Drüfungsjahre.  37

offenbar  schlecht  unterrichtet,  hielt  Hardenberg  für  seinen  geheimen  Widersacher.
  Im  Moniteur  überhäufte  er  ihn  mit  Schmähungen  und  verlangte
vom  Könige  seine  Entlassung.  Sehr  ungern  gewährte  sie  dieser  im  April
1806.  Aber  von  Stund  an  waren  die  Rollen  gewechselt:  Rardenberg,
empört  über  die  Beschimpfung,  die  ihm  widerfahren,  wurde  fortan
Napoleons  unversöhnlicher  Gegner.  Don  seinem  Gute  Tempelberg
aus  unterhielt  er  mit  dem  Nönige  einen  geheimen  Briefwechsel,  um
ihn  Rußland  zu  nähern,  während  Haugwitz  jetzt,  durch  die  erträge
gebunden,  nicht  anders  als  im  Fahrwasser  französischer  Holitik  steuern
konnte.

Diese  Doppelregierung,  indem  Hreußen  bald  mehr  den  großen
Mächten,  bald  mehr  Frankreich  sich  zuzuneigen  schien,  gab  der  preußischen
Dolitik  etwas  Unsicheres  und  ließ  sie  bei  den  Mächten  als  unzuverlässig
erscheinen.  Aber  auch  die  eigenen  Unterthanen  empfanden  die  fortwährenden
  Schwankungen  in  der  Staatsleitung  und  verloren  das  GZutrauen
  zu  ihrer  Regierung.  In  seiner  öffentlichen  Geltung  war  der
preußische  Staat  nur  noch  eine  Macht  zweiten  Ranges:  er  war  von
seiner  Höhe  herabgestürzt,  ohne  daß  auch  nur  ein  Kanonenschuß  gefallen
war.  Und  das  zeigte  sich  sofort.

Dreußens  Wacht  beruhte  sehr  wesentlich  auf  seiner  Geltung  in
Deutschland.  Nun  verband  aber  Napoleon  den  Süden  und  Westen
Deutschlands  in  dem  Rheinbunde  mit  Frankreich.  Es  war  in  Wahrbeit
eine  Einverleibung  des  deutschen  Gebietes  in  Frankreich  —  denn  die
Fürsten  waren  in  allen  wichtigen  Fragen  ganz  ohne  eigenen  Willen  —
nur  daß  Napoleon  vorsichtig  die  schroffe  Form  einer  solchen  vermied.
Das  war  ein  rücksichtsloser  Eingriff  in  die  preußische  Machtsphäre:
konnte  Hreußen  sich  diese  Schmälerung  seines  Geltungsgebietes  gefallen
lassend  Swar  lud  NMapoleon  den  König  von  Hreußen  gleichzeitig  ein,
„die  Kaiserkrone  an  das  Haus  Brandenburg  zu  bringen“  und  „einen
Bund  der  norddeutschen  Staaten  zu  bilden,  welche  mehr  in  Hreußens
Wirkungskreise  lägen.“  Darauf  ging  Hreußen  ein:  es  entwarf  den  Hlan
zur  Gründung  eines  Nordischen  Bundes  und  ließ  sich  bereit  finden,  den
Rheinbund  unter  der  Bedingung  anzuerkennen,  daß  der  Nordische  Bund
von  Frankreich  nicht  gehindert  würde.

Aber  Hreußen  empfand  die  Stiftung  des  Rheinbundes  doch  als
eine  schwere  Schädigung  seiner  Stellung.  Mit  Entschiedenheit  wandte  es
sich  daher  jetzt  Rußland  zu,  das  bereitwilligst  ihm  entgegenkam  und  durch
den  Dertrag  vom  24.  Juli  1806  sich  verpflichtete,  alle  seine  Streitkräfte
für  die  Unverletztheit  und  Unabhängigkeit  Hreußens  einzusetzen.  Da-