54  Viertes  Kapitel.

ihre  Einwirkung  zu  empfinden.  Die  Zeitgenossen  wollten  an  ihm  im
Unterschiede  von  dem  lebhaften  Kronprinzen  einen  ernsten,  fast  nachdenklichen
  Sug  bemerken,  als  wenn  der  strenge  Ernst  der  Zeit  auch  über  ihn
seine  Schatten  würfe.

Der  Fürstentag  in  Erfurt  zeigte  der  Welt  den  Kaiser  Mapoleon  auf
dem  Gipfel  seines  Glanzes  und  seiner  Macht.  Auch  der  Kaiser  Alexander
war  dort  erschienen,  dem  Gewaltigen  zu  huldigen  und  von  ihm  freie
Band  gegen  die  Türkei  zu  erhalten.  Ein  zahlreiches  Gefolge  von  Königen
und  Fürsten  umgab  die  beiden  Kaiser.  HKönig  Friedrich  Wilhelm  indes
lehnte  die  Einladung,  dorthin  zu  kommen,  ab;  er  begnügte  sich,  den
Grafen  Golz  zu  senden,  um  die  beiden  Kaiser  zu  begrüßen.

Am  18.  September  war  Kaiser  Alexander  auf  der  Hinreise  durch
Königsberg  gekommen;  am  20.  Oktober  war  er  auf  der  Rückreise  wieder
dort  und  verweilte  mehrere  Tage  als  Gast  des  preußischen  Königspaares.
Das  begrenzte  Entgegenkommen  Kapoleons,  der  sich  nicht  entschließen
konnte,  Konstantinopel  den  Russen  zu  überlassen,  hatte  eine  leise  Derstimmung
  bei  ihm  hinterlassen.  Um  so  liebenswürdiger  begegnete  er  der
preußischen  Königsfamilie.  Tilsit  war  ganz  vergessen.  Am  25.  Oktober
fand  vor  dem  russischen  Kaiser  eine  Parade  statt;  auch  Prinz  Wilhelm
that  bei  dieser  als  jüngster  Leutnant  der  Armee  Dienst  und  nahm  auch
an  dem  großen  Militär-Diner  teil,  das  auf  die  Harade  folgte:  am  Abend
beschließt  ein  glänzender  Ball  im  „Deutschen  Rause“  die  Festlichkeiten.
Drinz  Wilbelm  führt  auf  diesem  in  der  Holonaise  die  greise,  ihm  so  sehr
zugethane  Oberhofmeisterin  Gräfin  Doß.

Auf  das  dringendste  lud  Kaiser  Alexander,  als  er  Abschied  nahm,
das  preußische  Königspaar  nach  St.  Detersburg  ein  und  überhäufte  sie
dort,  als  sie  der  Einladung  folgten,  mit  den  Beweisen  einer  aufmerksamen
und  glänzenden  Gastfreundschaft.  Große  Anstrengungen  mutete  mitten
im  nordischen  Winter  die  weite  Fahrt  zumal  der  Königin  zu;  aber  sie
trug  sich  mit  der  Roffnung,  durch  ihren  persönlichen  Sinfluß  auf  den
Kaiser  Oreußen  nützen  zu  können;  nicht  daß  sie  jemals  in  Staatsgeschäfte
sich  mischte,  aber  sie  sah  in  der  Befestigung  der  freundschaftlichen  Bezielungen
  zu  dem  Kaiser  die  zuverlässige  Gewähr  für  freundliche  Zeziehungen
  auch  der  Staaten.  Mit  dem  Gemüte  war  sie  an  allem,  was
sie  that,  beteiligt.  Sie  hoffte,  weil  sie  wünschte;  und  daß  immer  wieder
die  Erfüllung  ausblieb,  quälte  und  folterte  sie  im  innersten  Herzen.

Da  erhob  sich  Csterreich  gegen  die  napoleonische  Gewaltherrschaft.
Bei  Aspern  warf  der  Erzherzog  Karl  die  französische  Armee  zurück.  Der
Mimbus  der  Unbesiegbarkeit  Napoleons  war  zerstört.  Ein  Umschwung