62  Diertes.  Kapitel.

gesunde  und  kräftige  Religiosität  die  Herzen,  als  ein  freies,  Gott  suchendes
  und  an  Gott  sich  hingebendes  Vertrauen  sich  darstellend.

Das  war  die  Gesinnung,  die  mit  dem  preußischen  Volke  auch  den
preußischen  König  erfüllte.  Und  auch  in  Stunden  des  Kleinmuts,  wie
sie  ihm  wohl  kamen,  hatte  stets  die  herrliche  Königin  durch  ihren  mutigen
Suspruch  ihn  immer  wieder  aufzurichten  perstanden.  Und  jetzt  nun,  wo
das  Morgenrot  einer  besseren  Seit  leise  zu  tagen  begann,  sollte  sie  von
seiner  Seite  genommen  werden.  Mit  allem  Glanze  —  denn  er  galt  als
das  größte  Fest  in  der  königlichen  Familie  —  war  ihr  Geburtstag  nun
wieder  in  Berlin  gefeiert  worden.  Und  als  es  Frühling  wurde,  zog  es
sie  mit  Macht,  die  Stätten  ihres  früheren  Glückes  wieder  zu  besuchen.
Am  20.  Mai  fuhr  sie,  ganz  allein  mit  dem  Könige,  nach  Haretz.  Gar
nicht  trennen  konnte  sie  sich,  als  der  Abend  kam,  von  ihrem  CLieblingsplatze
  vor  der  Rohrhütte  auf  der  Anhöhe  im  Hark.  Das  Auge  schweifte
in  weiter  Fernsicht  über  den  mit  schwellenden  Segeln  und  zahllosen
Schwänen  belebten  Zavelstrom  und  drüber  hinaus  über  die  im  frischen
Maiengrün  prangenden  Wiesen  und  AÄcker.  Su  den  Füßen  lag  das
friedsame  Dorf,  im  Grün  der  Bäume  halb  versteckt  die  Kirche.  Die
Sonne  neigte  sich,  länger  dehnten  sich  die  Schatten  über  die  Landschaft
und  mahnten  zum  Aufbruch.  Aber  die  Rönigin  blieb,  bis  dunkelrot  die
Sonne  ganz  hinabgesunken  war;  dann  stand  sie  auf  und  sprach  leise
vor  sich  hin:

„Die  Sonne  eines  Tages  geht  dahin:
Wer  weiß,
Wie  bald  die  Sonne  unsres  Lobens  scheidet.“

Und  nicht  mehr  wich  die  Ahnung  von  ihr,  daß  ihres  Weilens  nicht  lange
mehr  auf  Erden  sei.

Kür  den  Sommer  hatte  die  Königin  dem  greisen  Hater  ihren  Besuch
zugesagt.  Am  25.  Juni  reiste  sie  nach  Strelitz  ab;  aber  als  sie  die
Landesgrenze  erreichte,  überkam  sie  eine  tiefe  Traurigkeit.  Einen  Augenblick
  ward  sie  von  der  Empfindung  überwältigt,  daß  sie  in  ihr  geliebtes
Hreußenland  nicht  mehr  zurückkehren  würde.  Und  wirklich,  schon  wenige
Tage  nach  ihrer  Ankunft  in  Mecklenburg  befiel  sie  in  dem  Schlosse
Bohen-ZSieritz  eine  Lungenentzündung,  die  ihr  Leben  in  die  höchste  Gefahr
brachte.  Brustkrämpfe  gesellten  am  16.  Juli  sich  dazu;  und  traurig  entwich
  die  Roffnung  von  dem  Sterbelager  der  königlichen  Dulderin.

Durch  eine  Stafette  von  Charlottenburg  herbeigerufen,  traf  der
König  in  der  Morgenfrühe  des  10.  Juli  in  Hohen-Sieritz  ein.  „Wein
lieber  Freund,  wie  freue  ich  mich,  dich  zu  seben!“  begrüßte  die  Schwer-