18  Sweites  Kapitel.

Bataillon  Garde  aus  dem  nahen  Potsdam,  die  sich  verkleidet  hatten
und,  als  man  den  Scherz  entdeckte,  bis  zum  späten  Abend  als  Gäste
dabehalten  wurden.

Aber  einen  Schatten  auf  diese  Fröhlichkeit  warfen  die  üblen  Nach—
richten,  die  über  das  Befinden  des  Königs  einliefen.  Ohne  Erfolg  hatte
er  im  Sommer  das  Bad  Pyrmont  besucht,  und  nun  im  Herbste,  wo  er
sich  in  das  Marmorpalais  bei  Potsdam  zurückgezogen,  ging  es  rasch  mit
ihm  abwärts.  Der  Kronprinz  verlegte  seinen  Hofhalt  wieder  nach  Berlin;
am  15.  Movember  sah  er  seinen  königlichen  Vater  zum  letztenmal.
Schon  am  folgenden  Tage  berief  der  Tod  des  Königs  ihn  selber  auf
den  preußischen  Königsthron.  Aus  seiner  Umgebung  begrüßte  ihn  jemand
als  König  Sriedrich  III.  „Nein“,  antwortete  der  junge  König  mit
charakteristischer  Bescheidenheit,  „Friedrich  Wilhelm  will  ich  heißen;  Friedrich
ist  mir  unerreichbar.“  So  bestieg  er  als  König  Friedrich  Wilhelm  III.
den  Thron  seiner  Väter.

Aber  auch  als  König  blieb  er,  soweit  es  die  Umstände  zuließen
Kronprinz.  Er  blieb  in  dem  Kleinen  Palais  wohnen,  in  dem  er  bisher
sich  so  glücklich  gefühlt;  er  erklärte  der  großen  Schuldenlast  gegenüber,
die  von  seinem  Vater  auf  ihn  überkommen  war,  daß  er  auch  als  König
von  den  bisherigen  Einkünften  des  Kronprinzen  leben  wollte.  Er  er—
widerte  der  Oberhofmeisterin,  die  auf  die  Motwendigkeit  strengerer  Stikette
  im  Derkehr  mit  der  Königin  bhinwies:  „LCiebe  Doß,  uns  Sceleute
lassen  Sie  nur  in  alter  guter  christlicher  Ordnung  einfach  Mann  und
Frau  sein.  Das  ist  eben  Berzenssache.  In  meinen  vier  Pfählen  will  ich
nicht  König,  sondern  glücklich  sein.“  Er  blieb  den  Kindern  derselbe  zärtliche
  Dater  wie  bisher.  Jeden  Abend  vor  dem  Schlafengeben  ging  er
mit  der  Königin  zu  den  Betten  der  schlafenden  Kinder,  betrachtete  sie
sinnend  und  küßte  leise  ein  jedes  auf  die  Stirn.  Er  ging  mit  der  Königin
Arm  in  Arm  auf  den  Weibnachtsmarkt,  um  die  Geschenke  für  seine
Kleinen  selbst  einzukaufen.  Das  war  die  Lebensluft,  in  welcher  der  kleine
Drinz  Wilhelm  heranwuchs,  aus  der  sein  frühestes  Empfinden  seine
Mahrung  zog.

Und  dieser  herzliche  und  natürliche  Ton  in  der  königlichen  Familie
übte  auch  auf  weitere  Kreise  der  Bevölkerung  seine  Wirkung.  Fürsten
sind  überhaupt  nur  allzu  sehr  geneigt,  die  Tragweite  ihres  Thuns  zu
unterschätzen.  Die  Dölker  wollen  nicht  nur  die  Regententugenden  ihres
Berrschers  verehren,  sondern  sich  auch  —  das  deutsche  voran  —  dem
Beispiele  beugen,  das  von  dem  Throne  ihnen  entgegenleuchtet;  und  diejenigen
  Berrscher  sind  immer  bei  ihrem  Dolke  die  beliebtesten  gewesen,