16  Sweites  Kapitel.

Treppe  hinabstürzte.  Die  traurige  Folge  war,  daß  sie  am  7.  Oktober
1794  von  einer  toten  Hrinzessin  entbunden  wurde.  Mit  bewunderungswürdiger
  Fassung  ertrug  sie  die  Dersagung  ihres  größten  Wunsches;  ihr
frommes  Herz  ergab  sich  ganz  in  den  Willen  Gottes.  Dabei  litt  sie  unbeschreiblich;
  aber  auch  in  den  größten  Schmerzen  bewies  sie  eine  Geduld
und  Stille  des  Gemütes,  wie  nur  eine  starke  Seele  sie  zu  zeigen  vermag.

Um  so  inniger  war  die  Freude  der  jugendlichen  2  Kutter,  als  nur
ein  Jahr  später  —  am  15.  Oktober  1705  —  ihr  ein  Sohn  geschenkt
wurde,  der  Drinz  Friedrich  Wilhelm,  seines  Mamens  später  auf  dem
Throne  der  Dierte.  Damit  erreichte  das  Glück  des  kronprinzlichen
Daares  die  schönste  Dollendung;  friedevoll  und  beiter  wurde  das  Leben
aller  um  es  her  von  seinem  Glücke  miterfüllt  und  für  jeden  wohlthuend,
der  ihm  nabe  trat.  Um  des  Kleinen  willen  verlangte  die  Kronprinzessin,
als  der  Frühling  kam,  hinaus  aufs  Land.  Wohl  hatte  der  König  ihr
vor  zwei  Jahren  zu  dem  ersten  Geburtstage,  den  sie  als  Kronprinzessin
beging,  das  Schloß  Granienburg  geschenkt;  aber  es  war  ihr  viel  zu
groß  und  prächtig,  als  daß  sie  rechtes  Gefallen  daran  gefunden  hätte.
Darum  kaufte  der  Kronprinz  aus  seinen  Ersparnissen  für  50000  Thaler
das  Gut  DHaretz,  15  Kilometer  von  Hotsdam  havelabwärts  gelegen.
Schloß  und  Hark  wurden  hergerichtet,  aber  in  der  schlichtesten  Weise.
Und  so  sehr  sagte  die  ländliche  Stille  und  Lebenseinfachheit  der  Kronprinzessin
  zu,  daß  sie  scherzend  zu  einer  fremden  Fürstin  meinte:  „Ich
gefalle  mir  ausnebmend  als  gnädige  Frau  von  Haretz."

Aber  nach  dem  heiteren  Sommer  barg  der  Winter  neue  Hrüfungen
in  seinem  Schoße.  VNach  einer  Krankheit  von  wenig  Tagen  starb  Hrinz
Ludwig  am  28.  Dezember  1706.  Das  Mitgefühl  mit  der  erst  18  jährigen
Witwe,  ihrer  Schwester,  mit  dem  verwaisten  kleinen  Hrinzen  Friedrich,
ergriff  die  Kronprinzessin  in  der  Tiefe.  Da  erkrankte  auch  der  Kronprinz
  lebensgefährlich;  er  konnte  nicht  sprechen,  kaum  atmen.  VNicht  einen
Augenblick  wich  die  Kronprinzessin  von  seinem  Bette;  und  ihrer  aufopfernden
  Oflege  zusammen  mit  der  kräftigen  Natur  des  Kronprinzen
wich  endlich  die  Krankheit;  am  6.  Januar  1707  traten  Anzeichen  der
Besserung  zu  Tage  und  drei  Tage  später  war  der  hohe  Kranke  außer
Gefahr.  Der  Tod  erwählte  sich  ein  anderes  Opfer:  wenige  Tage  später
starb  am  15.  Januar  die  Königin  Elisabeth  Christine,  die  greise  Witwe
Friedrichs  des  Großen.

Dies  alles  warf  seine  Schatten  über  den  Winter;  aber  der  Frühling
brachte  dem  kronprinzlichen  Daare  helle,  reine  Freude:  er  schenkte  in  dem
Prinzen  Wilhelm  ihm  seinen  zweiten  Sohn.