74  Fünftes  Kapitel.

schienen  ohne  Sahl,  wie  einst  in  den  Seiten  der  Reformation.  Dolksweisen
  erklangen  wieder  in  hellem  Sang,  und  manchem  Dichter  gelang
es,  das  glücklich  auszudrücken,  was  die  Herzen  aller  erfüllte.

Allerorten  fing  die  Bevölkerung  an,  ohne  die  Anordnungen  der  Re—
gierung  abzuwarten,  aus  eigenem  Antriebe  nach  dem  Beispiele  Ostpreußens
militärisch  sich  zu  organisieren.  Regel  brachte  erst  die  Verordnung  des
Königs  über  die  Errichtung  der  Landwehr  in  die  Bewegung.  Und  diese
Landwehr  stand  schon  nach  wenigen  Monaten  —  dank  dem  guten  Geiste,
der  sie  erfüllte  —  an  militärischer  Kaltung  in  der  Schlacht  durchaus
nicht  hinter  den  Truppen  der  Linie  zurück.  271  000  Mann  stellte  das
kleine,  nur  4½  Millionen  Einwohner  zählende  ODreußen  —  von  dem  im
April  errichteten  Landsturm  abgesehen  —  unter  die  Fahnen:  die  größte
kriegerische  Leistung,  von  welcher  die  Geschichte  der  gesitteten  Tationen
zu  berichten  weißl

Und  mitten  hinein  in  diese  hochwogende  Bewegung  war  Orinz
Wilhelm  gestellt.  Er  sah,  mit  welcher  Sreude  der  Abschluß  des  Bündnisses
  zwischen  Dreußen  und  Rußland,  mit  welcher  tiefen  Befriedigung
im  Dolke  die  Kriegserklärung  Dreußens  an  Frankreich  aufgenommen
wurde.  Mit  dem  Könige  und  dem  Kronprinzen  ritt  er  dem  Kaiser  von
Rußland,  als  dieser  nach  Breslau  kam,  zur  Begrüßung  entgegen.  Er
las  die  Aufrufe,  die  sein  königlicher  Dater,  zu  der  Begeisterung  seines
Dolkes  Dertrauen  fassend,  an  sein  Dolk  und  an  sein  Heer  richtete:  und
er  fühlte  sie  auch  an  sich  gerichtet!  War  es  nicht  selbstverständlich,  daß
auch  er  hinauszöge  in  den  heiligen  Krieg,  den  König  begleitend)  Der
Unterricht  zudem  hatte  schon  aufgehört;  denn  Hauptmann  von  Reiche
hatte  die  Erlaubnis  erhalten,  ein  königliches  Freicorps  zu  errichten.  Allein
der  König  entschied  anders;  die  Gesundheit  des  erst  sechzebnjährigen
Orinzen  war  noch  immer  zu  sehr  achtsamer  Schonung  bedürftig,  als  daß
sie  den  Strapazen  eines  Feldzuges  hätte  ausgesetzt  werden  dürfen.  Der
Kronprinz  und  Hrinz  Friedrich  zogen  mit  hinaus  ins  Feld;  Hrinz  Wilhelm
  aber  mußte  zurückbleiben  und  unter  der  Leitung  des  Majors  von
Minutoli  mit  seinem  jüngeren  Bruder,  dem  Orinzen  Karl,  sich  wieder
seinen  militärischen  Studien  widmen.  Das  war  ein  herber  Schmerz  für
ihn;  mit  stiller  Kassung  ergab  er  sich  darein.  Aber  mit  der  Energie,  die
in  allen  ernsten  Dingen  ihm  eigen  war,  trieb  er  jetzt  körperliche  Ubungen,
um  seinen  Körper  zu  stählen  und  abzuhärten;  so  hoffte  er  bald  den  vorsorglichen
  Widerstand  des  Vaters  zu  überwinden.

Langwierig  wider  Verhoffen  ließ  sich  ja  der  Kampf  an.  Der  Früh-=jahrsfeldzug
  der  Dreußen  und  Russen  hatte  nicht  den  Erfolg,  den  der