In  großen  Tagen.  69

stellten  die  Rheinbundfürsten,  auch  Kaiser  Franz,  sich  ein;  aber  ein  Fürst
erschien  nicht,  dem  Franzosenkaiser  die  Huldigung  versagend:  König
Friedrich  Wilhelm.  Da  lud  ihn  denn  Napoleon  ein,  nach  Dresden  zu
kommen,  weil  er  doch  selbst  ihn  in  Berlin  nicht  würde  aufsuchen  können.
Dem  konnte  der  König  sich  nicht  entziehen.

Endlich  traf  die  Antwort  Rußlands  ein:  von  allem  Nachgeben  war
es  sehr  weit  entfernt.  Unverzüglich  verließ  jetzt  Napoleon  mit  seinem
ganzen  RKauptquartier  Dresden  und  befahl  den  Einmarsch  seiner  Truppen
in  Rußland.  Hier  und  dort  unterwegs  hielt  er  Heerschau.  Stets  riefen
die  Corps  begeistert  ihr  „vive  empereurl“#  ihm  zu.  Nur  ein  Corps
blieb  stumm,  als  er  musternd  die  Reihen  hinabritt.  Es  war  das  preußische
Rilfscorps;  in  dem  verbündeten  sah  es  seinen  Feind!  Das  war  die
Stimmung,  die  das  ganze  Preußenheer  und  Hreußenvolk  beherrschte.

Das  gewaltigste  Beer,  das  Europa  je  gesehen,  führte  Mapoleon
gegen  Rußland.  Im  Juni  überschritt  es  den  Niemen,  den  russischen
Grenzfluß.  Dann  war  es  wie  hinter  einem  dichten  Vorhange  für  Europaverschwunden.
  Monatelang  hörte  man  nichts  von  ihm.  Da  kam  über
Dänemark  nach  Berlin  die  Kunde,  die  große  französische  Armee  wäre
geschlagen  und  auf  dem  Rückzuge  aus  Rußland.  Mächtig  ergriff  sie  die
Kreise  der  Hatrioten:  jetzt  Ratte,  das  fühlten  alle,  die  Stunde  der  Befreiung
  geschlagen.  Und  damn  kamen  auch  schon  allerorten  die  jammervollen
  Trümmer  der  „großen“  Armee  über  die  preußische  Grenze  —  die
meisten  nur,  um  sich  in  Freundesland  binzulegen  und  zu  sterben.  Und
alle  Herzen  durchglühte  bei  diesem  Anblick  der  Gedanke,  daß  jetzt  oder
nie  die  Seit  gekommen,  die  französischen  Ketten  zu  zerbrechen.

Die  ganze  Situation  für  Hreußen  war  geändert.  Die  ganze  Seit
über  hatte  König  Friedrich  Wilhelm  die  Anknüpfung  näherer  Beziehungen
mit  Esterreich  im  Auge  behalten.  Ja  am  29.  Oktober  hatte  er,  obgleich
Osterreich  nicht  über  unbestimmte  Freundschaftsbetenerungen  hinausging,
dem  Kaiser  Franz  erklärt,  daß  er  bereit  sei,  sich  von  Frankreich  loszusagen,
wenn  Gsterreich  sich  mit  Hreußen  verbünden  wolle.  Kaiser  Franz  antwortete
  nur  mit  einer  Warnung  vor  voreiligen  Schritten.  Allein  den
König  und  seine  Ratgeber  beherrschte  seit  dem  Untergange  der  franzäsischen
Armee  durchaus  der  Gedanke,  daß  Hreußen  und  Esterreich  jetzt  als  bewaffnete
  Vermittler  auftreten,  von  Napoleon  einen  billigen  Frieden  fordern
und,  falls  er  ihn  ablelme,  sich  auf  die  Seite  Rußlands  stellen  sollten.

AUapoleon  selbst  drängte  Hreußen  zur  Entscheidung.  Flüchtig  aus
Rußland  zurückkehrend,  richtete  er  ein  dreistes  Schreiben  an  König  Friedrich
Wilhelm,  in  welchem  er,  ohne  die  geringste  Gegenleistung  zu  bieten,  die