64  Fünftes  Kapitel.

Einzugstage,  auch  die  Leiche  der  Königin  gebracht.  Rauchs  Meisterhand
schuf  der  Entschlafenen  hier  ein  ergreifendes  Denkmal;  aber  ein  noch
schöneres  hatte  doch  ihr  Sdelsinn  und  ihre  anmutsvolle  Hoheit  in  den
Herzen  ihres  Volkes  ihr  gesetzt,  das  in  Cuisen  fortan  den  Schutzengel
Preußens  sah  und  verehrte.

Das  eben  war  das  ergreifend  Tragische  in  dem  Schicksale  der
Königin  Luise,  daß  sie  das  Unglück  ihres  geliebten  preußischen  Vater—
landes  in  tiefster  Seele  mitgelitten  hatte,  aber  den  Tag  der  ruhmreichen
Abrechnung  und  Vergeltung  nicht  miterleben  sollte.  Denn  noch  mehr
als  zwei  Jahre  vergingen,  bis  er  in  hellem  Glanze  für  Preußen  an—
brach.  So  schwer  indessen  diese  Jahre  des  Wartens  auch  für  den  un—
geduldigen  Hatrioten  waren,  so  waren  sie  doch  anderseits  für  die  Durchführung
  der  Neugestaltung  des  preußischen  Staates  von  der  höchsten  Bedeutung.
  Jetzt  erließ  Hardenberg,  seit  dem  29.  Oktober  1810  Staatskanzler,
  das  „Edikt  über  die  Finanzen  des  Staates“,  durch  welches  alle
Einwohner  der  Monarchie  gleichmäßig  nach  ihrem  Dermögen  zu  den
Steuern  herangezogen  wurden.  Sugleich  wurde  volle  Gewerbefreiheit
ausgesprochen  und  der  freie  Bauernstand  in  Hreußen  begründet;  wenigstens
  stieg  in  dieser  Seit  die  Sahl  der  Bauern,  die  frei  auf  freiem  Erbe
saßen,  auf  das  zehnfache  des  bisherigen  Bestandes.  Endlich  richtete
Rardenberg  nach  RZücksprache  mit  Stein  die  „interimistische  Rational=  oder
Candesrepräsentation“  ein,  die  unter  dem  Mamen  der  Generalkommission
den  ersten  Anfang  einer  aus  freien  Wahlen  hervorgehenden  Dolksvertretung
  in  Hreußen  darstellte.  Sein  Siel  war  die  Sammlung  und  Anspannung
  aller  Kräfte  für  den  künftigen  Befreiungskampf  gegen  Frankreich.

Mit  raschem  Herständnisse  erfaßte  der  Kronprinz,  zu  dessen  Lehrer
an  Delbrücks  Stelle  Ancillon,  der  Hrediger  der  französischen  Kirche  in
Berlin,  ernannt  war,  diese  Momente  der  inneren  Fortentwickelung  des
Staates.  Drinz  Wilhelm  dagegen  war  entschieden,  Soldat  zu  werden.
Das  theoretische  wie  praktische  Studium  der  Kriegswissenschaften  stand
fortan  im  Mittelpunkt  seines  Interesses  und  seiner  Bestrebungen.  Wechselnd
  weilte  er  in  Berlin  und  in  Hotsdam.  Denn  wenn  auch  das  Garde-Infanterieregiment,
  zu  dem  er  gehörte,  nachdem  das  in  Rönigsberg  neu
gebildete  „leichte“  (Füselier-)  Bataillon  herangezogen  war,  in  seine  alte
Garnison  Hotsdam  abmarschiert  war,  so  stand  doch  je  eins  der  Bataillone
wechselnd  in  Berlin.  Hrinz  Wilhelm  aber  führte  zunächst  den  zweiten
Sug  des  leichten  Bataillons.  Den  Unterricht  in  den  militärischen  Wissenschaften
  ihm  und  dem  Hrinzen  Friedrich  zu  erteilen,  wurde  der  Kadettenoffizier
  von  ZReiche  beauftragt.