4  Erstes  Kapitel.

und  die  ihm  darum  habe  geläufig  sein  müssen.  Da  erheiterte  sich  das
ernste  Gesicht  des  Königs;  freundlich  streichelte  er  dem  jungen  Prinzen
die  Wange.  „So  ist's  recht,  lieber  Fritz!“  sagte  er.  „Nur  immer  ehrlich
und  aufrichtig!  Wolle  nie  scheinen,  was  du  nicht  bist;  sei  stets  mehr,
als  du  scheinst!“  Goldene  Worte,  die  dem  Prinzen  allezeit  unvergeßlich
geblieben  sind.  ·

Damit  stand  der  König  auf  und  schritt  langsam  mit  dem  Prinzen
die  Hauptallee  hinab  auf  den  Obelisken  zu,  der  dem  Harkausgange  gegenüber
  steht.  „Fritz“,  sprach  er  eindringlich  zu  seinem  jungen  Begleiter,
„werde  was  Tüchtiges  par  excellence.  Es  wartet  Großes  auf  dich.  Ich
bin  am  Ende  meiner  Karriere,  und  mein  Tagewerk  ist  bald  absolviert.
Ich  fürchte,  nach  meinem  Tode  wird's  péle-mele  geben.  Uberall  liegen
Gärungsstoffe,  und  leider  nähren  die  regierenden  Herren  sie,  vorzüglich
in  Frankreich,  statt  zu  kalmieren  und  exstirpieren.  Die  Massen  fangen
schon  an,  von  unten  auf  zu  drängen,  und  wenn  das  zum  Ausbruch  kommt,  ist
der  Teufel  los.  Ich  fürchte,  du  wirst  mal  einen  schweren,  bösen  Stand
haben.  Habilitiere,  rüste  dich!  Sei  fromm:  denk'  an  mich!  Wache  über
unsere  Ehre  und  unseren  Ruhml  Begehe  keine  Ungerechtigkeit,  dulde  aber
auch  keine!  .

Der  Obelisk  war  erreicht.  „Sieh  ihn  an“,  sprach  der  König  weiter,
indem  er  stehen  blieb,  „schlank,  aufstrebend  und  hoch  steht  er  da,  und
doch  fest  in  Sturm  und  Ungewitter.  Die  Pyramide  spricht  zu  dir:  Ma
force  est  ma  droiture.  Die  Spitze  überschaut  und  krönt  das  Ganze,
trägt  aber  nicht,  sondern  wird  von  allem  getragen,  was  unter  ihr  liegt,
vorzüglich  von  dem  unsichtbaren,  in  der  Tiefe  untergebauten  Fundamente.
Das  tragende  Fundament  ist  das  Volk  in  seiner  Einheit.  Halte  es  stets
mit  ihm,  daß  es  dich  liebe  und  dir  vertraue;  darin  allein  kannst  du  stark
und  glücklich  sein!“  Und  mit  diesen  Worten  maß  er  mit  festem  Blick  den
jungen  Prinzen  von  der  Fußsohle  bis  zum  Scheitel,  reichte  ihm  die  Hand,
küßte  ihn  und  entließ  ihn  mit  der  Mahnung:  „Vergiß  diese  Stunde  nicht!“
Damit  wandte  er  sich  und  schritt  langsam  in  den  Park  zurück.

Sie  schieden  fürs  Leben;  denn  nur  erst,  als  die  leuchtenden  Augen
für  immer  sich  geschlossen,  sollte  Prinz  Friedrich  Wilhelm  den  königlichen
Großoheim  wiedersehen.  Um  so  tiefer,  wie  ein  Vermächtnis  prägte  das
Abschiedswort  des  erlauchten  Greises  dem  jungen  Herzen  sich  ein.  Und
nimmer  in  einer  langen  und  gesegneten  Regierung  hat  seiner  König
Friedrich  Wilhelm  III.  vergessen.

Denkwürdiger  Moment,  wie  dort  am  Fuße  des  Obelisken  Hand  in
Hand  die  beiden  Fürsten  stehen,  welche,  nur  durch  eine  kurze  Spanne  Zeit