88  Sechstes  Kapitel.

Das  höbere  Alter,  in  dem  sich  Prinz  Wilhelm  befand,  und  die
Gereiftheit  seines  Wesens  befähigten  ihn,  mit  eigenem  Urteil  aufzunehmen,
  was  Ehrenberg  ihm  bot,  und  über  die  besonderen  Pflichten
seines  Standes  und  seiner  Stellung  sich  klar  zu  werden.  Sein  Glaubensbekenntnis,
  von  ihm  selbst  entworfen  und  ausgeführt,  zeigt,  wie  genau
er  die  Oflichten,  nicht  die  Rechte,  zu  erfassen  bemüht  ist  —  und  das
ist  charakteristisch  für  seine  ganze  Lebensanschauung  bis  in  das  höchste
Alter  binein.

In  der  Schloßkapelle  in  TCharlottenburg  fand  am  8.  Juni  1815  die
Konfirmation  des  Hrinzen  Wilhelm  statt.  Der  König  und  die  ganze
königliche  Familie  wohnten  der  feierlichen  Handlung  bei.  Mit  klarer
Stimme  las  der  Hrinz  sein  Bekenntnis  wie  seine  Lebensgrundsätze:  „Ich
erkenne  es  mit  dankbarem  Herzen  für  eine  große  Wohlthat,  daß  mich
Gott  in  einem  hohen  Stande  hat  lassen  geboren  werden,  weil  ich  in  demselben
  mehr  Mittel,  meinen  Geist  und  mein  Berz  zu  bilden,  ein  reiches
Dermögen,  außer  mir  Gutes  zu  stiften,  besitze.  Ich  freue  mich  dieses
Standes  —  nicht  um  der  Auszeichnung  willen,  die  er  mir  unter  den
Menschen  verleiht,  auch  nicht  um  der  Genüsse  willen,  die  sich  mir  in
demselben  darbieten,  sondern  um  deswillen,  daß  ich  in  demselben  mehr
leisten  und  wirken  kann.  Ich  freue  mich  meines  Standes  in  Demut  und
bin  weit  entfernt,  zu  glauben,  Gott  habe  mir  hier  einen  Dorzug  vor
andern  geben  wollen,  auch  weit  entfernt,  mich  meines  höhern  Standes
wegen  für  besser  zu  halten.  Mein  fürstlicher  Stand  soll  mich  immer  an
die  größeren  Derpflichtungen,  die  er  mir  auflegt,  an  die  größeren  Anstrengungen,
  die  er  von  mir  fordert,  und  an  die  größeren  Dersuchungen,
mit  denen  ich  zu  kämpfen  habe,  erinnern.  Ich  will  nie  vergessen,  daß
der  Fürst  doch  auch  Mensch  —  vor  Gott  nur  Mensch  ist,  und  mit  dem
Geringsten  im  Volke  die  Abkunft,  die  Schwachheit  der  menschlichen  Ratur
und  aller  Bedürfnisse  derselben  gemein  hat,  daß  die  Gesetze,  welche  für
andere  gelten,  auch  ihm  vorgeschrieben  sind,  und  daß  er,  wie  die  andern,
einst  über  sein  Derhalten  wird  gerichtet  werden.

Mir  soll  alles  heilig  sein,  was  dem  Menschen  heilig  sein  muß.

Ich  will  dem  Glauben  der  Christen,  für  den  ich  mich  in  diesen
Tagen  bekenne,  immer  getren  bleiben,  ihn  jederzeit  in  Ehren  halten  und
mein  Berz  immer  mehr  für  ihn  zu  erwärmen  suchen.

Dem  höchsten  Wesen  bin  ich  die  tiefste  Shrfurcht  schuldig.  Ich  will
sie  in  meinem  Herzen  bewahren,  in  meinen  Worten  und  Werken  blicken
lassen.  Mein  Fürstenstand  soll  mich  nicht  verbindern,  demütig  zu  sein  vor
meinem  Gott.