56  Viertes  Kapitel.

Bedenken:  so  wurde  die  Entscheidung  der  Frage  denn  bis  auf  eine
spätere  Zeit  verlegt.

Den  damals  erst  zwölfjährigen  Prinzen  Wilhelm  berührte  dies
nicht.  In  seinen  Lebenskreis  trat  vielmehr  damals  der  Magister  Zeller,
der,  ein  Jünger  Pestalozzis,  von  Württemberg  nach  Königsberg  berufen
war,  um  den  Volksgeist  durch  Neubelebung  und  Besserung  des  Dolksschulwesens
  Ostpreußens  im  Sinne  Pestalozzis  zu  wecken  und  zu  heben.
Als  Regierungsrat  und  Schulinspektor  angestellt,  hat  er  dem  Auftrage
mit  großem  Erfolge  entsprochen  und  namentlich  das  Königsberger  Waisenhaus
  in  eine  Müuster-Erziehungsanstalt  umgeschaffen.  Das  gemütliche,
urwüchsige  Wesen  des  schwäbischen  Dädagogen  sprach  den  jungen  Hrinzen
außerordentlich  an:  „Dater  Seller“  war  im  königlichen  Schlosse  ein  gern
gesehener  Gast,  mit  dem  der  junge  Hrinz  auf  dem  Fuße  des  traulichen
Du  verkehrte;  wie  denn  dieser  auch  häufig  in  dem  Waisenhause  in  freundlichem
  Verkehre  mit  den  Lehrern  desselben  zu  finden  war.  Noch  ist  der
Brief  vorhanden  —  die  älteste  Schrift,  die  wir  von  dem  Hrinzen  Wilhelm
besitzen  —  den  er  nach  dem  Abschiede  von  Königsberg  an  Zeller  richtet.
„Lieber  Dater  Seller!“  schreibt  er.  „Wie  befindest  Du  Dich  d  Ich  danke
Dir  sehr  für  das  Gute,  das  Du  mir  erwiesen  hast  und  was  ich  bei  Dir
gehört  Rabe.  Ich  werde  mich  bemühen,  Alles  dieses  zu  befolgen.  Behalte
  mich  in  Deinem  lieben  Andenken  und  grüße  die  Berren  Griebe,
Funk,  Kolbe  und  das  ganze  Institut.  Adieu,  lieber  Dater!  vergiß  nicht
Deinen  Sohn  Willi.  Berlin,  den  28.  Dezember  1809.“

Mehr  als  alles  zeigt  dieser  Brief,  wie  schlicht  in  Wesen  und  Empfinden
  Drinz  Wilhelm  war.  So  hat  ihn  auch  damals  die  Königin
Luise  in  einem  Briefe  an  ihren  Hater,  der  nunmehr  regierender  Berzog
von  Mecklenburg-Strelitz  war,  gezeichnet.  Treffend  schreibt  sie:  „Unser
Sohn  Wilhelm  wird,  wenn  mich  nicht  Alles  trügt,  wie  sein  Dater:  einfach,
  bieder  und  verständig.  Auch  in  seinem  Außeren  hat  er  die  meiste
Ahnlichkeit  mit  ihm.“

Die  Fenster  der  Wohnung,  die  Hrinz  Wilbelm  im  Königsberger
Schlosse  innehatte,  gingen  auf  den  Schloßhof,  auf  welchem  Tag  für
Tag  die  Bataillone  der  Garnison  nach  dem  neuen  Reglement  einexerziert
wurden.  Der  Rönig  wie  die  Generale  leiteten  oder  beaufsichtigten  die
Übungen,  welche  hier  die  neu  formierten  und  nach  den  neuen  Grundsätzen
  geschulten  Truppen  vornahmen.  So  lernte,  am  Fenster  stehend,
der  junge  Drinz  —  wie  er  selbst  erzählt  hat  —  den  kleinen  Dienst  bis
in  alle  Einzelheiten,  aber  auch  die  damals  so  genannten  Brigade-Aufstellungen,
  bei  denen  alles  geprobt  und  durchgeübt  wurde,  was  die