weimar  zu.  Aber  bald  kehrte  er  zu  seiner
Armee  wieder  zurück,  weil  er  auf  der  Straße  nach  Weimar
  schön  auf  feindliche  Abtheilungen  stieß.  In  der
Nacht  gieng  er  mit  gezogenem  Degen,  an  der  Spitze
einiger  Geschwader  Reiterei  über  den  Ettersberg,  durch
zahlreiche  feindliche  Corps,  und  kam  am  folgenden  Morgen
  nach  Sêmmerda.

Der  Rückzug  eines  großen  Theils  vom  Heer,  statt
gegen  Halle  oder  Dessau,  nach  Weimar  und  Erfurt,
vergrdßerte  das  Unglück.  Denn  nun  stießen  die  bei
Auerstedt  Geschlagenen  auf  die  Trümmer  des  Hohenlohesschen
  Heeres,  und,,  vermengt  mit  ihnen,  lösete  sich
zuletzt  alles  regellos  auf.

Der  Verlust  der  Preußen  auf  beiden  Schlachtpunc-
        <pb n="373" />
        —  45  ——

ten  dieses  Tages  war  außerordentlich  gewesen.  Manches
  Regiment  zählte  16  getddtete  ÖOfflziere;  eilf  Generale
  waren  todt  oder  schwer  verwundet,  eben  so  20,000
Gemeine,  eben  so  viele,  oder  noch  einmahl  so  viele,
geriethen  mit  50  bis  300  Kanonen  (denn  so  abweichend
sind  die  verschiedenen  Angaben)  in  feindliche  Gewalt.  #)
Die  Sieger  hingegen  berechneten  ihren  Verlust  auf  1,100
Todte,  worunter  zwei  Generale,  und  5,000  Verwundete.

Verderbenschwerer,  als  der  Schlachttag,  ward  der
geschlagnen  Armee  die  darauf  folgende  Nacht,  Nur  wenig
  verfolgt,  schob  sich  das  Ganze  über  Sömmerda  und
Erfurt  gegen  Sondershausen  in  wilder  Unordnung.  Alle
Bande  des  Gehorsams  waren  zerrissen.  Das  sich  unaufhdrlich
  durchkreutzende  Fuhrwerk  und  Heergepäck  verrammelte
  Wege  und  Brücken.  In  Erfurt  blieb  Marschall
Möllendorf  mit  andern  angesehenen,  verwundeten
oder  kranken  Führern,  nebst  6—  3,000  Preußen  zurück.
Bald  aber  ergäb  sich  die  Stadt  mit  ihrer  Citadelle,  dem
Petersberg,  sobald  der  Großherzog  von  Berg  sie  umzingelte,
  durch  Capitulation  (in  der  Nacht  vom  15ten
zum  16ten  October).

 

5P—)  Die  beiden  Brüder  des  Königs,  die  Prinzen  Heinrich
und  Wilhelm  waren  leicht  verwundet.  Ersterer  durch
den  Sturz  seines  verwundeten  Rosses  beschädigt,  konnte
noch  durch  das  Pferd  des  Obersten  Scharnhorst  gerettet
  werden.  Prinz  August  Ferdinand  ward,  an  der
Spitze  seines  Grenadier-Bateillons  mit  gusgezeichneter
Tapferkeit  fechtend,  verwundet.
        <pb n="374" />
        —  —

4.
Vernichtung  der  preußischen  Heeresmacht.
Fall  der  preußischen  Festungen  bis  im
December  1806.

Wir  enthalten  uns  aller  Bemerkungen  über  die  Ursachen,
  welche  das  gränzenlose  Unglück  des  preußischen
Reichs  herbeigefährt  haben.  Die  Thatsachen  sprechen.
Friedrich  Wilhelm's  ganze  Streitkraft  war  zerschmettert.
  Die  Trümmer  derselben  flogen  planlos  umher.
  Napoleonu's  Marschälle  zogen  nach  allen  Richtungen
  aus,  auch  diese  Trümmer  noch  zu  ereilen  und
zu  vernichten.

Die  Stellung  des  Kdnigs  von  Preußen  nach  dem
Tage  bei  Jena  und  Auerstädt  war  ungleich  verzweiflungsvoller,
  als  die  des  Kaisers  von  Oesterreich  einst  nach
der  Schlacht  bei  Austerlitz.  Aber  seinen  Muth  verlor  er
nicht  Noch  zählte  er  auf  die  Treue  der  unberührten
und  unverlornen  Provinzen;  noch  auf  die  Standhaftigkeit
seiner  zerstreuten  und  starken  Vestungen,  welche  den  Feind
aufhalten,  und  dessen  Kräfte  zersplittern  würden;  im
Hintergrund  sah  er  Rußlands  ganze  Macht  zu  seinem
Beistand.  Zwar  einen  Wasffenstillstand  schlug  er  (15ten
October)  seinem  Ueberwinder  vor,  aber  des  festen  Entschlusses,
  keinen  entehrenden  Frieden  einzugehen.  Er
wollte  die  Ueberbleibsel  seines  Kriegsvolks  bei  Magdeburg
  sammeln,  dort  die  Reserve-Armee  unter  Herzog
Eugen  von  Würtemberg  an  sich  ziehen,  jene  weitläuftige
  Vestung  stark  besetzen,  dann  Berlin  und  Potsdam
gegen  den  Anlauf  des  Feindes  decken,  oder  im  schlimmsien
  Fall  sich  hinter  die  Oder  begeben,  und  mit  den
östpreußischen  Schaaren  vereinigen,  welche  schon  gegen
        <pb n="375" />
        die  Weichsel  vokrückten.  Der  Fuͤrst  von  Hohenlohe
sollte  den  Befehl  uͤber  die  bei  Jena  und  Auerstaͤdt  geschlagene
  Heertheile,  mit  Ausnahme  der  zwei  vom  General
  Kalkreuth  gefuͤhrten  Divisionen,  uͤbernehmen.

Allein  die  Franzosen  liessen  den  Besiegten  keine  Zeit,
ihre  Entwürfe  zu  vollbringen.  Marschall  Soult,  welcher
  bei  Kreussen  (15ten  October)  auf  General  Kalkreuth
  stieß,  griff  diesen,  der  um  zu  entrinnen  vergebens
  einen  abgeschlossnen  Waffenstillstand  vorgab,  mist
Nachdruck  an,  und  schlug  ihn  und  verfolgte  ihn  bis  gegen
  Magdeburg,  wo  die  Geschlagenen,  unterhalb  der
Stadt,  auf  Fähren  über  die  Elbe  setzten.  —  Marschall
Bernadotte  erreichte  den  Herzog  von  Würtemberg  bei
Halle,  der  vom  Unglück  bei  Jena  noch  nichts  vernommen
  hatte,  und  trieb  ihn  von  der  Saale  hiuweg,  fechtend
  durch  die  Stadt  (17##en  October),  dann  über  die
Mulde  und  bei  Dessau  über  die  Elbe  nach  Magdeburg.
Es  geschah  in  diesem  Kampfe,  daß  zwei  preußische  Fah--nenträger
  vom  Regiment  Treskow  sich  heldenmüthig
mit  ihren  Fahnen  in  die  Fluthen  der  Saale  stürzten,  und
ehrenhaften  Untergang  dem  Loose  der  Gefangenschaft
vorzogen.  Eben  so  geschah  auf  diesen  verworrenen  Rückzug
  der  Preußen,  daß  der  Lieutenant  Hellwig  vom
Husaren-Regiment  Pletz  in  der  Gegend  von  Eisenach
auf  die  ehmalige  Besatzung  von  Erfurt  stieß,  die  von
den  Franzosen  gefangen  nach  Frankreich  geführt  wurde.
Durch  eine  kühne  That  machte  er  sie  frei.

Napoleon  aber  sah  nun  offne  Bahn  nach  Berlin.
Die  Elbe  wurde  auf  verschiedenen  Puncten  von  seinen
Heeren  ohne  Widerstand  überschritten.  Die  Marschälle
Lannes  und  Davoust  rückten  (#2#ten  und  25ten  Oc-
        <pb n="376" />
        —  36  —
tober)  in  Potsdam  und  Berlin  wirklich  ein,  und  konnten
sich  rühmen,  daß  sie,  nur  im  Vorbeiziehen,  die  Festung
Spandau  mit  1,200  Mann  Besatzung,  und  reichen  Vorräthen
  an  Lebensmitteln  und  Kriegsbedürfnissen  erobert
hatten,  ohne  einen  Schuß  zu  thun.  Die  bloße  Berennung
  und  Aufforderung  des  Mlatzes  durch  eine  Dragoner-Division
  war  zur  Bewirkung  der  schleunigsten  Uebergabe
  genugsam  gewesen.

Sobald  einmahl  die  französischen  Adler  am  rechten
Elbeufer  erschienen  waren,  mußte,  wegen  ihrer  Uebermacht,
  und  weil  dliese  sich  nach  allen  Richtungen  in  den
kürzesten  Linien  bewegen  konuten,  die  Lage  der  vereinzelten
  preußischen  Schaaren  immer  gefährlicher  werden.
Denn  sie,  im  Gefühl  ihrer  Schwäche  waren  gezwungen,
dem  Feinde  auszuweichen,  weite  Umwege  zu  wählen,
entweder  um  ihre  gegenseitige  Verbindung,  oder  einen
Ruhepunct  jenseits  der  Oder  zu  sinden.

Fürst  Hohenlohe  hatte  (schon  am  20sten  October)
  28  schwache  Bataillone  Fußvolks,  130  Escadronen
Reiterei,  eine  reitende  und  drei  Zwölfpfünder-Batterien
bei  Magdeburg  versammelt.  Aber  zu  ihrer  Aufnahme
oder  Wiedereinrichtung  hatte  der  Gouverneur  von  Magdeburg,
  General  von  Kleist,  wie  dringend  er  auch  dazu
  aufgefordert  war,  nichts  vorbereitet.  Der  Fürst,
nachdem  er  noch  die  Besatzung  der  Stadt  verstärkr,  zog
über  Burg  und  Genthin  in  der  Richtung  nach  Stettin;
den  General  Schimmelpfenning  schickte  er  aber  mit
einer  bedeutenden  Abtheilung  Kriegesvolks  rechts  über
Rathenow,  Fehrbellin,  Zehdenik,  um  bei  Schwedt  oder
im  schlimmsten  Fall  bei  Stettin  über  die  Oder  zu  gehen.
Seine  Aufgabe  war,  Nachrichten  über  den  Feind  einzu-
        <pb n="377" />
        ziehen,  und  alle  Bruͤcken  zu  zerstͤren,  die  den  Gang
der  Franzosen  beguͤnstigen  koͤnnten.  Der  Fuͤrst  selbst  hoffte
sich  mit  dem  Heerhaufen  des  Generals  Blücher  an  der
Oder  zu  vereinigen.

Dem  tapfern  und  klugen  Blücher  war  es  wirklich
gelungen,  sich  mitten  durch  die  franzdsische  Dragoner=Division
  Klein  mit  dem  Vorgeben,  es  bestehe  Wafsenstillstand,
  einen  Weg  zu  bahnen,  und  im  angestrengten
  Zuge  Altruppin  in  derselben  Zeit  zu  erreschen,  als
Schimmelpfenning  bei  Jehdenik  und  Hohenlohe
bei  Schdnermark  ohnweit  Gransee  ankam  (26ten  October).
  So  war  der  Augenblick  der  Vereinigung  nahe.

Allein  in  derselben  Zeit  stieß  auch  der  Großherzog
don  Berg  und  der  Heerhaufen  des  Marschall  Lannes
bei  Zehdenik  auf  einen  Theil  von  Schimmelpfenning's
  Volk.  Die  Generale  Beaumont  und  Grouchy
mit  zwei  Dragoner-Divisionen,  auch  General  Lavalle
mit  einer  leichten  Brigade  griffen  auf  der  Stelle  an.
Zwei  Stunden  lang  mit  ausgezeichneter  Tapferkeit  vertheidigten
  sich  die  beiden  preußischen  Regimenter  Schimmelpfenning
  =  Husaren  und  Königin  =  Dragoner,  dann
zogen  sie  erst,  der  Uebermacht  weichend,  Säbel  in  der
Faust  über  die  Storkower-Brücke,  und  mit  Verlust  von
300  Pferden  erreichten  sie  Stettin,  (28ten  October)
späterhin  die  Armee  ihres  Königs.

Der  Großherzog  von  Berg  schickte  nun  den  General
  Lasalle  gegen  Prenzlau,  er  selbst  bewegte  sich  gegen
  Boitzenburg,  voran  ihm  General  Milhaud.  Dieser
  traf  bei  Wichmannsdorf  auf  ein  preußisches  Gensdarmes-Regimem,
  welches  den  General  Bila  verstärken
sollte,  der,  nach  Schimmelpfennig's  Rückzug  nach
        <pb n="378" />
        Stettin,  Hohenlohe's  rechte  Seite  auf  der  Straße
von  Templin  gegen  Prenzlau  zu  decken  hatte.  Die  Gensdarmen
  wurden  ereilt,  angegriffen,  umzingelt  und  großtentheils
  gefangen.  (27.  October.)

Fürst  Hohenlohe,  der,  die  Vereinigung  mit
Blücher  zu  sichern,  auch  in  den  Engwegen  von  Lychen
  ein  Bataillon  und  eine  Reiter-Brigade  zurückgelassen
  hatte,  war  eben  auf  den  Hardenbecker=  Höhen  vor
dem  Ort  Boitzenburg,  nur  zwei  kleine  Meilen  von  Prenzlau
  angekommen,  und  wollte  dort  die  für  sein  ausgehungertes,
  müdes  Kriegsvolk  gesammelten  Lebensmittel
vertheilen  lassen,  als  er  vernahm,  eine  schwache  Abtheilung
  feindlicher  Reiterei  von  Milhand's  Vortrab
stehe  im  Dorfe  Boitzenburg.  Statt  nun  diese,  die  seine
grade  Rückzugslinie  unterbrechen  wollten,  ohne  anders
zu  verjagen,  ließ  er  sie  durch  einen  leichten  Scheinangriff
  beschäftigen,  und  bewegte  sich  lieber  auf  großen
Umwegen  nach  Prenzlau  in  der  Nacht.  Er  hielt  dieß
für  besser,  weil  er  nur  30  Mann  Reiterei  bei  sich  hatte,
und  seine  drei  Cavalerie-Regimenter,  die  über  Witstock,
  Altstrelitz  und  Hasselförde  nachkommen  sollten,
trotz  der  ihnen  ertheilten  Befehle,  immer  noch  nicht  erschienen
  waren.

Allein  er  gewann  damit  nur  früheres  Verderben.
Denn  so  wie  er,  auf  Umwegen,  ließ  der  Großherzog
von  Berg  die  leichte  Reiterei  unter  General  Lasalle
des  Nachts  auf  dem  kürzesten  Wege  von  Boitzenburg  nach
Prenzlau  rücken.  Er  selbst  folgte  mit  den  Dragoner-Divisionen
  Grouchy  und  Beaumont  zu  ihrer  Unter-Kützung.
  Daher,  als  der  Fürst  Hohenlohe,  zu  den
die  erwarteten  drei  Reiter-Regimenter  nun  gekommen  waren,
        <pb n="379" />
        —  40  —

ren  mit  dem  größten  Theil  seines  Heerhaufens  am  folgenden
  Morgen  durch  Prenzlau  zog,  sah  man  rings  um
in  den  Gegenden  von  St.  Georg  und  Grünow  die  Höhen
  schon  vom  Feinde  besetzt.  Eine  franzdösische  Batterie
  donnerte  furchtbar  gegen  die  Vorstädte  von  Prenzlau.
  Man  erwiederte  zwar  das  Feuer  sehr  lebhaft,  hinderte
  aber  damit  doch  nicht,  daß  ein  zurückgebliebenes
Dragoner-Regiment  so  sehr  in  Unordnung  durch  das
franzdsische  Geschütz  gerieth,  daß  es,  nebst  einem  Infanterie-Regiment
  und  einer  reitenden  Batterie,  vom
Hauptcorps  abgeschnitten  und  gefangen  ward.  Dasselbe
Schicksal  erlitt  auch  das  Grenadier-Batatllon  Prinz  August.
  Es  war  ebenfalls  vom  Hauptcorps  durch  gletche
Ursache  getrennt  geblieben,  bildete  Viereck,  und  in  der
Mitte  desselben  seinen  Befehlshaber  Prinz  August  Ferdinand
  von  Preußen,  wehrte  es  sich  verzweifelt,  bis
es  vom  Feind  umringt  und  endlich  durchbrochen  theils
niedergehauen,  theils  nebst  seinem  verwundeten  Anfährer
  gefangen  genommen  wurde.

Während  dessen  war  Fürst  Hohenlohe  mit  dem
übrigen  Theil  seiner  Heerschaar  vor  Prenzlau  hinausgerückt.
  Aber  neue  Mißgriffe  beschleunigten  auch  hier  seinen
  Untergang.  Statt  auf  der  Straße  nach  Stettin,
wohin  sein  Rückzug  gehen  sollte,  stellte  er  sich  auf  der
Straße  nach  Pasewalk,  während  man,  obschon  er  es
befohlen  hatte,  weder  die  Stadt  Prenzlau,  oder  wenigstens
  das  Berliner=  und  Anklamer-Thor  behauptete,
noch  die  Seehäuser-Brücke  abbrach  oder  vertheidigte.
Dadurch  gab  er  dem  Feinde  Mittel,  ihn  von  allen  Seiten
  ohne  Mühe  zu  umfassen.  Und  als  das  ermüdete
Kriegsvolk  die  letzte  Kraft  zusammen  raffte,  sich  zur
Wehr  zu  stellen,  ward  gemeldet,  es  fehle  an  allen

II.  ates  Buch.  4
        <pb n="380" />
        —  50  —

Schleßbedarf  für  das  schwere  Geschütz.  Dieß  alles  entschied
  nun,  daß  der  Fürst  sogleich  mit  dem  Prinz  Murat
  wegen  der  Uebergabe  von  seinen  15  bis  16  Bataillonen
  Fußvolks,  10  Geschwadern  Reiterei,  5  Batterien,
in  allem  von  5,875  Mann  zu  Fuß,  050  Mann  zu  Pferd
und  56  Kanonen  in  Unterhandlung  trat,  obgleich  nur
franzdsische  Reiterei  ihm  gegenüber  stand,  und  das  Armeecorps
  des  Marschall  Lannes  sich  noch  in  bedeutender
  Enrfernung  befand.

Nachdem  die  Preußen  hier  das  Gewehr  gestreckt
hatten,  flog  der  Großherzog  von  Berg  mit  seiner  Reiterei
  gegen  Stettin  und  Pasewalk  (20ten  October).
Stettin  einer  der  stärksten  Waffenplätze  an  der  Oder,
ward  noch  an  demselben  Tag  vom  Generallieutenant
Romberg  an  den  franzdsischen  General  Lasalle  übergeben,
  sobald  dieser  nur  mit  leichten  Reiter-Abtheilungen
  die  Vestung  berannt  hatte.  Und  links,  bei  Pasewalk,
  wohin  Murat  den  General  Milhand  ausschickte,
  ergab  sich  ein  preußischer  Heerhaufen  von  fünf  Infanterie=
  und  sechs  Kavallerie  =  Regimentern,  den  der
Fürst  Hohenlohe  von  Magdeburg  über  Havelberg  und
Wittstock  durch  das  Mecklenburgische  nach  Pasewalk  beschieden
  hatte.

Nun  war  noch  General  Blücher  mit  seinem  Corps
übrig,  demselben,  welches  vorher  Herzeg  Eugen  von
Würtemberg  befehligt  hatte.  Weil  die  Franzosen  schon
vor  ihm  Zehdenik  erreicht  und  Gransee  besetzt  hatten,
konnte  er  nicht  mehr  von  Altruppin  aus  über  diese  Puncte
seine  Vereinigung  mit  Hohenlohe  bei  Prenzlau  bewirken.
  Also  wandte  er  sich  in  zwei  Abtheilungen  (den
27ten  October)  nach  Fürstenberg  und  Lpychen,  und,  wie-
        <pb n="381" />
        der  vereint,  gegen  Boitzenburg.  Der  Feind  folgte  ihm
auf  den  Fersen;  ward  aber  in  sieghaften  Gefechten  bei
Menz  und  Lychen  durch  Blücher's  Nachhut  mit  Verlust
  zurückgeworfen.  Blücher  und  seine  10,500  Mann
starke  Heerschaar  war  nun  durch  die  Hohenlohe'sche
Capitulation  bei  Prenzlau  in  schwerer  Verlegenheit.  Die
Oder  mußte  gemieden  werden.  Blücher  beschloß  nach
Strelitz  zu  gehen,  dort  den  Heerhaufen  an  sich  zu  ziehen,
  welchen  von  Wittstock  her  der  General  Winning,
nach  Abgang  des  Herzogs  von  Weimar,  führte,  (der
sich  in  sein  Land  zurück  begeben  hatte),  und  dann  entweder
  sich  dem  festen  Magdeburg  zu  nähern,  oder  über
die  Elbe  zu  gehen,  in  den  Rücken  des  Feindes.  Die
Vereinigung  mit  General  Winning  geschah  wirklich
(50ten  October)  bei  Dambeck.

Allein  schon  war  Magdeburg  durch  den  Marschall
Ney  eingeschlossen,  und  der  Großherzog  von  Berg  suchte,
  durch  eine  Bewegung  gegen  Rostock,  Blüchern
vom  Meer  abzuschneiden.  Von  Neubrandenburg  her,
rückte  Marschall  Bernadotte  heran,  und  gerieth  gegen
Blücher's  Nachhut  schon  bei  Wahren  in  hartnäckiges
Gefecht.  Von  einer  dritten  Seite  kam  Marschall  Soult,
und  zwar  von  Plauen  im  Mecklenburgischen  her;  alles
zu  derselben  Zeir,  als  der  preußische  Oberst  Ingersleben
  eine  der  stärksten  Vestungen,  die  mitten  in  Morästen
  gelegen,  von  00  Kanonen  und  3—  3000  Mann
beschützt,  auch  mit  beträchtlichen  Vorräthen  versehen
war,  Küstrin  nämlich,  an  250  französische  Reiter  übergab,
  (#ten  November)  die  nur  gekommen  wagren,  den
Platz  zu  recognobciren.  Auch  Blücher  ward  nun  wiederholt
  vom  Feinde  aufgefordert,  sein  Corps  zu  übergeben.
  Er  aber  gieng  von  Altschwerin  nach  Lauenburg,

4#
        <pb n="382" />
        —  52  —

achtete  es  wenig,  daß  seine  Nachhut  beim  Dorfe  Kriwitz
  durch  Bernadotte's  Vortrab,  nach  heldenmüthigem
  Widerstand,  geschlagen  ward,  und  nahm  seine
Richtung  gegen  Lübeck.  Jeder  Ausweg  war  ihm  versperrt
  gegen  die  Oder.  Da  stand  ihm  Bernadotte
gegen  über,  links  Murat,  rechts  Soult.  Eine
Schlacht  durft’  er  nur  in  letzter  Verzweiflung  mit  seinen
abgematteten  Kriegern  wagen.  So  schien  ihm  das  räthlichste,
  durch  seinen  Rückzug  wenigstens  einen  guten  Theil
des  franzdsischen  Heers  von  der  Oder  zu  entfernen.  Er
erreichte  Lübek,  (5ten  November)  besetzte  die  Stadt
und  die  Trave,  von  der  dänischen  Gränze  bis  Travemünde.


Ihm  folgten  allseitig  die  feindlichen  Heerhaufen.
Marschall  Bernadotte,  nachdem  er  noch  eine  Schaar
Schweden,  die  aus  sieben  Compagnien,  zwei  Escadronen
  und  sechs  Kanonen  bestand,  und  das  Lauenburgische
  besetzt  hielt,  bei  Schluekup  an  der  Trave  kriegsgefangen
  gemacht  hatte  (Oten  November),  erschien  vor
Lübek,  gleichzeitig  mit  ihm  Marschall  Soult  und  die
Reiterei  des  Großherzogs  von  Berg.  Bernadotte
griff  ohne  Zaudern  das  Burgthor  der  Stadt  an,  von
welchem,  wider  Blücher's  Befehl,  sechzehn  dort  aufgepflanzte
  Kanonen,  die  dem  Feinde  am  verderblichsten
seyn  mußten,  gleich  anfangs  zurückgezogen  wurden.  Dieß
erleichterte  dem  stürmenden  Feinde  das  Spiel.  Aber
Blücher  selbst,  warf  sich  nun  an  die  Spitze  seiner  Tapfern.
  Es  folgte  heisser,  blutiger,  mehrstündiger  Kampf
in  den  Straßen  und  auf  den  Wällen.  Aber  nicht  Blücher's,
  nicht  des  Obersten  Jork,  nicht  des  Herzogs
von  Braunschweig-Oels  Anstrengungen  konnten  retten.
Von  drei  Seiten  drangen  die  Franzosen  in  die  Stadt,
        <pb n="383" />
        —  53  —

die  sich  mit  Todten  fuͤllte.  Die  Franzosen  mußten  auf
die  Daͤcher  der  Haͤuser  steigen,  um  die  Preußen  von  den
Wällen  zu  vertreiben.  Blüchern,  nachdem  sein  ermuͤ-detes
  Heer  auf  0000  Mann  zusammengeschmolzen,  alles
Schießbedarfs  beraubt  war,  blieb  nur  noch  Rückzug  nach
Rattkau  übrig.  Hier  sollt’  er  folgendes  Tages,  da  er
ohne  Lebensmittel,  ohne  Munition  war,  von  drei  verschiedenen
  Seiten  zugleich  eben  angegriffen  werden,  als
er  sich,  vergebliches  Blutvergiessen  zu  enden,  entschloß,
die  abermahls  angetragene  Capitulation  anzunehmen.
So  übergab  er  seine  3.750  Mann  Fußvolks  und  5,660
Mann  Reiterei  der  Kriegsgefangenschaft,  nachdem  sie
vom  achtzigstündigen  Marsch,  von  heftigen  Gefechten
und  beim  Mangel  aller  Erquickung  auf's  äußerste  erschdpft
waren.  Auch  die  preußischen  Generäle  Pellet  und
Usedom,  die  sich  mit  1#  Escadronen  von  ihm  getrennt
gehabt  hatten,  traf  einige  Tage  nachher  bei  Reinsdorf
das  gleiche  Schicksal.

So  war  denn  eins  der  schbnsten  deutschen  Heere
fast  gänzlich,  durch  fehlerhafte,  kriegs  =  und  staatsmännische
  Berechnungen,  und  durch  die  verbrecherische  Feigheit
  einzelner  Befehlshaber  in  VPestungen,  vernichtet.
Denn  selbst  das  starke  Magdeburg,  dieser  große,  mit
unermeßlichen  Vorräthen  versehene  Waffenplatz,  fiel  in
die  Hände  des  Marschall  Ney  (zten  November),  der
mit  seinen  3  oder  10,000  Mann  kaum  zur  Hälfte  so
stark,  als  die  Besatzung  war.  Eben  so  übergaben  die
preußischen  Generäle  Schdler  und  Lecog  zwdlf  Tage
später  die  Vestung  Hameln  mit  einer  beinahe  7,000  Mann
starken  Besatzung,  nachdem  sie  der  franzbsische  Feldherr
Savaryp  kaum  nur  eingeschlossen  hatte,  und  bald  darauf
  lieferte  auch  der  preußische  General  Strachwitz
        <pb n="384" />
        —  54  —

die  Vestung  Nienburg  den  Franzosen  aus  (25ten  November)
  ohne  die  3,000  Mann  starke  Besatzung  zur  Vertheidigung
  versucht  zu  haben.  Und  an  demselben  Tage,
da  Nienburg  fiel,  gieng  auch  die  Veste  Plassenburg  an
die  belagernden  Baiern  über.

Hier  hatte  der  Oberst  Graf  Beckers,  welcher  mit
dem  öten  Linien-Infanterie-Regiment  Herzog  Wilhelm
binnen  sieben  Tagen  vom  Inn  nach  Culmbach  geeilt  war,
und  das  bisherige,  nach  Dresden  und  Schlesien  bestimmte
Blokade  =  Corps  abgeldst  hatte,  sogleich  die  wirkliche
Belagerung  begonnen.  Auf  dem  Rehberge,  der,  300
Schritte  von  der  Vestung,  diese  beherrschte,  hatten  Major
  Lamey  und  Artillerie-Hauptmann  Pusch  a  öbald
drei  Wurfbatterien,  und  eine  ähnliche,  nur  in  Enffernung
  von  300  Schritten,  auf  dem  Buchberg  errichtet.
An  demselben  Tage,  da  dieß  alles  vollendet  war,  und
dreizehn  Feuerschlünde  mit  Schießbedarf  aus  Baiern  ankamen,
  übergab  der  preußische  General  Uttenhofen  die
Westung,  nebst  620  Mann  Besatzung,  68  Kanonen  und
bedeutenden  Vorräthen  an  den  baierischen  Befehlshaber.  )
Gern  hätte  Kdnig  Marimilian  Joseph  diesen  aus
einer  einzigen  Steinmasse  gebildeten  wohlcçasemattirten
Nlatz  dem  Bnierlande  erhalten.  Aber  anders  gebot  Napoleon.
  Also  veranstaltete  Major  Lamepy  die  Zerstörung
  der  Veste.  Am  11llen  Februar  war  das  Werk
abgethan;  das  öte  Linien-Infanterie-Regiment  aber
schon  zuvor  (20ten  Dezember)  nach  Berlin,  und  (ZTiten
Jänner  1807)  von  da  nach  Breslau  aufgebrochen,  um

*)  Siehe  Armee-Befehl  vom  2ten  December  1306.  Söstes
Bülletin  der  großen  Armee.  Posen  den  5ten  December
1806.
        <pb n="385" />
        55  —

sich  in  Schlesien  mit  den  Übrigen  Bajern  zu  vereinigen.
Gleiche  Bestimmung  empfieng  auch  schon  (30ten  November)
  das  in  Ansbach  neuerrichtete  ###te  Linien-Infanterie-Regiment
  baierischen  Fußvolks,  so  wie  das  zu
Nürnberg  gebildete  öte  leichte  Bataillon.

Denn  dahin  und  über  die  Oder  hinweg,  gegen
Pommern,  Preußen  und  Polen  gieng  die  allgemeine
Heerbewegung  der  Franzosen  und  rheinischen  Bundestruppen,
  nachdem  die  letzten  Trümmer  der  preußischen
Kriegsmacht  westwärts  der  Oder  vernichtet,  und  die  preussischen
  Gebiete  in  Westphalen  durch  den  König  von  Holland
  mit  der  Nordarmee,  und  die  Staaten  von  Kurhessen
  durch  Marschall  Mortier  besetzt  worden  waren.

Napoleon  (seit  27ten  October  1806)  in  Berlin,
dem  der  Tag  bei  Jena,  und  die  Feigheit  der  preußischen
  Festungsbefehliger  das  halbe  Reich  seines  Feindes
übergeben  hatten;  der,  als  er  über  das  für  Frankreich
weiland  schmachvolle  Schlachtfeld  von  Rosbach  geeilt
war,  daselbst  die  preußische  Ehrensäule  umstürzen  ließ,
dachte  nicht  mehr  an  Frieden.  Im  Besitz  der  leichtgewonnenen
  ungeheuren  Vortheile  erwiederte  er  die  wiederholten
  Friedensanträge  Kdnig  Friedrich  Wilhelms
mit  Forderungen,  welche  ihm  mehr  zusichern  sollten,  als
noch  das  Schwert  gethan  hatte.

Nach  Osten  wandte  er  nun  den  Blick,  und  auf  das
ehmahlige  Königreich  der  Polen,  welches  sich  unter  Napoleon's
  Aegide  wieder  aus  der  volberrechtswidrigen
Zerstückelung  neu  zu  bilden  hoffte.  Kosciuszko's
Aufruf  aus  Paris  an  seine  unterjochten  Landsleute  warf
Gährung  in  die  ganze  Nation  der  Sarmaten.  Die  Feldherrn
  Dombrovsky  und  Wybicky,  an  der  Spitze
        <pb n="386" />
        —  36  —

polnischer  Legionen,  verkündeten  die  Befreiung.  Marschall

  Lannes  rückte  gegen  Thorn,  Marschall  Davoust
über  Posen  nach  Warschau.

 

5.

Einruͤcken  in  Polen  und  Schlesien.  Beren—
nung  und  Einnahme  von  Glogau.

Zur  Unterstuͤtzung  dieses  Entwurfs  hatte  auch  das
baierische  Armee-Corps  unter  Jerome  Napoleon  Befehl,
  auf  welches  wir  jetzt  zuruͤckblicken  muͤssen.

Noch  am  18ten  October  1806  stand  die  2te  Diolsion
  Baiern  unter  einsweiliger  Anführung  des  Generals
Mezanelli  bei  Plauen,  wo  gänzlicher  Mangel  an  Lebensmitteln
  in  der  von  so  vielen  Kriegsvdlkern  schon
durchgezogenen  Gegend  zwang,  einzelne  Aussendungen
zu  machen,  und  die  nbthigen  Bedürfnisse  aufzutreiben.
Dort  geschah  es,  daß  verzweiflungsvoll  die  sächsischen
Landleute  in  den  Dörfern  Kindersdorf,  Seiklendorf  und
Schilbach  bewaffnet  aufstanden,  den  Oberlieutenant  Zintel
  vom  dritten  Regiment,  mit  seinen  24  Mann  überfielen,
  ihn  selbst  mit  andern  verwundeten,  und  andere
tddteten.  Die  Rache  folgte,  schwerer,  als  sie  bestimmt
war.  Das  Anzünden  vom  Hause  des  entflohenen,  schuldigen
  Schulzen  von  Kindersdorf  zog  die  Einäscherung
des  ganzen  Dorfes  nach  sich.  Mezanelli  rückte  darauf
mit  seiner  Division  nach  Dresden  (22ten  October).  Dieselbe
  Richtung  nahm  auch  die  erste  Diovision  unter  Generallieutenant
  Deropy  von  Ingolstadt  (10ten  October)
über  Baireuth.  Ihr  folgte  in  Entfernung  eines  Tag-
        <pb n="387" />
        marsches,  von  Bietigheim  her,  das  würtembergische
Contingent.  *)

Von  Dresden  gieng  der  Zug  der  zweiten  baierischen
Division  (35##ten  October)  über  Cotbus  und  Guben  nach
Crossen  ('ten  November),  wo  bedeutende  Getreid=  und
Salz-Vorräthe  auf  der  Oder  erbeutet  wurden.  Ferome
  ließ  noch  denselben  Tag,  da  man  in  Crossen  einrückte,
  drei  Regimenter  baierischer  Reiterei,  die  Chevaurlegers
  König  und  Leiningen,  und  Taris  Dragoner
bis  Glogau  rücken,  unter  Befehl  des  franzdsischen  Generals
  Lefebre.  In  Linle  sprengten  sie  bis  gegen  das
Pfahlwerk  der  Vestung  an,  schossen  ihre  Pistolen  nach
dem  bedeckten  Wege  ab,  und  hielten,  troz  des  heftigsten
feindlichen  Artillerie  -Feuers,  die  Vestung  umfangen,
und  beschossen  die  Stadt  aus  der  leichten  Batterie  Caspers,
  “)die  sie  mit  sich  geführt  hatten,  bis  die  Division
Der  o  y's  nachrückte.

Dieser  war  von  Dresden  ohne  Verzug  (Zten  November)
  uͤber  Gruͤneberg,  Neustadt  und  Prostau  in  Schlesten
  eingedrungen  gegen  Glogan,  und  hatte  den  General
Raglowich  mit  einem  Theil  der  Diovision“#)  am  lin- 



*)  Aus  fünf  Infanterie-Regimentern,  zwei  Jäger=  und  zwei
leichten  Bataillons,  so  wie  aus  drei  Cavalerie-Regimen
tern  bestehend.

*  )  Diese  aus  einer  6  Pfünder  Kanone  und  2  Haubitzen  bestehende
  Batterie  empfieng  bei  dieser  Gelegenheit  standhaft
das  heftigste  Feuer  aus  dem  Geschütze  der  Festung  und
hatte  einige  verwundete  Soldaten.

*?8)  Mit  einer  Fußjäger-Compagnie,  zweien  Compagnien  des
Bataillons  Taris,  dem  2ten  Bataillon  des  1sten  Infanterle=Leib-Regiments,
  dem  sjoten  Regimente  Junker  und  einer
halben  Batterie.
        <pb n="388" />
        —  58  —

ken,  den  General  Siebein  met  dem  andern  Theil  .*)
am  rechten  Ufer  der  Oder,  diese  Stadt  umschliessen  lassen.
  (10ten  November).  Bald  verstärkte  ihn  noch  das
Kriegsvolk  des  Kdnigs  von  Wurtemberg,  befehligt  vom
Generallieutenant  Secke  ndorf.  Prinz  Jerome  schlug
sein  Hauptgelager  in  deim  kleinen,  nahe  der  Vestung
gelegnen  Schlosse  Zieberm  auf.

Zum  erstenmahle  schien  hier  ein  preußischer  Befehlshaber
  mit  Vertheidigung  der  ihm  anuvertrauten  Veste
Ernst  machen  zu  wollen.  Er  wies  jede  Aufforderung  ab;
er  glaubte  sich  an  der  Spitze  von  2,400  Tapfern,  und
mit  200  Kanonen  auf  den  Wällen,  stark  genug,  Glogau
  so  lang  zu  behaupten,  bis  sein  König,  dem  noch
ein  kleines  aber  entschlossenes  Heer  von  25,000  Mann
übrig  geblieben  war,  oder  bis  die  russische  Macht,  welche
unter  Benningsen  30,000  Mann  stark,  Preußlsch-Polen
  durchschreiten  sollte,  Schlesien  retten  würde.

Aber  noch  war  Benningsen  zu  entfernt,  der
Kdnig  allzu  entkräftet,  obschon  nicht  muthlos.  Gleich
wie  Napoleon  im  gebieterischen  Glücksstolz  den  zu
Charlottenburg  unterhandelten  und  (löten  November)
abgeschlossnen  Waffenstillstand  mit  der  Erklärung  vernichtete,
  er  werde  die  von  ihm  eroberten  Lande  nicht  eher
räumen,  bis  auch  England  und  Rußland  Frieden  ges
schlossen,  die  spanischen,  franzdsischen  und  holländischen
Colonien  zurückgestellt,  und  die  Unabhängigkeit  der  von
drei  rußischen  Heeren  bedrohten  Pforte  gewährleistet  hätten:
  eben  so  verwarf  auch  Kdnig  Friedrich  Wilhelm

*)  Mit  einer  Fußjäger-Compagnie,  zweien  Compagnien  des
leichten  Bataillons  Taris,  dem  iusten  Bataillon  des  Leib-Regimentes,
  dem  #ten  und  öten  dinien-Infanterie-Regimente,
  einer  und  einer  halben  Fuß-  Batterie,  dann  einer
kahrenden  Barte  rie.
        <pb n="389" />
        —  59  —

zu  Osterode  mit  ungebeugten  Sinn  dlesen  Waffenstillstand,
  der  die  Franzosen  in  Besitz  eines  großen  Theils
der  preußischen  Staaten  setzte.  Er  vertraute  auf  den
Muth  seines  Volks,  bildete  in  Eil  zu  seinem  kleinen
Heer  noch  eine  Reserve  von  zwanzig  neuen  Bataillonen,
und  erwartete  die  Ankunft  des  großen  rußischen  Heers.

Rußland,  schon  mit  Persern  und  Türken  in  Krieg
verflochten,  aber  überzeugt,  daß  von  Westen  her  seinen
Gränzen  sich  die  größte  der  Gefahren  entgegenwälze,
hatte  wirklich  Alles  aufgeboten,  ihr  mächtig  zu  begegnen.
  Es  schuf  eine  Landwehr  von  612,000  Mann  zur
Sicherung  der  Gränzen,  ließ  das  nach  Südpreußen  bes
stimmte  Hülfsheer  (ten  November)  bei  Georgenburg,
Olitta,  Grodno  und  Jalow##  über  den  Niemen  gehen,
und  das  rechte  Weichselufer  unterhalb  Warschau  bis
Mlozk  besetzen.  Bei  Plozk  stand  mit  der  Vorhut  Ges
neral  Barclai  de  Tolliz;  an  ihn  schloß  sich  die  kleine
preußische  Heermacht  unter  General  L'Estocg,  deren
Masse  zwischen  Salfeld  und  Soldau,  deren  WVorposten-Kette
  längs  der  Weichsel  von  Plozk  bis  Danzig  gedehnt
stand.  Benningsen,  welcher  den  Oberbefehl  über
Rußen  und  Preußen  führte,  schob  von  Warschau  aus
(roten  Nevember)  noch  eine  Abtheilung  Reiterei  bis  zu
den  Ufern  der  Bzura  vor.  In  dieser  Stellung  wollt’  er
den  Feind  erwarten.  Sie  schien  ihm  gleich  vortheilhaft
zur  Vertheidigung  wie  zur  Aufnahme  nachrückender  Verstärkungen
  und  der  Heerbedürfnisse  während  der  winterlichen
  Jahrszeit.  Schon  hatte  der  rußische  Kaiser  die
Aufstellung  einer  zweiten  Armee  unter  General  Grafen
Burthoevden,  einer  Reserve  unter  General  Essen
angeordnet,  und  dem  Feldmarschall  Grafen  Kamensky
den  Oberbefehl  des  Ganzen  übertragen.
        <pb n="390" />
        —  00  —

NRapoleou's  Scharfblick  erkannte  wohl,  daß  der
Krieg  erst  jetzt  mit  furchtbarem  Ernst  beginnen,  und  die
Frucht  seiner  bisherigen  Siege  von  neuem  zweifelhaft
gemacht  werden  solle.  Auch  er  bot,  was  seinem  zZepter
gehorchte,  zu  neuen  Anstrengungen  auf.  Während  er,
von  Berlin  aus  durch  seinen  berühmten  Beschluß  so,
weit  er  herrschte,  die  Britten,  ihren  Handel,  ihre  Waaren,
  selbst  ihre  Reisende  vom  Festlande  verbannte,  machte
er  sein  Heer  vollzählig,  seine  Reiterei  mit  preußischen
Pferden  beritten,  in  Frankreich  eine  neue  Aushebung
von  80  000  Streitern,  und  die  gesammte  waffenfähige
Mannschaft  daselbst,  unter  dem  Namen  Nationalgarde,
zur  Landwehr.  Die  Polen  bewaffnete  er  aus  preußischen
Zeughäusern;  denn  schon  hatten  sie,  wenige  Wochen
nach  begonnenen  Aufstand,  vier  vollzählige  Regimenter
errichtet,  die  Vestungen  Czenstochow  und  Lenczyz,  die
Städte  Kalisch,  Sieradz,  Kempen  und  Wildowa  genommen,
  die  preußischen  Besatzungen  vertrieben.  Auch
eine  hessische  Legion,  ein  franzöôsisch=  preußisches  und
westphälisches  Regiment  befahl  Napoleon  aus  brodlosen
  Offizieren  und  Soldaten  der  eroberten  Lande  zu
bilden,  von  denen  er  ausserdem  noch  eine  Kriegssteuer
von  150  Millionen  Franken  erhob.  Doch  leichter  ward
es  ihm,  das  Geld  zu  erhalten,  als  die  Menschen.  Nur
wenige  Deutsche  folgten  dem  entehrenden  Rufe,  den
Fahnen  des  Ueberwinders  wider  ihre  unglücklichen  Fürsten
  zu  folgen.  Auch  das  Kurfürstenthum  Sachsen
und  die  übrigen  sächsischen  Fürstenthümer  wurden  mit
Contributionen  und  Regquisitionen  heimgesucht,  ungeachtet
  des  ihnen  verheissenen  Schutzes,  und  dann  erst  in
den  Rheinbund,  als  Genossen  desselben,  ausgenommen,
nicht  ohne  lästige  Bedingungen.  Denn  das  Kurfärsten-
        <pb n="391" />
        thum,  nun  mit  dem  Titel  des  Koͤnigreichs  geziert,  ward
verpflichtet,  sogleich  zum  damahligen  Kriege  einen  Beitrag
  von  3,200  Mann  Fußvolks,  1,500  Reitern,  3500
Stückschützen  und  12  Kanonen,  in  känftigen  Kriegen
des  Rheinbundes  aber  20.000  Mann  zu  stellen.  Neben
diesem  Allen  wirkte  Napoleon's  Staatsklugheit  auch
auf  die  entferntern  Hôfe  mächtig  ein.  Er  beschwichtigte
Oesterreichs  Sorge,  wegen  Galliziens,  beim  Aufstand
des  übrigen  Polens,  und  bewog  die  oômannische  Pforte
zur  Kriegserklärung  gegen  Rußland.  Nur  Schweden
konnte  er  der  Sache  Rußlands  nicht  entfremden.

Die  rasche  Eroberung  Schlesiens  war  ihm  wichtig,
damit  der  Rücken  seiner  Heermacht  in  Polen  gesichert
werde.  Darum  ward  bei  Glogau  der  Anfang  gemacht.

Hier  hatte  die  baierische  Brigade  Siebein  am
rechten  Oderufer  eine  ausgedehnte  Stellung,  dem  Brückenkopf
  der  Vestung  entgegen,  eingenommen,  linbs  an
den  Fluß  gelehnt.  Eine  Compagnie  Fußjäger  hielt  die
Dbrfer  Grätz  und  Zerbow  besetzt,  und  hinter  denselben
eine  Batterie,  unter  dem  Oberlieutenant  Hofstetten,
aufgestellt.  Diese  Stellung  unterbrach  zwar  die  Verbindung
  zwischen  Glogau  und  Fraustadt,  war  aber  durch
ihre  große  Ausdehnung  im  Fall  eines  feindlichen  Ausfalles
  sehr  gefährder.  Am  15ten  November  ward  die
Vestung  zum  erstenmahle  aus  sechs  Batterien  *)  lebhaft,
jedoch  ohne  Wirkung  beschossen,  weil  das  aufgeführte
Geschütz  nur  leichtes,  und  700  bis  1000  Schritt  von
den  Werken  entfernt  war.  '")  Als  der  franzdsische  Ge-*)

  Es  waren  die  baierischen  6  Pfünder  Batterien  Roppelt,
Göschl,  Caspers,  Vandouwe,  Peters,  die  12
Pnder  Batterie  Tausch.

“  Ehrenvoller  Erinnerung  verdient  hier  der  baierische  Hauptmann
  Stonor  des  öten  Linien=  Infanterie-Regiments
        <pb n="392" />
        neral  Lefebre,  begleitet  vom  baierischen  Major-Grafen
  Rechberg  darauf  in  die  Vestung  gieng,  dem  Befehlshaber
  derselben,  Generallientenant  Reinhard  die
Aufforderung  zur  Uebergabe  zu  erneuern,  ward  sie  abgeschlagen.
  Das  bewirkte  der  preußische  Major  Pudlitz
vorzüglich  ,  durch  seine  nachdrücklichen  Erklärungen;  auch
ward  er  selbst  Ueberbringer  der  Antwort.

Zwei  Tage  nachher  ward  die  Beschiessung  wiederholt,
  doch  nur  aus  vier  Batterien.  Während  dem  zog
General  Lefebre  mit  den  Regimentern  Taxis-Dragoner
  und  Leiningen-Chevaurlegers,  der  leichten  Batterse
Kaspers  und  einem  würtembergischen  Reiterregiment
aufwärts  gegen  Breslau.  Major  Harscher  mit  zwei
Escadronen  jener  Chevaurlegers  bildete  die  Vorhut  und
zugleich,  um  Nachricht  über  feindliches  Kriegsvolk  einzuziehen,
  einen  Streifzug  über  Jauer  und  Striegau  bis
zur  Vestung  Schweidnitz.  Nirgends  fand  er  Spuren
des  Feindes.  Zwei  Stunden  lang  schwärmte  er  kampflustig
  vor  der  Vestung  umher,  und  zog  sich  dann  lang-Hreyfing,

  welcher  sich,  freiwillig  unterstützt  durch  den  Lieutenant
  Kaspers  eben  dieses  Regimentes,  durch  die  Sergeanten
  Seebauer  und  Streussel,  dann  die  Gemeinen
  Johann  Leibel,  Andreas  Krammer,  Beno  Eberl,
Anton  Nessler,  Wolfgang  Holzner,  Stauner,
Homaier,  und  Gössel,  den  Fußjäger  Andreas  Moser,
  Klinger,  Kopp  und  Krempl,  den  auf  dem
Glacis  der  Vestung  auf  dem  linken  Oder=  Ufer  vor  der
neuerrichteten  baierischen  linken  Flügel-Barterie  befindlichen
  feindlichen  sehr  beträchtlichen  Holzstoß  näherte,  solchen
  mit  großer  Gefahr  anzündete,  und  dadurch  den  Feind
eines  Hauptmittels  beranbte,  sich  der  baierischen  Truppen-Aufstellung
  ungesehen  nähern  und  derselben  bedeutenden
Schaden  zufügen  zu  können.
        <pb n="393" />
        sam  gegen  Kanth.  Aber  bei  Hohen  Poseritz  kamen  ihm
aus  Schweidnitz  zwei  preußische  Escadronen  nach.  Harscher
  flog  ihnen  mit  achtzig  Baiern  entgegen,  trieb  sie
zwei  Stunden  weit,  bis  Wuͤrben  zuruͤck,  hieb  mehrere
vom  Pferde,  und  nahm  36  Mann  und  39  Pferde  gefangen.
  Dort  aber  stand  er  ploͤtzlich  im  Angesicht  fuͤnf  frischer
  Escadronen  und  einigen  Fußvolks  Preußen,  die  aus
Schweidnitz  gekommen  waren.  Der  Augenblick  war  gefährlich.
  Seine  Rettung  aber  verdankte  er  wohl  nicht
minder  der  Unentschlossenheit  der  Preußen,  als  der  ausgezeichneten
  Tapferkeit  des  Oberlieutenants  Gervinus
und  der  beiden  Lieutenants  Hermann  und  Ferdinand
Zandt,  die  mit  weniger  Mannschaft  den  Kuckzug  der
übrigen  deckten.  )

Nicht  minder  keck  war  der  Streifzug  dieses  kühnen
Partheigängers  bald  darauf,  als  er  der  Brigade  des
franzbsischen  Generals  Lefebre,  da  sie  von  Glogau  ab- 



*)  Die  drei  genannten  Offiziere  wurden  sämmtlich  verwundek,
Gervinus  schwer  am  Kopfe,  Zandt  erhielt  fünf  Säbelhiebe,
  aber  auch  jeder  den  ausgezeichneten  Beifall  seiner
  Vorgesetzten.  Hatten  sich  bei  dieser  kleinen  aber  blutigen
  Affaire  auch  die  übrigen  Offiziere,  unter  ihnen  vorzüglich
  der  Rittmeister  Gambs  jenes  Streifcorps  ausgezeichnet,
  so  dürfen  auch  die  großen  Verdienste  der  Corporäle
  Kirschbaum  und  Nessel,  des  Gefreiten  Beil,
der  Gemeinen  Oppe  nauer,  Wimmer,  Lammer
und  Gabes  nicht  unbeachtet  bleiben.  Unbedeutend  war
der  Verlust  von  sechs  Mann  und  sechs  Pferden  Vermißten,
und  außer  genannten  verwundeten  Offziers  von  drei  verwundeten
  Cavaleristen,  im  Gegensatz  zu  den  errungenen
Vortheilen  und  denen  der  Vestung  entzogenen  30  Schlacht-Ochsen.
  (Siehe  Armeebefehl  vom  18ten  Jänner  1807.  1.  4.)
        <pb n="394" />
        —  6  —

rückte,  vorausschwärmen  mußte,  um  ihr  den  Weg  nach
Brieg  von  Feinden  zu  lichten.  Harscher  durchmusterte
die  Umgebungen  Breslau's,  zog  am  hellen  Tag,  von
Grosburg  und  Wansen  her,  vor  der  Festung  Brieg
vorüber,  nach  Ohlau,  wo  er  vor  den  Thoren  der  Stadt
eine  preußische  Aussendung  von  dreizehn  Husaren  übersiel
  und  gefangen  machte.  Allein  eine  halbe  Stunde
hinter  Ohlau,  als  er  seine  Beute  kaum  in  Sicherheit
gebracht,  ereilten  ihn  von  der  Besatzung  aus  Brieg  200
Mann  Fußvolks  mit  60  Reitern  und  zwei  Kanonen.  Ihre
Absicht  war  ihn  aufzuheben.  Harscher  kam  ihnen  zuvor,
  griff  sie  mit  Ungestüm  an,  warf  sie  bis  Ohlau  zurück,
  machte  mehrere  Gefangene,  und  zog  sich  dann)
zwei  Stunden  lang  vom  Feinde  verfolgt,  mit  allen  gemachten
  Gefangenen,  nach  Parchwitz  (27ten  October).
Inzwischen  gieng  die  unvollkommene  Belagerung  der
Vestung  Glogau  langsam  vor  sich.  Der  Truppen  waren
zu  wenig;  es  fehlte  am  nöthigen  Geschütz.  General
Mezanelli,  mit  dem  ersten  und  zweiten  Regiment
Chevaurlegers,  mußte  eine  Vorposten-Kette  zur  Deckung
  des  Einschließungscorps  bilden,  und  zugleich  die
Verbindung  mit  General  Lefebre,  so  wie  mit  der
zweiten  Division  in  Grünberg  unterhalten.  Der  Obristlieutenant
  des  vierten  Chevaurlegers-Regiments,  Michel,
ward  Befehlshaber  aller  sich  zu  Crossen  sammelnden  Reiterei-Oepots
  in  Schlesien,  und  General  Minucci  übernahm
  einsweilen  den  Besehl  gesammten  Fußvolks  der
zweiten  Oivision.

*)  Unterstützt  durch  die  ausgezeichnete  Tapferkeit  des  Wachtmeisters
  Hoch,  der  Corporäle  Golling  und  Popp,  der
Gemeinen  Reiner  und  Rauch,  welche  seine  schwache
Nachhut  bildeten.  ·

Man
        <pb n="395" />
        —  65  —

Man  beschoß  die  Vestung  (16ten  November)  einige
Stunden  lang  von  neuem,  ohne  damit  mehr,  als  einen
heftigen  Brand  an  zwei  Orten  zu  stiften.  Man  sprach
davon,  die  Werke  zu  stürmen,  und  die  Neigung  herrschte
dazu  überall  vor;  allein  man  stand  von  dem  verwegenen
Gedanken  glücklicherweise  ab,  da  man  nicht  einmahl  einen
Grundriß  von  dem  festen  Platze  besaß.  Einen  schwachen
  Ausfall  der  Besatzung  an  demselben  Tage  wies  der
Oberstlieutenant  Ströhl  an  der  Spitze  des  baierischen
Leib-Regiments  sogleich  zurück.  Als  gleichzeitig  die  würtembergischen
  Truppen  unter  Generallieutenanr  von  Seckendor
  f  eintrafen,  bildete  sofort  die  balerische  Brigade
Siebein  den  rechten  Flügel  des  Belagerungs-Corps
am  linken  Oder-Ufser,  wo  Hauptmann  Stonor  mit
seinen  tapfern  Freiwilligen  auf  dem  Glacis  der  Vestung
einen  Ueberrest  des  Brennholzes  verbrannte,  der  dem
Feinde  eben  wichtig  genug  war,  häufige  kleine  Ausfälle
zu  machen.  Noch  schmerzlicher  mußte  den  Belagerten
das  Abgraben  verschiedner  Quellen  werden,  von  denen
sie  bisher  ihr  Trinkwasser  erhalten  hatten.  Dafür  rächten
  sie  sich  (18ten  November)  durch  Ueberfall  der  sogenannten
  Grundmühle,  wo  sie  den  Lieutenant  Stengel
mit  zwanzig  Baiern  aufhoben.

Man  erwartete  nur  das  Belagerungs-Geschütz  von
Cüstrin.  Baron  Gravenreuth,  Hauptmann  beim
Generalstab,  und  Ingenieur-Lieutenant  Staudacher
schlugen  indessen,  um  die  Verbindung  zwischen  beiden
Oder-Ufern  zu  sichern,  eine  Brücke  bei  Peicha,  eine
Stunde  unterhalb  Breslau.  Aber  bald  darauf  erschiem
Befehl  (25ten  November),  die  Baiern  sollten  nach  der
Weichsel  aufbrechen,  die  Würtemberger  die  Belagerung
Glogau's  unter  Oberbefehl  des  französischen  Generals

II.  stes  Buch.  5
        <pb n="396" />
        Vandamme  vollenden.  Und  am  Zten  December  ergab
sich  ihnen  die  Vestung  wirklich,  sobald  einmahl  endlich,
durch  Anstrengungen  wuͤrtembergischer  und  baierischer  Artillerie-Offiziere,
  )  das  Belagerungs--Geschuͤtz  von  Cuͤ-strin
  auf  der  Oder  herbeigeschafft  war.  Doch  bis  dahin
war  die  Lage  des  Belagerungs-Corps  allerdings  nicht
nur  mühselig,  sondern  selbst  gefahrvoll  gewesen.  Denn
die  Würtemberger  hatten  eine  Umwallungs-Linie  von
einer  Meile  Länge  zu  besetzen  gehabt;  mußten  ihre  Reiterei
  auf  den  Straßen  gegen  Breslau  in  Thätigkeit  halten;
  geraume  Zeit  drei  ihrer  Bataillons  (zu  Lissa  und
Mitteltribiz)  entbehren,  und  wegen  der  großen  Regen  und
Gebirgswasser  jeden  Augenblick  ihre  Oder-Communiecation
  bedroht  sehen.

 

6.

Belagerung  von  Breslau.  Treffen  bei
Strehlen.  Gefechte  bei  Oltatschin,
Schweidniz  u.  s.  w.

Die  beiden  baierischen  Dioisionen  waren  auf  ihrem
Zug  zur  Weichsel  schon  bis  Kalisch  (50ten  Rovember)
gekommen,  als  Napoleon  plbtzlich  Befehl  sandte,  daß
die  zweite  in  Eil  nach  Breslau  zurückkehre.  Die  ersie,
unter  Deroy's  Befehl,  schon  bis  Petrikan  vorgeschritten,
  mußte  sich  ebenfalls  dahin  zurückwenden.  Denn
das  zur  Belagerung  Breslau's  bisher  gebrauchte  Corps
war  viel  zu  schwach;  ansserdem  ganz  Schlessen  in  krie- 



*)  Von  Lehßteren  der  Oberktlieutenant  Espiard  ge  Colonge,
die  Lieutenants  W  eishaupt,  Lessel  und  Kehler.
        <pb n="397" />
        —  67  —

gerischer  Bewegung,  seit  der  Koͤnig  von  Preußen  den
Fürsten  von  Anhalt-Plefß  hieher  mit  den  ausgedehntesten
  Vollmachten  zur  Bewaffnung  und  Vertheidigung
des  Landes  geschickt  hatte.  Dieser  Fürst,  obwohl  er  zur
Rettung  nun  wirklich  schon  zu  spät  erschien,  brachte  doch
die  trefflichen  Vorschläge  in  Ausführung,  die  der  Graf
Nückler,  ein  Mann  von  ausgezeichnetem  Geist  und
Herzen,  ihm  angab;  zog  Waffen  und  entbehrliche  Mannschaft
  aus  den  Festungen,  dazu  alle  Fdrster,  Jäger  und
Freiwillige  an  sich;  formte  ein  Heer,  vielerlei  Streifhaufenn
  und  Bewegungen  überall.

Breslau,  bisher  nur  von  würtembergischer  und  baierischer
  Reiterei  berannt,  konnte,  selbst  bei  schon  vorläusiger
  Anlegung  zweier  Laufgräben  und  zweier  Wurfbatterien,
  rechts  und  links  der  Nicolai-Vorstadt,  nicht  ganz
eingeschlossen  werden.  Schon  aber,  sobald  General  Mimucci
  mit  der  zweiten  baierischen  Oivision  und  den  Regimentern
  Taris-Dragenern  und  Leiningen  Chevaurlegers
  zu  Hundsfelden  (Oten  December)  beim  Belagerungs-Corps
  eintraf,  ließ  Prinz  Jerome,  der  sein  Hauptgelager
  zu  Lissa  hatte,  einen  Theil  derselben  sogleich  auf
einer  bei  Kosel  geschlagnen  Brücke  unter  Vandamme's
Befehle  aus  linke  Oder-Ufer  gehen.  Nun  wurden  beim
Laufgraben  zur  Rechten  zwei  Mdrser  und  drei  Haubitzen,
beim  Laufgraben  zur  Linken  drei  Mdrser  und  eine  Haubitze,
  ferner  der  Straße  gegenüber,  die  nach  der  Nicolai-Vorstadt
  führt,  drei  Feldhaubitzen  aufgeführt,  und
in  die  Bettungen  am  rechten  Oder-Ufer  acht  Feldstücke.
So  fieng  man  die  Vestung  an  (10ten  December  von  6  Uhr
Morgens  bis  Mittags)  lebhaft  zu  beschiessen.  Weil  aber
durch  das  Feuer  der  Belagerten  mehrere  Moͤrser  und
Haubitzen  der  Belagerer  zerstoͤhrt  worden  waren,  mußte

5
        <pb n="398" />
        —  68  —

man  erst  die  Ankunft  frischer  Mörser  von  Glogau  abwarten.
  Diese  stellte  man  auf  dem  rechten  Oderufer  zu
äusserst  dem  rechten  Flügel  des  dort  angelegten  Laufgrabens,
  während  links  eine  zweite  den  Festungs-Werken
näher  gelegene  Paralelle  errichter,  und  eine  Batterie  am
dußersten  Ende  der  ersien  Paralelle  zur  Linken  erdffnet
ward.  Ooch  auch  jetzt  noch  gieng  die  Beschiessung  (12ten
December)  langsam  vor  sich,  weil  es  an  Munition  fehlte.
Der  Befehlshaber  der  Vesiung.  General  von  Thiele,
schon  einigemal  aufgefordert,  zeigte  daher  auch  zur  Ue:
bergabe  wenig  Neigung.

Jetzt  kamen  (15ten  December)  zwei  franzdsische  Compagnien
  Mineurs  und  Sappeurs  an.  Sogleich  ließ  der
thätige  Ingenieur-Oberst  Blein,  dem  der  franzbsische
Hauptmann  Rolland  und  der  baierische  Oberlieutenant
  Hazzi  beigegeben  waren,  Einschnitte  in  die  Nicolai-Vorstadt
  und  rechts  am  Kirchhof  machen,  Batterien
in  einer  rechts  der  Vorstadt  eröffneten  zweiten  Paralelle,
und,  zur  Aufstellung  leichten  Geschützes,  Sägwerke
(Redans)  anlegen,  um  die  feindlichen  Batterien  im
Rücken  zu  fassen.  Auch  eine  Brustwehr  ward  bis  zur
Oder  fortgeführr,  aus  welcher  die  würtembergischen  Jäger
  auf  die  feindlichen  Stückschützen  feuern  konnten;  so
wie  die  Verbindung  zwischen  der  ersten  und  zweiten  Paralelle
  bewerkstelligt.  So  ward  die  Beschiessung  (15ten
December)  aus  zwei  und  dreißig  Stücken  *)  doch  ohne

*)  Auf  dem  äußersten  rechten  Flügel  der  ersten  Paralelle  waren
  zwei  Mortiere  und  drei  Haubißen,  bei  der  alten  Batterie
  in  der  Mitte  zwei  Mortiere  und  zwei  Haubitzen;  in
der  Mitte  der  zweiten  Paalelle  zwei  Haubitzen  und  vier
6  Pfünder-  Kanonen;  endlich  auf  dem  rechten  Oder=  Ufer
acht  Kanonen.
        <pb n="399" />
        —  69  —

bemerkbaren  Erfolg,  erneuert.  Denn  eine  neue  Aufforderung
  empfieng  wieder  abschlägige  Antwort,  nur  mußten
  doch  die  gefangenen  preußischen,  auf  ihr  Ehrenwort
entlassenen  Offiziers,  welche  sich  in  der  Vestung  befanden,
  dieselbe  auf  Prinz  Jerome's  Verlangen  sogleich
räumen.

Also  wurden  die  Laufgräben  erweitert  und  neue  Bakterien
  errichtet.  Die  nun  angekommene  erste  baierische
Division  unter  General  Deroy  bezog  großern  Theils
das  rechte  Fluß-Ufer;  die  zweite  Division  nahm  das
linke  Ufer  ein,  zu  ihrer  Rechten  das  würtembergische
Fußvolk,  zu  ihrer  Linken  General  Siebein  mit  dem
Linien-Regiment  Junker.  Oberstlieutenant  Graf  Taris
gieng  mit  drei  Compagnien  seines  Bataillons  nach  Steinersdorf
  gegen  Brieg,  das  Belagerungs-Corps  von  dieser
  Seite  vor  feindlichen  Unternehmungen  zu  schützen.
Deroy  aber  vollendete  auf  der  Stelle  die  schon  unter
General  Lefebre  begonnenen  Batterien,  und  ließ  einen
Ofen  für  glühende  Kugeln  bauen;  dann  sogleich  von
seiner  Seite  die  Stadt  aus  sechs  Haubitzen  und  zwei
Zwolfpfündern  beschiessen.  Vier  Tage  lang  dauerte  allseitig
  (lvom  10.  —  22ten  December)  die  Beschiessung.
Während  dem  wurden  die  Batterien  noch  mehr  zu  Stande
gebracht,  und  auch  die  sehr  lebhaft  geäußerten  Wünsche
des  ersten  Leib-Regiments  der  Baiern  erfüllt,  statt  zur
Deckung  von  Prinz  Jerome's  Hauptgelager  in  Lissa
zu  dienen,  in  die  Linie  der  Belagerer  treten  zu  dürfen.

Jetzt  beschloß  man  Sturm.  In  der  Mitternachtsstunde
  vom  22sten  zum  2östen  December  setzte  sich  alles
in  Bewegung  gegen  die  Vestung.  Voran  zwei  Colonnen
  aus  zwei  würtembergischen  leichten  Bataillonen,
und  zwei  baierischen  Compagnien  des  Bataillons  Prey-
        <pb n="400" />
        sing  zusammengesetzt.  Die  erste  sollte  uͤber  die  Festungs-Wälle
  zur  Stadt  sich  des  Ohlauer-Thors  bemächtigen,
und  dem  General  Minncci  an  der  Spitze  der  drei
Regimenter  Kronprinz,  Prinz  Karl  und  Ldwenstein  das
Eindringen  erleichtern,  denen  zwei  würtembergische  Brigaden
  im  Nothfall  zur  Unterstützung  dienten.  Die  Bewachung
  der  Laufgräben  und  Vorposten  empfieng  die
Brigade  Siebein,  das  10ote  Linien-Infanterie-Regiment
  Junker  und  ein  Bataillon  vom  Leib-Regiment.
Graf  Seiboltsdorf  an  der  Spitze  von  150  Freiwillis
gen  des  Leib-Regiments  sollte  längs  der  Oder  einen
Schein-Angriff  auf  die  Festung  machen,  und  wo  mdglich
  hineindringen;  ein  ähnlicher  sollte  an  der  Neustädter
WVorstadt  gegen  das  Schweidnitzer-Thor  geschehben.

Alle  Batterien  spielten;  alles  erreichte  den  angewiesenen
  Platz.  Schon  waren  viele  Fässer  in  den  Graben
gesenkt,  welche  zum  Pfeiler  dienen  sollten,  eine  Brücke
darüber  zu  schlagen;  schon  hatte  der  Major  Hofnaß
an  der  Spitze  zweler  Compagnien  vom  leichten  Bataillon
  Preising  mit  vieler  Tapferkeit  das  Trommelwerk  angegriffen,
  welches  die  Ohlauer-Brücke  deckte,  rings  um
hatten  die  Baiern  das  Pfahlwerk  daran  niedergehauen,
ins  Thor  des  Trommelwerks  selbst  schon  große  Oeffnung
gemacht.  Da  entdeckten  die  Belagerten  den  gefährlichen
Punct,  und  durch  das  heftigste  Feuer  aus  allen  Richtungen
  vereitelten  sie  das  Unternehmen.  Das  zum  Sturm
ausgerückte  Kriegsvolk  mußte  sich  allseitig  zurückziehen.
Auch  den  tapfern  Freiwilligen  vom  ersten  Leib-Regiment
  zu  Fuß  unter  dem  Hauptmann  Grafen  Seiboltsdorf
  blieb  nichts  anders  übrig.  Unerwartet  durch  einen
Arm  der  Oder  am  weitern  Vordringen  verhindert,  beim
hellen  Schein  des  Mondes  vom  Feind  entdeckt  und  mit
        <pb n="401" />
        —  :1  —

einem  Hagel  von  Kartätschen  überschüttet,  konnten  sie
ihrer  Vernichtung  nur  durch  eiligen  Rückzug  entgehen,
doch  nicht  ohne  Verlust  von  ohngefähr  vierzig  Mann.“)
Fär  einsweilen  begnügte  man  sich  nun,  in  den  Stellungen
  vor  der  Vestung  die  nbthigen  Veränderungen  zu
treffen,  um  jedem  allfälligen  Ausfall  des  Feindes  durch
Wachsamkeit  zu  begegnen.“s)

Dieß  ward  jetzt  um  so  nöthiger,  da  der  Fürst  von
Anhalt-Pleß  immer  thätiger  zu  werden  schien,  und  wirklich
  schon  einen  kleinen  Heerhaufen  von  8  —  10,000
Mann  gesammelt  hatte,  welcher  freilich  schlecht  bewaffnet,
  schlecht  geübt  und  nur  mit  übel  berittener  Reiteref
versehen  war.  Indessen  ließ  er  noch  nach  allen  Richtungen
  fleißlg  streifen,  um  einzelne  Posten  zu  überrumpeln.
Dies  Schicksal  war  auch  dem  heldenmüthigen  und  geistvollen
  Oberlleutenant  Baron  Karl  von  Zweibrücken
bestimmt,  der  nachmahls  ruhmvoll  auf  dem  Felde  der  Ehre
bei  Mosaisk  gefallen  ist.

Schon  Anfang  Decembers  war  dieser  Tapfere,  nebst
dem  Korporal  Waldmann  und  fünf  Mann  vom  zweii)

  Darunter  zwei  Offiziere  waren,  wovon  einer,  der  brave
Lieutenant  Graf  Seiboltsdorf  tödtlich,  Oberlieutenant
  Hagens  schwer  verwundet  wurde.

*#)  Das  öte  leichte  Infanterie  -Bataillon  Preising  besetzte  die
Nicolai-Vorstadt,  so  wie  die  Mitte  der  bei  letztgenannter
Vorstadt  angelegten  Laufgräben.

Das  iste  Bataillon  des  7ten  Linien=  Infanterie-Regiments
  Löwenstein  wurde  mit  einem  würtembergischen  Jäs
ger-Batgillon  nach  Gabisch  verlegt.
        <pb n="402" />
        —  22  —

ten  Chedaurlegers=  Regiment  der  Baiern,  nach  Namslau
  geschickt,  um  die  in  dortiger  Gegend  ausgeschriebne
Einlieferung  von  Pferden  zu  vollziehen.  Er  hatte  sich  des
Auftrags  fast  schon  erledigt,  als  er  eines  Morgens  (15ten
December),  gerade  zur  Futterzeit,  von  einer  Abtheilung
prenssischer  Kürassiers  in  seinem  Hause  umzingelt  ward.
Es  waren  30  Mann  und  ein  Offizier.  Sie  sitzen  ab.
Einige  Mann  dringen  ins  Haus.  Zweibrücken,  noch
im  Bett,  hört  das  Geräusch,  springt  auf,  reißt  die
Vogelflinte  von  der  Wand,  und  schießt  einen  der  Gegner
auf  der  Straße  vor  der  Hausthür  nieder,  während  Waldmann
  zwei  Pistolen  vom  Tisch  nimmt,  und  drei  die
Treppe  heraufsteigende  Preußen  verwundet.  Diese  flüchten
  blutend  zurück.  Ihnen  nach  eilen  die  Baiern,  verrammeln
  mit  einem  Futterkasten  die  Hausthüre,  so  auch
alle  Zugänge  des  Hauses,  ohne  daß  der  überlegene  und
überraschte  Feind  es  hindert.  Von  den  übrigen  fünf
Chevaurlegers,  die  sich  eben  im  Stall  befanden,  war
einer  gleich  anfangs  von  den  Preußen  gefangen  worden;
die  andern  entkamen  durch  ihre  Verbergung.  Nun  vereinigten
  sie  sich  mit  ihrem  Anführer,  und  bedienten  sich
der  geladenen  Kargbiner  und  der  Munition,  welche  die

Das  2te  Bataillon  Löwenstein  behielt  Gandau  besetzt.

Das  Regiment  Kronprinz  Infanterie  stand  in  Schmidselden.
  «

Alle  genannten  Abtheilungen  waren  bestimmt,  im  Falle
eines  feindlichen  Ausfalles  die  Nicolai-Vorstadt  und  die
bei  selber  rechter  Hand  angelegten  Transcheen  zu  behaupten.

Das  öte  Linien-Infanterie-Regiment  Prinz  Karl,  das
ste  Bataillon  des  7ten  Regiments,  die  Reserve-Es-
        <pb n="403" />
        —  75  —

verwundeten  und  betaͤubten  Preußen  bei  der  Flucht  aus
dem  Hause  zurückgelassen  hatten.  Drei  Stunden  vertheidigten
  sich  die  hartbedrängten  Baiern,  dann,  als  die
Preußen  schon  mehrere  Verwundete  zählten,  und  hörten,
es  ziehe  eine  baierische  Reiterei-Abtheilung  von  Bernstadt
  heran,  verliessen  sie  Namslau.  Allein  das  Gehbrte
war  falsches  Gerücht  gewesen.  Nach  Abzug  des  Feindes
verschloß  und  verrammelte  Zweibrücken  alle  Zugänge
des  Ortes,  entschloßen  sich  auf  den  letzten  Mann  zu  vertheidigen.
  Doch  der  Feind  kam  nicht  wieder;  vielmehr,
drei  Tage  nachher,  eine  Aussendung  von  sechs  und  dreisig
  Chevaurlegers-Baiern,  die  den  Baron  aus  dem  Ort
befreiten.

Unterdessen  hatte  der  Fürst  von  Anhalt-Pleß  (Lten
December)  bei  Strehlen  eine  vortheilhafte  Stellung  genommen,
  gleichweit  von  Schweidnitz,  Brieg,  Neisse  und
Glatz,  als  seinen  Stützpunct.  Seine  Absicht  war,
das  belagerte  Breslau  zu  entsetzen.  General  Vandamme
  aber,  der  hier,  weil  Jerome  Napoleon  gegen
  Warschau  geeilt  war,  den  Oberbefehl  der  Belagerer
führte,  hatte  von  allen  Bewegungen  des  Fürsten  Kenntniß.
  Sobald  sich  dieser  daher  in  vier  Heer-Säulen
gegen  Strehlen  bewegte,  mußte  auch  der  baierische  General
  Graf  Minucci  (25ten  December)  mit  zwei  Bataillonen
  des  Regimentes  Prinz  Karl,  dem  ersten  Bacadron

  und  die  Batterie  Leiningen  wurden  unter  die  unmittelbaren
  Befehle  des  2ten  Divistons  =  Commandos  gesetzt.
Die  Laufgraben-Wacht  rechts,  wurde  von  diesen  Tag  an

durch  200  Mann  der  2ten  baierischen  Armee-Division  unter
  Befehl  eines  Stabs-Offiziers  gegeben.
        <pb n="404" />
        taillon  Loͤwenstein,  die  am  naͤchsten  lagen,  dahin  aufbrechen.
  Ein  Regiment  wuͤrtembergischer  Reiterei,  unter
General  Montbrun,  bildete  die  Vorhut;  das  entfernter
  gelegene  Regiment  Kronprinz  und  das  zweite  Bataillon
  Loͤwenstein,  unter  dem  Obersten  Lessel,  mußten

schnell  folgen.

Ein  Geschwader  der  Vorhut,  welches  in  Strehlen
eivritt,  die  Stadt  zu  untersuchen,  wurde  da  ploͤtzlich
durch  zweihundert  Mann  preußischer  Reiter  und  durch
heftiges  Infanterie-Feuer  aus  den  Häusern  angegriffen
und  gezwungen,  auf  der  nach  Brieg  führenden  Straße
zu  flüchten.  General  Montbrun,  hier  eben  im  Begriff,
  den  Seinigen  Hülfe  zu  bringen,  vernahm  in  demselben
  Augenblick,  daß  von  Schweidniz  her  eine  beträchtliche
  Feindes=  Colonne  anrücke  gegen  Strehlen.  So
faßte  er  nun  auf  der  nach  Breslau  führenden  Straße
Stand,  um  die  Ankunft  des  baierischen  Fußvolks  unter
Minucci's  Befehl  zu  erwarten.  Zwei  Stunden  lang
bot  er  nun  einem  feindlichen  Haufen  Spitze,  der  2000
Mann  Fußvolks,  600  Reiter  und  sechs  Kanonen  stark
war,  und  sich  bei  Strehlen  mit  einer  Colonne  vereinigen
  sollte,  die  der  preußische  General  Kropf  von  Glatz
herführte.

Minucci,  ohne  den  übrigen  Theil  seiner  Division
zu  erwarten,  eilte  sogleich  mit  dem  Regiment  Herzog
Karl,  dem  ersten  Bataillon  vom  Regiment  #dwenstein,
und  der  Batterie  Leiningen  nach  Strehlen  zu,  und  schickte
den  Rittmeister  Baron  Zandt  mit  der  Reserve-Escadron
  vom  zweiten  Chevaurlegers-Regiment  Kdnig
ohne  Verzug  voran,  begleitet  vom  Chef  des  Generalstabs
  der  Dioision,  dem  Obristlieutenant  Epplen.
        <pb n="405" />
        Dem  richtigen  Blick  des  Letztern  mag  es  vorzuͤglich  angerechnet
  werden,  daß  die  nachfolgende  Colonne  des
baierischen  Fußvolks  bei  ihrer  Aufstellung  den  Wirkungen
des  feindlichen  Geschuͤtzes  entgieng.  Die  Preußen  hatten
  sich  auf  der  Breslauer-Straße  in  schräger  Richtung
entwickelt,  mit  dem  rechten  Flügel  an  Strehlen  gelehnt,
mit  dem  Linken  einen  Hacken  gebildet,  und,  weil  sie
mit  dem  Geschütz,  bei  ihrem  rechten  Flügel  aufgefahren,
die  ganze  Landstraße  bestrichen,  konnten  sie  den  Aufmarsch
der  Baiern  sehr  erschweren.

Oberstlieutenant  Epplen,  Führer  der  baierischen
Colonne,  verbarg,  hinter  einem  lebhaften  Geplänkel  vorgeschobener
  Schützen,  Aufmarsch  und  Richtung  der  Colonne,
  noch  ausser  dem  Bereich  des  feindlichen  Feuers;
ließ  dann  die  Schützen  durch  eine  Grenadier-Compagnie
  unter  Hauptmann  Theobald  verstärken,  und  das
Regiment  Herzog  Karl  sich  durch  das  Dorf  Seegen  in
des  Feindes  linken  Flügel  werfen.  Das  entschied.  Denn
während  die  preußischen  Befehlshaber  ihre  ganze  Sorge
diesem  Punct  zuwandten,  entfaltete  sich  das  Bataillon
Ldwenstein  auf  der  Heerstraße  ungehemmt.  Gleichzeitie
ger  ungestümer  Angriff  der  Baiern  auf  allen  Seiten  zwang
die  feindlichen  Schlachtreihen,  ungeachtet  ihres  morderischen
  Gewehrfeuers,  nicht  nur  die  anfangs  genommene
  Stellung,  sondern  selbst  das  Schlachtfeld,  mit
Verlust  von  ohngefähr  100  Todten,  200  Gefangnen  und
einer  Kanone,  zu  verlassen.  Der  Rückzug  verwandelte
sich  in  wilde  Flucht.  Drei  Stunden  weit  verfolgte  die
würtembergische  und  baierische  Reiterei  mit  verhängtem
Zügel  den  Feind,  nahm  dessen  gesammte  Artillerie,  600
Mann  und  300  Pferde.  Die  Baiern  zählten  ihrerseits
        <pb n="406" />
        zwei  Todte  und  28  Verwundete.  *)  Nachdem  Minucct
am  Abend  des  ehrenvollen  Tages  auf  der  Hoͤhe  von
Strehlen  Stellung  genommen,  folgendes  Tages  vergeblich
  zur  Entdeckung  eines  Feindes  Streifwachten  ausgeschickt
  hatte,  kehrte  er  mit  seiner  Heerabtheilung  nach
Breslau  zuruͤck.  Nur  das  Regiment  Kronprinz  Fußvolks
ließ  er,  zur  Deckung  des  Standpunctes  Strehlen,  dem
General  Montbrun  zuruͤck,  der  mit  seiner  Reiterei-Brigade
  bei  Grosburg  und  Schiessa  aufgestellt  blieb.
Nach  diesem  Treffen  ohne  Hoffnung  nahen  Entsatzes
trug  der  Vestungsbefehliger  von  Breslau,  Generallieutenant
  Thiele  (27ten  December)  Waffenstillstand  und
für  ihn  ehrenhafte  Uebergabe  an.  Aber  schon  den  Tag
darauf  nahm  er  pldzlich  sein  Wort  zurück,  was  vermuthen
  ließ,  er  habe  neue  Hoffnung,  befreit  zu  werden.
General  Vandamme  ließ  daher  rasch  an  Vermehrung
der  Batterien  arbeiten;  zwischen  Ohlau  und  dem  Dorfe
Hube  Einschnitte  und  Verhaue  anlegen,  um  dem  Feinde
jeden  Ausweg  von  dieser  Seite  zu  sperren,  und  den  belagerten
  Platz  vollkommen  einschliessen.  Es  mußte  General
  Montbrun  mit  drei  würtembergischen  Reiter-Regimentern
  und  eben  so  viel  leichten  Bataillonen  zur
Oder-Brücke  nach  Ohlau.  Die  Division  Seckendorf

*0  Unter  welch'  lehteren  der  Hauptmann  Peter  Palm,  der
Oberlieutenant  Kirchhöfer,  die  Lieutenants  Schuppert,
  Tavel  und  Junker  Scherer  sich  befanden.

Indem  der  General  Minucci,  diese  glänzende  Affaire
betreffend,  der  Tapferkeit  der  an  selber  Antheil  genommenen
  baierischen  drei  Infanterie=  Bataillons  und  Artillerie,
so  wie  der  baierischen  und  würtembergischen  Cavalerie
volle  Gerechtigkeit  wiederfahren  ließ,  bezelchnete  er  die
bairrischen  Obersten  Bergheim,  den  OPberstlientenant
        <pb n="407" />
        lehnte  rechts  an  die  Oder,  links  an  den  Weg  aus  der
Vorstadt  Gabisch.  Durch  starke  Pikets  war  sie  mit  den
Baiern  verbunden,  welche  unter  Minucci's  Befehl,
rechts  von  Gräbischen,  vorwärts  Gandau  standen,  und
weiter  hin  zur  Linken  die  Brigade  Siebein  unterstützken.
  Der  Standpunct  von  Gräbischen  war  wenigstens
durch  ein  Regiment  vertheldigt  und  Batterien  befanden
sich  da  zur  Deckung  der  Laufgräben.  Die  Brigade  Siee
bein  schützte  die  Vorstadt  St.  Nicolat,  die  davorliegende
Batterie  und  del  Laufgraben  links,  so  wie  alle  diejente
gen  Ortschaften,  welche  der  Feind  allenfalls  auf  dieser
Seite  zum  Ziel  seiner  Ausfälle  mächen  konnte.  General
Deroy  blieb  am  rechten  Oderufer;  seine  Vorposten
unter  Major  Wreden  bis  weit  jenseits  Hundsfeld,  rechts
bis  Groß-Engelsdorf,  links  bis  Sibyllenorth  vorgeschoben.
  Oberstlieutenant  Graf  Taris  hatte  sich  mit  seinen
  drei  Compagnien  vom  sechsten  Bataillon  leichten
Fußvolks  aus  der  Stellung  bei  Steinersdorf  in  die  von
Peckern  gezogen.
So  begann  die  Beschiessung  von  Breslau-mit  dem
Morgen  des  20sten  Decembers  von  neuem  aus  allen  Bat-4"

Kesling,  dem  ein  Pferd  unter  dem  Leib  todt  geschosfen
wurde,  den  Major  Gedoni  als  Chef  eines  Bataillons,
den  Chef  des  Generalstaabs,  Oberstlieutenant  von.  Epplen,
  den  Oberlieutenant  Stengel,  die  Lieutenants
Klick,  Graf  Larosee,  Brentano  und  Hottner,  den

Rittmeister  Baron  Zandt,  den  Cadetten  Hügler  als  vorzüglicher
  Auszeichnung  würdig.

(Die  Nahmen  der  Öffiziere  und  Gemeinen,  welche  sich
während  dieses  Gefechtes  vorzüglich  ausgezeichnet  haben.
findet  man  in  den  Armee=  Befehlen  vom  i3ten  Jänner,
und  14ten  Februar  1807).
        <pb n="408" />
        —  2#8  —

terien.  Von  den  Wällen  antwortete  der  Feind.  Eine
seiner  brennenden  Haubitzgrenaden  fiel  unter  andern  auch
in  den  Laufgraben,  wo  eben  mehrere  bajerische  Offiziere
beisammen  standen.  Der  Corporal  Nichtern  vom  Regiment
  Prinz  Karl,  ein  Mann  von  großer  Unerschrockenheit
  sah  es,  stürzte  herbei.,  warf  die  Grenade  mit
einer  Schaufel  aus  dem  Graben,  und  rettete  seine  Hauptleute
  vom  gewissen  Verderben.

Schon  hatten  wiederholt  feindliche  Streifhaufen,
von  Brieg  aus  gegen  Breslau,  vermuthen  lassen,  der
Färst  von  Anhalr-Pleß  wolle  abermahls  den  Entsatz  der
Pestung  versuchen;  und  das  baierische  Regiment  Kronprinz
  hatte  daher  (schon  27ten  December)  eilig  zu  Verstärkung
  der  Würtemberger  bei  Ohlau  aufbrechen  müssen.
  Eine  falsche  Meldung,  (20ten  December  Abends)
der  Feind  sey  wirklich  gegen  Ohlau  mit  ganzer  Macht
in  Bewegung,  veranlaßte  den  General  Vandamme,
daß  er  den  General  Minucci  mit  dem  ersten  Bataillon
  vom  Regiment  Prinz  Karl  dahin  ziehen  ließ,
während  dessen  der  Oberst  Graf  Berchem  den  Oberbefehl
  der  zurückbleibenden  Truppen  von  der  zweiten
baierischen  Division  vor  Breslau  übernahm.  Allein  schon
anderes  Tages  zeigte  sich  daß  die  feindlichen  Streifereien
  gegen  Ohlau  nur  Vandammess  Blick  irre  leiten
sollten,  während  Fürst  Anhalt-Pleß  mit  einem  bei  Strehlen
  (Nachts  vom  20sten  zum  30sten  December)  zusammen
  gezognen  Corps  von  10,000  Mann  die  vor  Breslau
  geschwächten  Baiern  überrumpeln,  und,  unterstützt
durch  einen  Ausfall  der  Belagerten,  die  Stadt  entsetzen
wollte.  Der  Fürst  gab  durch  Anzündung  eines  Dorfes
dem  Festungsbefehliger  das  Zeichen.  Dieser  versäumte
eber  den  rechren  Augenblick  zur  Mitwirkung,  der  den
        <pb n="409" />
        —  70  —

Untergang  des  schwachen  Belagerungscorps  hätte  herbeiführen
  können.

Vandamme  hingegen  schickte  rasch  den  Grafen
Berchem  mit  zwei  Bataillonen  des  13ten  Linien-Regiments,
  dem  ersten  Bataillon  vom  Regiment  Prinz
Karl  und  100  Chevaurlegers  unter  Oberst  Zandt  aus,
dem  Vordringen  der  Feinde  Widerstand  zu  leisten.  Hauptmann
  Theobald  mußte  mit  100  Fußgängern  bei  Klettendorf
  die  Straße  nach  Strehlen  beobachten;  er  nahm
aber  bald  den  dazu  schicklicheren  Standpunct  in  Oldatschin.
  Die  Oberlieutenants  Zobel  und  Walraf  vom
Tten  Linien-Regiment  mußten  bei  Grieschwitz  und  Klein-Schottgau
  mit  50  Mann  das  Auge  auf  die  Schweidnitzer:
  Straße  halten.  Allein  weil  General  Vandamme,
  wie  sehr  er  daran  auch  erinnert  ward,  die  verschiedenen
  Pikets  ohne  Verknüpfung  mit  den  übrigen  Abtheilungen
  ließ,  konnt'  es  dem  Fürst  Anhalt-Pleß  gelingen,
sie  alle  zu  umgehen.

Ganz  unbemerkt  war  sein  Vortrab  bei  Tagesanbruch
(50ten  December)  schon  bis  Durgau  und  in  den  Ricken
  eines  würtembergischen  Bataillons  daselbst  gekommen,
  während  seine  Hauptmacht  an  beiden  Ufern  der
Lohe,  links  bis  zur  Schweidnitzer,  rechts  bis  zur  Ohlauer=
  Straße  gedehnt,  vorwärts  drang.  Starke  preussische
  Abtheilungen  bemächtigten  sich  auf  dem  Juge  der
Dörfer  Woischwitz  und  Oldatschin.  Hauptmann  Theobald,
  am  letztern  Ort,  vom  Feind  und  den  Ortsbewohnern
  zugleich  angefallen  und  übermannt,  mußte  sich  nach
heftiger  Gegenwehr  und  mirt  Verlust  von  vierzig  Mann
fechtend  auf  die  Schweidnitzer  Straße  zum  Dorfe  Hartlieb
  ziehen.
        <pb n="410" />
        Nun  aber  flog  im  Doppelschritt  Oberst  Graf  Verchem
  mit  dem  baierischen  Fuß#volk,  und  Oberst  Zande
mit  seinen  hundert  Chevaurlegers  aus  dem  Lager  von
Gräbischen  nach  Kleinburg,  und  vereinigte  sich  da  mit
dem  würtembergischen  Kriegsvolk.  Eine  kleine  Jahl
Schützen  von  diesen,  der  tapfere  Oberst  Zandt  mit  seiner
  Reiterei,  und  das  erste  Bataillon  vom  13ten  Linken=Regiment
  stürmten  alsbald  in  das  Dorf  Weischwitz  ein,
und  trieben  den  Feind  nach  dem  Dorfe  Oldatschin.  Dies
hatte  er  stark  besetzt.  Ein  preußisches  Bataillon,  eine
Kanone  und  ein  Geschwader  Reiterei  beim  Oorfe  schienen
  auf  feste  Vertheidigung  dieses  Punctes  zu  deuten,
wozu  auch  das  bei  Lammsfeld  aufgestellte  schwere  Geschüts
  mitwirken  zu  wollen  schien.  Jedoch  Oberst  Berchem
  rückte  ohne  Zôgern  mit  zwei  Compagnien  vom
Regiment  Prinz  Karl,  dem  ersten  Bataillon  vom  13ten
Regiment,  mit  Zandt's  Chevaurlegers,  einigen  Feldstücken
  des  Oberlieutenants  Leiningen  und  einer  würtembergischen
  leichten  Batterie  gegen  die  Mitte  der  feindlichen
  Reihen  an.  Die  Preußen  stritten  tapfer;  warfen
den  Angriff  mehrmahl  zuruck,  wurden  aber  dennoch  endlich
  aus  Oldatschin  und  vom  wohlbesetzten  Kirchhof  verjagt
  mit  Zurücklassung  vieler  Gefangnen.  Auch  Hauptmann
  Theobald  kammit  seinen  Tapfern  hieher  von  Harrlieb,
  und  trug  durch  seinen  ausgezeichneten  Muth  wie  durch
kriegsmännische  Umsicht  zum  glücklichen  Erfolg  des  Tages  bei.

Als  nun  aber  auch  der  Oberstlieutenant  Epplen
zu  gleicher  Zeit  mit  zwei  Compagnien  vom  Regiment
Prinz  Karl,  unter  Major  Spanskoy,  mit  den  Schuͤ-tzen
  dieses  Bataillons,  und  einem  Zug  Leiningen-Chevaurlegers,
  den  Feind  bei  Lammsfeld  erst  mit  dem  Geschütz
begrüßt,  dann  dessen  rechten  Flügel  bei  Ringwitz  zu  umgehen
        <pb n="411" />
        —  31  —

gehen  gedroht,  und  ihn  zum  raschen  Rückzug  gendthigt
hatte,  war  Berchems's  rechte  Seite  vollkommen  gedeckt.
Darum  konnte  dieser  nun  jenseits  Oldatschin  seinen  Angriff
  gegen  die  feindlichen  Schlachthaufen  fortsetzen.
Mit  Hülfe  des  zweiten  Bataillons  vom  13ten  Linien=Regiment
  und  der  Batterie  des  Hauptmanns  Caspers,
nebst  der  Escadron  Gaddum  von  Leiningen-Chevauxlegers
  (der  franzdsische  Oberst  Duverger  war  mit  dieser
  Truppen-Abtheilung  nach  Oldatschin  geeilt,  nachdem
  er  den  linken  Flügel  der  Preußen  schon  über  Krutten
  und  Klettendorf  verdrängt  hatte),  ward  der  Feind,
trotz  seiner  Ueberlegenheit,  über  Wasserjeursch  gegen
Schweidniz  zurückgeworfen.  ")

Der  Sieg  war  erfochten,  als  am  Abend  noch  General
  Montdrun,  mit  der  würtembergischen  Cava- 



Ausgezeichnete  Erwähnung  verdient  die  Gewandtheit,  mit
welcher  Oberst  Graf  Berchem  an  diesem  Tage,  als
Folge  verschiedener  Bewegungen,  Schwenkungen,  wie  auf
dem  Ererzierplatz,  seinem  Gegner  große  Schwäche  zu  verbergen,
  so  wie  zweckmäßigen  Aufmarsch  zu  begünstigen
wußte.  Gerechtes  Anerkenntniß  gebührt  auch  dem  einsichtsvollen
  Oberstlieutenant  Epplen.  Nicht  geringer  waren
die  von  der  Artillerie  und  besonders  von  dem  Hauptmann
Caspers,  den  Oberlieutenants  Graf  Leiningen  und
Baron  Gravenreuth  geleisteten  großen  Dienste.  Der
tapfere  Oberst  Zandt  mit  jenen  bis  52  Pferde  geschmolzenen
  100  Chevauxlegers  vom  Regimente  Leiningen,  nahm
dem  Feinde  eine  bis  auf's  außerste  vertheidigte  Kanone
ab,  nachdem  die  preußischen  Artilleristen  auf  ihren  Stücken
  zusammengehauen  waren,  ein  Vortheil,  welcher  jer
doch  durch  den  Tod  des  ausgezeichneten  Rittmeisters  Stubenrauch
  und  anderer  braven  bagierischen  Männer  theuer
erkauft  wurde.

II.  Stes  Buch.  6
        <pb n="412" />
        —  82  —

—

lerie-Brigade,  und  General  Minucci,  mit  dem  balerischen
  Fußvolk,  von  Ohlau  her,  vor  Breslau  ankamen.
Doch  hier  verzdgerten  sie  nicht;  rückten  sogleich  nach
Strehlen,  und  faßten  folgendes  Tages  (51ten  December)
  zur  Verfolgung  des  Feindes  eine  Stellung  bei  Floriansdorf.
  Auch  Oberst  Zandt  mit  dem  dritren  Regiment
  Chevaurlegers  nahm  gleichzeitig  über  Klettendorf
diese  Richtung  gegen  Schweidnitz;  machte  bei  Wernersdorf
  viele  Gefangene,  und  vereinigte  sich  bei  Floriansdorf
mit  den  Generalen  Minuzzi  und  Montbrun.  Folgendes
  Tages  setzte  er  seine  Bewegung  gegen  Schweidniz
  fort,  mit  ihm  das  Dragoner-Regiment  Taxris,  die
Batterie  Caspers,  und  50  Würtemberger  Schäützen.
Die  Dörfer  Seifriedau  und  Gros-Merzdorf  wurden  besetzt;
  im  letztern  das  Geschütz  aufgestellt.  In  Weizenrode,
  wo  hundert  Mann  preußischer  Reiterei  lagen,  wurden
  36  derselben  durch  Ueberfall  vom  baierischen  Major
von  Werch,  an  der  Spitze  zweier  Escadronen  Taris-Dragoner
  gefangen,  die  andern  versprengt.  Dieß  geschah
  am  Neujahrstag  (1807)  und  wurde  Veranlassung
einer  ganzen  Reihe  kleiner,  blutiger  Gefechte.  Denn  die
Versprengten  kamen  mit  neuen  Verstärkungen  zurück,  und
stürzten  mit  solcher  Wuth  auf  die  baierischen  Dragoner,
daß  diese  zurück  prallten  und  anfiengen,  sich  in  wilder
Unordnung  zu  zerstreuen.  Nur  mit  Mühe  gelang  es  den
Hauptleuten,  sie  wieder  zu  sammeln,  und  zur  Nache  zu
entflammen.  Sie  ward  genommen.  Die  Preußen  sahen
sich  angegriffen,  geschlagen,  und  mit  Verlust  mehrerer
Gefangenen  in  die  Vestung  zurückgejagt.  Aber  noch  einmahl
  verstärkr,  erschienen  sie  wieder,  und  immer  wuchs
im  Gefecht  die  JZahl.  Zwar  auch  die  Baiern  empfiengen
  von  einem  Geschwader  Leiningen  Chevauxlegers
        <pb n="413" />
        Huͤlfe.  Aber  die  Staͤrke  der  Preußen  stieg  zuletzt  auf
sieben  Escadrone,  zwei  Bataillone  Fußvolks  nebst  zwei
Kanonen.  Die  Baiern  zogen  ebenfalls  den  uͤbrigen  Theil
des  Regimentes  Leiningen  und  Taris,  nebst  einer  Kanone
  zu  sich.  Der  Oberst  Graf  Seidwitz  befehligte
diese  alle.  Wie  aber  die  Nacht  im  Gefecht  vergangen,
der  Morgen  angebrochen,  die  feindliche  Uebermacht  vor
ihm  war,  wollt'  er  die  Tapfern  ?)  nicht  länger  einem
fruchtlosen  Kampfe  hingeben.  Er  zog  sich  erst  auf  die
Höhen  hinter  dem  Dorfe,  dann  auf  Befehl  des  Generals
Montbrun  nach  Klettendorf,  und  (Sten  Jänner)  endlich
  nach  Canth  #*##)  und  Liegnitz.

Während  dieser  Ereignisse  ward  die  Beschiessung
von  Breslau  lebhaft  fortgesetzt.  Die  Belagerten  erwiederten
  das  Feuer  nachdrücklich,  aber  versäumten  einen
Ausfall  zu  machen,  der  um  so  entscheldender  in  diesen
Augenblicken  werden  konnte,  da  der  Fürst  Anhalt- 



6)  Graf  Seidwiß  erkannte  gerecht  die  ruhmvollen  Anstrengungen
  seiner  Untergebenen  an,  sämmtlicher  OÖffiziere,
des  Corporals  Krüll,  der  Dragoner  Gumitsch,  Ederer
  und  Herz,  welch'  letztere  zwei,  schon  verwundet,
einen  ihrer  Kameraden  aus  den  Händen  der  Preußen  befreieren,
  und  einen  feindlichen  Rittmeister  gefangen  nahmen,
  alles  noch  während  des  Neujahrtages,  an  welchem
auch  der  Oberlieutenant  Zautmann  schwer  verwundet
worden  war.

##)  Der  Verlust  während  jenes  Gefechtes  bestand  in  drei
Gefangnen,  sieben  Verwundeten  und  zwei  Permißten.
(Die  Offtziere  und  Gemeine,  welche  sich  während  desselben
vorzugsweise  hervorgethan  hatten,  sindet  man  in  den  Armeebefehlen
  vom  18ten  Jänner  1807.  J.  4,  und  vom  isten
Februar  1807.  J.  ö.  gufgezeichnet.)

6  2
        <pb n="414" />
        —  84  —

Pleß  so  nahe  stand,  da  er  Vandamme's  ganze  Stärke
an  sich  zog,  da  in  den  Laufgräben  nur  eine  schwache  Anzahl
  Balern  Widerstand  zu  leisten  übrig  war,  und  sogar
noch  während  der  Gefechte  (am  30sten  December)  die
baierische  Zwölfpfünder  Batterie  des  Hauptmanns  Tausch
abgeführt  werden  mußte.  Das  Feuer  aus  der  Vestung
that  nur  geringen  Schaden.  )  Bald  verstärkten  auch
wieder  4,000  Würtemberger  die  kleinen  Haufen  der  Baiern
  vor  Breslau.

Endlich,  da  der  preußische  Oberbefehlshaber  dieser
Stadt  am  Entsatz  derselben  verzweifelte,  knüpfte  er  (###e#n
Jaͤnner)  abermahls  neue  Unterhandlungen  an.  Man
hielt  sie  für  wenig  ernsthaft.  Denn  noch  waren  sämmetliche
  Vestungswerke  in  gutem  Zustande.  Die  hineingeworfenen
  10,000  Kugeln,  Bomben  und  Haubitzgranaden
hatten  nur  dem  Innern  der  Stadt  geschadet.  Die  Besatzung
  bestand  noch  aus  7,000  Mann,  und  war  im  Besitz
  unermeßlicher  Mund=  und  Kriegsvorräthe.  Dem  ungeachtet
  übergab  der  Generallieutenant  Thiele  (öten
Fänner)  die  Hauptfeste  des  schlesischen  Landes,  welches
  seinem  Könige  so  hoch  wichtig  war.  Am  sechsten
Fänner  Abends  besetzten  die  Belagerer  schon  mehrere
Thore.  Folgendes  Tages  zogen  7,000  Preußen  aus  dem

 

——“"“"“

*)  Der  Proz-Wagen  einer  Haubitze  flog  in  die  Luft,  die
Speichen  der  Räder  wurden  zertrümmert.  Nichts  konnte
jedoch  den  braven  Führer  derselben  und  die  ausgezeichneten
  Artilleristen,  die  Corporäle  253w,  Ecsstein,  Hening,
  Maper,  abhalten,  ihre  Pflicht  zu  erfüllen,  das
erwähnte  Geschütz  der  größten  Gefahr  zu  entreissen.  (Siehe
Armeebefehl  vom  isten  Febrauar  1807.  J.  4.)
        <pb n="415" />
        —  35  —
Nicolaithor  hervor,  und  streckten  auf  dem  Glacis  im
Angesicht  des  Belagerungs-Heeres,  welches  an  beiden
Seiten  der  Straße  aufgestellt  war,  die  Waffen.  Das
dreizehnte  Linien-Regiment  führte  die  Gefangnen  ab.
General  Minuzzi  zog  an  der  Spitze  seiner  Baiern“)
in  die  eroberte  Stadt  ein.

Diese  Eroberung  hatte  den  belden  baierischen  Dioilsionen
  nur  geringen  Blutverlust  gekostet,“)  aber  ihnen
mehr,  als  ein  ehrenvolles  Zeugniß  von  Freund  und  Feind
erworben.  7)  Nicht  kleinen  Theil  daran  hatte  auch  die

*)  Mit  dem  isten  Infanterle  =  Leib-Regimente,  dem  2ten,
Sten  und  7ten  Linien-Infanterie-Regimente,  dem  öten
leichten  Bataillon  Preising,  der  Reserve=  Escadron  und
der  erforderlichen  Artillerie.

½)  Der  Verlust,  welchen  die  erste  baierische  A#ermee-Division  während
  der  ganzen  Belagerung  erlitten  hatte,  bestand  in  zwei
Todten  und  sechs  Verwundeten,  bei  der  zweiten  Armee-Division
  in  einem  Todten  und  einem  verwundeten  Offizier,  in
sechs  todten  und  sechs  und  dreißig  verwundeten  Soldaten.
(Ueber  die  Auszeichnungen  der  verschiedenen  Individuen
während  der  Belagerung  siehe  Armeebefehl  vom  18ten  Jänner
  1607,  26ften  Jänner  1807.  S.  2,  3,  5  und  5,  üsten
Februar  1807.  K.  1.,  täten  März  1807.  F.  2.)

*#*)  Die  commandirenden  baierischen  Generäle,  so  wie  die
Chefs  der  französischen  Artillerie  und  des  Genies  erwähnten
  bei  jeder  Gelegenheit  der  geleisteten  ausgezeichneten
Dienste  der  baierischen  Ingenieur-Oberlieutenants  Edlinger
  und  Hazzi.  (Anerkennung  von  Seiten  des  französischen
  Machthabers,  der  von  den  Baiern  und  Würtembergern
  in  Schlesien  bis  zur  Uebergabe  von  Breslau  geleisteten
  Dienste,  siehe  38stes,  AßsteS,  dostes,  51stes  Bülletin
  der  großen  Armee.)
        <pb n="416" />
        —  86  —

Divisson  Deroy,  obwohl  wir  ihrer  außer  der  Brigade
Siebein,  nur  selten  erwähnten.  Denn  sie  bildete
am  rechten  Oderufer  gewissermassen  das  Beobachtungsheer,
  versah  den  beschwerlichen  Piket=  und  Vorpostendienst,
  und  wenn  dieselbe,  ungeachtet  sie  immerwährend
  dem  heftigsten  Feuer  von  den  Wällen  ausgesetzt
war,  nur  unbedeutenden  Verlust  erlitten  hatte,  war
dieß  die  Frucht  der  Thätigkeit  und  Einsicht  des  Generalmajors
  oon  Raglowich  gewesen.

———————

7.

Einnahme  von  Brieg.  Belagerung  von  Kosel.
Gefechte  bei  Wartha  und  Kdnigswalde.

Jetzt  empfieng  sie  den  Auftrag,  die  Vestung  Brieg
zu  berennen,  und  einzunehmen,  während  der  franzdsische
  General  Vandamme  in  gleicher  Absicht  mit  dem
würtembergischen  Kriegsvolk  gegen  die  Vestung  Schweidnitz
  rückte.

Alsbald  zogen  (7.  Jänner)  das  bte  Linien-Regiment,
  eine  Abtheilung  des  leichten  Bataillons  Taris  und
eine  Compagnie  Fußjäger  bei  Ohlau  über  die  Oder.
General  Mezanelli,  welcher  bisher,  um  die  Baiern
am  rechten  Ufer  vor  Breslau  zu  decken,  mit  dem  ersten
Dragoner=  und  zweiten  Chevaurlegers-Regiment  in  den
Umgegenden  von  Kalisch  gestanden,  nun  zurückgegangen.
war,  mußte  mit  seiner  Reiterei-Brigade  und  dem  sechsten
  leichten  Bataillon  über  Lewen,  Schurgast  und  Laskowitz
  die  Vorhut  von  Deroy's  Division  gegen  Brieg
bilden.  Voran  ihm  in  dieser  Richtung  streifte  spähend
Vschon  isten  Jänner  1807)  der  Rittmeister  Kraus  nach
        <pb n="417" />
        Namslau  mit  einem  Geschwader  Chevauxlegers.  Und,
wie  er  hier  vernahm,  daß  ein  Bataillon  Preußen  mit
zwei  Kanonen  von  Brieg  nach  Oppeln,  von  da  zur  Veste
Kosel  gegangen  sey,  setzte  er  nach.  Dreiviertel  Stunde
von  Kosel  fand  er  den  Jug  der  Preußen,  hieb  ein,
sprengte  sie,  und  machte  sieben  und  sechszig  Gefangene,
darunter  den  Bataillons=  Chef  nebst  fünf  Offizieren,  dazu
  zwei  Kanonen  und  51  Gewehre  Beute.  Nur  der
Oberlieutenant  Baron  Kleudgen,  welcher  durch  manche
kühne  Waffenthat  schon  Ehre  gewonnen,  ward  hier  des
Todes  Raub.“)

An  demselben  Tage,  da  General  Raglowsch  die
PVestung  Brieg  am  linken  Ufer  der  Oder  einschloß  (Zten
Fänner),  geschah  es  auch  durch  Mezanelli's  Brigade,
bei  Ohlau  über  die  Oder  gegangen,  am  rechten  Ufer.
Mezanelli  forderte  sogleich,  wenn  schon  vergebens,
zur  Uebergabe  auf.  Ein  gleich  darauf  erfolgter  kleiner
Ausfall  ward  zurückgewiesen.  Folgendes  Tags  vollendete
General  Deroy,  mit  seinem  gesammten  nachrückenden
Fußvolk  die  Einschließung,  und  schickte  den  General
Mezanelli  mit  den  beiden  Regimentern  Reiterei  und
dem  sechsten  leichten  Bataillon  nach  Grottkau;  den  Rücken
  des  Belagerungscorps  zu  decken.  Zu  Grottkau
aber  lag  schon  eine  feindliche  Abtheilung  von  450  Reitern.
  Major  Floret  vom  zweiten  Chevaurlegers-Regiment
  zog  mit  einer  Escadron  voraus,  und  schickte  den

#.

*)  Schwer  verwundet  wurde  der  Lieutenant  Walter;  auch
ein  Gemeiner  und  sechs  Pferde  wurden  erschossen,  zwei
Chevaurlegers  verwundet.  (Siehe  Armee=  Befehl  vom
18ten  Jänner  18307.  F.  5.,  öten  Juni  1807.  f.  1.)
        <pb n="418" />
        Oberlientenant  Baron  Zweybruͤcken  mit  zwoͤlf  Mann,
Kundschaft  einzuziehen.  Dieser,  am  Thore  von  Grottkau
  durch  ein  heftiges  Karabinerfeuer  ploͤtzlich  uͤberfallen,
  hieb  darum  nicht  minder  ein,  und  trieb  ihn  nach
lebhaften  Widerstande  in  die  Stadt  zuruͤck,  zur  andern
Seite  hinaus.  Hier  erblickte  er  die  feindliche  Hauptmasse,
  und  zugleich  schon  von  ihr  den  Lieutenant  Grafen
  Hirschberg  umzingelt,  der  um  die  Stadt  herum
geritten  war.  Er  hieb  ihn  aus  der  Menge  heraus,
rief  seinen  Tapfern  ein  kräftiges  Wort  zu,  dem  die  noch
kräftigere  That  folgte.  Er  und  der  brave  Wachtmeister
Börstel  voran,  stürzten  sich  die  Baiern  wild  in  den
Feind,  der  durch  die  Tollkühnheit  derselben  erschüttert,
die  Flucht  ergriff.  Vergebens  suchten  sich  die  Fliehenden
noch  einmahl  zu  sammeln.  Anderthalb  Geschwader  des
ersten  Dragoner-Regiments  kamen  dem  Baron  Zweibrücken
  zu  Hülfe,  der,  wenn  gleich  sehr  verwundet,
die  Preußen  noch  fast  bis  Neisse  verfolgte,  und  ihnen
60  meist  verwundete  Husaren,  mit  60  Perden  und  einen
  Offizier  zu  Gefangenen  machte.  “)

*)  Bei  dleser  Waffenthat  zeichneten  sich  vorzüglich  aus:  der
Oberlieutenant  Baron  Zweybrücken,  der  Lieutenant
Baron  Hirschberg,  der  Major  Floret,  der  Wachtmeister
  Börstel,  die  Corporäle  Waldmann,  Sgal  und
Gresser  der  jüngere,  die  Gemeinen  Lauer,  Jäger
und  Kothascher,  der  Dragoner  Larner,  welcher
seinem  Oberlieutenant,  dem  Grafen  Lerchenfeld  das
Leben  gerettet  hatte,  die  Gemeinen  Hunold,  B  auschel,
Feidel,  Meierhofer,  Baumeister,  Derschem
und  Fischer.  (Siehe  Armeebefehl  vom  öten  Februar
1807.  JV.  1.  und  7.)

Der  Verlust  baierischer  Seits  bestand  in  einem  verwundeten
  Öffizier  und  sieben  verwundeten  Reitern.
        <pb n="419" />
        Nach  diesem  Gefecht  stellte  sich,  zum  Schutz  der
Belagerung  General  Mezanelli  mit  seiner  Reiter--Brigade
  und  dem  Bataillon  Taxis  *)  in  und  bei  Grottkau,
  kurz  darauf  bei  Schoͤnfeld,  Konradswaldau  und
Kreisewitz  auf;  so  wie  General  Siebein,  der  (am
1  iten  Jänner)  mit  dem  10ten  Linien-Regiment  vor  Brieg
ankam,  bei  Schüsseldorf,  Herrnsdorf,  Bergisdorf  und
Paula.  Major  Braun  mir  seinem  leichten  Bataillon
mußte  zu  Schbnfeld  die  Verbindung  zwischen  Mezanelli
und  Siebein  unterhalten,  endlich  auch  Schurgast  und
Ldwen  besetzen.  Nachdem  auch  das  erste  Leib-Infauterie-Regiment
  (12ten  Jänner)  vor  Brieg  eintraf,  ward
zu  Pampitz,  Krauschwitz  und  Langwitz  mit  zwei  Kanonen
  aufgestellt.

Mittlerweile  war  bei  Briesen  die  vom  Feinde  vernichtete
  Ueberfahrt  durch  General  Raglowich  vollkommen
  wieder  hergestellt.  Die  Vollendung  der  Wurfbatterien
  ward  mit  Eifer  betrieben;  vom  Artillerte  Oberlieutenant
  Dietrich  der  vom  Feind  verlassene  Brückenkopf
  am  rechten  Oder-Ufer  besetzt,  die  äußere  Brücke
wieder  aufgerichtet,  und  die  Vestung  aus  den  Batterien,
so  oft  deren  eine  vollendet  war,  mit  Nachdruck  beschossen.
  Dieß  und  die  kühne  Rastlosigkeit  der  Belagerer,
welche  700  bis  800  Schritt  von  der  Vestung,  in  vollen
Kartätschenschuß  derselben,  bei  der  strengsten  Kälte,  mit

1

*)  Die  Bataillons  Taris  und  Braun  bildeten  sich  aus  dem
öten  leichten  Bataillon,  welches  einsweilen  in  zwei  gleiche
Theile  getheilet,  jedem  Theile  eine  Fußjäger-Compagnie  beigegeben,
  einer  derselben  dem  Oberstlientenant  Grafen  Ta-#this,
  der  andere  dem  Major  Braun  untergeordnet  wurde.
        <pb n="420" />
        Schnee  und  Sturmwind  Batterien  und  Laufgraͤben  anlegten,
  erschütterte  den  preußischen  Vestungs-Befehlshaber,
  General  Cornerut.  —  Wie  entschlossen  er  auch
anfangs  jede  Aufforderung  abgelehnt  hatte,  unterzeichnete
er  doch  schon  am  161ten  Jänner  die  Capitulation,  und
übergab  die  zwar  mangelhafte  befestigte,  doch  nicht  unwichtige
  Stadr  mit  allen  ihren  reichen  Vorräthen.)
Iweihundert  Mann  überlieferten  sie  dem  Sieger  in
Kriegsgefangenschaft.  Das  erste  Bataillon  von  dem  vierten
  baierischen  Linien  -Regiment  bildete  fortan  unter
Oberst  Pierron  die  Besatzung.  Weder  die  Belagerer
noch  die  Belagerten  hatten  bisher  bedeutenden  Verlust
an  Menschen  erlitten,  die  Baiern  nur  zwei  Getbdtete
und  eben  so  viel  Verwundete.  “")

Der  Fall  von  Brieg  vereitelte  sowohl  die  vorgeschlagene
  Zusammenkunft  des  Fiürsten  Anhalt-Pleß

 

*)  Man  fand  153  Stücke  Geschütz,  738  Zentner  Pulver,
250,000  Flinten-Patronen,  30,000  Karabiner-Patronen,
1500  Kartätschen,  beträchtliche  Magazine  von  Lebensmitteln
  aller  Art,

*)  Noch  werde  hier  der  bei  der  Belagerung  geleisteten  Dienste
der  baierischen  Artillerie,  ihren  Chef  den  Major  Grafen
Spretti  an  der  Spitze,  vorzüglich  aber  des  Oberlieutenants
  Dietrich  der  Batterie  des  Hauptmanns  Göschl,
welcher  auf  dem  rechten  Oderufer  nicht  allein  die  Dienste
eines  Artillerie=  sondern  auch  eines  Ingenieurs  -Offiziers
versab,  und  die  Besehung  des  Brückenkopfes  und  des  hinter
  selben  liegenden  Hornwerks  mit  der  größten  Einsicht
und  Tapferkeit  leitete,  ehrenvoll  gedacht.  (Siehe  Armeebefehl
  vom  26ften  Jänner  1807.  5.  1.  26sten  September
4807.  F.  1.)
        <pb n="421" />
        mit  dem  Prinzen  Jerome  zu  Pampitz,  als  auch  den
Wunsch  des  Fuͤrsten,  einen  dreimonatlichen  Waffenstillstand
  zu  erhalten.  Denn  mit  Brieg  hatte  der  preußische
Befehlshaber  in  Schlesien  zugleich  ein  Entschaͤdigungsmittel
  verloren,  welches  er  für  Bewilligung  der  Wafsenruhe
  anbieten  konnte.  Prinz  Jerome  richtete  daher
  den  Blick  auf  die  Eroberung  der  Vesten  Kosel  und
Schweidnitz.

General  Deroy  wandte  sich  gegen  Kosel.  Mit  seiner
  Dioision  waren  die  Batterien  Roppelt,  Gdschel,
Vandouve.  Ihm  zur  Rechten  zog  die  Brigade  Mezanelli
  nebst  den  leichten  Bataillonen  Braun  und
Taxis,  zur  Sicherheit  vor  feindlichen  Wagstücken  von
Neisse  her.  Er  kam  vor  Kosel  an.  (23ten  Jänner)  Die
Vestung  war,  nach  Montalembert's  Vertheidigungsweise
  in  Rechtwinkeln,  gänzlich  umgewandelt,  mit  trefflichen
  Kasematten  versehen,  und  von  tiefen  mit  Caponnieren
  gedeckten  Graben  umringt.  Darin  befehligte  der
tapfere  Oberst  Neumann  an  der  Spitze  vieler  Braven.

Gleichwie  Deroy  die  Stadt  mit  dem  5ten  und
10ten  Regiment,  auch  dem  zweiten  Bataillon  vom  aten
Linien-Regiment  und  drei  Geschwadern  des  zweiten  Chevaurlegers-Regiments
  auf  dem  linken  Oderufer  umschloß:
so  that  dasselbe  auf  dem  rechten  Ufer  der  General  Siebein.
  Dieser  war,  der  Brigade  Raglowich  über  Oppeln
  folgend,  mit  seiner  Brigade,  und  begleitet  von  der
Batterie  des  Hauptmanns  Peters,  vor  Kosel  erschienen.
  Man  verlegte  die  Mannschaft  auf  die  benachbarten
  Dörfer  umher,  und  stellte  nur  die  Pikets  auf  Kanononenschuß-Weite
  in  die  Ortschaften  Rogan,  Klodniz,
Kobelviz,  Reinsdorf,  Pogerzellitz  und  in  das  Jägerhaus.
        <pb n="422" />
        Denn  die  winterliche  Witterung  war  aͤußerst  rauh,  der
Frost  strenge.  Aber  auch  eben  diese  Kaͤlte  machte  es  nur
moͤglich,  sich  einer  Stadt  belagerungsweise  zu  nahen',
die  bei  milderer  Witterung  vermittelst  eines  vortrefflichen
  Wasserspiels  rings  umher  den  Boden  überschwemmen
  kann,  der  ohndem  so  sumpfig  ist,  daß  man  fast
überall,  wo  man  einschreitet,  schon  bei  anderthalb  Fuß
Tiefe  Wasser  erblickt.

Der  Generallieutenant  Deroy  hatte  sein  Hauptgelager
  in  Comorn,  Siebein  zu  Januskowitz,  Raglowich
  in  Reinsdorf,  Mezanelli  zu  Oberglogau,  von
wo  er  Verbindung  mit  dem  kleinen  Beobachtungs-Corps
des  französischen  Generals  Lefebre  zu  Oppeln  Cnachmahls
  bei  Strehlen)  unterhielt,  welcher  die  Belagerung
von  Schweidnitz  zu  decken  hatte.

In  den  ersten  Tagen  begnügte  man  sich  einzelne
Kanonenschüsse  zu  wechseln,  die  Umgebungen  der  Vestung
zu  untersuchen,  das  von  Breslau  kommende  Belagerungsgeschütz
  unterwegs  zu  sichern,  die  ersten  Batterien  vor
dem  Dorfe  Klodnitz,  hinter  dem  Damm  und  an  der
dußeren  Brücke  anzulegen,  Streifzüge  auszusenden,  um
allfälligen  Bewegungen  des  Feindes  nachzuspähen,  und
bei  Pogerzellitz  eine  Ueberfahrt  der  Oder  und  damit  bessere
  Verbindung  des  Belagerungsheeres  herzustellen.
Auch  trafen  zur  Hülfe  30  franzdsische  Sappeurs  mit  zwei
50  Pfünder  Mbrser  ein.

Die  Belagerung  drohte  von  langer  Dauer  zu  werden.
  Der  Befehliger  der  Vestung  hatte  jede  Aufforderung
  abgeschlagen  und  erklärt,  nicht  an  Uebergabe  zu
denken,  bis  ihm  das  Tuch  in  der  Tasche  brenne.  Er
beschoß  fortwährend,  wenn  auch  ohne  Erfolg,  die  ausge-
        <pb n="423" />
        —  93  —

stellten  Posten,  brannte  erst  eins  der  Häuser  von  Klov
niz,  jenseits  des  Mühlbachs,  endlich  (206ten  Jänner)
das  Dorf  Klodniz  selbst  durch  Haubitzgrenaden  ab.  Endlich
  (28.  Jänner)  fiel  er  sogar  mit  300  Mann,  zwei
Kanonen  und  einiger  Reiterei  aus,  vermuthlich  um  die
Stellung  der  Brigade  Siebein,  die  sich  rechts  an  die
Oder  lehnte,  zu  umgehen,  und  sich  der  bei  der  sogenannten
  Eisen-Niederlage  befindlichen  Artillerie  zu  bemächtigen.
  Gebüsche  verbargen  anfangs  den  feindlichen  Zug,
bis  er  eine  kleine  Hdhe  vor  dem  montalembertischen
Thurm  erreicht  hatte,  von  da  er  das  heftigste  Feuer  gegen
  das  Piket  bei  der  Eisen-Niederlage  richtete.  In
verschiedenen  Haufen  rückte  indessen  sein  Fußvolk  gegen.
den  Kanal  von  Klodniz.

Allein  die  ausgestellten  Posten,  alle  vom  ersten  Linien-Infanterie=
  oder  Leibregiment,  thaten  ihre  Pflicht.
Der  Lieutenant  Baron  Griessenbeck  warf  sich  mit  seinem
  schwachen  Piker  dem  Feinde  kühn  entgegen.  Er
selbst,  obgleich  schon  im  Halse  verwundet,  nahm  mit
eigner  Faust  zwei  Preußen  gefangen.  Hauptmann  Peters
  ließ  eine  seiner  Kanonen  schleunig  auf  den  Kanaldamm
  führen,  und  sie  furchtbar  spielen.  Hauptmann
Hofsterten  stellte  mit  nicht  geringerm  Erfolg  eine  Kas
none  vor  den  Eingang  des  Dorfes.  Der  Lieutenault
Anton  Baron  Gumppenberg  bedrohte  mit  seinen
Schützen  vom  ersten  Bataillon  des  Feindes  rechte  Seite,
während  der  Oberstlieutenant  Graf  Waldkirch  rasch
sämmtliche  Abtheilungen  des  Leib-Regimentes  in  Bewegung
  setzte,  jedem  mdglichen  Unfall  seiner  bedrängten
Pikets  vorzubeugen.  Also  ward  der  Feind  über  den  Kanal
  zurückgeworfen.  Auch  das  Feuer  des  am  linken
Oderufer  stehenden  Pikets  (ein  Unteroffizier  und  neun
        <pb n="424" />
        Mann)  vom  zweiten  Vataillon  des  #ten  Linlen-Regie.
ments  wirkte  kräftig  zum  Rückzug  der  Belagerten;  denn
die  Oder  ist  dort  nicht  zu  breit.

Denselben  Tag  verschdnerte  die  Waffenthat  eines
jungen  baierischen  Offiziers,  des  Lieutenants  Besserer,
den  der  General  Mezanelli  mit  dreißig  Mann  des
zweiten  Chevaurlegers-Regiments  gegen  Neisse  ausgeschickt
  hatte,  um  das  Treiben  des  Feindes  daselbst  zu
erspähen.  Unterwegs  nahm  er  eine  feindliche  Streifwacht
  von  zwei  Reitern  gefangen,  überfiel  nahe  bei  der
Vestung  im  Orte  Kauerndorf  ein  preußisches  Cavalerie=Depot
  von  80  Mann,  davon  jedoch  mehrere  eben  Brod--und
  Roßfutter  zu  holen  in  Neisse  abwesend  waren,  nahm
acht  Gefangene  und  51  Beutepferde  mit  sich,  und  brachte
die  Nachricht,  daß  die  Besatzung  von  Neisse  in  5000
Mann  zu  Fuß  und  180  Reitern  bestehe.

„Erst  am  Aten  Februar  konnte  das  Belagerungs-Geschütz
  aus  allen  Batterien  thätig  werden.  Der  franzdsische
  Oberst  Blein  leitete  das  Geniewesen.  Das  Wasser
  in  den  Laufgräben  hatte  alle  Arbeiten  sehr  verzdgert.
Aber  weder  die  Beschießung  an  diesem  Tage,  wodurch
nur  die  Gebäude  der  kleinen  Stadt  Kosel  sehr  beschädigt
wurden,  noch  die  an  den  folgenden  Tagen,  brachte  den
Feind,  der  von  den  Wällen  lebhaft  antwortete,  auf  audern
  Sinn.  Sein  Geschütz  traf  wirksam  gegen  die  baierischen
  Batterien,  brachte  der  Mannschaft  Verlust,  und
tddrete  unter  andern  auch  den  selbst  von  den  Franzosen.
hochgeschätzten,  verdienstvollen  Artillerie-Major  Grafen
von  Spretri  in  seiner  Batterie,  durch  das  Stück  einer
zersprungenen  Grenade.

Während  der  Befehlshaber  von  Kosel  die  ihm  anver-
        <pb n="425" />
        —  95  —

traute  Veste  so  ehrenvoll  zu  vertheidigen  wußte,  übergab
der  preußische  Oberstlieutenant  Huaack,  die  dußerst  wichtige
  Vestung  Schweidnitz,  als  Befehlshaber  derselselben,
  an  den  General  Bandamme  (kten  Februar),
doch  unter  der  Bedingung,  daß  die  Besatzung  erst  am
16ten  Februar  kriegsgefangen  seyn  solle,  wenn  bis  dahin
Entsatz  erfolgen  würde.  Erst  seit  dem  zehnten  Jänner
war  sie  von  der  würtembergischen  Division  eingeschlossen
worden.  Der  preußische  Befehlshaber,  mit  einer  tapfern
und  an  allen  Kriegsbedürfnissen  reich  versehenen  Besatzung,
hatte  anfangs  Entschlossenheit  bewiesen;  Vandamme'serste
  Aufforderung  abschlägig  und  sogleich  mit  1,000  Kanonenkugeln
  von  den  Wällen  und  mit  einem  Ausfall  auf
Kletschkan  beantwortet,  nachher  C(I8ten  Jänner)  eine
Batterie  der  Würtemberger  zum  Schweigen  gebracht,
welche  die  Galgenflesche,  das  Jauerniker-Fort  und  den
bedeckten  Weg  der  Jauerniker-Flesche  beschoß;  selbst,
als  endlich  die  Belagerer  (am  Sten  Februar)  den  Anfang
machten,  die  Stadt  aus  allen  nun  vollendeten  Batterien
mit  Bomben  und  Grenaden  zu  beschiessen,  hatte  er  die
Besatzung  und  gesammte  Bürgerschaft,  treu  ihrem  Kdnige,
  die  ungeheuere  Verwüstung  aller  Wohnungen  nicht
geachtet,  sondern  das  Feuer  von  den  Wällen  tapfer  erwiedert,
  und  die  wiederholte  Aufforderung  wiederhole
abgelehnt.  Da  gelang  der  Ueberredungsgabe  des  Prinzen
  von  Hohenzollern,  Adjutanten  des  Prinzen
Jerome,  was  den  Anstrengungen  der  Belagernden  allein
  nicht  gelungen  war.  Der  Oberstlieutenant  H  aak
übergab  den  äußerst  wichtigen  Platz,  voller  Kriegs=  und
Lebensmittel,  an  seinen  Gegner,  welcher  darüber  selbst
erstaunte.

Unmittelhare  Folge  dieses  Ereignisses  war,  daß  man
        <pb n="426" />
        freie  Hand  gewann,  den  Fürsten  von  Anhalt-Pleg
anzugreifen,  und  in  seinen  Entwürfen  zu  stdren,  die
er  allenfalls  noch  bis  zum  16ten  Februar  zur  Entsetzung
von  Schweidnitz  wagen  konnte.  Schon  hatte  er  sich  von
Neisse  nach  Glatz  begeben,  und  schon  vorbereitend  sowohl
  hier,  als  in  dem  festen  Standpuner  von  Wartha
Abtheilungen  seines  Kriegsvolks  anfeepee

Allein  jetzt  machte  sich  General  Lefebre  gegen
ihn  auf.  Dieser,  der  bisher  mit  einem  baierischen
Heerhaufen  (dem  2ten  Dragoner=  dem  öten  Chevaurlegers-Regiment,
  dem  #ten  leichten  Bataillon  Zoller  und
der  Batterie  Caspers)  bei  Strehlen,  zur  Deckung  der
Belagerung  von  Schweidniz  gestanden  war,  vereinigte
mit  sich  noch,  außer  dem  öten  und  14#ten  baierischen  Infanterie
  =  Regiment  und  dem  leichten  dritten  Bataillon
Preysing  auch  die  würtembergische  Infanterie-Brigade
des  Obersten  Reibel,  die  vor  Schweidnitz  frei  geworden
  war.  Mit  diesen  Truppen  brach  er  gegen  Wartha
  auf.

Es  mußte  ihm,  um  sich  auf  beiden  Reisse-Ufern
frei  und  sicher  bewegen  zu  können,  vor  allem  daran
liegen,  schnell  in  Besitz  des  Klosters  Kamentz  zu  kommen.
  Darum  nahm  er  alsbald  seine  Richtung  über
Münsterberg  und  Altmannsdorf  dahin;  Oberst  Graf
Seidewitzz;  mir  dem  zweiten  Dragoner-Regiment,  deckte
ihm  die  linke  Seite.  Die  Brücke  bei  Kamentz  war  stark
mit  feindlicher  Infanterie  und  Reiterei  besetzt,  deren
Pikets  sich  auf  eine  halbe  Stunde  Weges  weit  vorstreckten.
  Aber  sie  wurden  von  einem  Geschwader  Leiningen-Chevauxlegers
  unter  dem  Oberlieutenant  Hertling,
und  den  Schuͤtzen  des  Bataillons  Zoller,  welche  mit

ein-
        <pb n="427" />
        einander  Lefebre's  Vorhut  ausmachten,  alle  zuruͤckgeworfen,
  so,  daß  sie  in  Eil  die  Bruͤcke  zerstoͤren  mußten.
Hertling  ließ  rasch  aber  die  Bruͤcke  herstellen,  und
jagte  tief  in  die  Nacht  noch  dem  Feinde  nach,  dem  er
vier  Husaren  und  einige  Pferde  nahm.  Er  selbst  hatte
zwei  Todte;  das  Bataillon  Zoller  einige  Verwundete.

Von  Kamentz  ruͤckte  General  Lefebre  folgendes
Tags  (8ten  Februar)  gegen  die  feste  Stellung  bei  Wartha
  an.  Aber  zuvor  schickte  er  die  wuͤrtembergische  Brigade
  Reibel  von  der  großen  Straße  nach  Wartha  rechts
ab,  um  durchs  Gebirg  den  linken  Fluͤgel  der  Preußen
zu  umgehen,  und  von  der  andern  Seite  den  baierischen
Obersten  Grafen  Beckers,  mit  dem  bten  Linien-Regiment,
  am  rechten  Neisse-Ufer  aufwaͤrts,  um,  selbst  wenn
auch  durch  unwegsame  Waldberge,  den  Feind  auf  dessen
Rechten  zu  umflugeln.  Erst.  Mutags  konnten  alle  auf
den  angewiesenen  Punct  eintreffen;  es  waren  große  Naturhindernisse
  zu  bekämpfen.

Als  Lefebre  vor  Wartha  erschien,  ließ  er  sofort
die  Hdhen,  welche  Wartha  von  vorn  her  umgeben,  durch
das  Fusvolk  besetzen;  die  beiden  leichten  Bataillone,
näher  vor  sich  links  und  rechts  dehnen,  um  die  Feinde
zu  umklammern;  die  Batterie  Caspers,  unter  großer
Gefahr  und  Anstrengung,  gedeckt  durch  das  Dragoners
Regiment  Taris,  auf  die  Berge  bringen,  von  denen
die  Stellung  der  Preußen  bestrichen  werden  konnte.  Alle
diese  Bewegungen  geschahen  mühselig  und  langsam;
und  nur  erst,  als  män  gewahr  ward,  Oberst  Beckers
habe  seine  schwere  Aufgabe  glücklich  gelder,  den  Feind
umgangen,  dessen  rechten  Flügel  im  Gedränge,  befahl
Lefebre  allseiligen  Angriff.  Mit  Perlust  manches  ta-Pfern
  Baiern  hatte  Graf  Beckers  mit  dem  sechsten

II.  ates  Buch.  7
        <pb n="428" />
        —  98  —

Linien-Regiment,  einem  Kartätschenhagel  aus  der  feindlichen
  Batterie  entgegen,  sich  aus  den  Engwegen  hervor
  entfaltet,  und  die  Stellung  erobert.  Zugleich  war
die  würtembergische  Brigade,  allen  Hindernissen  zum
Trotz,  aus  Ziel  gelangt;  der  linke  preußische  Flügel  von
ihr  umgangen.  Nun  stürzten  von  den  Bergen  herab
links  und  rechts  die  beiden  leichten  Bataillone  gegen  die
Stadt,  hieben  das  Pfahlwerk  um,  und  stürmten  mit  dem
Bajonett  hinein.  Das  Regiment  Leiningen-Chevaurlegers,
  an  der  Spitze  desselben,  (weil  der  Oberst  Baron
Zandt  gefährlich  krank  lag)  der  Rittmeister  Gambs,)
verfolgte  die  Fliehenden,  und  machte  ihnen  mehrere  Ofsiziere
  und  300  Gemeine  zu  Gefangenen.  Das  war  die
Wirkung  eines  dreistündigen  Gefechts.  Lefebre  rückte
nach.  Das  brave  Regiment  Taris-Dragoner,  mit  Verlust
  eines  Lieutenants,  der  gefangen  wurde,  und  sechs
schwer  Verwundeter,  trieb  noch  den  Feind  am  Ausgang
des  Gebirgs  aus  dortigen  Verschanzungen,  die  mit  Fußvolk
  und  Geschütz  besetzt  waren.  Der  Feind  ließ  sechzehn
  verwundete  Schützen  zurück,  und  floh,  eine  halbe
Stunde  von  da,  in  die  Veste  Glatz.

In  allem  hatten  die  Sieger  bei  diesem  Gefecht  zehn
Todte,  sechzig  Verwundete.  Der  Verlust  der  Geschlagenen
  war  bedeutender.  Mit  Recht  erndtete  General
Lefebre  Ruhm  von  diesem  Gefechte,  in  welchem  die

 

*)  Zwar  sagt  ein  Tagesbefehl  des  französischen  General
Hedouvilles,  es  sey  der  französische  Oberstlieutenant
Vouillsé  gewesen,  welcher  genanntes  Regiment  während
jenes  Gefechtes  gegen  den  Feind  führte.  Dem  war  aber
nicht  also;  so  erklärte  es  bald  darauf  das  gesammte  Offizier-Corps
  des  Regimentes  Leiningen.  Bouillé  krschien
  erst,  als  jenes  Regiment  siegreich  in  die  angewissenen
  Cantonirungen  zog.
        <pb n="429" />
        wärtembergischen  Truppen  mit  den  baierischen  in  Ausdauer
  und  Unerschrockenheit  wetteiferten.  )  Darauf
nahm  Lefebre  mit  dem  leichten  Bataillon  Preysing
und  dem  ersten  Dragoner:  Regimenk  eine  Stellung  vor
Glatz;  das  übrige  Kriegsvolk  ward  zwischen  da  und
Wartha  in  enge  Cantonicungen  verlegt,  um  den  Feind
zu  beobachten,  daß  er,  wenigstens  bis  zum  10ten  Februar,
  als  den  für  Schweidniz  entscheidenden  Tag,  keinen
  Entsatz  dahin  bringen  kbnne,

Noch  waren  es  bis  dahin  nur  wenige  Tage,  als
von  mehreren  Seiten  Nachricht  einlief:  Es  ziehe  sich
eine  ansehnliche  Abtheilung  von  den  besten  Truppen  des
Fürsten  von  Anhalt-Pleß  aus  der  Gegend  von  Reinerz
über  Wünschelburg  durch  dsterreichisches  Gebiet  gegen
Friedland.  General  Vandamme  mußte  vor  Schweidniz
  allerdings  durch  diese  Bewegung  der  Preußen  in
große  Verlegenheit  gerathen.  Es  blieb  dem  General
Lefebre  kein  Augenblick  zu  verlieren  übrig,  wollt’  er
den  Fall  von  Schweidniz  sichern,  sogleich  den  anrücken-—

  ———

 

")  Unter  den  Bal#ern  that  sich  besonders  das  Regiment  Lekningen-Chevaurlegers,
  und  sein  Anführer  Gambs  hervor.
  Ausgezeichnet  hatten  sich  vorzüglich  dabei  die  Oberlieutenants
  Hertling,  Scholl,  die  Lieutenants  van  der
Mark,.  Montgrif,  Herrmann  und  Deisenberg,
det  Corporal  Hetrmann,  die  Chevaurlegers  Hetinger
und  Lehnert,  letterer,  weil  er  seinen  vom  Feinde  umringten
  Oberlieutenant  aus  großer  Gefahr  rettete.

Das  brave  öte  Linien  -Regiment  hatte,  geführt  durch
seinen  ausgezeichneten  Obersten  Grafen  Beckers,  vorzüglich
  zu  glücklicher  Entscheidung  des  Tages  beigetragen,  und
General  Lefebre  ließ  demselben  die  genügendste  Gerechtigkeit
  widerfahren=  Oberst  Beckers  bezeichnete  den

7  re
        <pb n="430" />
        —  100  —

den  Feind  durch  eine  Diversion  vom  Belagerungsheere
entfernt  zu  halten.  Zu  dem  Ende  beschloß  er,  den  Feind
aufzusuchen,  sich  zwischen  denselben  und  dessen  Ruͤckzugslinie
  zu  werfen,  und  demselben  den  Rückzug  auf  Wünschelburg
  zu  erschweren  oder  unmdglich  zu  machen,  es
sep  denn,  daß  die  Preußen  das  neutrale  dsterreichische
Gebiet  zum  andernmahle  verletzen  wollten.

Er  gieng  also  (135ten  Februar)  mit  dem  wenigen
baierischen  Kriegsvolk,  das  ihm  zur  Verfügung  war,  nämlich
  dem  Aten  leichten  Bataillon,  dem  sechsten  Linien-Regiment
  zu  Fuß,  drei  Geschwadern  Leiningen-Chevaurlegers
  und  fünf  Kanonen  der  Batterie  Caspers.
nach  Neurode,  von  wo  er  zwei  Geschwader  der  Chevaurlegers
  bis  Kdnigswalde,  als  Vorhut,  rücken  ließ,  die,
wegen  Krankheit  der  beiden  Staabs-Offiziere  des  Regiments,
  vom  franzdsischen  Obersten  Bouillé  befehligt
  wurden.  Die  Stellung  bei  Kdnigswalde  war  darum

 

Hauptmann  Schindling  als  einen  der  Tapfersten  bei
Erstürmung  der  Stadt  und  der  feindlichen  Batterie;  nicht
minder  bemerkte  er  ehrenvoll  die  Sergeanten  Dietz,
Mayer,  Winter,  die  Grenadiere  Zellner  und
Kummermayper,  welche  letztere  dem  Feinde  einen  Munitions-Wagen
  abnahmen.  Das  leichte  Bataillon  Zoller
hatte  unter  seinem  tapfern  Führer  ruhmvoll  gedient,  die
Hauprleute  Storchengu  und  Schimmel,  die  Lieuns
tenants  Schwaben  und  Winkler,  die  Sergeane
Kern  und  Pfaffelhofer  waren  hervorstehend  bemerkt
worden.  Der  Hauptmann  März  und  Lieutenant  Höfel
des  öten  leichten  Bataillons  Preysing  wurden  ehrenvolk
genannt,  der  Corporal  Seltner  des  Negiments  Tarise.
Dragoner  von  seinem  würdigen  Obristen,  dem  Grafen  Seidewiz,
  slänzend  belobt.
        <pb n="431" />
        —  101  —

wichtig,  weil  die  Baiern  nur  durch  ihren  Besitz  vermbgend
  waren,  aus  den  sehr  engen  Pässen  hervorzugehen
und  sich  jenseits  derselben  zu  entfalten.  Allein-  schon
folgendes  Morgens  verkündete  Kanonendonner,  bald  auch
der  Oberst  Bouill'é,  daß  die  beiden  Escadronen  von
der  ganzen  feindlichen  Masse,  und  zwar  von  1500  Mann
zu  Fuß,  300  zu  Pferd  und  einer  Batterie  angegriffen
wären.

Drittehalb  Stunden  lang  wußten  sich  die  hundert
und  fünfzig  Chevauxlegers  gegen  die  Uebermacht  durch
Tapferkeit  und  kluge  Anordnung  des  Obersten  zu  behaupten.
  Das  zweite  Bataillon  des  sechsten  Regiments  erreichte
  vom  Fußvolk  zuerst  den  Kampfplaz,  und  unterstützte
  sogleich  die  bedrängte  Reiterei.  Das  erste  Bataillon
  führte  der  Oberst  Graf  Beckers  unterdessen  auf
die  nach  Friedland  gehende  Hauptstraße,  um  dem  Feinde
die  Räckzugs-Linie  zu  nehmen;  und  Oberstlieutenant
Baron  Joller  führte  das  vierte  leichte  Bataillon  durch
tiefen  Schnee  und  Nebel  seitwärts',  wohin  auch  die
übrigen  Abtheilungen  giengen,  den  rechten  Flügel  des  Gegners
  zu  umgehen.

Kaum  bemerkte  der  Feind,  ihm  sey  der  Rückzug  nach
Wünschelburg  entrissen,  verließ  er  die  Straße  nach  Friedland,
  setzte  sich  auf  die  waldigen  Höhen  beim  dsterreichischen
  Dorf  Schdnau,  und  stellte  sein  Geschütz  daselbst
ungemein  vortheilhaft.  Eben  dieß  Geschütz  verursachte,
daß  das  zweite  Bataillon,  welches,  ohne  alle  Artillerie,
fechtend  durch  Waldungen  nachdrang,  auch  nach  hartnäckigem,
  dreistündigen  Kampfe  nichts  Entscheidendes
leisten  konnte.  Aber  indem  es  den  Feind  so  lange  in
Schach  hielt,  gewann  Oberstlieutenant  Zoller  damit
Jeit,  sein  Bataillon  durch  das  verschneite  Gebirg  und
        <pb n="432" />
        —  102  —

ihm  ganz  unbekannte  Gegenden,  durch  den  Breitengrund
auf  die  Höhe  des  sogenannten  Hengsthübel  auf  die  rechte
Seite  und  sogar  in  den  Rücken  der  Preußen  zu  bringen.
So  wurden  diese,  fast  gänzlich  gesprengt,  gezwungen,
sich  auf  Oesterreichs  neutralen  Boden  zu  flüchten,  wohin
  den  Siegern  zu  gehen  verwehrt  blieb.  Und  nur  auf
diese  Weise  gelang,  daß  der  Ueberrest  vom  Corps  des
Fürsten  Anhalt-Pleß  nicht,  nach  diesem  siebenstundigen
Gefecht,  vollkommen  vernichtet  wurde.  Der  Feind  verlor
400  Gefangne  nebst  acht  Offizieren,  die  gefangen  genommen
  wurden,  auch  zwei  Kanonen,  um  deren  Besitz  lange
und  blutig  gestritten  worden  war;  dazu  an  Todten  zwei
Offziere  und  30  Mann.  Die  Baiern  hatten  8  Todte,
60  Verwundete.  Es  bedarf  keiner  Bemerkung,  wie  heldenmüthig
  bis  zur  Ankunft  des  Fußvolks,  jene  beiden
Escadronen  Chevaurlegers  *7),  so  wie  die  Tapfern  des
zweiten  Bataillons  ")  gefochten  hatten.  Entschieden  war
jedoch  das  Gefecht  durch  das  #te  leichte  Bataillon  geworden,
  dessen  Befehlshaber  Oberstlieutenant  Baron  Zoller
  sich  auch  hier,  als  einer  der  trefflichsten  Führer  her
wieß.)

*)  Der  ÖOberlieutenant  Bernard,  der  Lieutenant  Deisenberg,
  der  Wachtmeister  Sauter,  der  Corporal  Kareck,
die  Chevaurlegers  Gebhard,  Küchle,  Doefner  und
Würz  hatten  sich  vorzüglich  ausgezeichnet.

“)  Porzüglich  die  Lieutenants  Hohenberger,  Nep  sen.
und  Geisler,  die  Corporäle  Strohmeder  und  Winter,
  ferner  die  Gemeinen  Sedelmaper  und  Pinsner
hatten  sich  besonders  hervorgethan,  die  letzten  Beide  zu
Wegnahme  einer  Kanone  beigetragen.

re)  Lieutenant  Gradinger  von  diesem  Bataillon  nahm,  obgleich
  verwundet,  dem  Feinde  eine  hartnäckig  vertheidigte
        <pb n="433" />
        —  103  —

Am  Abend  dieses  Tages,  der  denn  die  wirkliche

Uebergabe  des  Platzes  von  Schweidniz  entschied,  gieng
Lefebre  nach  Neurode,  dann  nach  Wartha  zuruͤck,  mit
Ausnahme  der  vor  Glatz  stehen  gebliebenen  Abtheilungen.

Die  Belagerung  und  Beschiessung  von  Kosel  hatte
inzwischen  ihren  Fortgang  gehabt.  Die  Stadt  war  dadurch
  viel  beschädigt  worden.  (Eine  auf  die  Hauptwacht
  gefallene  Bombe  tddiete  vier  Mann  und  verwundete
  eben  so  viele).  Auch  war  die  Jahl  der  preußischen
Ueberläufer  sehr  groß.  (Bis  zum  138ten  Februar  schon
über  500  Mann.)  Demungeachtet  ward  mit  dem  Allen

Kanone  weg,  und  selbst  nach  solcher  That  entsagte  er  noch
augenblicklich  ihm  heilsamen  Verbandes,  um  dem  fliehenden
  Gegner  selbst  bis  an  die  Gränze  Böhmens  noch  den
möglichsten  Abbruch  zu  #thun.  Lientenant  Schwaben
nahm  mit  großer  persönlicher  Anstrengung  dem  Feinde  einen
Munitions  -Wagen  ab.  Der  Major  Weltmann  und
Hauptmann  Storchenau  zeichneten  sich,  so  wie  Hauptmann
  Schmiel,  die  Lieutenants  Prösl  und  Winkler,
durch  die  größte  persönliche  Tapferkeit  aus.

Der  Corporal  Löbl,  die  Gemeinen  Hirschvogel,
Post,  Fischhater,  Hofmann  und  Raschbugler,
dann  der  Gemeine  Beußner  des  öten  Linien-Regiments
veranlaßten  unter  obengenanntem  Öffizier  die  Wegnahme
erwähnter  Kanonen;  die  Schüßten=  Corporäle,  Kern,
Weinmüller,  Breg,  Schlirf  und  Koch,  die  Schiben
  Hanser,  Sedelmeier,  Hupfauer  und
Heidelkampf  hatten  nicht  minder  Perdienst.  Der  diesen
  Kampf  leitende  französische  General  erkannte  noch  überdieß
  das,  was  erwähntes  Bataillon  während  desselben  geleistet,
  so  folgenreich  an,  daß  prinz  Jerome  die  beiden
eroberten  Kanonen  jenem  Bataillon  vor  der  Hand  als  Siegeszeugen
  zur  Vertheidigung  anvertrgute.
        <pb n="434" />
        fuͤr  den  Generallieutenant  Deroy  wenig  gewonnen.
Denn  nun  traten,  zum  Gläck  der  Belagerten,  Thauund
  Regenwetter  ein.  (Den  11ten  Februar).  Bald
stand  die  ganze  Ebene  rings  um  Kosel  unter  Wasser.
Die  Verbindung  zwischen  den  Pikets  ward  unterbrochen.
Das  Geschütz  konnte  aus  mehreren  Batterien  nur  noch
mit  großer  Mühe  zurückgezogen  werden,  eh'  es  ersäuft
ward.  Das  vom  Obersten  Blein  bei  Kanterszin  angelegte
  Werk,  dem  Feinde  das  Trinkwasser  abzuschneiden,
gieng  dabei  gänzlich  zu  Grunde.  Mehrere  Posten  an
der  Oder  und  bei  der  Ziegelhütte  mußten  wegen  der
wachsenden  Ueberschwemmung  eingezogen  werden.  Zuletzt
  da  die  Oder  immer  mächtiger  anschwoll,  konnte
man  sogar  die  Beschiessung  des  Mlatzes  nicht  einmahl
mehr  fortsetzen,  weil  Laufgräben  und  Batterien  unter
Wasser  standen,  und  nur  mit  Gefahr  und  Mühe,  (wegen
  des  feindlichen  Feuers  von  den  Wällen  9  nachmahls
ausgebessert  werden  konnten,  als  die  Wasserhoͤhe  wieder
abnahm.

Zu  diesem  allen  trat  ein  neuer  Umstand,  welcher
den  Gang  der  Belagerung  laͤhmte.  Prinz  Jerome,
der  um  diese  Zeit  erfahren  hatte,  daß  ein  starkes  rußisches
  Corps  gegen  Schlesien  im  Anzug  sey,  wollte  eiligst
einen  Heerhaufen  von  10  bis  12,000  Mann  bei  Oels
zusammen  ziehen.  Dahin  mußten  auch  die  Generale
Lefebre  und  Mezanelli  mit  dem  groͤßern  Theile  ihrer
Truppen  aufbrechen.  So  wurde  sowohl  das  Belagerungs-Corps
  vor  Kosel,  als  der  bey  Oberglogau  zur  Beobachtung
  aufgestellte  Heerhaufe  ungemein  geschwaͤcht,  und
damit  den  Zuruͤckbleibenden  der  beschwerlichste  Dienst
aufgebuͤrdet.  Zum  Gluͤck  dauerte  dieser  Zustand  nicht
lange.  Die  Siege  Napoleons  in  Preußen  zerstreuten
        <pb n="435" />
        —  105  —

bald  alle  Sorge  vor  dem  Erscheinen  der  Russen  in  Schlesien.
  Was  nach  Oels  gezogen  war,  kehrte  zu  den  fruͤ-hern
  Bestimmungen  zuruͤck.  Nur  das  erste  und  sechste
Linien-Regiment  giengen  als  Besatzung  nach  Breslan;
das  siebente  besetzte  Ohlau;  das  vierzehnte  (mit  Ausnahme
  von  drei  vor  Kosel  stehenden  Compagnien)
Schweidnitz;z  das  fünfte  leichte  Bataillon  Lamotte
die  Festung  Brieg.  Und  wie  Deroy  die  BVeste  Kosel,
so  belagerte  Vandamme  mit  den  Würtembergern  Neisse.

 

8.

Gang  des  Feldzugs  in  Polen  und  Preußen.
Gefechte  an  der  Ukkra.  Treffen  bei  Soldau
  und  Pultusk.  Schlacht  bei  Eplau.
Gefecht  bey  Ostrolenka.

Wirklich  konnten  Napoleons  Fortschritte  in  Polen
  und  Preußen  Gewähr  leisten,  daß  weder  Alerander
von  Rußland,  noch  König  Friedrich  Wilhelm  sobald
den  schlesischen  Fürstenthümern  Hülfe  senden  würden.

Die  russischen  Kriegsvölker  unter  den  Generalen
Sedmaretzki  und  Benningsen  hatten  schon,  gleich
nach  dem  Einzug  der  Franzosen  in  Warschau,  sich  vom
rechten  Weichsel-Ufer  bis  hinter  die  Narew  (2ten  und
Sten  December  1806)  zurückgezogen.  An  der  Narew  und
Ukkra  blieb  aber  nur  ihre  Vorhut;  die  Hauptstärke  lagerte
sich  an  den  Ufern  des  Orzic,  in  den  Umgegenden  von
Ciechanow,  Dilewo  und  Ostrolenka.  Diese  rückgängige
Bewegung  nbthigte  auch  die  bei  Thorn  aufgestellten  Preußen,
  unter  General  Lestocq,  sich  gegen  Nowogrod
        <pb n="436" />
        —  106  —

zurückzuzkehen.  Ungern  räumten  die  Preußen  ihren  Feinden
  so  viel  Feld  ohne  Schwertstreich  ein.  Als  Benningsen,
  gleich  darauf  (Zten  December),  als  wäre  er
seiner  Verfügung  reuig,  die  Russen  gegen  Pultusk,  die
Preußen  gegen  Thorn  vorrücken  lassen  wollte,  war'S  zu
spät.  Denn  nun  hatten  sich  die  franzdsischen  Feldherrn
schon  der  wichtigsten  Weichsel-Uebergänge  bei  Zakrotzin,
Modlin,  Wischegrod,  Plozk  und  Thorn  bemächtigt,  und
sie  mit  Brückenkoöpfen  in  Vertheidigungsstand  gesetzt.
So  mußte  sich  Benningsen  mit  Behauptung  der  obern
Narew  und  Ukkra  begnugen,  und  Lestocq  durch  Marschall
  Ney  über  Gollup  und  Straßburg  gedrängt,  mußte
an  der  Presenz  Fuß  fassen.  Fruchtlos  blieb  es,  daß
Benningsen  den  Versuch  machte  (11ten  December),
wenigstens  Meister  des  Punctes  Modlin  an  der  Weichsel
  zu  werden;  daß  er  ein  Geschwader  Husaren  und  eine
Compagnie  Jäger  auf's  rechte  Ukkra=  Ufer  gegen  Modlin
  voraussandte,  dem  er  die  zweite  Diodision  seines
Heers  über  Nassielsk  nachschickte.  Marschall  Davonst
hatte  schon  am  gleichen  Tage  in  aller  Frühe  die  Brigade
Gauthier  über  den  Bug  setzen  lassen,  ohnweit  dem
Dorfe  Ocunin  und  dem  Einfluß  der  Ukkra;  hatte  sie,
während  der  Uebergangspunct  durch  einen  Brückenkopf
gedeckt  ward,  bis  zum  Dorfe  Ponikowo  vorgehen  lassen,
  wo  sie  ohne  Mühe  die  russischen  Husaren  und  J#-ger
  auf  ihr  Hauptcorps  zurückwarf.  Letzteres  blieb  dabei
  ganz  unthätig  und  gieng  in  die  Stellung  bei  Pultusk
  (15ten  December)  zurück.

Napoleon,  der  jetzt  Posen,  wo  er  bieher  verweilt
  hatte,  verließ  (16ten  December),  und  in  Warschau
(1o0ten  December)  einzog,  setzte  nun  seine  Gesammtmacht
mit  Ausnahme  derer,  welche  die  eroberten  Provinzen
        <pb n="437" />
        —  107  —

hinter  ihm  deckten  ')  gegen  den  Feind  in  Bewegung.
Augereau  gieng  (schon  am  10ten  December)  zwischen
Zaskrotzim  und  Ultrata  über  die  Weichsel;  dasselbe  that
Marschall  Bessieres  bei  Thorn,  der  bis  Biezun  gieng.
Ney  gog  sich  bei  Gollup  zusammen.  Ihn  zu  unterstützen
  machte  Bernadotte  die  gleiche  Bewegung  vorwärts.
  Soult  setzte  bei  Plozk  und  die  Cavoalerie=Reserve,
  welcher  das  Corps  von  Davoust  folgte  (am
22ten  December)  bei  Praga,  der  Vorstadt  von  Warschau,
wo  ein  verschanztes  Lager  aufgeschlagen  war,  üuber  die
Weichsel.  Welche  Stellung  die  Franzosen  nahmen,  sie
deckten  dieselbe  mit  Verschanzungen,  den  Uebergang  jedes
Flußes  mit  einem  Brückenkopf.

Die  Absicht  des  franzsischen  Kaisers  war,  über
die  Narew  zu  gehen.  Dahin  zielten  alle  seine  Bewegungen
  von  der  Weichsel  aus  und  von  Warschau.  Dazu
  mußte  aber  erst  die  Ukkra  überschritten  werden.  Ihm
stand  dort  die  rußische  Macht  unter  Buxhoevden  und
Benningsen  entgegen.  Das  Hauptgzelager  derselben
zu  Pultusk,  waren  die  Abtheilungen  ihres  Heers  bei
Pultusk,  Popowe,  Lopatschin  und  Zbrosky  aufgestellt,
um  das  linke  Narew-Ufer  und  die  Ufer  des  Bug  zu
sichern,  Eine  besondere  Division  bildete  die  Kette  der

*)  Das  zte  Corps  unter  Mortier  stand  zwischen  Stettin
und  Anclam;  die  Grenadier-Divisson  Oudinot  in  und
bei  Cüstrin;  vier  aus  Italien  angekommene  Cuirassser=Regimenter
  zu  Berlin;  die  Division  Lecchi  zu  Magdeburg;
  die  großherzoglich  =  badischen  Truppen  zu  Stettin;
die  Division  Zaionczeck  zu  Leipzig;  eine  Division  der
Reserve-Armee  des  Marschalls  Kellermann  zu  Mage
deburg.
        <pb n="438" />
        —  108  —

Vorposten  längs  der  Narew  von  Zegrz  bis  Czarnowe,
und,  auf  dem  linken  Ukkra-Ufer  die  Verbindung  von
Czarnowe  mit  Kollosump.  Nasielsk,  den  Hauptpunct
zwischen  der  Ukkra  und  Narew,  hütete  eine  andere
Division.

Napoleon  aber,  nachdem  er  die  Ufer  der  Ukkra
und  die  zahlreichen  Verschanzungen  der  Rußen  daselbst
in  Augenschein  genommen,  ließ  plotzlich  (25ten  December)
  binnen  zwei  Stunden,  dort  wo  die  Ukkra  in  die
Narew  fällt,  über  den  erstern  Fluß  eine  Brücke  schlagen,
und  die  Brigade  Morand,  die  Reiter-Brigade  Morulaz,
  die  Dragoner-Oivision  Beaumont,  endlich
das  ganze  Corps  des  Marschalls  Davoust  übergehen.
Der  Zug  wandte  sich  gegen  Czarnowe,  wo  der  Generallieurtrenant
  Graf  Ostermann  nur  mit  sieben  Bataillonen
  stand.  Die  Franzosen  begannen  den  Angriff  aus
Batterien,  die  sie  Nachts  zuvor  angelegt  hatten.  Auf
Bdten  und  Flbssen  setzte  General  Petit  mit  einem  Regiment
  Fußvolk  über  die  Narew,  um  die  russischen  Vorposten
  und  Brücken-Redouten  zu  nehmen.  Wie  tapfer
auch  die  Rußen  stritten,  zweimahl  warfen  sie  ihren  Feind
zurück,  mußten  sich  dennoch  endlich  aus  den  Verschanzungen
  durch  die  Uebermacht  verdrängen  lassen,  und  nach
Nasielsk,  nach  Verlust  von  34  Offizieren  und  O00  Mann,
zurückziehen.  Dreizehn  Stunden  lang,  von  Nachmittags
  2  Uhr,  bis  Morgens  gegen  53  Uhr,  die  ganze  Nacht
hindurch,  hatte  Ostermann  widerstanden,  um  den
Räckzug  sämmtlicher  Rußen  von  der  Narew  und  der
bei  Kollosump  unter  General  Barclai's  Befehl  stehenden
  Vorhut  möglich  zu  machen.  Aber  auch  bei  Nasielsk
ward  er  (Toten  December)  vom  nachfolgenden  Feinde  verdrängt;
  daher  setzte  er  seinen  Rückzug  in  bester  Ordnung
nach  dem  Kloster  Stregoczin  fechtend  fort.
        <pb n="439" />
        —  109  —

Dahin  nahm  auch  General  Barclai  seine  Richtung,
  der  gleichzeitig,  wie  Ostermann,  angegriffen
worden  war.  Denn  gegen  ihn  hatte  sich  Marschall
Augereau  aufgemacht.  Die  Reiterei  des  General
Nansoutpy  hatte  die  russische  Reiterei  bei  Kursomp  vom
rechten  zum  linken  Ukkra=  Ufer  getrieben,  dann  das  ganze
stebente  Armeecorps  der  Franzosen,  trotz  des  furchtbarsten
  Feuers  der  Russen,  den  Uebergang  über  die  Ukkra
erzwungen.  So  zog  sich  Barclai,  mit  Verlust  vom
größten  Theil  seines  Gepäcks,  nach  Stregoczin,  zum  General
  Ostermann,  zu  welchem  auch  General  Sedmaretzky
  mit  der  sechsten  russischen  Division  stieß,
von  Prusky  kommend.  Aber  aus  Furcht,  die  Franzosen
mochten  früher  nach  Pultusk  und  Ostrolenka  gelangen,
brachen  die  russischen  Feldherrn  noch  nämlichen  Tages
in  der  späten  Nacht  auf  mit  ihren  Schgaren,  und  erreichten
  mühsam  auf  bodenlosen  Wegen,  (Mittags  25ten
December)  die  Stadt  Pultusk.  Diese  Stellung,  welche
Benningsen's  Corps  einnahm,  kräftiger  zu  unterstützen,
  eilte  die  fünfte  Division  von  Burhoevden's
Corps  nach  Makow,  die  siebente  unter  dem  Fürsten
Gallizin  als  Vorhut  Burhoevdens,  nach  Golymin,
ein  Regiment  Reiterei  gegen  Ciechanow  absendend.

Auch  die  Preußen,  unter  General  Lestocgq  hatten
sich  von  der  Ukkra,  wo  sie  bei  Straßburg  gestanden  waren,
  nach  Kunsrok  und  Biezun  zurückbegeben  müssen,
um  nicht  vom  russischen  Heere  abgeschnitten  zu  werden.
Denn  gegen  sie  hatte  sich  Marschall  Ney  gewandt,  und
schon  die  Division  Marchand  nach  Gurzno  gehen  lassen.
  Verfolgt  in  allen  Bewegungen  wurden  sie  vom
Feinde  endlich  bei  Soldau  (25ten  December)  erreicht.
Hier  erfolgte  eins  der  wildesten  Gefechte.  Die  Preußen
        <pb n="440" />
        —  110  —

fochten,  ihrer  schönsten  Zeiten  würdig.  Mit  kaum  7,000
Mann  vertheidigten  sie  den  Ort  gegen  vielfache  Uebermacht.
  Von  Straße  zu  Straße  schlug  man  sich  mit
dem  Bajonett.  Und  noch,  als  Soldau  schon  verloren,  die
Nacht  da  war,  griff  Lestocq  wiederholt,  wenn  gleich
vergebens  an.  So  blieb  dieser  Heldenschaar  nichts,  als
sich,  nach  bedeutendem  Verlust  gegen  Neidenburg,  und
von  da  endlich  hinter  die  Alle  nach  Friedland  und  Gerdauen
  zu  ziehen.

Das  Hauptziel  Napoleons  war,  das  russische
Heer  unter  Benningsen  bei  Pultusk  zu  schlagen.
Daher  rückte  er,  der  elenden  Wege  ungeachtet,  unaufhaltsam
  fort.  Sein  linker  Flügel  unter  Bernadotte,
Ney  und  Bessieres  zog  über  Biezun  gegen  Grodno;
Marschall  Soult  gegen  Ciechanow,  von  wo  und  von
Lopaczyn  die  russische  Heerabtheilung  Sackens  und
deren  Nachhut  unter  General  Pahlen  auf  Pultusk
zurückgeworfen  wurden  (25ten  December);  Marschall  Augereau
  gegen  Golymin;  Davoust  in  der  Richtung
zwischen  Golymin  und  Pultusk;  das  Corps  des  Marschall
  Lannes  und  ein  Theil  des  Corps  vom  General
Süchet  unmittelbar  gegen  Pultusk.

Hier  hatte  General  Benningsen  seine  gesammten
Streitkräfte,  ohngefähr  35,000  Mann  beisammen,  und
den  Entschluß  gefaßt,  obgleich  sein  Heer  an  Lebensmitteln
  Mangel  litt,  und  sehr  ermüdet  war,  die  Schlacht,
wenn  sie  geboten  würde,  anzunehmen.  Die  zweite,
sechste  und  den  größten  Theil  der  vierten  Heer-Abtheilung
  stellte  er  am  rechten  Narew-Ufer  in  einer  nicht
großen  Ebene  auf,  die  links  an  die  Stadt,  rechts  an
das  Dorf  Mosczina  gelehnt,  von  drei  Seiten  mit  Wald,
        <pb n="441" />
        —  111  —

und  von  der  vierten  durch  die  Narew  umfaßt  war.  Die
rechte  Seite  dieser  Stellung,  die  Straße  nämlich  nach
Ostrolenka,  war  theils  durch  die  siebente  Heerabtheilung,
tbeils  durch  einzelne  Schaaren  unter  den  Generalen  Fürsien
  Galizin  und  Grafen  Pahlen  gedeckt;  links  bingegen
  hüteten  die  achte  und  vierzehnte  Division  die  Brücken
bei  Pultusk  und  Zomsk,  und  die  Verbindung  mit  dem
Grafen  Burhoevden.  Vorwärts  dieser  Seellung  bei
Golpmin  befand  sich  die  siebente  Heerabtheilung  mit
einigen  Regimentern  der  dritten  und  vierten;  und  bei
Popowe,  am  linken  Narew-Ufer,  die  achte  und  vierzehnte.


Am  26ten  December  des  Morgens  um  10  Uhr  erschienen
  Suchet  und  Lannes  vor  Pultusk.  In  sechs
Colonnen  rückten  die  franzdsischen  Schlachthaufen  zuerst
gegen  Benningsen's  linken  Flügel,  in  eben  so  vielen
Colonnen  bald  darauf  gegen  den  rechten  Flügel,  dessen
Vorhut  Barclai  de  Tolli  befehligte.  Dieser  ward
anfangs  zurückgeworfen.  Schon  entwickelten  sich  hinter
einer  Kette  reitender  Jäger  neue  Colonnen,  welche  die
rußische  Heermitte  durchbrechen  sollten.  Aber  plötzlich
hielt  ein  morderisches  Kartätschenfeuer  aus  mehreren
verdeckten  Batterien  das  weitere  Vordringen  der  Franzosen
  auf.  Indem  Benningsen  seinen  rechten  Flügel
etwas  zurücknahm,  und  den  General  Barclai  mir  sechs
frischen  Bataillonen  unterstützte,  ward  auch  hier  die  Gefahr
  des  Umgangenwerdens  vermieden.  Die  Rußen
des  linken  Flügels,  fochten  mit  nicht  geringerm  Glück.
.Mehrmahls  erneuten  die  Franzosen  muthvoll  ihren  Angriff,
  mehrmahls  wurden  sie  zurückgeschlagen,  bis  die
Dunkelheit  der  Nacht  eintrat,  und  General  Östermann
  an  der  Spitze  mehrerer  rußischer  Angriffscolon=
        <pb n="442" />
        —  112  —

nen  den  weichenden  Feind  in  den  Wald  zuruͤcktrieb.  Bis
acht  Uhr  Abends  hatte  der  schwere  Kampf  gewaͤhrt,
blutig  fuͤr  beide  Heere.  Aber  beide  schrieben  sich  den
Sieg  zu;  die  Rußen,  weil  sie  es  waren,  welche  das
Schlachtfeld  behaupteten;  die  Franzosen,  weil  sie  ihren
Zweck  erreichten.  Denn  Benningsen  verließ  mit  seinem
  Heer  schon  um  Mitternacht  Pultusk,  und  zog  sich
nach  Ostrolenka  zuruͤck.

Es  war  an  eben  diesem  Tage,  daß  Marschall  Davoust,
  noch  im  Verfolgen  der  rußischen  Abtheilungen
begriffen,  die  sich  nach  dem  Gefechte  bei  Nasielsk  zurückgezogen
  hatten,  auf  diese  und  die  Division  des  Fürsten
Galizin  stieß  ohnweit  Golymin.  Davoust  besetzte
sogleich  ein  Gehölz  zur  Rechten  der  Rußen;  links  waren
diese  in  Gefahr  vom  Marschall  Augereau  umgangen
zu  werden,  so  wie  von  der  Reiterei  des  Großherzogs
von  Berg.  Dennoch  behaupteren  sich  die  Rußen  mit
unerschrockenen  Murh  in  mörderischem  Kampfe  bis  Abends
0  Uhr.  Oann  erst,  nach  großem  Verlust  von  beiden
Seiten,  trat  Galizin  seinen  Rückzug  nach  Makow  an,
wo  er  auf  die  Nachhut  des  Generals  Burhoeroden
stieß,  mit  der  vereint  er  den  Rückzug  fortsetzte.  Schon
stand  Marschall  Soult  zwei  Meilen  von  Makow  zu
Mosati.  Nur  die  vom  Thauwetrter  verderbtern  Wege
hemmten  ihn  im  schnellern  Vorrücken,  und  retteten  die
Heerhaufen  Galiziw's.

Nach  diesen  Ereignissen  beobachtete  Napoleon
die  sich  entfernenden  Heere  seiner  Feinde  nur  mit  kleinen
  Abtheilungen.  Er  beschloß,  sich  einsweilen  auf
Behauptung  der  Weichsel  zu  beschränken,  weil  die  Jahrszeir
  rauy,  jeder  Weg  grundlos,  und  das  Kriegsvolk

hoͤchst
        <pb n="443" />
        —  113  —

höchst  erschbpft  war.  Er  verlegte  dieses  in  die  Winterlager;
  die  Marschälle  Ney,  Bernadotte  und  Bessieres
  auf  den  linken  Flügel;  die  Marschälle  Soult,
Davoust  und  Lannes  von  Pultusk  bis  zu  den  Ufern
des  Bug.  Drei  leichte  Reiter-Brigaden  der  Division
Lasalle  besetzten  die  Ufer  des  Flüßchens  Orzye,  der
an  Makow  vorüber  zur  Narew  fließt.

General  Benningsen  aber,  welcher  sein  Corps
bei  Novogrod,  und  Buxhdvden,  der  das  seine  im  Amt
Klein-Plozk  aufgestellt  hatte,  faßten  den  Entschluß,
sich  keine  Ruhe  zu  gewähren,  sondern  mit  vereinter  Kraft
die  verlorne  Grundlinie  ihrer  Unternehmungen,  den
Weichselstrom  wieder  zu  gewinnen,  von  dem  sie  vierzig
Meilen  weit  zurückgeworfen  standen.  Auch  da,  nach
Buxhdovden's  Emfernung  vom  Heere,  Benningsen
allein  den  Oberbefehl  desselben  führte,  blieb  er  dem
großgedachten  Entwurfe  treu.  Doch  später,  als  beschlossen
  war,  begann  man  die  Vollziehung.  Erst  am
täten  Jämner  setzte  sich  die  rußische  Kriegsmacht  über
die  altostpreußische  Gränze  hervor  in  Bewegung.  Ihr
den  Rücken  und  den  linken  Flügel  zu  decken,  blieb  eine
Division  hinter  dem  Bobr  und  der  Bissa  stehen;  eben
so  wurden  zwei  Divisionen  zu  gleichem  Zweck  bei  Bransk
aufgestellt,  damit  die  Franzosen  nicht  seitwärts  durch
die  ostrolenkischen  Wildnisse  vordrängen.

Es  war  nun  darum  zu  thun,  in  rascher  Bewegung,
der  sich  rechts  die  Preußen  anschließen  sollten,  gegen
die  Weichsel  zu  dringen,  und  die  Heerhaufen  der  Marschälle
  Bernadotte  und  Ney  entweder  abzuschneiden,
oder  zum  eiligen  Rückzug  über  diesen  Strom  zu  ndthigen;
  zugleich  auch,  vermittelst  einer  Wendung  gegen

II.  Stes  Buch-  8
        <pb n="444" />
        —  114  —

Rein,  die  schwach  beschirmte  Hauptstadt  Koͤnigsberg  zu
retten,  die  von  den  Franzosen  schon  aus  Elbing  und
Christburg  bedroht  stand.  Lestocq's  preußisches  Corps
brach  auf  nach  Dornhofstadt;  Bernadotte  zog  sich
nach  Morungen  zurück;  Ney's  Winterlager  wurden
überfallen,  indem  die  Rußen  auf  Kloster  Heiligenlinde
hinzogen.  Diese  überschritten  die  Passarge,  während
die  Vorhut  ihres  rechten  Flügels  zwischen  Mohrungen
und  Liebstadt  (25ten  Jänner)  auf  die  Brigade  Pactod,
Bernadotte's  Nachhut,  stieß.  Der  rußische  General
Markow,  ohne  vom  Hauptheere  weitere  Unterstützung
zu  begehren,  griff  die  Brigade  an,  welcher  bald  die  Division
  Drouer  zu  Hülfe  eilte.  Markow  ward  daher,
  nach  heftigem  Gefecht,  zurückgeschlagen;  während
das  Corps  des  Fürsten  Galizin  zu  Deppen,  Kaufstein
  und  Alt-Reichau  in  der  Nähe,  ja  im  Rücken  der
Franzosen  unthätig  stehen  blieb.  Und  nun,  statt  angriffsweise
  fortzuschreiten,  stellte  sich  Beuningsen's
Hauptmacht,  70  bis  75,00  Mann  stark,  auf  den  Anhöhen
von  Liebstadt,  zwei  Meilen  weiter  zurück.  Diese  rückgängige
  Bewegung  benutzte  Bernadotte  desto  behender,
  sich  der  Gefahr  gänzlicher  Vernichtung  zu  entziehen.

Schleunigst  gebot  Napoleon,  welcher  bisher  zu
Warschau  Aufenthalt  genommen  hatte,  allen  seinen  Heeren
  den  Aufbruch  aus  den  Winterlagern  (Soten  Jänner.)
Da  zog  Marschall  Lannes  seine  Kriegsschaaren  bei
Brok  zusammen,  dem  Heerhaufen  des  rußischen  Generals
Essen  am  obern  Bug  entgegen,  der  aus  dem  Innern
der  Moldau  zu  Benningsen's  Verstärkung  kam.  Ihm
zunächst  nahm  Davoust  bei  Misnik  Stellung.  In  der
Mitte  der  langen  Heereskette,  welche  die  Mitte  Polens
und  Preußens  vom  Bug  bis  zum  frischen  Haf  quer
        <pb n="445" />
        —  115  —

durchschnitt,  siellte  sich  S.oult,  die  kaiserliche  Garde,
die  ganze  Reiterei  des  Großherzogs  von  Berg  in  der
Gegend  von  Willenberg  auf.  Hieher  begab  sich  auch
der  Kaiser  persdnlich.  Unter  des  Großherzogs  Befehl,
bei  der  Brigade  Wathier  in  der  Dioision  Lasalle,
diente  auch  das  erste  baierische  Chevaurlegers-Regiment
Kronprinz.  Zu  Gilgenburg  stand  das  sechste,  zu  Neidenburg
  das  siebente,  bei  Thorn  das  zehnte  Armeecorps.
Bernadotte  hatte  sich  indessen  über  Osterode  nach
Strasburg,  Ney  nach  Gilgenburg  zurückgezogen.

Die  rußische  Heeresmacht  blieb  dagegen  bei  Mohrungen
  in  allzulanger  Unthätigkeit,  und  ließ  sich  den
Feind  sammeln.  Nur  zur  Unterstützung  ihrer  Vorhut
schickte  sie  den  Fürsten  Bagrathion  über  Liebemühle
vor;  den  Fürsten  Galizin  verstärkte  sie  durch  den
Fürsien  Dolgoruky,  welche  darauf  bis  Passenheim
giengen,  nachdem  sie  einer  feindlichen  Abtheilung  beträchtlichen
  Verlust  zugefügt  hatten.

Demnach  befand  sich  Fürst  Galizin  zu  dieser  Zeit
mit  der  Vorhut  des  rechten  Flügels  bei  Mondtken,  Allenstein
  und  Osterode,  Fürst  Bagrathion  in  Deutsch-Eylau,
  Loebau  und  Langont.  Die  Hauptmacht  aber,
in  zwei  Heerhaufen  getheilt,  befand  sich  mit  dem  ersten
unter  General  Tuschkow  in  Samste#t  mit  dem  zweiten
  unter  General  Sacken  in  Gotteswalde;  die  Reserve
unter  General  Somow  bei  Guttstadt;  die  Olvision  des
Generals  Sedmaretzky  hinter  dem  Bobr  bei  Goniadz,
und  noch  weiter  links  bei  Bransk  hinter  der  Narew  der
dahin  mit  zwei  Divisionen  vorgerückte  General  Essen.

Das  preußische  Heer  unter  Lestocq's  Anführung,
hatte  sich  dem  rechten  rußischen  Flügel  bei  Freistadt  an-*8
        <pb n="446" />
        —  116  —

geschlossen,  durch  vorgeschobene  Reiterabtheilungen  nicht
nur  die  Verbindung  mit  Marlenwerder,  Riesenburg  und
Gardensee  hergestellt,  sondern  auch  (20ten  Jänner)  das
unter  Bernadotte's  Befehl  vom  hessischen  Kriegsvolk
eingeschlossene  Graudenz  an  der  Weichsel  wieder  enrsetzt.

So  standen  die  feindseeligen  Heere,  als  Napoleon
(Iten  Februar)  ohne  Zogern  zum  Angriff  übergieng.  Er
wolte  den  linken  Flügel  der  Rußen  umgehen,  sie  von
Kdnigsberg  abschneiden,  in  dem  von  der  Weichsel  gebildeten
  Kessel  zusammendrängen  und  vernichten.  Darum
  schickte  er  seine  Garden,  die  Reiterei  des  Großherzogs
  von  Berg,  die  Heerhaufen  Souli's,  Augereau's,
Ney's  und  Bernadotte's  jählings  nach  Allenstein,
Ortelsburg  und  Wartenburg.  Die  feindliche  Vorhut  zu
Allenstein  ward  hier  durch  den  Großherzog  von  Berg
nach  lebhaftem  Gefecht  verdrängt,  als  der  Graf  Wirtgenstein,
  Major  der  baierischen  Chevaurlegers,  mit
einem  Geschwader  derselben  in  den  Rücken  des  Feindes
drang.  Citen  Februar.)

General  Benningsen,  durch  Gefangennahme  eis
nes  Adjutanten  des  Fürsten  von  Neuschatel,  Major-General
  der  franzdsischen  Armee,  und  dessen  Briefschaften
  von  Napoleon's  Absichten  unterrichtet,  zog  sich
rasch  bei  Jankowe  zusammen,  selbst  die  Vorhut  an  sich
zurück,  ließ  Lestocq's  Preußen  gegen  Osterode  rücken,
und  schien  bei  Allenstein  über  die  Alle  schreiten  zu  wollen,
  um  vor  Wartenburg  zu  erscheinen.  Allein  schon
hatten  Ney  und  Augereau  (Sten  Februar)  Allenstein
erreicht;  da  sahen  sie  das  rußische  Heer  mit  der  Mitte
an  Jankowe  gestützt,,  die  Straße  nach  Liebstadt  deckend,
        <pb n="447" />
        —  117  —

mit  der  Linken  an  das  Dorf  Mondtken  gelehnt.  Sogleich
  bildete  Napoleon  Schlachtordnung.  Die  Garden
  stellte  er  als  Reserve,  den  Marschall  Ney  links,
Augere#.u  in  der  Mitte,  Soult  rechts,  der  zugleich
Absendungen  nach  Guttstadt  machen  mußte,  um  die
Brücke  von  Bergfried  zu  nehmen,  und  so  in  des  Feindes
  Rücken  zu  erscheinen.  An  der  Spitze  dieser  Absendungen
  war  General  Guyot,  welcher  auf  dem  rechten
Alle-Ufer  Guttstadt  erreichte,  wo  die  Hauptniederlage
der  rußischen  Kriegsmacht,  deren  Gepäcke,  Magazine
und  das  Lazareth  waren.  Alles  fiel  in  des  Siegers
Gewalt.  Eben  so  kamen  die  Dioisionen  Leval  und
Legrand  an  die  Brücke  von  Bergfried.  Nach  langer,
kräftiger  Vertheidigung  dieses  Punctes  wagte  Benning-=sen
  nicht  mehr  das  Entscheidende  einer  Schlacht,  sondern
  lieber  einen  hochstgefährlichen  Rückzug  in  drei  Colonnen
  nach  Eylau  zu,  während  noch  die  Preußen  bei
Mohrungen  standen.  Die  Franzosen  folgten  den  Rußen
aber  mit  lebhaften  Gefechten.  Da  war  es,  wo  der
Oberst  des  ersten  baierischen  Chevaurlegers-Regiments
Graf  Karl  Pappenheim  durch  zwei  feindliche  Musketenkugeln
  fiel  (öten  Februar),  der  Oberlieutenant  Ott
verwundet  ward,  und  Major  Bourscheidt  den  Oberbefehl
  des  Regiments  noch  auf  dem  Kampfplatze  selbst
übernahm.  Auch  Lestocq's  Corps  zog  nach  Schloditten
  zurück,  stets  verfolgt,  aber  durch  Tapferkeit  guch
in  dieser  rückgängigen  Bewegung  furchtbar.

Benningsen  benutzte  selbst  die  Nacht,  um  den
Punct  Landsberg  vor  dem  Feinde  zu  erreichen,  wo  er
diesseits  der  Stadt  Stellung  nahm.  Allein  seine  Nachhut,
  lebhaft  von  der  Reiter-Division  Hauptpoult  ver-
        <pb n="448" />
        —  118  —

folgt,  *)  gerieth  dennoch  in  so  großes  Gedraͤnge  (6ten
Februar),  daß  er  ihr  eine  Brigade  zur  Unterstuͤtzung
senden  mußte.  Doch  auch  diese  ward  bald  zu  schwach,
als  die  Heerhaufen  Ney's,  der  uͤber  Wormditt  daher
kam,  und  Soult's  auf  den  Kampfplatz  traten.  Hier
vermogte  alle  Tapferkeit  der  Rußen  Csie  verloren  fast
2000  Mann)  gegen  die  Ueberlegenheit  nichts.  Benningsen
  zog  nach  der  Stadt  Preußisch-Epylau  zurück.

Hier  stellte  er  sich  hinter  der  Stadt,  und  zwar  längs
der  nach  Königsberg  führenden  Straße  auf,  vom  Dorfe
Schloditten  bis  zum  Vorwerke  Anklappen.  Vor  der
Stadt,  auf  den  Anhbhen,  stand  die  rußische  Vorhut
unter  dem  Fürsten  Bagrathion.  Lestocg  empfieng
Weisung,  sich  über  Hussehnen  her  dem  rechten  Flügel  bei
Alrdorf  anzuschliessen.  So  erwartete  Benningsen  den
Feind.  Das  rußische  Hauptheer  zählte  152  Bataillone
Fußvolks,  105  Geschwader  Reiterei  und  51  Batterien
Geschütz,  daher  über  70,000  Mann.

Doch  00,000  Mann  stark  folgte  ihm  Rapoleon.
Muratt's  Reiterei  und  Soult's  Heerhaufen  erschienen
vor  Eylau  (Nachmittags  2  Uhr  den  7ten  Februar)  und
bemächtigten  sich  der  Bergebene.  Wider  des  Kaisers
Absicht  aber,  ließ  sich  die  Brigade  Viviers,  die  nur
den  Feind  umgehen  sollte,  beim  Kirchhof  von  Eplau
mit  den  Rußen  in  ein  mörderisches  Gefecht  ein.  Folge

*)  Auch  an  diesem  Gefechte  hatte  jenes  erste  baierische
Chevaurlegers-Regiment  ehrenvollen  Antheil  genommen,
der  Lieutenant  Antonin  Berganin  desselben  mit  25
Perden  bereits  zwei  Kanonen  und  eine  Standarte  erobert,
jedoch  auch  wieder  verloren.
        <pb n="449" />
        —  119  —

davon  ward,  daß  Bagrathion  sich  Nachts  mit  der
ganzen  Vorhut  nach  dem  in  zzwei  Treffen  aufgestellten
Hauptcorps  zurückzog,  und  die  Stadt  den  Siegern  überließ.
  Davoust  stand  nur  eine  Stunde  von  da,  auf
der  Straße  nach  Heilsberg;  die  kaiserliche  Garde,
Augereau  und  ein  Theil  vom  Heerhaufen  Ney's  vor
der  Stadr.  Der  übrige  Theil  vom  Corps  des  Marschall
Ney,  nebst  der  leichten  Reiterbrigade  Lasalle,  (daher
auch  das  erste  baierische  Chevaurlegers-Regiment)  folgten
den  Bewegungen  der  Preußen.

Als  der  trübe  Morgen  des  achten  Februars  anbrach,
rückte  die  rußische  Heermitte  in  gedrängten  Colonnen
gegen  Eplau,  den  wichtigen  Punct  dem  Feinde  wieder
zu  entreissen.  Der  Donner  von  150  Kanonen  begrüßte
diesen;  mit  glücklichem  Erfolge  antworteten  Soult'e
und  Augereau's  Feuerschlünde.  Der  Russen  rechter,
der  Franzosen  linker  Flügel  rangen  hier  bald  in  furchtbarer
  Anstrengung,  während  Davoust  weiter  rechts
seinen  frühern  Zug  fortsetzte,  um  die  Rußen  in  ihrer
Linken  zu  umgehen.  Sich  dem  Marschall  Davoust
moglichst  zu  nähern,  ihn  noch  mehr  zu  stärken,  ließ
Napoleon  auch  die  Division  St.  Hilagire  seitwärts
abziehen.

Allerdings  würden  diese  Bewegungen  von  außerordentlichen
  Wirkungen  gewesen  seyn,  wenn  Augereau
vor  Eylau  sich  nicht  allzuweit  links  gezogen  hätte.  Denn
Davoust  traf  wirklich  nun  beim  Dorfe  Serpallen,
der  Stadt  rechts,  in  gleicher  Linie  mit  dem  Eylauer=Forst,
  ein,  bemächtigte  sich  der  Anhdhen  hinter  jenem
Dorfe,  deren  über  alles  wichtige  Besetzung  von  den  Russen
  vernachläßigt  worden  war,  trieb  seinen  Gegner  selbst
        <pb n="450" />
        —  120  —

aus  dem  Dorfe  Klein-Sausgarten,  und  damit  den  ganzen
  linken  Fluͤgel  des  rußischen  Heers  zum  Rückzug.
Zu  diesem  sah  sich  auch  Benningsen's  Heermitte
durch  den  vereinten  Angriff  der  ganzen  franzoͤsischen  Reiterei
  unter  Murat  und  Bessieres  gezwungen,  so  daß
das  Schlachtfeld  von  den  Rußen  verlassen  stand,  und
Napoleon's  rechter  Fluͤgel  den  Ort  Kutschitten  besetzte,
und  an  die  Anhoͤhen  lehnte,  die  vorher  der  Rußen  linker
  Fluͤgel  inne  gehabt  hatte,  der  andere  Fluͤgel  des
franzoͤsischen  Heeres  sich  an  Eylau  stuͤtzte.

Das  Loos  der  Schlacht  war  so  gut,  als  entschieden.
  Da  erschien  Lestocq  mit  seinem  kleinen,  tapfern
Heerhaufen  Preußen.  Er,  der  bisher  auf  seinem  Zuge
immerdar  in  Gefechten  mit  Abtheilungen  des  Ney'schen
Eorps  gewesen,  die  ihm  auf  den  Fersen  gefolgt  waren,
hielt  dieselben,  als  er  für  das  rußische  Heer  Gefahr
fürchtete,  bei  Wakkern,  Schlautienen  und  Pompiken  mit
einzelnen  Posten  fest,  und  eilte  an  der  Spitze  seines
übrigen  Kriegsvolk,  nur  5584  Mann  stark,  zum  Schlachtfelde.
  Er  wandte  sich  von  Schmoditten  gegen  das  Dorf
Kutschitten;  nahm  es  mit  gefälltem  Bojonett;  vernichtete
300  Mann  Besatzung  darin;  nahm  drei  Kanonen  und
esnen  feindlichen  Adler;  rückte  gegen  Davoust;  brachte
hier  dem  rechten  Flügel  der  Franzosen  in  blutigem  Gefechte
  einen  Verlust  von  wenigstens  3,000  Mann  bei,
und  nahm,  als  die  Nacht  einbrach,  seine  Stellung  auf
den  Anhöhen  vor  Klein-Sausgarten,  eben  da,  wo  vorher
  der  Rußen  linker  Flügel  gestanden  war.  —  Schon
rüsteten  sich  die  tapfern  Preußen,  ihr  Siegeswerk  folgendes
  Tags  zu  vollenden,  als  sie  noch  in  der  Nacht
Benningsen's  bestimmten  Befehl  erhielten,  sogleich
zum  Rückzug  aufzubrechen.  Denn  nach  Versicherung  des
        <pb n="451" />
        rußischen  Oberbefehlshabers  mangelte  es  sowohl  an  Lebensmitteln
  als  Schießbedarf.  Außerdem  hatte  Marschall
  Nep  noch  spät  Abends  den  Punct  Althof  erstürmt,
am  rechten  rußischen  Flügel  gelegen.  7)  Den  Rußen
und  Preußen  hatte  dieser  Schlachttag  bei  12,000  Todte
und  7,000  Verwundete,  den  Franzosen  weit  mehr  gekostet.

Bennengsews  Heer  zog  also  über  Wittenburg
nach  Königsberg,  Lestocq's  kluge  Bewegung,  über
Domnau  nach  Friedland,  schirmte  der  Rußen  linken
Flügel  und  den  Pregelsfluß.  Abtheilungen  von  der  Reiterel
  des  Großherzogs  von  Berg  verfolgten  den  Rückzug
  lebhaft;  hingegen  die  franzsische  Hauptmacht  blleb
mehrere  Tage  in  den  Umgegenden  von  Eylau,  mit  einer
Vorhut  am  rechten  Frisching-Ufer  in  den  Dörfern  Mannsfeld,
  Wermsdorf  und  Lichtenhagen.  Nur  der  Großherzog
  von  Berg  unternahm  (11ten  Februar)  eine  Recognoscirung,
  in  deren  Folge  der  Punct  Wittenburg  von
ihm  besetzt  ward.

Die  vom  General  Benningsen  zur  Deckung  Kdnigsbergs
  und  der  Magazine  gewählte  Stellung,  mit  dem
Rücken  nach  dem  Haf  und  der  Ostsee,  hätte  vielleiche
gefährlich  werden  konnen,  wenn  Napoleon  hier  angegriffen
  haben  würde.  Sie  lehnte  sich  links  an  den  Pregel,
  rechts  an  das  Vorwerk  Pimarth.  Die  Vorhut
stand  zu  Ludwigswalde,  Borchersdorf  und  Gollau;  Lestocq
  aber  mit  den  Preußen  in  Allenburg,  von  wo  er

*)  Bei  dieser  Gelegenheit  unterhielt  das  baterische  erste
Chevaurlegers  =  Regiment  Kronprinz,  durch  den  Majer
Grafen  Wittgenstein,  unter  ihm  durch  eine  Escadron,
die  Verbindung  mit  dem  Corps  Ney  und  der  fanzösischen
Hauptarmee.
        <pb n="452" />
        —  122  —

den  Pregelfluß  von  Wehlau  bis  Koͤnigsberg  mit  verschiedenen
  Abtheilungen  Kriegsvolkes  deckte.

Wie  hier  eine  fluͤchtige  Ruhe  der  Heere  einzutreten
schien,  zeg  sich  der  General  Essen,  mit  seinen  zwei
Diovisionen,  ohngefähr  18.000  Mann  stark,  aus  der  bisherigen
  Stellung  bei  Bransk  an  beiden  Narew=  Ufern
gegen  Ostrolenka.  Hier  stieß  er  auf  die  Vorhut  der  äußersten
  Rechten  des  franzdsischen  Heers.  General  Savary,
  welcher  hier  einsweilen  befehligte,  griff  alsbald
die  Rußen  auf  der  Nowogroder  Straße  an  (löten  Februar).
  Der  Kampf  ward  blutig,  besonders,  als  andere
  Abtheilungen  der  Rußen  unter  dem  Fürsten  Suwarow
  die  Stadt  Ostrolenka  stürmten.  Dreimahl  waren
sie  fast  Meister  des  Ortes.  Man  schlug  sich  mit  Erbitterung
  in  den  Gassen.  Als  aber  gegen  Mittag  die  Franzosen
  durch  die  Divlsionen  Süchet  und  Oudinot  verstärkr
  wurden,  sah  Essen  sich  gezwungen,  nach  bedeutendem
  Verlust  über  die  Narew  zurückzugehen.

 

9.
Waffenruhe.  Rüstungen  zum  neuen  Feldzug.

Das  eintretende  Thauwetter,  die  Erschdpfung  des
Heeres,  der  Mangel  an  Lebensmitteln  bewogen  den  franzoͤsischen
  Kaiser,  statt  seinen  Feind  hinter  dem  Pregel
anzugreifen,  lieber  zurück  gegen  die  Weichsel  zu  gehen,
und  da  hinter  der  Passarge,  in  der  Nähe  der  fruchtbarsten
  Gegenden  Preußens,  eine  günstigere  Jahrszeit  abzuwarten.
  Am  16ten  Februar  begann  der  Rückzug;  am
20sten  war  er  hinter  die  Passarge  vollendet.  Bernadotte,
  an  den  Ufern  des  frischen  Hafs,  stand  bei
        <pb n="453" />
        —  125  —

Braunsberg,  Frauenburg,  Muͤhlhausen  und  preußisch-Holland;
  Soult  in  Liebstadt,  Mohrungen  und  Liebemühl;
  Ney,  unter  ihm  auch  die  Division  Lasalle,
bei  der  das  erste  Chevaurlegers-Regiment  der  Baiern
war,  in  Allenstein,  Guttstadt  und  Heilsberg;  Davoust
in  Hohenstein  und  Gilgenburg;  Massena,  der  das
Corps  des  Marschall  Lannes  übernahm,  vom  Ursprung
des  Omulew  längs  diesem  Flusse  und  den  Ufern  des
Orzie=  und  Narew-Flusses  bis  zum  Bug  bei  Sierok  und
von  da  an  der  gallizischen  Gränze  hin,  bis  Warschau.
Außerdem  war  ein  polnischer  Heerhaufen  unter  dem  General
  Zajonczek  bei  Neidenburg,  das  Corps  des  Marschall
  Lefebre  vor  Danzig,  und  Mortier  in  Schwedisch-Pommern
  aufzestellt.

Der  Räückzug  der  Franzosen  lockte  das  rußische  Heer
nach  (10ten  Februar).  Es  bewegte  sich  über  die  alten
Wahlfelder,  über  Eylau,  über  Landsberg,  der  Weichsel
zu.  Der  General  Lestocq  mit  den  Preußen  besetzte  sogar
  die  Uebergänge  der  Passarge  von  Braunsberg  bis
Wormditt.  Der  preußische  Generallieutenant  Pldz,
welcher  bisher  (seit  7ten  Februar  schon)  vom  übrigen
Heerhaufen  gerrennt  gewesen  war,  wollte  diese  Annäherungen
  benutzen,  und  schnelle  Vereinigung  suchen.  Allein,
  da  er  bei  Braunsberg  schon  über  die  Passarge  gegangen
  war,  ließ  ihn  Marschall  Bernadotte  (26ten
Februar)  durch  die  Division  Dupont  beim  Dorfe  Ragern
  anfallen,  mit  großem  Werlust  zurückschlagen,  und
aus  Braunsberg  vertreiben.

Die  Franzosen  blieben  in  ihren  Standlagern  lange
ruhig.  Aber  die  Rußen  kamen  näher.  Jene  verliessen
(26ten  Februar)  auch  Guttstadt,  nachdem  General
        <pb n="454" />
        —  124  —

Leger-Belair  noch  den  rußischen  Vorposten  Befehliger,
General  Korf,  im  Dorfe  Peterwalde  uͤberfallen  und
gefangen  genommen  hatte.  Als  aber  (isten  März)  die
rußische  Hauptmacht  bei  Heilsberg  und  Frauendorf  festen
  Fuß  fassen,  und  ihre  Vorhut  bei  Arnsdorf,  den
rechten  Flügel  derselben  bei  Wormditt,  den  linken  bei
Guttstadt  aufstellen  wollte,  sah  Napoleon  damit  die
Sicherheit  seiner  Standlager  gefährdet.  Er  ließ  daher
den  Heerhaufen  des  Marschalls  Ney  gegen  Guttstadt,
den  des  Marschalls  Soult  bei  Wormditt  über  die  Passarge
  gehen,  um  die  zu  weit  vorgerückten  feindlichen
Abtheilungen  unverzüglich  zurückzuwerfen.  Folge  davon
war,  daß  sich  die  Vorhut  der  Rußen  aus  allen  Stellungen
  nach  Launau  zurückbegab  (Iten  März),  wo  es
zu  einem  unbedeutenden  Gefechte  kam,  und  daß  Benningsen
  sein  Heer  ('ien  März)  in  die  Ortschaften
zwischen  Bartenstein  und  Heilsburg  einlagerte.

Darauf  kehrten  auch  die  Franzosen  in  ihre  Stellungen
  hinter  die  Passarge  zurück,  wo  sie  von  den  Städten
Elbing,  Braunsberg  und  der  Insel  Nogat  mit  den  ndthigen
  Lebensbedürfnissen  versorgt  wurden.  Man  schlug
bei  Marienburg  und  Marienwerder  über  die  Welchsel
Brucken,  welche  hier,  wie  bel  Sierok,  Modlin  und
Praga  (bei  Warschau)  mit  Brückenkdpfen  befestigt  wurden.
  Marschall  Lefebre  hielt  die  Festung  Danzig  eingeschlossen,
  in  welcher  der  preußische  General  Graf
Kalkreuth,  als  neuer  Befehlshaber,  hartnäckige  Gegenwehr
  bereitete,  zumahl  seine  Besatzung  durch  drei
rußische  Bataillone  und  drei  Kosaken-Regimenter  unter
dem  Fürsten  Scherbatof  verstärkt  worden  war.

In  dieser  Ruhezeit  der  Heere,  nur  dann  und  wann
        <pb n="455" />
        von  einzelnen  unbedeutenden  Gefechten  gestoͤrt,  ruͤsteten
die  kriegfuͤhrenden  Maͤchte  allseitig  auf's  thaͤtigste,  um
den  bevorstehenden  Feldzug  entscheidend  zu  machen.  Durch
den  über  alle  Erwartung  schnellen  Fall  der  schlesischen
Festungen  Glogau,  Breslau  und  Schweidniz,  so  wie
durch  die  Vernichtung  von  den  Streitkräften  des  Fürsien
von  Anhalt-Pleß,  war  Napoleon  in  Stand  gesetzt,
einen  Theil  des  bisher  in  Schlesien  thätig  gewesenen
Kriegsvolks  an  die  Weichsel  zu  nehmen.  Ohnedem  ward
der  Abgang  desselben,  nun  auch  der  Kbnig  von  Sachsen
zum  Rheinbunde  getreten  war,  durch  dessen  Truppen  ersetzt.

Also  brach  die  Division  des  Generallientenants  Bas
ron  Wrede,  welche  in  dessen  Abwesenheit  noch  immer
vom  General  Minucci  befehligt  wurde,  (25ten  Februar)
nach  Polen  auf.  Sie  bestand  aus  zwei  Brigaden  Fußvolbs
  und  einer  Brigade  Reiterei,  folglich  aus  zehn  Bataillonen,
  acht  Reiter-Geschwadern  und  vier  Batterien;
in  allem  ohngefähr  8,0000  Mann.  Ueber  Oels,  Wartemberg,
  Kempen,  Sobkolniki,  Petrikau  u.  s.  w.  zog  sie
sich  nach  Warschan,  und  ihre  erste  Colonne  schon  am
Zten  März  in  diese  Hauptstadt  Polens  ein.  An  ihrer
Spitze  befand  sich  jetzt  der  Kronprinz  von  Baiern,  dem
sein  königlicher  Vater  den  Oberbefehl  der  Division  übergeben
  hatte,  um  unter  den  Augen  Napoleom's,  des
großen  Feldherrn,  den  Krieg  durch  den  Krieg  kennen
zu  lernen.  Ihm  zur  Seite  war  der  Generallieutenant

Wrede  gestellt,  der  von  einer  schweren  Krankheit  eben
genesen  war.

Von  jetzt  an  bildete  die  baierische  Division  neben
den  Divisionen  Süchet,  Gazan  und  Becker  die  vierte
in  dem  vom  Marschall  Massena  befehligten  fünften
        <pb n="456" />
        —  126  —

Armee-Corps  des  napoleonischen  Heeres.  Sie  erhielt  die
Bestimmung,  durch  Besetzung  der  Puncte  Praga,  Nieporent,
  Sierok  und  Pultusk,  von  der  Weichsel  bis  zur
Narew,  den  rechten  Flügel  Massena's  gegen  die  Russen
  unter  General  Essen  einzunehmen.  Doch  bald  darauf,
  weil  die  Rußen  fort  und  fort  größere  Verstärkungen
  an  sich  zogen,  ward  die  Stellung  fester  bestimmt.
Das  Hauptgelager  Massen  a's  war  zu  Prasnitz,  das
des  Kronprinzen  zu  Warschau;  Praga  aber  von  einer
Abtheilung  Polen  besetzt.  Hingegen  hatten  die  Baiern
folgende  Stellung.  Zwei  Bataillone  des  dritten  Linien=Regiments
  nebst  der  Batterie  Leiningen  standen  in
Praga,  zwei  Bataillone  des  siebenten  Linien-Regiments
in  Krosno,  das  vierte  leichte  Bataillon  bei  Partniki.
Ferner  erhielt  das  zweite  Dragoner-Regiment  den  Punkt
Skiusky,  das  dritte  Regiment  Chevaurlegers  den  Punce
Wierzlowo;  beiden  ward  die  Batterie  Caspers  zugegeben.
  Alle  diese  Abtheilungen  galten  als  Reserve.
Dagegen  besetzte  mit  der  zwolpfünder-Batterie  Tausch
das  dreizehnte  Linien-Regiment  Pultusk,  das  zweire  Linien-Regiment
  Sierok  und  Nieporent,  das  dritte  leichte
Bataillon  Wernice.  Diese  drei  Abtheilungen  machten
den  Vorpostendienst.

Napoleon  nahm  indessen  bald  wahr,  daß  die
wichtigen  Uebergangspuncte  bei  Praga,  Sierok  und  Pultusk
  noch  viel  zu  schwach  besetzt  waren.  Daher  ließ  er
aus  Schlesien  noch  fünf  Bataillone  Baiern,  die  bisher
unter  Deroy  gestanden,  (das  leichte  Baraillon  Braun,
das  vierte  und  das  vierzehute  Linien-Regiment  nebst  der
Batterie  Vandouve)  nachkommen,  so,  daß  im  Anfang
Aprils  hier  die  Baiern  15,5056  Mann  und  2172  Pferde
stark  waren.
        <pb n="457" />
        —  122  —

Das  fortdauernde  Thau-  und  Regenwetter,  wodurch
  alle  Wege  grundlos  wurden,  verzoͤgerte  immerdar
die  allgemeinen  Heer-Bewegungen  bis  zum  Beginnen
besserer  Witterung.  Die  Franzosen  begnuͤgten  sich  indessen
  mit  Einschliessung  der  Vestungen  Graudenz,  Kolberg
  und  Danzig.  Am  furchtbarsten  widerstand  von  diesen
  Danzig.  Denn  ohnehin  schon  durch  Ueberschwemmungen,
  Moraͤste,  Schanzenketten  und  das  Fort  Weichselmünde
  stark,  ward  es  durch  20,000  Preußen  und
Rußen  unter  Kalkreuth's  Befehl  männlich  vertheidigt.
Erst  gegen  die  Mitte  Aprils  empfieng  Marschall  Lefebre
  hier  hundert  Stück  Belagerungs-Geschütz  aus
Cüstrin,  Stettin,  Breslau  und  Glogau  gesammelt.  Vorher
  schon  (20ten  März)  hatte  er,  durch  Vertreibung  der
Abtheilung  Rouquette  von  der  frischen  Neerung,  die
Vestung  von  der  Verbindung  mit  Pillau  abgeschnitten.
Als  er  darauf  die  preußischen  Verschanzungen  auf  dem
Hagelsberg  (12ten  April),  dann  die  feindliche  Redoute
vor  dem  Olivathor  (15ten  April)  erstürmt  hatte,  konnte
er  die  Beschiessung  von  Danzig  aus  jenen  hundert  Stück
Vier  und  zwanzigpfündern  mit  Kraft  beginnen  (26ten
März).  Das  badische  Kriegsvolk  unter  ihrem  Erbgroßherzog,
  deßgleichen  die  Sachsen  und  Polen,  erndteten
vor  Danzig  nicht  geringe  Ehre  durch  ihre  Tapferkeit.

Schon  mit  den  ersten  Maitagen  waren  Napolon's
ungeheuere  Rüstungen  zur  Erdffnung  des  weitern  Feldzugs
  vollendet.  Es  hatten  160,000  Conscribirte  niche
nur  die  Lücken  im  franzdsischen  Heere  ergänzt,  die  durch
Schlachten  und  Treffen  und  Krankheiten  entstanden  waren,
  sondern  auch  die  Stärke  desselben  um  100,000  Mann
vermehrt.  Die  Einberufung  der  Conscription  vom  Jahre
1808  gab  eine  neue  Menschenmasse  zu  fünf  Reserve-
        <pb n="458" />
        —  128  —

Legionen  im  Innern  des  franzoͤsischen  Reichs.  Ein  anderes
  Reservecorps,  erschien  50,000  Mann  stark,  an  den
Ufern  der  Elbe.  Auch  die  Maͤchte  des  Rheinbundes
hatten  ihren  Kriegsvoͤlkern  betraͤchtliche  Ergaͤnzungen  und
Verstaͤrkungen  nachgeschickt.  Und  Koͤnig  Maximlian
Joseph  von  Baiern  hielt  nicht  nur  die  im  Felde  stehenden
  Divisionen  vollzaͤhlig,  sondern  schuf  aus  dem  neunten
  Linien-  und  vierten  Chevauxlegers-Regiment,  dem
leichten  Bataillon  Habermann  und  einer  sechspfuͤnder-Batterie
  eine  neue  Brigade,  die  (Anfang  Juny's)
über  Leipzig,  Braunschweig,  Lüneburg  und  Anclam  zu
dem  Heerhaufen  des  Marschalls  Brune  gegen  die  Schweden
  stieß.

Aber  auch  Kaiser  Alexander  von  Rußland  und
Kdnig  Friedrich  Wilhelm  von  Preußen  hatte  alle
Mittel  aufgeboten,  ihrem  gewaltigen  Gegner  im  bevorstehenden
  Feldzuge  Spitze  zu  bieten.  Doch  ehe  wir  von
den  fernern  Ereignissen  auf  der  größern  Schlachtbühne
reden,  wollen  wir  den  Blick  auf  Schlesien  zurückwenden.

 

10.

Belagerung  und  vorläufige  Capitulation
von  Kosel.  Gefechte  vor  Glatz.

Hier  hatte  der  Fürst  von  Anhalt-Pleß,  nachdem
sein  Heerhaufen  vernichtet  worden  war,  den  Schauplatz
des  Krieges  verlassen.  Aber  als  ein  großer  Theil  der
baierischen  und  würtembergischen  Truppen  nach  Polen
gezogen  ward,  ermunterte  dieß  mehrere  vaterländischgesinnte
  Männer  des  Landes  zu  neuen  Versuchen,  Tapfere
zusammen  zu  ziehen  und  den  Feinden  ihres  Kbnigs  zu

wider-
        <pb n="459" />
        —  129  —

widerstehen.  Der  preußische  Lieutenant  Gail  faßte
zuerst  den  Gedanken,  die  Grafschaft  Glatz  zum  Sammelplatz
  aller  derer  zu  machen,  die  freiwillig  den  Kampf
gegen  die  Fremden  zur  Vertheidigung  des  schdnen  Schlesiens
  übernehmen  wollten.  Der  Major  Graf  Götzen
stellte  sich  an  die  Spitze,  dem  der  Kdnig  seinen  Beifall
ertheilte,  und  die  Würde  eines  Generalgouverneurs  von
Schlesien  gab.  Binnen  sechs  Wochen  hatte  dieser  thätige
  Mann,  obgleich  er  nur  auf  die  Hülfs-Quellen  der
Grasschaft  Glatz  beschränkt  war,  ein  Corps  von  acht
Geschwadern  Reiterei,  einem  Bataillon  Grenadiers  und
acht  bis  zehn  Jäger-Compagnien  aufgerichtet,  zweckmäßig
  gekleidet,  bewaffnet,  eingeibt  und  an  Mannszucht
  gewöhnt.  So  offenbarte  sich  die  Varerlandsliebe
Schlesiens!

Der  Generallieutenant  Deroy  inzwischen,  dessen
Belagerungs-Corps  vor  Kosel  nach  dem  Abzug  so  vieler
  Truppen  gegen  Polen  sehr  geschwächt,  und  durch
Thauwetter,  Regen  und  Ueberschwemmungen  sehr  in
allen  Unternehmungen  gehemmt  worden  war,  hatte  endlich
  die  von  den  Gewässern  beschädigten  Arbeiten  wieder
ausbessern  lassen.  Er  begann  die  Beschiessung  (am  23ten
Februar)  von  neuem,  und  setzte  sie  bis  zum  fünften  Tage
fort,  doch  ohne  eutscheidenden  Erfolg.  Jeder  aufsteigende
  Brand  in  der  Vestung  ward  stets  sogleich  gelbscht.
Dort  ward  von  den  Wällen  jedesmahl  mit  siebenzig  Sticken
  Geschützes  geantwortet,  während  die  Belagernden
dessen  nur  dreißig  und  noch  dazu  Mangel  an  Munition
hatten,  woran  inner  der  Vestung  Ueberfluß  war.  Kein  Wunder,
  wenn  Oberst  Neumann,  als  Befehlshaber  in  Kosel,
  die  wiederholte  Aufforderung  Deroy's  wiederholt
(#ten  März)  abschlug.

II.  #tes  Buch,  9
        <pb n="460" />
        —  130  —

Nachdem  Deroy  nun  die  Vestung,  während  neun
Tagen.  neunzehnmahl,  und  das  Fort  Friedrich  Wilhelm
  viermahl  bombardirt  hatte,  empfieng  er  (öten
März)  die  Weisung,  die  Belagerung  in  blosse  Blokade
zu  verwandeln,  und  sämmtliches  Belagerungsgeschütz  mit
dazugehbrigen  Munitionsvorräthen  nach  Großglogau  abzuführen.
  Die  Vollziehung  dieses  Auftrages  im  Angesicht
  eines  wachsamen  Feindes,  und  auf  grundlosen  Strassen,
  dazu  der  schleunige  Abzug  des  zehnten  Baierischen
Linien=  Regiments  nach  Breslau,  war  eine  schwierige
Aufgabe.  Doch  der  Vorsteher  der  Belagerungs-Artillerie,
  Oberstlieurenant  Colonge  mit  seinen  Untergebenen
ldsete  sie  glücklich.  Das  Geschütz  ward  von  den  Generalen
  Siebein  und  Raglowich,  durch  die  leichten
Bataillone  Taxis  und  Braun,  und  durch  das  vierte  und
fünfte  Linien-Regiment  gedeckt,  nach  ogau  geführt.
  Hier  stand  damahls  nicht  mehr  Mezanelli  mit
dem  Beobachtungs=  Corps.  Letzteres  hatte  zuletzt  nur  noch
aus  dem  zweiten  Regiment  Chevaurlegers  bestanden,  und
auch  dieß  war,  sobald  vor  der  belagerten  Veste  Neisse
die  erste  Paralelle  erbffnet  worden  war  (tlien  März),  nach
Breslau  gezogen;  Mezanelli  aber  war  nach  Polen  abgegangen.


Sobald  also  die  Belagerung  Kosels  zur  blossen  Sperre
verwandelt  war,  begab  sich  auch  der  Generallieutenant
Deroy  nach  Breslau.  Von  dem  Augenblick  an,  ward
der  Oberst  Neumann  in  der  Bestung  thätiger.  Um
sich  Aufklärungen  über  die  Veränderungen  in  den  Batterien
  und  Laufgräben  zu  verschaffen,  ließ  er  von  der
Insel  der  Vestung  durch  150  Mann  einen  Ausfall  machen
  (Abends  vien  März),  der  aber  durch  die  Compagnie
  des  Hauptmanns  Stonor  unter  dem  Major  Wre-
        <pb n="461" />
        —  131  —

den  vom  fuͤnften  Linien-Regiment  bald  zuruͤckgetrieben
ward.  Ein  neuer  Ausfall  aus  der  Kobelwitzer-Redoute
am  folgenden  Tage,  von  ohngefaͤhr  200  Mann,  zum
Theil  mit  Schanzzeug  versehen,  ward  trotz  des  heftigen
Feuers  von  den  Waͤllen  eben  so  kraͤftig  vereitelt.  Die
Artillerie  =  Corporäle  Steinacher  und  Gilmeier
führten  ihre  Sechspfünder-Kanonen  von  Reinsdorf  bis
zur  kleinen  Brücke  gegen  die  Batterie  Nr.  3.  vor,  und.
liessen  sie  so,  im  offnen  Feld,  gegen  die  Feinde  spielen.
Diese,  angegriffen  von  zwei  Compagnien  des  fünften
Linien-Regiments,  flohen  mit  Jurücklassung  von  10  Todten
  und  25  Gefangenen.  Doch  hatten  auch  die  Baiern
acht  Verwundete.  *)

Nun  zog  auch  das  erste  Dragoner-Regiment  nach
Breslau  ab,  um  dort  mit  dem  zweiten  Ehevaurlegers-Regiment
  eine  besondere  Brigade  zu  bilden.  (Das  erste,
sechste  und  zehnte  Linien-Regimem  standen  als  Besatzung
  in  Breslau,  das  vierzehnte  in  Schweidniz,  das
fünfte  leichte  Bataillon  in  Brieg.)  Auch  das  leichte
Bataillon  Braun,  nebst  dem  General  Siebein  verliessen
  (15ten  März)  die  Stellung  vor  Kosel,  und  General
Raglowich  erhielt  den  Auftrag,  diese  Vestung  vom
linken-Oder-Ufer  aus  mit  den  noch  übrigen  Truppen
zu  beobachten.  Er  wählte  also  seine  Hauprstellung  bei
Comorn;  zwei  Compagnien  mit  einer  Kanone  verlegte
er  nach  Reinsdorf,  um  die  Bewegungen  der  Besatzung

*)  General  Raglowich  belobte  vorzüglich  die  Majore  Wreden
  und  Donnersberg,  die  Hauptleute  Seebus
und  Vallade,  die  Corporale  Streisl  und  Muck,  s#%
wie  er  den  vorrrefflichen,  seine  untergebenen  Truppen=  Abe
tbeilungen  beherrschenden  militgirischen  Geist  anerkannte.

0
        <pb n="462" />
        —  132  —

zu  beobachten,  die  Reinsdorfer-Hoͤhen  zu  behaupten,
und  die  Straßen  nach  Neisse  und  Ratibor  zu  decken;
zwei  Compagnien  mit  einer  Kanone  verlegte  er  zur  Unterstützung
  von  jenen  nach  Wegschütz,  wo  auf  der  Anhöhe
  zugleich  eine  Flesche  angelegt  ward.  Eine  Compagnie
  stellte  er  bei  Rogau,  und  wieder  eine  andere  zu
ihrer  Unterstützung  und  zur  Deckung  des  linken  Flügels
vom  Beobachtungscorps  bei  Comorn,  in  Boberschau.
Alle  Fährten  über  die  Oder,  alle  Schiffe  wurden  unbrauchbar
  gemacht.

Kaum  hatte  sich  der  Befehlshaber  der  Vestung  durch
Streifwachen  über  den  Abzug  der  Hauptmasse  seiner  bisheriger
  Belagerer  Sicherheit  verschafft,  unternahm  er
sogleich  eschon  10  Uhr  Morgens  den  15ten  März)  mit
mehr  als  tansend  Mann  einen  heftigen  Ansfall  gegen
Reinsdorf,  Wegschütz  und  besonders  gegen  Kobelwitz.
Unterstützt  von  einem  furchtbaren  Feuer  des  Vestungs-Geschützes
  suchte  er  die  von  den  Baiern  verlassenen  Batterien
  zu  zerstdren,  und  alles,  was  sie  brennbares  hatten,
  durch  Pechkränze  in  Asche  zu  verwandeln.  Doch
nur  letzteres  gelang.  Die  Beobachtungs-Truppen  giengen
  ihm  rasch  entgegen,  und  warfen  ihn  zurück,  nicht
ganz  ohne  Verlust.

Um  diese  Zeit  vernahm  der  in  Schlesien  befehlende
General  Lefebre  von  den  Bewegungen,  welche  der
Graf  Göützen  bei  Glatz  veranstaltete.  Er  machte  deshalb
  mit  dem  Bataillon  Taxis  und  drei  Geschwadern  des
zweiten  Chevaurlegers-Regiments  der  Baiern  einen  Streifzug
  über  Wartha  gegen  Glatz  und  Silberberg.  Als  man
vernahm  (17ten  März),  daß  zu  Niederhannsdorf,  eine
halbe  Stunde  von  der  Vesiung  Glatz,  eine  Compagnie
preußischer  Fußjäger  stehe,  schickte  der  Chef  des  General-
        <pb n="463" />
        stabes,  Major  Graf  Rechberg,  den  Lieutenant  Lenker
mit  einem  Geschwader  dahin.  Dieser  machte  zwar  vierzehn
  Mann  und  einen  Offizier  zu  Gefangenen,  meldete
aber,  der  Feind,  der  aus  allen  Häusern  Feuer  gebe,
scheine  das  Dorf  auf's  äußerste  behaupten  zu  wollen.
Alsbald  wurde  ihm  der  Lieutenant  Hertling  mit  einem
Zug  Chevaurlegers  und  einer  halben  Compagnie  Jäger
vom  Bataillon  Taris,  dann  auch  Lieutenant  Besserer
mit  noch  einem  Zuge  Chevauxlegers  nachgeschickt.  Däs
Dorf  ward  schnell  vom  Feinde  gereinigt.  Nun  aber
rückte  der  Feind  mit  1200  Mann  zu  Fuß  und  300  zu
ferd  aus  Glatz  hervor.

General  Lefebre,  im  Vertrauen  auf  die  Baiern,
ließ  sich  durch  die  Ueberlegenheit  des  Feindes  nicht  schrecken,
  sondern  beschloß  durch  einen  tollkühnen  Angriff  die
Preußen  in  Verwirrung  zu  bringen.  Weil  diese  den
Eingang  des  Dorfs,  gegen  die  Vestung  zu,  mit  einer
bedeutenden  Masse  von  Jägern  besetzten,  legte  er  noch
eine  Compagnie  unter  Hauptmann  Troeltsch  ins  Dorf,
und  links  von  diesem,  während  hier  das  Gefecht  anhub,
ließ  er  die  feindliche  Reiterei  durch  den  Lieutenant  Bes-Aerer
  aufhalten  und  lähmen.  Letzteres  geschah  mit  der
glänzendsten  Tapferkeit')  Dann  stürzte  die  kleine  Colonne
  Fußvolks,  an  ihrer  Spitze  Lieutenant  Hertling,
us  dem  Dorfe  hervor  in  den  Feind,  entriß  ihm  zwei
Kanonen,  die  von  zwanzig  Schützen  und  vierzig  Drago- 



*)  Besonders  hervor  thaten  sich  der  brave  Corporal  Rieser,
der  Gemeine  Kung,  (obgleich  zweimahl  verwundet  verließ
derselbe  demohngeachtet  das  Schlachtfeld  nicht)  die  Gemeinen
Thomas  Schmidt  und  Virkle.  Dem  überlegenen  Gegner
  wurden  mehrere  Gefangene  abgenommen.
        <pb n="464" />
        nern  vertheidigt  wurden,  trieb  diese  bis  zum  Pestungsglacls
  zurück,  und  kehrte,  als  neue  und  stärkere  Feindes
  Haufen  anrückten,  fechtend  zurück.  Mit  Umsicht
und  Tapferkeit  deckte  der  Chevauxlegers  =  Lieutenant
Madrour,  bis  ihm  größere  Unterstützung  ward,  mit  wenigen
  Leuten  ")  den  Zug,  durch  Vertheidigung  eines  Engweges
  gegen  das  Anstürmen  der  preußischen  Schützen,
welche  die  verlornen  Kanonen  um  jeden  Preis  wieder  ers
ringen  wollten.  Rirtmeister  Kraus,  welcher  mit  einer
Escadron  zur  Unterstitzung  gekommen  war  ,  #)  bildete
mun  die  Nachhut  der  kleinen  balerischen  Schaar,  welche,
ohngefähr  650  Mann  stark,  nach  Reichenstein  zurückzog,
und  zwei  eroberte  Kanonen  nebst  hundert  Gefangenen,
worunter  vier  Offiziers  waren,  mit  sich  brachte.
Unterdessen  wurde  die  Blokade  von  Kosel  in  blosse
Beobachtung  verwandelt.  Das  Bataillon  Braun,  so

·)  Unter  denen  vorzüglich  die  Gemeinen  Seidel,  Lohrmann
  der  jüngere,  Hafenmaier,  Bandel  und
Ruhland  zu  nennen  sind.  Eine  jener  gewonnenen  zwei
Kanonen  wurde  während  des  Marsches  vom  Feinde  demontirt,
  und  war  in  Gefahr,  von  selben  wieder  genommen  zu
werden.  Die  Gemeinen  Seidel,  Lohrmann  der  jünsere,
  Hafenmaier,  Bandel  und  Ruhland  sprangen
von  ihren  Pferden,  giengen  mit  halben  Leib  ins  Wasser,
und  hielten  durch  heftiges  Karabiner=  Feuer  die  Preußen
von  weiterer  Unternehmung  ab,  während  die  Chevaurlesers
  Negele  und  Weichsel  die  Fortschaffung  der  eroberten
  piege  besorgten.

**)  Der  ihm  untergeordnete,  schon  in  früherer  Zeit  rühmlichst
genannte  Wachtmeister  Schöngens  hielt  mit  Hülfe  des
Gemeinen  Merz  die  aundringenden  feindlichen  Schützen
durch  das  kühne  Abbrechen  eines  Steeges  von  augenblicklichem
  weitern  Vorrücken  ab.
        <pb n="465" />
        wie  in  Schweidniz  das  vierte  und  vierzehnte  Linien-Regiment,
  mußte  eiligst  nach  Warschau  aufbrechen;  (darauf
  machte  das  zehnte  Linien-Regiment  die  Besatzung
von  Schweidniz,  das  zweite  Bataillon  vom  6ten  Linien-Regiment
  die  Besatzung  von  Brieg).  Der  General  Raglowich
  konnte  seine  verschiedenen  Stellungen  nur  schwach
besetzen.  Zum  Glück,  daß  sein  Gegner  sich  blos  begnügte,
  die  künstlichen  Ueberschwemmungen  zu  unterhalten,
  die  aufgeworfenen  leeren  Batterien,  vorzüglich
die  bei  Kobelwitz,  zu  schleifen,  und  keine  Ausfälle  zu
thun,  bis  die  leichten  Batgillone  Taxis  und  Lamortte
(25ten  März)  zur  Verstärkung  angekommen  waren.  Dann
konnten  auch  die  bisherigen  Stellungen,  besser,  bemannt
werden.)

Der  Feind,  jetzt  im  Gefühl  grdßerer  Freiheit,  zersbrte
  die  alten  Belagerungs-Batterien,  warf  seinerseits
neue  gegen  die  Baiern  in  Reinsdorf  auf,  und  sandte
Streifhaufen  weit  umher  am  rechten  Oder-Ufer,  um
seine  Pestung  mit  neuen  Vorräthen  zu  versorgen.  General
  Raglowich  dagegen  schickte  (Aten  April)  den
Major  Wreden  mit  dem  zweiten  Bataillon  des  fünften
  Linien=  Regiments  nebst  45  Reitern  und  einer  Kanone
  ebenfalls  ans  rechte  Ufer  hinüber  (#ten  April).
Aufgefangne  Briefe  hatten  verrathen,  daß  der  Feind

 

*)  Das  Bataillon  Lamotte  stellte  sich  mit  drei  Compagnien
in  Rogau,  mit  einer  in  Boberschau  auf.  Das  Bataillon
Taris  besetzte  mit  zwei  Compagnien  Reinsdorf,  mit
einer  Compagnie  Juliusburg.  Das  5te  Linien-Regiment
Lellte  zwei  Compagnien  bei  Wegschütz,  eine  Compagnie
in  Oppeln  und  Krappitz,  1  Compagnie  in  Mechnitz,  den
übrigen  Theil  bei  Comorn  auf.
        <pb n="466" />
        —  136  —

Groß-Strehlen  zum  Sammelplatz  für  Vorräthe,  Gelder
und  Recruren,  die  in  die  Vestung  kommen  sollten,  bestimmt
  habe.  Major  Wreden,  der  von  Januschkowitz
dahin  eilte,  fand  zwar  keine  Mannschaft  mehr,  aber
noch  die  Gelder  und  Kleidungsstücke,  die  ihm  gute  Beute
wurden.

Fast  in  denselben  Tagen  fand  auch  ein  kleines  Gefecht
  in  der  Gegend  von  Silberberg  statt.  General  Lefebre
  hatte  nämlich  bei  Frankenstein  ein  Corps  aus
Würtembergern  und  Baiern  (dem  ersten  Bataillon  vom
zehnten  Linien  =  Regiment)  zusammengezogen,  um  die
Belagerung  von  Neisse  zu  decken  und  die  Vestung  Glatz
zu  beobachten.  Als  nun  auf  der  Straße  nach  Silberberg,
  im  Dorfe  Peterwitz  feindliche  Reiterei  bemerkt  ward
schickte  Lefebre  sogleich  (Sten  April)  zwei  Compagnien
Baiern  unter  Major  Bernelau,  nebst  einem  Geschwader
  würtembergischer  Jäger  aus.  Bernclau  trieb  die
preußischen  Husaren  von  Stellung  zu  Stellung  bis  unter
  die  Kanonen  von  Silberberg,  und  machte  einen  OÖffizier
  nebst  14  Gemeinen  zu  Gefangenen;  aber  auch  er
selbst  hatte  einen  Verlust  von  zwei  Todren  und  17  Verwundeten.


Bei  Kosel  hatte  General  Raglowich  unterdessen
die  Ueberfahrten  bei  Zichowitz  und  Krappitz,  auch  die
Brücke  bei  Oppeln  herstellen  lassen,  um  die  Verbindung
mit  dem-  rechten  Ufer  der  Oder  zu  erleichtern.  Denn
hier  ließ  er  den  Major  Wreden  siehen,  (der  aber  bald
darauf  (Oten  April)  vom  Obristlieutenant  Grafen  Taris,
mit  einer  Compagnie,  zwei  fahrenden  Sechspfündern,
und  der  vorhandnen  Reiterei,  abgelößt  ward).  Natürlich
  zog  diese  Absendung  ans  rechte  Ufer  Veränderungen
in  der  Stellung  am  linken  Ufer  nach  sich,  um  mit  der
        <pb n="467" />
        —  137  —

wenigen  Mannschaft  moͤglich  vieles  zu  leisten.  )  Denn
der  Feind  war  ununterbrochen  thaͤtig.  Vermittelst  eines
Durchschnitts  auf  der  gegen  Reinsdorf  fuͤhrenden  Straße,
und  der  Durchschneidung  und  Zerstdrung  des  Dammes,
welcher  von  den  Belagerern  bei  der  Johannes-Batterie
aufgeführt  worden  war,  erschwerte  er  jedes  Annähern
gegen  die  Vestung  noch  mehr.  Endlich  machte  er  in
einer  Morgenfrühe  (10ten  April)  mit  600  Fußgängern,
60  Reitern  und  3  Kanonen  sogar  einen  Ausfall,  um  die
Nuncte  Reinsdorf  und  Wegschütz,  (gegen  diese  spielte
sein  Geschutz  besonders)  wo  moglich  auch  Rogau  wegzunehmen,
  und  einer  Abtheilung  preußischer  Reiterei,
die  unter  dem  Lientenant  Witowsky  von  einem  Streifzug
  an  der  polnischen  Gränze  heimkehrte,  den  Weg  nach
Kosel  zu  bahnen.  Sie  hatte  dreißig  den  Polen  abgenommene
  Pferde  bei  sich.

Gegen  Reinsdorf  mißlang  die  Unternehmung,  trotz
der  Ueberlegenheit  des  Feindes,  und  ob  er  gleich  hinter
den  dortigen  Gebüschen  die  linke  Seite  des  General
Raglowich  zu  erreichen  hoffte,  auch  seine  Kanonen  bis
an  die  alte  Belagerungs-Batterie  ohnweit  des  heiligen
Johannes  brachte.  Denn  die  Compagnie  in  Reinsdorf
widerstand  fest,  bis  von  Juliusburg  eine  zweite  Compagnie
  zur  Unterstützung  kam,  und  Lieutenant  Fuchs

*)  Die  Aenderung  geschah  so,  daß  das  Bataillon  Taris  mit
einer  Compagnie  Reinsdorf,  mit  Einer  Juliusburg,  mit
Einer  Wegschütz,  das  erste  Bataillon  des  Sten  Regimentes  mit
einer  Compagnie  Wegschütz,  mit  zweien  Compagnien  Comorn,
einer  Compagnie  Oppeln,  das  Bataillon  Lamotte  mit  zwei
Compagnien  Rogau,  mit  Zweien  Boberschau  und  Mechnit
besetzte.  IZwei  Kanonen  kamen  nach  Wegschüt.
        <pb n="468" />
        einer  Abtheilung  derselben  durch  Gebüsch  und  Sumpf
die  Angreifenden  umgieng.  Da  wichen  sie  zurück.

Vor  Wegschütz  zwar  mußte  sich,  wegen  des  feindlichen
  Kanonenfeuers,  das  beim  Durchschnitt  aufgestellte
zwolf  Mann  starke  Piket  unter  Corporal  Frauendorfer,
  nach  männlicher  Gegenwehr  zurückziehen;  der  Feind
konnte  den  Ablauf  der  Ueberschwemmung  verstopfen  und
daselbst  sein  Geschütz  vortheilhaft  aufstellen;  allein  darauf
  beschränkte  sich  für  ihn  der  ganze  Vortheil  eines
Gefechts,  das  vier  Stunden  gedanuert,  den  Baiern  zwei
Todte,  zwoölf  Verwundete,  ihm  selbst  aber  10  Todte,
60  Verwundtete,  7  Ueberläufer  und  einige  Pferde  gekostet
  hatte.  ")

Während  General  Raglowich  auf  diese  Weise  mit
eigentlich  nur  sieben  Compagnien  den  wichtigen  Punct
Kosel  umschlossen  und  beobachtet  hielt;  während  die  Belagerung
  der  kräftig  vertheidigten  Vestung  Neisse  lebhaft
  vorschritt,  verdoppelte  Graf  Götzen  von  Glatz
aus  seine  Anstrengungen,  Schlesien  zu  retten.  Ohne
Geld,  ohne  Waffen,  ohne  Schießbedarf,  sandt  er  durch's
Riesengebirg  kleine  Streifhaufen,  an  deren  Spitze  sich
die  Rittmeister  Stössel  und  Nerro,  so  wie  die  Lieutenants
  Wallenstein  und  Gail  Namen  machten.  Sie
schweiften  bis  in  die  obere  Lausitz,  um  jene  Bedürfnisse

 

*  Der  General  Raglowich  nannte  in  dem  deßhalb  eingesandten
  Bericht  den  Major  Donnersberg,  den  Hauptmann
  Seebus  und  Lieutenant  Fuchs,  so  wie  den  jungen
  Tambour  Kaver  Öschap,  welcher,  obgleich  wegen
Schwäche  in  einen  Sumpf  stecken  bleibend,  nicht  aufhörte
während  der  ganzen  Affaire  Marsch  zu  schlagen,  vorzüglich
  tapfere  Männer.
        <pb n="469" />
        —  139  —

zu  erbeuten  und  feindliche  Vorraͤthe  zu  vernichten.  Waffen,
  Pferde  und  ansehnliche  Transporte  bei  Bunzlau,
Ldwenberg  und  Striegau  nahmen  sie  weg.  Die  Truppenzahl
  bei  Glatz  wuchs,  und  Gützen  drohte,  bald
ein  sehr  gefährlicher  Gegner  zu  werden.  Er  wäre  es
geworden,  hätte  der  franzbsische  General  Lefebre  mino?
der  Wachsamkeit  und  Feldherrukunst  gehabt.

Dieser  aber,  um  das  Anwachsen  der  feindlichen  Stärke
im  Werden  zu  vernichten,  zog  rasch  (12ten  April)  mit
einem  Corps  von  Baiern  (dem  öten  Linien-Regiment,
einer  Abtheilung  des  ersten  Dragoner-Regiments  und
der  Batterie  Regnier)  und  Würtembergern  (einem
Bataillon  Jäger  zu  Fuß,  einer  Abtheilung  reitender  Jäger
  und  zwei  Kanonen)  vor  Glatz.  Hier  stellte  er  sich
von  Wartha  her,  Angesichts  der  Vestung,  auf  die  Anhöhen.
  Rückwärts  ließ  er,  zur  Deckung  dieses  Stand-=punctes,
  den  baierischen  Major  Bernclau,  mit  300
Mann  vom  1o0ten  Linien-Regiment,  bei  Frankenstein.
Der  Feind  säumte  nicht,  alles  zu  thun,  diese  unwillkommene
  Erscheinung  zu  verdrängen.  Er  machte  schon
folgendes  Tages  (15Sten  April)  einen  allgemeinen  Angriff,
der  jedoch  auf  allen  Puncten  zurückgetrieben  ward.  Ein
gleichzeitiger  Streifzug  von  400  Preußen  zu  Fuß  und
mehreren  Husaren  gegen  Frankenstein  blieb  eben  so  vergeblich,
  doch  ward  durch  ihn  eine  halbe  Stunde  vom
erwähnten  HOrt  entfernt,  ein  Posten  von  sechs  Dragonern
  und  einem  Unteroffizier  aufgehoben.

Graf  Güötzen  hatte  indessen  bei  diesem  Versuch  die
Stellung  und  Schwäche  seines  Feindes  kennen  gelernt.
Er  schickte  nun  in  einer  Nacht  2,100  Mann  Fupvolks,
einige  Reiterei  und  vier  Kanonen  auf  großen  Umwegen
        <pb n="470" />
        —  140  —

durch  Waldungen  und  Berge  gegen  Lefebre's  Ruͤcken
und  linken  Fluͤgel;  einen  andern  Streifhaufen  ebenfalls
anf  Umwegen  uͤber  Wartha  gegen  den  rechten  Fluͤgel;
und  ein  Theil  der  Besatzung  von  Silberberg  mußte  nach
Frankenstein,  um  diesen  Punct  und  damit  auch  Lefebre's
  Rückzugslinie  nach  Breslau  wegzunehmen.

Mit  Tagesanbruch  den  17ten  April  griffen  1,600
Mann  Fußvolks,  500  Mann  Reiterei  und  einige  Kanonen,
  von  Glatz  ausgerückt,  den  linken  Flügel  der  bgierischwürtembergischen
  Stellung  an.  Zugleich  brachen  jene
2,400  Preußen  durch  die  Waldung  hervor  aus  ihrem
Versteck.  Unfer  solcher  Uebermacht  schwankte  das  dort
stehende  würtembergische  Jäger-Bataillon.  Aber  das
40te  Linien-Regiment  der  Baiern  stellte  herbeieilend  mit
Kürmischen  Anfall  das  Gleichgewicht  her,  trat  den  Preußen
in  die  Flanke  und  entriß  ihnen  eine  Haubitze.  Von  der
andern  Seite  warf  der  Oberst  Graf  Beckers  an  der
Spitze  zweier  Compagnien  des  sechsten  Linien-Regiments
  die  von  Wartha  herkommenden  Preußen  in  die
Walder  zurück,  und  stritt  so  glücklich,  wie  das  zweite
Bataillon  desselben  Regiments  unter  dem  Oberstlieute--nant
  Grafen  Spretti  am  linken  Flugel.  Und  als
endlich  auch  Bernclau  mit  dem  ersten  Bataillon  des
10ten  Linien-Regiments  den  Punct  Frankenstein,  so  wie
der  Hauptmann  von  Zoller  mit  seinen  wenigen  Baiern
den  Punct  Wartha  unerschütterlich  behauptete,  war  der
wohlberechnete  Entwurf  des  Grafen  Götzen  mit  nicht
geringem  Verlust  für  ihn  vereitelt.  Er  hatte  einen  Verlust
  von  200  Todten  und  Verwundeten,  9  Offizieren,
350  Gemeinen  in  Gefangenschaft,  einer  Haubitze  und
drei  Dreipfündern.  Die  Baiern  zählten  unter  sich  drei
        <pb n="471" />
        —  141  —

Todte,  13  Verwundete  und  2  Gefangene.  ")  Noch  huns
dert  in  die  Waldungen  versprengte  Preußen  wurden,  verfolgt
  durch  eine  Escadron  Chevaurlegers  und  zwei  Compagnien
  des  Leibregiments  unter  General  Siebein,
als  Gefangene  eingebracht.  Auch  Prinz  Jerome  war
zu  dieser  Zeit  dem  Schauplatz  der  Gefechte,  von  Breslau
  her,  näher  gerückt,  und  hatte  sein  Hauptgelager
nach  Münsierberg  verlegt.  *)

Diese  Wachsamkelt  gegen  des  Grafen  Götzen  Unternehmungen
  stellte  auch  das  Blocadecorps  von  Kosel
sicherer;  doch  bei  seiner  Schwäche  konnte  dieses  nichts
Entscheidenderes  leisten,  wenn  es  ihm  gleich  nicht  an
einzeln  kecken  Thaten  fehlte,  3.  B.  wenn  der  Sergeant

 

)  Jerome  Napoleon  erkannte  in  einem  am  16ten  Aprik
vor  Glaß  erlassenen  Tages=  Befehl  die  folgenreiche  Kraft-Anstrengung
  jenes  kleinen  baierischen  Corps  unter  General
Lefebre,  und  belobte  vorzüglich  den  Major  Grafen  Anton
  von  Rechberg,  den  Hauptmann  Dumas  und  Lieutenant
  von  Zandt.

**)  Bereits  am  täten  Aprik  hatte  er  das  2te  Bataillon  des
isten  Linien-Regiments,  eine  Escadron  Chevaurlegers
und  zwei  Kanonen  nach  Münsterberg,  am  15ten  zwei  Compagnien
  ebengenannten  Bataillons  mit  zwei  Kanonen  zur
Unterstützung  des  Punctes  Frankenstein,  späterhin  zum  Schutz
des  von  Schweidnitz  nach  Neisse  ziehenden  aus  20  Piecen
und  200  Wagen  bestehenden  Belagerungs-Parkes  nach  Reichenbach,
  das  erste  Bataillon  genannten  Regiments  dagegen
  von  Breslau  ebenfalls  nach  Münsterberg  gesandt,  am
165ten  selbst  sein  Hauptquartier,  eine  Escadron  Cavglerie
unter  Major  Floret  und  die  Batterie  Peters  nach  letzterem
  Orte,  am  17ten  nach  Kloster  Comorn  verlegt.
        <pb n="472" />
        —  142  —

Kröbel  und  der  Gefreite  Böck  vom  Bataillon  Taris
mit  zwolf  freiwilligen  Tapfern,  auf  das  Gerücht,  daß
in  der  feindlichen  neuen  Batterie  an  der  Pogrzellitzer-Brücke
drei  Kanonen  ständen,  nächtlicherweile  (vom  1#ten  zum
12ten  April)  dahin  schlichen,  die  Stücke  zu  nehmen.
Sie  fanden  sie  freilich  nicht,  aber  das  aufgebaute  Blockhaus
  legten  sie  in  Asche;  oder  wenn  bei  einem  Ausfall
der  Belagerer  (l6ten  April),  den  jedoch  der  Oberstlieutenant
  Graf  Taxis  bald  zurückwies,  ein  einziger  Mann,
der  Gemeine  Huber,  trotz  seiner  Wunden,  ein  Gefecht
mit  drei  Husaren  anfieng  und  lange  Zeit  allein  unterhielt.
  Dergleichen  Ausfälle  der  Besatzung  wiederholten
sich  fter,  auch  nachdem  der  tapfere  Befehlshaber  der
Pestung,  Oberst  Neumann  gestorben  war,  wie  z.  B.
am  oten,  11ten  und  12ten,  am  10ten  und  21ten  Mai
u.  s.  w.  Denn  der  neue  Befehlshaber  in  Kosel,  Oberst
Puttkammer  wich  seinem  Vorgänger  weder  an  Klugheit,
  noch  an  Beharrlichkeit  und  Muth.

Aber  der  Oberst  Puttkammer  hatte  bei  weitem
nicht  mehr  die  Hülfsmittel,  die  seinem  Vorgänger  zu
Gebote  gestanden  waren.  Die  Besatzung  sah  er  durch
das  beständige  und  zunehmende  Ueberlaufen  der  Soldaten
  zu  den  Baiern  äußerst  geschwächt.  Schon  riß  Meuterei
  ein.  Schon  litt  die  Vestung  Mangel  an  Bedürfnissen
  aller  Art  und  die  Hoffnung  des  Entsatzes  verlor
sich  immer  mehr.  )  Obgleich  der  Kommandant  noch

 

5P*)  Zwischen  der  Vestung  und  dem  Grafen  von  Göten  ward
mit  schwimmenden  Bouteillen  in  der  Oder  Briefwechsel

unterhalten,  dieß  aber  am  1sten  Juni  durch  die  Belagerer
endddeckt.
        <pb n="473" />
        am  zweiten  Juni  die  Vorschläge  zur  Uebergabe  verwarf,
welche  ihm  der  General  Raglowich  persdnlich  machte,
ward  er  dennoch  durch  seine  traurige  Lage  gezwungen,
sie  am  18ten  Juni  anzunehmen,  und  zwar  so,  daß  die
Besatzung  ehrenvoll  ausziehen  solle,  wenn  bis  zum  16ten
Fuli  kein  Emsatz  erscheinen  würde.  ')

 

11.

Verschiedene  Gefechte  in  Schlesien.  Eroberung
  der  Vestung  Neisse.  Vorläufige
Capitulation  der  Vestung  Glatz.  Belge
gerung  von  Silberberg.

Mit  weit  ernstern  Anstrengungen  war  seitdem  die
Belagerung  der  Vestung  Neisse  betrieben  worden,  welche
der  franzdsische  General  Vandanme  schon  seit  dem
16ten  April  hatte  auf's  heftigste  beschiessen  lassen,  und
zwar  nicht  ohne  furchtbare  Wirkungen  für  die  Stadt,
die  Vestungs  =  Werke  und  die  Besatzung.  Graf  Götzen
erkannte  wohl,  daß  von  dem  Falle  dieses  Mlatzes  das
Loos  der  noch  übrigen  oberschlesischen  Vesien  abhange.
Aber  zu  schwach  an  Mannschaft,  er  hatte  kaum  2000

*)  Der  während  dieses  Zeit-Raumes  abgeschlossene  Friebe
zwischen  den  kriegführenden  Mächten  machte  inzwischen
diese  Uebereinkunft  folgenlos.  (Die  Würdigung  der  Anstrengung
  des  Blocadecorps  betreffend,  stehe  Armeebefehr
vom  sten  Juli  1807,  20fsten  September  1807.  K.  1.)
        <pb n="474" />
        —  144  —

Mann,  konnte  er  weder  unmittelbar  gegen  Neisse,  noch
gegen  Frankenstein  einen  Angriff  wagen.  Darum  beschloß
  er,  durch  einen  Eilzug  sich  plötzlich  der  Stadt
Breslau,  wo  in  dem  Augenblick  nur  geringe  Besatzung
lag,  ")  zu  bemeistern,  und  mit  diesem  kühnen,  überraschenden
  Zuge  die  Aufhebung  der  Belagerung  von  Neisse
zu  erzwingen.  Er  schickte  auch  wirklich  (10ten  Mai)  die
Majore  Losthin  und  Roggendorf  mit  1,300  Mann
von  Silberberg  aus  über  Landshut,  Freiburg  und  so
weiter  gegen  Breslau,  wo  sie  sich  nur  sechs  Stunden
verweilen  und  alle  Vorräthe  wegnehmen,  dann  sich,  über
die  Oder  gegen  Kosel  wenden,  und  unterwegs  alle  Selbstranzionirte
  und  Freiwillige  an  sich  ziehen  sollten.

Prinz  Jerome,  (seit  25ten  April  mit  dem  ersten
Linien=  oder  Leib-Regiment  Baiern  wieder  nach  Schlesien
  zurückgekommen)  hatrte  damals  sein  Hauptgelager
mit  dem  baierischen  Leib-Regiment  zu  Frankenstein,
durch  Verhaue  und  Redouten  alles  gegen  Ueberfall  wohl
gedeckt,  ein  Bataillon  des  sechsten  baierischen  Linien=Regiments
  zu  Wartha,  und  seinen  linken  Flügel  durch
das  sächsische  Regiment  Niesemeuschel  verstärkt.  Mier
starken  Abtheilungen  waren  die  Straßen  nach  Silberberg
und  Glgz  besetzt.

Er  und  General  Lefebre  von  einer  feindlichen  Bewegung
  belehrt,  schickten  ohne  Vorzug  (11ten  May)
den  Major  Schmitt  vom  10ten---Linien-Regiment,  mit

einem

 

*)  Wegen  des  Abmarsches  des  2ten  Bataillous  des  Leib-Regimentes
  am  #áten  Mai  über  Reichenbach  nach  Tarnau
unweit  Silberberg.
        <pb n="475" />
        einem  kleinen  Corps  Baiern“)  über  Reichenbach  hinaus,
Kundschaft  einzuziehen.  Dieser  erfuhr  bald,  daß  der
Major  Losthin  mit  den  Preußen  auf  Umwegen  durchs
Gebirg  über  Freiburg  gegen  Breslau  ziehe.  Er  folgte
rasch  dessen  Spur  über  Peterswaldau  und  Wüste-Giersdorf
  und  gab  dem  General  Lefebre  Anzeige.  Dieser
brach  eben  so  schnell  (12ten  May)  mit  einem  kleinen
Corps  Baiern  und  Sachsen)  nach  Leutmannsdorf  auf,
stieß  folgenden  Tags  bei  Freiburg  zur  Schaar  des  Majors
  Schmitt,  und  erfuhr,  der  Feind  werde  in  und
bei  Ober-Kanth  übernachten.

Ehe  die  Nacht  vergangen  war,  plänkelte  schon  (#äten
Maiy  der  Lieutenant  Ferdinand  Zandt,  der  mit  40
Schützen  des  Leib-Regiments  und  24  Chevaurlegers,
als  Vorhut  voran  gegangen  war,  mit  den  preußischen
Vorposten  vor  Kanth,  und  behauptete  sich  mit  geringem
  Verlust,  bis  General  Lefebre  (4  Uhr  Morgens)
mit  allem  Kriegsvolk  erschien.  Nun  durch  das  Bataillon
Waldkirch  unterstützt,  durch  ein  Geschwader  Chevaurlegers
  unter  Rittmeister  Strüpen  und  ein  Geschwader
Dragoner  unter  Lieutenant  Grafen  Carl  Lodron  auf

)  Aus  einer  Compagnie  des  Leib-Regimentes,  einer  des
##l1oten  Linien-Regiments,  fünf  und  zwanzig  Dragonern  von
Minucci  unter  Lieutenant  Baron  Magerl,  und  vier
und  zwanzig  Chevauxlegers  des  Regiments  König  unter
Lieutenant  Ferdinand  von  Zandt,  bestehend.

*“)  Mit  dem  2ten  Bataillon  des  baierischen  Leib-Regimentes
  unter  Obristlieutenant  Graf  Waldkirch,  500  Mann
des  sächsischen  Regiments  Niesemeuschel,  einer  Escadron
  des  baierischen  Regiments  König-Chevaurxlegers  und
zwei  baierischen  Kanonen  unter  Hauptmann  Regnier.

Ates  Buch.  10
        <pb n="476" />
        —  1AH6  —

den  Seiten  gedeckt,  drang  er  gegen  die  Stadt  an.  Ein
Wort  des  Oberstlieutenants  Waldkirch  war  genng,  alle
zu  entflammen.  Zandt  warf  alles  vor  sich  her  nieder,
drang  in  die  Stadt,  sprengte  in  dreihundert  feindliche
Reiter  ein,  die  auf  dem  Marktplatz  standen,  trieb  sie
zum  Thor  hinaus  ,  und  behauptete  dieses,  nur  mit
Verlust  eines  seiner  Tapfern.  So  bereitete  er  die  Einnahme
  des  Städtchens,  welche  der  Hauptmann  Brück
mit  der  Grenadier-Compagnie  des  Bataillons  Waldkirch
  vollendete.  Die  Preußen  machten  noch  hin  und
wieder  aus  den  Häusern  Feuer.  Es  wurden  hier  120
Mann  gefangen  genommen.

Major  Losthin  stellte  sich  nun  jenseits  der  Stadt,
theils  in  ein  Gehdlz,  theils  hinter  das  Schweidnitzer=Wasser
  auf,  dessen  Brücke  er  mit  Nachdruck  vertheidigte.
Als  Oberstlieutenant  Graf  Waldkirch  bemerkte,  daß
der  Feind.  selbst  durch  das  Kanonenfeuer  nicht  aus  dem
Gebuͤsch  zu  vertreiben  sey,  schickte  er  einen  Zug  unter
dem  Oberlieutenant  Grafen  Taufkirch  hinein.  Dieß
wirkte.  Nun  befahl,  Lefebre  mit  gesammter  Macht
unverweilt  uͤber  den  Fluß  zu  gehen,  und  den  Feind  anzugreifen,
  der  sich  jenseits  auf  den  Höhen  mit  zwei
Feuerschlünden  vortheilhaft  stellte.  Man  ging  hinäüber.
Graf  Waldkirch  entwickelte  im  heftigsten  Feuer  des
Feindes  die  Schlachtordnung  seines  Bataillons,  während
ein  Theil  des  sächsischen  Bataillons  Niesemeuschel,  als
Reserve,  unter  Befehl  des  baierischen  Majors  Schmitt
zurück  blieb,  zum  Schutz  der  Brücke.  Nun  führte  der
tapfere  Lieutenant  Zandt  die  gesammte  Reiterei  rechts
gegen  die  feindliche  Reiterei  auf  der  Hhe,  und  trieb  dieselbe,
  trotz  ihrer  Ueberlegenheit,  nach  wildem  Gefecht
zurück,  und  verfolgte  sie  unabläßig.  Zu  gleicher  Zeit
        <pb n="477" />
        —  147  —

drang  Graf  Waldkirch  gegen  das  Kartätschen=  und
Flintenfeuer  der  feindlichen  Linie  auf  hundert  Schritte
vor;  thm  folgten  zwei  Kanonen  unter  Haupimann  Regnier.
  Dann  Ktürzte  er  gegen  den  Feind  an.  Dieser
wankte.  Und  als  der  baierische  Lieutenant  Kiefer  ihm
mit  großem  Muthe  eine  der  Kanonen  entriß,  ward  dieß
das  Zeichen  zum  allgemeinen  Rückzug  der  Preußen.  Damit
  nicht  zufrieden,  schob  Graf  Waldkirch,  während
des  Verfolgens  seinen  rechten  Flügel  immer  weiter  vor,
um  den  in  Unordnung  gerathenen  Preußen  den  Rückzug
gegen  Breslau  abzuschneiden,  sie  gegen  das  Schweidnitzer
  Wasser  und  das  Bataillon  Niesemeuschel  bei  der
Brücke  zu  treiben,  folglich  sie  zwischen  zwei  Feuer  zu
nehmen.  "
Die  Preußen,  in  Verzweiflung,  nun  überzeugt,  nichts
mehr,  als  Besitz  jener  Brücke,  kdane  sie  vor  gänzlicher
Vernichtung  bewahren,  stürzten  wüthend  alle  auf  diesen
Punct  hin.  JZu  schwach  gegen  den  Anprall  solcher  Masse,
wichen  die  Sachsen,  zumahl  sie  viele  der  ihrigen  und
selbst  den  Major  Schmitt,  ihren  Führer  getddtet  sahen.
Die  Eroberung  der  Brücke  beruhigte  die  Preußen.  Schnell
sammelten  und  ordneten  sie  sich,  und  Major  Losthin
ward  itzt  angreifender  Theil.  Denn  er  sah,  daß  die
Baiern,  ihres  Sieges  gewiß,  noch  zerstreut  und  ordnungslos,
  wie  im  Verfolgen,  kamen.  Er  rückte  auf  sie
an.  Weder  Lefebre's,  noch  Waldkirch's,  noch  aller
  Offiziere  Bemühen  war  itzt  fählg,  ihren  Kriegern
die  vorige  Haltung,  oder,  in  solcher  Verwirrung,  die
verlorne  Brürke  wieder  zu  geben.  Die  Flucht  begann!
Ooch  lieber  den  Tod,  als  Gefangenschaft  wählend,  stürzten
  sich  alle  dem  General  Lefebre  nach  in  die  Wellen
des  Schweidnitzer-Wassers,  damahls  hoch  von  Regen-10
  *
        <pb n="478" />
        —  148  —

und  Bergstroͤmen  angeschwollen.  Hauptinann  Regnier
warf  die  beiden  baierischen  Kanonen  in  die  Tiefe  des
Flußes.  Der  Junker  von  Chlingensberg  rettete  die
Fahne  des  Bataillons  aus  den  Händen  des  Feindes,  riß
sie  dann  von  ihrer  Stange,  schlang  sie  um  den  Leib  und
sank  mit  ihr,  getroffen  von  feindlichen  Kugeln,  in  den
Wellen  unter.

Jenseits  des  Wassers  sammelte  und  ordnete  Graf
Waldkirch  die  Baiern  wieder,  zu  denen  nun  erst,
nach  vollendetem  Gefecht  und  beim  ungestorten  Rückzuge,
anch  der  tapfere  Lieutenant  Zandt  kam,  welcher  die
preußische  Reiterei  in  stürmischer  Hitze  nur  allzuweit  verfolgt
  hatte.  Mit  einem  Verlust  von  53  verwundeten
und  123  vermißten  und  gefangenen  Soldaten),  ungebeugt
  durch  dieß  Ungliuck,  welches  noch  durch  manches
wackern  Mannes  That  geadelt  worden  war  "#),  zogen  die
Baiern  den  Weg  nach  Schweidnitz.  Auch  Hauptmann
Hugenpoet,  der  zu  Kanth  mit  seiner  Compagnie  die
gefangenen  Preußen  bewacht  hatte,  machte  mit  denselben
  seinen  glücklichen  Ruckzug,  welchen  ausgezeichnet  tapfer
  mit  einer  kleinen  Abthellung  dieser  Compagnie  der

*)  Verwundet  wurden  von  Öffizieren,  der  baierische  Hauptmann
  Baligand,  der  Öberlieutenant  Graf  Taufkirch,
die  Lieutenants  Graf  Deypm,  Kiefer,  Baron  Hohenhausen,
  welche  größtentheils  so  wie  der  Hauptmann
Sundahl,  die  Lieutenants  Mühlholz,  Graf  Lerchenseld,
  Baron  Gumppenberg  in  des  Gegners  Hände
fielen.

2#)  Der  Hauptmann  Baligand,  die  Oberlieutenants  Graf
Taufkirch  und  Mühlholz,  die  Lieutenanks  Graf
Deym  und  Kiefer,  der  Hauptmann  Sundahl  und
        <pb n="479" />
        —  149  —

Lieutenant  Griesenhöck  gegen  den  Andrang  des  Feindes
  deckte.

General  Lefebre  aber,  nur  Rache  athmend,  noch
in  nassen  Kleidern,  eilte  auf  Kourierpferden  nach  Schweidnitz
  voraus,  ließ  da  eine  preußische  Kanone  beweglich
machen,  und  sammelte  an  hundert  Mann  durch  Schlesien
  ziehender  Franzosen  und  300  polnische  Uhlanen  zu
sich.  Mit  diesen  Uhlanen,  mit  der  Escadron  Chevaurxlegers
  unter  dem  Lieutenant  Zandt,  mit  der  preußischen
  Kanone  unter  Hauptmann  Regnier  flog  er  folgendes
  Tags  (15ten  Mai)  nach  Fürstenstein.  Hauptmann
  Brück  mit  der  zweiten  Grenadier-Compagnie  des
Leib-Regiments,  und  mit  den  Schützen  desselben  Oberlieutenant
  Baligand  folgten  im  schnellsten  Laufe  auf
Wägen.  Gleiche  Richtung  nahm  Graf  Waldkirch  mit
seinem  Bataillon  und  den  hundert  Franzosen.

Es  hatte  nämlich  General  Lefebre  wohl  berechnet,
Major  Losthin  werde  sich,  nach  dem  Gefecht  bei  Kanth,
schwerlich  gegen  Breslau  weiter  hin  bewegen,  sondern
seine  Gefangenen  und  seine  Beute  in  Sicherheit  zu  bringen
  suchen,  und  von  drei  Wegen  nach  Glatz  oder  Sil-Lieutenant

  Pigenot  des  toten  Regiments,  hatten  ihren
trefflichen  Führer  Oberstlieutenant  Grafen  Waldkirch  treulich
  unterstützt.  Lieutenant  Kiefer  brachte  mit  einer
Hand,  welche  bereits  stark  verwundet  worden,  und  einen
feindlichen  Artilleristen  getödtet  hatte,  die  von  ihm  eroberte
feindliche  Kanone  noch  vor  Ausgang  des  Gefechtes  glücklich
in  Sicherheit.  Eben  so  hatte  sich  der  verwundete  Lieutenant
  Baron  Hohenhausen  des  toten  Linien=  Regiments
  vorzüglich  tapfer  gezeigt.
        <pb n="480" />
        berberg,  am  liebsten  den  sichersten  durchs  Gebirg  uͤber
Striegau  und  Freiberg  waͤhlen.  Er  hatte  sich  in  der  Vermuthung
  nicht  betrogen.  In  der  Naͤhe  von  Fuͤrstenstein
sah  man  die  Preußen  auf  dem  Wege  von  Hohenfrledberg
und  Adelsbach  gegen  Waldenburg  ziehen.

Alsbald  sprangen  Grenadiere  und  Schützen  vom  Wagen,
  in  die  Schlachtreihe  mit  der  Reiterei.  Lefebre
führt  sie  rasch  gegen  die  Mitte  des  feindlichen  Zuges
auf  die  Anhbhe,  wo  sich  die  Preußen  sogleich  ordneten
und  lebhaftes  Kanonenfeuer  machten.  Lefebre  zog  nun
auch  seine  preußische  Kanone  vor.  Hauptmann  Regnier
that  nur  drel  Schuß.  Er  erkannte,  daß  die  Stücke,  aus
welchen  der  Feind  antwortete,  dieselben  waren,  welche
er  den  Tag  vorher  befehligt  hatte.  Die  Preußen  hatten
sie  wieder  aus  dem  Schweidnitzer-Wasser  gezogen.  „Brüder“,
  schrie  Regnier  den  Reitern  zunächst  zu:  „Soll
uns  der  Feind  aus  unsern  eignen  Stücken  beschlessen?
Frisch  auf,  brave  Baiern,  mir  nach!“  Und  er  sprengte
wild  gegen  das  wohlbekannte  Geschütz.  Die  erste  Kanone
ward  sogleich  von  ihrer  Bedienung  verlassen.  Fünf  preu-Khische
  Husaren  umzingelten  ihn  bey  der  zweiten;  einen
haut  er  vom  Roß,  die  andern  bieten  ihm  Gnade  an.
Er  hört  nicht,  ist  daran  unter  ihren  Streichen  zu  fallen,
  als  ihm  der  Artillerie=  Corporal  Voigl,  der  Chevqurleger
  Michael  Bausch  zuspringen.  Die  vier  Husaren
  fallen  getddtet.  Lieutenant  Zandt  erscheint  mit
der  gesammten  Reiterel  und  sein  Einhauen  in  die  ganze
feindliche  Linie  vollendet  nicht  nur  die  Wiedereroberung
der  beiden  baierlschen  Kanonen,  sondern  auch  die  beiden
  preußischen  werden  noch  dazu  erbeutet.  —  Nun  hatte
Hauptmann  Brück,  als  er  mit  dem  balerischen  Fußvolk
anrückte,  leichtes  Spiel.  Die  Preußen  wurden  gewor-
        <pb n="481" />
        —  151  —

sen.  Man  hatte  bald  eher  Unbewaffnete  zu  beschützen,
als  zu  hekämpfen.  Major  Losthin  sah  alle  Siegesfrucht
des  vorigen  Tages  verloren,  und  bei  600  Todte  und
Verwundete  der  Seinigen  auf  dem  Kampfplatz.  Er  selbst
mit  15  Offizieren  und  350  Mann  ward  gefangen.  Aber
zu  weit  voraus  waren  gegen  Glatz  schon  die  Tags  zuvor
  bei  Kanth  in  Gefangenschaft  gerathenen  Baiern.
Sie  wurden,  nebst  der  vom  Feind  wieder  aus  dem  Schweidnitzer-Wasser
  gezogenen  Fahne  nach  Glatz  gebrachr.  Hinwieder
  hielten  nun  die  Baiern  mit  allen  preußischen  Gefangenen
  und  den  eroberten  Feldstücken  ihren  feierlichen
Einzug  (17ten  May)  in  Breslau,

Noch  wußte  der  preußische  Oberbefehlshaber  Graf
von  Gützen  nichts  vom  Ausgang  des  Losthin'schen  Zuges.
  Er  dachte  noch  daran,  den  bei  Wartha  stehenden
General  Siebein  zu  beschäftigen,  damit  er  keine  Absendungen
  gegen  Frankenstein  und  Reichenbach  mache.
Darum  ließ  er  (164ten  Mai)  den  preußischen  Major
von  Görtz  mit  zweihundert  Fußgängern  und  einem  Geschwader,
  von  Glatz  aus,  gegen  ihn  ziehen;  dem  folgten
  600  Mann  Infanterie  mit  zwei  Kanonen  nach.  General
  Siebein  lag  mit  vier  Compagnien  Baiern  Cdes
sechsten  Linien-Regiments,  später  deren  nur  drei  desselben,
  aber  dann  mit  einer  des  10ten  Regiments  und  einer
  würtembergischen  verstärkt)  in  gurer  Stellung  hinter
dem  Städtchen,  mit  Voxposten  jenseits  der  Neisse,  um
die  Straßen  nach  Glatz  und  Silberberg  zu  beobachten.
Seine  Streifwachen  stiessen  beim  Dorfe  Eichen  auf  die
Mannschaft  des  Major  Görz,  und  begannen  mit  derselben
  ein  lebhaftes  Geplänkel,  als  sehr  zufällig  der
franzôsische  General  Hedouville,  begleitet  vom  Lieutenant
  Besserer  und  vier  und  zwanzig  Mann  vom
        <pb n="482" />
        —  152  —

zweiten  Chevaurlegers-Regiment,  dazu  traf.  Hedouville
  war  nur  ausgeritten  gegen  Glatz  zu  recognosciren.
  Besserer  sah  nicht  sobald  seine  Landsleute  in
Gefahr,  als  er  einen  Corporal  und  sechs  Mann  zur  Bedeckung
  des  Generals  zurück  ließ,  mit  den  übrigen  gegen
die  feindliche  Escadron  jagte,  einhieb,  und  mit  glücklicher
Tapferkeit  *)  sie  bis  Eichen  zurücktrieb.  Hier  nahm  der
Feind  neue  Stellung.  Da  aber  General  Siebein  mit
250  Mann  Fußvolks  ebenfalls  herbeieilte,  griff  auch
Besserer,  obgleich  selbst  schon  zweifach  verwunder,
noch  einmahl  an.  Der  Feind  ward  bis  zur  Colonie
Friedrichswartha  gedrängt,  wo  nun  die  Hauptmacht  des
ausgesandren  Corps  beisammen  stand.  Jetzt  erst  zog  sich
der  baierische  General  mit  seinem  Häuflein  zurück.  Die
Preußen  wagten  ihn  kaum  zu  verfolgen.  7)

Alle  diese  Ereignisse  hatten  für  das  Schicksal  der
Pestung  Neisse  nachtheiligen  Einfluß.  Denn,  ohne  baldigen
  Emsatz,  war  sie  durch  ihren  Zustand  gezwungen,
sich  zu  ergeben,  wie  besonnen  und  tapfer  auch  ihre  Befehlshaber
  Stecusen,  Harroy  und  Wernitz,  die
Vertheidigung  geführt  hatten.  Die  Pestung,  zu  deren

 

*)  Unterstüßt  durch  den  bald  darauf  getödteten  Chevaurlegers
Brinzineser,  die  Chevaurlegers  Anten  Meper-Essentheuer,
  Metz,  Bergmüller  und  Hißelberger.
  Chevaurlegers  Anton  Mever  fieng  während  jenes
heftigen  Handgemenges  den  Hieb  eines  preußischen  Offiziers
  auf,  welcher  den  Kopf  des  Lieutenants  Besserer
gespalten  haben  würde,  und  erschien  demnach  als  der  Retter
  des  Lebens  seines  Führers.

*)  General  Siebein  gedachte  in  seinen  über  diese  kleine
Affa  ire  erstatteten  Bericht  mit  Anerkenntniß  erworbenen
        <pb n="483" />
        155  —’

Vertheidigung  eine  Besatzung  von  12,000  Mann  erforderlich
  gewesen  wäre,  zählte  deren  nur  5,000,  durch  beständigen
  Dienst  auf  den  Wällen  erschöpft.  Besonders
fehlte  es  an  Artilleristen.  Krankheiten  nahmen  überhand,
und  es  mangelte  an  allen  Arzneimitteln.  Daher  ward
(tten  Juni)  nach  115tägiger  Belagerung  die  Capitulation
  wirklich  abgeschlossen,  so,  daß  die  Vestung  am  lbren
Juni  den  Siegern  eroffnet  werden  sollte,  wenn  bis  dahin
  kein  Entsatz  erscheinen  würde.  Auch  die  Belagerer
hatten  vor  der  Stadt  bedeutenden  Verlust  gelitten,  denn
von  den  Wällen  waren  ihnen  aus  350  Stück  Geschütz
(nur  durch  108  Artilleristen  bedient!)  nicht  weniger,
als  100,000  Kugeln  zugeschleudert  worden.

Graf  Sdtzen  keineswegs  durch  so  viel  Widerwärtigkeiten
  gebeugt,  verdoppelte  seinen  Eifer  zur  Rettung
des  noch  irgend  Rettbaren.  Den  Rittmeister  Biberstein
  sandt  er  aus,  einige  Reiterei  zu  bilden;  den  Major
  Puttlitz  ins  Riesen-Gebirg,  Fußvolk  zu  sammeln.
Er  versäumte  keine  Gelegenheit,  seinem  Gegner  zu  schaden,
  und  dem  Uebermuth  desselben  zu  beweisen,  daß  er
jede  gegebene  Blbsse  zu  benutzen  wisse.  Dieß  erfuhr  besonders
  durch  ihn  der  franzdsische  General  Pernetti.

Verdienstes  des  Hauptmanns  Fischer,  der  Lientenants
Massenbach,  Geisler,  Mallinger  und  Jung,
des  Sergeant  Müllers  und  Corporals  Strommedter
des  bten  Linien-Infanterie-Regiments,  so  wie  des  schon
bei  mehreren  Gelegenheiten  ehrenvoll  erwähnten  Lieutenants
  Besserer.  Der  baierische  Verlust  bestand  in  einem
  Todten,  5  Verwundteten  und  14  Vermißten.  Der
des  Gegners  schien  letzteren  bei  weitem  zu  über  treffen.
(Siehe  Armeebefehl  vom  toten  Juni  1807.  F.  3.)
        <pb n="484" />
        —  154  —

Dieser,  um  Godtzen's  Thaͤtigkeit  im  Riesengebirg
zu  hemmen,  gieng  mit  einem  Streifcorps,  *)  uͤber  Lampersdorf
  (22ten  Mai,  Wüste-Giersdorf,  von  da  in
verschiedenen  Abtheilungen  auf  verschiedenen  Wegen  nach
Goldberg,  Striegau,  Freiberg  und  Reurode,  wo  noch
200  baierische  Chevaurlegers  vom  dritten  Regiment  zu
ihm  stiessen.  Unterwegs  hatte  eine  schwache  Abtheilung
des  Regiments  Herzog  Wilhelm  unter  Lieutenant
Bauer  ein  preußisches  Detachement  zu  Schoͤmberg  (24ten
Mai)  Uberfallen,  siebzehn  Gefangene  und  mehrere  Pferde,
auch  einige  hundert  Thaler  Beute  gemacht.  Statt  nun
den  Rückweg  von  Neurode  nach  Wartha  über  Lampersdorf
  zu  nehmen,  wählte  General  Pernetti,  in  allzugroßer
  Verachtung  seines  Feindes,  der  ihn  scharf  beobachtete,
  den  gefährlichsten,  der  zu  finden  war,  zwischen
den  beiden  Festungen  Glatz  und  Silberberg  hindurch.
Aus  beiden  Festungen  ließ  Graf  von  Götzen  sogleich
Truppen  in  hinreichender  Zahl  ausrücken,  die  unvorsichtig
  geführten  Baiern  und  Würtemberger  von  zwei  Seis
ten  anzufallen.

Die  Letztern  hatten  eben  (öten  Juni)  auf  dem  Zuge
von  Neurode  nach  Rothwaltersdorf  den  Scheideweg  von
Wartha,  Silberberg  und  Glatz  erreicht,  als  preußische
Reiterei,  von  Glatz  her,  die  Nachhut  Pernetti's  anfiel.
  Sie  ward  von  den  baierischen  Chevaurlegers  bis
hinter  das  Dorf  Schwenz  zurückgeworfen.  Unnbthiger= 



)  Aus  einer  Compagnie  des  Leib-Regiments  und  zwei
Compagnien  des  haierischen  öten  Linien-Regiments,  70
baierischen  Dragonern  und  118  würtembergischen  Schützen
gebildet.
        <pb n="485" />
        —  155  —

weise  mußte  sich  das  ganze  Corps  aufstellen  und  anderthalb
  Stunden  verweilen.  So  gewannen  denn  auch  die
von  Silberberg  kommenden  Preußen  Zeit  genug,  Rothwaltersdorf
  zu  erreichen,  sich  dort  in  Versteck  zu  legen,
und,  wie  Pernetti's  Vortrab  erschien,  ihn  mit  einem
heftigen  Feuer  zu  empfangen,  waͤhrend  von  hinten  die
vorher  zuruͤckgetriebne  preußische  Reiterei  gegen  die  Nachhut
  andraͤngte.  Auch  das  Dorf  Neurode  ward  vom
Feind  erfuͤllt.  Major  Graf  Leibelfing  warf  sich  nun
gegen  dieses  mit  der  ersten  Compagnie  des  Leib;  Regiments
  und  den  wuͤrtembergischen  Schuͤtzen.  Er  nahm
das  Dorf  mit  Sturm,  und  trieb  die  Preußen  hinaus;
dann  sie  auch  aus  ihrer  neuen  Stellung  hinter  dem  Dorfe
fort,  in  die  Waͤlder.  Waͤhrend  dessen  hatte  General
Pernetti,  unbekuͤmmert  um  das  Schicksal  der  bei  Neurode
  Kaͤmpfenden,  mit  allen  Truppen  ungehindert  seinen
Weg  fortgesetzt.  Major  Leibelfing  ward  dieß  erst
gewahr,  als  sich  die  preußische  Reiterei  gegen  ihn  wandte,
die  vorher  noch  die  Nachhut  Pernetti's  verfolgt  hatte.
Er  erblickte  sich  nun  umringt  von  allem  aus  Glatz  und
Silberberg  gekommenen  Kriegsvolk.  Mehr  denun  dreißig
Mann  seiner  Compagnie  hatten,  statt  männlich  auszuharren,
  sich  schon  auf  schändliche  Weise,  beim  Anfang
des  Gefechts,  über  die  nahe  dsterreichische  Gränze  geflüchtet.
  Also  mußte  sich  Major  Leibelfing,  nach
heftigem  Widerstande,  gefangen  geben,  nebst  zwei  Offizieren
  und  23  Mann.

Der  Gesammtverlust  der  Baiern  in  diesem  Gefechte
betrug,  außer  den  gefangenen  erwähnten  Offizieren,  an
Todten,  Verwundeten  und  Gefangenen  170  Mann.  Der
Verlust  der  Preußen,  deren  Reiterei  besonders  gute  Dienste
gseleistet  hatte,  war  sehr  gering.  General  Pernetti
        <pb n="486" />
        —  156  —

erkannte  übrigens  Cin  seinem  noch  im  Original
denen  Schreiben)  an,  daß  die  Tapferkeit  und
bung  des  Majors  Leibelfing,  der  die  Aufmerksamkeit
des  Feindes  vom  ganzen  Corps  auf  sich  bingezogen,  den
Rückzug  der  übrigen  Truppen  vollig  gesichert  habe.

vorhan-Hinge-


  glücklich  waren  andere  Ausfälle  der  Besa-Lung
  von  Silberberg  (am  26ten  Mai  und  ten  Juni)
gegen  Frankenstein  und  den  Punct  Olbersdorf,  (den  ein
Theil  des  wuͤrtembergischen  Scharfschuͤtzen-  Bataillons
Scharfenstein,  ein  Theil  des  ersten  baierischen  Dragoner-Regiments
  und  eine  Compagnie  vom  10ten  Linien=Regiment
  besetzt  hielt.)  Die  Preußen  verloren  dabel
mehrere  Gefangene  und  Verwundete.  ·

Prinz  Jerome  säumte  nicht,  nach  dem  Fall  von
Kosel  und  Neisse,  die  bis  zur  völligen  Uebergabe  nur
von  wenigen  Truppen  beobachtet  blleben,  sich  gegen  Silberberg
  und  besonders  erst  gegen  Glatz  zu  wenden.  Generallieutenant
  Deroy,  nachdem  er  bei  Frankenstein
die  zur  Belagerung  bestimmten  Truppen  (das  zweite
Bataillon  des  Leib-Regiments,  das  sechste  und  zehnte
Linien-,  das  erste  Dragoner-Regiment,  ein  franzdsisches
Uhlanen-Regiment  und  zwei  Batterien)  versammelt  hatte,
rückte  (20ten  Juni)  gegen  Glatz.  Er  warf  ohne  Mühe
die  Vorposten  zurück,  welche  der  Feind  eine  Stumde  hinter
  Wartha  hatte,  und  besetzte  vor  Glatz,  auf  Kanonenschußweite
  von  der  Vestung,  die  Anhdhen;  den  rechten
  Flügel  zum  Neissefluß,  den  linken  gegen  Niederhannsdorf
  gestreckt.  Ueber  Giersdorf  her,  zwischen  Silberberg
und  dem  Neissefluß,  kam  General  Bandamme  von  der
andern  Seite  mit  würtembergisch  m  und  sächsischen  Kriegspolk,
  dem  das  zweite  Chevaurlegers-Regiment  der  Bai-
        <pb n="487" />
        135-  —

ern  folgte,  und  schloß  (21sien  Juni)  Glatz  auf  dem
linken  Ufer  der  Neisse  ein,  links  an  diesen  Fluß  gelehnt,
rechts  an  Deroy's  Division  gestuͤtzt,  mit  der  ihn  bei
Peltsch  und  Schnappauf  geschlagene  Bruͤcken  verbanden.

Noch  war  aber  das  obenerwaͤhnte  Niederhaunsdorf
durch  Vreußen  besetzt.  Deroy  schickte  den  wuͤrtember—
gischen  Obersten  Scharfenstein  mit  dessen  Bataillon,
nebst  zwei  Compagnien  des  zehnten  baierischen  Linien=Negiments
  unter  Major  Bernclau  und  einem  Geschwader
  Dragoner  dahin.  Wie  tapfer  auch  die  Soldaten  fochren,
  wie  klug  auch  ihr  Anföhrer  sie  leitete,  ward  das
Dorf  dennoch  erst  bei  anbrechender  Nacht,  als  eine  Compagnie
  des  baierischen  Leib-Regiments  und  eine  Dragoner-Escadron
  unter  Rittmeister  Cornet  zur  Unterstützung
  gekommen  war,  zum  Theil  errungen.  Denn
die  andere  Hälfte  des  Orts  behielten  die  Preußen  besetzt,
geschützt  durch  das  Kanonen-Feuer  aus  der  Festung.
Das  Oorf  war  während  des  langen  Kampfes  mehrmahls
genommen,  verloren  und  wieder  genommen  worden,  weil
es  durch  seine  Lage  keineswegs  die  Vertheidiger  begünstigte.
  Der  Verlust  an  Todten  und  Verwundeten  (unter
letztern  der  Rittmeister  Cornet  und  Oberlieutenant
Baron  Gumppenberg)  war  unbeträchtlich.  “)

Die  Belagerten  zeigten  sich  in  den  ersten  Tagen
durch  Streifwachen  und  Recognoscirungen  sehr  thätig;
die  Belagerer  hinwieder  bauten  ämsig  an  den  Batterien,
besonders  auf  dem  sogenannten  JZuckerhut,  von  welcher

*)  Der  Oberst  Scharfenstein,  und  der  würtembergische
Hauptmann  Scheidemantel,  so  wie  der  baierische
Hauptmann  Winkh  des  toten  Regimentes  thaten  sich
dabei  besonders  hervor.
        <pb n="488" />
        158  —

Höhe  die  Stadt  gleich  den  ersten  Tag  mit  zwei  Haubltzen
  nicht  ohne  Erfolg  beschossen  worden  war.  Auch  aus
der  andern  Hälfte  von  Niederhannsdorf  wurde  der  Feind,
trotz  des  heftigsten  Kartätschen=  und  Klein-Gewehrfeuers,
  (25ten  Juni)  in  die  Vestung  zurückgetrieben.  General
  Siebein  erstürmte  mit  Würtembergern  und  Balern
  daselbst  Haus  um  Haus.

Die  Bergfestung  Glatz  zu  erobern,  mußte  vor
allen  Dingen  erst  die  Stadt  eingenommen  werden.  Denn
sie,  für  sich  selbst  von  eignen  Werken  umgeben  und
geschutzt,  verbindet  die  beiden  Hauptvesten  links  und
rechts,  den  Donjon  und  den  Schäferberg,  welche  vom
Reisseflutz  getrennt  sind.  Um  aber  zum  Besitz  der  Stadt
zu  gelangen,  muß  man  zuvor  Meister  der  zwischen  Niederhannsdorf
  und  Hasßwitz  befindlichen  Anhdbhen  seyn,
theils  weil  sich  der  Belagerer  droben  einschneiden,  theils
von  da  herab  die  ganze  Stadt  in  Grund  schiessen  kann.
Graf  von  Götzen,  der  die  Wichtigkeit  dieser  Hôhen,
besonders  des  sogenannten  Kreuzberges  sehr  gut  kannte,
harte  sie  seit  acht  Tagen  eilfertigst  mit  Verschanzungen
decken  lassen.  Noch  waren  die  Werke  nicht  ganz  vollender;
  um  so  dringender  hatte  er  dem  Major  von  Puttlitz,
  nebst  der  Besatzung  in  diesen  Schanzen,  Wachsamkeit
  und  Vorsicht  empfohlen,  zumahl,  da,  von  beiden
  Seiten  schon,  Niederhannsdorf  und  Haßwitz,  in
die  Gewalt  der  Belagerer  gefallen  waren.

Im  Gefähl  der  Ueberlegenheit,  und  schnell  die  letzten
  der  preußischen  Vestungen  zu  besiegen,  beschloß  Prinz
Jerome  Sturm  gegen  das  feste  Lager  vor  Glatz.  Er
ward  gerüfter.

In  nächtlicher  Stille  (1  Uhr  Morgens  den  26ten
        <pb n="489" />
        —  159  —

Juni)  gieng  General  Vandamme  mit  einem  Theil
seines  Fußvolks  und  seiner  Reiterei  uͤber  die  Neisse,  das
Lager  von  hinten  anzufallen.  General  Siebein  versammelte
  im  Wald  bei  Oberhannsdorf  das  erste  Bataillon
  des  Leibregiments,  das  erste  Dragoner=  und  zweite
Chevauxlegers-Regiment,  nebst  dem  würtembergischen
Jäger-Bataillon  Scharfenstein,  die  rechte  Seite  des
Lagers  anzugreifen,  die  übrigen  Truppen  (das  2te  Bataillon
  des  Leib-Regiments,  das  erste  Bataillon  vom  Regiment
  Herzog  Wilhelm,  das  Bataillon  Taris)  besetzten
die  verlassenen  Stellen  vor  Glatz,  und  dienten  zum  Theil
auch  den  Stürmenden,  als  Reserve.

Kurz  vor  Tagesanbruch,  da  die  Besatzung  des  vekschanzten
  Lagers  eben  im  tiefsten  Schlafe  lag,  und  kaum
durch  das  Lärmfeuer  ihrer  Vedetten  zu  wecken  war,  (denn
die  Mannschaft  hatte  schweren  Dienst)  brachen  die  Bes
lagerer  ein.  Voran  General  Siebein  an  der  Spitze
des  Bataillons  vom  Leib-Regiment.  Alles  folgte.  Ueberall
  Verwirrung  und  Gemetzel.  Die  Ueberrumpelten  wurs.
den  zuerst  beinah  wehrlos  genommen,  bald  aber  durch
die  Wildheit  und  Grausamkeit  der  Hereingedrungenen
zur  Verzweiflung  getrieben,  und  zum  heftigsten  Widerstand
  gereitzt.  Vergebens  stellten  sich  die  Offiziere;  häufig
  mit  eigner  Gefahr,  zum  Schutz  der  überwundenen
Wehrlosen.  Zügellos  wüthete  der  ergrimmte  Soldat.
Binnen  wenigen  Stunden  waren  die  zehn  Redonten  des
verschanzten  Lagers  genommen,  die  darinn  befindlichen,
neun  Kanonen  dazu;  die  Vertheidiger  alle  niedergemacht,
oder  gefangen,  und  unter  den  Gefangenen  auch  der  achtungswerthe
  Major  von  Puttlitz  selbst,  schwer  verwundet.
  Die  Baiern  zählten  bei  diesem  Sturm  unter
den  ihrigen,  an  Offizieren  einen  getddtet,  fünf  verwun-
        <pb n="490" />
        —  160  —

det,  an  Gemeinen  zehn  getoͤdtet,  neunzig  verwundet,
fünf  und  zwanzig  vermißt.)

Nach  dem  Verlust  dieser  Anhöhen  sah  der  Graf  von
Güötzen  die  Stadt  und  Veste  Glatz  rettungslos  verloren;
er  konute  sie  höchstens  noch  fruchtlos  in  einen  Aschenhaufen
  verwandeln  lassen.  Schon  litt  sie  Mangel  an
Schießbedarf.  Auf  Emsatz  konnt'  er  nicht  mehr  hoffen,
denn  schon  hatte  man  Nachricht,  daß  auch  das  starke
Danzig  gefallen,  daß  die  Schlacht  von  Friedland  für
die  Rußen  und  Preußen  verloren  war.  Daher  so  klug,
als  menschenfreundlich,  begehrte  er  sogleich  nach  jenem
Sturm  Waffenstillstand,  zum  Begraben  der  Todten,  begab
  sich  persdulich  zum  Prinzen  Jerome  nach  Wartha,
und  schloß  mit  ihm  (25ten  Juni)  die  Uebergabe  von

 

»)  Beim  ersten  Linien-Infanterie-Leib-Regiment  in  einen
getödteten,  (Oberlieutenant  Formenrini)  drei  verwundeten
  Offizieren,  acht  getödteten,  drei  und  fünfzig
verwundeten  und  zwei  vermißten  Soldaten.

Beim  sechsten  Linien-Regiment  in  einem  todten,  fünf
verwundeten,  drei  vermißten  Soldaten.

Beim  toten  Linien-Regiment  in  einem  verwundeten
Offizier,  drei  und  zwanzig  verwundeten  und  neunzehn
vermißten  Soldaten.

Beim  ersten  Dragoner-Regiment  in  zwei  verwundeten
Gemeinen,  zwei  todten  und  zwölf  verwundeten  Pferden.

Beim  2ten  Chevaurlegers  -Regiment  Kdnig  in  einem
verwundeten  Offizier,  einem  todten  und  sieben  verwundeten
  Chevgurlegers,  dreizehn  todten  und  zwei  und  zwanzis
  verwundeten  Perden.

Die  bei  dieser  Unternehmung  vorzüglich  ausgezeichneten
Individuen  siehe  Armee-Befehl  vom  löten  August  1807.
5.  2.  Armee=  Befehl  vom  15ten  Ipril  1307.  &amp;amp;.  1  und  2.
        <pb n="491" />
        —  101  —

Glatz  ab,  unter  Bedingung,  daß  diese  erst  am  Lösten
Juli  vollzogen  werden  solle,  wenn  bis  dahin  kein  Entsatz
  erscheinen  würde.

Dieß  gethan,  ward  General  Vandamme  mist
dem  würtembergischen  Kriegsvolk  vor  Glatz  zur  Beobachtung
  zurückgelassen,  General  Deroy  aber  mit  den
Baiern  zur  Eroberung  der  Vestung  Silberberg  ausgeschictt.
  Also  zog  ein  Theil  der  Baiern  (das  öte  Linienund
  zweite  Chevaurlegers-Regiment  nebst  einer  Barterie)
über  Wartha  nach  Schbuwalde,  ein  anderer  (das  10te
Linieh=  das  erste  Dragoner-Regiment  und  eine  Batterie)
über  die  Neisse  nach  Böhmischwalde.  Jener  sollte  Silberberg
  von  der  Ebene  her,  dlieser  es  von  der  Bergseite
einschliessen.  Alles  ward  am  nämlichen  Tage  (27ten
Juni)  vollstreckt.  Die  Vestung  begrüßte  die,  welche  von
der  Bergseite  kamen,  und  deren  Vortrab  ein  prenßisches
Piket  überfiel  und  gefangen  nahm,  aus  allen  Feuerschlünden.
  Ooch  war  die  Besatzung  von  Silberberg  schwach,
nur  aus  zwei  unvollzähligen  Bataillonen,  einer  Jäger-Compagnie
  und  vierzig  Reitern  zusammengesetzt;  aber
sie  hatte  am  Obersten  von  Schwerin  einen  tapfern
Befehlehaber.

Die  Belagerer  säumten  nicht.  Rüstig  bahnten  (28ten
Juni)  die  Schützen  des  sechsten  Regiments,  unter  den
Lieutenants  Massenbach  und  Müller,  den  Weg
zur  künftigen  Einnahme  des  obern  Theils  von  dem  Orte
Schoönwalde,  welchen  die  Preußen  noch  besetzt,  und  durch
ein  von  der  Vestung  und  dem  Fort  des  Spitzberges  sich
kreuzendes  Feuer  gedeckt  hielten.  Dieselben  Schützen
umschlichen  in  folgender  Nacht  die  Stadt;  verjagten  die
hinter  den  Pallisaden  stehende  feindliche  Mannschaft,

II.  ates  Buch.  11
        <pb n="492" />
        —  162  —

drangen  ein  (1  Uhr  Morgens  20ten  Juni),  waͤhrend  zwei
Haubitzen  der  Baiern  gegen  die  Stadt  donnerten;  vertrieben
  die  Preußen,  ihrer  verzweifelten  Gegenwehr  ungeachtet,
  gänzlich;  und  übten  das  barbarische  Recht,
welches,  nach  Kriegesgebrauch,  die  mit  Sturm  eroberten
  Orte  verfolgt.  Die  unglückliche  Stadt  wurde  geplündert.
  Aber  wahrer  Helden  glänzendste  Eigenschaft
wäre  menschenfreundliche  Schonung  des  Besiegten  gewesen!
  Rechts  und  links  der  Stadt,  an  der  Mitte  des
Berges,  auf  dem  die  Vestung  gelegen  ist,  waren  zwei
Barterien  aufgeworfen,  in  deren  einer  eine  ganz  neue
eiserne  12  Pfünder  Kanone  stand.  Auch  dieser  bemeisterten
  sich,  noch  während  des  Sturms,  die  Schützen.  Die
Kanone,  welche  sie  vernagelten,  brachten  sie  erst  später
ins  Lager,  als  Siegeszeichen.

Die  nun  folgenden  feindlichen  Neckereien  zwischen
Belagerern  und  Belagerten,  selbst  die  Beschießung  der
Peste  aus  der  ersten  vollendeten  Batterie,  welcher  die
Preußen  mit  einem  Kugelregen  antworteten  (2ten  Juli),
waren  ohne  bedeutende  Wirkung.  Mehreres  verhütete
der  Friedensbore,  welcher  in  demselben  Augenblick  die
Nachricht  vom  abgeschlossenen  Waffenstillstand  zwischen
dem  preußischen  Kdnige  und  dem  franzosischen  Kaiser  überbrachre.
  Oieser  Stillstand  war  die  erste  Frucht  des  grofsen,
  bei  Friedland  durch  die  Franzosen  errungenen  Sieges.
        <pb n="493" />
        —  163  —

12.

Blick  auf  die  belagerten  Festungen  von  Dan—
zig,  Graudenz,  Kolberg,  Stralsund.  Ge-s
fechte  der  Baiern  an  der  Narew.

Napolesn  hatte  seinem  großen  Heere,  den  Russen
  und  Preußen  gegenüber,  lange  Ruhe  gestattet.  Es
schien  ihm  beinahe  nur  darum  zu  thun  zu  sepn,  die  Belagerung
  von  Danzig  zu  decken.  Denn  hatte  er  einmahl
dieses  gewonnen,  so  hatte  er  für  alle  künftige  Unrernehmungen
  die  festeste  Grundlinie,  in  welcher  Danzig  ihm
den  linken,  der  Brückenkopf  bei  Praga  den  rechten  Flügel,
  das  wohlbewahrte  Thorn  die  Mitte  des  Heers  längs
der  Weichsel  stützte.  Doch  eben  so  unbeweglich  blieb  die
rußische  Kriegsmacht  stehen.  Sie  schien  dem  Falle  von
Danzig  ruhig  entgegen  zu  sehen.

Schon  seit  dem  L#sten  April  war  die  Beschiessung
Danzigs  begonnen.  Ju  wiederholten  Malen  wüthete  (264en
und  27ten  April  und  4ten  Mai)  die  Flamme  furchtbar
in  der  Stadt,  die  der  Hungersnoth  nahe  war.  Eine
kleine  Schaar  tapferer  Badener,  von  zweihundert  Franzosen
  unterstützt,  eroberte  (Nachts  vom  öten  zum  kten
Mai)  den  wichtigen  Holm,  welchen  1,800  Mann  mit  17
Feuerschlünden  nur  schlecht  vertheidigten.  Zu  spät  erschienen
  7000  Rußen,  welche  die  Besatzung  verstärken
sollten;  sie  bestanden  ein  unglückliches  Gefecht  (15ten
Mai),  als  ihnen  General  Oudinot  nach  Weichselmünde
entgegen  flog,  und  sie  mit  Hülfe  der  tapfern  Sachsen
schlug.  Nun,  da  zwischen  Weichselmünde  und  Danzig
alle  unmittelbare  Verbindung  unterbrochen  war,  scheiterte
  auch  der  letzte  Versuch  einer  rußisch=  preußischen
Dioision,  von  der  frischen  Neerung  her  sich  der  Stadt

11“
        <pb n="494" />
        —  164  —

zu  naͤhern.  Sie  mußte  dem  Ungestuͤmm  der  franzoͤsischen
Generale  Beaumont  und  Albert  weichen,  während
eine  englische  Fregatte,  mit  Munition  für  Danzig,  auf
den  Strand  in  Feindes  Hand  gerieth.  Als  der  männs
liche  Kalkreuth  die  letzte  Hoffnung  schwinden,  den
Mangel,  selbst  an  Pulver  überhand  nehmen,  von  0000
Mann  der  Besatzung  4000  erkrankt,  das  unglückfelige
Danzig  eine  von  20,  700  hereingeworfenen  Bomben  vielbeschädigte
  Stadt  sah,  übergab  er  sie  (27ten  Mai)  nach
ein  und  fünfzig  tägiger  Belagerung  den  Siegern.  Seinen
  Tapfern  wurde  unter  ehrenvollen  Bedingungen  freier
Abzug,  aber  den  Franzosen  wurden,  durch  Danzigs  Besitznahme,
  unermeßliche  Hülfsquellen  zur  Verpflegung  des
Heeres,  und  zur  nachdrücklichern  Belagerung  von  Graudenz
  zu  Theil.

Denn  Graudenz,  durch  den  General  Victor  schon
seit  Ende  Aprils  belagert  und  heftig  beschossen,  ward
durch  des  preußischen  Generals  Courbiere  Heldenmuth
  zum  unüberwindlichen  Platz;  nicht  minder  im  Lande
Pommern  die  Beste  Kolberg,  anfangs  vom  Obersten
Lucadou,  dann  vom  Oberst  Gneisenau  standhaft  vertheidigt.
  Zwar  in  der  Altstadt  Kolberg  setzten  sich  endlich,
  doch  erst  nach  blutigen  Kämpfen  (15ten  Februar,
13ten  14ten  10ten  März,  12ten  April),  in  denen  der  Name
des  Majors  Schill  ruhmvoll  ward,  die  Belagerer  unter
  General  Teulié  fest,  aber  damit  war  noch  wenig
gewonnen.  Die  Beste  wankte  nicht.  Verstärkt  durch
eine  schwedische  Fregatte,  durch  die  brave  Bürgerschaft,
an  ihrer  Spitze  der  neunzigjährige  Bürger  Nettelbek,
durch  die  Thätigkeit  Schill's,  stifteren  die  Belagerten
ihren  Feinden  bei  jedem  Anlaß  schweren  Verlust.  Und
obschon  die  Verschanzungen  auf  dem  Wolfsberg  endlich,
        <pb n="495" />
        —  165  —

nach  schon  einmahl  gluͤcklich  abgeschlagenem  Sturm,  und
nach  furchtbarem  Bombardement,  an  die  Franzosen  (12ten
Juni)  vermittelst  Uebereinkunft  hingegeben  werden  mußten,
  wurden  doch  sogar  auch  diese  von  Preußen  (I5ten
Juni)  wieder  erobert.)

Auch  die  schwedische  Vestung  Stralsund  hielt  noch
stark.  Marschall  Mortier  hatte  sie  schon  seit  dem
20ten  Jänner  eingeschlossen,  und  in  mehrern  unbedeutenden
  Gefechten,  besonders  aber  bei  einem  lebhaften
Ausfall  der  Besatzung  (15ten  März),  den  Schweden
manchen  Schaden  zugefügt.  Weil  er  aber  zugleich  die
Belagerung  von  Kolberg  unterstützen  wollte,  blieb  er
schwach;  und  als  er  mit  dem  größten  Theil  seines  Heerhaufens
  nach  Kolberg  abzog,  drangen  die  schwedischen
Generale  Essen  und  Armfeld  (kèten  April)  mit  5000
Mann  aus  der  Stadt  hervor,  und  jagten  Holländer  und
Franzosen  bis  an  die  Peene  zurück.  Dieß  hatte  zur  Folge,
  daß  Marschall  Mortier  sich  wieder  umwandte,  und
nach  einer  Reihe  sieghafter  Kämpfe  bei  Relling  und  Ferdinandshof
  (zwischen  Pasewalk  und  Anklam),  bei  Anklam
  selbst  und  bei  Ukermünde  (16ten  und  17ten  April)
die  Schweden  zur  Abschließung  eines  Waffenstillstandes
(in  Schlatkow,  18ten  April)  zwang.  Vermittelst  desselben
  ward  ihm  die  Insel  Wollin  und  Usedom  in  Be-*)

  Erst  der  Friede  beendigte  eine  Balagerung,  in  der  ssch  eine
Besahzung  von  6,000  Mann,  von  welcher  während  der  Belagerung
  320  Mann  getödtet,  1003  verwundet,  200  gefangen
  und  159  Mann  vermißt  worden  waren,  gegen  mindestens
  18,000  Mann  Franzosen,  Polen  und  Sachsen,  mit
dem  glänzensten,  die  alte  preußische  Tapferkeit  bewährenden,
  Erfolg  vertheidiget  hatte.
        <pb n="496" />
        sitz,  die  Peene  zur  Graͤnze,  daneben  die  Freiheit  gegeben,
  die  Kolberg  Belagernden  zu  verstaͤrken.

Doch  weder  Kolberg  noch  Stralsund  beunruhigten
den  franzdsischen  Kaiser  sehr.  Aber  der  Fall  von  Danzig
  ward  ihm  gleichsam  das  Zeichen  zur  allgemeinen  Heerbewegung
  und  zur  Erdffnung  des  entscheidenden  Feldzugs.
  Schon  hatte  Marschall  Massena  an  der  Narew
mit  dem  fünften  Armeecorps,  während  der  ersten  schdnen
  Frühlingstage,  das  Vorspiel  zu  grdßern  Ereignissen
gegeben.  Dort  standen  24,.000  Rußen,  unter  dem  Generallieutenant
  Tutschkow,  in  mehrern  Lagern  von
Wonzewo  und  Wiskowo  hinweg  gegen  Narew  und  Bug
gedehnt.  Wonzewo  war  mit  6.000  Mann  und  8  Feuerschlünden
  besetzt,  das  Lager  bei  Ostrolenka  an  der  Narew
  mit  5000  Mann  zu  Fuß,  3000  Mann  zu  Pferd
nebst  18  Feuerschlünden.

Massena's  Heerhaufen  dagegen  streckte  sich  von
den  Quellen  des  Omulew,  den  Narew=  Ufern  entgegen,
bis  Warschau.  Am  Ursprung  des  Omulew  war  eine
Abrheilung  Polen  gelagert.  Sie  relchte  rechts  der  Division
  Gazan  die  Hand,  welche  sich  über  Willenberg
gegen  Zawadi  der  Division  Süchet  entgegendehnte.

Diese  hielt  Zawadi,  Sperwinik,  Krasnosielsk,  Makow
  und  Rozan  besetzt,  dazu  alles,  was  zwischen  den
Mündungen  des  Omulew  und  Orzye  liegt.  Bei  Mrzemiecne
  stand  die  leichte  Reiterei-Abtrhellung  Montbrun;
bei  Chorzellen  die  Dragoner-Dioision  des  franzdsischen
Generals  Becker.  Das  Hauptgelager  des  Kronprinzen
von  Baiern  befand  sich  zu  Puleusk.  Von  der  ersten
Brigade  unter  General  Minuccl,  stand  das  erste  Bataillon
  vom  öten  Regiment,  mit  der  Batterie  Leiningen
  zu  Nogate;  das  zweite  Regiment  zu  Lesno;  das
        <pb n="497" />
        —  1672  —

vierte  leichte  Bataillon  Zoller  zu  Partniki;  das  zweite
Bataillon  vom  Zten  Regiment  zu  Patarnic.  Von  der
zweiten  Brigade  (vorlaͤufig  unter  Befehl  des  Obersten
Lessel)  stand  das  7te  Regiment  mit  der  Zwölfpfünder-Batterie
  Tausch  zu  Pultusk;  das  13te  nebst  der  Batterie
  PVandouve  zu  Sierok;  das  Ste  leichte  Bataillon
zu  Szernice.  Von  der  dritten  Brigade  (einsweilen  unter
  dem  Obersten  Pierron)  hatte  das  vierte  und  vierzehnte
  Regiment  Warschau,  das  leichte  Bataillon  Braun
Nieporent  besetzt.  Von  der  Cavalerie-Brigade,  des  Generals
  Mezanelli  befand  sich  eine  kleine  Abtheilung
mit  einer  Sechspfünder-Batterie  zu  Chrostowo,  das
zweite  Dragoner-Regiment  zu  Gonski,  das  dritte  Chevauxlegers-Regiment
  zu  Wierzbowo.

So  wie  die  Dragoner-Division  Becker  mit  einem
Theil  der  Dioision  Gazan  die  Vorpostenkerte  des  linken
  Flügels,  hingegen  die  dritte  Infanterie=  und  die
leichte  Infanterie-Brigade  der  Division  Sücher  vom
Ausfluß  der  Orzpe  bis  zur  Omulewmündung  und  bis
Zawadi  eine  WVorhut  bildete:  so  unterhielr  die  baierische
Division  durch  eine  Reihe  Vorwachten  ihre  Verbindung
mit  den  Übrigen  Heertheilen  links  über  Pultusk  bis  zur
Orzpc,  rechts  bis  Sierok,  Warschau  und  Nieporent.

Dieß  waren  die  Stellungen  hier,  als  Massena
den  Befehl  gab,  über  die  Narew  zu  gehen,  um  dieses
Stromes  Meister  zu  sein.  Der  Uebergang  geschah  bei
Sierok  und  Pultusk.

Bei  Sierok  sammelte  der  französische  „General
Lemarrois  zu  seiner  Division  noch  daste,  Tte  und  14#t#e
Linien-Regiment  Baiern,  das  leichte  baierische  Bataillon
  Palm  mit  der  Batterie  Vandouve;z;  gesammte
Balern  unter  ihrem  Obersten  Pierron.  Zuerst  setzte
        <pb n="498" />
        —  168  —

nächtlicher  Weile  (oten  Mai)  Oberlieutenant  Fuchs  mit
24  Schützen  des  baierischen  öten  Regiments,  unterstätzt
von  der  ersten  Compagnie  desselben  Regiments  und  dem
Bataillon  Palm,  über  die  Narew.  Die  rußischen  Vorposten,
  zweihundert  Schritt  hinter  dem  Fluß,  wurden
überrascht,  und  nach  kräftiger  Gegenwehr,  besonders  durch
die  Tapferkeit  des  Schützen=  Lieutenants  Schmidt  vom
Bataillon  Palm,  in  den  Wald  hinter  Nowawies  zurückgeworfen.
  Nun  rückten  stärkere  Abtheilungen  über  die
Narew  nach.  Man  baute  am  Brückenkopf  daselbst,  während
  man  die  feindlichen  Stellungen  zu  erforschen  trachtete.
  Als  das  Bataillon  Palm,  begleitet  von  einer  Compagnie
  und  den  Schützen  des  vierten  Regiments,  (toten
Mai)  gegen  den  Wald  hinter  der  Wiskowoer-Landstraße
drang,  und  die  feindlichen  Posten  gegen  Popowo  und
Zatory  zurückdrängte,  fand  es  diese  Dörfer  stark  mit  Russen
  angefüllt;  eine  zweite  Recognoscirung  aber  am  folgenden
  Tage  alles  vom  Feinde  drei  Stunden  weit  zurückgezogen:
  Dieß  war  jedoch  Irrthum;  General  Tutschkow
  keineswegs  unthätig.

Schon  in  der  Nacht,  die  dem  Narew-  Uebergang
gefolgt  war,  hatte  eine  Abtheilung  rußischer  Infanterie
und  Reiterei  ein  fünfzig  Mann  starkes  Piket  des  13##en
Regiments  unter  Lieutenant  Grosschedel,  wenn  gleich
folgenlos  doch  mehrmahls  angegriffen.  Nun  aber  standen
  schon,  ohne  daß  es  bemerkt  worden,  beträchtliche
Streithaufen  bei  Wiskowo  versammelt,  und  am  22ten
Mai  machte  Tutschkow  Angriffsversuche  gegen  Sierok
  nicht  nur,  sondern  auf  der  ganzen  Linie  längs  des
Omulew  bis  Neidenburg  und  Willenberg  Darauf  rückte
er,  mit  größerm  Ernst,  am:  folgenden  Tage  aus  den  Wäldern
  gegen  Nowwawies  hervor.  Hier  stand  das  vierte
        <pb n="499" />
        —  169  —

Regiment  mit  dem  Bataillon  Palm  zwischen  Waldungen
  und  Suͤmpfen,  die  Narew  im  Ruͤcken.  Angegriffen
  nach  Mitternacht  von  uͤberlegener  Macht,  durch  Fußvolk,
  schweres  Geschuͤtz  und  treffliche  Reiterei,  ward
der  Ruͤckzug  der  Baiern  zum  Bruͤckenkopf  schwere  Arbeit.
Oberst  Pierron  und  Oberlieutenant  Schedel  verloren
  neben  dreißig  Gemeinen  das  Leben  im  Gefecht;  acht
Offiziere  und  65  Soldaten  empfiengen  Wunden.  Aber
der  schon  mit  Infanterie  und  Geschütz  besetzte  Brückenkopf
  und  das  Feuer  von  den  Höhen  bei  Wierzbice  hemmte
die  Fortschritte  der  Rußen,  und  nöthigte  sie  nach  Nowawies
  zurück.

Als  zu  Pultusk  der  Kronprinz  von  Baiern  wahrnahm,
  daß  die  Rußen  ihre  Stärke  gegen  Sierok  lenkten,
  versammelte  er  das  dritte  leichte  Bataillon,  das
erste  des  dritten  Linien=  Regiments,  das  siebente  und
dreizehnte  Linien-Regiment,  und  die  beiden  Batterien
Tausch  und  Leiningen,  nebst  zwei  Geschwadern  des  dritten
  Chevaurlegers-Regiments.  Dann  gieng  er  in  der
Morgenfrühe  des  14ten  Mai-Tages,  an  seiner  Seite
der  Generallieutenant  Wrede,  bei  Pultusk  in  Fahrzeugen
  über  die  Narew.  Ihm  folgten  zuerst  drei  Compagnien
  des  dritten  leichten  Bataillons,  das  Bataillon  vom
15ten  Regiment  und  das  ganze  siebente  Regiment.  Zur
Deckung  dieser  Bewegung  und  des  rechten  Narew-Ufers,
stellte  sich  eine  Compagnie  des  leichten  Bataillons,  von
Pultusk  aufwärts  bis  Gotno.  Das  Geschütz  der  beiden
  Batterien  ward  in  die  neuerrichteten  Stückschanzen
auf  der  Narew-Jusel  eingeführt,  von  wo  es  mit  gutem
Erfolg  den  Feind  von  der  Seite  und  von  vorn  bestrich.
Kaum  gelander,  zog  das  leichte  Bataillon,  mit  dem  des
15ten  Regiments,  gegen  Psari;  voran  die  Schützen  von
        <pb n="500" />
        —  170  —

beiden  unter  Major  Guͤnther.  Sie  trieben  die  dort
vor  dem  Wald  stehenden  Rußen  hinter  denselben  zuruͤck,
und  faßten  am  Rand  des  Gehoͤlzes  Stellung.  Hingegen
  das  siebente  Regiment  schlug  sich  rechts  nach  Poplawy,
  und  bemeisterte  sich  der  dortigen  Anhoͤhen.  Die
uͤberraschten  Rußen  zogen  sich  in  so  großer  Bestuͤrzung
zuruͤck,  daß  ihr  gaͤnzliches  Gepaͤk  Beute  der  Verfolgenden
  ward.  Sowohl  am  Scheideweg  der  Straße  nach
Psari  und  Poplawy,  als  links  gegen  Ponikew  wurden
starke  Pikets,  und  rechts  auf  der  Straße  nach  Wizkow
das  stebente  Regiment  mit  Abtheilungen  gegen  Grabowiec
  aufgestellt,  um  die  Herstellung  eines  ehmahligen
Brückenkopfes,  die  Anlegung  einer  Redoute  auf  der  Höhe
von  Poplawy  und  eines  starken  Verhaues  zu  sichern.
Denn  die  Rußen  kamen  schon  nach  wenigen  Stunden
verstärkt  zurück,  ihre  verlorne.  Stellung  wieder  zu  erobern.
  Doch  wurden  sie  mit  Nachdruck  gbgewiesen.  Und
nur,  als  die  Schützen  des  15ten  Regimentes  und  drei
leichte  Compagnien  allzulebhaft  im  Verfolgen  waren,
erlitten  diese  einigen  Verlust  ?).  Als  ein  Geschwader
Chevaurlegers,  über  die  hergestellte  Narewbrücke  kommend,
mit  zwei  Zügen  Schützen  gegen  Pfari  streifte,  verliessen
die  Rußen  den  Ort  sogleich  bei  Annäherung  der  Baiern.

Aber  schon  folgenden  Tages  hatten  sich  die  Rußen
in  größerer  Zahl  bei  Pfari  gesammelt,  so  daß  Major
Günther,  der  sie  zu  erkennen  ausgezogen  war,  seinen
Rückzug  Schritt  um  Schritt  vertheidigend,  nicht  ohne

 

*)  Genannt  werde  hier  der  Corporal  Brudere,  welcher  dem
durch  fünf  Cosaken  umringten  Lieutenant  Stengel  des
deSten  Linien-Regiments  Freiheit  und  Leben  rettete.
        <pb n="501" />
        —  171  —

Verlust  *)  umkehrte.  Generallieutenant  Wrede  erkannte
daraus,  daß  General  Tutschkow  entschlossen  sey,  alles
daran  zu  setzen,  die  Baiern  wieder  uͤber  die  Narew  zu
werfen,  und  daß  von  Pfari  her  der  Angriff  am  stärksten
sevn  dürfte.  Er  ordnete  daher  ohne  Verzug  die  kleine
Zahl  seines  Kriegsvolks  zum  wirkungsreichen  Widerstand,
und  verstärkte  besonders  den  linken  Flugel.

Das  von  Bogate  herbeigekommene  erste  Bataillon
vom  dritten  Regiment  stellte  sich  auf  die  Straße  von
Pfari,  mit  einer  Abtheilung  von  80  Mann  in  ver  davor
gelegenen  Waldspitze,  den  Feind  bequemer  zu  beobachten.
Eine  Postenkette  rechts  gegen  Wizkow,  links  gegen  Ponikew
  gedehnt,  sicherte  gegen  Ueberfall.  Weiter  zurück
stand  das  erste  Bataillon  vom  dreizehnten  Regiment  als.
Reserve.  An  die  Narew  hin,  als  dußersier  Theil  des
linken  Flügels,  nahm  das  drikte  leichte  Bataillon  Platz,
dessen  Schützen  sich  von  dem  rückwärts  gelegenen  Verhau
  bis  zur  obenerwähnten  Postenkette  ausbreiteten.  So
der  linke  Flügel.  Auf  dem  rechren  Flügel,  den  das  siebente
  Linien-Regiment  bildete,  standen  zwei  Compagnien
  auf  der  Straße  nach  Wiskowo.  Einige  hundert
Schritt  vor  ihnen  Schützen  hinter  Pallisaden  vor  einem
die  Straße  durchschneidenden  Graben,  dessen  Brücke  abgeworfen
  war.  Weiter  links,  zur  Unterhaltung  der  Verbindung
  mit  dem  Bataillon  des  dritten  Regiments  am
linken  Flügel,  stellten  sich  zwei  andere  Compagnien  auf.
Als  Reserve  stand  das  zweite  Bataillon  des  7ten  Linien= 



«)  Er  hatte  zwei  todte  und  brei  verwundete  Cavalleristen,
auch  wurde  der  Lieutenant  Bronn  des  öten  leichten  Bataillons
  mit  0  Mann  von  den  Cosaken  umzingelt  und  zum
Gefangenen  gemacht.
        <pb n="502" />
        Regimentes  weiter  ruͤckwaͤrts,  und  beobachtete  die  Straße
von  Grabowice.  In  den  Bruͤckenkopf  hatte  man  drei
Stuͤcke  der  Batterie  Leiningen  gefuͤhrt;  die  Batterie  auf
der  Narew-Insel  konnte  die  Straße  nach  Pfari  zum
Schutz  des  linken  Flügels  bestreichen.  Das  übrige  Geschütz
  am  rechten  Narew-Ufer  war,  zur  Schirmung  aller
Schanzen,  nicht  minder  vortheilhaft  aufgepflanzt.  Pultusk
  selbst  blieb  vom  zweiten  Bataillon  des  15ten  Regiments
  besetzt.

Diese  Stellungen  waren  des  Abends,  den  15ten
Mai,  eingenommen.  Man  blieb  die  Nacht  unter  Gewehr.
  Des  andern  Morgens  zeigten  sich  schon  früh
feindliche  Streifhaufen,  die  an  Zahl  und  Stärke  wuchsen,
  bis  die  Rußen  eine  Stunde  nach  Mittag,  unter  Oberbefehl
  des  Generallieutenants  Tutschkow  mit  einem  Grenadier-,
  einem  Schützen  =  und  drei  Linien-Regimentern,
einem  Cosaken-Pulk  und  den  braunen  Husaren,  nebst  einer
Kanone  und  Haubitze  erschienen.  Allseitig  machten  sie
sofort  unter  dem  Grafen  Schuwalow  den  ungestümsten
  Angriff  auf  die  ganze  baierische  Stellung.

Generallieutenant  Wrede  befand  sich  eben  mit  dem
Kronprinzen  auf  der  Vorpostenlinie.  Sie  sahen  die
große  Ueberlegenheit  des  Feindes,  und  ordneten  den  Rückzug
hinter  den  fast  vollendeten  Verhau  an.  Er  geschah  in  musterhafter
  Ruhe.  Alles  vertheidigte  sich  in  Vierecken  aufgestellt.
  Umsonst  stürmten  die  feindlichen  Husaren  und
Cosaken  dagegen.  Rottenweise  wurden  die  Soldaten  niedergestreckt
  durch  das  feindliche  Feuer.  Dem  Oberst
Berchem  ward  das  Pferd  unterm  Leibe  neben  dem  General
  Wrede  niedergeschossen;  Major  Laroche  und  Adjutant
  Oberlieutenant  von  Vincenti  wurden  verwun-
        <pb n="503" />
        det.  Dennoch  brach  die  Wuth  der  Angreifer  keine  Oeffnung
  ins  Viereck.  Eben  so  bahnte  sich  das  erste  Bataillon
  des  13ten  Regiments  den  Weg  mit  dem  Bajonett
durch  die  feindlichen  Massen;  so  thaten  alle  uͤbrige.  Alle
erreichten,  im  langsamen  Ruͤckzuge  furchtbar  und  unerschuͤttert,
  den  Verhau,  wo  dann  die  Wirkung  der  verschiedenen
  Verschanzungen  das  Verfolgen  des  Gegners
hemmte.  Er  aber  entwickelte  sich  nun  in  der  ganzen  Linie
zum  neuen  Sturm.  Dieser  mit  dem  Bajonett  kaum  abgewiesen,
  ward  eben  so  schnell  wieder  erneuert,  und  eben
so  standhaft  vom  wohlgenaͤhrten  Gliederfeuer  zum  andernmahle
  zurückgestossen.  Die  Redoute,  weder  mit  Schanzpfählen
  noch  Feuerschlünden  versehen,  ward  durch  die
Tapferkeit  des  Obersten  Stengel  und  seiner  zwei  Compagnien
  unüberwindbar.  Mit  Erfolg  ließ  Hauptmann
Tausch,  vom  Schloßberge,  und  Hauptmann  Graf  Leis
ningen,  vom  Brückenkopf  daher,  durch  die  feindlichen
Reihen  das  schwere  Geschütz  spielen.  Dennoch  erhoben
die  Rußen  den  dritten  Angriff.  Die  Baiern,  obgleich
nur  hoͤchstens  1,600  Mann  stark,  aber  begeistert  durch
die  Gegenwart  ihres  Anführers,  des  Kronprinzen,  der,
wie  Generallieutenant  Wrede,  immer  sich  da  zeigte,
wo  die  Gefahr  am  großten  war,  auch  zum  drittenmahl
trieben  sie  die  Rußen  ab.  Da,  nach  vierstündigem  Kam-Pfe,nach
  nicht  unbedeutendem  Verlusi  7),  zogen  die
rußischen  Schaaren,  die  ihre  Tapferkeit  fruchtlos  bewährt
Hatten,  in  die  alten  Stellungen  zurück.  Mit  frohlockendem
  Jubel  begrüßten  nun  die  Baiern  alle  ihren

*)  Es  destand  baierischer  Seits  in  einem  todten,  15  verwundeten,
  2  gefangenen  OÖffizieren,  in  15  getödteten,  190
verwundeten,  69  gefangenen  oden  vermißten  Soldaten.,
        <pb n="504" />
        Kronprinzen,  der  hinwieder  Angesichts  Aller  den  Generallleutenant
  Wrede  umarmte,  welcher  während  des  Gefechts
  jeden  wichtigen  Augenblick,  jeden  bedrohten  Punct
erkennend,  mit  Umsicht  und  Ruhe  einen  glücklichen  Ausgang
  vorbereitet  hatte  ).

Durch  diesen  Tag  ward  den  Rußen  der  Besitz  des
Narew=  Stromes  entrissen.  Nun  wurden  die  Befestigungsarbeiten
  bei  Pultusk  und  Skerok  vollendet,  auf  der
Höhe  von  Poplawy  das  Geschütz  in  die  Schanze  gefährt,
der  Verhau  vollkommen  ausgestaltet,  durch  einen  Kanal
die  Sicherheit  und  Verbindung  beider  Flügel  vermehrt,
die  Zahl  der  Batterien  auf  der  Insel  vergrößert.  Oberstlieutenant
  Colonge  der  Jüngere  brachte  die  Batterien
der  Insel,  nebst  den  dazwischen  angelegten  Fleschen,  durch
eine  Commnnicationslinie  in  Verbindung,  und  zwei  Compagnien
  bildeten  fortan  dabei  die  Besatzung.  Die  über
die  Narew  geschlagene  Schiffbrücke  ward  durch  ein  neues
Tambourwerk  gedeckt.  Eine  Brustwehr  hinter  dem  das
Ganze  umschliessenden  Kanal,  eine  Batterie,  welche  den

 

)  In  dem  deßhalb  an  seinen  Koöniglichen  Vater  gemachten
officiellen  Rapport  erklärte  er  sämmtliche  ihm  untergebenen
Kruppen  als  des  Lohnes  besonderen  Dankes  des  Monarchen
  und  des  Vaterlandes  würdig.  Indem  er  sämmtliche
Stabs-Offiziere  nennt,  die  Obersten  Drouin,  Stengel,
  Berchem,  die  OÖOberstlieutenants  Graf  Preysing
und  Graf  Larosee,  die  Majors  Laroche,  Günther,
Gedoni  und  Theobald,  glaubte  er  ihre  unterhabenden
Batatllons  zu  ehren.  Der  Oberstlieutenant  Eypplen  des
Generalstabs,  welcher  krank  im  Bette  lag,  schwang  sich
beim  Zeginnen  des  Gefechtes  mit  vieler  Mühe  auf'“  Pferd,
und  leistere  nun  die  ausgezeichnetesten  Dienste.  Auch  bei
dieser  Gelegenheit  gaben  die  beiden  Oberstlieutenants  von
        <pb n="505" />
        —  115  —

Wald  vor  dem  Lager  bestrich,  die  neue  Schanze,  dann
der  alle  diese  Befestigungen  umspannende  Verhau,  der
sich  links  und  rechts  an  das  Narew=  Ufer  lehnte,  sicherten
den  Besitz  des  linken  Ufers  der  Narew  vollkommen.  Das,
Kriegsvolk  lagerte  theils  hinter  dem  Kanal,  theils  in
der  Ebene  unter  der  neuen  Schanze,  und  genoß  einiger
Erholung,  weil  der  rußische  General  Graf  Schuwalow
selbst  die  Einstellung  der  nichts  entscheidenden  Vorposten-Neckereien
  vorschlug.  Inzwischen  ließ  der  Generallientenant
  Wrede  dennoch  die  erste  und  zweite  Division  des
dritten  Chevauxlegers-Regiments  bei  Kletschewo  enge
Cantonirungen  beziehen.

Auch  Marschall  Massena,  (weil  der  Feind  in
den  Gegenden  von  Ostrolenka  und  Rozan,  aufwärts  an
der  Narew  reger  zu  werden  schien,)  zog  jetzt  die  an  der
Orzyc  gestandenen  Franzosen  enger  zusammen,  und  vereinigte
  aus  ihren  verschiedenen  Einlagerungen  die  Reserve
bei  Bogate.  Dahin  begaben  sich  also,  von  Lisno  und
Sternitce  her,  auch  das  zweite  Linien  -Regiment  und
das  vierte  leichte  Bataillon  der  Baiern,  Und  vom  min-Colonge

  die  größten  Beweise  ihres  ausgezeichneten  Werthes.
  Ibnen  und  den  Artillerie  -Hauptleuten  Tausch
und  Grafen  Leiningen  dankte  der  Kronprinz  die  vortreffliche
  Leitung  des  Geschützes.  (Details  über  die  Auszeich--nungen
  der  verschitdenen  Individuen  siehe  Armeebefehl  vom
18ten  August  1807  §S.  1.  No.  5.  und  4.  Anerkenntniß  des
Geleisteten  von  Seite  der  Franzosen  siehe  760ftes  Bulletin
der  großen  Armee  aus  Finkenstein  vom  2osten  Mak.
Ferner  zwei  Schreiben  des  Marschalls  Massena  aus
Prasnitz  vom  i8ten  und  10ten  Mai  1807,  eines  an  den
König  von  Vaiern,  eines  an  den  Genergllieutenant  Baron
Wrede).
        <pb n="506" />
        —  170  —

der  bedrohten  Sierok  her  kam  das  vierzehnte  Linien-Regiment,
  theils  den  Vorposten-Dienst  vor  Pultusk,  theils
die  Besetzung  dieser  Stadt  und  der  Insel  zu  übernehmen.

Die  Rußen  beobachteten  in  dieser  Zeit  durch  eine
Vorpostenkette,  deren  Sammelplatz  Dlugieslode  war,
von  Rozan  bis  Sierok  die  Narew.  General  Graf  Siewers
  mit  rußischen  Jägern  und  Dragonern  setzte  diese
Beobachtung  von  Rozan  bis  Ostrolenka  fort,  wo  Tursch--kow's
  Hauptgelager  war.  Von  Östrolenka,  über  Dilewo,
nach  Roffoge,  dehnte  sich  eine  Linie  Cosaken  aus.  Als
Reserve  der  Vorpostenkette  stand  General  Fürst  Wolkonsky
  bel  Lipniki  und  Skwa.  Uebrigens  befand  sich
die  Avantgarde  der  Rußen  zu  Ostrolenka,  unter  Befehl
des  Generals  Grafen  Wittgenstein,  und  zu  Wonzewo
und  Czerwice  und  in  der  Umgegend  lagen  zwei  Regimenter
  Fußvolks  mit  dazu  gehöriger  Reiterei.  Durch
dlese  Stellung  ward  es  den  Rußen  leicht,  die  auf  der
Narew  zwischen  Pultusk  und  Sierok  hin  und  hergehenden
  Transporte  häufig  zu  beunruhigen.  Daher  beschloß
der  Kronprinz,  gleichzeltlg  mit  dem  bei  Sierok  befehlfgenden
  franzdsischen  General  Graindorge,  die  rußischen
Abtheilungen  zurückzuwerfen,  welche  fortwährend  die  Schiffahrt
  bedrohten,  und  daher  für  dieselbe  starke  Bedeckungen
  nothwendig  machten.

Der  Kronprinz  machte  sich  (25ten  Mai)  gegen  Wiskowo
  auf  mit  dem  13ken  und  16ten  Regiment,  zwei  Compagnien
  des  siebenten,  dem  ersten  Bataillon  des  dritten
Regiments,  zwei  Escadronen  Leiningen=  Chevaurlegers
und  zwei  Kanonen  nebst  einer  Haubitze.  Oberst  Stengel
blieb  mit  den  übrigen  Truppen  in  den  Verschanzungen
zurück.  Unterwegs  treunte  sich  der  Oberst  Graf  Berchem
        <pb n="507" />
        —  177  —

mit  dem  Bataillon  des  dritten,  den  beiden  Compagnien
  des  siebenten  Regiments  und  einer  Kanone  vom
ganzen  Zuge,  stellte  sich  auf  die  Anhoͤhe,  am  Wege  nach
Partozey,  dehnte  sich  von  da,  die  feindlichen  Bewegungen
  von  Psary  her  zu  beobachten,  bis  an  die  Glodozyner-Straße;
  und  von  Pultusk  her  unterhielt  Oberst
Berchem  durch  sechs  vorgeschobene  Züge  Verbindung
mit  ihm.  Hingegen  Graf  Joseph  von  Rechberg,  eben
zum  General  befordert,  setzte  seinen  Marsch  mit  dem
übrigen  Kriegsvolk  nach  Klodozyn  fort,  ließ  hier  zwei
Compagnien  des  15ten  Regiments,  zwei  Escadronen
Chevaurlegers,  nebst  der  Haubitze  und  einer  Kanone  zurück,
  die  Straße  nach  Wiskowo  zu  beobachten;  gieng
dann  nach  Grabowice,  wo  er  zwei  Compagnien  ließ,
und  stieß  zu  Zatory  auf  das  von  Sierok  gekommene
leichte  Bataillon  Palm,  mit  dem  auch  ein  Bataillon  des
Sten  Regiments  und  hundert  polnische  Uhlanen  waren.7)
Pereint  mit  diesen  rückte  er  nach  Poppowo,  wo  er  den
vor  dem  Ort  aufgestellten  Feind  durch  zwei  Compagnien
und  vierzig  Uhlanen  hüten  ließ,  während  in  Zatory  Oberstlieutenanr
  Aubert  geblieben  war,  um  die  Verbindung
zwischen  Popowo  mit  den  übrigen  Posten  gegen  Pultusk
hin  zu  unterhalten.  Nur  bei  Glodozyn  und  Zatory  leisteten
  die  Rußen  ernstern  Widerstand.  Der  Kronprinz
aber  ließ  beide  Ortschaften  nehmen  und  behaupten.  So

 

*.)  Der  Brückenkopf  von  Sierek  war  während  dessen  von  dem
#ten  Bataillon  det  Aten  Regiments  und  400  Polen  besetzt.
  Oberst  Schloßberg  hatte  sich  während  dessen  mit
zwei  0  Pfünder-Kanonen  und  200  Mann  polnischer  Infanterie
  auf  einer  am  rechten  Narew=  Ufer  liegenden  Anhöye,
zu  Deckung  der  vorgerückten  Abtheilungen  aufgestellt.

II.  #tes  Buch.  12
        <pb n="508" />
        —  178  —

wurden  die  Rußen  vom  linken  Narew-Ufer  getrennt,  und
zugleich  an  Schlachtvieh  und  Futter  anusehnliche  Vorräthe
  genommen.

Dieß  war  kaum  gethan,  als  Marschall  Massena
eine  Recognoseirung  gegen  die  Rußen  anordnete.  Der
Kronprinz  veranstaltete  sie  in  drei  Colonnen.  Es  bewegte
  sich  General  Rechberg  mit  dem  ersten  Bataillon
des  13ten  Regiments,  vier  Escadronen  Chevauxlegers
und  drei  Feldstücken  gegen  Psary;  Graf  Beckers,  jetzt
zum  General  befördert,  mit  dem  2ten  Bataillon  jenes
Regiments,  dem  Sten  leichten  Bataillon,  (erst  bei  Gogno
über  die  Narew  gekommen)  und  einer  Grenadier-Compagnie
  des  1#ten  Regiments,  über  Ponikew  und  Toznabiel
  gegen  Altzams;  Oberst  Graf  Berchem  mit
dem  ersten  Bataillon  von  Herzog  Karl  und  dreißig
Taxris-Dragonern  gegen  Partozyn.  Diese  Bewegung  zu
erleichtern,  machte  Oberst  Epplen  mit  einem  Theil
des  16ten  Linien  -Regiments,  drei  leichten  Bataillonen
und  drei  Feldstücken  eine  Demonstration  gegen  Alt-Zamsk.

Es  ergab  sich  aus  dieser  veranstalteten  Heer-Erkundung,
  welche  der  französische  General  Süchet  une
terstützte,  daß  der  Feind  an  erwähnten  Orten  überall
schwach,  hingegen  mit  seiner  Hauptstärke  bel  Rozan
und  Ostrolenka  war,  wo  er  neue  Batterien  am  linken
Narew-n  Ufer  gebaut  hatte.  Daher  konnten  auch  die
Truppen  bei  Pultusk  ohne  Gefahr  geschwächt,  und
drei  Bataillone  von  da  nach  Gros-Magniszewo  verlegt
werden.
        <pb n="509" />
        13.

Die  Schlachten  bei  Heilsberg  und  Friedland.
Ruͤckkehr  der  Baiern  nach  dem  Tilsiter—
Frieden.

In  der  That  begannen  jetzt  die  Rußen,  sich  in  gri-Here
  Thätigkeit  zu  setzen,  freilich  schon  zu  spät,  um
Danzig  zu  retten.  Ihr  Hauptheer  zog  bei  Heilsberg
zusammen,  der  Vortrab  desselben  bei  Launan.  Unter
General  Benningsen  stand  bei  Arnsdorf  die  zweite,
dritte  und  vierte  Division,  nebst  der  Reiterei  beider
Flägel;  Generallieurenant  Dortorow  bei  Neuhof  mit
der  siebenten  und  achten  Division;  Fürst  Gortschakow
mit  der  sechsten  Division  bei  Kapheunen;  das  Corps
des  Generallieutenants  Platow  und  die  Brigade  des  Generals
  Knorring  ohnweit  Bergfried;  die  erste  Dioision
(rußische  Garden)  unter  dem  Großfürsten  Constantin
bei  Bennern,  als  Reserve,  so  wie,  als  Reserve  der
zweiten,  vom  General  Rembow  befehligten  preu-Hischen
  Division,  General  Graf  Kamensky  (von
Fahrwasser  zurückgekehrt),  mit  einem  Jäger-Regiment,
drei  Infanterie-Regimentern  und  400  Cosaken  hinter
Walde  bei  Lilienthal.

Dieß  die  Stellung  der  Rußen  am  #4ten  Junp.

Die  franzbsischen  Armeecorps  hingegen  hatten  noch
immer  die  alten  Stellungen,  wie  sie  im  März  gewesen
waren,  mit  Ausnahme  des  fänften  Corps,  und  eigentlich
  der  baierischen  Diolsion,  die  durch  die  Bewegungen
des  Kronprinzen,  wie  wir  sahen,  eine  ganz  veränderte
  Richtung  empfangen  hatte.  2)

 

*)  Diese  Stellung  werbe  wie  folget,  näher  bezeichnet:
12  *
        <pb n="510" />
        —  180  —

Nun  am  5ten  Tag  des  Juni  unterbrach  das  rußischpreußische
  Heer  zuerst  die  lange  Waffenruhe.  In  sieben
Colonnen  rückte  es  sowohl  gegen  den  Marschall  Ney,
dessen  Corps  bei  Bergfried,  Guttstadt,  Petersdorf  und
Altkirch  stand,  als  gegen  die  Marschälle  Soult  und
Bernadotte  bei  Spamen,  Elditten  und  Lomitten.
Der  Angriff  gegen  die  beiden  letztern  war  minder  glücklich,
  als  gegen  Marschall  Nepy.  Zwar  gelang  es  dem
General  Doctorow,  den  Brückenkopf  von  Lomitten  an

 

Das  Hauptquartier  der  Vakern  war  in  Pultusk.

Das  #2te  Regiment  Kronprinz  der  Brigade  des  Generals
Graf  Minncci  stand  im  Lager  bei  Krasnosielsk,  und
zwar  zu  Unterstützung  der  von  der  Mündung  der  Orzyc
aufwärts  der  Narew  bis  an  die  Mündung  des  Omulew
und  von  da  weiter  bis  Zawadi  aufgestellten  Division
Süchet.  Als  Reserve  von  dieser  hatte  sich  das  ate  leichte
Bataillon  Zoller  bei  Przasznic  gelagert.  Das  in  letztgenanntem
  Orte  cantonirende  2te  Bataillon  des  öten  Linien-Regiments
  deckte  das  Hauptgquartier  des  Marschalls
Massenga.

Die  Brigade  des  Generals  Rechberg  vertheidigte  den
Brückenkopf  von  Pultusk,  und  beobachtete  die  Narew  von
Pultusk  bis  Goono.  Das  v'te  Regiment  war  in  denen
jenseits  der  Narew  angelegten  Verschanzungen  aufgestellt,
und  sicherte  zugleich  die  Gemeinschaft  mit  dem  Punct
Sierok.  Zwei  Compagnien  des  öritten  leichten  Bataillons
deckten  die  links  von  Pultusk  auf  der  Insel  liegenden  Bakkerien
  und  Fleschen,  die  zwei  andern  Compagnien  besekten
  das  Narew-Ufer  aufwärts  bis  Gogno.  VWon  der  Brigade
  des  Generals  Grafen  Beckers  besehßte  das  bei  Lge
chy  gelagerte  erste  Bataillon  des  Regiments  Herzog  Karl
die  Narew  von  Lachy  abwärts  bis  Sielk,  und  erhielt  durch
die  Besetzung  der  Puncte  Siele,  Strachozyn  und  Wygode
        <pb n="511" />
        —  181  —

der  Passarge,  nach  schweren  Kampf  gegen  die  franzbsische
  Brigade  Ferrey  und  nach  großen  Opfern,  zu  erstürmen,
  aber  nicht,  als  Soult  Verstärkung  schickte,
das  Errungene  zu  behaupten;  und  der  Angriff  auf  den
Brückenkopf  von  Elditten  mißlang  ganz  und  gar.  Auch
bei  Spanden  ward  der  Brückenkopf  durch  den  franzdsischen
  General  Frere,  besonders  da  Bernadotte  Hülfe
sandte,  so  gewaltig  gegen  die  rußisch-preußische  Colonne
des  General  Rembow  vertheidigt,  daß  sich  dieser  mit
sehr  bedeutendem  Verlust  nach  Wuhsen  und  Mehlsak,
Bornit  und  Stegmannödorf  zurückziehen  mußte.

die  Gemelnschaft  der  von  Siele  bls  Gogno  an  der  Narew
aufgestellten  Posten.  Der  übrlge  Theil  genannten  Regimentes
  war  bei  Gros-Magniszowo,  beim  Zusammenstuß
der  von  Neidenburg,  Wlllenberg  und  Östrolenka  über
Pultusk  nach  Warschau  führenden  Straßen  in  der  Absicht
grlagert,  erforderlichen  Falls  sowohl  dle  an  der  Narew
stehenden  Posten  verstärken  zu  können,  als  guch  die  Verbindung
  mit  denen  bei  Rozan  und  Östrolenka  aufgestellten
französischen  Truppen  zu  unterhalten.  Drei  urtillerle-Stücke
  der  Batterie  Leiningen  waren  dieser  Brigade
beigegeben,  und  in  Przerodowo  aufgestellt.

Das  auf  den  Anhöhen  bei  jerok  dlesseits  der  Narew
gelagerte  bte  Linien  -Regimeut,  so  wie  das  in  dem  Bräcenkopf
  vor  ebengenantem  Puncte  aufgestellte  leichte  Bataillon
  Lalm  war  mit  der  öpfünder  Batterie  Vandouve
dem  dortselbst  commandlrenden  französischen  General
Graindorge  zugetheilt.

Das  2te  Dragoner-Regiment  der  Cavalerle  Brigade
Mezanelli  cantonierte  mit  drei  Piexen  der  Batterle
Caspers  in  und  um  Pprzaszuic,  das  Ste  Chevaurlegers=Regiment
  in  der  Nähe  von  Pultuszk  an  der  Belta.

Der  übrige  Theil  der  Artillerle  der  Diolsion  war  in  den
verschiedenen  Verschanzungen  eingefahren.
        <pb n="512" />
        —  182  —

Hingegen  gelang  es  dem  General  Benningsen  besser,
  der  sich  mit  seinen  drei  Divisionen  und  den  rußischen
Garden  gegen  den  Marschall  Nep  warf.  Dieser,  bei
der  ungeheuern  Uebermacht  seines  Gegners  gewiß,  unterliegen
  zu  müssen,  zog  sich  auf  eine  meisterhafte  Weise
in  bewundernswürdiger  Ordnung  vor  ihm  nach  Ankendorf
  zurück,  den  Marschällen  Davoust  und  Lannes
näher.  Benningsen  nun,  statt  den  gewonnenen  Vortheil
  rasch  zu  benutzen,  blieb  darauf  ruhig;  lehnte  seinen
  rechten  Flügel  an  den  Neuendorfer-See,  den  linken
an  Glottan,  stellte  die  Vorhut  beim  Dorfe  Ouetz,  und
die  Reserve  bei  Guttstadt  auf,  während  doch  Doctorow
schon  vor  Lomitten  und  der  preußische  General  Rembow
  bei  Mehlsack  standen.  So  ließ  er  dem  Marschall
Ney  die  Zeit,  sich  zu  frischen  Widerstand  zu  rüsten.
Zwar,  als  folgendes  Tags  Fürst  Bagrathion  mit  der
rußischen  Vorbut,  und  unterstützt  durch  das  ganze  Hauptheer,
  das  Corps  des  Marschalls  Ney  abermahls  angriff,
  zwang  er  dasselbe  nach  Heiligenthal,  dann  bei
Deppen  über  die  Passarge  zu  gehen,  so  daß  Bagrathion
  das  rechte  Ufer  derselben  einnahm,  dicht  hinter
ihm  zwischen  Deppen  und  Heiligenthal  die  Hauptmacht,
bei  Knopen  die  Reserve  sland,  und  Doctorow's  Corps
sich  wieder  dem  Ganzen  anuschliessen  konnte:  allein  weiter
  schritt  Benningsen  nicht.  Denn  am  Tage  nachher
  (vien  Juni)  rastete  er  in  seiner  Stellung,  und  als
er  von  Bewegungen  bedeutender  französischer  Colonnen
gegen  Liebstadt,  also  gegen  seinen  rechten  Flägel,  erfuhr,
  zog  er  sich  noch  spät  Abends  wieder  nach  dem
Dorfe  Quetz  zurück.  Nur  den  Fürsten  Bagration  lieff
er  an  der  Passarge.

Dagegen  hatte  Napoleon  nun  schon  eillig  seine
        <pb n="513" />
        Hauptmacht  zusammengezogen,  die  Rußen  nun  schon
vom  Corps  des  preußischen  Generals  Lestocq  und  von
Koͤnigsberg  abgeschnitten;  und  Soult,  der  am  8ten
Juni  uͤber  die  Passarge  gegangen  war,  hatte,  nach  Zuruͤckstossung
  der  schwachen  Posten  der  Rußen,  sich  noch
denselben  Tag  bei  Altkirch  in  die  rechte  Seite  Benningsen's
  aufgestellt.  Darum  verlor  Benningsen  keine
Zeit,  zog  die  rußischen  Garden  auf  die  Hôhen  vor  Guttsiadt,
  das  Hauptheer  nach  Glottau,  und  die  Vorhut
unter  Bagrathion  von  der  Passarge  nach  Quetz  zurück.
  Oen  Fürsten  Gortschakow  schickte  er  nach  Heilsberg,
  um  die  dortige  Stellung  und  den  Launguer=  Hof  zu
behaupten.  Auch  den  andern  Tag  (Oten  Juni)  fuhr  er
mit  dem  Rückzug  nach  Heilsberg  fort,  und  den  Gang
seines  Heers  über  die  Alle  bei  Guttstadt  zu  decken,  mußte
Fürst  Bagrathion  mit  der  Nachhut  bei  Glottan  Stele
lung  nehmen,

Diesen  griff  hier  der  Großherzog  von  Berg  schon
in  der  Morgenfrühe  an.  Heftig  war  der  Kampf.  Wie  tapfer
  aber  auch  die  französischen  Reiterei-Brigaden.  Pajol,
Nansouty,  Durosnel,  Bruyeres  anstürmten,
dennoch  wankte  Bagrathjon  nicht,  bis  das  ganze
rußische  Heer  den  Rückzug  über  die  Allee  auf  vier  Brücken
  vollendet  hatte.  Dann  erst  begab  sich  auch  Bagrathion,
  seinen  Rücken  durch  die  Cosaken  des  Herltmann
  Platow  gedeckt,  über  die  Alle  nach  Reichenberg
  und  Eenberg.  Während  nun  das  rußische  Heer,
mit  den  Reserven  unter  dem  Fürsten  Gortschakow
Stand  nahm  bei  Heilsberg,  besetzte  das  franzdsische
schon  Guttstadt.

Und  von  Guttstadt,  (10ten  Juni)  zog  Napoleon
        <pb n="514" />
        gegen  Heilsberg,  wo  die  Lagerplaͤtze  der  Rußen  vor  der
Stadt  schnell  eingenommen,  und  Schlachthaufen  uͤber
Schlachthaufen  gegen  Launau  vorgeruͤckt  wurden,  um
Benningsen's  Heer  ganz  von  Koͤnigsberg  und  dem
linken  Alle-Ufer  wegzudrücken.  Den  Punct  Launau  hütete
  General  Barasdin  mit  einer  viel  zu  schwachen
Abthellung  Rußen;  daher  sandte  ihm  Benningsen
sogleich  eine  Hülse  von  fünf  Batalllonen,  fünf  Reiter=Geschwadern
  und  zwei  Feldstücken.  Indessen  entfaltete
der  rußische  Oberbefehlshaber  seine  gesammte  Macht,
ohngefähr  36,000  Mann  stark,  in  zwei  Treffen.  Der
linke  Flügel,  unter  Großfürst  Constantin,  an  den  Sensebach
  gelehnt,  war,  mit  Verschanzungen  wohl  gedeckr,
am  rechten  Alle-Ufer  aufgestellt;  hingegen  am  linken
Ufer,  durch  minder  starke  Befestigungen  gesichert,  der
rechte  Flügel  unter  den  Generalen  Essen,  Uvarow
und  Platow.  Die  Heermitte  an  der  Alle  befehligte
Fürst  Gortschakow.

Immer  mächtiger  bedrängt  ward  der  Punct  Launau
von  der  Cürassier-Division  Espagne,  von  der  Dragoner-Division
  Latour-Maubourg,  und  von  zwei
leichten  Reiterbrigaden.  Deswegen  eilte  Bagrathion
mit  der  ganzen  rußischen  Vorhut  von  Reichenberg  dahin
über  die  Amtsbrücke.  Aber  nun  erschien  auch  anderseits
das  Corps  des  Marschalls  Soult,  die  Reiterel  des
Großherzogs  von  Berg  zu  unterstützen,  als  deren  Vorhut
das  erste  baierische  Chevaurlegers-Regiment  focht.  Dieses
  war  binnen  vier  Tagen  von  Elbing  nach  Heilsberg
gekommen,  um  ausgezeichneten  Antheil  an  dieser  Schlacht
zu  empfangen.

Als  die  Rußen  unter  arasdin  ihre  Stellung  an
        <pb n="515" />
        —  185  —

der  Launauer-Brücke  nicht  länger  halten  konnten,  zogen
sie  sich  gegen  Bagrathion's  Corps  bei  Bewerniken.
Dieses  durch  Sumpf  und  Wald  geschützt,  aber  schon
auch  durch  die  Division  St.  Hilaire  und  durch  die  Füßiliers
  der  Garden  Napoleon's  bedrängt,  welche  General
  Savary  führte,  gerieth  bald  selbst  in  Verlegenheit
  wegen  gefahrlosen  Rückzuges  von  da.  Noch  einmahl
  sandte  Benningsen  neue  Unterstützung,  den
General  Uwarow  mit  25  Geschwadern,  hieher,  wo  der
Knoten  der  Schlacht  geschürzt  und  geldßt  werden  sollte.
Die  Tapferkeit  dieser  rußischen  Reiterei,  die  sich  bei
den  Ddrfern  Langwiese  und  Lawden  entfaltete,  vermogte
gegen  die  hier  angehäuften  Streitkräfte  Napoleon's
weder  die  ebengewählte,  noch  die  nachher  am  Spei-Bache
  genommene  Stellung  festzuhalten.  Uwarow
mußte  zurück,  und  Bagrathion  also  in  groͤßter  Eil
am  rechten  Alle-Ufer  auch  seinen  Rückzug  fortsetzen.
Dieser  Kampf,  so  stürmisch  als  glänzend,  für  die  Reiterei
  beider  Heere  gleich  ruhmhaft,  von  einer,  wie  von
der  andern  Seite  bald  angriffs=  bald  vertheidigungsweise
geführt,  gab  auch  dem  baierischen  Chevaurlegers-Regiment
  zu  mannigfacher  Auszeichnung  Anlaß.  ))  Bagrathion
  und  Uwarow,  Schritt  um  Schritt  fech-*)

  Besonders  dem  Major  Baron  Vieregs,  den  Rittmeistern
Ott,  Baumgartner  und  Boy,  den  Oberlieutenants
Ruff,  Schneegans,  den  Unterlieutenants  Stieß,
Perganin,  von  Spitzel,  dem  Wachtmeister  Hirth,
den  Corporäls  Bock  und  Wolf,  welch  dehterer  seinen
Unterlieutenant  Spitzel  gewißem  Todte  entzog;  den  Gemeinen
  Isidor  Bauer,  und  Caspar  Delling.  (Siehe
Armeebefehl  vom  gten  Mai  1807.  g.  4.)
        <pb n="516" />
        —  186  —

tend,  aber  immer  verfolgt,  ruͤckten  in  schoͤnster  Ordnung
gegen  ihre  Hauptmacht  zu,  und  in  die  Schlachtlinie
derselben  ein.

Jezt  wechselte  das  von  beiden  Heeren  furchtbar  beginnende
  Kanonenfener  mit  dem  Feuer  der  vordringenden
  und  angreifenden  Schlachthaufen  des  Fußvolks,  besonders
  der  franzbsischen  Dirision  Verdier.  Und  erst  gegen
  10  Uhr  Abends,  gelang  es  der  beispiellosen  Kühnheit
  der  napoleonischen  Schaaren,  eine  der  #rußischen
Schanzen  zu  erobern.  Damit  war  der  Weg  angebahnt,
um  Benningsen's  Schlachtreihen  zu  durchbrechen  und
sie  gänzlich  zwischen  der  Alle  und  dem  Sensebach  einzuklemmen.
  Aber  der  rußische  General  Warneck  an  der
Spitze  des  Regiments  Kaluga  entriß  pldtzlich  wieder
mit  erschütternder  Tapferkeit  und  im  Sturm  den  Siegern
  die  Schanze.  Da  kam  die  Mitternachtsstunde  und
endete  die  Schlacht.

Die  Heere  standen  einander  folgendes  Tages  schlagsertig
  gegen  über.  Napoleon  traf  große  Vorkehrungen
  dazu,  besonders  durch  veränderte  Richtung  der  ganzen
Stirnseite  seines  Heers,  so,  daß  Marschall  Davoust
an  der  untern  Alle  zu  stehen  kam,  und  Kbnigsberg  und
den  General  Lestocg  von  den  Rußen  trennte.  Wohl
sandte  Benningsen  starke  Cosaken-Haufen  aus,  dieß
zu  hindern.  Allein  diese  Maasregel  war  unzureichend.
Davoust  setzte  seine  Bewegung  fort  und  ließ  die  Cosaken
  stehen.

Jetzt  fühlte  Benningsen,  er  kdune  ohne  Gefahr
in  der  Stellung  bei  Heilsberg  keine  Hauptschlacht  mehr
annehmen.  Eilig  zog  er  noch  am  Abend  um  10  Uhr
auf's  rechte  Alle-Ufer  zurück,  überließ  seine  Per-
        <pb n="517" />
        schanzungen,  seine  Magazine,  seine  Verwundeten  dem
Sieger,  und  langte  in  vier  Colonnen  am  nachfolgenden
Tage  (12ten  Juni)  in  der  Stellung  von  Bartenstein  an.
Während  dieses  Zuges  am  rechten  Alle-Ufer  schickte  Fürst
Bagrathion  einen  Theil  der  Nachhut  auf  das  linke
Ufer.  Diese  wurde  von  der  Dragoner-Division  Latour-Maubourg
  und  den  Brigaden  leichter  Reiterei  der
Generale  Durosnel  und  Wathier  verfolgt.  Die
Brigade  des  letztern,  bei  welcher  auch  die  baierischen
Chevaurlegers  fochten,  stieß  bei  Eubinen  auf  den  rußischen
  Nachtrab.  Doch  weder  das  Gefecht  hier,  noch
die  Kanonade  zwischen  den  Rußen  und  nachfolgenden
Franzosen  bei  Lauterhagen,  war  von  langer  Dauer  oder
großer  Wirkung,

Weil  Napoleon  (I15ten  Juni)  die  ganze  Reiterei
des  Großherzogs  von  Berg,  unterstützt  durch  Davoust's
  Heerhaufen,  gegen  Königsberg,  den  Marschall
Soult  nach  Krenzburg,  den  Marschall  Lannes  nach
Domnau,  die  Marschälle  Ney  und  Mortier  nach
Lampasch  gesandt  hatte,  verrieth  er  seine  Absicht,  sowohl
  das  vom  rußischen  Hauptheere  getrennte  Corps  des
Generals  Lestocq,  als  das  diesem  von  Heilsberg  aus
zur  Hülfe  geschickte  Corps  des  Generals  Kamensky
vom  Pregel-Fluß  und  damit  von  jedem  Rückzug  abzuschneiden.
  Dieß  bewog  den  General  Benningsen,
weder  in  der  Stellung  von  Bartenstein,  noch  Schippenbeil
  (15ten  Juni)  zu  verharren,  sondern  in  Eilzügen
den  Standpunct  von  Friedland  zu  erreichen,  eh'  ihm  sein
rastloser  Gegner  dahin  zuvorkam.  Wirklich  fanden  die
voranziehenden  Abtheilungen  der  Rußen,  als  sie  Friedland
  erreichten,  diesen  Punct  schon  von  einem  franzöfischen
  Husaren=  und  einem  sächsischen  Cürassier-Regi-
        <pb n="518" />
        —  186  —

ment  besetzt,  die  vor  der  Uebermacht  bald  zuruͤckgehen
mußten.  Benningsen,  während  sein  Hauptheer  anrückte,
  stellte  die  größte  Stärke  seiner  Reiterei  am  linken
  Alle-Ufer  auf,  und  besetzte  alle  Uebergangs-Puncte
dieses  Flußes.  Das  geschah  in  derselben  Zeit,  als  Ka#
mensky  sich,  zwischen  Altenberg  und  Ludwigsspalcke
mir  Lestocq,  der  bei  Gollau  stand,  vereinigt  hatte.

Sonder  Verzug  eilte  aber  auch  Napoleon  mit
den  Garden,  mit  dem  ersten  Armeecorps,  itzt  von
Victor  befehligt,  mit  den  Corps  der  Marschälle  Ney,
Lannes  und  Mortier  gegen  Friedland.  Hingegen
der  Großherzog  von  Berg  setzte  seine  Bewegungen  gegen
  Kdnigöberg  mir  den  Marschällen  Soult  und  Das
vousit  fort.

Vorausgeeilte  französische  Abtheilungen  der  Heerhaufen
  Lannes  und  Mortier  von  der  Dragoner-Divisson
  Grouchy's  und  der  Cürassier-Division  Nansouty's
  unterstützt,  griffen  schon  in  der  Morgenfrühe
des  1##ten  Juni  die  rußische  Reiterei  am  linken  Alle-Ufer
  an,  um  sie  über  den  Fluß  zu  werfen.  Doch  fruchtlos.
  Napoleon,  bis  seine  Haupt-Armee  nachkam,
begnugte  sich  darauf,  die  Rußen  durch  ein  lebhaftes
Kanonen=  und  Plänklerfener  festzuhalten,  theils  damit
sie  ihre  Bewegung  gegen  Kdnigsberg  nicht  fortsetzen,
theils  damit  er,  verborgen  vor  ihren  Augen,  im  Sortlaker
  Walde  und  in  den  Gehölzen  zwischen  Heinrichsdorf
  und  Portennen,  seine  gesammten  Streitkräfte,
eine  Masse  von  70  bis  80,000  Mann  vereinigen  konnte.

Es  war  schon  Abends  5  Uhr,  als  die  rußische  Armee,
  etwa  noch  61,000  Mann  stark,  bei  Friedland  ankam.
  Benningsen,  wahrscheinlich  im  Glauben,  es
        <pb n="519" />
        —  189  —

werde  etwa  nur  Kampf  mit  einem  einzigen  feindlichen
Corps  gelten,  und  das  linke  Alle-Ufer  daher  leicht  zu
behaupten  seyn,  stellte  sein  ganzes  Heer  hier  vor  der
Stadt  Friedland  auf;  den  rechten  Flügel  unter  Gortschakow
  und  Uwarow  vom  Domerauer-Holz  oder
bei  der  Ziegelei,  bis  an  das  sogenannte  Mühlenflies;
den  linken  unter  Bagration  und  Kollogrilow
am  Sortlaker-Walde  vorüber  bis  zur  Alle,  die  Vereinis
gung  von  der  Eilauer-Bartensteiner=  und  Schippenbeiler-Straße
  behauptend.  —  Bagration  und  Kollogrilow
  versuchten,  sich  alsbald  des  Sortlaker-Waldes
zu  bemächtigen,  und  es  schien  der  russischen  Tapferkeit
anfangs  nicht  zu  mißlingen.  Aber  immer  mächtigere
und  mächtigere  Streitmassen  traten  ihnen  da  entgegen,
Marschall  Lannes  mit  La  Houssay's  Dragonern  und
den  sächsischen  Cürassieren,  diesen  zur  Rechten  Marschall
Ney  mit  Grouchy's  Reiterei,  links  Marschall  Mortier
  mit  der  Reiterei  des  Latour-Maubourg;  rückwärts
  das  Corps  Victors,  mit  den  Garden  als  Reserve.

Napoleon,  dessen  Heer  in  derselben  Stunde,  wie
das  russische,  hier  angekommen  war,  ließ  Abends  um
halb  6  Uhr  sogleich  seinen  rechten  Flügel  vorwärts
gehen,  um  unverweilt  den  schwächsten  Punct  in  der  russischen
  Stellung,  nämlich  die  Stadt  Friedland,  mit
Sturm  zu  nehmen.  Die  Plänkler  des  Ney'schen  Corps,
unterstützt  von  der  Division  Marchand,  und  diese  wieder
  unterstützt  von  der  Division  Bison,  trieben  die  russischen
  Jäger  aus  dem  Sortlaker-Walde.  Dann  rückten
sie  in  geschlossenen  Colonnen  gegen  die  Stadt.  Den
Weg  bahnte  ihnen  ein  fürchterliches  Artilleriefeuer,  welches
  dem  linken  Flügel  der  Russen,  auf  immer  kleinern
        <pb n="520" />
        —  190  —

Raum  zwischen  der  Alle  und  dem  Muͤhlenflies  beschraͤnkt,
großen  Schaden  stiftete.  Umsonst  der  Muth  und  die
Anstrengung  der  Russen,  besonders  ihrer  Reiterei,  jene
Colonnen  im  Laufe  aufzuhalten.  Sie  wurden  uͤbermannt,
zuruͤckgeschoben.  Umsonst  zuͤndeten  sie  die  Vorstadt  von
Friedland  an.  Das  hinderte  die  Franzosen  nicht,  ihren
schon  errungenen  Gewinn  zu  erweitern.

Benningsen,  als  er  den  hartnaͤckigen  Kampf
seines  linken  Fluͤgels  und  den  moͤrderischen  Streit  um
Friedland  sah,  wollte  durch  schnelle  Bewegung  seines  rechten
  Fluͤgels  die  Aufmerksamkeit  Napoleons  hinweglenken.
Auf  seinen  Wink  stürzte  jählings  Fürst  Gortschakow
mit  seinen  Schlachthaufen  so  gewaltig  gegen  das  Corps
des  Marschall  Lannes,  daß  dieser  vom  heftigen  Stoß
erschüttert,  schon  das  Feld  zu  räumen  anfing.  Gortschakow,
  schon  des  Sieges  froh,  vernahm  aber  nun,
daß  der  ganze  linke  Flügel  der  Russen  im  Rückzug  sey.
Dieß  udthigte  auch  ihn,  nicht  länger  fortzuschreiten,  sondern
  umzukehren.  Er  wandte  sich  in  bester  Ordnung
gegen  Friedland.  Hier  aber  fand  er  nun  die  Stadt  schon
vom  Heerhaufen  des  Marschalls  Ney  besetzt,  seine  Rückzugslinie
  abgeschnitten.  Verzweiflungsvoll  kämpfte  er
mit  seinen  Russen  um  die  brennende  Stadt.  Es  gelang,
doch  nur  auf  kurze  Zeit,  die  Sieger  auszutreiben.  Nun
in  großer  Verwirrung,  durch  Kampf  und  Flucht,  Gepäck
und  Geschütz  verursacht,  da  eins  das  andere  hinderte,
drängten  die  Russen  gegen  die  Alle-Brücke,  und  zu  den
zwei  vor  der  Schlacht  geschlagenen  Schiffbrücken,  um
zum  andern  Ufer  zu  gelangen.  In  ihre  Haufen  schlug,
nie  fehlend,  der  Tod  aus  hundert  französischen  Feuerschlünden.
  Unter  der  Wuth  der  Fliehenden  brachen  die
Brücken.  Da  stürzten  sich  Fußgänger  und  Reiter  in  den
        <pb n="521" />
        —  191  —

Strom,  um  schwimmend  zu  emkommen.  Viele  fanden
aber  den  Tod,  statt  der  Rettung.  Was  hinüber  kam,
ward  von  einer  am  Gnatten-Walde  als  Reserve  stehendem
  rußischen  Division  ausgenommen.  Benningsen
trat  sofort  Abends  neun  Uhr  mit  seinem  geschlagenen
Heer  in  zwei  Colonnen  den  Rückzug  nach  Allenburg  an,
dann  nach  Wehlau  und  über  den  Pregel-Fluß  (15ten
Funi),  und  nachdem  er  hier  alle  Brücken,  die  hinüberführten,
  zerstdrt  hatte,  nach  Popelken  und  Mehlauken
(16ten  Juni),  darauf  in  eine  Stellung  hinter  dem  Schillupflüßchen.
  Hier  (17#en  Juni))  vereinigte  er  sich  mit
den  Corps  der  Generale  Kamensky  und  Lestocq,
die  von  Kdnigsberg  herkamen.

Denn  Marschall  Soult  hatte  diese  über  Kreuzburg
(töten  Juni)  nach  Kbnigsberg  zurückgedrängt  gehabr
(15ten  Juni).  Weil  sie  aber  daselbst  zu  wenig  Vertheidigungs
  -Mittel  gefunden,  war  ihnen  nichts  übrig  geblieben,
  als  weiter  zu  ziehen,  um  Benningsen's  Heer
zu  erreichen,  dessen  Niederlage  sie  vernommen  hatten.
Also  zog  Soulrt  (15ten  Juni)  in  die  Hauptstadt  Preussens
  ein,  deren  Besitz  dem  französischen  Kaiser,  zur  Fortsetzung
  des  Krieges,  unermeßliche  Hülfsmittel  aller  Art
darbot.

Napoleon  aber  folgte,  nach  Herstellung  der  Pregelbrücken,
  dem  Feinde  auf  den  Fuß  nach.  Benningseen
  gieng  am  181en  bei  Tilsit  über  den  Niemen,  und
Tags  darauf  auch  seine  Nachhut  unter  Bagrathion.
Denselben  Tag  zog.  Napoleon  ebenfalls  in  Tilsit  ein,
und  bewilligte  hier  seinem  Gegner  (au#ten  Juni)  endlich
den  Waffenstillstand,  um  welchen  derselbe  schon  fünf  Tage
früher  angehalten  hatte.  Dem  zu  Folge  ward  eine  Tren-
        <pb n="522" />
        —  192  —

nungs-Linie  beider  Heere  vom  curischen  Haff  bis  Suras-Narew
  an  die  rußisch-preußischen  Gränzen  festgesetzt.)


Diese  großen  Ereignisse  hatten  auch  auf  die  Heerhaufen
  längs  der  Narew  ihre  Wirkung  gehabt.  Anfangs
waren  auch  hier  die  Rußen,  welche  jetzt  an  Tutschkow's
Stelle,  der  Generallieutenant  Graf  Tolstoy  befehligte,
  angriffsweise  zu  Werk  geschritten.  Ihre  Vorhut  unter
  Grafen  Wittgenstein  hatte  (11ten  Juni)  in  drei
Colonnen  die  franzdsischen  Vorposten  an  den  Omulew
vertrieben,  war  bei  Drenzewo  über  diesen  Fluß  gegangen,
  von  25  Feuerschiuͤnden  am  linken  Narewufer  unterstuͤtzt;
  hatte  sogleich  den  Uebergangspunct  mit  einem
Bruͤckenkopf.  zu  sichern  angefangen.,  das  schwache  Lager
der  Franzosen  bei  Portky  überwältigt  und  es  in  Brand
gesteckt.  Allein  General  Süchet,  nachdem  er  schnell
in  den  Ebenen  von  Rozan  seine  Division  gesammelt,
machte  sich  auf,  den  Feind  zurückzutreiben.  Zur  Unterstützung
  Süchet's  standen  im  Lager  von  Krasnosielsk
die  beiden  Bataillone  des  baierischen  Regiments  Kronprinz
  schlagfertig.  Allein  ihre  Mitwirkung  konnte  bald

——  en  t-*)

  Jene  Trennungs-Linie  zog  sich  vom  eurischen  Haff  anfangend,
laͤngs  dem  Thalweg  des  Niemen,  dann  aufwaͤrts  am  linken
Ufer  dieses  Flußes  bis  zum  Einfluße  der  Lorasna  in  Letzteren,
  dann  laͤngs  letztgenanntem  Fluße  his  zum  Einfluße  des
Bobra-Baches  in  selbem;  ferner  jenem  Bache  entlang
über  Bogari,  Lepsk  ,  Stabin,  Dlistowo,  Gomonds
von  da  gieng  solche  auf  das  linke!  Näre#-  —  über
und  dann  über  Sykoczon,  Suras-Narew,  hier  an  die
preußisch  rußische  Gränze  sich  aulehnend.
        <pb n="523" />
        entbehrt  werden.  Denn  Süchet,  der  (12ten  Juni)  die
Rußen  bei  Nakli,  wo  sie  mit  vier  Bataillonen  und  eben
so  vielen  Kanonen  standen,  rasch  an  der  Spitze  von  drei
Bataillonen  und  100  Pferden  umgangen,  dann  sie  angegriffen
  hatte,  trieb  sie  nach  Drenzewo  und  über  den.
Omulew  zurück.  Dann  nahm  er,  nach  Zerstbrung  ihrer
begonnenen  Verschanzungen,  seine  frühere  Strellung  wieder
  ein.

Wie  aber  die  Nachricht  von  der  Schlacht  bei  Friedland,
  vom  Rückzug  Benningsen's,  von  der  Einnahme
Kdnigsbergs  einlief,  (in  der  Nacht  vom  17ten  zum  18ten
Juni,)  ordnete  Marschall  Massena  eine  Recognoscirung
  gegen  Tolstoy's  Stellungen  an,  um  zu  erforschen,
  ob  sich  dle  Rußen  auch  hier  zurückbewegen  wurden?
  General  Süchet  rückte  (18ten  Juni)  gegen  Osiro-=lenka
  aus,  zugleich  General  Graindorge  bei  Sierok,
General  Rechberg  mit  zwei  Bataillonen,  einem  Geschwader
  Reiterei  und  drei  Kanonen,  nebst  zwei  kleinern
Abtheilungen  des  linken  baierischen  Flügels,  über  Penary,
Prikow  und  Partoczyn.  Es  ergab  sich  die  höchste  Wahrscheinlichkeit,
  daß  die  Rußen  schon  im  Rückzuge  sepen,
und  diesen  nur  hinter  einer  zahlreichen  Vorposten-Kette
verbergen  wollten.  Man  gieng,  nach  unbedeutendem
Verlust  im  Geplänkel,  zur  alten  Stellung  heim.

Dann  (am  22ten  Juni)  brach  Massena  mit  dem
ganzen  Armeecorps  auf.  Die  Division  des  Kronprinzen
von  Baiern  verließ  ihre  Stellung  bei  Pultusk,  wo  der
beschwerliche  Vorposten-Dienst,  noch  mehr  der  Mangel
an  den  meisten  Lebensmitteln,  täglich  drückender  ward.
Zu  ihr  stieß  das  3öfte  franzdsische  Linien=  und  15te  Dragoner-Regiment.
  Sie  zog  über  Pfaryp,  Przenicl,  um
den  weiten  Pulwi-Bruch  herum,  nach  Susk,  in  immer-II.

  ates  Buch,  15
        <pb n="524" />
        waͤhrenden  heftigen  Reiterei-Gefechten  *)  dem  Feinde
folgend.  Denn  General  Tolstoy  trat  an  eben  diesem
Tage  seinen  wohlgeordneten  Ruͤckzug  nach  Bialistok  an.

Folgendes  Tags  gieng  auch  die  Division  Suͤchet
bei  Rozan  uͤber  die  Narew,  und  traf  bei  Gomorow  mit
dem  baierischen  Heerhaufen  zusammen,  der,  fort  und
fort  mit  der  rußischen  Nachhut  im  Gefecht,  gegen  Stroszyn
  vordrang.  Der  Kronprinz  von  Baiern,  welcher  bei
Puleusk  seinen  Kriegern  durch  Beispiel  in  allen  Entbehrungen
  vorangegangen  war,  konnte  auch  jetzt  in  den  Gefechten
  durch  keine  Bitten  bewogen  werden,  Wrede's
Seite  an  der  Spitze  der  Vorhut  zu  verlassen,  und  sein
Leben  der  Gefahr  zu  entziehen.  Um  das  Vorrücken  des
ganzen  Armeecorps  links  zu  erwarten,  rasteten  die  Baiern
(am  24#ten  Juni)  bei  Stroszyn,  und  begnügten  sich,  das
leichte  Bataillon  Zoller,  eine  Abtheilung  Dragoner  und
drei  Feldstücke  vorzusenden,  um  den  fernern  Rückzug  der
Rußen  zu  beobachten.  Sobald  nach  Herstellung  der
Brücken  bei  Ostrolenka  und  Rozan  das  franzdèstsche  Armeecorps
  über  die  Narew  gegangen,  und  Süchet  nach
unbedeutenden  Gefechten  in  Lomza  eingerückt  war,  unterhielt
  der  Kronprinz  durch  das  leichte  Bataillon  Palm
die  Verbindung  mit  diesem,  und  besetzte  die  Stellung
bei  Stliadow,  waͤhrend  das  zte  Chevaurlegers-Regiment,
  als  Vorhut,  in  Jemelite  stand.  In  dem  Verhältniß,
  wie  die  Rußen  weiter  zogen,  ward  ihnen  gefolgt.
  Aber  schon  in  der  Gegend  von  Baczemokre  wurs
den  die  Baiern  durch  feindliche  Reiterei-Abtheilungen  lebhafter
  in  ihrem  Zuge  beunruhigt  (26ten  Juni)  und  bei

*)  Hier  wurden  sieben  Mann  des  baierischen  öten  Cheraurlegers-Regiments

  getödtet,  der  Lieutengnt  Weinbach  mit
drei  Chevguxlegers  verwundet.
        <pb n="525" />
        —  195  —

Zambrow,  weil  da  noch  ein  betraͤchtliches  Magazin
geraͤumt  werden  sollte,  sogar  ruͤckwaͤrts  angegriffen.  Das
Regiment  Taxis-Dragoner  warf  den  Feind  zwar  zuruͤck,
konnte  ihn  aber  weder  am  Anzuͤnden  des  Magazins  noch
darauf  am  schnellen  Ruͤckzug  gegen  Jablonka  hindern.

Das  Corps  des  Generallieutenants  Tolstoy  hatte
am  2rsten  Juni  auf  der  großen  Bialistoker=  Straße,
hinter  dem  Fluͤßchen  Supras,  Stellung  genommen,  und
Massena  traf  Anstalten,  den  Feind  dort  zu  erreichen,
als  die  Nachricht  vom  Waffenstillstand  der  Heere  ankam.
Damit  endeten  hier  alle  weitern  Bewegungen.  Marschall
Massena'  schlug  sein  Hauptgelager  in  Wisna  auf.
Generallieutenant  Baron  Wrede  das  seinige  in  Ciechanowice,
  Der  Kronprinz  von  Balern,  nach  Tilsit  abreisend,
  übergab  den  ungetheilten  Oberbefehl  des  baierischen
  Kriegsvolks  an  den  ebengenannten  Feldherrn.  Die
Truppen  wurden  in  Cantonirungen  verlegt.  *)

Es  ist  bekannt,  wie  zu  Tilsit,  durch  den  pershnlilichen
  Zusammentritt  der  bisher  feindlichen  Monarchen
der  Friede  beschleunigt,  und  (3ten  Juli)  wirklich  abgeschlossen
  wurde.  Weil  nun  vermdge  besonderer  Ueberein- 



*)  Und  zwar  die  Divisson  Süchet  mit  der  Cavalerse-Brigade
  Montbrun  von  Toykotzin  anfangend  aufwärts  der
Narew,  mit  Einschluß  des  Punctes  Suracz,  von  da  uͤber
Wysoki,  Mazowiki  und  Mezenin  bis  an  den  Ausfluß  der
Bobra  in  die  Narew;  das  baierische  Corps  bei  Ciechanowice,
  Nur,  Ambezejewo  und  ÖOstrow;  die  Divisson  Gazan
  von  Lomza  an  aufwärts  der  Narew  bis  zur  Mündung
der  Bobra,  dann  rechts  an  den  Cantonirungen  der  Division
  Süchet  fort,  über  Mezenin  bis  Wysoki,  Mazowiecky,
  dann  seitwärts  über  Szamow,  durch  Syiadow,  Szcepankowo
  und  Nowogorod  bis  an  die  Narew.  6  ·

Die  französische  zu  diesem  Corps  gehörige  Dragoner-Division
  besetzte  Nowogorod,  und  cantonirte  auf  dem  rechten
Narew  elfeer  bis  Penza,  sodann  links  über  Paritv,  alle
im  Rücken  der  ganzen  Linie  gelegenen  Dörfer  bis  an  die
Skrodda  besehend.

15
        <pb n="526" />
        —  196  —

kunft  zwischen  Frankreich  und  Preußen  (12ten  Juli)  das
preußische  Gebiet  bis  an  die  Passarge  von  Frankreichs
Heerschaaren  und  Verbündeten  bis  zum  usten  August  1807
geräumt  werden  mußte,  schied  das  baierische  Truppen-=Corps
  von  Massena's  Heerhaufen,  und  zog  über  Warschau
  nach  Schlesien.  Hier  ward  es  dem  Heerhaufen
des  Marschalls  Mortier  zugetheilt  und  ward  es  in  den
Breslauer=  Ohlauer=  und  Trebnitzer=  Kreis  eingelagert,
nachher  noch  weiter  in  den  Neumarker  =  Striegauer=  Bolkenhayner,
  Jauerischen  und  Schweidnizer-Kreis  ausgedehnt.
  Nur  das  erste  baierische  Chevaurlegers-Regiment,
  das  in  Preußen  einen  Theil  der  Reiterbrigade
des  General  Wathier  ausgemacht,  und  in  so  vielen
Gefechren,  Treffen  und  Schlachten  fast  zwei  Drittheil
seiner  Mannschaft  verloren  hatte,  erhielt  noch  keine  Ruhe!
Es  mußte  (Iten  Juli)  von  Billgade  bei  Vilumen,  in  Altpreußen,
  nach  Treptow  in  Schwedisch-Pommern  gehen,
und  ward  hier  dem  Corps  des  Marschalls  Brune  zugegeben,
  der  im  Begriff  war,  die  Feindseligkeiten  gegen
Schweden  zu  erneuern.

Zu  eben  diesem  Corps  war  auch  schon  die  (am  öiten

Die  Brigade  Graindorge,  welche  die  bisherige  Besatzung
  von  Sierok  gebildet  hatte,  nun  in  die  Corpslinie
einrückte,  erhielt  den  Cantonirungs-Punct  Prock,  der
große  Artillerie-Park  den  von  Östrolenka  angewiesen.
Dem  abgeschlossenen  Waffenstillstand  entgegen,  welcher
in  einem  seiner  Artikel  die  Neutralität  des  zwischen  den
französischen  Heeren  und  dem  rußischen  Gebiet  liegenden
preußischen  Landes  ausgesprochen  hatte,  rückte  (am  1öteu
Juli)  das  Corps  des  Marschalls  Massena  bis  an  die
rußische  Gräuze  vor;  daher  mußten  auch  die  Baiern  unter
Wrede  in  den  Drochpyziner-Kreis  abrücken.  Als  aber
die  rußischen  Befehlshader  die  strenge  Erfüllung  des  Waffenstillstandes
  begehrten,  da  zog  Massena,  mit  ihm  die
Baiern  unter  Wrede  (löten  Juli)  wieder  in  seine  alte

Stellung  zurück.  Die  Bgiern  besebten  den  Ostrolenkaischen
        <pb n="527" />
        —  102  —

Mai)  aus  Baiern  aufgebrochene  Brigade  des  General.
Vincenti  gestossen  (12##en  Juli),  welche  der  Kdnig  von
Baiern  erst  kürzlich  aus  dem  ersten  leichten  Bataillon,
dem  neunten  Linien-Regiment  und  einer  Abtheilung  des
vierten  Regiments  Chevaurlegers  zusammengesetzt  hatte.
Die  kriegerische  Thätigkeit  erneuerte  sich  hier  bald.  Ungeachtet,
  in  Folge  des  Tilsiter-Friedens,  der  preußische
General  Blücher  sich  nach  preußischen  Geblet  zurückziehen
  mußte,  und  selbst  die  (Tten  Juli)  in  Rügen  gelandete
  hanndverische  Division  der  Engländer  diese  Insel
  wieder  verließ:  änderte  dieß  alles  den  schwerversöhnlichen
  Sinn  Gustav  Adolphs  nicht,  des  Kbnigs  von
Schweden.  Der  Waffenstillstand  war  aufgekündet.  Brune
gieng  also  (Nachts  vom  15ten  zum  13ten  Juli)  an  mehreren
  Puncten  mit  seinem  ganzen  Heerhaufen  über  die
Peene,  besonders  bei  Dammgarten.  Die  Schweden  wurden
  hier  aus  allen  ihren  Verschanzungen  heraus,  drei
Stunden  weit  zurückgeworfen.  Die  heftigen  Gefechte
der  Divisionen  Molitor  und  Boudet  bei  Steinhagen
und  Nogast  entschieden  den  volligen  Rückzug  der  Schweden
  nach  Stralsund.  Die  Brigade  Vincenti  bemächtigte
  sich  während  dessen  der  Stadt  Greifswalde.

Wie  nach  diesem  Marschall  Brune  (15ten  August)
vor  Stralsund  gieng,  und  die  Laufgräben  erdffnete,  trat
auch  die  Brigade  Vincenti,  verstärkt  durch  das  achte
baierische  Linien-Negiment,  vor  diese  Vestung.  Die
Schweden  räumten  sie  aber  (schon  den  20ten  August
Abends)  ohne  Schwerdtstreich,  und  begnügten  sich,  die
eingerückten  Franzosen  lebhaft  von  der  kleinen  Insel  Dänholm
  zu  beschießen,  die  zwischen  Stralsund  und  Rügen
liegt.  Brune  aber  schickte  (Nachts  vom  24ten  zum
Löten  August)  ein  franzdsisches  Bataillon  guf  Bdten  hinüber,
        <pb n="528" />
        welches  sich  der  Insel  bemeisterte,  und  die  schwedische  Besatzung
  derselben  (330  Mann)  gefangen  nahm.  Dieß
bewirkte,  daß  (am  öten  September)  zwischen  dem  französischen
  Marschall  und  dem  schwedischen  General  Toll
ein  Vertrag  geschlossen,  und  in  Folge  desselben  auch  die
Fnsel  Rügen  den  Franzosen  eingeräumt  ward.  Also
schifften  ein  franzbsisches  Linien-Regiment,  das  neunte
baierische  Linien-Regiment  und  die  baierischen  Chevaurlegers
  den  Sten  September  hinüber,  denen  bald  von  den
Baiern  noch  das  achte  Linien  -Regiment  und  das  erste
leichte  Bataillon  Habermann  folgten.  Hier  blieb  die
Brigade  in  guten  Cantonirungen  bis  zum  Frieden.  Am
20sten  November  kehrte  sie  nach  Baiern  zurück,  wo  sie
Mitte  Decembers  frohlockend  ankam.  «
UmdieselbeseittrafenauchdieDivisionenDeroy
und  Wrede  wieder  in  ihrem  Vaterlande  ein,  von  ihren
Mitbuͤrgern  herzlich  und  festlich  empfangen.  Erstere  hatte
nach  Aufhebung  der  Belagerung  von  Silberberg  (11.  Juli)
erst  in  Schlesien  bei  Breslau  und  laͤngs  der  Straße
nach  Sachsen,  dann  in  den  Kreisen  von  Neumark,  Schweidniz,
  Striegau  und  Bolkenhayn  Einlagerung  genossen;
war  darauf  (Ziten  August)  nach  Berlin  aufgebrochen,
und  als  Theil  des  neunten  französischen  Armee-Corps
unter  General  Michaud,  in  die  Umgegend  Berlins,
in  den  ober=  und  niederbarnimschen  Kreis  und  die  Uckermark
  verlegt  worden,  ihre  Relterei  theils  nach  Schwedt,
theils  in  die  Neumark,  theils  nach  Stettin;  und  kehrte
endlich  zu  Aufang  November  über  Baireuth  in  die  friedliche
  Besatzung  heimathlicher  Plätze  zurück.  —  Die  Divisson
  Wrede,  welche,  während  ihrer  Einlagerung  in
Schlesien,  Friedrichs  des  Großen  Meisterschlacht  bei
Leuthen  in  wohlgelungener  Nachbildung  (22ten  und  26ten)
        <pb n="529" />
        ausgefuͤhrt  hatte,  zog  ebenfalls  Mitte  Decembers  in
Baireuth,  und  dann,  unter  dem  dankenden  Nachruf
ihres  bisherigen  Feldherrn,  in  Baiern  ein.

So  endigte  ein  Krieg,  durch  welchen  das  ungluͤckliche
  Preußen  fast  die  Haͤlfte  seiner  bisherigen  Provinzen
  *),  eine  große  Zahl  seiner  alten  Huͤlfsquellen,  den
edelsten  Theil  seiner  Kraft  verlor,  und  Napoleon's
Macht  zur  riesenhaften  Groͤße  stieg.  Frankreichs  Ausdehnung
  trat  weit  uͤber  die  alten  Graͤnzen  hinaus,  und
vom  Machtkreis  desselben  lag  fast  die  ganze  Mitte  Europens
  verschlungen.  ?)  Des  Siegers  Waffe  druͤckte
fortwaͤhrend  schwer  auf  Norddeutschland,  von  der  Weser
bis  zur  Weichsel.  Bei  der  Hemmung  alles  Handels-Verkehrs
  litten  aber  auch  die  mit  Frankreich  befreundeten
  suͤddeutschen  Staaten.

Inzwischen  ordnete  Maximilign  Joseph,  K-*)

  An  Flächen-Inhalt  55,141  2  Quadratmeile,  eine  Bevölkerung
  von  5,55%,  115  Menschen,  15,731,014  Thaler  Einkünfte.
  Dem  Könige  dieses  Landes  verblieben  2,013  4  Qugdratmetle
  Landes,  mit  einer  Bevölkerung  von  5,105,597
Menschen  und  15,720,235  Thalern  Einkünften.

*#)  Krankreich  selbst  mit  Inbegriff  von  Ligurien  zählte  an  11,580
Quadratmeilen,  355,340,412  Einwohnern.  Diesem  Kaiserstaat
  waren  ferner  folgende  Staaten  mit  allen  ihren  Kräften
  verbunden.

Spanien  mit  10,730,000  Einwohnern,  und  9055  Quadratmeilen,
  die  helvetische  Republik  mit  1,760,00  Einwohnern
  auf  321  Quadratmeilen.  Neufchatel  und  Valenzin
  mit  47,600  Einwohnern  auf  86  Quadratmeilen.  Etrurien
  mit  Lukka,  Piombino,  Massa  Carrara,  Guastalla  und
Garfagnana  mit  1,241,800  Einwohnern  auf  5054  Quadratmeilen.
  Das  Königreich  Ftalien  mit  dem  ehemahls  venetianischen
  Staaten  mit  5,525,500  Einwohnern  auf  1,644
Quadratmeilen.  Der  Kirchenstaat  mit  St.  Marino  mit
1,528,000  Einwohnern  auf  557  Quadrakmeilen.  Neapel
mit  0,545,000  Einwohnern  auf  2,025  Quadratmeilen.  Holland
  mit  Östfrießland  und  Inver  mit  2,015,180  Einwohnern
auf  572  1  Quadratmeile.  Die  deutschen  Staaten  der  rhei-#Hnischen
  Conföderation  mit  Inbegriff  der  von  Preußen  und
Schweden  eroberten  Linder  mit  15,325,670  Einwohnern  auf
5,504  Quadratmellen.  Endlich  das  Herzogthum  Warschau
        <pb n="530" />
        —  200  —

nig  von  Baiern,  mit  den  benachbarten  Gebieten  Wietembergs
  und  Badens  die  Gränzen,  und  auf  billige,  edle
Art  die  Verhältnisse  der  mediatisirten  Fürsten  und  deren
Besitzungen  in  Baiern;  mit  Oesterreich  schloß  er  (51en
Nrvember)  den  Staats-Vertrag  über  wechselseitige  Freizogigkeit
  der  Penstonen.  Der  von  seinen  Vorfahren  gestifreten
  Akademie  der  Wissenschaften  in  München  verliey
  er  größere  Vollkommenheit.  Ueberall  strebte  er,  um
Baiern  zu  seiner  würdigern  Bestimmung  empor  zu  heben,
Licht  und  Kraft  zu  wecken,  und  dem  aus  so  verschiedenarrigen
  Theilen  zusammengesetzten  Kdnigreiche  größere
Einheit  zu  geben.  Doch  nicht  überall  vermogte  er's,  die
Sehntuchr  einzelner  Gegenden  nach  ihren  alten  Ordnungen
  und  verlornen  altgewohnten  Verhältnissen  zu  stillen.
Zeuge  de  war  das  Gebirgsvolk  in  Tirol,  welches  fort
und  fort  durch  bange  und  alberne  Gerüchte  über  den
Umergang  seiner  Freiheiten  und  seiner  Religion  bewege
ward,  und  welches  der  gütige  Kdnig  in  seiner  Kundmachung
  (vom  20ten  November)  gern  beruhigt  härte.

Doch  von  dem,  was  er  geleistet  für  das  Heil  seiner
Länder,  und  wie  ein  neuer  furchtbarer  Krieg,  der  das
Innere  Baierns  abermahls  zum  Schauplatz  der  Schlachten
  verwandelte,  alle  konigliche  Bemühungen  unterbrach,
rede  das  folgende  Buch.

und  die  Stadt  Danzig  mit  5,979,067  Einwohnern  auf  1503
Quadratmeilen  (zusammen  an  80  Millionen  Menschen.)
'Kapoleon  hatte  von  der  im  Frieden  von  Tilsit  ihm
zuerkannte  großen  Kriegesbeute  vertheilt:  an  Rußland  einen
Theil  des  vormahligen  Neu-Ostpreußen;  an  den  König
von  Sachsen  das  Herzogthum  Warschau  und  den  Kottbusser-Kreis,
  an  die  Stadt  Danzig  ein  Gebiet  von  zwei  Meilen
im  Umfange  der  Stadt;  an  den  König  von  Holland,  Ollfrießland
  und  die  Herrschaft  Jever.  Ferner  hatte  er  aus
preußischen,  braunschweigischen,  hannöverischen,  hessischen
v50  Und  sächsischen  Ländern,  mitten  im  Herzen  Deutschlands
das  neue  Königreich  Westphalen  geschaffen  und  doch  blieben
ihm  noch  folgende  Länder  zur  freien  Disposttion.  "
Das  Erzstift  Münster,  461  □  Meil.  700,000  Einw.

die  Grafschaft  Mark,  70  J□—  „  125,000  „
dte  Grafschaft  Mecklenburg,  -
und  Lingen,  150  „  —.

das  Fürstenthum  Erfurt  2c.  12  □—  „v  121,000  „
das  Kürstenthum  Baireuth,  22  □  „  225,000  „
das  Furstenthum  Nassau,  101  J□—  7  23544,500  ?
von  Curhessen,  51  U  "  100,000  ?

Jusammen  762  □Meil.  1,575,500  „
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        Verbesserungen  im  ersten  Bande.

 

S.  27  3.  10  ein  n  zu  viel  im  Worte  Feldmarschalllieutenant.
52  %,  15  anstatt  neun  russische  Zuzüge  lies:

77

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7’
L

11
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1
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44  %  15

52

53  415  v.  o.  „

„Navarra

5  v.  u.  11

77

Herr  «
FeldmarschallHohe-,

54«15«»Herr
58  5  „0  „  Feldmarschall  7½
65  „  8  „  „,  stürmen  7
75  ½%  10  „  "  um  7“
75%  1  „  ½  zwar  r
114  21  7  „%  vor  7“
175  „  0  „  „  verwundeten  9
254  7%  15  „%  Berbindung  5“
257  %„  11  „  „  sie  kam
510  ½  18  „  „  Feldmarschallgutusow,  »
316  1  20  214  Königseng  1
im  aten  Buch:
50  5%½%  14  „  „  Jalowla  1
0  —  7  „  „  aufgestekt  5“
114%  5  „  „  Morungen  7
115  „  24  „  „  Somerot  5„
117„  1  „  „  Mundtken  »
119  „letzte  „Besatzung  „
1254  17  „n  Heilsburg  7
130  „  10  „  „  Groß-  Glogau  5%
152  „  20  „  Sternsen  ,
154  „  2  der  Anm.  anst.  daierischen  „
100  „  12  und  13  anst.  Vonzewo  5„
109  „  27v.  ö.  aust.  Gogno  5„
„  14  „  Wonzewo  5
“  „  14  „  „  Toznabiel  »
178»14»»Altzams  i„
178  %  1  7%  „7/  Alt-=  Zambsk  14
180  „  14  der  Anm.  anst.  Gogno
181  „  83d.  Anm.  anst.  Groß-  Maginszowo  »
183»-z7vo.anstLebenberg  »
188»  »»Ludwtgsthal  »
102  „  6  der  Anm.  anst.  Leps  5„½
194  24  v.  o.  anst.  Sinadowk  «

neue  russische  Zuzüge.


Novarra

Heer
Feldmarschalllieutenant
  Hotze
Heer
Feldmarschalllieutenant
  Hottze
stürmte

nun

zum

von

Verwundeten
Verbindung

sie  kamen
General  Kutusow
Königsegg

Jalowka
aufgestellt
Mohrungen
Samrodt
Mondtken
Besetzung
Heilsberg
Klein-Glogau.
Steensen
baierischen
Gonzewo
Goyno
Gonzewo
Toznabil.
Altzambsk
Altzambsk
Goyno

Gron#  Magniszewo
Liebenberg
Ludwigswalde
Lipsk
Sniadow
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      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
