22  Zweites  Kapitel.

diese  Gebete  gingen,  zeigt  sie,  wenn  sie  ein  andermal  schreibt:  „Es  ist
mein  heißester,  mein  liebster  Wunsch,  meine  Kinder  zu  wohlwollenden
Menschenfreunden  zu  bilden;  auch  nähre  ich  die  frohe  Hoffnung,  diesen
Zweck  nicht  zu  verfehlen.“

Fünfjährig  trat  der  kleine  Prinz  Wilhelm  schon  in  die  Offentlichkeit
hinaus.  Die  Königin  Sophie  Charlotte  hatte  1701  zur  Erinnerung  an
die  Königskrönung  den  Bürgern  der  Köllnischen  Dorstadt  in  Berlin  eine
Fahne  geschenkt.  Als  diese  nun  im  Laufe  des  Jahrhunderts  vor  Alter
unscheinbar  geworden,  bat  die  Köllnische  Dorstadt  die  Königin  Luise  um
eine  neue  Fabne.  Gern  wurde  die  Bitte  gewährt  und  am  5.  April  1802
im  Saale  des  Köllnischen  Rathauses  die  neue  Fahne  den  Bürgern  übergeben:
  eine  Feierlichkeit,  bei  welcher  der  Kronprinz  den  ersten  und
Prinz  Wilhelm  den  zweiten  Nagel  einschlug.  Auch  an  dem  großen  Festmahle,
  welches  der  feierlichen  Magelung  folgte,  nahmen  die  beiden  jungen
Drinzen  teil.

Bei  den  großen  Hoffesten,  welche  zumal  der  Herzog  Karl  von  Tecklenburg,
  der  Bruder  der  Königin,  seit  1700  in  preußischen  Diensten,  mit
viel  Phantasie  und  Geschmack  zu  arrangieren  wußte,  finden  wir  nicht  erwähnt,
  daß  die  jungen  Hrinzen  zugegen  gewesen  wären.  Mur  einen
Kindermaskenball,  den  der  Bofmarschall  von  Massow  gab,  machten  sie
mit,  beide  in  Matrosenkostümen.  Und  Hrinz  Wilhelm  tanzte  gar  zierlich
ein  Menuett  mit  der  kleinen  Hrinzessin  Elisa  von  Radziwill.

Die  größte  Freude  indes  für  die  königlichen  Kinder  war  es,  wenn
es  Rinausging  nach  Haretz.  Freilich  erlaubte  der  hobe  Beruf  des  Königs
es  nur  selten  und  auf  wenige  Tage.  Aber  Haretz  war  eine  Stätte  des
Frohsinns  und  der  Ungebundenheit.  Die  königliche  Kamilie,  von  allem
Swange  entfernt,  genoß  dann  mit  heiterem  Herzen  so  ganz  das  Einfache
der  Matur.  Gern  mischte  die  Königin  sich  beim  Erntefest  in  die  fröh—-lichen
  Tänze  der  Burschen  und  Mädchen  des  Dorfes;  auch  Höckeritz,
obgleich  schon  über  die  Mitte  der  fünfzig  hinaus,  tanzte  mit,  und  sogar
die  Oberhofmeisterin  der  Königin,  die  jüngst  in  den  Grafenstand  erhobene
Frau  von  Doß,  wurde  von  der  allgemeinen  Fröhlichkeit  mitzutanzen  fortgerissen.


Von  Hotsdam  aus  unternahm  die  königliche  Familie  auch  nicht
selten  Ausflüge  nach  der  mit  blumenreichen  Rasenplätzen  und  breitschattenden
  Eichen  bestandenen  Hfaueninsel.  Sobald  der  König  das  Fährboot,
das  ihn  binübertrug,  betrat,  pflegte  er  den  eng  anschließenden  Uniformrock
  aufzuknöpfen  und  die  freier  atmende  Brust  zu  lüften:  so  frei  von
allem  beengenden  Swange  fühlte  er  sich  hier.  Während  er  in  seinem