Königsberg  und  Memel.  43

Unterdessen  war  der  König  in  Küstrin  eingetroffen.  Sobald  der
Kurier  mit  der  Meldung  bei  ihr  anlangte,  machte  sich  die  Königin  auf
der  Stelle  auf,  mit  dem  Könige  zusammenzutreffen.  Nur  von  einer  Hof—
dame  begleitet,  fuhr  sie  unter  dem  Schutze  des  Kammerherrn  von  Buch
in  einem  kleinen  offenen  Wagen,  um  schnell  vorwärts  zu  kommen,  ab.
In  Bärwalde  verlangte  Herr  von  Buch  von  dem  Amtmarin  für  die
Königin  frische  Pferde.  Man  wartete,  aber  sie  kamen  nicht,  bis  ein
Knecht  die  Nichtswürdigkeit  seines  Herrn  verriet,  der  die  Pferde  durch
das  hintere  Thor  selbst  auf  das  Feld  hinausgejagt  hatte.

Nur  wenige  Tage  war  dem  Königspaar  Rast  in  Küstrin  gegönnt.
Da  sah  man  denn  die  Königin,  in  einen  einfachen  Reisemantel  gehüllt,
gesenkten  Rauptes  neben  dem  Könige  in  tiefem  Gespräche  auf  dem  Walle
der  Festung  daherschreiten,  ohne  auf  das  zu  achten,  was  um  sie  her  vorging.
  Und  kaum  hatte  das  Königspaar  am  WMorgen  des  26.  Oktober
die  Festung  verlassen,  als  Graf  Ingersleben,  ihr  Kommandant,  sie  einem
kleinen  französischen  Streifcorps,  dem  die  Besatzung  um  mehr  als  das
Sehnfache  überlegen  war,  übergab.  Das  eben  vollendete  die  Niederlage
DHreußens,  daß  die  Festungskommandanten  ihre  festen  Hlätze  auslieferten,
sobald  nur  Franzosen  sich  zeigten.  Weder  die  SElb=  noch  die  Oderlinie
wurden  gehalten,  so  daß  die  Franzosen  den  Krieg  sogleich  bis  an  die
Weichsel  tragen  konnten.

Erst  Königsberg  schien  daher  der  flüchtenden  königlichen  Familie
Sicherheit  zu  bieten.  Am  9.  November  langten  hier  über  Danzig  die
königlichen  Kinder  an,  während  die  Königin  erst  am  0.  Dezember  und
folgenden  Tags  der  König  auf  dem  soviel  weiteren  Wege  über  Graudenz
und  Gsterode  eintrafen.  Ss  war  ein  Wiedersehen  voll  Freude,  aber
auch  voll  Schmerz,  als  hier  zum  erstenmal  seit  Berlin  die  königliche
Familie  sich  wieder  vereinigt  sah.  Aber  noch  war  der  Becher  des  Unheils
  bei  weitem  nicht  geleert.  Der  kleine  Hrinz  Karl,  am  Nervenfieber
erkrankt,  schwebte  in  Lebensgefahr.  Endlich  gelang  es  der  Kunst  des
berühmten  Arztes  Rufeland,  der  auf  die  Bitte  der  KRönigin  die  königlichen
  Kinder  auf  ihrer  Flucht  von  Berlin  begleitet  hatte,  den  Knaben
zu  retten.  Allein  kaum  schritt  Hrinz  Karl  der  Besserung  entgegen,  so
wurde  die  Königin  selber  vom  Typhus  ergriffen.  Die  Gewalt  der
Krankheit  steigerte  sich  schnell;  am  22.  Dezember  war  die  Gefahr  aufs
höchste  gestiegen.  Doll  Sorge  wachte  Zufeland  bei  ihr:  es  war  eine
schreckliche  Nacht;  ein  fürchterlicher  Sturm  wütete,  der  einen  Giebel  des
alten  Schlosses,  in  dem  die  Königin  lag,  hinabriß.  Indes  die  Krisis
war  bestanden:  langsam  wandte  sich  die  Krankheit  zur  Besserung.  Da