In  großen  Tagen.  73

es  mußte  daher  genügen,  daß  Offiziere  und  Unteroffiziere  in  die  Dörfer
gesandt  wurden,  um  sonntäglich  dort,  wenn  der  Gottesdienst  vorüber
war,  die  militärischen  Ubungen  fortzusetzen.  Krümper  nannte  man  diese
nur  notdürftig  ausgebildeten  Soldaten.  Sie  bildeten  somit  hinter  dem
stellenden  Heere  eine  Reserve,  jeden  Augenblick  bereit,  in  dasselbe  einzutreten.
  Jetzt  waren  noch  vor  dem  Ende  des  Januar  die  Krümper  wie
die  neu  ausgehobenen  Rekruten  auf  ihren  Sammelplätzen  versammelt.
An  vielen  Orten  holte  man  mit  Musik  sie  ein  und  geleitete  in  festlichem
Suge  sie  weiter.  Noch  war  es  nicht  ausgesprochen,  aber  jeder  fühlte
es  doch  mit  frohem  Berzen,  wem  die  Rüstung  galt.  In  heller  Flamme
brach  die  Begeisterung  des  preußischen  Dolkes  aus;  was  bisher  als  ingrimmiger
  Welschenhaß  erschienen  war,  offenbarte  sich  jetzt  in  diesen
großen  Tagen  als  helle  Kampfesfreudigkeit,  als  Opfermut  ohne  gleichen.
Die  „Bekanntmachung  in  betreff  der  zu  errichtenden  Jägerdetachements“,
welche  der  Jugend  der  gebildeten  und  wohlhabenden  Stände  den  Militärdienst
  in  einer  ihrer  Erziehung  angemessenen  Form  darbot,  hatte  den
großartigsten  Erfolg.  Aus  Berlin  allein  meldeten  sich  in  drei  Tagen
9000  junge  Männer  zum  freiwilligen  Eintritt.  Als  der  lange  Wagenzug

  gar  nicht  enden  wollte  —  der  Nönig  stand  am  Fenster  des  Breslauer
  Schlosses  —  da  rannen  ihm  die  hellen  Thränen  über  die  Wangen.

Und  allerorten  war  die  Dolksbegeisterung  nicht  geringer;  sie  zu  steigern
war  nicht  möglich,  aber  sie  setzte  sich  fort  durch  alle  Schichten  der  Bevölkerung,
  bis  in  die  entlegensten  Dörfer.  Die  Universitäten  lösten  sich
auf,  da  die  Studenten  zu  den  Waffen  eilten.  Die  oberen  Klassen  der
Gymnasien  wurden  leer.  Kaufleute  und  KRünstler,  Randwerker  und
Bauern  strömten  herbei.  Dielfach  mußten  die  Behörden  ihre  Thätigkeit
einstellen,  weil  die  Beamten  zu  den  Waffen  drängten:  Dorf  und  Stadt
regierten  dieweil  sich  selber.  Wer  nicht  selbst  mehr  die  Waffen  führen
konnte,  half  mit  freiwilligen  Gaben  zur  Ausrüstung  eines  andern.  Beamte
verzichteten  auf  ihre  Besoldung,  Arbeiter  auf  ihren  Lohn.  Mehr  als
150  000  goldene  TCrauringe  wurden  für  eiserne  eingetauscht.  Freiwillig
lieferten  die  Bauern  ihre  letzten  Pferde  ab  und  spannten  sich  dann  selbst
vor  den  Oflug.  Und  das  war  eben  das  Große  in  diesen  großen  Tagen,
daß  es  wie  eine  religiöse  Weihe  durch  die  Gemüter  ging;  von  jenem
unheimlichen  Fanatismus,  wie  er  in  den  Revolutionszeiten  die  Franzosen
unter  die  Waffen  getrieben,  war  keine  Spur.  Aus  der  Hredigt  und  vom
Tische  des  Herrn  weg  zogen  die  Freiwilligen  in  den  „heiligen“  Krieg.
Dazu  brachten  die  Seitungen  fast  täglich  patriotische  Aufsätze  und  Gedichte,
  in  denen  sich  die  Erhebung  der  Seit  aussprach.  Flugblätter  er-