8  Erstes  Kapitel.

Aber  auch  der  jungen  Prinzessin  Herz  hatte  sich  alsbald  dem  Kron—
prinzen  zugewandt,  dessen  ernster,  lauterer  Sinn  nicht  minder  wie  seine
männlich  schöne  Erscheinung  in  der  Tiefe  sie  fesselte.  So  wurden  es
beiden  Freudentage,  als  auf  die  angelegentliche  Einladung  des  Königs
die  Landgräfin  mit  ihren  lieblichen  Enkelinnen  ihren  Besuch  in  Frankfurt
wiederholte.  Und  als  der  Wiederbeginn  des  Feldzuges  herannahte,
wurde  am  24.  April  1795  bei  der  glücklichen  Großmutter  in  Darmstadt
fröhlich  die  Verlobung  des  Kronprinzen  mit  der  Herzogin  Cuise  gefeiert,
oder  vielmehr  die  Doppel-erlobung;  denn  schnell  hatten  sich  auch  die
Herzen  des  Prinzen  Ludwig  und  der  zu  vollem  Ciebreiz  erblühenden
Berzogin  Friederike  gefunden.

Der  Feldzug  begann.  Allein  so  lange  sich  das  Zauptquartier  des
Königs  noch  in  der  Nähe  befand,  kamen  unter  großmütterlichem  Schutze
wiederholt  von  Darmstadt  die  glücklichen  Bräute  herüber,  ihre  Verlobten
zu  besuchen.  Bei  einer  solchen  Gelegenheit,  im  Feldlager  bei  Bodenheim,
sah  Goethe  sie,  der  im  Gefolge  des  Berzogs  Karl  August  von  Weimar
den  Feldzug  mitmachte.  Sie  kamen  in  dem  Kriegsgetümmel  wie  „himm—
lische  Erscheinungen“  ihm  vor,  die  einen  unauslöschlichen  Eindruck  —  so
schreibt  er  unter  dem  29.  Mai  1705  in  seinem  Tagebuch  —  auch  auf
ihn,  den  gereiften  Mann,  machten.

Die  fürstlichen  Bräute  waren  Eöchter  des  Berzogs  Karl  von  Mecklenburg-Strelitz.
  Als  nachgeborener  Prinz  hatte  dieser  es  vorgezogen,  in
fremdländische  Dienste  zu  treten,  und  war  in  Kur-Rannover  bis  zum
General-Gouverneur  mit  dem  Range  und  Titel  eines  Feldmarschalls  aufgestiegen.
  In  Hannover  war  ihm,  der  in  glücklichster  Ehe  mit  der
Drinzessin  Friederike  von  Bessen-Darmstadt  vermählt  war,  am  10.  März
1776  die  Berzogin  Luise  geboren  worden.  Sie  war  des  Herzogs  sechstes
Kind;  allein  drei  von  den  älteren  Kindern  waren  den  Sltern  durch  den
Tod  wieder  entrissen  worden;  nur  die  Berzoginnen  Charlotte  und  Therese
waren  noch  am  Leben.  Wohl  folgten  in  den  nächsten  Jahren  noch
mehrere  Kinder,  allein  nur  die  Berzogin  Friederike  blieb  von  diesen  ihren
Eltern  erhalten.

Die  Einkünfte  des  Berzogs  waren  bescheiden  und  geboten  eine  weise
Sparsamkeit.  Auf  einen  Rofstaat  verzichtete  der  BHerzog  unschwer  in
seinem  schlichten  Sinne.  Don  einer  Hofetikette  war  bei  ihm  nicht  die
Rede.  Um  so  inniger  und  freier  war  der  Verkehr  der  heranwachsenden
Kinderschar  mit  den  fürstlichen  Eltern.  Auch  die  Hofdame  der  Herzogin,
Fräulein  von  Wolzogen,  fand  in  der  Srziehung  der  kleinen  Hrinzessinnen
ein  dankbareres  Feld  der  Thätigkeit  als  in  der  Repräsentation.  Es  war