Königsberg  und  Memel.  49

Tafel  selten.  Abends  versammelte  sich  die  Familie  in  der  Regel  um  den
Theetisch.  Mit  wachsendem  Verständnis  folgten  der  Kronprinz  und  Prinz
Wilhelm  den  gründlichen  Belehrungen  des  Vaters,  hörten  der  Mutter
hochherzige  Worte.  Und  waren  einmal  Gäste  da,  so  wurden  in  Gegenwart
  der  Hrinzen  die  Jdeen  zur  Teugestaltung  des  preußischen  Staates,
zur  Dorbereitung  der  Befreiung  des  aterlandes  entwickelt  und  besprochen
und  tausend  fruchtbare  Keime  in  die  jungen  Seelen  gesenkt.  Und  wie
erhebend  wirkten  auch  auf  sie  die  Abordnungen  aus  allen  Kreisen,  die
fort  und  fort  in  Königsberg  eintrafen,  die  Liebe  des  Dolkes  zu  seinem
Könige  bezeugend.  Denn  gerade  diese  Jahre  des  Unglücks  waren  es,
in  denen  der  redliche  König  seinem  Dolke  so  recht  ans  Berz  wuchs.

Su  den  häufigeren  Gästen  des  Königspaares  gehörte  der  Kriegsrat
Scheffner,  der  noch  unter  Friedrich  dem  Großen  mitgekämpft  hatte.  Mit
rückbaltsloser  Offenheit  war  er  gewohnt  allezeit  sich  auszusprechen.  Und
gerade  das  gewann  ihm  die  Meigung  des  Königs  wie  der  Hönigin,  die
gern  seine  Ansicht  Börten,  mochte  es  sich  um  die  schwierige  Wahl  eines
Oberhofmeisters  für  die  Hrinzen,  um  die  höfische  Seitverschwendung,  um
den  Schaden  vorschneller  Gutmütigkeits-Außerungen  oder  was  es  sonst
war,  handeln.  .  .

·AuchderpredigerBorowskY,einfrommer,aberzugleichorigineller
Mann,  war  ein  gern  gesehener  Gast,  der  den  König  mit  ernsteindringendem
Zuspruch  aufzurichten  sich  bemühte.  Aus  der  Weltgeschichte  bewies  er
dem  Könige,  daß  die  göttliche  Weltregierung  gebesserte  Völker  noch  immer
wieder  erhöhet  habe.  Darum  kündigte  er  mit  heiterer  Zuversicht  auch
Dreußen  eine  glücklichere  Seit  an.  Als  der  König  nach  dem  Wie  und
Wann  fragte,  wurde  Borowsky  eifrig;  es  ergriff  ihn  gleichsam  eine
fromme  zärtliche  Besorgnis,  er  faßte  die  Hand  des  Königs  und  die
andere  Hand  ihm  auf  die  Schulter  legend,  sagte  er  mit  dem  Ernste  eines
Propheten:  „Sie  müssen  glauben  lernen.  Dem  Menschen  geschieht,  wie
er  glaubt.“  Das  war  eine  ernste  Freimütigkeit,  die  dem  Könige  den
glaubensstarken  Mann  erst  recht  wert  machte.

Und  in  Wahrheit  hatte  schon  der  König  die  entscheidenden  Schritte
eingeleitet;  denn  der  unglückliche  Ausgang  des  Krieges  hatte  die  Not—
wendigkeit  der  Teugestaltung  der  Verhältnisse  des  Staates  ihm  klargelegt.
  Und  zu  diesem  großen  Werke,  das  den  preußischen  Staat  gewissermaßen
  neu  schaffen  sollte,  hatte  er  sich  auf  den  Rat  Hardenbergs
entschlossen,  den  Reichsfreiherrn  vom  Stein,  den  er  doch  infolge  eines
Mißverständnisses  am  5.  Januar  1807  ungnädig  aus  dem  preußischen

Dienste  entlassen  hatte,  von  neuem  zu  berufen.  Im  Namen  des  Königs
Kaiser  Wilhelm.  4