60  Fünftes  Kapitel.

hinter  demselben  marschierte  das  Regiment  Garde,  an  dessen  Spitze  neben
den  übrigen  Offizieren  Hrinz  Wilhelm  mit  dem  Kronprinzen  und  dem
Drinzen  Friedrich.

Von  einer  unabsehbaren  Menge  freudig  bewegter  Wenschen  begleitet,
erreichte  der  königliche  Sug  Berlin.  Am  Bernauer  (Meues  Königs-)  Thor
empfing  ihn  mit  Glück  verbeißender  Ansprache  der  Oberbürgermeister
Gerlach:  101  Kanonenschuß  erdröhnte  und  unter  Glockengeläute  und  den
brausenden  Hoch=  und  Jubelrufen  der  dicht  gescharten  Dolksmenge  durch
das  Spalier  der  Bürgergarde  und  der  Gewerke  ging  der  Sug  durch  die
Stadt  nach  dem  königlichen  Palais.  Das  ganze  königliche  Raus  war
auf  der  Rampe  des  Schlosses  versammelt,  die  Wiedergewonnenen  zu  begrüßen;
  aber  als  die  Königin,  vor  innerer  Bewegung  keines  Wortes
mächtig,  die  Dorhalle  betrat,  da  sank  sie  in  die  Arme  ihres  greisen
Daters,  der  von  Strelitz  herbeigeeilt  war,  die  lange  entbehrte  Tochter
wiederzusehen.

Am  Abend  war  eine  Festvorstellung  im  GOpernhause  veranstaltet.
Man  bat  den  Rönig,  sie  zu  besuchen.  „Nicht  so!l“  erwiderte  er  ernst.
„Wein  erster  Gang  in  Berlin  wird  in  die  Kirche  sein.  Gott  die  Ehre
und  den  Dankl“  Und  am  andern  Morgen  fand  in  Gegenwart  der
ganzen  königlichen  Familie  der  Dankgottesdienst  im  Dome  statt.  Alles
war  voll  Glück  und  Freude,  das  geliebte  Königspaar  endlich  wieder
zu  haben.

Für  die  Befestigung  und  Kräftigung  der  patriotischen  Stimmung  in
Berlin  war  die  Rückkehr  des  Königs  sehr  bedeutungsvoll.  Tiicht  selten
hatte  man  zumal  in  den  höheren  Kreisen  Berlins  noch  Außerungen  hoffnungsloser
  Verzagtheit  gehört.  zetzt  wurde  mehr  und  mehr  die  Stimmung,
  welche  Hreußen,  Dommern  und  Schlesien  zu  durchwogen  begonnen
hatte,  auch  in  Berlin  die  herrschende.  Denn  Berlin,  allzu  sehr  in  Lokalinteressen
  befangen,  war  damals  weit  davon  entfernt,  die  tonangebende
Landeshauptstadt,  eine  Richtschnur  für  die  sehr  eigenartig  entwickelten
Drovinzen  zu  sein.  Da  lud  der  König  auf  den  18.  Januar  1810  alle
diejenigen  zu  sich,  denen  er  seine  Anerkennung  für  ihr  Verhalten  während
der  vergangenen  traurigen  Jahre  ausdrücken  wollte.  Er  hatte  zu  dem
Swecke  den  Orden  des  Roten  Adlers,  den  1705  der  Erbprinz  Georg
Wilhelm  von  Bapreuthk  gestiftet  hatte,  als  preußischen  Orden,  da  Zapyreuth
  1791  mit  Hreußen  vereinigt  worden  war,  erneuert.  Im  Weißen
Saale  des  Schlosses  vollzog  sich  die  seier.  Das  Königspaar,  umgeben
von  allen  Prinzen  und  Hrinzessinnen,  stand  unter  dem  Thronhimmel,  ihm
gegenüber  in  langen  Beihen  diejenigen,  welche  der  König  durch  die