44  Viertes  Kapitel.

kam  plötzlich  die  Nachricht,  daß  die  Franzosen  auf  Königsberg  heran—
rückten.  War  es  möglich,  die  schwer  leidende  Königin  weiter  zu  schaffend
Allein  mutig  entschied  sie  selber:  „Ich  will  lieber  in  die  Hände  Gottes,
als  dieser  Menschen  fallen.“

So  wurde  denn  am  5.  Januar  1807  die  Königin  bei  beftigster
Kälte,  unter  Sturm  und  Schneegestöber  in  den  Wagen  getragen:  150  Kilo—
meter  weit  nach  Memel  im  fernsten  Norden  des  preußischen  Staates  ging
die  Flucht.  Drei  Tage  dauerte  die  Fahrt.  Die  erste  Nacht  verbrachte
die  Königin  in  einem  Bauernhause,  in  einer  niedrigen  Stube,  deren
Fenster  zerbrochen  waren,  so  daß  der  Schnee  auf  das  Bett  der  hohen
Kranken  geweht  wurde.  Aber  von  einem  tiefen  Gottvertrauen  getragen,
überwand  sie  alle  Mühsale.  Anstatt  sich  zu  verschlimmern,  wie  man
mit  allem  Grunde  gefürchtet  hatte,  besserte  sich  ihr  Zustand  zusehends.
Das  Haff  war  erreicht.  Die  Kinder  und  das  Gefolge  wurden  in  Böten
nach  Memel  übergesetzt;  die  Königin  mußte  am  Rande  des  Haffs  oft  über
Eisschollen  und  durch  Spritzwellen  im  Wagen  dorthin  fahren.  Da  brach
um  Mittag  die  Sonne  durch  das  düstere  Gewölk  und  beleuchtete  mit
mildem  Glanze  die  nahe  Stadt,  die  der  hohen  Dulderin  endlich  Ruhe
verbieß.  «

UnddennochwarsiemiteinemfreundlichenEindruck«-vonKönigSberg
  geschieden.  Zwar  das  Weihnachtsfest  war  nicht,  wie  sonst.  Denn
die  königliche  Mutter  lag  schwerkrank  danieder,  und  der  König  wollte
„keine  Christbescherung,  weder  für  die  Kinder  noch  sonst  für  jemand“.
Allein  die  gute  Gräfin  Voß  hatte  trotz  ihrer  80  Jahre  es  sich  nicht
nehmen  lassen,  am  Weihnachtsabend  den  königlichen  Kindern  Geschenke
aufzubauen;  und  so  herrschte  denn  Lachen  und  Fröhlichkeit  unter  der
Kinderschar  zur  Freude  der  Königin,  deren  Krankenlager  auf  ihren
Wunsch  in  dem  daneben  liegenden  Zimmer  aufgeschlagen  war.

Und  noch  einmal  gab  es  am  Neujahrsmorgen  eine  große  Freude.
Prinz  Wilhelm,  jetzt  bald  10  Jahre  alt,  brachte  mit  den  Geschwistern
den  Eltern  seine  Glückwünsche  dar,  als  der  König  sich  an  ihn  wandte:
„Wilhelm,  da  an  deinem  zehnten  Geburtstage  vielleicht  keine  Gelegenheit
  sein  wird,  dich  ordentlich  einzukleiden,  weil  ihr  nach  Memel  müßt,
so  ernenne  ich  dich  heute  schon  zum  Offizier  und  habe  dir  auch  eine
Interims-Uniform  anfertigen  lassen.“  Der  junge  Offizier  war  glückselig
darüber,  daß  er  nun  dem  preußischen  Heere  angehörte,  und  legte  sofort
die  Uniform  an:  einen  blauen  Rock,  auf  den  der  silberne  Stern  des
Schwarzen-Adler-Ordens  gestickt  war;  der  rote  Kragen  war  umgeschlagen.
Dazu  kam  der  Degen,  der  Stock  in  der  Hand  und  der  Hut  mit  einem