Fünftes  Kapitel.
In  großen  Tagen.

Königsberg  war  die  schmerzvolle  Vergangenheit,  Berlin  erschien  der
Königin  Cuise  wie  die  lichte  Zukunft.  „Ginge  es  doch  nach  Berlin!“
schrieb  sie  an  ihre  Schwester  Friederike.  „Dahin,  dahin  möcht'  ich  jetzt
ziehn!“  Allein  die  tiefgreifenden  Arbeiten  für  die  Neugestaltung  des
Staates  hielten  den  König  in  Königsberg  fest.  Napoleon  jedoch  fand
Grund  zum  Argwohn  darin,  daß  der  König,  obgleich  die  Franzosen
schon  1808  Berlin  verlassen  hatten,  doch  noch  immer  seiner  Hauptstadt
fern  bliebe.  Dem  zu  begegnen,  entschloß  sich  daher  König  Friedrich
Wilhelm  im  Dezember  1809,  seine  Residenz  wieder  nach  Berlin  zu
verlegen.

Die  würdige  Art,  in  welcher  der  König  das  Unglück  des  Staates
als  sein  eigenes  fühlte  und  ertrug,  und  die  Bescheidenheit,  mit  welcher
er  seinen  bewährten  Beratern  folgte,  hatte  gerade  in  den  schwersten
Zeiten  die  Volksbeliebtheit  des  Preußenkönigs  fest  begründet.  So  ge—
staltete  sich  die  lange  Reise  des  Königspaares  zu  einem  wahren  Triumphzuge.
  Von  weither  eilten  die  Bewohner  von  Dörfern  und  Städten
herbei,  um  das  geliebte  Herrscherpaar  zu  sehen  und  zu  begrüßen.  VNach
sechs  Tagen  war  Stargard  erreicht.  Hier  empfing  es,  von  Stettin
herbeieilend,  die  Hrinzessin  Elisabeth,  die  erste  Gemahlin  König  Friedrich
Wilhelms  II.  Und  an  der  Spitze  einer  Abordnung  der  Bürger  Kolbergs
erschien  der  greise  Nettelbeck,  um  im  Namen  der  so  mannhaft  verteidigten
  Gstsee-Kestung  seinem  Könige  seine  Ruldigung  darzubringen;
und  was  er  sprach,  war  so  recht  aus  dem  Herzen  aller  Hreußen  gesprochen:
  „Für  Euer  Majestät  aufzutreten,  dazu  lebt  der  freudige  Mut
in  uns  und  unsern  KRindern,  und  verflucht  sei,  wer  seinem  Könige  und
Daterlande  nicht  treu  ist!“.

Die  letzte  Macht  der  Zeise  verweilte  die  königliche  Familie  in  dem
Schlosse  zu  Freienwalde,  empfangen  von  den  Abgeordneten  der  kur-