6  Erstes  Kapitel.

sich  kein  näheres  Verhältnis,  aber  zu  Köckeritz  faßte  er  bald  Zuneigung.
Denn  Röckeritz,  im  Kadettenhause  erzogen,  aus  dürftigen  Derhältnissen
langsam  emporgestiegen,  war  durchaus  eine  idealistisch  angelegte  Tatur.
Ein  Muster  der  Ordnung  im  Dienst,  durchdrungen  von  HBumanität,
wünschte  er  alle  Menschen  glücklich  zu  machen;  aber  er  war  überängstlich
  in  seinen  Entschlüssen  und  suchte  den  Rat  anderer,  da  es  ihm  an
Vertrauen  zu  sich  selber  völlig  gebrach.  Das  war  nicht  der  Mann,
dessen  der  Kronprinz  in  diesen  Jahren  der  Charakterbildung  bedurft
hätte.  Aber  er  wollte  nur,  was  recht  und  gut  war:  das  verschaffte  ihm
die  Achtung  und  bald  die  Freundschaft  seines  jugendlichen  Herrn.

Durch  seine  Stellung  steht  ein  Kronprinz  stets  im  Dordergrunde  des
öffentlichen  Interesses.  Man  machte  im  Dolke  sich  ein  Bild  von  ihm,
das  in  seinen  Grundlinien  wohl  etwas  grell,  aber  nicht  unrichtig  war.
Graf  Mirabeau  zeichnet  es  nach  dem,  was  er  hörte.  „Der  Kronprinz
besitzt",  sagte  er,  „einen  schönen  Charakter,  wenn  auch  nicht  gefällige
  Formen.  Er  ist  ungewandt,  aber  alles  hat  bei  ihm  ein  bestimmtes
  Gepräge.  Er  ist  unböflich,  aber  er  ist  wahr.  Er  forscht  bei
allem  nach  dem  Grunde.  Er  ergiebt  sich  nie,  außer  auf  ein  vernünftiges
Weil.“  Dornehbmlich  aber  siel  der  Gegensatz  in  die  Augen,  in  den  der
Kronprinz  sich  zu  seinem  königlichen  Vater  stellte,  dessen  Lebensauffassung
und  Lebensführung  im  Grunde  seiner  Seele  ihm  zuwider  war,  und  im
schroffen  Widerspiel  dazu  die  schwärmerische  Bewunderung,  die  er  für
den  heimgegangenen  großen  Friedrich  im  tiefsten  Herzen  empfand  und
rückhaltslos  aussprach.

Wohl  mochte  das  Berz  des  Datrioten  in  Freude  höäher  schlagen,
wenn  er,  des  Daterlandes  Hoffnung,  die  prinzlichen  Brüder  sah,  beide
hochgewachsen,  stattlich,  blonde  Germanensähne,  blühend  in  frischer  Jugendkraft;
  der  Kronprinz  mit  einem  Suge  männlichen  Ernstes,  Hrinz  Ludwig,
etwas  kleiner  von  Gestalt,  unbefangen,  mit  heiterem  Mute  dem  Leben
entgegenschauend.

Und  nun  trat  mit  ganzem  Ernste  das  Leben  an  sie  heran.  König
Friedrich  Wilhelm  II.  hielt  es  für  Ritterpflicht,  dem  durch  die  Revolution
je  länger  je  mehr  bedrängten  französischen  Königspaare  zu  helfen.  Eifrig
dazu  von  Esterreich  umworben,  erklärte  er  Frankreich  den  Krieg  und
brach  an  der  Spitze  eines  Heeres  von  45  000  Mann  auf.  Nicht  Frankreich
  niederzuwerfen  war  sein  Siel  —  dazu  war  das  Heer  ja  viel  zu
klein:  er  hatte  es  vielmehr  nur  auf  einen  raschen  Dorstoß  gegen  Haris
abgesellen,  um  dem  französischen  Könige  Luft  und  dem  —  wie  man  ihm
versicherte  —  rovalistisch  gesinnten  platten  Lande  Mut  zu  einer  Erbebung