48  Viertes  Kapitel.

ihre  goldene  Toilette  gab  sie  her,  um  Goldstücke  daraus  zu  prägen.  Die
Tafel  wurde  auf  das  einfachste  eingerichtet:  in  manchem  Bürgerhause
wurde  besser  gespeist,  als  an  der  königlichen.  Tafel  in  Memel.  Zu  einem
neuen  Kleide,  dessen  die  Prinzessin  Charlotte  bedurfte,  gab  der  König
5  Thaler:  mehr  hatte  er  nicht.

Das  waren  Eindrücke,  die  sich  tief  in  das  Herz  des  zehnjährigen
Prinzen  Wilhelm  eingruben  und  die  Memeler  Zeit  ihm  unvergeßlich
machten.  Der  stille  Schmerz  des  Vaters,  die  Thränen  der  Mutter
beschlossen  für  ihn  der  Kindheit  sorgenlose  Jahre.  Zu  Weihnachten  1807
ernannte  ihn  der  König  zum  Sekondeleutnant  der  Garde,  und  als
solcher  rückte  er,  als  die  königliche  Familie  am  16.  Januar  1808  nach
Königsberg  zurückkehrte,  mit  der  jetzt  von  Memel  dorthin  verlegten  Gardekompanie
  in  die  Stadt  ein.

Auf  das  einfachste  gestaltete  sich  auch  in  Königsberg  das  Leben  der
königlichen  Familie.  Bei  Haraden  that  Drinz  Wilhelm  wohl  seinen  Dienst
als  Leutnant  in  der  Front.  Aber  sonst  ging  der  Unterricht  ruhig  seinen
Gang.  Im  Sommer  bezog  auf  den  Huben  vor  dem  Steindammer  Thor
die  königliche  Familie  ein  wenig  geräumiges  Landhaus  in  dem  ZBufoltschen
Garten,  wo  früher  öfters  der  Staatsrat  von  Hippel  gewohnt  hatte.  Rier
—  „uisenwahl“  heißt  noch  heute  der  bescheidene  Landsitz  —  konnte  man
die  Königin  oft  durch  die  Felder  wandeln  sehen,  während  die  königlichen
Kinder  um  sie  herum  spielten  und  aus  Feldblumen  ihr  Kränze  wanden.
Ein  armes  Mädchen  bot  ihr  einst,  ohne  sie  zu  kennen,  einen  Strauß
blauer  Kornblumen  zum  Kaufe  an.  ZReich  beschenkt  entließ  sie  das
Mlädchen  und  zeigte  den  Kindern,  wie  man  aus  Kornblumen  ohne  Faden
einen  Kranz  flechten  könne.  Das  war  ein  Jubel,  als  sie  den  fertigen
Kranz  der  Prinzessin  TCharlotte  aufs  Haupt  setzte!  Nun  waren  die  Kornblumen
  aller  Lieblingsblumen.  Auch  die  Königin  trug  einst,  als  zwei
französische  Generale  zur  Tafel  geladen  wurden,  als  einzigen  Schmuck
vor  der  Brust  und  im  Raar  blaue  Kornblumen,  und  antwortete  den
Franzosen,  die  sich  eine  Bemerkung  darüber  zu  machen  erdreisteten,  mit
ruhiger  Würde:  „Seit  Ihre  Hferde  unsere  Kornfelder  zertreten  haben,
gehören  auch  wilde  Kornblumen  zu  den  Kostbarkeiten  in  Dreußen.“  So
wurden  die  blauen  Blumen  als  eine  Erinnerung  an  die  Wutter  dem
jungen  Hrinzen  Wilhelm  lieb.

Überhaupt  wurde  diese  Königsberger  Seit  gerade  für  die  Erziehung
der  heranwachsenden  Hrinzen  bedeutungsvoll.  Die  königlichen  Eltern
konnten  jetzt  freier  und  regelmäßiger  als  früher  mit  ihren  Kindern  verkehren;
  denn  die  jetzt  geübte  Sparsamkeit  machte  Gäste  an  des  Königs