70  Fünftes  Kapitel.

Erhöhung  des  preußischen  Kontingents  um  10000  Mann  forderte.  Am
zweiten  Weihnachtstage  fand  daher  unter  dem  Vorsitze  des  Königs  ein
Ministerrat  darüber  statt,  was  Preußen  nunmehr  zu  thun  habe.  Der
Beschluß  war,  daß  Hreußen  wenn  es  sein  müßte,  selbst  ohne  GEsterreich
die  bewaffnete  Dermittelung  zwischen  Rußland  und  Frankreich  übernehmen,
wenn  aber  Napoleon  diese  ablehne,  auf  die  Seite  Rußlands  treten  würde.
Allein  über  diesen  Beschluß  wurde  das  strengste  Geheimnis  bewahrt.
Denn  solange  die  Franzosen  noch  Rerren  im  Lande  waren,  bedurfte  es
aller  Behutsamkeit,  um  deren  VDerdacht  und  gewaltthätige  Gegenmaßregeln
zu  vermeiden.  Immerhin  bot  gerade  das  Schreiben  Tapoleons  den  erwünschten
  Dorwand,  mit  den  Rüstungen  sofort  zu  beginnen.  Die  Beurlaubten
  wurden  einberufen  und  alsbald  mit  der  Formierung  von  52
Reserve-Bataillonen  begonnen.  Da  traf  eine  NWachricht  ein,  die  mit  einem
Schlage  alle  Dorsicht  über  den  Haufen  zu  werfen  schien.

In  der  Führung  des  preußischen  Kontingents  war,  wie  Scharnhorst
es  erwartet  hatte,  bald  an  des  erkrankten  Grawert  Stelle  General  Vork
getreten,  und  unter  ihm  hatten  die  Soldaten  in  den  Gefechten  bei  Ruhentbal
  und  Bauske  die  alte  preußische  Tüchtigkeit  bewährt.  Der  Weg  zur
Belagerung  von  Riga  war  dadurch  geebnet.  Bevor  es  indes  zu  einer
Beschießung  der  feindlichen  Stadt  kam,  erbielt  Mlacdonald  von  Mapoleon
den  Befehl,  sich  zurückzuziehen,  und  befolgte  diesen  mit  seinen  französischen
Regimentern  in  so  eilfertigen  Märschen,  daß  die  Derpflegung  der  ihm
folgenden  preußischen  Truppen  dadurch  auf  das  äußerste  erschwert  wurde.
Mit  Recht  war  Vork  ergrimmt  über  die  Franzosen,  die  ihn  mit  seinen
Dreußen  aufgaben,  während  die  Russen  in  ihn  drangen,  auf  ihre  Seite
zu  treten.  Denn  bei  dem  Sustande  des  französischen  wie  des  russischen
Beeres  kam  sehr  viel  darauf  an,  auf  welche  Seite  Nork  trat:  mit  seinen
noch  14000  kampfbereiten  Hreußen  war  er  stark  genug,  entweder  den
Russen  den  Eintritt  in  Dreußen  zu  verwehren  oder  die  Franzosen  über
die  Weichsel  zu  werfen.  Was  sollte  Uork  in  dieser  Lage  thund  Er
sandte  seinen  Adjutanten,  den  Major  von  Seddlitz,  nach  Berlin  und  bat
den  König,  die  Anträge  Rußlands  ihm  darlegend,  um  Derhaltungsmaßregeln.
  Die  Antwort  des  Königs  war:  „Nach  den  Umständen  handeln,
aber  nicht  über  die  Schnur  hauen!“  Aber  zur  Erläuterung  fügte  der
König  hinzu,  daß  Unterhandlungen  mit  Esterreich  stattfänden  und  daß  er
entschlossen  wäre,  das  von  Napoleon  so  vielfach  verletzte  Bündnis  aufzuheben,
sobald  sich  die  andern  politischen  Derhältnisse  nur  erst  aufgeklärt  hätten.

Bevor  indessen  noch  Serdlitz  zu  ihm  zurückgelangt  war,  hatte  Vork
sich  entschieden:  in  der  Mühle  von  Hoscherun  bei  Tauroggen  unterzeich-