Prüfungsjahre.  31

Daß  auf  diese  Wendung  des  Königs  die  Siegesnachricht  von  Tra—
falgar,  wo  Relson  am  21.  Oktober  die  französische  und  spanische  Flotte
vernichtet  hatte,  von  Einfluß  gewesen,  ist  unverkennbar.  Und  nun  erschien
im  rechten  Aloment  Kaiser  Alexander  von  Rußland,  begleitet  von  dem
Erzbherzoge  Anton,  des  österreichischen  Kaisers  Bruder,  in  Hotsdam,  um
durch  persönliche  Einwirkung  den  König  noch  einen  Schritt  weiter  zu
bringen,  daß  Hreußen  nicht  bloß  von  Frankreich  sich  abwenden,  sondern,
seine  neutrale  Stellung  aufgebend,  sich  wirklich  der  Koalition  der  großen
Mlächte  anschlösse.  Daher  versprach  Kaiser  Alexander,  auf  seine  polnischen
Dläne  völlig  Herzicht  leisten  zu  wollen;  denn  durch  diese  wurde  der  Besitzstand
  Dreußens  bedroht.  Damit  erst  war  den  Verhandlungen  freie  Bahn
gewährt.  Ihr  Ergebnis  war  denn  auch,  daß  König  Friedrich  Wilhelm
sich  zu  der  Erklärung  verstand:  Hreußen  werde,  wenn  Napoleon  die
Forderungen  des  preußischen  Ultimatums  nicht  innerhalb  vier  Wochen,
nachdem  sie  ihm  vorgelegt  wären,  annähme,  der  Koalition  beitreten  und
dann  sofort  mit  einer  Armee  von  180  0O00  Mann  gegen  Frankreich  ins
Feld  treten.  Damit  war,  wenn  auch  zunächst  nur  bedingt,  die  Teutralität
  aufgegeben.

Sum  Oberanführer  dieser  Armee  wurde  schon  in  Hotsdam  der
BHerzog  Karl  von  Braunschweig  bestimmt.  Sein  Gutachten  ging  dahin,
daß  bei  aller  Beschleunigung  der  Mobilmachung  doch  vor  dem  15.  Dezember
  die  Armee  nicht  im  stande  sein  würde,  ins  Feld  zu  rücken.  Demnach
  verständigten  sich  die  Fürsten  dahin,  daß  nicht  vor  dem  15.  ovember
das  preußische  Ultimatum  Napoleon  übergeben  werden  solle.  Als  Hreis
für  seinen  Anschluß  an  die  Koalition  wurde  Dreußen  in  den  Hotsdamer
Verhandlungen  Rannover  oder  Holland  zugesichert.

In  wenig  Tagen  war  die  Derständigung  geschehen:  am  5.  No—
vember  wurde  der  Hotsdamer  Dertrag  unterzeichnet.  Die  alte  Freundschaft
  zwischen  König  Friedrich  Wilhelm  und  Kaiser  Alexander  war
wiederhergestellt;  und  zum  Seichen,  daß  sie  nie  wieder  ins  Wanken  gebracht
  werden  solle,  stiegen  gegen  Mitternacht  die  beiden  Fürsten,  von
der  Königin  TLuise  begleitet,  in  die  Königsgruft  der  Garnisonkirche  hinab
und  reichten  sich  voller  Rührung  über  dem  Sarge  Friedrichs  des  Großen
die  Hand  und  gelobten  sich  unwandelbare  Treue.

Aus  dem  Hotsdamer  Dertrage  ergab  sich  für  die  verbündeten  Mächte
die  Derpflichtung,  so  lange  jede  Entscheidung  zu  vermeiden,  bis  auch
Dreußen  auf  dem  plane  stände.  Denn  dadurch  gewannen  sie  ohne
weiteres  Napoleon  gegenüber  das  erdrückende  Übergewicht.  Napoleon
umgekehrt  war  darauf  hingewiesen,  jedenfalls  vor  der  Dezembermitte  die