Kronprinz.  Friedrich  Wilhelm  und  Kronprinzeß  Cuise.  5

geschieden,  von  1740  bis  1840  ein  ganzes  volles  Jahrhundert  preußischer
Geschichte  umspannen:  wie  die  sinkende  Sonne  des  großen  Friedrich  ihre
letzten  Strahlen  hinüberwirft  zu  dem  jungen  Friedrich  Wilhelm,  dessen
Gestirn  bald  aus  trüben  Nebeln  sich  erbeben  sollte.  —

In  freudeloser,  liebeleerer  Jugend  war  der  Hrinz  herangewachsen.
Sein  Dater  kümmerte  sich  nicht  um  ihn,  und  auch  seine  Wutter,  die
Kronprinzessin  Luise,  sah  ihn  oft  tagelang  nicht.  Sie  war  eine  Tochter
der  Landgräfin  Karoline  von  Zessen,  der  geistvollen  Freundin  Friedrichs
des  Großen,  der  in  ihr  „die  Sierde  und  die  Bewunderung  ihres  Jahrhunderts“
  sah.  Die  Erziehung  der  kronprinzlichen  Kinder  blieb  somit
der  Dienerschaft  und  dem  Hofmeister  Benisch  überlassen,  der  dazu  durchaus
  ungeeignet  war.  Ein  grämlicher  und  kränklicher  Mensch,  schrie  er
die  Drinzen,  wenn  sie  einmal  ihrer  jugendlichen  Lebhaftigkeit  nachgaben,
in  maßlosen  Ausdrücken  an  und  verschüchterte  sie  dadurch  ganz  und  gar.
Aber  auch  der  Philosoph  Engel,  ein  wunderlicher  Heiliger,  und  der  geistvolle
  Sonderling  TLeuchsenring,  die  dem  Hrinzen  Friedrich  Wilhelm  und
seinem  jüngeren  Bruder  Ludwig  später  Unterricht  erteilten,  wußten  die
jungen  Gemüter  nicht  zu  erfassen.  So  blieben  die  guten  Anlagen  der
Drinzen  unausgebildet.  Friedrich  Wilhelm,  von  Natur  schüchtern  und
bescheiden,  wurde  in  sich  gekehrt,  menschenscheu  und  verlegen  in  seinem
Auftreten.  Alles  Selbstvertrauen  wurde  in  ihm  erstickt.  Aber  sein  tiefes.
und  reines  Gemüt  widerstand  der  Derbildung.  Vichts  lag  ihm  allezeit
ferner  als  Neid  und  Arglist,  Hochmut  und  Arroganz.  Er  konnte  niemand
leiden  sehen  und  war  stets  fast  ängstlich  bedacht,  niemand  den  Unterschied
  der  Stellung  empfinden  zu  lassen.

Der  Tod  des  großen  Friedrich,  die  Thronbesteigung  König  Friedrich
Wilhelms  II.  machte  den  jungen  Hrinzen  zum  Kronprinzen  von  Hreußen.
Darin  lag  für  ihn  die  ötigung,  mehr  als  bisher  in  die  EGffentlichkeit
hinauszutreten.  Aber  alle  Repräsentation  war  ihm  zuwider;  er  fühlte
sich  in  der  Gesellschaft  unsicher  und  blieb  daher  am  liebsten  allein  oder
im  engsten  Kreise  weniger  Bekannten.  Dem  Hrinzen  Ludwig  gab  er  vor
allen  den  Dorzug,  der,  von  lebhafterer  Art  und  mehr  heiteren  Taturells,
dem  um  drei  Jahre  älteren,  ernsten  Bruder  sich  doch  mit  inniger  Teigung.
anschloß,  ja  vielleicht,  weil  er  ihn  nicht  suchte,  einigen  Einfluß  auf  ihn.
gewann.

Zum  Gouverneur  erhielt  der  Kronprinz  jetzt  den  Grafen  Karl.
Brühl,  einen  Sohn  des  bekannten  sächsischen  Ministers,  zum  Flügel-Adjutanten
  den  Major  von  Höckeritz.  Die  Wahl  war  ungeschickt,  aber
sie  that  dem  Herzen  des  Kronprinzen  wohl.  Swar  zu  Brühl  entwickelte