94  Sechstes  Kapitel.

dort  auch  der  König  und  der  Kaiser  Alexander  an;  mehrere  deutsche
Fürsten  kamen  dazu;  und  durch  glänzende  Siegesfeste  feierte  man  den
glücklich  wiedergewonnenen  Frieden.

Doch  nicht  bloß  den  Frieden,  sondern  auch  die  Verlobung  der  frei—
lich  noch  sehr  jugendlichen  Prinzessin  Charlotte  mit  dem  Großfürsten
Nikolaus,  Aleranders  jüngerem  Bruder.  Wie  die  alte  Waffenbrüderschaft
Dreußens  und  Zußlands,  die  in  den  Befreiungskriegen  so  erfolgreich  sich
bewährt,  schlang  sich  damit  ein  neues,  zartes  und  doch  starkes  Band,
das  wie  die  Familien  der  Berrscher,  so  auch  die  Staaten  aneinander
knüpfen  sollte.

Auf  die  mächtige  Bewegung  der  Befreiungskriege  folgte  eine  lange
Friedenszeit,  die  zweite,  größere  ZKälfte  der  Regierung  König  Friedrich
Wilbelms  III.  erfüllend.  Nach  der  gewaltigen  Anstrengung  machte  sich
in  den  Völkern  ein  Verlangen  nach  Ruhe  geltend,  die  Sehnsucht  nach
friedlicher  Ausgestaltung  des  Gewonnenen.  Diese  Abspannung  der  Dölker
allein  erklärt  den  ungebeuren  Erfolg  der  Holitik  Metternichs,  welche  die
MachtF  Ssterreichs  einsetzte,  um  das  alte  absolutistische  Fürstenregiment  in
den  kontinentalen  Staaten  Europas  wieder  einzuführen.  Selbst  wohl—
meinende  Fürsten,  wie  Dreußens  König,  bielten  dies  Spstem  für  das
richtige.  Uberdies  wurde  Wetternich  nicht  müde,  den  König  Friedrich
Wilhelm  zu  ermahnen,  „den  Drinzipien  der  monarchischen  Tradition“
treu  zu  bleiben.  Denn  gerade  die  gesteigerte  Achtung  und  Geltungwelche
  Hreußen  infolge  der  Befreiungskriege  in  Deutschland  genoß,  be,
obachtete  er  mit  argwöhnischem  Auge  und  fürchtete,  daß  es  durch  Einführung
  einer  konstitutionellen  Derfassung  noch  mehr  an  Beliebtheit  gewinnen
  würde.  Aber  nur  für  die  auswärtige  Holitik  galt  dem  Könige
die  Übereinstimmung  mit  GEsterreich  als  Grundlage;  in  der  inneren  ging
er  seinen  eigenen  Weg,  wie  die  Gründung  des  Sollvereins,  die  Aufrechterhaltung
  der  181d  durchgeführten  allgemeinen  Wehrpflicht  zeigt.

Prinz  Wilhelm,  ganz  in  den  militärischen  Dingen  stehend,  hielt  sich
von  aller  Darteinahme  im  politischen  fern.  Allein  als  einem  Mitgliede
des  „Staatsrates“  lagen  ihm  doch  auch  politische  Oflichten  ob.  Der
König  hatte  1817  den  Staatsrat  ins  Leben  gerufen,  der  alle  Gesetze,
bevor  sie  veröffentlicht  würden,  einer  sorgfältigen  Dorprüfung  zu  unterzieben
  hatte.  Su  seinen  Mitgliedern  gehörten  auch  die  großjährigen
Drinzen  des  königlichen  Zauses.  Eine  der  ersten  Aufgaben  war  die
Drüfung  der  neuen  Steuergesetze,  welche  durch  die  Einführung  neuer
Steuern  der  nach  den  Befreiungskriegen  drückenden  Geldnot  des  Staates
abbhelfen  wollten.  Klar  und  bestimmt  gab  Hrinz  Wilhelm  seiner  Meinung