90  Sechstes  Kapitel.

Ich  will  mich  meiner  fürstlichen  Würde  gegen  niemand  überheben,
niemand  durch  mein  fürstliches  Ansehen  drücken,  und  wo  ich  von  andern
etwas  fordern  muß,  mich  dabei  herablassen  und  freundlich  zeigen  und
ihnen  die  Erfüllung  ihrer  Pflicht,  soviel  ich  kann,  zu  erleichtern  suchen.

überhaupt  will  ich  mich  bemühen,  durch  Gefälligkeit,  Dienstfertigkeit
und  Freundlichkeit  alle  Herzen  zu  gewinnen.  Ich  achte  es  viel  höher,  geliebt
zu  sein,  als  gefürchtet  zu  werden  oder  bloß  ein  fürstliches  Ansehen  zu  haben.

Mie  will  ich  mich  an  denen  rächen,  die  mich  beleidigen,  sondern
ihnen  von  Herzen  vergeben;  auch  nie  meinen  Einfluß  benutzen,  jemand
zu  schaden.

Doch  will  ich,  meiner  Pflicht  gemäß,  alles  aufbieten,  daß  das  Werk
der  Heuchelei  und  Bosheit  zerstört,  das  Schlechte  und  Schändliche  der
Verachtung  preisgegeben  und  das  Verbrechen  zur  verdienten  Strafe  gezogen
  werde;  davon  darf  mich  kein  Mitleiden  zurückhalten.  Aber  ich
will  wohl  zusehen,  daß  ich  nicht  den  Unschuldigen  verurteile,  es  soll  mir
vielmehr  ein  teures  Geschäft  sein,  die  Unschuld  zu  verteidigen.

Zeder,  der  in  meine  Nähe  kommt,  soll  von  mir  Gutes  empfangen
jedem  will  ich  das  Erfreuliche  erweisen,  was  ich  ihm  zu  erweisen  im
stande  bin.

Ich  will  das  Verdienst  aufmuntern  und  belohnen  —  und  besonders
das  bescheidene  und  verborgene  an  das  Cicht  ziehen.

Gegen  die  Bedürftigen  will  ich  wohlthätig  sein  in  dem  reichen
Maße,  worin  mir  Gott  gewährt  hat;  ich  will  mich  darin  von  keinem,
der  weniger  besitzt,  übertreffen  lassen.

Den  Unglücklichen,  die  meinen  Beistand  suchen,  oder  von  denen  ich
sonst  erfahre,  vornehmlich  Witwen,  Waisen,  Bejahrten,  Männern,  die
dem  Staate  treu  gedient,  und  ihren  in  Armut  Zurückgelassenen,  will  ich
Helfer  und  Fürsprecher  sein,  wie  ich  es  vermag.

Nie  will  ich  des  Guten  vergessen,  das  mir  von  Menschen  ist  erwiesen
  worden.  Mein  ganzes  Leben  sollen  mir  die  wert  bleiben,  die  sich
um  mich  verdient  gemacht  haben.

Kür  den  König,  meinen  Vater,  hege  ich  eine  ehrfurchtsvolle  und
zärtliche  Liebe.  Ihm  zur  Freude  zu  leben,  will  ich  mich  auf  das  angelegentlichste
  bemühen.  Seinen  Befehlen  leiste  ich  den  pünktlichsten  Geborsam.
  Den  Gesetzen  und  der  Derfassung  des  Staates  unterwerfe  ich
mich  in  allen  Stücken.

Die  Tugenden  der  Königin,  meiner  vollendeten  Müutter,  sollen  mir
unvergeßlich  sein,  und  das  Andenken  der  Derklärten  soll  bei  mir  stets  in
einem  gerührten  und  dankbaren  Herzen  wohnen.