Sechstes  Kapitel.
Vom  Jüngling  zum  Mann.

Fast  ebenso  lange  wie  die  Königskrone  hatten  die  Hohenzollern  in
der  Schweiz  das  Fürstentum  Neuenburg  (Teufchatel)  besessen,  bis  es  durch
den  Schönbrunner  Vertrag  ihnen  verloren  gegangen  war.  In  Condon
ward  nun  eine  Übereinkunft  getroffen,  daß  es  dem  Könige  von  Preußen
ohne  weiteres  jetzt  freistehen  sollte,  es  wieder  in  seinen  Besitz  zu  nehmen.
Sobald  daher  der  König  von  London  nach  Haris  zurückgekehrt  war,  beschloß
  er,  in  die  Schweiz  zu  reisen,  um  die  Verhältnisse  Neuenburgs  selbst
zu  ordnen.  Er  reiste  inkognito  unter  dem  Namen  eines  Grafen  von
Ruppin.  Der  Prinz  Wilhelm  begleitete  ihn,  während  der  Kronprinz  und
Prinz  Friedrich  über  Brüssel  und  Amsterdam  nach  Berlin  zurückkehrten.

Mit  Freuden  empfingen  die  Neuenburger,  ein  biederes,  auf  seine
alten  Freiheiten  eifersüchtiges  Volk,  ihren  angestammten  Herrscher,  den
die  Herzlichkeit,  die  ihm  entgegengetragen  wurde,  sichtlich  bewegte.  Auch
die  Jugend  war  am  Eintritte  in  die  Stadt  Neuenburg  zur  Begrüßung
aufgestellt.  Zwei  junge  Mädchen  schmückten  den  Wagen  des  Königs
mit  Blumengewinden.  Der  Monarch  fragte  sie,  wer  sie  wären.  An
ihrer  Stelle  antwortete,  auf  die  ganze  Schar  hinweisend,  ein  Bürger  der
Stadt:  „Sire,  das  sind  unsere  Kinder,  die,  so  Gott  will,  die  Schuld  der
Dankbarkeit  ihrer  Eltern  abtragen  sollen!“  Wenn  es  nur  geschehen  wäre!

In  feierlicher  Sitzung  in  dem  Staatsrate  des  Ländchens  empfangen,
verlieh  der  König  Neuenburg  eine  neue  Verfassung,  die,  schon  in  London
entworfen,  das  Derhältnis  Teuenburgs  zur  Schweizer  Eidgenossenschaft
regelte  und  die  alten  Gerechtsame  des  Landes  bestätigte.

Ticht  weit  von  Meuenburg  liegt  das  kleine  Städtchen  Colombier.
Rier  verlebte  bei  ihrem  Bruder,  einem  Geistlichen,  Mademeiselle  Gelieux,
die  Erzieherin  der  Königin  TLuise,  ihren  Lebensabend.  Durch  seinen  Besuch
  zusammen  mit  dem  Hrinzen  Wilhelm  überraschte  und  beglückte  sie
der  König:  lange  verweilten  sie  in  Erinnerungen  an  die  frühverklärte