72  Fünftes  Kapitel.

Division  Grenier  rückte  in  Berlin  ein,  und  es  wurde  sogar  der  Versuch
gemacht,  sie  in  Hotsdam,  der  Residenz  des  Königs,  gegen  die  ausdrückliche
  Zestimmung  des  Februar-Dertrages  vom  Jahre  1812  einzuquartieren.
Kein  Sweifel,  daß  etwas  gegen  den  König  oder  die  königliche  Familie
im  Werke  war.  Der  König  ließ  daher  die  Hotsdamer  Garnison  mit
scharfen  Hatronen  versehen  und  gab  dem  in  Berlin  stehenden  TLeibregiment
  den  Befehl,  nach  Hotsdam  zu  marschieren.  Das  wirkte:  Die  Franzosen
  wagten  nichts  zu  unternehmen.  Aber  doch  drang  man  von  allen
Seiten  in  den  König,  Berlin,  wo  er  nicht  Herr  seiner  Entschlüsse  zu  sein
schien,  zu  verlassen  und  sich  nach  Zreslau  zu  begeben.  Und  er  entschloß
sich  dazu.  Am  20.  Januar  fand  noch  die  Einsegnung  des  Kronprinzen
in  Dotsdam  statt;  am  22.  erfolgte  dann  die  Abreise  des  Königs  nach
Breslau,  dem  am  24.  die  königliche  Familie  dorthin  folgte.

Die  Einsegnung  des  Kronprinzen  war  eine  weihevolle  Feier,  in
welcher  man  deutlich  das  Wehen  der  neuen  Seit  verspüren  mochte.
JZedermann  verstand,  was  der  Kronprinz  meinte,  als  er  in  seinem  Glaubensbekenntnisse
  mit  erbobener  Stimme  sprach:  „Ich  glaube  an  den,  der
zum  Übermute  spricht:  Bis  hierher  und  nicht  weiter!  Bier  sollen  sich
legen  deine  stolzen  Wellen.  Ich  glaube  an  den  Alllgerechten,  der  den
Frommen  das  Cicht  läßt  aufgehen  in  der  Finsternis  und  Freude  den  redlichen
  Berzen:  Das  Mlrgenrot  eines  besseren  Tages  bricht  an.“

Wie  ein  Hrophet  mit  beredtem  Worte  kündigte  der  fürstliche  Jüngling
  ihn  an.  Und  wirklich,  sobald  der  König  in  Breslau  sich  von  dem
Swange  der  vergangenen  Tage  frei  fühlte,  erfolgten  jetzt  die  wichtigsten
Entschließungen.  Das  Entscheidende  war,  daß  jetzt  König  Friedrich  Wilhelm
  die  Rücksicht  auf  Gsterreich  fallen  ließ  und  für  sich  den  Abschluß
eines  Bündnisses  mit  Rußland  ins  Auge  faßte.  Aber  noch  während
darüber  verhandelt  wurde,  erhielten  Scharnhorst  und  Kardenberg  den
Auftrag,  die  Streitkräfte  Preußens  so  schnell  wie  möglich  zu  vermehren.
Mun  bewährte  sich  Scharnhorsts  Doraussicht  ausgiebig.  Die  Hreußen
von  Napoleon  aufgelegte  Konvention  vom  8.  September  1808  beschränkte
Dreußen  auf  eine  Armee  von  42  000  Mann.  In  Hirklichkeit  konnte
auch  der  preußische  Staat  bei  der  drückenden  Dürftigkeit  seiner  Finanzen
kaum  eine  viel  größere  Truppenzahl  halten.  Den  nachteiligen  Folgen
hiervon  wußte  Scharnhorst  indes  zu  begegnen.  Was  von  den  Truppen
bei  der  Fahne  notdürftig  ausgebildet  war,  wurde,  während  neue  Rekruten
eintraten,  entlassen,  jedoch  durch  fortgesetzte  Ubungen  in  militärisch-brauchbarem
  Sustande  erhalten.  Swar  hätte  es  zu  große  losten  verursacht,
diese  Entlassenen  zu  regelmäßigen  Ubungen  in  die  Garnisonen  zu  berufen;