10  Erstes  Kapitel.

vermocht.  Deutschlands  Herrlichkeit  zu  schauen  war  schon  in  jungen
Jahren  ihr  ein  Genuß,  ja  eine  innerliche  Erhebung.  Zum  Besuche  bei
ihrer  Tante,  der  Pfalzgräfin  von  Zweibrücken,  in  Straßburg  weilend,
bestieg  sie  die  Plattform  des  Straßburger  Münsters  und  schaute  mit  Ent—
zücken  das  gesegnete  Elsaß  zu  ihren  Füßen  ausgebreitet,  das  damals  noch
dem  Deutschen  Reiche  entfremdet  war.  Zätte  sie  doch  in  der  Sukunft
lesen  können!  Durchaus  wollte  sie  auch  noch  die  steilen  Stufen  bis  unter
das  Kreuz  des  Turmes  erklettern;  allein  die  Angst,  welche  Mlle.  Gelieux
über  diesen  Gedanken  sichtlich  empfand,  erregte  das  Mitgefühl  der  kühnen
Hrinzessin  und  brachte  von  dem  Wagnis  sie  ab.  Don  Straßburg  ging
die  Reise  dann  den  Rhein  hinab  bis  zu  den  Niederlanden,  eine  Fülle
anziehender  Bilder  darbietend,  die  mit  offenem  Sinn  und  Herz  die  junge
Fürstin  in  sich  aufnahm.

Die  Kaiserkrönungen,  zuerst  die  Leopolds  II.  am  1.  September  1700,
dann  die  Franz'  II.  am  1.  März  1702,  mit  ihren  prunkvollen  Festlichkeiten
  führten  die  jugendlich  schaulustigen  Hrinzessinnen  nach  Frankfurt.
Die  Landgräfin  war  seit  langen  Jahren  mit  Frau  Aja,  Goethes  Mutter,
befreundet,  die  ihr  stattliches  Baus  am  Hirschgraben  allein  bewohnte.
Bei  der  Frau  Rat  wurde  darum  auf  deren  dringende  Einladung  gern
Duartier  genommen.  Das  war  ein  fröhliches  Treiben  dort  in  dem  alten
Rause  während  der  festlichen  Tage.  Und  Frau  Aja  fand  ihre  Freude
darin,  den  munteren  Fürstenkindern  in  allem  ihren  Willen  zu  lassen.  Da
erzählte  sie  ihnen,  wenn  die  Dämmerung  kam,  wie  einst  ihrem  Wolfgang,
wundersame  Geschichten,  und  danach  finden  wir  sie  mit  den  jungen  Her—
zoginnen  in  der  Küche,  alle  eifrig  beschäftigt,  Sierkuchen  mit  Specksalat
zum  Abendessen  zu  bereiten.  Mlle.  Gelieux  war  wohl  nicht  immer  so
ganz  einverstanden:  aber  auch  dann  wußte  die  Frau  Rat,  die  bei  ihrem
weißen  Haar  ein  jugendlich  empfindendes  Berz  sich  bewahrt  hatte,  einen
Ausweg  zu  finden.  Auf  dem  Hofe  stand  eine  Dumpe.  Kaum  war  sie  entdeckt,
so  machte  sich  „Orinzeßchen“  Luise  daran,  von  der  Schwester  wacker  unterstützt,
  eifrig  zu  pumpen,  daß  das  Wasser  nur  so  in  rauschenden  Strömen
sich  ergoß.  Wenn  es  nur  Illademoiselle  nicht  hört!  Und  Frau  Rat
drehte  leise  den  Stubenschlüssel  um:  so  war  Mllle.  Gelieux  gefangen,  bis
die  Drinzessinnen  sich  müde  gepumpt  hatten.  Unvergessen  blieben  allen
Beteiligten  diese  heiteren  Krankfurter  Tage;  und  die  Freundschaft  mit  Frau
Rat  Goethe  hat  bestanden,  bis  der  Tod  sie  löste.

Als  Braut  finden  wir  die  Hrinzessin  Luise  in  KFrankfurt  wieder.
Aber  der  sonnig  strahlende  Kimmel  bräutlichen  Glückes  umzog  sich  ihr
bald  mit  düsterem  Gewölk:  der  Krieg  entführte  ihr  den  fürstlichen  Ver—